Ben und Chon betreiben ein exklusives Millionengeschäft mit erstklassigem Dope für erstklassige Kundschaft. Sie sind Yin und Yang, Gegensätze, die sich ergänzen. Sie lieben, was sie tun, und sie lieben Ophelia. Die drei sind ein unschlagbares Team: Ben investiert in Hilfsorganisationen, Ophelia bringt den Kreislauf des Geldes in Schwung, und Chon hält ihnen allen Ärger vom Hals. Doch nun macht das mexikanische Baja-Kartell ihnen ein Angebot, zu dem sie besser nicht nein sagen sollten. Aber Ben und Chon sagen nein. Und sie schlagen sich gut. Bis das Kartell Ophelia entführt. Um sie zu retten, sind Ben und Chon bereit, bis zum Äußersten zu gehen – gegen einen Feind, der keine ­Gnade kennt.

Don Winslow wurde 1953 in New York geboren. Bevor er mit dem Schreiben begann, verdiente er sein Geld unter anderem als Kinobetreiber, Fremdenführer auf afrikanischen Safaris und chinesischen Teerouten, Unternehmensberater und immer wieder als Privatdetektiv. Er lebt mit seiner Frau in Kalifornien.

Conny Lösch lebt als Literaturkritikerin und Übersetzerin in Berlin. Sie hat u. a. Bücher von Ken Bruen, Elmore Leonard und Warren Ellis ins Deutsche übertragen.

Zuletzt erschienen: Vergeltung (2014), Manhattan (st 4440) und Die Sprache des Feuers (st 4350).

www.donwinslow.de

Don Winslow

SAVAGES –
ZEIT DES ZORNS

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch

Suhrkamp

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel

Savages

bei Simon & Schuster, Inc., New York.

Für Thom Walla.
Auf dem Eis oder nicht.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe

des suhrkamp taschenbuchs 4489

© Suhrkamp Verlag Berlin 2011

© 2010 by Don Winslow

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Umschlag: cornelia niere, münchen

eISBN 978-3-518-75940-0

www.suhrkamp.de

»Going back to California,
So many good things around.
Don’t want to leave California,
The sun seems to never go down.«

John Mayall, »California«

1

Fickt euch.

2

Das ist heutzutage mehr oder weniger Chons Einstellung.

Ophelia meint, Chon hat keine attitude, er hat baditude.

»Macht seinen Charme aus«, sagt O.

Worauf Chon entgegnet, dass es nur ein muy verstrahlter Daddy fertig bringt, seine Tochter nach einer durchgeknallten Braut zu benennen, die sich ertränkt hat. Ganz schön verkorkstes Wunschdenken.

Das war nicht ihr Dad, klärt O ihn auf, sondern ihre Mom. Chuck hatte keinen blassen Schimmer, dass sie überhaupt geboren war, deshalb hat Paku gemacht, was sie wollte, und dem kleinen Mädchen den Namen »Ophelia« gegeben. Os Mutter Paku ist keine Indianerin oder so, O nennt sie einfach bloß »Paku«.

»Ist eine Abkürzung«, erklärt sie.

P. A. K. U. 

Passiv Aggressive Königin des Universums.

»Hat deine Mutter dich gehasst?«, hat Chon sie mal gefragt.

»Sie hat mich nicht gehasst«, erwiderte O. »Sie hat’s bloß gehasst, mit mir schwanger zu sein, weil sie dabei total fett geworden ist – bei Paku heißt das, sie hat fünf Pfund zugelegt. Sie hat mich rausgepresst und auf dem Heimweg vom Krankenhaus ein Laufband gekauft.«

Ja, ja, ja, weil Paku total SOCR&B ist.

South Orange County Rich and Beautiful.

Blonde Haare, blaue Augen, fein geschnittenes Näschen und dazu DBGT – die besten gekauften Titten (wenn man die Vorwahl 949 und echte Brüste hat, wird man für eine von den Amish People oder so was gehalten) –, der Rettungsring blieb nicht lange auf ihren Hüften. Paku fuhr nach Hause in ihre Drei-Millionen-Dollar-Hütte in Emerald Bay, schnallte sich die kleine Ophelia in einer Babytrage auf den Rücken und stellte sich aufs Band.

Marschierte zweitausend Meilen und kam trotzdem nirgends an.

»Die Symbolkraft ist der Hammer, oder?«, fragt O, als sie mit der Geschichte fertig ist. Sie glaubt, dass daher ihre Vorliebe für Elektrowerkzeug rührt. »Als hätte es diesen einschneidenden, unterschwelligen Einfluss gebraucht. Ich meine, ich war noch ein Baby, und da war das ständige rhythmische Summen und Brummen, die blinkenden Lichter und der ganze Scheiß? Also bitte.«

Als sie alt genug war und kapierte, dass Ophelia Hamlets bipolar gestörte kleine Borderline-Freundin war, die ohne Rückfahrkarte schwimmen ging, bestand sie darauf, von ihren Freunden nur noch »O« genannt zu werden. Die zeigten sich durchaus kooperativ, wobei es aber nicht ganz unriskant war, sich den Spitznamen »O« zu verpassen, wenn man für ohrenbetäubend laute Orgasmen bekannt war. Einmal ging O auf einer Party mit einem Kerl nach oben. Und fing vor lauter Glück an loszuschreien. Trotz der Musik und allem konnte man sie bis unten hören. Der Techno stampfte, aber O übertönte ihn mühelos fünf Oktaven höher. Ihre Freunde lachten. Sie waren alle schon bei Pyjama-Partys gewesen, auf denen O ihren Hochleistungs-Häschenvibrator mit den vielen beweglichen Teilen ausgepackt hatte, und sie kannten den Refrain.

»Ist die Katze gesund, freut sich der Mensch«, flötete ihre Freundin Ashley.

O war das nicht peinlich. Sie kam total entspannt und glücklich wieder runter, zuckte mit den Schultern und meinte: »Was soll ich sagen? Ich komme halt gern.«

Ihre Freunde kannten sie also als »O«, aber ihre Freundinnen nannten sie »Multiple O«. Hätte schlimmer kommen können, hätte »Big O« sein können, aber sie ist so ein zierliches Mädchen. Einsvierundsechzig und spindeldürr. Nicht bulimisch oder magersüchtig wie Dreiviertel der Frauen in Laguna, sie hat einfach einen Stoffwechsel wie ein Düsentriebwerk. Verbrennt Treibstoff wie blöde. Das Mädchen kann essen, aber kotzen liegt ihr nicht.

»Ich bin wie eine Elfe«, würde sie sagen. »Knabenhaft.«

Na ja, nicht ganz.

Ein Knabe mit knallbunten Tattoos vom Hals an über die linke Schulter und den ganzen Arm runter – silbrige Delphine tanzen mit goldenen Meeresnymphen durchs Wasser, hohe blaue Wellen brechen, und grellgrüne Schlingpflanzen ranken sich drum herum. Ihr einst blondes Haar ist jetzt blond und blau mit zinnoberroten Strähnchen, und sie trägt einen Stecker im rechten Nasenflügel. Womit sie sagen will …

Fick dich, Paku.

3

Ein wunderschöner Tag in Laguna.

Aber sind hier nicht alle Tage schön?

Denkt Chon, als er einem weiteren Sonnentag entgegenblickt. Einem nach dem anderen und immer wieder und wieder …

Noch einer.

Er denkt an Sartre.

Bens Haus steht auf einem Felsvorsprung oberhalb von Table Rock Beach, und ein hübscheres Fleckchen hat man nicht gesehen, was auch das Mindeste ist, wenn man bedenkt, wie viele Nullen der Betrag hatte, den Ben dafür hinblättern musste. Table Rock ist ein riesiger Felsen, der – je nach Wasserstand – ungefähr fünfzig Meter weit in den Ozean ragt und irgendwie, na ja, an einen Tisch erinnert. Man muss keine Intelligenzbestie sein, um darauf zu kommen.

Das Wohnzimmer, in dem er sitzt, ist von der Decke bis zum Fußboden voll verglast, die Scheiben getönt, so dass man von jedem Winkel aus die umwerfende Aussicht betrachten kann – das Meer, die Klippen und die Insel Catalina am Horizont –, aber Chons Augen kleben am Bildschirm seines Laptops.

O kommt rein, sieht ihn an und fragt: »Internet-Pornos?«

»Ich bin süchtig.«

»Alle sind süchtig nach Internet-Pornos«, sagt sie. Sie selbst eingeschlossen – O steht total drauf. Loggt sich ein, tippt »weibliche Ejakulation« und guckt sich die Clips an. »Bei einem Mann ist’s aber ein Klischee. Kannst du nicht nach was anderem süchtig sein?«

»Zum Beispiel?«

»Weiß nicht«, antwortet sie. »Heroin. Mach einen auf Retro.«

»Was ist mit HIV?«

»Kannst dir doch saubere Nadeln besorgen.« Sie denkt, vielleicht wär’s cool, einen Junkie als Liebhaber zu haben. Wenn man genug gevögelt hat und sich nicht mehr mit ihm abgeben will, lässt man ihn einfach in der Ecke liegen – die ganze »Tragischer Hipster«-Nummer. Bis es langweilig wird und der Entzug beginnt, dann kann man ihn am Wochenende in der Klinik besuchen und ihn, wenn er rauskommt, zur Gruppentherapie begleiten, bis auch das langweilig wird. Dann macht man halt was anderes.

Vielleicht Moutain-Bike fahren.

Egal, Chon ist dünn genug, um als Junkie durchzugehen, total groß, knochig, muskulös – sieht aus wie aus Metallteilen vom Schrottplatz zusammengeschraubt. Scharfkantig. Ihre Freundin Ashley meinte, wahrscheinlich kann man sich an Chon beim Ficken schneiden, und wahrscheinlich weiß die Schlampe ganz genau, wovon sie spricht.

»Hab dir eine SMS geschickt«, sagt O.

»Hab keine Nachrichten gecheckt.«

Er glotzt immer noch auf den Bildschirm. Muss ja super heiß sein, denkt sie. Ungefähr zwanzig Sekunden später fragt er: »Was wolltest du denn?«

»Sagen, dass ich herkomme.«

»Ach.«

Sie kann sich nicht erinnern, wann aus John Chon wurde, dabei kennt sie ihn praktisch sein ganzes Leben lang, schon seit der Vorschule. Sogar damals hatte er schon diese baditude. Die Lehrer hassten Chon. Ha-a-a-a-ssten ihn. Zwei Monate vor dem Highschoolabschluss hat er’s hingeschmissen. Nicht, dass Chon dumm wäre – er ist wahnsinnig schlau; lag einfach an seiner baditude.

O greift nach der Bong auf dem gläsernen Wohnzimmertisch. »Was dagegen, wenn ich rauche?«

»Mach langsam«, warnt er sie.

»Wieso?«

Er zuckt mit den Schultern. »Ist dein Nachmittag.«

Sie schnappt sich das Zippo und zündet die Pfeife an. Nimmt einen mittelprächtig tiefen Zug, spürt, wie der Rauch in ihre Lungen zieht, sich in ihrem Bauch verteilt und ihren Kopf ausfüllt. Chonny hat nicht gelogen – das ist wirklich starkes Hydro-Gras – wie man es von Ben & Chonny’s erwartet, die das beste Hydro-Gras dieseits von …

Von gar nichts.

Sie bauen einfach das beste Hydro-Gras an, Punkt.

O ist sofort breit.

Sie liegt auf dem Sofa und lässt das High über sich hinweg und durch sich hindurch spülen. Hammerhart geiles Dope, es kribbelt auf ihrer Haut. Macht sie rallig. Das ist allerhand, O wird scharf von Luft. Sie öffnet ihre Jeans, fährt mit dem Finger rein und klimpert ihr Lied.

Typisch Chon, denkt O – obwohl sie durch das Super-Dope und ihre aufblühende Knospe eigentlich schon jenseits jeglicher Denkfähigkeit ist –, sitzt lieber da und glotzt verpixelten Sex, anstatt es einer echten Frau zu besorgen, die es sich nur eine Armeslänge entfernt selbst macht.

»Komm fick mich«, hört sie sich sagen.

Chon steht auf, langsam, als wär’s eine lästige Aufgabe. Beugt sich über sie und sieht ihr ein paar Sekunden lang zu. O würde ihn ja packen und zu sich runterziehen, aber sie hat nur eine Hand frei und er scheint viel zu weit weg zu sein. Endlich zieht er seinen Reißverschluss runter und ja, denkt sie, der ultracoole, abgeklärte, Ashley fickende Zenmeister ist hart wie Diamant.

Er fängt ganz gelassen und kontrolliert an, wohlüberlegt, als wäre sein Schwanz ein Billardstock und als müsse er noch üben, aber nach einer Weile knallt er die Kugeln wütend in die Löcher, bamm bamm bamm. Dabei treibt er ihre zarten Schultern immer tiefer in die Sofalehne.

Er will sich den Krieg aus dem Kopf ficken, stößt zu, als könnte er die Bilder damit vertreiben, als würden die schlimmen Eindrücke mit dem Abspritzen (Horrorgasmus?) aus ihm rausgeschleudert, aber das wird nicht passieren, wird nicht passieren, wird nicht passieren, wird nicht passieren, obwohl sie tut, was sie kann, die Hüfte hebt und sich aufbäumt, als wollte sie ihn aus ihrer Farngrotte werfen, diesen Eindringling, diese Maschine, die ihren Regenwald abholzt, ihren schlüpfrig feuchten Dschungel.

Und sie schreit …

Oh, oh. Oh.

Oh, oh, ohhh…

O!

4

Als sie aufwacht …

… jedenfalls mehr oder weniger …

… sitzt Chon am Esstisch, starrt immer noch auf den Laptop, putzt jetzt aber eine Waffe, die er in alle möglichen Einzelteile zerlegt und auf einem Strandtuch ausgebreitet hat. Weil Ben absolut durchdrehen würde, wenn Chon Öl auf dem Tisch oder dem Teppich verschmiert. Ben ist pingelig mit seinen Sachen. Chon behauptet, er benehme sich wie eine Frau, aber Ben sieht das anders. Jeder schöne Gegenstand steht für ein Risiko, das man eingeht, wenn man Hydro-Gras anbaut und vertickt.

Obwohl Ben seit Monaten nicht mehr hier war, sind Chon und O immer noch vorsichtig mit seinem Kram.

O hofft, dass die Pistolenteile nicht bedeuten, dass Chon wieder mit I-Rock-And-Roll, wie er’s nennt, anfangen will. Das hat er zweimal gemacht, seitdem er nicht mehr beim Militär ist, bezahlt von einer dieser zwielichtigen privaten Sicherheitsfirmen. Danach kommt er, wie er sagt, mit leerer Seele und vollem Konto zurück.

Warum macht er überhaupt so was?

Man muss die Talente, die man hat, zu Geld machen.

Chon hat die Hochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg erlangt, ist zur Navy gegangen und von dort aus gleich weiter auf die SEAL-Schule. Sechzig Meilen südlich von hier in Silver Strand haben sie ihn durch den Ozean gequält. Ließen ihn auf dem Rücken im eiskalten Wintermeer treiben, während arktische Wellen auf ihn einprügelten (Waterboarding war einfach ein Teil der Ausbildung, liebe Freunde, ganz normales Prozedere). Er bekam schwere Holzstämme auf die Schultern gelegt, musste Sanddünen hochrennen und knietief durch den Ozean waten. Dann musste er unter Wasser tauchen und die Luft anhalten, bis er glaubte, seine Lungen würden platzen. Sie taten, was ihnen einfiel, damit er die Reißleine zog und ausstieg – aber sie kapierten nicht, dass Chon Gefallen am Schmerz fand. Als ihnen das endlich aufging, brachten sie ihm alles bei, was ein ernsthaft irrer, und irre athletischer, Mann im Element H2O so anstellen kann.

Dann schickten sie ihn nach Stanland.

Afghanistan.

Wo …

… es Sand gibt, sogar Schnee, aber keine Spur von einem Ozean.

Taliban surfen nicht.

Chon auch nicht, er hasst den pseudo-coolen Scheiß, es hatte ihm immer gefallen, der einzige heterosexuelle Mann in Laguna zu sein, der nicht surfen ging, er fand’s einfach nur komisch, dass die es sich sechsstellige Beträge kosten ließen, ihn zum Aquaman auszubilden, nur um ihn anschließend an einen Ort zu verfrachten, wo’s kein Wasser gibt.

Egal, man muss die Kriege nehmen, wie sie kommen.

Chon verlängerte zweimal und holte sich dann seine Papiere ab. Kehrte nach Laguna zurück …

Wo’s …

Hm …

Was gab?

Nichts.

Für Chon gab es dort nichts zu tun. Jedenfalls nichts, das er hätte tun wollen. Er hätte Rettungsschwimmer werden können, aber er hatte keine Lust, auf Rettungstürmen zu sitzen und Touristen dabei zuzusehen, wie sie das Wachstum ihrer Melanome förderten. Ein pensionierter Navy-Captain ließ ihn in seinem Auftrag Jachten verkaufen, aber Chon war kein Verkäufer, und er hasste Boote, das funktionierte also auch nicht. Als der Anwerber der Sicherheitsfirma bei ihm vorbeikam, war Chon bereit.

Für I-Rock-And-Roll.

Eine echt fiese Scheiße war das damals, Entführungen, Enthauptungen, Sprengladungen, die alles zerfetzten. Chons Job bestand darin zu verhindern, dass einem zahlenden Kunden irgendein Mist passierte, und wenn die beste Verteidigung ein guter Angriff ist, dann …

Es war, was es war.

Und mit der richtigen Kombination aus Hydro-Gras, Speed, Vicodin und OxyContin hatte es eigentlich was von einem coolen Videospiel – IraqBox –, und man konnte eine Menge Punkte inmitten der festgefahrenen schiitisch/sunnitischen/Al-Qaida-Kacke in Mesopotamien gutmachen, jedenfalls wenn man es im Detail nicht zu genau nahm.

O diagnostizierte FPTBS bei Chon.

Das Fehlen einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Er sagt, er hat keine Alpträume, nervösen Anfälle, Flashbacks, Halluzinationen oder Schuldgefühle.

»Das war keine Belastung«, behauptete Chon hartnäckig, »und traumatisch war’s auch nicht.«

»Muss am Dope liegen«, meinte O.

Dope ist gut, pflichtete Chon ihr bei.

Dope ist angeblich schlecht, aber in einer schlechten Welt ist es gut, falls ihr dem moralischen Schlenker folgen könnt. Chon spricht von Drogen als einer »rationalen Reaktion auf den Wahnsinn«, und seine chronische Verwendung der chronische Krankheiten auslösenden Substanzen ist eine chronische Reaktion auf den chronischen Irrsinn.

Man wird davon ausgeglichen, glaubt Chon. In einer Welt, die im Arsch ist, muss man selbst auch im Arsch sein, sonst fällt man …

… hinten …

… runter …

5

O zieht ihre Jeans hoch, geht zum Tisch und betrachtet die Pistole, die immer noch auseinandermontiert auf dem Strandtuch liegt. Die Metallteile sind schön in ihrer maschinell gefertigten Präzision.

Wie schon gesagt, O steht auf technische Geräte.

Es sei denn, Chon säubert eines mit professioneller Konzentration und starrt gleichzeitig auf einen Computerbildschirm.

Sie sieht ihm über die Schulter, weil sie wissen will, was da so toll ist.

Rechnet damit, dass jemand einen geblasen bekommt und jemand jemandem einen bläst, weil es kein Geben ohne Nehmen gibt, kein Nehmen ohne Geben, schon gar nicht bei Blowjobs.

Aber nicht so schnell.

Denn was sie sieht, ist dieser Clip:

Eine Kamera schwenkt über eine Reihe von neun abgetrennten Köpfen, die in einer Lagerhalle auf dem Boden aufgereiht liegen. Auf den Gesichtern – alle männlich, alle mit ungepflegtem schwarzem Haar – zeichnen sich Schock, Trauer, Leid und Resignation ab. Dann fährt die Kamera an der Wand hinauf, wo die Leiber der Enthaupteten an Haken hängen, als hätten die Köpfe sie vor Schichtbeginn in den Spind gehängt.

Es gibt keinen Ton dazu, keine Kommentatorenstimme, nur ganz entfernt die Geräusche der Kamera und dessen, der sie hält.

Aus irgendeinem Grund ist die Stille ebenso brutal wie die Bilder.

O kämpft den aufsteigenden Brechreiz nieder. Wie bereits erwähnt, ist sie kein Mädchen, das gerne über der Schüssel hängt. Als sie wieder Luft bekommt, betrachtet sie die Pistole, dann den Bildschirm und fragt: »Fährst du wieder in den Irak?«

Chon schüttelt den Kopf.

Nein, sagt er, nicht in den Irak.

Nach San Diego.

6

OMG.

Oh mein Gott.

RU Ready 4 …

Enthauptungs-Porno?

Das muss man sich mal reinziehen.

Schwule Enthauptungs-Pornos?!

O vermutet, dass Chon ernsthaft was an der Schraube hat – nein, sie weiß, dass Chon ernsthaft was an der Schraube hat –, der ist nicht bloß verdreht, wie Spaghetti von gestern, sondern er steht drauf zuzugucken, wie Kerlen der Kopf abgeschlagen wird, wie in dieser Fernsehserie über den englischen König, der jeder Frau, mit der er was hatte, die Rübe abhacken ließ. (Moral von der Geschichte: Besorgst du’s einem Typen mit dem Mund, will er gleich den ganzen Kopf, außerdem hält er dich für eine Hure und macht Schluss mit dir. Oder: Sex = Tod).

»Wer hat dir das denn geschickt?«, fragt O.

Ist das ein Virus, taucht das bei YouTube auf, ist das der Clip des Tages, den man gesehen haben muss? MySpace, Facebook (nein, überhaupt nicht komisch), Hulu? Gucken sich heutzutage alle so was an, leitet man das seinen Freunden weiter, hier guck mal, musst du gesehen haben?

»Wer hat dir das geschickt?«, wiederholt sie.

»Wilde Bestien«, sagt Chon.

7

Chon sagt nicht viel.

Wer ihn nicht kennt, denkt, er hätte ein eingeschränktes Vokabular. Das Gegenteil ist aber der Fall – Chon verliert nicht viele Worte, weil er sie gerne mag. Er schätzt sie so sehr, dass er sie für sich behalten will.

»Das ist wie mit Menschen, die auf Vierteldollarmünzen stehen«, hat O mal erklärt. »Menschen, die auf Vierteldollarmünzen stehen, wollen keine ausgeben. Damit sie immer ganz viele Vierteldollarmünzen in der Tasche haben.«

Okay, da war sie zugedröhnt.

Lag aber trotzdem nicht falsch.

Chon hat immer eine Menge Wörter im Kopf, er lässt sie nur nicht sehr oft raus.

Zum Beispiel »Bestie«.

Singular von »Bestien«.

Adjektiv »bestialisch«.

Chon ist fasziniert vom Substantiv im Verhältnis zum entsprechenden Adjektiv, der Henne und dem Ei, Ursache und Wirkung.

Der Gedanke ergab sich aus einer Unterhaltung, die er in Afghanistan mitbekam. Es ging um fundamentalistische Islamisten, die kleinen Mädchen die Gesichter mit Säure verätzten, weil sie sich der Sünde schuldig gemacht hatten, in die Schule gehen zu wollen.

Hier ist die Szene, an die sich Chon erinnert:

SEAL TEAM FIREBASE – TAG

Eine Gruppe von SEALs – erschöpft nach einem Feuergefecht – stehen an einem Tisch um eine Kaffemaschine herum.

SEAL TEAM SANITÄTER

(schockiert, entsetzt)

Wie können Menschen nur etwas so … Bestialisches tun?

ANFÜHRER DES SEAL-TEAMS

(ausgepowert)

Ganz einfach – es sind wilde Bestien.

SCHNITT:

8

Chon hat kapiert, was das für ein Clip ist: eine Videokonferenz.

Das Baja-Kartell unterbreitet ihm damit folgende Vorschläge:

  1. Du lässt die Finger vom Hydro-Gras-Handel.
  2. Wir übernehmen das.
  3. Du verkaufst uns deine Komplettware zu einem günstigen Preis.
  4. Sonst …
    … betrachten wir doch das Video noch mal genauer.

Es handelt sich um sehr anschauliches visuelles Lernmaterial (auf neuestem pädagogischen Stand), das fünf ehemalige Drogenhändler aus dem Großraum Tijuana/San Diego zeigt, die entgegen unserer zuvor deutlich formulierten Forderungen darauf bestanden, ihre Produkte selbst zu vertreiben, außerdem vier ehemalige mexikanische Polizeibeamte aus Tijuana, die für deren Schutz sorgen sollten (wenig erfolgreich, wie sich herausgestellt hat).

Diese Männer waren verfluchte Vollidioten.

Wir halten dich für sehr viel schlauer.

Sieh’s dir an und lerne daraus.

Zwing uns nicht zu einer Live-Schalte.

9

Chon erklärt O:

Das Baja-Kartell, mit Hauptsitz in Tijuana, exportiert massenhaft Marihuana, Koks, Heroin und Crystal Meth über Land, zu Wasser und durch die Luft in die Vereinigten Staaten von Amerika. Ursprünglich kontrollierte es nur den Grenzschmuggel und überließ anderen den Vertrieb vor Ort. In den vergangenen Jahren jedoch drängte das Kartell immer stärker ins Geschäft, von der Produktion und dem Transport bis hin zu Marketing und Verkauf.

Bei Heroin und Kokain gelang die Übernahme relativ mühelos, was Crystal Meth anging, musste erst mal der Widerstand einiger amerikanischer Motorradgangs, die den Handel bis dato kontrollierten, gebrochen werden.

Die Biker hatten aber schon bald keinen Bock mehr auf ausschweifende, verschwenderische Beerdigungen (in letzter Zeit mal einen Blick auf die Bierpreise geworfen?) und erklärten sich bereit, dem Verkaufsteam des Baja-Kartells beizutreten. Die Notärzte in ganz Amerika freuten sich, weil dadurch die Crystalproduktion vereinheitlicht wurde und sie jetzt wussten, mit welchen biochemischen Symptomen sie zu rechnen hatten, wenn Leute mit Überdosis reinkamen.

Die Verkaufszahlen der drei genannten Drogen sanken jedoch in den Keller. Gerade bei Crystal Meth setzte eine unaufhaltsame natürliche Auslese ein, da die User meist entweder wegsterben oder sich ihr Hirn derart rasant verflüssigt, dass sie nicht mehr mitkriegen, wo sie das Produkt kaufen können. (Wer glaubt, dass er Junkies hasst, der hat noch keine Kristaller gesehen.) Und obwohl sich Heroin langsam aber merklich von der Flaute erholt, muss das BK die schwindenden Einkünfte irgendwie wieder wettmachen, um sämtliche Teilhaber bei Laune zu halten.

Deshalb will sich das Kartell jetzt den kompletten Marihuana-Markt unter den Nagel reißen und die lästige Konkurrenz der familiengeführten Hydrobetriebe in Südkalifornien ausschalten.

»Betriebe wie Ben & Chonny’s«, sagt O.

Chon nickt.

Das BK gestattet ihnen nur unter der Voraussetzung im Geschäft zu bleiben, dass sie ausschließlich an das Kartell verkaufen, das selbst die größte Profitspanne einstreicht.

»Also wie Wal-Mart«, sagt O.

(Haben wir auch schon erwähnt, dass O nicht auf den Kopf gefallen ist?)

Die sind Wal-Mart, pflichtet Chon ihr bei, und außerdem haben die Chefs ihre Angebotspalette deutlich erweitert – sie verkaufen nicht nur Drogen, sondern auch Menschen, sowohl auf dem Arbeits- wie auf dem Sexmarkt, jüngst sind sie sogar in das lukrative Entführungsgeschäft eingestiegen.

Aber das ist nicht relevant für die Diskussion oder den fraglichen Videoclip, der drastisch vor Augen führt, dass …

Ben und Chonny nur die Wahl bleibt zwischen

Deal

oder

No Deal

Das heißt: Kopf ab.

10

»Gehst du drauf ein?«, fragt O.

Chon schnaubt: »Nein.«

Er macht den Laptop aus und setzt die hübsche, saubere Pistole wieder zusammen.

11

O fährt nach Hause.

Wo Paku mal wieder in einer ihrer Phasen steckt.

O fällt es schwer, den Überblick zu behalten …

Aber das geht ungefähr in dieser Reihenfolge:

Yoga

Pillen und Alkohol

Entzug

Die Republikaner

Jesus

Die Republikaner und Jesus

Fitness

Fitness, die Republikaner und Jesus

Schönheitschirurgie

Gourmetküche

Jazztanz

Buddhismus

Immobilien

Immobilien, Jesus und die Republikaner

Guter Wein

Nochmal Entzug

Tennis

Reiten

Meditation

Und jetzt …

Direktvertrieb.

»Das ist ein Pyramidensystem, Mom«, sagte O, als sie die unzähligen Kisten mit Biopflegeprodukten entdeckte, die sie in Pakus Auftrag verkaufen sollte. Diese hatte bereits die meisten ihrer Freundinnen verpflichtet, sich den Scheiß gegenseitig anzudrehen.

»Das ist kein Pyramidensystem«, widersprach Paku. »Ein Pyramidensystem ist so was wie mit dem Putzzeug.«

»Und das hier …«

»Ist es nicht«, sagte Paku.

»Hast du mal eine Pyramide gesehen?«, fragte O. »Oder ein Bild davon?«

»Ja.«

»Okay«, sagte O und fragte sich, warum sie sich überhaupt die Mühe machte. »Du verkaufst den Scheiß und schlägst im Vergleich zu der Person, die dich angeworben hat, einen bestimmten Prozentsatz drauf. Du wirbst andere Leute, die noch mal was drauflegen. Das ist eine Pyramide, Mom.«

»Nein, ist es nicht.«

O kommt am Nachmittag nach Hause, Paku sitzt auf der Terasse und kippt sich mit ihren Freundinnen vom Fanclub für biologische Pflegeprodukte Mojitos hinter die Binde. Sie haben alle schon einen sitzen und plappern über irgendein bevorstehendes dreitägiges Motivationstraining auf einem Kreuzfahrtschiff.

Was einen auf somalische Piraten hoffen lässt, denkt O.

»Soll ich euch Limonade bringen?«, fragt O liebenswürdig in die Runde.

Paku merkt nichts mehr. »Danke, Schatz, aber wir haben genug zu trinken. Möchtest du dich nicht zu uns setzen?«

Ja, genau, möchte ich nicht, denkt O.

»Bin anderweitig verplant«, sagt sie und zieht sich in das relativ sichere Refugium ihres Zimmers zurück.

Nummer sechs versteckt sich in seinem Arbeitszimmer und tut so, als würde er den Aktienmarkt beobachten, tatsächlich guckt er aber ein Spiel der Angels. Die Tür steht offen, er sieht O, schwenkt schnell auf seinem Drehstuhl herum und glotzt auf den Computerbildschirm.

»Mach dir keine Sorgen«, sagt O. »Ich verpetz dich nicht.«

»Willst du einen Martini?«

»Nein, danke.«

Sie geht in ihr Zimmer, lässt sich aufs Bett fallen und schläft ein.

12

Lado ist die Abkürzung für »Helado«, was auf Spanisch »kalt wie Stein« bedeutet.

Das passt.

Miguel Arroyo, alias Lado, ist kalt wie Stein.

(Ein Bild, gegen das Chon übrigens einiges einzuwenden hätte. Er war in der Wüste und weiß, wie verdammt heiß Steine werden können.)

Egal …

Schon als Kind schien Lado keine Gefühle zu kennen und wenn doch, hat er sie nicht gezeigt. Wenn man ihn umarmte – was seine Mutter getan hat, oft sogar –, kam nichts zurück. Bekam er den Arsch mit dem Gürtel versohlt – von seinem Vater, und zwar ebenfalls oft –, genauso wenig. Er sah einen nur mit seinen schwarzen Augen an, als wollte er sagen, was wollt ihr von mir?

Jetzt ist er kein Junge mehr. Er ist sechsundvierzig und selbst Vater. Hat zwei Söhne und eine Tochter im Teenageralter, die ihn loco macht. Das ist in dem Alter natürlich ihr Job. Lado ist kein Kind mehr, er hat eine Frau, betreibt eine Landschaftsgärtnerei und scheffelt Kohle. Niemand traut sich mehr mit einem Gürtel an ihn ran.

Jetzt fährt er mit seinem Lexus durch San Juan Capistrano, sieht sich den schönen Fútbol-Platz an, dann biegt er links in die große Wohnsiedlung ab, ein Wohnblock neben dem anderen, identische Gebäude umgeben von einer Steinmauer, hinter der eine Bahnstrecke verläuft.

AM.

Ausschließlich Mexikaner.

In jedem Block.

Hört man hier Englisch, ist es der Briefträger, der Selbstgespräche führt.

Hier wohnen die netten Mexikaner, die respektvollen, anständigen, hart arbeitenden Mexikaner, wenn sie nicht gerade ihren Jobs nachgehen. Es sind alte mexikanische Familien, die schon hier waren, bevor ihnen die Anglos das Land klauten, und auch schon, bevor es sich die spanischen Vorväter unter die Nägel rissen. Sie haben San Juan Capistrano wiederaufgebaut, damit die Schwalben Nester bauen können.

Es sind mexikanische Amerikaner, die ihre Kinder in die katholische Schule auf der anderen Straßenseite schicken, wo ihnen schwule Priester Gehorsam einbläuen. Es sind die netten Mexikaner, die sich sonntags herausputzen und nach der Messe in den Park oder runter zum Hafen in Dana Point gehen und grillen. Sonntag ist der mexikanische Ausgehtag, zu Jesus beten und Tortillas rumreichen, por favor.

Lado gehört nicht zu den netten Mexikanern.

Er ist einer von den unheimlichen.

Früher war er Polizist im Bundesstaat Baja California, seine Hände sind groß, die Finger gebrochen und krumm, voller Narben von Klingen und Kugeln. Tiefschwarze Augen, schwarz wie Obsidian. Er hat den Film von Mel Gibson über das Mexiko zu Zeiten der Maya gesehen, als den Menschen die Bäuche mit Klingen aus Obsidian aufgeschlitzt wurden, und seine viejos sagen, seine Augen sind wie diese Klingen.

Früher gehörte Lado zu den Los Zetas, einer speziellen Antidrogeneinheit in Baja. Er überlebte die Drogenkriege der Neunziger, sah viele Männer eines gewaltsamen Todes sterben, und nicht wenige davon hat er selbst umgebracht. Er ließ jede Menge Dealer hochgehen, schleppte sie in dunkle Seitenstraßen und brachte sie dazu, ihre Geheimnisse preiszugeben.

Die Fernsehberichte über die »Folter« im Irak und in Afghanistan findet er zum Lachen. Waterboarding wurde in Mexiko schon praktiziert, bevor Lado überhaupt zu denken anfing, nur dass kein Wasser, sondern Coca-Cola verwendet wurde – die Kohlensäure verlieh dem Verfahren einen gewissen Pfiff und motivierte die Dealer, munter drauflos zu blubbern.

Inzwischen ermittelt der Kongress der Vereinigten Staaten.

Gegen wen?

Gegen die Welt?

Das Leben?

Gegen das, was sich zwischen Menschen abspielt?

Wie sonst soll man einen bösen Mann dazu bringen, die Wahrheit zu sagen? Soll man ihn anlächeln, ihm Sandwiches und Zigaretten bringen und mit ihm Freundschaft schließen? Er wird zurücklächeln, einem ins Gesicht lügen und sich denken, was für ein cabrón man doch ist.

Aber das war damals, früher, bevor er und die anderen Zetas keine Lust mehr hatten, Drogendepots auszuheben und trotzdem kein Geld damit zu verdienen, sich den Arsch aufzureißen und zu verrecken, während die Dealer reich wurden, bevor sie sich’s versahen.

Lados Augen sind kalt wie Stein?

Vielleicht, weil sie gesehen haben, wie …

Er mit eigenen Händen eine Kettensäge hielt

Und einem Mann den Hals damit durchtrennte und

Blut spritzte.

Deine Augen wären auch hart.

Deine Augen würden versteinern.

Ein paar der sieben Männer bettelten, heulten, flehten zu Gott und ihren Mamas, sie sagten, sie hätten Familien, und pissten sich in die Hosen. Andere sagten nichts, starrten in stiller Resignation vor sich hin, was Lado für den typisch mexikanischen Gemütszustand schlechthin hält. Unheil wird kommen, die Frage ist nur, wann. Das hätten sie gleich auf die Flagge schreiben sollen.

Er ist froh, El Norte zu sein.

Und jetzt ist er auf der Suche nach diesem Jungen, Esteban.

13

Esteban lebt in der großen Wohnsiedlung und ist grundsätzlich wissbegierig.

Er hat Fragen an die Anglo-Welt.

Ihr wollt, dass ich arbeite? Euren Rasen mähe? Euren Pool sauber halte, eure Burger wende, Tacos brate? Sind wir deshalb hergekommen? Haben wir dafür die Schlepper bezahlt? Sind unter Zäunen durchgekrochen und durch die Wüste marschiert?

Ihr wollt, dass ich einer von den guten Mexikanern bin, einer von denen, die hart arbeiten, in die Kirche gehen, ihre Familie wertschätzen, sich sonntags in die besten Klamotten werfen und mit ihren Cousins und Cousinen über die breiten sonnenverbrannten Boulevards in einen nach Chavez benannten Park schlendern, einer von den bescheidenen Tacofressern, den alle lieben und respektieren und mit weniger als dem Mindestlohn abspeisen?

So wie mein Papi?

Noch vor Sonnenaufgang fährt er mit seinem Pick-up los, hinten ragen die Rechen raus, er stutzt den Rasen der gueros, damit er schön grün und hübsch aussieht. Abends kommt er so scheißmüde nach Hause, dass er nicht mal mehr reden will, er will nur noch essen, ein Bier trinken und schlafen. Das macht er an sechs Tagen der Woche, nur sonntags hält er inne und ist, wie sich das gehört, als bescheidener Tacomexikaner unterwegs und stopft sein Geld, das er im Schweiße seines Angesichts verdient hat, Gott und den schwulen Priestern in den Rachen. Sonntag ist Papis großer Tag, er zieht ein sauberes weißes Hemd an, eine saubere weiße Hose (ohne Grasflecken an den Knien), Schuhe, die er nur einmal die Woche aus dem Schrank holt und mit einem sauberen Tuch poliert, und geht mit seiner Familie in die Kirche, und nach der Kirche gehen sie zusammen mit allen Onkeln und Tanten, den tíos und tías, sowie allen Cousins und Cousinen in den Park und grillen carne und pollo und lächeln ihre hübschen Töchter in ihren hübschen Sonntagskleidchen an, und das ist so sterbenslangweilig, dass Esteban durchdrehen würde, wenn er sich nach der Kirche nicht kurz verdrücken und zum Runterkommen ein paar Züge nehmen, den süßen Rauch einsaugen würde.

Oder wie mi madre? Die arbeitet in Hotels, macht die Klos der gueros sauber, schrubbt deren Scheiße und Kotze aus den Schüsseln. Ständig rutscht sie auf Knien rum, wenn nicht auf Badezimmerfliesen, dann auf der Kirchenbank. Eine fromme Frau, riecht immer nach Putzmitteln.

Esteban hat mal eine Zeit lang an einem von Machados Taco-Ständen gearbeitet. Hat sich den Arsch aufgerissen, beim Zwiebelnschälen, Abwaschen, Müll rausbringen, und wozu? Für ein Taschengeld. Dann hat ihn Papi bei einem von Mr. Arroyos Gärtnerteams untergebracht. Besseres Geld, aber Knochenarbeit und arschlangweilig.

Aber Esteban braucht die Kohle.

Lourdes ist schwanger.

Wie ist das passiert?

Natürlich weiß er wie. Eines Sonntagnachmittags hat er sie in einem ihrer hübschen weißen Kleidchen gesehen. Ihre schwarzen Augen mit den langen schwarzen Wimpern und ihre Brüste unter dem Kleid. Er ist hingegangen und hat mit ihr gesprochen, hat sie angelächelt, ist zum Grill gegangen und hat ihr was zu essen gebracht. Hat nett mit ihr geredet, sich auch freundlich mit ihrer Mutter, ihrem Vater, ihren Cousins und Cousinen und ihren Onkeln und Tanten unterhalten.

Sie gehörte zu den braven Mädchen, war noch Jungfrau, vielleicht hat ihn das so angezogen, sie war keine von den Schlampen, die sich in Banden rumtreiben und vor jedem in die Knie gehen.

Drei Monate lang ist er immer wieder bei ihr vorbeigekommen, drei Monate, bis die Familie sie endlich miteinander alleine ließ, und dann noch drei Monate, in denen er sie an heißen, quälenden Nachmittagen zu Hause besuchte, wenn ihre Eltern arbeiten und ihre Brüder und Schwestern sonstwo waren. Manchmal gingen sie auch in den Park oder runter zum Strand. Zwei Monate lang nur küssen, bis sie ihm erlaubte, ihre titas zu berühren, noch ein paar Wochen länger, bis er zum ersten Mal seine Hand in ihre Jeans schieben durfte. Ihm gefiel, was er dort fand; oh Mann, und ihr auch.

Sie sagte seinen Namen und er war verliebt.

Esteban verachtet sie nicht, er liebt sie, er will sie heiraten, das hat er ihr versprochen. Eines Abends unter einem Baum neben dem Parkplatz holte sie ihm dann einen runter – pobrecito –, sein Sperma auf ihrem warmen braunen Schenkel, aber es war klar, dass es passieren würde, dass er da reinkommen würde, wenn sie erst mal die Hose runterließ. Er war so nah dran, dass er nicht anders konnte und sie auch nicht. Nach drei Monaten ließ sie ihn bei sich zu Hause im Bett endlich ran, und er konnte nicht mehr aufhören, bis er in ihr gekommen war.

Jetzt müssen sie heiraten.

Das ist gut, das ist okay. Er liebt sie, er will das Baby, er hofft, dass es ein Junge wird – ein Mann wird zum Mann, wenn er einen Sohn zeugt –, aber er braucht Geld.

Also ist es gut, dass Lado kommt.

Papis jefe gehört die Gartenbaufirma, für die Estebans Vater arbeitet. Aber er hat noch mehr am Laufen.

Sehr viel mehr.

Er ist Gatekeeper des Baja-Kartells in Südkalifornien.

Ein gefürchteter und geachteter Mann.

Er hat Esteban Arbeit gegeben. Nichts im Garten. Erst mal nur Kleinigkeiten. Überbring eine Nachricht, steh Schmiere, begleite eine Lieferung, behalt die Ecke im Auge. Kleinigkeiten, aber Esteban hat’s gut gemacht.

Esteban sieht ihn kommen, blickt sich kurz um und steigt in den Wagen.

14

Mit den Anwälten und den Drogenkartellen funktioniert das folgendermaßen.

Wenn man im Auftrag eines Kartells Drogen vertickt und auffliegt, schickt einem das Kartell einen Anwalt. Niemand erwartet, dass man dichthält und Geheimnisse wahrt, man darf ruhig mit den Bullen kooperieren, wenn man dadurch freikommt oder mit einer kürzeren Haftstrafe rechnen kann. Man muss sich nur mit dem vom Kartell bestellten Anwalt hinsetzen und ihm genau erzählen, was man den Cops erzählt, damit das Kartell alle notwendigen Maßnahmen einleiten kann.

Das ist reine Zahlenspielerei.

Man engagiert einen Anwalt und bezahlt ihn, egal ob man gewinnt oder verliert. Man rechnet damit, verurteilt zu werden; die Frage ist nur, wie lange man bekommt. Für jedes Drogenvergehen gibt es Urteilsrichtlinien, festgelegte Mindest- und Höchststrafen.

Für jedes Jahr, das der Anwalt unterhalb der vom Staatsanwalt geforderten Strafe rausschlägt, bekommt er einen Bonus, aber er kriegt nichts abgezogen, auch nicht, wenn man die Höchststrafe kassiert. Schließlich kannte man die Risiken, bevor man sich drauf eingelassen hat. Der Anwalt holt raus, was rauszuholen ist, und fertig, nichts für ungut, keine Vorwürfe, es sei denn …

Der Anwalt versaut es.

Er hat so viel um die Ohren, ist so unkonzentriert oder desinteressiert oder schlicht inkompetent, dass er etwas übersieht, was das Urteil erheblich milder hätte ausfallen lassen.

Wenn einen der Anwalt Lebensjahre kostet, lässt man ihn mit Lebensjahren dafür bezahlen – und zwar seinen sämtlichen verbliebenen. Und wenn man in der Kartellhierarchie ziemlich weit oben steht – zu den Spitzenverdienern gehört, die im Jahr siebenstellige Summen reinholen –, dann wendet man sich an jemanden wie Lado.

So ist das im Fall von Roberto Rodriguez und Chad Meldrun.

Chad ist ein sechsundfünfzig Jahre alter Strafverteidiger mit ausgezeichnetem Ruf, einem schönen Haus in Del Mar und einer Reihe hübscher Freundinnen, die allesamt jeweils zehn bis fünfzehn Jahre jünger sind als er –

»Merkst du nicht, dass die nur wegen deines Geldes mit dir zusammen sind?«

»Sicher, aber dann ist es doch gut, dass ich Geld habe.«

– und einem heftigen, wenn auch irgendwie anachronistischen Kokain-Problem. Chad war während Rodriguez’ Verhandlung ziemlich zugekokst und leergefickt und hatte schon im Vorfeld verpasst, Anträge zu stellen, die die Beweisführung der Staatsanwaltschaft auf einen Haufen Hundekacke hätten zusammenschrumpfen lassen.

RR hätte als freier Mann nach Hause gehen können.

Stattdessen ging er in Fußfesseln zum Bus nach Chino. Und jetzt spaziert er fünfzehn bis dreißig Jahre lang beim Hofgang im Kreis. Da hast du viel Zeit, drüber nachzudenken, dass dich dein eigener Anwalt reingeritten hat, nur weil er zu viel von deinem Koks in der Birne hatte. RR denkt ausführlich und genau darüber nach, vielleicht ganze fünf Minuten lang, dann ruft er an.

Deshalb ist Lado jetzt unterwegs, um persönlich für Gerechtigkeit zu sorgen, und er rechnet damit, dass er sich die Katzentatzen dabei nass machen muss. Lado steht auf den Discovery Channel und Animal Planet, und wenn er da eins gelernt hat, dann dass Leoparden- und Gepardenmütter ihren Jungen das Jagen erst mal beibringen müssen, denn die Kätzchen wissen nicht instinktiv, wie’s geht. Die Raubkatzenmamas verwunden ein Tier, machen’s aber nicht ganz fertig. Dann bringen sie es ihren Jungen, damit die das Töten lernen.

So ist die Natur.

Jetzt wird er Esteban einarbeiten – ihn ins »kalte Wasser werfen«, wie man so schön sagt.

Das Kartell braucht Soldaten hier oben. Das war eine seiner Aufgaben, als er vor acht Jahren herkam und seine Green Card bekam.

Rekrutieren.

Ausbilden.

Auf den großen Tag vorbereiten.

Jetzt fährt er zum Haus des Anwalts.

Esteban sagt er, dass er die braune Papiertüte zu seinen Füßen nehmen und aufmachen soll. Der Junge tut, wie ihm geheißen, und zieht eine Pistole raus.

Lado achtet auf seine Reaktion.

Dem Jungen gefällt die Waffe. Esteban mag, wie schwer sie in seiner Hand liegt.

Lado sieht das genau.

15

Sehr schön, dieses Haus.

Ein gemähter, gepflegter Rasen, ein adretter Kiesweg, der hinter das Haus zur Küchentür führt.

Esteban folgt Lado über den Weg.

Lado klingelt an der Tür, obwohl er den Anwalt in der Küche an der Kochinsel stehen und Zwiebeln schneiden sieht. Der legt sein Messer ab und kommt zur Tür.

»Ja?«

Er wirkt verärgert, zerstreut, vielleicht besorgt. Wahrscheinlich glaubt er, arbeitsuchende mujados vor sich zu haben.

Lado legt ihm eine große Hand auf die Brust und schiebt ihn zurück ins Haus.

Esteban tritt die Tür hinter sich zu.

Jetzt wirkt der Anwalt erschrocken. Er schielt auf das Messer auf dem Schneidebrett, entscheidet sich aber dagegen. Er fragt Lado: »Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

»Roberto Rodriguez hat mich gebeten, Ihnen einen Besuch abzustatten.«

Der Anwalt wird kreidebleich. Seine Beine zittern, und Esteban spürt etwas, das er noch nie in seinem Leben gespürt hat –

Macht.

Gewicht.

So was wie Schwerkraft auf amerikanischem Boden.

Die Stimme des Anwalts bebt: »Wenn’s um Geld geht … ich gebe Ihnen Geld.«

Lado schnaubt verächtlich: »Roberto hat so viel Kohle, dass er Sie mit dem, was er gerade einstecken hat, kaufen und verkaufen kann. Aber was nutzt ihm das im Knast?«

»Berufung, wir könnten …«

Lado schießt ihm einmal in jedes Bein.

Der Anwalt sackt auf den gefliesten Fußboden. Krümmt sich und wimmert.

»Nimm deine Pistole«, sagt Lado zu Esteban.

Der Junge zieht die Pistole aus der Tasche.

»Erschieß ihn.«

Esteban zögert.

»Zieh niemals deine Waffe«, sagt Lado streng, »wenn du nicht vorhast zu schießen. Jetzt erschieß ihn. In die Brust oder in den Kopf, egal.«

Der Anwalt hat das gehört und fängt an zu betteln. Will aufstehen, aber seine kaputten Beine lassen es nicht zu. Er stemmt sich auf die Unterarme und zieht sich über den Küchenboden, zieht eine Blutspur hinter sich her, und Esteban denkt, dass seine Mutter bestimmt keine Lust hätte, so was sauber zu machen.

»Tu’s endlich«, fährt ihn Lado an.

Esteban fühlt sich jetzt nicht mehr mächtig.

Ihm ist schlecht.

»Wenn du’s nicht tust«, sagt Lado, »bist du ein Zeuge. Und ich lasse keine Zeugen zurück.«

Esteban schießt.

Die erste Kugel trifft den Anwalt in die Schulter und wirft ihn flach auf den Boden. Esteban macht ein paar Schritte auf ihn zu, geht diesmal auf Nummer sicher und feuert ihm zwei Kugeln in den Kopf.

Auf dem Weg zum Auto kotzt Esteban auf den Kiesweg.

Später am Abend liegt er mit dem Kopf auf Lourdes’ Bauch und weint. Dann flüstert er in ihren Bauch: »Ich hab’s für dich getan, m’ijo. Ich hab’s für dich getan, mein Sohn.«

16

Einmal an Weihnachten

Wartete ein ganz besonderes Geschenk für O unterm Baum.

Titten.

Sie hatte auf ein Fahrrad gehofft.

Das war während einer ihrer (seltenen) produktiven Phasen, als sie einen J-O-B im Quiksilver-Laden in der Forest Avenue hatte und sich ein umweltfreundliches Transportmittel für den Weg von und zur A-R-B-E-I-T wünschte.

Also kam sie morgens runter (ja, okay, es war schon halb zwölf, aber das ist immer noch der scheiß Vormittag, oder nicht?), aufgeregt wie ein kleines Mädchen, obwohl sie damals schon neunzehn war, und sah statt des funkelnagelneuen Fahrrads einen funkelnagelneuen Briefumschlag. Paku saß im Lotussitz auf dem Boden (sie steckte in ihrer buddhistischen Phase), und Stiefvater Nummer drei (Ben hatte mal behauptet, O befinde sich im Frühstadium eines Zwölf-Stufen-Stiefvater-Programms) hing im Schaukelstuhl und grinste sie lüstern an wie der Schwachkopf, der er nun mal war, völlig ahnungslos, dass er bereits mit einem Fuß wieder auf der Straße stand, um den Platz für Nummer vier zu räumen.

O öffnete den Umschlag und zog einen Geschenkgutschein von einem Schönheitschirurgen heraus:

»1 kostenlose Brustvergrößerung.«

»Damit sind aber schon zwei kostenlose Brustvergrößerungen gemeint, oder?«, fragte sie Paku.

»Ja, Schatz, ganz sicher.«

»Weil sonst …« Sie ließ eine Schulter hängen, um die möglichen Folgen zu veranschaulichen, ultrabesorgt, dass Nummer drei die Gelegenheit nutzen und ihren Vorbau beäugen würde.

»Frohe Weihnachten, mein Schatz«, sagte Paku strahlend vor Gönnerglück.

»Irgendwie gefallen mir meine Brüste aber so, wie sie sind«, sagte O. Klein, ja, aber appetitlich, ja, und den anderen scheinen sie auch zu gefallen. In Verbindung mit dem richtigen milden Gras hat schon so mancher stundenlang was davon gehabt …

»Aber Ophelia, wünschst du dir denn nicht auch Brüste wie …«

Sie suchte nach der richtigen Formulierung.