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Mario Levi

Istanbul war ein Märchen

Roman

Aus dem Türkischen

von Barbara Yurtdas

und Hüseyin Yurtdas

Suhrkamp

Zu dieser Ausgabe

Die türkische Originalausgabe İstanbul Bir Masaldı

erschien 1999 bei Doğan Kitap in Istanbul.

Für die vorliegende deutsche Fassung wurde

der Text in Zusammenarbeit mit dem Autor

leicht überarbeitet und gekürzt.



Für die Förderung der Übersetzung danken wirdem

Türkischen Ministerium für Kultur.



Umschlagfoto:

Nikos Economopoulos/Magnum Photos/Agentur Focus







ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2010

© der deutschen Ausgabe

Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008

© Mario Levi

© Kalem Literary Agency

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.



Umschlag: Göllner, Michels, Zegarzewski

www.suhrkamp.de

eISBN 978-3-518-73780-4

Für meinen Großvater ...

Die Stare

»Es war Abend ... Ihr habt gelächelt ...«

»Es war Abend ... Ihr habt gelächelt« heißt es in einem alten Lied. Ich erinnere mich nicht, wo und wann ich ihr zum ersten Mal begegnet bin. Ich erinnere mich auch nicht, welche Menschen ich mit ihr im Warten auf neue Tage, neue Morgen zu erschaffen versucht habe ... Dabei gab es in unseren Geschichten, in unseren unterschiedlichen Geschichten, die wir einander von anderen Menschen unweigerlich mitgebracht hatten, auch eine Unmenge von Fotografien, die ich niemals vergessen habe, die ich keinem Menschen zeigen kann und die mich mir selbst mit der Zeit immer mehr schenken. Diese Fotografien bewahrten unsere Nächte, das, was wir nicht mitteilen konnten, was wir nicht mal den engsten Freunden sagen konnten, auch meine trotz aller Erlebnisse stets neuen oder wiederholten Hoffnungen ... Da waren zum Beispiel unsere Sommernächte, die aus einem anderen Fenster auf die Stadt blickten, in der ich jahrelang gelebt hatte. Wir befanden uns auf einem Balkon. Der Duft der Wunderblume bedeutete für mich die Einsamkeit der vielen alten Gärten meines Lebens. Einen dieser Gärten wollte ich damals noch einmal berühren. Meine Mutter hatte ein Glühwürmchen zwischen ihre hohlen Hände genommen. Das Glühwürmchen hatte in der Dunkelheit, in der Wärme ihrer Handflächen weiter geleuchtet. Da, in der Ecke waren weitere Glühwürmchen gewesen ... Noch andere Glühwürmchen ...

Später wollte ich auf jenem Balkon oder in einem anderen Zimmer jenes Hauses mit ihr meine alten Lieder teilen. Denn ich wußte, daß Lieder, wirklich erlebte Lieder uns nie verlassen, nie verlassen können. Die Lieder waren wir, unsere in jenen Zeiten verlorene Sprache, die wir irgendwie nicht wiederfinden konnten. Die Lieder waren unsere verlorene Sprache oder unsere Illusionen, über die ich in anderen Erzählungen im Namen anderer Enttäuschungen zu erzählen versucht habe. Manche unserer Gegenstände haben wir deswegen versteckt, wir haben sie verteidigt; manche unserer Sachen waren deswegen auch ein bißchen wie ein Buckel, den wir bei unseren Lieben und Geliebten mitschleppten, in die Liebe, die wir nur mit unseren Träumen haben nähren können ...

In jenen Nächten wollte ich auch erzählen, wie besiegt und verlassen ich mich fühlte, wenn wir zusammen waren und einander berührten. Da hätte ich wieder zu Stift und Papier greifen können, ich hätte versuchen können, mich von neuem an meine »Schrift« zu klammern, von der ich glaubte, ich würde sie niemals aufgeben. Wenn ich mit ihr allein war, vergaß ich all meine Projekte, die Sehnsüchte, die auf später gerichteten Hoffnungen und vor allem das, was ich aufgeschoben hatte. Was ich mit ihr erlebte, war ein kreatives Sterben, wenn man so sagen kann. Ein kreatives Sterben ... In ihren Berührungen, durch die sie mich in jenen Nächten mein ganzes Selbst, meinen Intellekt und meine Sexualität bis in die Tiefen erleben ließ, verbarg sich auch meine Kindheit. Ja, meine ganze Kindheit ... Meine ganze Kindheit und die darin verlorengegangenen Kindheiten. Im Gedanken an das Haus, aus dem ich damals wegging, erinnere ich mich jetzt vor allem an die Lieder, von denen ich Jahre später erzählen und mitteilen wollte ...

Im nachhinein fällt es mir schwer zu begreifen, warum wir immer noch Freunde sind, warum ich es nicht geschafft habe, mich von ihr zu trennen. Denn ich habe nicht einmal in jenen Augenblicken, als ich versuchte, die kostbarsten Fotografien und Worte meines Lebens mit ihr zu teilen, wirklich mit ihr gesprochen, wirklich mit ihr sprechen können. Warum aber, warum habe ich mich derart hinter meinen Mauern verschanzt? Warum, für welche Hoffnungen? Hatte ich womöglich Angst, sie noch tiefer, bis zum Endpunkt zu erleben, mit allen Möglichkeiten zu erleben? Vielleicht ... Aus dieser Angst heraus hatten wir auch unsere anderen Beziehungen nicht wirklich durchgehalten, durchhalten können, weil wir uns den Menschen, die uns liebten, nicht völlig hingegeben hatten ... Andere Beziehungen oder Affären hatten wir damit getötet, daß wir uns von einem gewissen Punkt an versteckten, dazu neigten, uns zu verstecken ... Das wußte sie; ich glaube, sie wußte es schon, als wir uns das erste Mal begegneten. Seit wir einander zum ersten Mal begegnet waren ... Und vielleicht waren das die Zeiten, als das Kind das Haus suchte und zusammen mit seiner Mutter wünschte, wenigstens ein Glühwürmchen könnte in der Wärme ihrer Hände überleben ...

In jenen Nächten haben wir unsere Sexualität mit all den Menschen geteilt, die uns etwas genommen hatten, dem wir womöglich nie einen Namen geben können ... In jenen Nächten haben wir auch unsere Geschichten geschrieben, die wir niemals in ein Buch aufnehmen werden ... Sie wußte das. Sie wußte, für wen ich das alles durchlebte, daß ich es durchlebte, um, wie ich glaubte, mit jedem Tag ein bißchen besser zu verstehen, was mir fehlte ... Weil sie das alles wußte, wollte sie mich vielleicht auch für sich, für sich allein haben ... Damit ich noch mehr ich sei oder mehr in mir selbst ...

Deshalb habe ich mich nie von ihr trennen können. Niemals ... Trotz all meiner Hoffnungen, Menschen und Mauern ... In manchen Nächten schauen wir vom Fenster in andere Nächte hinaus. Ich lächele, auch ich lerne jetzt, mit ihr zu leben ... Ich weiß jetzt, daß ich mich weder vor solchen Nächten retten kann noch vor jenen Morgen, wo unerwartet Stimmen, die ich meinte vergessen zu haben, in mein Zimmer dringen. Deshalb fange ich langsam auch an zu verstehen, aus welcher Sorge heraus Liebende, die einander verwunden und zerfetzen, in aller Enttäuschung und allem Schmerz sich weiterhin lieben und sich nicht loslassen können, trotz aller Entfremdung, Betrügerei und aufgeschobener Freude.

Ihr Name ... Mein Name für sie war »Hüzün« ... Schwermut ... Das ist der einzige Name, den ich jetzt für sie, für mich, für unser jahrelanges Zusammensein finden konnte. Denn sie hat ihre anderen Namen vor mir verborgen, ebenso wie andere Zeiten, Gefühle, Häuser. Das fühle ich, das kann ich besser verstehen nach all den Verspätungen, die durch meine Irrtümer verursacht wurden. Jedoch verlangt auch diese Beziehung, wie alle wahren, richtigen Beziehungen, Anstrengung und das Bemühen um Verständnis. Deswegen werden wir weiterhin zusammensein, um andere Nächte für andere kleine Hoffnungen zu erschaffen. Wir werden weiterhin zusammenbleiben ... Ob wir wollen oder nicht ... Schließlich versteht man das Meer nicht, wenn man es nicht wirklich erlebt hat. Man versteht nicht, was das Meer und die Wunderblume und der Duft von Lindenblüten bedeuten, wenn man ihren Verlust nicht tatsächlich erlitten hat. Wenn ich dies bedenke, glaube ich schon eher, daß ich zu gegebener Zeit ihre anderen Namen noch erfahren werde ... Auf diesem Weg kann mir ein einziges Foto schon genügen ... Doch um auf diesem Foto meinen Platz zu finden, darf ich wahrscheinlich manche Fotografien nie vergessen ... Dann werde ich wieder lächeln. Wenn ich dann unter so vielen Leuten lächle, wird aber niemand wissen, warum und für wen ich lächele ...

Also: Wer blieb bei wem, für wen?

Es war Abend ... Die Frau blickte aus dem Fenster. Sie lauschte den Stimmen draußen. »Die Stare«, sagte sie zu sich selbst. »Auch in diesem Jahr sind die Stare hier ... Mit den Stimmen der anderen ... Genau wie wir ... Wie wir.« Es war ihr nach Weinen zumute. Sie legte den Kopf auf die Schulter des Ehemannes, der zu ihr trat. Sie schloß die Augen. An jenem Abend, in jenem Garten, in ihren Gärten würden sie noch einmal Tee trinken ... Sie waren noch einmal in einer unbeschreiblichen Erzählung von Tschechow. Jene Uhr schlug noch einmal dieselbe Stunde ...

Wer blieb also bei wem, für wen?

Olga

Sie hatte die Grenzen ihres Landes in der kleinen Wohnung in Şişli gezogen, wohl ohne sich dessen voll bewußt zu sein. Sie »trug« ihr Brillantcollier, um in dem Märchen, an das sie bis zuletzt glaubte, die Prinzessin zu bleiben, mit all ihren Erinnerungen und Sehnsüchten. Sie war eine Frau, die ihre Liebesgeschichten nie richtig ausgelebt hatte. Sie wollte immer nach Mexiko auswandern.



Madame Roza

Aus ihrer Kindheit auf thrakischem Boden hatte sie sich außer einem endlosen Meer von Kamillen ihr Griechisch bewahrt. Diese beiden Schlüssel öffneten ihr in der Erzählung eine Reihe geheimer und verbotener Räume. Sie betrachtete das Leben mit Geduld und Verständnis für die jeweilige Situation. An die Beziehung, die sie mit jener Hutmacherin am Yüksekkaldırım eingegangen war, sollte niemand »rühren«. Für die ganze Familie war sie ein sicherer Hafen.



Madame Estrella

Sie hatte beschlossen, ihre Liebe fern von allen Protagonisten dieser Erzählung zu gebären und am »Leben zu erhalten«. Was sie auf jener ganz anderen Seite von Istanbul erlebte, hat eigentlich niemand so richtig herausgefunden. Sie kehrte zu ihrer Familie, deren Mitglieder immer weniger wurden, als Tote zurück. Ihre Blicke erinnerten an die Tiefe des Meeres. Doch nur ein einziger Mensch hatte die Bedeutung dieser Tiefe »gebührend« verstehen können.



Muhittin Bey

Er liebte die gefühlvollen Lieder von Selahattin Pınar und die Polonaisen von Chopin auf die gleiche empfindsame und schmerzliche Weise. Es schien, als wollte er in der Erzählung in der Rolle eines Protagonisten verharren, der sein Lied nicht vollendet hatte. Das Leben war für ihn »ein schlechter Scherz«.



Eva

Sie stammte aus einer Rigaer Bankiersfamilie. Über die Tage, als sie sich entschlossen hatte, ihren Cousin dritten Grades zu heiraten, sprach sie zu ihrer Tochter wie über ein einsames Geheimnis. Ihre Liebesgeschichten verstand sie mit Geheimnissen zu würzen und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen. Als sie von Odessa nach Alexandria fliehen mußte, litt sie am meisten unter dem Verlust ihres Klaviers.



Schwartz

Er war ein »verdienter« Offizier der Armee des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs. Mit der »Identität« eines in Istanbul gestrandeten Helden, der sein Gedächtnis verloren hatte, trat er in diese Erzählung ein. Von seiner Heimat konnte er nichts erzählen, nur ein Bild zeichnen. Sein Landgut, das er in jener Heimat zurückgelassen hatte, vergaß er jedoch nie.



Yasef

»Schmieren« hielt er für genauso wichtig, wie die Witze der ganzen Welt zu kennen. Er glaubte, es gäbe keinerlei Grund, den Frauen zu vertrauen. In seinen letzten Lebensjahren wiederholte er ständig, er habe schon zu lange gelebt. Hatte er verstanden, daß er seinem Sohn »jenen Komödianten«, wenigstens »jenen Komödianten« hatte weitergeben können?



Ginette

Ihre Geschichte begann in einem Krieg, von dem ausführlich zu berichten sein wird. Sie war überzeugt, zuerst in einem Kloster bei Paris, dann in Istanbul und danach in Haifa erwachsen geworden zu sein. In einem anderen Krieg verlor sie einen ihr sehr wichtigen Menschen. Als sie dem Erzähler in Wien unerwartet begegnete, konnte sie ihre Trauer nicht verbergen. Dabei wollte sie doch lächeln, immer nur lächeln.



Enrico

Er vermißte seine ältere Schwester am meisten, als er in jenen tiefen Brunnen fiel.



Marcel Algrante

Er war auf dem Weg zu einem anderen Gott. Er hatte das Galatasaray-Gymnasium1 besucht und verehrte Voltaire.



Sedat, der Araber

Mit Stolz ertrug er sein Leben lang, daß er ein »Mischling« war. Mit seinem Kleinbus namens »Detektiv« fuhr er jahrelang über die anatolischen Landstraßen, um Drogeriewaren zu verkaufen. Dabei richtete er sich nach geheimen Straßenkarten in seinem Inneren, die keiner kannte oder je zu sehen bekam. Er hatte eine außerordentliche Begabung, andere nachzuahmen. Jene Kleinstadt nahe bei Istanbul war nicht nur für ihn, sondern auch für eine andere Person, die kurzzeitig in dieser Erzählung »auftaucht«, sehr wichtig.



Henri Moskowitsch

Er war der Sohn eines Kaufmanns, der im Osmanischen Reich ein großes Vermögen gemacht hatte. Er hatte eine Affäre mit einer Wiener Comtesse, deren Namen nie jemand erfuhr. Gerüchten zufolge hatte er auch diverse kurze Liebesabenteuer mit berühmten Schlagersängerinnen und Schauspielerinnen seiner Zeit. Doch genaugenommen gab es für ihn nur eine einzige Märchenprinzessin.



Onkel Kirkor

»Unfreiwillig« wurde er »Ohrenzeuge« vieler geheimer Gespräche. Ein Unfall führte ihn von der »Drehbank« weg und »stieß« ihn in Richtung Handel. Er war der vertrauteste Freund von Monsieur Jacques. Es gab einen sehr verständlichen Grund, weshalb er von seiner Frau nie verlangte, gefüllte Miesmuscheln zuzubereiten.



Juliette

Ihr größter Traum war es, die »Nora« auch auf »jener Bühne« zu spielen. Ihre Proteste versuchte sie immer in jenen schön aufgenommenen Fotografien auszuleben. Dem Erzähler gegenüber wollte sie als starke Frauenpersönlichkeit erscheinen. Aber eigentlich tanzte sie bloß zu ihren Liedern. Sie weinte nur an dem Tag, als ihre Tochter beerdigt wurde.



Konsul Fahri Bey

Sein Haus im Stadtteil Salacak war ein bißchen wie eine Einsiedelei. Irgendwann im Verlauf der Erzählung erwähnte er, er habe viele türkische Juden vor dem KZ gerettet.



Ani

Ihre »Behinderung« versuchte sie mit stets wechselnden Männern, von denen sie sich leicht trennen konnte, zu vergessen. Ihre Geschichte gab ihr dafür zwar wenig Gelegenheit, doch hätte es liebevollere und realistischere Wege gegeben, sich mit ihrem Vater besser zu verstehen.



Rozi

In ihrem Schweigen nährte sie große Empörungen. Es hätte nur eines kleinen »Anstoßes« bedurft, dann hätte sie gerne von diesem Sturm erzählt. Ob sie diesen »Anstoß« je erlebt hatte, erfuhr niemand. Leider wurde all das viel zu spät verstanden.



Berti

Auf seinen langen Spaziergängen durch Istanbul brachte er die vielen Welten seines Lebens und seine Lebensreise unter. Auch liebte er das Kino sehr und zeigte gerne, daß er The Guardian las. Viele »Bekannte« meinten, er habe »umsonst« an der Universität von Cambridge studiert. Er mußte glauben, daß er ein guter Vater war.



Nora

Als sie mit ihrer Mutter im Regen spazierenging, sprach sie von der Unmöglichkeit zurückzukehren. Von dem Ort, wo sie hinging, träumte der Mensch, aber man »verschob« den Aufbruch dorthin immer wieder. Wollte der Erzähler vielleicht deswegen von ihr erzählen? Konnte der Erzähler sie wegen dieser »fehlenden Sache« nicht vergessen? Das wird wahrscheinlich eine andere Erzählung zu anderer Zeit zeigen. Ihr Namen paßte zu dem, was in »jenem Drama« gedacht und getan wird.



Incilâ Hanım

Ihre Lehrer am Konservatorium sahen in ihr eine zukünftige Seyyan Hanım. Doch entschied sie sich, ungeachtet der drohenden Einsamkeit und möglicher »Irrtümer« dafür, Hugo Friedmann zu heiraten und in London »verlorenzugehen«. Fast jedes Jahr kehrte sie nach Kanlıca in ihr altes Uferhaus voller Erinnerungen zurück, um aufs Wasser zu blicken und sich beim Raki zu erholen.



Monsieur Robert

Als er in jenem kleinen Hotelzimmer in Sıraselviler eine »Rückkehr« wagte, gab es Fotografien eines Menschen, der auch »andere« Leben gelebt hatte. In der kleinen Wohnung von Incilâ Hanım in London hatte er sein »wahres Zuhause« gefunden. Eines Nachts hatte er angeblich im großen Spielkasino von Monte Carlo Prinzessin Soraya eine Zigarette angezündet. Ob er zur Zeit der Niederschrift der Erzählung noch lebte, ist nicht bekannt.



Monsieur Tahar

Mit seinem Schick, dem Spazierstock und der schwarzen Sonnenbrille glich er weniger einem pensionierten Journalisten als einem alten Spion, der in eine Stadt verbannt war. Er glaubte an die islamische Mystik als ein der Menschheit geschenktes »langes Gedicht«, das noch längst nicht in seiner vollen Bedeutung erfaßt worden sei. Wäre bekannt gewesen, was er in Casablanca, der Stadt seiner Kindheit und Jugend, zurückgelassen hatte, hätten seine Freunde ihn in seinen letzten Lebensjahren besser verstanden.



Monsieur Aldo

Mal war er ein in Beirut geborener katholischer Araber, mal ein Levantiner aus Izmir, mal ein Konvertit aus Saloniki, mal auch ein aschkenasischer Jude aus Istanbul. Seine letzten Lebensjahre soll er in Barcelona, vielleicht aber auch in Goa verbracht haben. Die einen sagen, er sei an der Syphilis gestorben, andere, sein Leben sei durch die Messerstiche eines syrischen Waffenhändlers beendet worden. Dies sind seine bekanntgewordenen Identitäten und Lebensläufe. Internationale Betrügereien wurden ihm nachgesagt. Es hieß, er habe überall auf der Welt »Bekannte« gehabt.



Lola

Nachdem sie in Budapest eine traditionelle Musik- und Theaterausbildung erhalten hatte, konnte sie sich in den Kabaretts von Soho auf gänzlich anderen Brettern behaupten. Ihre Rettung vor den »Todeslagern« hatte schließlich ihren Preis. Veränderte es ihr Leben »wirklich«, daß sie in einer jener Nächte Monsieur Robert traf?



Carlo

Er rühmte sich, außer Jiddisch noch dreizehn weitere Sprachen zu beherrschen, und glaubte, echte Liebesgeschichten nur auf dem Meer erleben zu können. Vielleicht war das mit ein Grund dafür, daß er sich eines Tages entschloß, Lotse im Bosporus zu werden. Dabei wollte er sich einreden, die Entscheidung, stets auf dem Wasser zu sein, bedeutete, daß er auf einen anderen Menschen wartete, und daß er bis zum Ende warten müßte.



Şükran

Sie träumte davon, aus ihrer kleinen dunklen, »streng riechenden« Wohnung der »Sonne« entgegenzugehen. Ihre Geschichte hätte in einer Tageszeitung unter der Rubrik »alltägliche Meldungen« Platz finden können.



Hüsnü

Er war einer von denen, die nicht nach Istanbul paßten, weil sie »anderen Werten verhaftet« waren. Seine Lage war aussichtslos, und selbst in schwerster Zeit war es ihm nicht möglich, seine Tochter in die Arme zu schließen. Vielleicht hing das auch mit seiner Fremdheit in der Stadt zusammen. Bis in die letzten Tage der Erzählung sah man ihn nie ohne eine Zigarette Marke Bafra. Wichtiger aber war, daß er jene Zeitung aufbewahrte. Seine »Gefühle«, als er in sein Dorf zurückkehrte, ohne »wenigstens ein Appartementhaus zu besitzen«, müssen bei diesem Verhalten ebenfalls bedacht werden.



Anita

Es gab einen »Schritt«, den sie dem Erzähler mitteilen wollte. Jene Momente der Begegnung waren nicht zufällig, sondern im Gegenteil »unerläßlich« für die Erzählung. Doch um diesen »Schritt« zu tun, muß der Mensch auch ein wenig daran glauben, daß auf jenen Bergen andere Blumen wachsen.



Eleni

Sie hatte es nicht verdient, im Haus eingesperrt zu sein. Sie hatte sich entschlossen, ihre Empörung zu zeigen, indem sie in den Zimmern, aus denen sie nun einmal nicht entrinnen konnte, splitternackt herumlief. Es hieß, als sie noch ein attraktives junges Mädchen war, sei ein abenteuerlicher Offizier in ihr Leben getreten. Hätte man diesen Offizier »gefunden«, wäre ihre Geschichte völlig anders verlaufen.



Tanasş

Die Sandwichs aus dem Feinkostgeschäft am Donnerstagsmarkt waren vielen »dortigen« Händlern jahrelang unvergeßlich. Man glaubte, er sei durch eine geheime Leidenschaft an seine Tochter gebunden.



Jerry

Er hatte alles vorbereitet, um eine große Rakete zu bauen. Es hieß, er sei an die Universität von Harvard gegangen, und eines Tages auch, er sei einer »anonymen Sekte« beigetreten. Wo er zur Zeit der Niederschrift der Erzählung »steckte«, blieb unbekannt.



Marcelina

Manche meinten, sie sei eine »echte Frau«, andere dagegen hielten sie für ein »Phantasiewesen«. Man hätte sie in jeder Stadt der Welt antreffen können.



Harun

Warum er zuerst das Gitarrespielen und dann den Posten eines Verwaltungsdirektors in einem Großbetrieb aufgab, um köfte zu produzieren, das verstand niemand. Er war zwar eine der »Schlüsselfiguren« der Erzählung, doch aus irgendeinem Grund zog er es vor, sich höchst selten blicken zu lassen.



Jozef

Wen er in »jenem endlosen, weißen Land« suchte, das konnte er niemandem so richtig erklären. Verstand er auf der »Insel« in der Pferdekutsche, ehe er in die Stadt mit ihren »Lichtern« zurückkehrte, daß alle »Spielsteine an ihrem Platz« waren?



Nikos

Er behauptete, daß in Saloniki geduldig eine Geliebte auf ihn wartete. Wäre er nicht ein sehr guter Schneider gewesen, dann hätte er niemals den Spitznamen »Diebischer Westenmacher« bekommen. Als er wegen jener »unseligen Entscheidung« aus Istanbul verbannt wurde, vertraute er seine Plattensammlung mit His Master's Voice aus der Zeit von Monsieur Schurr und den Brüdern Gesaryan einem nahen Freund bis zu seiner Rückkehr zur Aufbewahrung an. Diese Sammlung ist bis heute verschollen. Wer der Freund war, ließ sich niemals herausfinden.



Yorgos

Von Nikos' Kater erzählte man sich, er könne gut Griechisch, und, noch wichtiger, er tränke gehörig Raki.



Tante Tilda

Den Traum, den sie in ihren Filmen gefunden hatte, konnte sie nur wenigen Menschen mitteilen. Wäre sie zu jener Hochzeitsfeier eingeladen worden, dann, glaubte sie, wäre sie wenigstens für eine Nacht so schön gewesen wie Merle Oberon2. Doch sie wanderte auf gefährliche Art »jenseits der Grenze«. Sie trug Spuren von ihrem langen Weg durch die Ehe und von allen ungesetzlichen, verbotenen Beziehungen.



Mozes

Die Tradition zwang ihn, nicht bloß ein Schneider zu sein, sondern auch in verschiedenen Städten zu leben. Der Uhrmacher von Odessa hatte ihm ein Märchen mitgegeben, das über die Jahre hin und -- wichtiger noch -- in anderen Menschen überdauern sollte. Es war absurd, daß ihn in Istanbul, seiner letzten Stadt, wo er die letzten Stiche nähte, ausgerechnet eine Lungenentzündung ereilte.



Enrico Weizman

Er war Jude und spanischer Kommunist und mußte nach der Niederlage im Spanischen Bürgerkrieg in Frankreich Asyl suchen. Hätte er nicht »jenen Brief« an Monsieur Jacques geschickt, dann käme er in dieser Erzählung gar nicht vor. Er reiste zweimal nach Istanbul, beim zweiten Mal höchstwahrscheinlich, um an den »anderen« Momenten der Geschichte teilzunehmen, die sich irgendwie nicht erzählen ließen.



Rahel

Sie wartete an jedem ihr bekannten Ort auf Nesim, liebte ihn, lebte für ihn, versuchte ihn zu verstehen. Sie hatte einen lächelnden Blick aufs Leben. Zwar bereute sie, ihren autistischen Bruder, der »den Kompaß seines Lebens verloren hatte«, in Istanbul zurückgelassen zu haben. Doch konnte sie sich auch nicht von ihrer Familie losreißen, die sie in einer anderen Weltgegend gegründet hatte. Das alles war vor den »Konzentrationslagern«. War es auch in »jenen Tagen« möglich, an das Erbe von Hiob zu glauben?



Muammer Bey

Er trug stets eine Fliege und war zutiefst davon überzeugt, daß Arbeit am wahren Leben hinderte. In der Zeit, als von Juden und Armeniern Vermögenssteuer erhoben wurde, hatte er eine wichtige Rolle, die nicht viele Leute bemerkten.



Madame Perla

Nach dem Verlust ihres Augenlichts sah sie Orte, die sonst niemand sah, und berührte Stellen, die kein Mensch berühren konnte. Nie verzieh sie ihrem Mann, daß er gestorben war, ohne ihr Bescheid zu sagen. In ihren letzten Lebensjahren erinnerte ihr Sohn sie vor allem an ihre Schönheit an den Abenden, wenn sie von Şehzadebaşı zurückgekehrt waren. An jenen Abenden hatten sie ein Boot gehabt, das auf dem Hali¢ schwamm.



Avram Efendi

Er war ein Lebenskünstler. Er restaurierte alte Teppiche, und jedes Stück sollte sein Atelier als Kunstwerk verlassen. Lange nach dem Brand saß er mit Monsieur Moiz, dem Helden einer noch älteren Erzählung, im Café Sarımadam und wartete auf den Hauptgewinn der Tayyare-Lotterie. Ob sich seine Angst vor einem plötzlichen Tod auf offener Straße mit seinen »Erlebnissen« bei jenem Brand erklären läßt?



Mimiko

In seinen Murmeln wollte er eine Welt und verschiedene Lichter verstecken. Hätte er die ganze Insel mit dem Fahrrad abfahren können, dann hätte er bei einigen »Freunden« ein anderes Ansehen gehabt. Vielleicht deshalb waren die Mahlzeiten in jenem Lokal in Tepebaşı für ihn die »wirklichsten«.



Lena

Sie wirkte wie ein Bild, das aus einem bekannten Filmstreifen herausgerissen war. Zigaretten rauchte sie mit einem langen Mundstück. Für sie begann das Leben nach eigener Aussage erst nach Mitternacht.



Nesim

Selbst seine Bewunderung für die deutsche Sprache rettete ihn nicht vor dem KZ. Er war ein echter Osmane, der seine Verbundenheit mit Istanbul nie verloren hatte. Er glaubte, er könnte sich, geborgen in seinem Türkentum, in jener Kleinstadt am Atlantik vor dem Todesweg retten. Doch die Helden jener Zeit waren angehalten, ungewöhnlich aufmerksam zu sein und auf gewisse Kleinigkeiten zu achten.



Monsieur Jacques

In den Augen vieler Menschen war er ein Mann eines langen und großen Kampfes, der sowohl Richtiges als auch Falsches enthielt. Ohne ihn wäre diese lange Erzählung nicht geschrieben worden. Ohne ihn wäre es auch nie zu den langen Befragungen gekommen. In den Briefen aus Spanien an seine Eltern offenbarte er sich als ein Mensch, der sich auch auf die Zartheit des Lebens verstand. Wichtig waren für ihn Märchen, und in seinen letzten Lebenstagen ging er gerne ans Meer. Er spielte meisterhaft Bézigue, und Okka-Rosen3 weckten ein tiefes Gefühl in ihm. All das könnte uns helfen zu verstehen, was er an jenem Sommerabend in dem Restaurant in Kire¢burnu fühlte, als die Schiffe vorbeizogen.

Märchen und Erinnerungen

Estrellas Stern

Im Laufe der Jahre hat der Mensch gelernt, den Schmerz des Verlassenwerdens oder des unausweichlichen Abschiednehmens zu ertragen und unterschiedlich auszudrücken. Mit der Zeit habt ihr auch den Reiz des Versteckspiels entdeckt ... Manchmal, in einsamen Stunden, wenn es kein Zurück gab, konntet ihr eurem inneren Menschen sogar sagen, was ihr verlassen habt und wo ... Auch daß ihr euch trotz aller »Vermehrungen«, allem Zusammensein allein gefühlt habt, trotz aller Verstecke und Verteidigungsbereiche schutzlos, trotz aller Kleidung nackt ... Um in eurer eigenen Zeit und eurer Einsamkeit unter all den Menschen existieren zu können, um euch selbst treu zu bleiben, selbst wenn ihr keinem von den Orten erzählen konntet, die ihr niemals betreten würdet, mußtet ihr aber auch ein bißchen an diesen Weg glauben. Mit einer gewöhnlichen, etwas abgegriffenen Redensart ausgedrückt, waren das »die Spielregeln«.

Wir kamen für Madame Estrella ein letztes Mal bei Juliette zusammen. Madame Estrella war, nachdem sie an einem anderen Ort ein anderes Leben gelebt hatte, entsprechend dem von ihr gewählten Weg bei den »anderen« gestorben und war in ihren letzten Augenblicken völlig für sich und in sich verborgen gewesen. Niemand war so wie bei anderen Todesfällen von ihrem Tod betroffen, niemand würde sie wirklich vermissen. Sie war sowieso schon seit Jahren fort, in einem anderen Leben gewesen ... Nach der Trauerfeier hatten wir uns trotzdem für das Mahl mit den seit Urzeiten gleichen traditionellen Speisen, an dem wir als »Familie« teilnehmen mußten, entschieden. Das war die letzte »Pflicht«. Diese Zeremonie konnte einem keiner abnehmen. Niemand ... Selbst Lebensabläufe nicht, die manchem als Verrat erscheinen mochten ... Dieses Zusammensein bot wenigstens Gelegenheit, in einer kurzen Zeitspanne die verborgenen Erinnerungen an alle jene Menschen aufs neue zu erleben, ohne ein Wort sagen zu müssen. Wenigstens konnte man sich da für eine kleine Weile zurückziehen für diesen Menschen, mit diesem Menschen. Bei diesem Essen, wie es immer bei solchen Essen war, begegneten wir unseren Erinnerungen, den kleinen Dingen, die wir bereuten, und unseren Verstorbenen. Unseren schon früher Verstorbenen ... Wenn auch die Leben nicht immer unsere Leben gewesen waren, so waren die Toten doch unsere Toten ... Das wurde sogar in dem letzten zu Hause gesprochenen Gebet unterstrichen. Man hatte sich in Ehrfurcht zu verneigen vor den Familienmitgliedern, die ins Paradies eingegangen waren, besser gesagt, von denen man es annahm. Der Rabbiner nannte einzeln die Namen »jener Verstorbenen«, und die Gemeinde antwortete stets wie aus einem Mund: »...ins Paradies«. Ja, so war es seit Jahren, seit Jahrhunderten der Brauch, so war es gewollt ... In dem Moment waren die Ansichten dieser Menschen auch eure Ansicht, eure Wirklichkeit, von der ihr keinem Menschen je würdet erzählen können ... Danach könnt ihr natürlich von jenen Menschen und Orten, die ihr in der Vergangenheit gelassen habt, in die Gegenwart zurückkehren. Und es gelingt euch auch, die Menschen in eurer Umgebung nicht spüren zu lassen, was ihr dort gesehen habt. Was ihr verliert, ist euer Verlust, das Spiel ist das Spiel eines jeden.

Die Totenfeier fand in der kleinen Synagoge des Friedhofs statt. Denn Madame Estrella hatte weder so viele Angehörige, daß sie eine große Synagoge hätten füllen können, noch genügend Geld für ein Begräbnis erster Klasse hinterlassen. In der Erinnerung an sie steigen jetzt ein paar sehr alte, reichlich verblaßte Bilder auf, deren Details vergessen sind. Deshalb kann ich nicht wie gewöhnlich an ihre lange Geschichte herangehen, da sie diese bei Menschen gelassen hat, die mir unbekannt sind. Wie es scheint, ist etwas weit entfernt, auf immer verlorengegangen, weg. Und die Wege dorthin, die Türen bleiben verschlossen. Sie war stets eine Fremde, fremd inmitten von Fremden, zum Fremdsein verurteilt, wenn man so sagen kann, oder eine Fremde, die ihr Außenseitertum ab einem gewissen Punkt so gewollt hatte. Eine Fremde ... Dabei war Madame Estrella die Schwester von Madame Roza, die zweite Tochter der Familie. Sie hatte sich entschieden, das Leben von der schweren Seite zu leben, und mußte auch den Preis dafür bezahlen. Von ihr hatte man immer gewußt oder wissen sollen, daß sie irgendwo weit weg lebte, auch wenn sie nicht wie Tante Tilda von den Anwesenden verleugnet wurde. Obwohl die Tradition etwas Schönes, Bewahrendes hatte, konnte sie gleichzeitig grausam und in aller Stille todbringend sein. Ihre Geschichte wird von denjenigen, die sich mit ein paar Details begnügen, die ein paar Sätze für ein Menschenleben ausreichend finden, oder in jenen Familien, die die Tradition bewahren wollen, nicht diskutiert werden; man wird die Geschichte für simpel, für nicht erzählenswert halten. Madame Estrella war mit ihren blauen Augen, die vermutlich von der weitläufigen Verwandtschaft in Thrakien herrührten, das schönste Kind in der Familie. Sie war musikalisch und in ihrer Gymnasialzeit ein stilles Mädchen. Sie ging auf die englischsprachige Highschool, wo alle jungen Damen zu perfekten Ladys erzogen werden sollten. Sie las gerne Dickens, und später fand sie bei ihrem Bruder, Monsieur Robert, die Bilder, die zu den Romanen ihrer Schulzeit paßten. Eines Tages nun verliebte sie sich in einen jungen Mann aus dem Galatasaray-Gymnasium, der genauso verschlossen war wie sie. Damals gingen beide noch zur Schule. Wo, wie, durch welchen Zufall hatte sie diesen »empfindsamen Jungen« kennengelernt, der später als Muhittin Bey in ihr Leben trat? Der sich zu den Liedern von Selahattin Pınar4 ebenso wie zu den Polonaisen von Chopin hingezogen fühlte und der von seiner Liebe zu Gedichten nur wenigen Menschen erzählte. Was für Gefühle oder was für Unzulänglichkeiten trieben sie zu dieser gefährlichen, verbotenen Beziehung, in eine Zukunft, die ganz anders war als die für sie bestimmte, hin zu anderen Sehnsüchten, anderen Hoffnungen? Das habe ich nie herausbekommen und werde es auch wohl nie erfahren. Hier gibt es einen Bruch, als wollten diejenigen, die diese Zeit erlebt hatten, das alles ganz für sich behalten. In der Familie wurde darüber nicht gesprochen, es wurde verdrängt, und als es einmal verdrängt war, konnte man es nicht wieder hervorholen. Aber soweit ich mitbekommen habe, war es eine erschütternde Liebe, die allen Widerständen und Wechselfällen trotzte, eine unausweichliche Liebe, die alle Folgen trug und bis ans Ende auf sich nahm und die nach Meinung einiger zum wechselseitigen Unglück und zum Ausschluß aus der Gesellschaft führen mußte. Als sie heirateten, wußten sie sehr wohl, daß sie sich nicht nur mit ihren Familien, sondern für ihr gesamtes Leben auf einen großen, langen Kampf einließen.

Eine Weile lebten sie in Feriköy. Dann zogen sie in den viel weiter entfernten Stadtteil Harem, als wollten sie die Verbannung von ihren Familien damit besiegeln. Harem wurde in der damaligen Zeit von der jüdischen Gemeinschaft als ein Ort angesehen, wo kein Jude jemals wohnen würde. Soviel ich herausbekommen habe, war es vor allem Madame Estrellas Wahl. Eine Wahl im Namen des Lebens, eine Wahl, ihren Ort im Leben zu bestimmen, die sie vielleicht nur einmal im Leben hatte. Sie sehnte sich nach einer vollkommen neuen Zukunft ... Es war Sehnsucht nach einer anderen, selbstbestimmten Zukunft, gewiß, aber zugleich sollte damit ein Protest ausgedrückt werden, die Bindung an die Liebe, an den Ruf der wahren Liebe, anders gesagt, an ihre Entschlossenheit, nie mehr zurückzukehren ... Um den Entschluß, nie mehr zurückzukehren, aufrechtzuhalten trotz aller Enttäuschungen, trotz aller Verlassenheitsgefühle, trotz der Mühe, den Glauben an sich selbst zu behalten ... Auch für Muhittin Bey war es nicht leicht, dorthin zu ziehen. Denn er hatte sich zeit seines Lebens der »anderen«, der europäischen Seite von Istanbul zugehörig gefühlt. Seine Verbindung, seine »Zugehörigkeit«, versuchte er vor allem sich selbst zu beweisen, indem er bei passender Gelegenheit davon erzählte, wie er bei den »Vorfällen« vom 6. und 7. September5 seinen griechischen Kindheits- und Jugendfreund Apostol mitsamt seiner ganzen Familie bei sich untergebracht hatte, obwohl er selbst beengt wohnte. Und am nächsten Morgen ganz früh hatte er seinen sechsjährigen Neffen bei der Hand genommen und nach Beyoğlu geführt, um ihm die angerichteten Verwüstungen zu zeigen, wobei er sagte: »Dies ist etwas, das du nie im Leben hättest sehen sollen!« Ja, vor allem sich selbst wollte er seine Zugehörigkeit beweisen. Viele Jahre später, nachdem er diese Liebe auf sich genommen hatte, hoffte er vielleicht ein bißchen auf die Rückkehr der verlorenen Tage ...

Hoffnungen, Enttäuschungen, kleine Freuden ... Sie lebten jene Liebe in ihrer kleinen Welt und erfuhren Tag für Tag mehr, was ihnen ihre verbotene Liebe schenkte oder was ihnen das Leben deswegen nahm. Tag für Tag ein wenig mehr ... Sie glaubten, daß sie ein Recht auf ihre Liebe hätten, weil sie den Preis dafür bezahlt hatten ... Mit der Bitterkeit ihres Lebens, nachdem sie die »anderen« und die Traditionen zurückgelassen hatten ... Ihre Entschlossenheit genügte als Grund dafür, daß sie ihre Familien lange Zeit nicht sahen; als Erklärung reichte es, daß sie sich entschieden hatten. Es gab keinen Zweifel, daß man »wiederum« geduldig warten mußte, daß gewisse Gefühle und das Verständnis für die »Situation« ihres Lebens sich erst einmal setzen mußten. Nach Jahren boten die Feiertage einen Anlaß für schüchterne Besuche, die mit zögerlichen Schritten gewagt wurden. Mit zaghaften Schritten war man bemüht, sich mit den zunehmend sich verändernden Häusern zu verständigen und ins Gespräch zu kommen. Doch dabei blieb es. Es war unmöglich, die Leere, die sich über all die Jahre hin entwickelt hatte, wieder zu füllen und manche Wege wieder zusammenzuführen. Die Bindungen, die echten Bindungen, waren seit langem zerrissen ...

Einem Gerücht zufolge war Madame Estrella dem Islam beigetreten und hatte den türkischen Namen Yıldız angenommen, was »Stern« bedeutet. Aber das stellte sich als Lüge heraus. Man hatte ihr zugetraut, daß sie sich dadurch in der fernen Welt das Leben ein wenig leichter machen würde. So eine Entscheidung hätte für uns ein Anhaltspunkt zum Verständnis einer tieferliegenden Wahrheit sein können. Jedoch wäre eine solche Entscheidung allein der Entschluß von Madame Estrella gewesen, ebenso wie der Entschluß, die Verbannung auf sich zu nehmen. Wie ich Muhittin Bey kannte, war dieser trotz allem, was er erlebt hatte, derart vorurteilsfrei, daß er niemals eine solche Entscheidung verlangt hätte, er war ein zartfühlender Mensch, der die Sprache des anderen verstand. Als Rentner ging er manchmal in den »Laden«, um Monsieur Jacques zu treffen. In der damaligen Zeit war sein eigener kleiner Krämerladen im Basar von Kadıköy, der wie ein »Bauerntölpel« über den Bosporus zum Fischbasar von Galatasaray hinüberblickte, schon geschlossen. Meine Erinnerungen an ihn stammen aus jenen Tagen. Von diesen Besuchen wußten wohl weder Madame Roza noch Madame Estrella.

Muhittin Bey war ein glühender Anhänger der CHP6, der Republikanischen Volkspartei. Deswegen stritt er sich häufig mit Monsieur Jacques, der die politischen Vorfälle aus der Sicht eines überzeugten Anhängers der DP, der Demokratischen Partei, kommentierte. Die Diskussionen im Geschäft hatten den Sinn, dem Leben ein Quentchen Farbe zu geben, doch sollten sie auch auf ihre Weise den Rest ihres Lebens ein wenig verdecken. Das Gerede über alltägliche Dinge, die jeder wußte und kannte, war ein Schutzschild für das, was sie aus ihrem Leben nicht jedem offenbarten. Aber trotz dieses Ausweichens trafen sie sich gefühlsmäßig an einem Ort, den ich nicht benennen, nicht definieren kann. Ich vermute, es war das Gefühl, daß sie in schweren Zeiten das Leben gemeinsam erlebten. Für sie war es nicht nötig, dafür Worte zu finden. Vielleicht war die Liebe, die sie verband, auch deshalb tief, weil sie nicht »zu sehr« nach außen gezeigt wurde ... An den seltenen Tagen der Ladenbesuche gingen sie immer zum Essen ins Restaurant »Borsa«. Bei diesen Essen war auch ich ab und an zugegen. Monsieur Jacques sprach dann davon, wie sich die Tage und die Menschen veränderten und Istanbul immer häßlicher würde. Mit jedem Tag entfremdeten sie sich ein wenig mehr der Stadt, in der sie lebten. Während des Essens wiederholte Muhittin Bey mehrmals seinen Spruch »Das Leben ist ein schlechter Scherz«. Das Leben als schlechter Scherz ... Das klingt zuerst wie ein Schlagertext. Aber mit ein wenig Nachdenken konnte man leicht sehen, daß der einfache Spruch die Bilanz so manchen Lebens bestens zusammenfaßte. Das Leben ist ein schlechter Scherz ... Dieses Gefühl war auch Monsieur Jacques nicht fremd, er konnte dem Menschen, der dieses Gefühl mit seiner ganzen Persönlichkeit verkörperte und ertrug, nicht fernstehen. Ich bin mir sicher, daß er zeitweise seinen Schwager nicht wie die meisten in der Familie als »El Turco« wahrnahm, nicht wahrnehmen konnte.

Soviel ich den hitzigen Diskussionen im Laden entnahm, war auch Madame Estrella in die Volkspartei eingetreten. Das war eine Entscheidung, die eine Jüdin, die »jene Tage« während der Amtszeit von Ismet Inönü miterlebt hatte, eigentlich kaum treffen konnte. Doch ausreichende Gründe lagen schon darin, gegen ihre Familie und deren Leben zu rebellieren.

Eines Abends verstarb Muhittin Bey ganz plötzlich, als er für die Frau, mit der er jahrelang gelebt hatte, die Ud zu einem Lied von Selahattin Pınar spielte. Ganz plötzlich, in der Mitte des Liedes, legte er den Kopf auf die Ud, leise lächelnd ... Wahrscheinlich ein Herzinfarkt ... Das war's also. Als würde er scherzen. Es war die letzte Vorstellung, die Muhittin Bey gab und die seine Lebensansicht, seine Lebenshaltung, ausdrückte. Wahrscheinlich habe ich deshalb seinen Satz »Das Leben ist ein schlechter Scherz« nie vergessen können. Außerdem hatte er das Lied nicht beendet. Dieses Bild, dieser »unendliche Augenblick« paßte so gut zu seiner Welt ... Monsieur Jacques kümmerte sich um das Begräbnis. Meiner Ansicht nach eine Kleinigkeit, die nicht unterschätzt werden darf ...

Das war also die Geschichte von Estrella und Muhittin. Sie hatten keine Kinder. Gab es einen Grund dafür? Wollten sie keine? Vielleicht. Madame Roza zufolge gab es für diese »Entscheidung« sowohl verständliche als auch zu verteidigende Gründe. Monsieur Jacques dagegen fand die Frage nicht leicht zu beantworten, und wahrscheinlich wollte er sie nicht beantworten. Als ob er mit Muhittin Bey hier ein wichtiges, sehr wichtiges Geheimnis geteilt hätte. Andererseits würde das Geheimnis auch einen Teil des Lebens, das zwei Menschen, ganz allein auf sich gestellt, zu tragen versuchten, erklären. Dieses Geheimnis war von der Sorte, die man mit ins Grab nimmt.

Madame Estrella kehrte nach dem Tod von Muhittin Bey nicht zu ihrer Familie zurück, sie besuchte die Menschen in jenen Häusern, die sie vor Jahren hatte verlassen müssen, auch jetzt nicht häufiger als vorher. Die Türen hatten sich geschlossen, sie waren nun einmal zu. Die Menschen hatten sich verändert. Soviel ich weiß, starb sie zwei Jahre später. Ohne den Mann, der es gewagt hatte, ihr Leben zu verändern, lange warten zu lassen, ohne lange allein leben zu müssen. Ihren Tod meldeten uns irgendwelche Nachbarn.

Manchmal, wenn ich über all das nachdenke, frage ich mich, warum Monsieur Robert und Tante Tilda nicht für ihre Schwester eingetreten sind. Zweifellos gab es in ihren Beziehungen einiges an Nähe und Ferne, wovon ich nichts weiß, nichts erfahren habe. So will ich denn gerne glauben, daß es Tage und Nächte gab, von denen nur sie etwas wissen. Aber wenn es zu einem Bruch gekommen war, alle Konsequenzen in Kauf genommen wurden, dann hat diesen Bruch unbedingt Madame Estrella gewählt. Sie wußte, wie man Türen richtig schließt. Es gäbe sonst eigentlich keinen vernünftigen Grund für die langen Tage der Verbannung. Aus der Sicht der anderen war das Ganze übrigens nur eine Flucht, eine Kapitulation, ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

Als wir nach der Beerdigung ein wenig aus »Pflichtgefühl« an dem Essen teilnahmen, fiel mir ein, daß ich Madame Estrella als eine Frau wahrgenommen hatte, die es vorgezogen hatte oder die dazu gezwungen war, manchen Dingen und Orten fernzubleiben. Auf ihrem langen Lebensweg wollte sie lieber allein gehen und sterben, aber dafür hatte sie sich nicht geschämt, vielmehr hatte sie noch ihre Einsamkeit geliebt und mit allen Konsequenzen auf sich genommen, um am Ende als »Gewinnerin« dazustehen. Als sie beziehungsweise ihr Körper als Ausdruck ihrer Persönlichkeit von dem Ort zurückkehrte, den sie zum Leben gewählt hatte, an den Ort, den sie einst verlassen hatte, war von den nahen Verwandten niemand da, der in dieser kleinen Abschiedszeremonie, die mir immer so ergreifend vorkam, ihretwegen ein Wäschestück zerreißen durfte, und auch das möchte ich als einen Sieg interpretieren. Ja, niemand von all den Verwandten war jetzt mehr in diesem Haus. Madame Roza war gestorben, Monsieur Robert war in London, von wo er niemals wieder nach Istanbul zurückkehren wollte, Tante Tilda war trotz Einladung nicht gekommen, wollte aber für ihre ältere Schwester allein in der Synagoge das letzte Gebet sprechen. Nicht mal das Kaddisch, das letzte Gebet für ihre Seele, wurde gesprochen. Damals hatte ich recht und schlecht gelernt, die Zeiten und das Leid mit Humor zu betrachten. Da ich gerne den Beobachter spielte, war mir, als verpaßte ich mit dem fehlenden Gebet eine kleine Schaustellung. Die Situation war etwas anders als bei den früheren »gut besuchten« Totenfeiern. Die Menschen beteten da alle zusammen zum hundertsten- oder tausendstenmal, ohne die Worte zu verstehen, in einer ihnen fremden Sprache aus einer unsagbar fremden Welt, ein ihnen letztendlich fremd bleibendes Gebet, so wie sie es gelernt hatten, wie es die Tradition verlangte, der Ordnung halber, um zu zeigen, daß alles in Ordnung war. Diese Augenblicke vergesse ich nie. Ich bin mir sicher, sie wußten nicht mal, daß es ein Gesang aus der Babylonischen Gefangenschaft war. Natürlich will ich nicht die Nähe und das Sicherheit gebende Zusammengehörigkeitsgefühl übersehen, das man nicht mit Worten beschreiben, sondern bloß erleben kann, das aus dem gemeinsamen Gebet, besonders in fremden Worten, entsteht. Der Mensch spürt dabei auch, ob er will oder nicht, daß er anders ist als andere und daß es zuletzt einen Platz gibt, wo er dem nicht mehr ausweichen kann. Wollte man mit diesem Gebet in eine noch persönlichere Welt eintreten, hätte man das Gefühl auch mit einem letzten Gedenken verknüpfen können ...