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Alfred Bekker, Pete Hackett, Peter Dubina

Vier Killer: Vier Krimis

Vier Killer: Vier Krimis

von Alfred Bekker, Pete Hackett, Peter Dubina

 

UKSAK E_BOOKS IST EIN IMPRINT VON ALFRED BEKKER

Ein CassiopeiaPress Buch

© by Authors

© der Digitalausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Der Umfang dieses Buches entspricht 333 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende vier Romane:

Peter Dubina: Satan stellt die Rechnung aus

Pete Hackett: Eine blutige Rechnung

Pete Hackett: Skrupellos

Alfred Bekker: Die Waffe des Skorpions

 

 

Satan stellt die Rechnung aus

Frank Harris - Mordkommission New York – Band 1

von Peter Dubina

 

 

Rick Damone wieder in New York!" - Diese Meldung wirkt wie eine Schreckensnachricht. Der Rauschgiftkönig kommt zurück in seinen ehemaligen Machtbereich. Die erste Spur von ihm ist ein Toter, der mit seinem Wagen aus dem East River gefischt wird. Angst packt die ehemaligen Komplizen. Angst packt auch die einstige Frau von Rick Damone und den Sohn Michael, der nichts über seinen Vater weiß.

Drei Tage Angst, Terror und Schrecken - aber die wenigen, die etwas sagen könnten, schweigen. Der Killer zeigt sein Gesicht nicht. Er verschanzt sich hinter einem satanischen Trick, den auch Captain Harris erst im letzten Moment durchschaut. Dann allerdings präsentiert Harris seine Rechnung …

 

1

Am 3. Februar, abends gegen achtzehn Uhr, fegte ein Schneesturm die Straßen New Yorks frei von jeglichem Verkehr. Die Autos hielten mit Abblendlichtern am Straßenrand, niemand kümmerte sich mehr um Parkverbote, der Schnee lagerte sich auf dem Asphalt ab und wurde zu nassem Matsch.

Eine rote, zweitürige Chevrolet-Limousine raste mit vollen Scheinwerfern die 34th Street in östlicher Richtung, vorbei am Empire State Building und am Medical Centre in Richtung zum East River. Es schien, als wolle der Fahrer unter allen Umständen so schnell wie möglich den Roosevelt Drive erreichen.

Der Mann am Steuer ahnte vielleicht, dass er nur noch drei Minuten zu leben hatte.

Genau an der Stelle, wo sich die 34th Street und Lexington Avenue kreuzen, setzte sich ein schwarzer Buick hinter den roten Chevrolet, blieb ihm im gleichen, unsinnigen Tempo an den Hinterrädern, und dort, wo die 34th Street in den Roosevelt Drive einmündet, versuchte der schwarze Buick zu überholen.

Er schnitt dabei den roten Wagen, der im letzten Augenblick die Gefahr erkannt zu haben schien und versuchte, auszuweichen. Aber er kam auf dem glatten Schnee ins Schleudern, mit voller Breitseite sauste er auf das Geländer der Böschung zu, die zum Fluss hinunterführte.

Der Fahrer lenkte verzweifelt dagegen, aber die Räder griffen nicht mehr. Mit lautem Krach durchbrach der rote Chevrolet das Geländer, schien eine Sekunde lang frei in der Luft zu hängen, dann neigte er sich nach unten und polterte die Böschung hinab.

Das trübe, gelb graue Wasser des East River spritzte schäumend auf, verschlang den Wagen, und eine Sekunde später war von dem roten, Chevrolet nichts mehr zu sehen.

Der schwarze Buick aber schoss ohne Licht den leeren Roosevelt Drive hinauf und verschwand wie ein Phantom. hinter den von Wind gepeitschten Schneewänden.

 

 

2

Sergeant Dan Summers stoppte unseren Wagen vor einem grauen Haus in der Lexington Avenue, dicht an der Kreuzung 34th Street. Der Scheibenwischer surrte und wurde mit : dem Schnee kaum fertig. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte achtzehn Uhr drei. Die zuckenden Farbblitze der Lichtreklamen flackerten nur verschwommen durch das Schneetreiben.

Ich wischte die beschlagene Scheibe sauber, konnte aber die Hausnummer nicht genau erkennen. Sergeant Connor rümpfte die Nase.

„Hätten uns auch was Gemütlicheres aussuchen können, Frank. Wollen wir nicht noch ein paar Minuten warten, bis es nachlässt?“'

„Dann kommen wir später heim, Mike, und deine Frau wird böse. Los, raus. Dan, du bleibst hier im Wagen.“

Ich öffnete den Wagenschlag, den mir der Wind fast aus der Hand riss, und stieg aus. Der Sturm zerrte an meinem Mantel, und ich musste meinen Hut mit beiden Händen festhalten. Ohne mich umzusehen ging ich auf den Eingang des Hauses zu. Mike Connor folgte schweigend.

Eine Reihe Messingschilder. Mike Connor leuchtete sie ab, bis wir das gefunden hatten, was wir suchten:

TRANSPORT-COMPANY III.

J. BOWLAND & G. CORBETT

Die Haustür war offen, ein Lift brachte uns zum dritten Stock hinauf. Vielleicht waren wir vergebens hergekommen, um diese Zeit waren die meisten Büros schon leer. Aber hinter der Milchglastür mit den Buchstaben B & C brannte noch Licht. Wir hörten eine Schreibmaschine klappern.

Ohne anzuklopfen trat ich ein, Mike folgte mir.

Das schwarzhaarige Mädchen hob den Kopf und schaute uns nicht gerade überaus freundlich an.

„Nichts mehr", sagte sie. „Feierabend. Kommen Sie morgen wieder.“

Ich lehnte mich über die Barriere, ein kleiner Wasserstrahl kam von meinem Hut herab.

„Ich muss unbedingt Mr. Bowland sprechen", sagte ich. „Es ist dringend."

„Schon fortgegangen", sagte sie und las, was sie gerade geschrieben hatte. „Ich sagte doch, Sie sollen morgen ...“

„Moment." Ich zog meinen Ausweis aus der Tasche. „Ich bin Captain Frank Harris vom Major Crime Department. Und jetzt sagen Sie Ihrem Chef Bescheid, ich habe nicht viel Zeit."

Sie griff nach einem Kalender, nahm einen Bleistift in die Hand und sagte:

„Morgen Vormittag, neun Uhr dreißig. Ist Ihnen das recht, Captain?"

Anscheinend war Mr. Bowland wirklich nicht da. Oder er wollte nicht da sein und hatte das Mädchen entsprechend unterrichtet.

Ich tippte an meinen Hut.

„Danke, morgen ist es uninteressant für mich. Machen Sie öfters Überstunden? Geht der Laden so gut?"

Sie legte Kalender und Bleistift weg, fing wieder an zu tippen und zeigte uns damit, dass wir für sie nicht mehr existierten.

Wir verließen das Büro, und während wir mit dem Lift hinunterfuhren, fragte Mike Connor mein alter, erfahrener Sergeant:

„Glaubst du, dass sie was weiß? Ich vermute, sie wird ihn sofort anrufen und ihm sagen, dass wir dagewesen sind."

„Möglich", sagte ich und rannte zu unserem Wagen. Über Funk rief ich mein Office an und bat Susan Warner, meine Sekretärin, eine Überwachung des Anschlusses von Bowland & Corbett zu veranlassen.

„War Bowland nicht da?", fragte Dan Summers," während er den Motor anließ.

„Nein", sagte Mike. „Sonst wären wir wohl noch nicht zurück." Er wandte sich zu mir um. „Ob er doch schon Wind bekommen hat?"

„Woher sollte er? Dan, übergib Mike das Steuer. Du bleibst vorerst hier. Behalte den Hauseingang im Auge, du weißt ja, wie Bowland aussieht, und wenn er das Haus betritt oder verlässt, dann gibst du uns sofort Bescheid. Dort drüben ist eine Telefonzelle."

Dan schnitt eine Grimasse, aber er schlug sich den Mantelkragen hoch und stieg wortlos aus. Mike, der Graukopf, rutschte hinter das Steuer.

„Meinst du wirklich, Frank, dass es viel Sinn hat, den Jungen hierzulassen?"

„Ich muss alles versuchen, auch wenn sich Dan einen Schnupfen holt. Fahr zum Hauptquartier zurück, am besten über den Roosevelt Drive, wir kommen dort schneller vorwärts."

Während Mike langsam anfuhr, in die 34th Street einbog und Richtung East River lenkte, holte ich die zerknitterte Zeitung aus meiner Manteltasche, um Charly Fosters Artikel nochmals zu lesen, obwohl ich ihn schon kannte. Die Überschrift, in fetten Buchstaben, lautete:

RICK DAMONE WIEDER IN NEW YORK

 

 

3

Mike und ich sahen die Blaulichte# /und den Menschenauflauf gleichzeitig.

„Da ist was passiert, Frank. Soll ich halten?"

Ohne meine Antwort abzuwarten, lenkte er den Wagen an den Straßenrand und hielt. Wir stiegen aus und überquerten die Straße. Vier Streifenwagen standen da, hinter ihnen ein Kranwagen schwersten Kalibers. Ein Polizist hielt uns auf.

„Hier können Sie leider nicht durch, Gentlemen, es ist alles abgesperrt. Oder sind Sie Presse?"

Ich hielt ihm die kleine Lederhülle mit dem Abzeichen der New Yorker Stadtpolizei unter die Nase.

„Captain Harris vom M.C.D. Mein Begleiter ist Sergeant Connor. Was hat' s denn hier gegeben? Unfall?"

Der Polizist hob einen Finger an den Mützenschirm.

„Okay, Captain, Sie können natürlich durch. Wir holen gerade einen Wagen aus dem Bach. Unfall. Er hat dort die Absperrung durchbrochen und ist im Fluss notgelandet. Vermutlich ist ihm soviel Wasser nicht ganz bekommen, ein Mann ist drin hinterm Steuer, der Taucher hat ihn nicht rausbekommen. Wenn Sie mehr wissen wollen: dort drüben am Wagen 311 steht Lieutenant Rancconi, er hat hier das Kommando."

Mike und ich gingen zu dem Lieutenant, einem baumlangen Burschen in hohen Stiefeln, Breeches und schwarzer Lederjacke. Neben ihm stand zähneklappernd der Polizeitaucher, der unten die Stahltrosse am Wagen festgemacht hatte.

Der Kran zog langsam an, das Heck des Wagens kam gerade übers Wasser.

Ich machte mich mit dem Lieutenant bekannt und fragte: „Wie ist das passiert?"

Er ließ kein Auge von dem Wagen.

„Er ist oben durchs Geländer gebraust, Captain. Angeblich soll es vorher auf der Straße einen Zusammenstoß gegeben haben. Vielleicht auch war der Fahrer betrunken und ist ins Schleudern gekommen. Wir werden ihn gleich oben haben,"

Ich sah zum Wasser hinunter. Der Wagen, der immer mehr auftauchte, war ein roter Chevrolet.

„Komm, Frank", hörte ich Mike Connor hinter mir sagen. „Unfälle sind gottlob nichts für uns, und es ist spät genug."

Ich weiß nicht mehr, was mich veranlasste, noch zu bleiben. Jedenfalls starrte ich fasziniert auf den Toten hinter dem Steuer, und ich spürte, wie mich irgend etwas hier festhielt.

Der Kranwagen fuhr langsam rückwärts und zog den Chevy an Land, die steile Böschung, hinauf. Er lag auf der Seite, es knirschte häßlich, als das Metall auf den Steinen scheuerte. Der Tote rutschte zur Seite, aus der eingebeulten Tür schoss das Wasser durch die Ritzen. An der rechten Seite war das Blech aufgerissen, vielleicht von dem schweren Stahlgeländer.

Der Lieutenant sagte: „Sieht ganz so aus, als sei er nicht frontal gegen die Absperrung gebolzt. Der Kühler ist kaum beschädigt. Wir werden den Lack untersuchen, ob wir tatsächlich Spuren eines Zusammenpralls finden,"

Jetzt lag der Wagen vor mir auf der Straße. Sechs Polizisten stellten ihn mit vereinten Kräften auf die Räder. Vom Ambulanzwagen her kamen zwei Sanitäter mit Bahre und Gummisack, aber die Wagentüren hatten sich verklemmt, sie brachten den Toten nicht heraus.

Schließlich sprengten sie die linke Tür auf, hoben den Mann heraus und trugen ihn auf der Bahre weg. Der Lieutenant kroch in den triefnassen .Wagen, untersuchte ihn und ich sah, wie er Papiere aus dem Handschuhkasten nahm. Als er damit auf mich zukam, sagte er:

„So geht das jeden. Tag, Captain. Da einer, dort einer, und meistens ist es eigener Unverstand. Sie sind bei der Mordkimmission, was?" Plötzlich ging etwas wie ein Hoffnungsschimmer über sein Gesicht. „Hat das etwa einen Grund, dass Sie hier sind?" Eine umfassende Handbewegung. „Wollen Sie das etwa übernehmen?"

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, Lieutenant. Ich bin nur zufällig hier vorbeigekommen. Aber Sie wissen ja, die Katze lässt das Mausen nicht. Sind das seine Papiere?"

Er wendete das nasse Bündel Papiere hin und her.

„Ja. Komisch, was? Alles was von einem Menschen übrigbleibt, ist eines Tages ein Stück Papier mit seinem Namen."

„Darf ich?", fragte ich und griff schon danach.

„Bitte", sagte er enttäuscht, weil nun die Arbeit doch an ihm hängenblieb.

Ich griff nach dem Führerschein und zog ihn aus der Plastikhülle. Mike Connor stand hinter mir, schaute mir über die Schulter.

Ich las: Name: Bowland, Vorname: James Beruf: Transportunternehmer, Geburtsdatum: 19. 5.1915, Geburtsort: Wilmington / N.C, Kennzeichen: ohne

Mike Connor und ich schauten uns sekundenlang an. Endlich sagte Mike:

„Jetzt hat er sein besonderes Kennzeichen: er ist tot. Wir können Dan Summers sofort zurückrufen. James Bowland wird nicht mehr in sein Büro zurückkommen."

Der Lieutenant tippte auf meine Hand mit den Papieren.

„Ist was, Captain? Sie machen ein so sonderbares Gesicht."

Ich nickte ihm zu.

„Sie haben Glück, Lieutenant. Es ist doch ein Fall für die Mordkommission. Dieser Mann ist umgebracht worden - es war kein Unfall.“

 

 

4

Gegen zwanzig Uhr, als wir Dan Summers abholten, hatte es aufgehört zu schneien. Wir informierten Dan, was inzwischen geschehen war, dann beauftragte ich über Funk meine Sekretärin, nach Charly Foster zu forschen und ihn sofort in mein Office zu bestellen.

Als wir im Hauptquartier ankamen, hatte Susan den Reporter gerade erreicht, er war unterwegs hierher. Ich sagte zu Susan Warner: „Wir haben einen neuen Fall, aber ich glaube, ich werde Sie heute nicht mehr brauchen. Wenn Sie was vorhaben, können Sie nach Hause gehen.“

„Danke, Captain“, sagte sie und machte sich wortlos daran, für uns alle Kaffee zu kochen.

Kurz vor einundzwanzig Uhr kam Charly hereingestürmt. Er hatte seinen nassen Trenchcoat lose über die Schultern geworfen. Sein hageres Gesicht war blass vor Kälte. Er warf seinen Mantel über einen Stuhl, dann schnupperte er.

„Kaffee? Also wird' s eine lange Sitzung. Warum, zum Teufel, reißt ihr mich mitten aus meiner Arbeit heraus? Hoffentlich lohnt es sich für mich.“

„Ganz bestimmt", sagte ich und deutete auf die Zeitung, die ich auf den Tisch gelegt hatte. „Lies uns doch mal deinen Artikel vor/'

Er griff erst nach der Zeitung, hielt aber mitten in der Bewegung inne.

„Was soll denn der Quatsch? Ich kenne doch meine eigenen Artikel, und ihr könnt schließlich selber lesen.“

„Lies mal vor", wiederholte ich.

Er nahm die Zeitung, faltete sie auseinander und drehte sich zum Licht.

„Rick Damone wieder in New York. Wie unser Polizeireporter Ch. Foster in Erfahrung bringen konnte, wurde Rick Damone vor vier Tagen in New York gesehen. Damone wurde vor genau zwanzig Jahren wegen Mordes und Rauschgifthandels in Abwesenheit zum Tode verurteilt, er konnte niemals von der Polizei gefasst werden. Jetzt läuft er frei in unserer Stadt herum. Was unternimmt die Polizei? Wie wir damals berichtet haben, hatte Damone seinerzeit einige Helfershelfer. Vor allem wurden genannt: James Bowland ...“

Er ließ die Zeitung sinken.

„Wer hat diesen Namen rot unterstrichen? Was ist mit Bowland?"

Ich nahm ihm die Zeitung aus der Hand.

„Bowland ist heute Abend ermordet worden, Charly. Jemand hat ihn mitsamt seinem roten Chevrolet in den East River gerammt/'

Charly griff nach der Tasse, die Susan ihm reichte.

„Ermordet? Von Damone?"

Ich zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Aber ermordet ist er worden. Du kennst doch den Fall, weil du gerade darüber geschrieben hast, das erspart uns das Suchen im Archiv. Dort ist die Tafel, würdest du uns die wichtigsten Beteiligten aufschreiben?"

Charly nahm die Kreide, die Susan ihm gab, und schrieb an die schwarze Wandtafel:

James Bowland,

Sidney Chapell,

Glenn Corbett,

Horace Goldstein.

„Das sind sie", sagte er.

Ich nahm die Kreide aus der Hand und machte hinter James Bowland ein großes Kreuz.

„Also bleiben noch drei", sagte ich.

„Vier", verbesserte Mike Connor.

„Du hast den Haupttäter vergessen: Rick Damone.“ Mit einem schrägen Seitenblick fügte er hinzu: „Wenn unser Zeitungsfreund nicht geträumt hat."

Zwischen Mike und Charly bestand eine herzliche, offene Feindschaft, die jedoch nicht so weit reichte, dass einer dem anderen nicht geholfen hätte. Ich blickte Charly fragend an.

„Charly, es hängt unendlich viel von deiner Aussage ab: weißt du hundertprozentig, dass Damone wirklich nach New York zurückgekehrt ist, in ein Land und eine Stadt, wo der Elektrische Stuhl auf ihn wartet? Dazu müsste er doch besonders schwerwiegende Gründe gehabt haben. Oder war es nur eine kleine Flunkerei, um deinem Artikel die richtige Würze ..."

Er fuhr mich an.

„Ich würze meine Artikel nicht mit zurückgekehrten Mördern. Damone ist hier"

„Und die anderen vier wurden damals freigesprochen? Mangels Beweisen, wie du in deinem Artikel geschrieben hast?"

„Ja. Alle vier. Nur Damone wurde verurteilt."

Dan Summers, unser Jüngster, meldete sich.

„Dann ist es doch klar: einer hat Damone in den Dreck geritten, und Damone ist zurückgekommen, um sich zu rächen. Dieser eine war James Bowland."

Ich wandte mich an meine Sekretärin.

„Susan, besorgen Sie morgen bitte alles, was wir an Fotos von Damone bekommen können. Weiß Gott - nach zwanzig Jahren wird ihn kein Mensch mehr erkennen. Charly, wer hat dir die Nachricht überhaupt zugetragen?"

„Niemand"," knurrte Charly. „Ich habe sie mir mühsam besorgt. Ein Kerl namens Joe Hyams. ich kenne ihn schon lange, seine Auskünfte sind absolut zuverlässig. Außerdem hat er einen Fünfziger von mir dafür bekommen, aus meiner Tasche! Und damit ihr Bescheid wisst: ein Mann wie Damone kommt nicht zurück, um sich nach zwanzig Jahren zu rächen. Dazu ist er viel zu klug. Wenn er das gewollt hätte, würde er sich einen Burschen dazu gekauft haben.“

Ich kannte Charly, wir waren zusammen aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er hatte noch etwas in Petto, aber er wollte darum gefragt werden. Also tat ich ihm den Gefallen.

„Charly, was weißt du noch über Damone?"

„Ich habe einen Artikel in unserem Archiv ausgegraben. Darin heißt es, er sei seinerzeit nach Kuba geflohen und habe von dort aus seine Gang in Florida mit Rauschgift versorgt. Das war aber schon vor der Castro-Revolution, und was danach mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht."

„Es könnte genauso gut sein", sagte Mike Connor nachdenklich, „dass er in Wirklichkeit New York niemals verlassen hat. So was ist auch schon dagewesen." Er stand auf und schaute auf seine Uhr. „Frank, es ist gleich zweiundzwanzig Uhr. Heute können wir doch nicht mehr viel anfangen, ich gehe jetzt nach Hause. Ich habe Mary versprochen, wenigstens einmal in dieser Woche vor Mitternacht nach Hause zu kommen."

„Ja, geh nur", sagte ich. „Und grüße deine Frau von mir. Und Susan, Sie sollten jetzt auch verschwinden. Ebenso Dan - geh ins Kino oder schlafen. Charly und ich halten hier noch eine Weile die Stellung."

 

 

5

Charly und ich verzogen uns in mein kleines Office, wir hatten eine dreiviertel volle Kanne Kaffee und genug zu rauchen. Es fing wieder leise an zu schneien. Man kam nicht auf die Idee, an den Frühling zu denken.

Charly fragte: „Wurde Bowland schon an Ort und Stelle untersucht?"

„Nein, sie haben ihn fortgeschafft. Aber ich habe Doc Barrymore mobil gemacht, er will mir heute noch den Befund durchg eben."

Charly zog die Augenbrauen hoch.

„Den Befund? Wenn einer mit seinem Wagen durch die Absperrung prasselt und im East River auf Tauchstation geht, ohne Schnorchel und Sauerstoff, dann willst du noch einen Befund?"

„Ja, Charly. Die Fenster waren nicht kaputt. Die Türen haben zwar geklemmt, aber er hätte doch eine Scheibe herunter drehen und wenigstens den Versuch machen können, auszusteigen. Warum hat er das nicht getan?"

Charly lachte.

„Weil er von dem Aufprall dösig geworden ist. Vielleicht hatte er auch einen Schädelbruch." Er schwieg eine Weile, dann sagte er: „Übrigens hatte Damone kurz vor seinem Prozess noch geheiratet. Ob es die Frau ist, die ihn nach New York zurückgezogen hat?"

Ich verbrannte mir fast die Lippen an dem heißen Kaffee aus der Thermoskanne.

„Seine Frau? Ist er - oder ist sie geschieden? Wo lebt sie? Was weiß man über sie?"

Charly zuckte mit den Schultern. „Ich konnte sie nicht finden. Nirgends. Du müsstest versuchen, es herauszubekommen. Falls sie überhaupt noch lebt.“

Ich machte mir eine Notiz, als mein Telefon schrillte. Ich nahm den Hörer ab und meldete mich. Es war unser Polizeiarzt, Doc Barrymore. Er schnaufte ein wenig lauter als gewöhnlich.

„He, Cap", sagte er, „bist du bereit, später einen Whiskey zu spendieren? Vielleicht bei Del Monico ?"

„Was hast du gefunden, Doc?"

„Eine Wasserleiche ohne Wasser, Cap."

Ich schaltete rasch den Lautsprecher ein und gab Charly ein Zeichen, mitzuhören. Dann sagte ich:

„Also gut, einen Whiskey. Die Spesen scheinen sich zu lohnen. Aber was hast du wirklich herausgefunden?"

„Den Grund, warum James Bowland nicht den geringsten Versuch gemacht hat, aus seinem schönen Chevy aufzutauchen."

„Na also. Mord, nicht wahr?"

„Gewissermaßen ja. Wenigstens hatte er eine Kugel im Hirn und war schon tot, als er unten auf Grund kam."

Sekundenlang war es still. Charly Foster war genauso sprachlos, wie ich. Nur das Schnaufen des dicken Arztes war in der Leitung. Aber endlich schien ihm unser Schweigen zu lange zu dauern.

„He, Cap? Bist du eingeschlafen?"

„Im Gegenteil, ich versuche nachzudenken."

„Gib' s auf", schnaufte er. „Ich habe ihm ein Stahlmantelgeschoss aus dem Hirn montiert, vermutlich von einer 38 er S & W Spezial. Sagt dir das was?"

„Noch nicht. Wo saß der Schuss? Warum hat man das nicht an Ort und Stelle gemerkt?"

„In seiner linken Schläfe ist der Einschuss. Er hatte außerdem ein paar Schrammen im Gesicht und langes, klatschnasses Haar, man konnte es im ersten Augenblick übersehen. Ich vermute, dass der Schuss aus ziemlicher Nähe abgefeuert worden ist, etwas abgebremst von der Scheibe und ..."

„Halt, Doc - die linke Scheibe war in Ordnung. Alle Scheiben waren in Ordnung. Deshalb habe ich mich ja gewundert, dass der Mann nicht versucht hat, auszusteigen."

„Es gibt keine Wunder, Cap, Dann ist der Schuss in dem Augenblick abgegeben worden, als der Mann die Scheibe hochgekurbelt hat. Ist ja auch egal, Schuss ist Schuss. Willst du ihn dir anschauen?"

„Nein danke. Gute Nacht, Doc."

„Und mein Whiskey?"

„Ein andermal, Doc. Vielen Dank inzwischen."

Ich hängte ein und schaltete den Lautsprecher ab.

„Das gibt' s", sagte Charly. „Wenn einer in den Kopf geschossen wird, läuft er sogar noch ganze Strecken weit, warum sollte er nicht sein Fenster noch hochgekurbelt haben?"

„Es gibt noch eine andere Möglichkeit, Charly. Er kann sich selber erschossen haben. Vielleicht hat niemand auf die Pistole im Wagen … nein, ausgeschlossen. Ich war ja dabei, als der Lieutenant den Wagen untersuchte. Es ist und bleibt ein Mord, Charly."

Wir schauten uns an und tranken unseren Kaffee. Charly sagte:

„Tausend Menschen mindestens haben eine 38er Smith & Wesson Spezial in New York. Das hilft uns nicht viel weiter."

Ich zuckte mit den Schultern.

„Das Geschoss muss ins Labor, vielleicht haben wir die Waffe doch registriert. Aber was tun wir inzwischen?"

Charly ging zu der Schiefertafel und blieb davor stehen. Er sagte:

„Wenn Damone wirklich dahintersteckt, dann ist Bowland nur ein Anfang. Dann können wir demnächst ein weiteres Kreuz malen. Es sind noch Chapell, Corbett und Goldstein übrig - wer wird der nächste sein?"

Ich stand auf, fand keine Zigarette mehr und nahm mir eine von Charly.

„Also schön, nehmen wir mal an, dein V-Mann hat recht und Damone ist wirklich nach New York zurückgekommen. Himmel, ich muss doch die Akte haben. Oder kannst du mir das erklären?“

Charly berichtete:

„Damone war schon vor zwanzig Jahren mit Rauschgift im Geschäft, und zwar nicht im kleinen, er betrieb den Laden im großen Stil. Er hatte vier Geschäftsfreunde: Bowland, Goldstein, Corbett und Chapell. Die Gang flog auf, die vier wurden mangels Beweisen freigesprochen, Damone verurteilt. Er hatte, nach den Akten von damals, einen Mann namens Anthony Qualle erschossen, niemand wusste recht, warum. Das wurde auch im Urteil nicht präzise erwähnt. Frage: Ist seine Rückkehr ein Zeichen dafür, dass er wieder im Rauschgiftgeschäft tätig ist?"

Ich fragte: „Kannst du denn nicht von deinem V-Mann erfahren, was er hier will?"

„Hyams wird sich hüten", sagte Charly. „Wenn er zu viel weiß und von diesem Wissen Gebrauch macht, dann ... Er weiß, wie heiß dieses Eisen ist. Was ihm dann blüht, ist bestimmt kein Veilchenbukett. Wenn du also etwas über Damone erfahren willst, dann halte dich an seine drei ehemaligen Partner. Jetzt bist du ja offiziell in der Sache drin. Der Mord an Bowland ist deine Legitimation."

Ich wusste, dass Charly recht hatte. Aber unter den Millionen New Yorkern einen Mann wie Rick Damone zu suchen, war eine so aussichtslose Sache, dass es schon beinahe witzig wirkte. Der einzige rote Faden spann sich in dem Dreieck Chapell - Corbett - Goldstein.

Die Frage, die Charly vorhin gestellt hatte, war in jeder Weise berechtigt: Wer würde der nächste sein?"

Ich holte mir den Zettel mit den drei Adressen, die ich mir heute morgen von Dan Summers aus der Kartei hatte herausschreiben lassen, aus der Schreibtischschublade und entfaltete ihn.

Ich las: Glenn Corbett, 55 Jahre, Transportunternehmer N.Y. - Lower Manhattan, Lexington-Street

Horace Goldstein, 58 Jahre, Antiquitätenhändler N.Y. - Lower Manhattan, Second Avenue

Sidney Chapell, 50 Jahre, Rechtsanwalt N.Y. - Lower Manhattan, Houston Street

Bowlands Namen, der obenan in der Liste stand, strich ich durch, Er war, ebenso wie Corbett und Chapell, unverheiratet.

„Mit wem wirst du anfangen?", fragte Charly Foster, der mir über die Schulter hinweg zusah.

„Ich werde es mit Corbett versuchen", sagte ich nachdenklich. „Wenn wir eine Chance haben, dann bei ihm, denn heute Nachmittag ist sein Geschäftspartner ermordet worden. Goldstein und Chapell sind nicht so direkt betroffen wie Corbett. Wann erscheinen die Nachtausgaben der Zeitungen?"

„Gegen 23 Uhr", antwortete Charly. „Du glaubst, dass Corbett dann erst von dem Unfall seines Kompagnons erfahren wird?" Er schaute auf die Armbanduhr. „Es ist jetzt genau dreißig Minuten nach 23 Uhr. Wenn deine Rechnung aufgeht, müsste Corbett also inzwischen auf jeden Fall Bescheid wissen."

„Die beiden anderen auch", sagte ich. „Und wissen sie erst einmal Bescheid, dann sind sie jetzt alle bei einem der drei. Fahr nach Hause, Charly. Ich rufe dich morgen früh an."

„Ich habe meinen Wagen unten", bot er an. Das kleine, spöttische Lächeln in seinen Mundwinkeln war plötzlich wieder da. Ich wusste, ich würde ihn nicht abschütteln können.

„Also meinetwegen", gab ich nach. Ich öffnete die Schublade von Mike Connors Schreibtisch und entnahm ihr einen kleinen 38er Colt-Detectiv-Special-Revolver, steckte ihn in das unauffällige Schulterhalfter, zog meine Jacke über, warf den Mantel um die Schultern und nahm den Hut im Vorbeigehen vom Kleiderständer.

 

 

6

Der Fahrstuhl brachte uns ins Erdgeschoss hinunter. Ich hatte das Gefühl, dass uns nicht allzu viel Zeit bleiben würde. Um keine Zeit zu verlieren, fuhren wir mit Charlys Wagen.

Corbett bewohnte, ebenso wie Bowland, eine Apartmentwohnung im gleichen Häuserblock, in dem die Büros der Bowland & Corbett Transport Company lagen.

Ich ließ Charly im Wagen warten und fuhr zum vierten Stock hinauf, wo Corbetts Wohnung lag. Ich musste dreimal klingeln, bevor ich Geräusche hinter der Tür hörte.

Einen Moment blieb es still. Ich merkte, dass jemand hinter dem winzigen Guckloch stand und mich beobachtete. Endlich wurde die Tür geöffnet, und ein Mann stand im hell erleuchteten Flur.

„Ja?", sagte er.

Ich fragte: „Mr. Corbett?" Er nickte.

„Captain Harris vom Major Crime Department", sagte ich und zeigte ihm meinen Ausweis. „Darf ich reinkommen?"

„Ja, natürlich", sagte er, aber es klang zögernd und zurückhaltend. Trotzdem machte er mir den Weg frei und ging mir voran in das große, matt beleuchtete und elegant eingerichtete Wohnzimmer, Der Fernsehapparat lief. Auf dem Tisch standen eine Flasche Johnny Walker und ein Glas, daneben lag eine Zeitung. ;

„Bitte, nehmen Sie Platz", sagte er und schaltete den Fernsehapparat aus. Ich sah ihn mir genau an, als er zurückkam. Wenn dieser Mann wirklich schon fünfundfünfzig war, wirkte er nicht so. Man hätte sein Gesicht ein Jungengesicht nennen können, außerdem war es ein Dutzendgesicht. Er trug einen seidenen Hausmantel.

„Whiskey?", fragte er.

„Nein, danke", sagte ich. „Haben Sie die Abendzeitung gelesen, Mr. Corbett?"

„Sie meinen ... James Bowland?" fragte er zögernd.

„Ja."

Er wich meinem Blick aus. „Eine scheußliche Geschichte, nicht wahr? Wir haben fast fünfundzwanzig Jahre lang zusammengearbeitet, Captain Harris. So war doch Ihr Name, nicht wahr? Ein Glück, dass er nicht verheiratet war. Ja, ich habe von dem Unfall gelesen."

Ich beobachtete ihn scharf. Er war sicherlich kein guter Schauspieler, jedenfalls nicht in diesem Moment. Ich sah das unruhige Zucken in seinen Mundwinkeln.

„Sie kannten doch Bowland sehr gut", begann ich. „Hatte er Feinde?"

„Nein", erklärte er bestimmt.

„Jeder Mensch hat Feinde", sagte ich.

„Möglich."

„Und James Bowland?", wiederholte ich eindringlich meine Frage.

Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Ich sehe nicht ganz ein, worauf Sie hinauswollen", sagte er langsam. Er drehte sich um und hob eine zusammengefaltete vierseitige Abendzeitung vom Teppich auf. „Die Zeitungen berichten doch von einem Unfall, nicht wahr?"

„Morgen werden sie etwas anderes berichten", erwiderte ich. „Ich kann Ihnen heute schon sagen, was Sie morgen in den Frühzeitungen lesen werden, Mr. Corbett: James Bowland ist erschossen worden, und zwar von einem fahrenden Auto aus. Soviel haben wir bis jetzt herausbekommen können. Deshalb durchbrach sein Chevrolet die Absperrung und stürzte in den East River."

Ich hatte ihn genau beobachtet, als ich sprach. Sein Gesicht zuckte vor Nervosität, aber es war kein Zucken der Überraschung, das konnte ich sehr genau sehen. Es lag etwas ganz anderes in seinen schmalen Augen, Er leckte sich nervös die Lippen.'-

„Erschossen?", fragte er. Seine Stimme hatte fast alle Farbe verloren. Das war nicht gekünstelt, das war echt. „Erschossen?", wiederholte er noch einmal und starrte mich, an. „Sie meinen, jemand hat ihn ...“

„Ermordet", vollendete ich seinen Satz. „Man kann es nicht anders nennen, Mr. Corbett. Ein Wagen fuhr dicht an den seinen heran; nach den Zeugenaussagen so dicht, dass wir zuerst nicht abgeneigt waren, an einen Unfall zu glauben. Vom Fenster dieses Wagens aus fiel der Schuss. Ein Zeuge glaubte im dichten Schneetreiben einen schwarzen Buick erkannt zu haben. Was für einen Wagen fahren Sie, Mr. Corbett?"

„Ich fahre einen Cadillac", gab er halblaut zur Antwort, „Wenn Ihre Frage eine Verdächtigung sein soll, dann finde ich sie absurd, Captain. James war seit fünfundzwanzig Jahren mein Partner im Transportgeschäft."

„Der Mord an Bowland wird eine. Menge Staub aufwirbeln", sagte ich. „Sie müssen gewärtig sein, dass sich sogar die Steuerbehörde einschaltet und dass die Bücher Ihrer Company überprüft werden. Das ist in solchen Fällen allgemein üblich."

„Unsere Gesellschaft hat nichts zu verbergen", gab er zurück. Plötzlich stand er auf und begann ruhelos hin und her zu gehen. Ich sah, wie er die Hände in den Taschen seines chinaseidenen Hausmantels zu Fäusten ballte.

„Haben Sie irgendeinen Verdacht, wer es gewesen sein könnte?", fragte er.

„Wir haben nicht die geringste Ahnung", erwiderte ich ruhig. „Deshalb auch mein Besuch bei Ihnen. Wir suchen noçh, Mr. Corbett."

„Mein Gott", sagte er. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass James Feinde gehabt haben sollte, die ..."

„Fiel Ihnen in letzter Zeit eine Veränderung in seinem Benehmen, in seinem Wesen auf?"

„Nicht, dass ich wüsste, Captain. Und ich müsste so etwas als erster bemerkt haben."

„Hat er in letzter Zeit größere Geldsummen abgehoben?", fragte ich weiter. „Summen, die über das übliche Maß hinausgingen?"

„Wir hatten getrennte Privatkonten bei der Bank von New York. Gemeinsamen Einblick hatten wir nur in die Geschäftskonten."

„Hat er... verstehen Sie meine Frage bitte richtig: Hat er Frauengeschichten gehabt?"

„James?" Corbett setzte sich auf die Armlehne des Ledersessels, „Nein. Er hatte nach zwei geschiedenen Ehen genug."

Er stützte den Kopf schwer in beide Hände. Wieder war ich mir nicht klar, ob er Theater spielte oder nicht. Ich erhob mich. Im Augenblick konnte ich nichts weiter tun.

„Kommen Sie morgen gegen Mittag ins Hauptquartier der Stadtpolizei in der Centre Street und fragen Sie nach Captain Harris vom M.C.D.", sagte ich. „Vielleicht habe ich dann noch ein paar Fragen ..."

In diesem Moment sah ich etwas, was mir unbegreiflicherweise bis jetzt noch nicht aufgefallen war: In dem aus bernsteinfarbenem Kunststoff gepressten Aschenbecher auf dem Tisch lagen zwei noch brennende Zigaretten.

Corbett hob den Blick. Mein plötzliches Innehalten im Sprechen hatte ihn aufmerksam gemacht. Ich schaute schnell beiseite; ich wollte ihn gar nicht erst auf das aufmerksam werden lassen, was ich gesehen hatte. Ich reichte ihm rasch die Hand, als ob ich ihm nachträglich zum Verlust seines Partners kondolieren wollte.

Er hielt sie einen Moment fest und. sagte: „Wenn Ihre Nachforschungen irgend etwas ergeben sollten, Captain, dann werden Sie es mich erfahren lassen, nicht wahr?"

„Aber natürlich", versprach ich. Ich wusste, ich würde ihm nichts sagen, höchstens das, was in unsere Pläne passte.

Corbett brachte mich noch bis zur Wohnungstür und ich hatte das Gefühl, dass er erleichtert war, als er die Tür hinter mir schließen konnte.

Langsam ging ich zum Lift und fuhr zum Erdgeschoss hinunter. Der Wind hatte etwas nachgelassen. Der Schneefall war dünner geworden und kam nun von der West Side her.

Charly hatte das Licht im Wagen angeknipst und machte sich Notizen in ein ledergebundenes Heft.

Er sah kaum auf, als ich mich neben ihn setzte und die Tür zuschlug.

„Na", knurrte er. „Was war das für ein Knabe?"

Ich nahrn den Hut ab und legte ihn auf meine Knie.

„Ich glaube, der Bursche wusste, dass Bowlands Unfall kein Unfall war", gab ich zurück. „Er schauspielerte; aber er konnte damit nicht ganz verdecken, dass er Angst hat. Fünf Minuten vorher wollte er von Bowlands Tod erfahren haben und als ich kam, las er Zeitung, trank Whiskey und sah TV, noch dazu eine Komödie. Als ich läutete, richtete er alles so her, als sei er allein, aber in seiner Aufregung hat er etwas falsch gemacht.“

„Er war nicht allein?", fragte Charly aufmerksam und klappte sein Notizbuch zu.

„Hast du schon mal jemanden gesehen, der abwechselnd zwei verschiedene Zigaretten raucht?", fragte ich. „Da war noch jemand bei ihm, wahrscheinlich im Nebenzimmer. Entweder Chapell oder Goldstein, oder beide zusammen .."

„Hast du Damone vergessen?", fragte Charly. „Woher willst du wissen, dass er nicht in Corbetts Wohnung ist?"

Unwillkürlich neigte ich mich vor und sah durch die schräge Windschutzscheibe zu den erleuchteten Fenstern von Corbetts Apartment hinauf. Ich sah einen Schatten.

„Kann ich dein Autotelefon benutzen?", fragte ich. Er hatte mich unsicher gemacht. Ich musste einen Posten in der Nähe haben, der mir meldete, wer in Corbetts Wohnung aus und einging.

Ich ließ mich mit dem Hauptquartier verbinden und verlangte einen nicht mit den Polizeikennzeichen versehenen Wagen und zwei Beamte in Zivil des Detectiv-Corps. Ich ordnete ausdrücklich Bewaffnung an. Im Falle eines Auftauchens von Rick Damone sollten sie imstande sein, ihn zu stellen.

Charly brachte mich in seinem Wagen zum Hauptquartier zurück und setzte mich dort ab. Ich sah die roten Schlusslichter seines Wagens in der Februarnacht verschwinden. Eine seltsame Unruhe hatte mich erfasst; Ich wollte nicht in meine Wohnung in Greenwich Village zurückfahren und legte mich auf ein zusammenklappbares Feldbett in meinem Office.

 

 

7

Als ich die Augen aufschlug, war es Morgen. Trübes, graues Winterlicht rieselte durch das Fenster herein. Jemand hatte mich wachgerüttelt. Susan Warner neigte sich über mich. Sie lächelte mir zu.

„Es ist schon neun Uhr", mahnte sie. „Ich glaube, Sie sollten aufstehen und sich rasieren, Captain."

Ich schwang die Beine über den Rand des Feldbetts und setzte mich auf.

„Habe ich was Wichtiges verschlafen?", fragte ich gähnend.

„Beinahe, Captain. Der Chef will Sie dringend sprechen. Er hat vor ein paar Minuten angerufen."

Inspector Rockford hatte mich angerufen?

„Was will er denn?", fragte ich, während ich nach meinem elektrischen Rasierapparat suchte.

„Hat er nicht verraten", sagte Susan und half suchen. Wir fanden den Apparat schließlich in der Korrespondenzablage. Susan sagte vorwurfsvoll: „Wann endlich werden Sie Ordnung halten lernen, Captain? Soll ich Ihnen Kaffee machen und ein Sandwich holen lassen?"

„Mit viel Schinken", bat ich. „Und scharfen Mixedpickles drauf."

Ich rasierte mich hastig und zog ein frisches Hemd an. Da ich öfters in meinem Office übernachte, habe ich immer ein paar frische Hemden im Schrank.

Wenige Minuten später brachte Susan den Kaffee und das Sandwich. Ich aß eilig, goss eine Tasse Kaffee hinterher, und während ich meine Krawatte in Ordnung brachte, erlaubte ich mir ein paar Züge Rauch. Dann machte ich mich auf den Weg zum Chef;

Rockfords Büro lag am Ende des langen Korridors. Auf dem Weg dorthin wurde ich erst richtig wach.

Seine Sekretärin empfing mich mit vorwurfsvollem Gesicht.

„Der Inspector wartet schon seit einer halben Stunde auf Sie, Captain." Sie schaltete die Sprechanlage ein. „Sir, Captain Harris ist jetzt da."

Ich vernahm Rockfords bekannte und berüchtigte raue Stimme: „Soll reinkommen."

Er vergaß offenbar jeden Tag, dass er zwei Füße hatte, jedenfalls pflegte er grundsätzlich mit dem linken aufzustehen. Ich trat ein und war entschlossen, alles an mir abprallen zu lassen, was er nun zu sagen hatte.

Er saß wie angeschraubt in seinem Drehstuhl hinter dem Schreibtisch. und sah mir unbewegten Gesichtes entgegen.

„Guten Morgen, Sir", begrüßte ich ihn höflich. ,

„Setzen", sagte er. Wenn er im Telegrammstil sprach, war er besonders schlecht aufgelegt. „Habe hier einen Befund von Doc Barrymore. Danach ist der gestern aus dem East River gefischte Transportunternehmer Bowland erschossen worden. Außerdem habe ich hier ein paar Zeitungen, die interessante Artikel bringen. Ihr Name wird dabei genannt, Harris. Ich kann mich nicht erinnern, Sie mit dem Fall beauftragt zu haben. Was ist mit der Affäre Loomis in der Bowery? Sie arbeiten doch daran, oder?"

„Ja, Sir", antwortete ich. „Aber es haben sich eine Reihe neuer Aspekte in der Sache Bowland ergeben. Ich habe genug Material. Es reicht bis in die Zeit vor zwanzig Jahren zurück, Inspector. Ich würde es Ihnen gern herüberschicken. Die Loomis-Affäre in der Bowery dürfte auf einen Totschlag im Affekt hinauslaufen. Was da noch zu tun ist, kann jeder Detektivanwärter erledigen. Im Fall Bowland aber geht es möglicherweise um einen Mann, der vor zwanzig Jahren hier in New York vom Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde; um den Heroinschmuggler Rick Damone ...“

„Sagt mir nichts", schnarrte Rockford. „Hatte die Absicht, eine andere Abteilung für den Fall Bowland einzusetzen."

„Ich möchte Sie ersuchen, mir den Fall zu lassen, Sir", bat ich ihn. „Ich werde Ihnen unser Material herüberschicken, damit Sie sich ein Bild machen können. Den Akten nach hat Rick Damone vor zwanzig Jahren nicht nur einen Mann erschossen, sondern auch etwa einhundertfünfzig Kilogramm Heroin über den New. Yorker Hafen herein geschmuggelt. Diese Heroinmenge reicht aus, um Hunderte von Menschen in den Wahnsinn zu treiben. Rick Damone soll jetzt wieder in New York sein."

Rockfords schmales, hohlwangiges Gesicht legte sich in Falten.

„Heroin fällt unter, das Aufgabengebiet des Rauschgiftdezernates", gab er kurz zurück.

„Es gibt bisher kein Zeichen dafür, dass es sich wieder um Rauschgift handelt", drang ich in ihn. „Ein Mann ist auf dem Roosevelt-Drive erschossen worden, und das fällt in unseren Aufgabenbereich, in den der Mordkommission. Ob sich das Rauschgiftdezernat einschaltet, können wir nicht wissen; aber im Moment ist es unsere Aufgabe. Sir, ich fürchte, dass James Bowland nicht das einzige Opfer bleiben wird, wenn wir uns nicht beeilen."

Rockford stand auf und ging zum Fenster. Mit auf dem Rücken verschränkten Armen blieb er stehen und starrte durch die Scheibe, die sich unter seinem Atem beschlug.

„Welchen Beweis haben Sie dafür, dass dieser ... Damone wirklich in New York ist?"

„Nur die Aussage eines V-Mannes", gab ich zu. Ich wusste, dies war der schwache Punkt. Er hakte auch sofort ein.

„Ein V-Mann? Herrgott, seien Sie doch nicht so naiv, Harris! Diese Brüder verkaufen doch zu fünfundsiebzig Prozent nur Lügen."

„Durchaus möglich." Mir blieb keine andere Möglichkeit, als das zuzugeben,

„Wer ist der Mann?", fragte er.

„Ein gewisser Hyams, Sir. Von ihm stammt die Nachricht, dass Damone wieder in die heimatlichen Gefilde zurückgekehrt ist."

Rockford kam zum Schreibtisch zurück und blieb dort stehen. Seine Hände spielten mit dem Federhalter.

„Und Sie sind fest davon überzeugt, dass Damone hinter dem Mord an Bowland steckt?"

„Ich halte es zumindest nicht für ausgeschlossen", meinte ich vorsichtig. „Geben Sie mir ein paar Tage Zeit, Sir, und lassen Sie mich ein paar neue Fakten zusammentragen."

„Ich bin verpflichtet, die Angelegenheit an das Rauschgiftdezernat des Bundeskriminalamtes weiterzugeben", sagte er kühl. „Ob uns dann der Fall belassen oder aus der Hand genommen wird, kann ich nicht entscheiden. Aber bis dahin können Sie sich damit beschäftigen, wenn Sie zu wenig Arbeit haben."

Ich stand auf.

„Danke, Sir. Vielleicht wäre es möglich, dass Sie den Bericht erst in ein bis zwei Tagen an das Bundes ..."

„Raus!", unterbrach er mich. Aber um seine Lippen spielte dabei die Spur eines amüsierten Lächelns.

 

 

8

„Er hat dich wohl nicht einmal ausreden lassen", sagte Mike Connor, als ich in mein Office zurückkam. „Wie viel Zeit haben wir?"

„Wenig genug", erwiderte ich. „Wie finden wir Damone in dieser kurzen Zeit? Mike, du kennst doch ein paar von diesen Burschen, die wir in unserer Kartei führen. Kannst du nicht durch einen von ihnen irgend etwas über Damone in Erfahrung bringen?"

Connor fuhr sich mit einer Hand über das kurzgeschorene, eisgraue Stoppelhaar.

„Wie stellst du dir das vor?", fragte er kopfschüttelnd. „Seit Bowland ermordet wurde, wird jeder den Mund halten. Angst ist das beste Schweigemittel, und Damone war noch nie zimperlich in seinen Methoden. Wir müssten Unsummen für Informationen bezahlen, von denen wir nachher nicht einmal wissen, ob sie stimmen oder nicht. Ich kann' s natürlich versuchen, aber ..."

Susan kam aus ihrem Büro und brachte mir die drei Durchschläge einer schriftlichen Meldung zum Unterschreiben. Ich unterzeichnete die Blätter eines nach dem anderen, wahrend ich mit den Gedanken ganz woanders war. Connor hatte recht. Jeder V-Mann würde sich hüten, etwas über Damone zu sagen, wenn ... ja, wenn Damone überhaupt in New York war.

„Wenn wir nur mehr Zeit hätten", stöhnte ich. „Rockford hätte das Abschicken eines schriftlichen Berichtes an das Bundeskriminalamt gut um ein, zwei Tage verschieben können."

„Der tut nie etwas, was nicht rot unterstrichen in den Paragraphen steht", murmelte Connor. „Ich möchte nur wissen, womit der seine Abende verbringt."

„Mit der Dienstvorschrift", kam es von Dan Summers Schreibtisch her. Connor grinste zustimmend.

„Es bleibt jetzt nur noch eines übrig", sagte ich. „Mike, du holst ein paar Detektivanwärter zusammen und lässt Chapell, Corbett und Goldstein überwachen, und dann setz' Himmel und Hölle in Bewegung, um die Frau ausfindig zu machen, die Rick Damone vor zwanzig Jahren geheiratet hat. Du musst mir zumindest Angaben darüber bringen, wo sie sich zuletzt aufgehalten hat."

„Ich werde es versuchen", versprach er. „Die drei Männer überwachen zu lassen, wird nicht schwer sein. Vor Corbetts Haus steht ohnehin schon ein Posten. Aber die Spur dieser Mrs. Damone nach zwanzig Jahren zu finden, Frank, das ist so gut wie ausgeschlossen."

„Himmel noch mal, versuch es doch wenigstens erst", knurrte ich gereizt.

„Ja ja, schon gut, schon gut", murmelte Mike und ging zum Telefon, um meine Anordnungen durchzugeben.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zu Susans Arbeitszimmer. Sie steckte den Kopf herein und sagte: „Ein Gespräch für Sie, Captain. Soll ich' s in ihr Büro legen, oder nehmen Sie es gleich hier an?"

„Legen Sie es hierher", sagte ich.

Ich hob den Hörer ab, als es klingelte.

„Frank?", sagte eine aufgeregte Stimme. „Hier ist Charly. Ich sitze im Archiv unter Bergen von staubigen alten Zeitungen. Aber ich habe etwas gefunden, was dich interessieren wird."

„So?"

„Die Adresse von Mrs. Fee Dorham, früher Fee Damone. Die Adresse ist zwar schon fünf Jahre alt, aber ..."

„Wo wohnt sie?", unterbrach ich ihn wie elektrisiert.

Ich hörte ihn lachen.

„Möchtest du wissen, was? Was tätest du ohne deinen Charly. Also ich mache dir einen Vorschlag: wir fahren zusammen hin. Du musst mich aber hier abholen. Fee Dorham, die frühere Frau von Rick Damone, betrieb eine Werbeagentur in der Madison Avenue. Allerdings vor fünf Jahren, aber vielleicht können wir dort noch etwas erfahren. Also hole mich bitte ab, ich bin in der Times.“

Natürlich, Charly verstand es ausgezeichnet, sich als Reporter die fettesten Fische zu angeln, und meistens war er als erster an einer Sensation.

„Okay, du alter Erpresser. In ein paar Minuten bin ich dort. Warte auf der Straße auf mich."

Als ich aus dem Hof hinausfuhr, dachte ich flüchtig darüber nach, dass ich mich im Augenblick eher um Corbett kümmern sollte.

Ich hätte diesem plötzlichen Impuls nachgeben sollen, denn wie sich später herausstellte, spielte sich dort gerade jetzt etwas sehr Seltsames ab.