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Peter Dubina

Mord zu festen Preisen (Mordkommission New York, Frank Harris, Band 5)

Teil 1 des Cassiopeiapress Zweiteilers "Die Mord-GmbH"/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Mord zu festen Preisen Teil 1

Frank Harris - Mordkommission New York – Band 5

Klassik Krimi Line

von Peter Dubina

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Privatdetektiv Richard Chandler kommt nicht mehr dazu, nach dem schussbereiten Revolver zu greifen. Der Killer ist schneller. Aber er begeht einen entscheidenden Fehler, der Captain Frank Harris von der Mordkommission New York auf die richtige Spur lenkt:

Er lässt Chandlers Terminkalender liegen. Und eine halb gerauchte Marihuana-Zigarette. Wenige Stunden nach Chandlers Tod wissen Harris und seine Kollegen, dass die „Mord-GmbH" wieder lebt. Sie verkauft Mord zu festen Preisen. Und Frank Harris kennt den Namen des Chefkillers. Nur kann er ihm nichts nachweisen. Noch nicht ...

 

Copyright

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Klassik Krimi Line, Band 5, Mord zu festen Preisen Teil 1, mit freundlicher Genehmigung von Alfred Wallon

© by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

Cover & Layout © by Steve Mayer und Stocksnap/Pixabay, 2015



1

Der Mörder des Privatdetektivs Richard Chandler trug einen unauffälligen, grauen Straßenanzug, eine braune Schweinsledertasche und dunkle Sonnengläser. Als er das Vorzimmer des Detektivbüros betrat, lebte Chandler allerdings noch.

Die Sekretärin hinter dem Schreibtisch blickte auf, als sich die Tür hinter dem Mörder schloss. Ein Funke sprang in ihren Augen auf.

Der Mann blieb neben der Tür stehen und sah sie fragend an. Sie biss sich auf die Lippen, dann schob sie den Stuhl zurück und stand auf.

„Er ist jetzt drin. Musst du ...?"

„Ja, ich muss. Und du weißt es", erwiderte der Mann. „Es ist alles vorbereitet. In zehn Stunden sind wir bereits in Brasilien.“

Er stellte die Tasche auf den Tisch und holte ein mehrfach zusammengefaltetes Handtuch heraus. Dann zog er die Waffe unter der Jacke hervor.

„Warte hier auf mich!", sagte er ruhig, dann drehte er sich um und ging auf die Milchglastür zu, auf der in dunklen Lackbuchstaben Chandlers Name stand. Hinter der Tür brannte Licht.

Der Mann drehte den Türknopf behutsam herum und ließ die Tür lautlos nach innen aufgleiten.

Richard Chandler saß hinter seinem Schreibtisch, genau im Lichtkegel der Tischlampe, und der Mann in der offenen Tür konnte jede Einzelheit an ihm wahrnehmen. Vor Chandler lag ein kleiner Revolver im Achselhalfter auf dem Tisch. Der Mörder ging auf Chandler zu. In der Rechten hielt er die Colt-Automatic, mit der Linken presste er das zusammengefaltete Handtuch um die Mündung der Waffe.

Beim Klang der fremden Schritte fuhr Chandler ruckartig auf; aber das Licht blendete ihn. Er konnte nicht viel mehr erkennen als einen undeutlichen Schatten, der auf ihn zukam.

„Was ...?", begann er überrascht. Es war das letzte Wort, das über seine Lippen kam.

Das gefaltete Handtuch dämpfte den Knall des Schusses fast zur Lautlosigkeit. Das Geräusch war nicht stärker als das Knallen eines Flaschenverschlusses.

Chandler fuhr hoch und fiel in seinen Stuhl zurück. Seine Hand, die noch den Colt Cobra-Revolver fassen wollte, riss die Schreibtischlampe herunter. Klirrend zerschellte sie auf dem Boden.

Chandler sank in seinem Stuhl zusammen. Sein Kinn lag auf der Brust. Es schien, als wollte er den winzigen, dunklen Fleck betrachten, der sich auf seinem Hemd abzeichnete, genau über dem Herzen.

Der Mann mit der Sonnenbrille starrte einen Augenblick lang auf den toten Detektiv nieder, dann drehte er sich um und ging in das Vorzimmer zurück.

Die rothaarige Sekretärin stand an die Wand gelehnt, der Mantel hing um ihre Schulter. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Augen waren groß und von Entsetzen erfüllt, als begriffe sie jetzt erst, was geschehen war.

Der Mann in der Tür zu Chandlers nun dunklem Privatbüro lächelte dem Mädchen zu, dann hob er beide Hände, die Pistole und Handtuch hielten. Im schwachen Licht glitzerten seine Augen leblos und starr; sie sahen aus wie die Augen einer Schlange und beteiligten sich nicht an dem Lächeln seines Mundes.

Die Frau an der Bürowand zwischen den Aktenkästen kam nicht einmal dazu, den Mund zu öffnen. Der kleine, dumpfe Knall, wie von einer hastig geschlossenen Tür, riss ihr das unausgesprochene Wort von den Lippen.

Sie zuckte zusammen, und ein ungläubiges, schmerzliches Lächeln glitt über ihr Gesicht. Sie streckte die Hand aus, langsam, qualvoll langsam, als wolle sie über die Entfernung von fünf Yards hinweg den Mann erreichen, der zu ihrem Mörder geworden war. Wieder drückte er ab; wieder gab es einen kleinen Knall. Sie sank gegen die Wand und glitt lautlos zu Boden.

Der Mörder schob ruhig den Sicherungsflügel nach vorn und legte die Colt-Automatic und das Handtuch in die Aktenmappe, dann ging er zum Fenster und ließ die Jalousie herunter, bevor er sich eine Zigarette anzündete.

Seine Bewegungen waren jetzt unruhig. Er warf das Streichholz in den Aschenbecher und ging zu den Aktenschränken, riss sie auf und begann, ihren Inhalt zu durchwühlen. Plötzlich drang ein Geräusch vom Flur herein. Er erstarrte. Schritte näherten sich der Bürotür.

Der Mörder glitt am Schreibtisch vorbei, und seine Hand fasste nach der Aktenmappe. Die Tür war, wie alle anderen des Büros, aus Milchglas. Draußen brannte die Gangbeleuchtung, und der Mörder konnte den Schatten einer Gestalt auf dem Milchglas sehen.

Seine Hand tastete sich in die Aktenmappe und kroch behutsam über das kalte Metall der .38 Automatic.



2

Sergeant Dan Summers, der jüngste Mitarbeiter in meiner Mordkommission, hielt unseren Wagen am Straßenrand an. Unwillkürlich warf ich einen Blick auf die grün schimmernden Ziffern der elektrischen Uhr am Armaturenbrett. Es war kurz vor 20 Uhr. Blaue Sommerdämmerung hing über New York. Die Luft war warm und sauerstoffarm, und der Schweiß brach mir aus, als ich mich aus dem Wagen schob.

Die Umgebung des Hauses war bereits von Streifenwagen abgesperrt. Vor der Eingangstür standen zwei Cops und bemühten sich, die Reporter zurückzudrängen.

Wir, meine beiden Sergeanten Dan Summers, Mike Connor, unser Polizeiarzt Dr. Barrymore und ich, gingen hinüber. Als wir uns zwischen den Polizeiwagen hindurch schoben, tauchte ein uniformierter Polizeilieutenant in der Haustür auf.

„Sind Sie Captain Harris ?", erkundigte er sich. „Man hat uns schon davon unterrichtet, dass Sie kommen. Ich werde Sie hinaufbringen.“ Er nahm die Mütze ab und wischte sich den Schweiß von der Stirne. „Jedes Mal, wenn es Sommer wird, beneide ich die Fische in einem schönen kühlen Aquarium. An Tagen wie dem heutigen hat man das Gefühl, ersticken zu müssen.“ Da niemand etwas erwiderte, verstummte er.

Wir fuhren mit dem Lift in den vierten Stock hinauf. Ein Cop stand vor der Tür, ein anderer unterhielt sich mit einem unscheinbar aussehenden Mann in abgetragener Kleidung, der beim Reden ununterbrochen die Hände bewegte.

„Hier herein!", sagte der Lieutenant. Ich betrat hinter ihm das Büro. Neonröhren verströmten ein kaltes, blaues Licht von der Decke des Raumes.

An der Wand, zwischen aufgerissenen Aktenschränken, lag eine junge Frau mit langen, tizianroten Haaren. Auf den ersten Blick schätzte ich sie nicht älter als fünfundzwanzig. Sie war an der Wand heruntergerutscht und hatte den Oberkörper angelehnt. Ihre offenen Augen starrten mich glasig an. Ihr helles Sommerkleid war dunkel von Blut, aber im Licht der Neonröhren sah das Blut aus wie Teer.

„Chandler liegt im Nebenraum", erklärte der Polizeilieutenant. „Er ist auch erschossen worden. Wollen wir hinübergehen?"

Wir fanden den Privatdetektiv in seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch. Schweigend standen wir vor dem Tisch, bis Mike die Stille brach: „Warum hat er nicht versucht, den Revolver zu ergreifen?"

„Ich nehme an, er schaffte es nicht mehr", gab ich zurück.

Glasscherben knirschten unter meinen Schuhsohlen. Die zertrümmerte Lampe lag neben dem Schreibtisch.

„Eine merkwürdige Geschichte. Warum hat das Mädchen draußen nicht um Hilfe gerufen oder ist geflohen, als es den Schuss hörte? Sie hätte doch sicher noch Zeit und Gelegenheit dazu gehabt", sagte Mike kopfschüttelnd.

„Wahrscheinlich würde der Schuss durch Schalldämpfer abgegeben", warf der Lieutenant ein. „Das würde auch erklären, warum niemand im Haus einen Knall gehört hat."

„Bis ins Vorzimmer muss man ihn auf jeden Fall gehört haben", sagte ich mehr zu mir selbst. „Aber vielleicht wurde sie zuerst erschossen."

„Das hätte wiederum Chandler hören müssen!", widersprach Mike und wandte sich an den Lieutenant: „Wer hat Sie verständigt?"

„Der Hausverwalter hat einen Streifenwagen gerufen, weil er annahm, dass hier irgend etwas nicht stimmte. Er will sonderbare Geräusche gehört haben, als er an der Tür vorbeiging. Der Mann steht draußen auf dem Korridor. Wenn Sie ihn verhören wollen ..."

„Später", wehrte ich ab. „Wer ist das Mädchen im Vorzimmer?"

„Vermutlich Chandlers Sekretärin. Wir haben ihren Ausweis in der Handtasche gefunden. Hier!"

Er nahm den Ausweis vom Schreibtisch auf und reichte ihn mir. Ich schlug ihn auf. Ein hübsches Mädchengesicht lächelte mir von dem Foto entgegen. Ich las:

„Name: Dawson. Vorname: Karen. Geb.: 5. Sept. 1937 in Montclair, Essex, N. Y.

Beruf: Sekretärin. Besondere Kennzeichen: Narbe am linken Handgelenk."

Wir schrieben uns ihre Adresse heraus, dann gab ich Mike Connor den Ausweis für die Akten.

Dan Summers kam herein und begann seine Kamera aufzubauen.

„Drüben ist alles zerwühlt", murmelte er. „Sieht so aus, als hätte Chandlers Mörder etwas Bestimmtes gesucht. Soll ich jetzt die Aufnahmen machen?"

„Ja", sagte ich mit einem letzten Blick auf Chandler und den Revolver, der im Schulterhalfter, von den Riemen umwickelt, vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Der Mann, der ihn ermordet hatte, musste ein schneller und sicherer Schütze sein.

Wir gingen hinaus ins Vorzimmer.

„Bringen Sie den Hausverwalter herein", bat ich.

Der Lieutenant ging hinaus und kam mit dem Mann zurück, den ich vorhin schon bemerkt hatte.

„Das ist Mr. Pawel Andic", erklärte der Lieutenant. „Mr. Andic, das ist Captain Harris vom Major Crime Department. Berichten Sie noch einmal, was Sie gehört und beobachtet haben."

Zwei eng zusammenstehende Augen blinzelten mich kurzsichtig durch die runden Gläser einer Nickelbrille an.

„Es war so", kam es unsicher über Andics Lippen. „Ich kam zufällig hier herauf. Mr. Chandler hatte seinen Wagen falsch geparkt, und ich wollte ihn darauf aufmerksam machen. Als ich heraufkam, hörte ich Geräusche aus dem Büro. Es war, als fiele etwas Schweres zu Boden, dann waren noch andere Laute da; und als ich auf die Tür zuging, erlosch drinnen auf einmal das Licht und ... es wurde ganz still. Ich dachte, es könnten... vielleicht Einbrecher sein und... Sir, ich habe zwei Kinder und eine Frau. Hätte ich hineingehen sollen?"

„Nein, Mr. Andic. Sie haben richtig gehandelt. Ich danke Ihnen. Sie können jetzt gehen."

Mehr hätte Andic uns ohnehin nicht sagen können. Er war ein unscheinbarer Mensch, aber der Mörder hätte ihn nicht verschont, wenn er ihm in die Quere gekommen wäre. Die Strafe für drei Morde ist nicht höher als die für zwei Morde.

„Was glaubst du, wäre geschehen, wenn Andic die Bürotür geöffnet hätte, Frank? Wäre er ...?"

Ich sah Mike Connor nachdenklich an. Er hatte wieder einmal genau meine Gedanken erraten.

„Ein einziger Blick in den Raum hätte ihn das Leben gekostet, Mike. Ein Mann, der zweimal mordet, wird nicht zögern, ein drittes Mal zu schießen, wenn er seine Sicherheit gefährdet sieht. Er hätte Andic erschossen, ohne auch nur zu zögern. Er durfte auf keinen Fall riskieren, dass jemand sein Gesicht sieht."

„Ich versuche gerade zu rekonstruieren, wie es geschehen ist", erwiderte Mike. „Offenbar besaß Chandler etwas, was der Mörder in seinen Besitz bringen wollte. Nehmen wir einmal an, Chandler war allein. Der Unbekannte schoss ihn nieder und durchstöberte die Aktenschränke. Das Mädchen - Chandlers Sekretärin - kam aus irgendeinem Grund noch einmal ins Office zurück und überraschte ihn. Sie sah sein Gesicht. Er hatte keine andere Wahl. Er musste abdrücken."

„Möglich, Mike. Die Frage ist nur: Hat der Mörder gefunden, was er suchte, oder hat ihn das Auftauchen des Hausverwalters gestört? Lieutenant, gibt es an der Rückfront des Hauses eine Feuerleiter?"

Der Polizeilieutenant nickte: „Eine eiserne Feuerleiter ist vorhanden, und das Fenster in Chandlers Büro stand weit offen, als wir kamen."

Aus dem Privatbüro des Detektivs drang das kalte, grelle Zucken von Blitzlicht.

„Haben Sie irgendwo Anzeichen gefunden, dass auch Geld mitgenommen wurde?", fragte ich.

Der Lieutenant deutete mit dem Daumen über die Schulter: „Ein paar Dollar liegen in der Kasse. Sonst nichts! Wenn Geld vorhanden ist, dann muss es sich in Chandlers Safe befinden; doch der Panzerschrank zeigt keinerlei Spuren von Gewaltanwendung. Scheinbar hatte es der Mörder nicht auf Geld abgesehen."

Mike und ich tauschten einen stummen Blick. Ich sah zu Karen Dawson hinüber. Ein junges Mädchen, nicht älter als fünfundzwanzig. Jemand hatte sie kaltblütig niedergeschossen. Was mochten ihre Augen mit dem letzten Blick eingefangen haben?

Es gibt Leute, die behaupten, dass die Netzhaut eines Ermordeten mit dem letzten Blick das Bild des Mörders wie auf einer fotografischen Platte festhält; aber den Beweis dafür ist man noch immer schuldig geblieben. Die Augen eines Ermordeten haben noch nie das Geheimnis ihres letzten Blickes preisgegeben.

„Sie könnte deine Tochter sein, Mike", sagte ich halblaut. „So jung schon zu sterben ..."

Ich sah, wie sich Mikes Hände zu Fäusten ballten. Er warf mir einen bitteren Blick zu und kniff die Lippen zusammen.

Ich ging zu den Aktenschränken und schob die auf der Erde liegenden Papiere mit der Fußspitze auseinander. Was hatte der Mörder gesucht? Es musste etwas sein, das für ihn von ungeheurem Wert war, wenn er das Risiko eines zweifachen Mordes dafür einging. Da gab es Dutzende von Akten; eine von ihnen hatte wahrscheinlich Raymond Chandler und seiner Sekretärin das Leben gekostet.

Aber welche?

Dan Summers kam mit seinem Fotoapparat herüber, um Karen Dawson aufzunehmen. Mike Connor wandte sich ab und ging ruhelos in den beiden Zimmern auf und ab. Ich nahm mir zwei, drei der Akten vor und blätterte sie durch. Ich kannte keinen einzigen dieser Namen. Alles, was ich wusste, war, dass jemand durch die Tür oder das Fenster in Chandlers Büro eingedrungen war und mit drei Revolverschüssen zwei Menschenleben ausgelöscht hatte. Es war zweifellos ein überlegter, geplanter Mord gewesen, das zeigte die Ausführung. Keins der beiden Opfer hatte eine Chance gehabt, sich zu wehren oder zu fliehen.

Aber warum hatte das Mädchen den Mantel über der Schulter und die Tasche in der Hand gehabt? War sie beim Kommen oder beim Gehen von den beiden Kugeln niedergestreckt worden?

Mit einem Laut des Unmutes warf ich die Akten wieder zu Boden und ging in Chandlers Büro. Man hatte den Toten bereits auf eine Bahre gelegt und breitete eine Decke über ihn. Ich wischte mir den Schweiß mit dem Taschentuch aus dem Gesicht und sah zu, wie die Bahre hinausgetragen wurde, dann zog ich den kurzläufigen Colt-Revolver aus dem Halfter und wog ihn in der Hand. Hatte Chandler die Gefahr gespürt, oder war es ein reiner Zufall, dass die Waffe auf dem Tisch lag? Wenn er den Revolver noch erreicht hätte, wäre alles ganz anders gekommen.

Der Colt Modell Cobra verschoss immerhin die recht kräftigen .38 Smith & Wesson Special-Patronen. Aber Chandlers Fingerspitzen hatten wahrscheinlich nicht einmal mehr den wuchtigen Kolben der kleinen Waffe erreicht, als ihn die Kugel traf. Ich nahm an, dass sein Mörder in der Nähe des Hauses auf ihn gewartet, oder ihm gefolgt war.

Dennoch - irgend etwas war nicht klar an diesem Fall.

Ich legte den Revolver zurück und ging hinaus. Der Platz, an dem Karen Dawson an

der Wand gelehnt hatte, war leer. Ein kleiner, dunkler Fleck am Boden war alles, was geblieben war.

„Das einzige, was wir hier noch tun können, ist eine genaue Überprüfung aller Akten und der darin verzeichneten Personen, Mike. Aber das würde monatelange Arbeit bedeuten. Vielleicht ist die Akte, die Chandler und seiner Sekretärin das Leben kosteten, auch gar nicht mehr vorhanden. Es ist möglich, dass der Mörder sie gefunden und mitgenommen hat.“

„Kein Mord geschieht ohne Grund. Ruf Susan an! Sie soll jemanden schicken, der eine Aufstellung der noch vorhandenen Akten macht."

„Hast du eine Zigarette für mich? Danke. Der Mann, der die beiden Morde beging, muss ein ausgezeichneter Schütze gewesen sein. Seine erste Kugel traf Chandler mitten ins Herz."

„Wahrscheinlich gegen sieben Uhr, Also kurz, bevor der Hausverwalter die Polizei anrief und die Ermordeten gefunden wurden. Es muss sich alles innerhalb von wenigen Minuten abgespielt haben. Genaueres kann ich dir erst mitteilen, wenn ich eine Obduktion . vorgenommen habe."

„Wenn du mich dafür zum Essen einlädst ..."

„Man gewöhnt sich an alles. Und ..."

„Auf dem Rand des Aschenbechers liegt eine angebrannte Zigarette, Cap", murmelte er.

Er schüttelte den Kopf. „Nirgendwo Lippenstift am Mundstück zu finden, mein Junge."

„Eine Zigarette ohne Aufdruck und ohne Filter, Doc."

Er ging um den Schreibtisch herum, öffnete ein paar Schubladen und zog einen leeren Briefumschlag hervor, öffnete ihn und legte sorgfältig die angebrannte Zigarette hinein, dann schob er den Umschlag in die Innentasche seines Jacketts.

Ich zuckte mit den Schultern.