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Peter Dubina

Der Teufel zeigt die Krallen (Frank Harris: Im Auftrag der OWS, Band 1)

Cassiopeiapress Spionage Thriller/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Teufel zeigt die Krallen

Frank Harris – Im Auftrag der OWS

Spionage-Klassik Band 1

von Peter Dubina

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Captain Frank Harris hat die Mordkommission New York verlassen und arbeitet jetzt als Geheimagent der OWS. Die „Organisation for World Security“ ist eine geheime Sicherheitsorganisation, die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten mit großen Vollmachten ausgestattet wurde. Sie greift dann ein, wenn eine Situation den inneren oder äußeren Frieden bedroht. Dann allerdings kann sie Machtmittel mobilisieren, die weder dem FBI noch dem CIA oder der Polizei zur Verfügung stehen. Frank Harris ist der starke Arm der OWS. Die neue Aufgabe jagt ihn gnadenlos von einem Einsatz zum anderen.

Diesmal geht es um eine Schiffsladung Waffen, die niemals den Bestimmungshafen erreichen darf. Frank Harris muss dieses Schiff in Südvietnam finden, bevor es zu spät ist. Und als er es entdeckt, erlebt er eine unangenehme Überraschung …

Klassische Spionageromane aus der Zeit des Kalten Krieges. Peter Dubinas Romane sind auch heute noch ein Garant für spannende Unterhaltung!

 

Copyright

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Peter Dubina - Spionage Klassik – Band 1 mit freundlicher Genehmigung von Alfred Wallon

Roman © by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

Cover & Layout © by Steve Mayer und nach Motiven von Pixabay/ 2015



1

„American Airways gibt die Ankunft ihrer Maschine - Flug WS 703 aus New York über Los Angeles und Manila bekannt", tönte eine gleichförmig klingende weibliche Stimme aus einem Lautsprecher in der Wartehalle B des Flughafens von Saigon. „Die Maschine wird nach kurzem Zwischenaufenthalt nach Bangkok weiterfliegen. Ladies and Gentlemen, Pan American Airways ..."

Ein kleiner, gedrungener Vietnamese faltete beinahe pedantisch die New York Herald Tribune zusammen und klemmte sie unter den Arm. Dann griff er in die Innentasche seines gut geschnittenen Jacketts, um ein ledernes Zigarettenetui heraus zu holen.

Im kalten Neonlicht funkelte für den Bruchteil einer Sekunde der große, flache, dunkle Kolben einer amerikanischen Colt-Automatic im offenen Schulterhalfter, dann fiel die Jacke zurück.

Der Vietnamese riss ein Streichholz an der Wand an und entzündete seine Marlboro. Durch die spiegelnde Glasscheibe hindurch verfolgten seine dunklen Augen die Lichter des sich in die Einflugschneise senkenden Düsenflugzeuges. Das Dröhnen der Turbinen schwoll für einen Moment so stark an, dass die Glasscheiben in ihren Aluminiumrahmen zitterten und klirrten.

Wie ein gigantischer, einem Alptraum entstiegener Vogel mit glühenden Augen senkte sich die schwere Boeing 707 auf die orangefarben beleuchtete Piste des Flughafens.

Der kleine Vietnamese wartete nicht, bis die Maschine aufsetzte. Er zog eine dunkle Sonnenbrille heraus, setzte sie auf und wechselte durch die offenen Flügel der Glastür aus dem Warteraum B in die weitläufige, niedere Vorhalle. Neben dem Ausgang blieb er einen Augenblick stehen und nahm die Zigarette aus dem Mund. Seine Augen hinter den dunklen Brillengläsern suchten die Blicke des Mannes, der ihm gegenüber an die Wand gelehnt in einem billigen Magazin blätterte. Es war ein schmaler, großer Annamit in einem hellen Polohemd, abgewetzter blauer Leinenhose und olivfarbenen, gummibesohlten Schuhen, die an den Seiten aufgeplatzt waren.

Der Mann mit der Sonnenbrille wartete, bis ihn der andere voll ansah, dann senkte er den Kopf in einem winzigen, kaum wahrnehmbaren Nicken. Niemand, der in seiner Nähe stand, hätte erkennen können, dass er damit ein Todesurteil unterzeichnete. Abrupt wandte er sich ab, und die Glastür schwang hinter ihm zu.



2

Ich saß behaglich in dem weichen, tiefen Polstersitz zurück gelehnt und sah durch das Bordfenster die Rollbahnbeleuchtung vorbei fliegen. Mit einem harten, federnden Stoß setzte die Boeing 707 auf, raste über die Landebahn und rollte auf den erleuchteten Flughafen-Kontrollturm zu.

Ich hatte einen Auftrag; der nicht leicht zu erfüllen sein würde. Ich würde schießen, vielleicht töten müssen, und ich würde es tun. Aber jetzt; während das Flugzeug landete, wollte ich nicht daran denken.

Es war noch keine achtundvierzig Stunden her, daß ich mit Washington ein ernstes Telefongespräch geführt hatte.

„Sie wissen, was geschieht, wenn die Burma7 mit ihrer Waffenladung irgendwo in Südvietnam vor Anker geht, Harris“, hatte mein Chef zu mir gesagt. „Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, was für uns alle davon abhängt. Diese Waffen dürfen in Vietnam niemals gelöscht werden. Miss Swift hat auf meine Anweisung Ihren Platz in der nächsten nach Saigon abgehenden Maschine gebucht. Sie fliegen morgen um sechzehn Uhr zwanzig. Der Flugschein liegt im Stadtbüro der PAA für Sie bereit. Mr. Wang wird ihn abholen. Alle weiteren Instruktionen erhalten Sie heute abend durch einen Kurier.“

„Welche Vollmachten habe ich, Sir?"

Seine Antwort war sofort gekommen: „Was immer Sie auch tun, Harris, wir werden Sie decken. Die OWS wird alles decken, was Sie in Erfüllung Ihres Auftrages zu tun für richtig halten. Hören Sie, Harris? Alles!"

Charly Fosters stummer, aber erbitterter Kampf mit den Tücken der Schließe an seinem Sicherheitsgurt unterbrach meine Gedanken. Eine blonde Stewardess beugte sich über ihn und half ihm lächelnd. Dann ging sie, dezent mit den Hüften schwenkend, den Zwischengang hinauf und verschwand im Cockpit.

Charly stieß mich mit dem Ellenbogen an. „Hast du die Kleine gesehen, Frank? Genau das, was der, Arzt mir an Stelle von Porridge zum Frühstück verordnet hat.“

„Hoffentlich hat sie Verständnis füt deine Diät“, sagte ich und löste mich aus meinem Gurt.

Während die meisten Passagiere bereits dem Ausgang zustrebten, stand ich auf und nahm meinen leichten Mantel .aus dem Netz. Der Strom der Passagiere saugte uns aus der Maschine. Wir stiegen über die Gangway hinunter. Über der Stadt schien eine Gewitterfront zu stehen, die wir in der Nacht nicht sehen konnten. Aber gespenstisches, schwefelfarbenes Wetterleuchten zuckte über dem erleuchteten Flughafenturm, und es war schwül.

Wir gingen über den feucht schimmernden Asphalt und warteten an der Passkontrolle. Als ich an der Reihe war, schob ich meinen Pass dem vietnamesischen Beamten zu.

„Harris - Frank", buchstabierte er. „Angehöriger der US-Army. Weshalb kommen Sie mit einer Zivilmaschine, Mr. Harris?"

„Es ging gerade kein Militärflugzeug, und ich habe Order, mich so schnell wie möglich im Camp von Phan Rang zu melden."

Ein Schimmer leisen Misstrauens zuckte über sein Gesicht, dann fragte er : „Kann ich die Order sehen?"

Ich zeigte ihm das mir von meinem Chef ausgestellte Papier. Er drehte es zwischen den Fingern, drückte einen Stempel auf den unteren Rand des Visums und gab mir meine Papiere zurück. Ich wartete auf Charly, und wir gingen zum Ausgang.

„Verdammt misstrauisch sind sie hier", flüsterte Charly und hängte sich seinen Fotoapparat um den Hals.. „Wohin jetzt?"

„Wir suchen uns ein Hotelzimmer, dann nehme ich Verbindung mit unserem Vertrauensmann in Saigon auf", erwiderte ich ebenso leise. „Wir werden einen Wagen brauchen."

„Mhm", murmelte er, während er sich eine Zigarette anzündete und den Rauch vor sich hin blies.

Als wir in die feuchte Schwüle der Nacht über Saigon hifiaustraten, griff eine Hand nach meinem Arm. Ich wandte den Kopf und sah einen Vietnamesen in Polohemd, Leinenhose und olivfarbenen Turnschuhen neben mir auftauchen. Er schnitt eine Grimasse, die er offensichtlich für die europäische Abart eines freundlichen Lächelns hielt. Das dunkle, glatte Haar hing ihm in Fransen in die Stirn. Die schräg gestellten Augen schimmerten wie billige Jettplättchen unter den schweren Lidern. Ich warf einen Blick auf die Hand, die mich am Ärmel festhielt, und sah, dass er eine amerikanische Uhr am Gelenk trug.

„Sie brauchen ein Auto, Mr. Amerika?", fragte er in einer seltsam singenden Sprechweise, die, wie ich später erfahren sollte, den Annamiten kennzeichnet. „Ich habe ein gutes Auto - da vorn. Billiges Auto. Mr. Amerika kann mieten, für wenig Geld. Zwanzig Dollar pro Tag." Er deutete auf einen kleinen Renault, der am Straßenrand stand, einen dunklen, unauffälligen, schnellen Wagen.

„Der scheint jeden Amerikaner für einen Millionär zu halten", sagte Charly missmutig. „Zwanzig Dollar am Tag für einen Wagen, den man mit einem Taschentuch zudecken kann - lächerlich!"

„Es scheint ein Wagen zu sein, der nicht auffällt. Das ist doch gut", sagte ich. „Ich bezahle für fünf Tage im voraus ..."

„Mein Name ist Tran Van Huong, Mister. Sie mir geben Geld - ich gebe Schlüssel."

Er brachte einen Wagenschlüssel zum Vorschein und gab ihn mir, nachdem ich ihm zwei Fünfzigdollarnoten gegeben hatte, die er sorgfältig zusammenrollte und in die Hosentasche schob.‘

„Gehen wir!", sagte ich zu Charly. In diesem Moment drängte sich ein großer Amerikaner durch die herumstehenden Vietnamesen und kam auf uns zu. Er trug einen hellen, unauffälligen Straßenanzug, eine grellbunte Krawatte und einen Panamahut mit breitem Seidenband. Sein Gesicht war rot und verschwitzt, hatte ein markantes Kinn, das wie aus einem Eichenklotz gehauen wirkte.

„Verzeihen Sie", sagte er, „Sind Sie Frank Harris? Ich habe erst vor einigen Minuten von Ihrer Ankunft erfahren. Ich bin Harry Goff. Herzlich willkommen in Saigon!" Er schüttelte mir die Hand. „Mein Wagen steht da hinten. Der dunkle Chevrolet. Ich werde Sie in Ihr Hotel bringen."

„Nett, Sie kennenzulernen", sagte ich reserviert. „Wir haben schon einen Wagen gemietet - den Renault dort drüben.“

„Sie können hinter mir her fahren. Ich habe Zimmer für Sie im Nam Trang-Hotel reservieren lassen und ...“

Er brach plötzlich ab, und ich drehte mich um, der Richtung seines Blickes folgend. Ich sah, wie jemand die Tür des Renaults öffnete und in den Wagen kletterte. Dann tat er irgend etwas, was ich nicht sehen konnte. Im nächsten Augenblick erfolgte die Detonation. Sie war kurz und dumpf, etwa so, als schlüge jemand mit der flachen Hand eine aufgeblasene Papiertüte zusammen. Das Innere des Renaults schien für den Bruchteil einer Sekunde illuminiert zu sein. Klirrend zersprangen die Fensterscheiben, und ein Regen von Glasscherben ergoss sich über die Umstehenden. Die Tür neben dem Fahrersitz, die noch nicht ganz geschlossen war, flog so heftig nach außen auf, dass die obere Türangel heraus gerissen wurde. Ich sah den Mann, der auf dem Fahrersitz kauerte, zur Seite kippen und halb aus dem offenen Wagen heraus fallen. Rauch quoll auf und wallte in zähen Wolken aust dem Renault.

Dann, noch ehe irgend jemand von uns etwas sagen oder auch nur eine Bewegung machen konnte, folgte eine zweite Detonation. Der Benzintank war in die Luft geflogen. Im Nu stand der Wagen in Flammen, die blau und züngelnd über das Verdeck liefen und nach den Polstern griffen. Aus Rauch und Flammen hing der Mann, der vor wenigen Sekunden in den Wagen gestiegen war, und rührte sich nicht mehr.

Ich glaube, Goff und ich hatten die gleiche Idee. Wir fuhren herum. Der Vietnamese, der mir die Wagenschlüssel gegeben hatte, rannte bereits.

Goff schrie: „Stehenbleiben!" Der Annamit drehte sich im Laufen um, dann rannte er weiter, mit angewinkelten Armen und eingezogenem Kopf, als befürchte er, dass ihn plötzlich von irgendwoher ein Hieb treffen könnte.

Ich wirbelte herum, um ihm zu folgen, aber Goff hielt mich fest. Ich sah, dass er einen kurzläufigen .357 Smith & Wesson Combat Magnum in der Hand hielt. Er schüttelte den Kopf und schob die bullige Waffe wieder unter die Jacke.

„Schnell, kommen Sie !"

Damit schnitt er uns jedes Wort ab. Er hielt mich am Ärmel fest, während wir auf seinen Chevrolet zurannten. Er stieß mich hinein, Charly setzte sich neben mich, während Goff um den Wagen herum rannte und sich hinter das Lenkrad warf. Sekunden später dröhnte der Motor des schweren Wagens auf, und wir jagten die Straße entlang, weg vom Flughafen, während uns schon blaulichtblitzende Jeeps der Militärpolizei entgegen kamen. Goff jagte den schweren Wagen, so schnell er konnte, voran. Minuten lang fuhr er schweigend; in äußerster Anspannung. Dann verringerte er die Geschwindigkeit und lehnte sich in die Polster .zurück, nahm den: Hut ab, warf ihn neben sich auf den Sitz und wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch ab.

„Man hat Sie offensichtlich bereits erwartet", murmelte er und musterte mich im Rückspiegel. „Das war voraus zu sehen. Irgendwie kann man immer in Erfahrung bringen, wenn ein ganz bestimmter Amerikaner ein ganz bestimmtes Flugzeug benützt. Wahrscheinlich hat man die Zündung mit einer Handgranate verbunden. Wären Sie in den Wagen gestiegen, wären Sie mit einem Knall in die Hölle gefahren. Es war Ihr Glück - das die anderen natürlich nicht voraus sehen konnten - dass es so viele Autodiebe in Saigon gibt. Hier darf man keinen Wagen offen stehen lassen, und wenn man nur fünf Schritte weg geht, um sich Zigaretten zu kaufen."

„Warum sind wir nicht stehengeblieben?", fragte ich.

Goff lachte kurz auf. „Wozu? Man hätte nur unbequeme Fragen gestellt."

„Werden sie nicht nach uns suchen?"

Wieder lachte Goff. „Weshalb? Wie kommen Sie darauf? Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein Lieferwagen, vollgeladen mit Sprengstoff, im Hof der Geheimpolizei hochgegangen ist. Man wird dieses Attentat auf Kosten der Leute von der anderen Seite buchen. Kompliziert würde die Angelegenheit erst, wenn wir zugeben würden, dass das Attentat auf einen einzelnen Mann verübt wurde. Ja, Harris, fremde Länder - fremde Sitten. Ich habe erst vor wenigen Stunden ein Telegramm bekommen, dass Sie auf dem Weg wären. Sie sind offiziell als Armeeberater eingereist. Wir müssen zuseheri, dass wir die Sache so schnell wie möglich hinter uns bringen, damit die Vietnamesen uns nicht auf die Zehen treten. Armeeberater, die sich um alles, nur nicht um die Armee kümmern, sind hier nicht sehr willkommen. Ich bringe Sie jetzt ins Nam Trang. Dort können Sie alles haben, angefangen vom Sukijaki bis zu den hübschesten Mädchen, die Saigon zu bieten hat."

Er brach in ein Gelächter aus, das seinen schweren Körper schüttelte. Ich zog mein Gasfeuerzeug aus der Tasche und zündete mir eine Zigarette an.

Ehe wir unseren Fuß auf vietnamesischen Boden gesetzt hatten, wussten die Leute in Saigon, dass wir kamen. Dafür konnte es nur eine Erklärung geben: Noch bevor wir Makishs japanischen Geschäftspartner Tanaka in Tokio hatten festnehmen lassen, musste von Japan aus eine Meldung nach Saigon gegangen sein. Der Gegner war also gewarnt, und das gefiel mir nicht.

„Das Leben ist ziemlich hektisch in Saigon", murmelte Goff; aber nach der Art zu schließen, in der er davon sprach, fand er selbst es ziemlich amüsant.