Über das Buch

Aufrichtig und mit viel Empathie erzählt Anne Kanis' Protagonistin von Kindheit und Jugend in der DDR, von dem Zusammenhalt ihrer Familie, von der Verzweiflung des Vaters und der Angst der Mutter, von der Kunst und ihren Bedingungen – und von jenen, die nach der Wende, mit den Härten der neuen Lebenswirklichkeit konfrontiert, damit beginnen, sich mühsam zurechtzufinden.

Die junge Ich-Erzählerin, eine Sängerin aus Ost-Berlin, hält sich mit schlecht bezahlten Angeboten über Wasser. Das Geld und die Kunst wollen sich nicht verbinden. Ihre Agentin vermittelt sie auf Firmenfeste, ihre Freundin drängt sie, eine Beziehung mit einem reichen Mann einzugehen. Bis sie schließlich auf den Einen trifft, der seinen »Ofenrohrarm« um sie legt – und nichts vorzuweisen hat als den Schrebergarten seiner Großmutter.

Anne Kanis zeichnet die Verwerfungen und Veränderungen jener Jahre sehr präzise nach, doch sie bringt die Ereignisse nicht sachlich in Erinnerung, sie hat dafür einen Ton gefunden, der den Ängsten und Hoffnungen ihrer Figuren nachgeht. Und es ist diese Verletzlichkeit, die ihrer Prosa bei aller Zartheit Kraft verleiht.

METROLIT VERLAG

ISBN 978-3-8493-0105-7

Metrolit Digital,

veröffentlicht bei METROLIT, Berlin, 2015

© Metrolit GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2015 bei WALDE+GRAF bei METROLIT

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Covergestaltung: studio stg, Berlin

www.studio-stg.de

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
www.le-tex.de

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Inhaltsübersicht

Cover

Über das Buch

Impressum

1 – Kaffe mit Milch

2 – Lieder von heute und gestern

3 – Dazwischen

4 – Anders ist überall

5 – Tag für Tag voran

6 – In grauen Stunden

7 – Zurück nach oben

8 – Dann plötzlich Frühling

9 – Die dreizehnte Tür

10 – Spuren ohne Sand

11 – An Land

Über die Autorin

Ich stehe auf der Wiese. Um mich herum dröhnt die Stadt. Ich höre die Lutherstraße, die Hubertusstraße, Katzweg und Mohnweg. Kommt mir vor wie eine Schlinge, freut mich, dass trotzdem auf der Wiese so viel Leben ist.

In der Mitte des Wiesenflecks klappert leise ein Häuschen mit den gelben Fensterläden gegen die Wände. Wie Uhrenticken, das übrig geblieben ist aus der Analogzeit. Wie große Herzschläge. Bei gleichmäßigem Luftzug um das schiefe Häuschen gleicht das Klacken dem des Metronoms, aber gut, dass der Luftzug nicht gleichmäßig ist. Metronome sind unbarmherzig. Schöner klingt ein Klopfen an die Tür, wenn es eine ist, die sich öffnet und dann nicht mehr zuschlägt.

Ein Schrebergarten ist ein kleines Handtüchlein. Aber er würde sich ausdehnen, wenn links und rechts nicht schon die anderen Tüchlein lägen. Er ist eng eingeklemmt, Gräser drängeln an die Zaunpfosten.

Ich drehe mich einmal um mich selbst. Links ist ein Zaun, rechts ist ein Zaun, vorne und hinten, so, als wären dahinter wilde Tiere oder ich selbst ein Bär, vor dem sich jeder meiner Nachbarn mit Zäunen schützen muss.

An der Rückwand des Häuschens ragt eine moosige Holzleiter bis zum Schornstein hoch. Ein Holzzaun, der einmal quergestellt wurde, um die Perspektive zu wechseln, oder ein Weg.

Um auf den angemorschten Sprossen ganz nach oben zu klettern, muss man waghalsig sein. Trotzdem hab ich die Hände schon an der Leiter. Zweiundzwanzig Sprossen. Das Dach ist ein roter Vulkan, aber sein Schlot lange schon rauchlos und die Lava Blätterschlamm. Das Häuschen ist nicht höher als der Apfelbaum und wirkt doch erhaben, wenn man auf dem handbreitschmalen Giebel sitzt. Es ist ein Aussichtspunkt, oben gibt es keine Zäune. Und wenn ich die Augen zusammenkneife, bis das, was unter mir liegt, verschwimmt, wird alles zu einem einzigen Grün. Die Sonne spendet ein paar Flecken Licht, beißt sich durch die Wolken und trifft dann mich.

Dass die alte Sonne so verlässlich ist und das Scheinen nicht einfach aufgibt, wenn sie nicht durchkommen kann. Seit viereinhalb Millionen Jahren: Sonne für alle und kostenlos. Dabei unterscheidet sie nicht zwischen irgendwem und geht einfach auf. Und wird es noch einmal solange tun, egal was passiert. Ich lehne am Schornstein und denke, wie schön: In der Sonne zu sitzen ist, als würde man in ihr baden. Mein Vater nutzte diese Wärme. In unserem früheren Garten trug er bei schönem Wetter einen Bottich ins Freie, mit schwarzen Wänden und einem schwarzen Deckel, damit das Wasser Sonne tankte. Das klappte auch, manchmal war es beinahe heiß. Heute ist der alte Garten weg, aber Bottich und Deckel habe ich noch. So alte Dinge tun oft lange ihre Dienste. Und der Bottich ist wie neu, obwohl ich die winzigen, die kleinen und die mittleren Hände darin gewaschen habe. Die großen nur kurz, dann war der Garten weg.

Lan werde ich zeigen, wie schön es ist, hier auf dem Dach zu sitzen und die Zäune nicht mehr zu sehen. Wir müssen die Leiter flicken, wenn sie geflickt ist, hält sie uns öfter aus. Ich blicke nach unten und sehe die Kaffeekanne und die Tassen auf dem runden Holztisch stehen. Ich höre Lan im Häuschen hantieren und denke, wir sollten gleich jetzt und als erstes einen Kaffee mit Aussicht trinken.

Dann beobachte ich einen alten Mann mit Schürze beim Einpflanzen. Was er pflanzt, liegt in einer schmalen Schubkarre, blasse Kartoffeln. Vermehren werden sie sich – aber nur bei viel Sonne – eins zu zehn. Ohne Sonne bleiben sie mickrig, kleine Knollen, eine Wochenration bloß. Aber da der Mann alt ist, da seine Hände alt sind, die die Erde aufhäufen, wird er das wissen.

Die Kartoffeln sind alle beulig, und der Alte dreht behutsam die Triebe nach oben und bückt sich herunter. Ihm muss der Rücken schon wehtun und es wird noch ein Stündchen dauern, bis die Karre leer ist. Warum er nicht kniet, kann ich mir denken: Vom Knien kommt man oft nicht mehr hoch. Das sagte mir einmal mein Vater, und ich konnte es sehen. Aufstehen ist schwer, wenn man am Boden hockt. Wer ganz ohne Hilfe ist, kann nur noch auf ein Wunder hoffen.

Ich betrachte den Alten, auf seinen weißen Haaren tänzelt das Licht. Ein andermal werde ich rübergehen, ich werde ihn fragen, ob ich beim Pflanzen helfen kann. Es würde mich freuen, wenn er Ja sagt. Neben ihm hüpft ein kleiner Vogel herum, unter Zweigen und Blättern sucht er Essbares.

Es stimmt, anderen Menschen helfen zu können macht zufrieden. Und um wie viel besser das ist, als bitten zu müssen, weil man selbst der Hilfe bedarf – vom Dank-sagen-Müssen ganz zu schweigen. Helfen kann nur der, der etwas geben kann. Und geben nur der, der was hat.

Ich habe noch Kraft in den Knochen. Ich bin jung. Ein Mitanpacken könnte ich geben, dazu ein paar Stunden von meinem wertvollen Zeitkonto. Und manch anderes, was hilfreich sein könnte: Anleitungen zum Reparieren von Dingen, ohne Geld. Stadtpläne mit Orten, an denen Essbares wächst. Kalender mit Kulturtipps, hier und kostenlos. Und meine Stimme. Die gut singen, aber auch trösten und zusprechen kann. Hilfe kann verschieden sein. Egoistisch und zäh, Beifall erheischend und Dankbarkeit fordernd oder still, fast demütig, wahrhaftig und selbstlos. Aber wie oft ist sie geschäftstüchtig und nur als Geschenk verpackt, um später das Doppelte zurückzufordern.

Lan wird das wissen, da er beide Seiten, die des Bedürftigen und die des Helfenden, kennt. Ich glaube, das ist gut, wer beides kennt, verschiebt sein Urteil nicht falsch herum.

Der kleine Vogel zwitschert jetzt. Der Alte hält in seiner Arbeit inne, vielleicht um dem Vöglein zu lauschen. Frau Kraunberg hätte, kaum merklich, beim ersten Ton die Augenbrauen hochgezogen.

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Agentin Kraunberg lässt ihre Mundwinkel hängen und zieht ihre Augenbrauen hoch, als ich zu singen beginne. Unter den spitzen Brauen misst sie meinen Körper, einmal von Kopf bis Fuß, bis ich fertig bin.

Die Agenten achten nie genau auf den Gesang, aber das Aussehen prüfen sie ganz akribisch.

„Nein, die Waden, rund wie große Kugeln.“

„Kindchen, dein Gesichtchen, weißt du, weder hü noch hott.“

„Und die Haare, fusselig wie eine Bürste.“

„Und dein Kleidchen, Kind, es wirkt so richtig ostig.“

Richtig ostig ist nicht freundlich gemeint, sicher nicht, man sagt es zu allem, was Langeweile ausstrahlt. Dass ich aus diesem mausgrauen Osten bin, aus Ostberlin, das weiß sie nicht.

Seit neunundachtzig kleide ich mich westlich. Trage auch oben täglich was Frisches, niemals Geflicktes, außerdem noch Modetrend Entsprechendes. Dass man Marken beachten muss, ist für jeden ganz selbstverständlich, für Kraunberg Gesetz. Sie trägt rundherum Marken, von den allerfeinsten Sorten, die sich nur ein Gutverdienender leisten kann.

Meine eigenen Marken muss ich gebraucht kaufen. Dann kann ich mit ein wenig Glück für fünf Euro eine Hose von Benetton bekommen. Mein Kleid ist das einzig Teure. Zwei harte Monate Extrastunden. War es das wert?

Weil Kraunberg ostig gesagt hat, spüre ich, dass jede Mühe ohnehin umsonst ist, sowohl die Kleidmühe als auch die Mühe des Vorsingens. Ich spüre meine Augen brennen und blinzle. Nur das nicht, Heulen ist das Letzte, blamiert mich bloß noch mehr und macht nichts besser. Heulen kann ich zu Hause. Alle heulen zu Hause und pressen ein Kissen vors Gesicht, damit der Nachbar das Schluchzen nicht hört.

Frau Kraunberg wird es auch so machen, dass jemand dort direkt vor ihr schluchzt, muss für sie befremdlich sein.

Ich beiße die Zähne zusammen, aber es hilft nicht. Die Tränen kullern, als wäre mein innerer Haupthahn manipuliert. Und ich wünsche mir, dass sich das Parkett unter mir erbarmt und mich verschluckt. Ohnmachtsgefühle, die stellen sich ganz einfach ein, nach erfolglosem, hundertstem Vorsingen. Doch warum, wenn ihr mein Gesang nicht gefallen hat, muss sie jetzt lächeln?

Bei jedem Vogel muss ich an Kraunberg denken: Augenbrauen, Kleidchen, Waden.

Ich hänge mein teures Kleid in den Schrank, wo es älter wird, verstaubt, bis es sich ganz von alleine einmal auflösen wird. Und dann geschieht es doch. Kein Wunder, aber ein Anfang: Sie hat mich angenommen. Sie rief mich an und sagte, dass ich auf Firmenfeiern singen darf. Also singe ich dort.

Ich war jetzt schon mehrmals auf Firmenfeiern und habe mich daran gewöhnt, irgendwie. Es ist mal wunderbar, mal schrecklich. Am Anfang lauschen die Leute, dann essen und trinken sie und sind um halb zehn laut und besoffen. Immer dann, wenn auch die Damen grölen, muss ich tricksen, einfach die Augen und Ohren verschließen, um mir ein freundliches Publikum zu denken: nur Fans, beglückte Gesichter, großer Jubel, Applaus. So kann ich stundenlang für andere singen, bis die Zeit rum ist.

Jeder Raum ist anders. Wenn der Hausmeister mit seinem Schlüssel die Tür öffnet, muss ich aufpassen, dass ich ihn nicht zur Seite schubse, und ich begucke mir den Raum so neugierig, als wäre es ein Land. Meist sind es nur Binnenwüsten, die Stühle an den Seiten türmen sich, der Boden ist ausgefegt und kalt. Selten gibt es Räume, die so aussehen, als wären die Leute dort gerne. Dann gibt es Möbel, die Wärme ausstrahlen, Lampen, Fußböden, Vorhänge und Wände. Aber die Technik ist niemals komplett, egal wo ich hinkomme. Mal ist kein Verstärker da und mal fehlt das wichtigste Kabel. Dann geht das Suchen los. Deshalb bin ich fast immer zwei Stunden früher da, was nicht bezahlt wird, aber nötig ist. Die Zeit rennt, sie jagt den Hausmeister und mich durch die Flure, in die Keller, so gnadenlos wie wilde Hunde. Zwischen hektischem Kabelstecken und hastigem Umziehen kommen die Firmengäste. Mal warte ich in Kammern, mal hinter Wänden aus Stoff, mal in abgetrennten Ecken. Um mich herum nichts als Enge. Die muss genügen, zum Einsingen, ganz leise. Erst bin ich ein Brummer in der Ecke und dann die Sängerin auf dem Podest. Die Kraunberg stimmt die Liedauswahl auf jede Firma ab, nur keine Schlager, habe ich sie gebeten. Aber ansonsten singe ich, was sie aussucht, verändere nur hin und wieder die Tonlage der Lieder, falls sie zu tief ist. Ich lerne französische Chansons und singe sie. Ich lerne italienische Klassik und singe sie. Manchmal singe ich Jazz, auf anderen Feiern die neuesten Popsongs. Es gibt in fast jedem Lied etwas Schönes, auch wenn ich es manchmal erst suchen muss. Ein Melodiestück, ein Tonsprung, drei Worte. Und so hangele ich mich zu diesen kleinen Inseln, von einer zur nächsten, und wenn ich schließlich zu singen beginne, machen sie mich glücklich. Und trotzdem frage ich mich oft, ob es das gewesen war, schon?

Jeden Tag kann ein Auftrag von der Kraunberg kommen. Es passiert zwar nicht oft, aber es könnte, weshalb von mir verlangt wird, immer erreichbar zu sein. Wenn ich wegfahren will oder mein Haar kürzer schneiden, muss ich das Agentin Kraunberg melden, obwohl sie mich gar nicht absichern kann. Hundert Euro, wenn es gut geht, pro Abend. Und dann werden, wie es im Vertrag steht, davon zwanzig Euro an die Agentur gegeben, noch ein weiterer Schein an die Steuer und das zarte Übrige eingesteckt.

Das, was die Abende bringen, reicht nicht zum Leben. Wenn ich wenigstens zehn Abende pro Monat hätte, käme ich mit diesen Löhnen hin. Das wäre schön, es hieße, dass ich damit aufhören könnte, völlig andere Jobs zu machen.

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Wenn ich in der Kantine arbeite und Kaffeebecher fülle, mit Milch, mit Zucker, frage ich mich, was ich hier tue. Ich singe nicht, wie es für Sänger nötig wäre, damit die Bänder immer fit sind und die Stimme klingt. Denn in der Kantine darf man nicht singen und ich denke: So ist es nun mal. Ich kann, wenn ich vormittags frei habe, zu Hause üben, das muss eben ausreichen, Stimme.

Und so wird es wohl bleiben, bis die große Karriere mich findet. Die sucht nach mir, ich weiß es ganz sicher, sie durchstöbert alle Clubs, guckt erst auf den Bühnen, dann auf offenen Plätzen. Doch nach einer Weile, falls sie mich nicht finden kann, wird sie mit dem Suchen aufhören. Und wenn alle so gut versteckt sind wie ich, kann die Karriere auswandern. Wenn ihr niemand den passenden Tipp gibt, findet sie in der Stadt keinen einzigen Künstler. Die zapfen das Bier in den Kneipen.

Schon sehr früh sind heute die ersten Gäste durch die Kantinentür gewackelt. Sie schlurfen herein, kommen aus der Kälte und wollen in die Wärme, einen Kaffee mit Milch, einen Tisch an der Heizung und etwas Gesellschaft. Wenn der Monat beginnt, essen die Rathausbeamten ihren Salat, die Rentner trinken schwarzen Kaffee, die Gäste sind gut gemischt. Aber wenn der Monat zu Ende geht, kommen die ärmeren Leute und essen hier Mittag. In die Rathauskantine darf jeder, doch das wissen nur die, die sich auskennen müssen. Günstiger kann man nicht kochen. Die einen kommen, weil sie billig essen wollen, die anderen, weil sie es müssen.

Die Armut wohnt in der Innenstadt und den Hochhäusern jenseits des Speckgürtels. Dort gibt es Armutsorte, die sind so groß, dass man sie nicht sieht. Siedlungen, mit Armen ganz aufgefüllt. Aber außer ihnen geht nie jemand hin.

Im Zentrum hingegen ist die Armut sichtbar, doch sie auszublenden schafft man hier genauso. Ausblenden kann man fast alles, sogar den Penner vor der Tür, und nimmt ihn dann doch jemand wahr, geht er einfach nur auf die Nerven. Diese Nerven sind vom Mitleid abgekoppelte Stränge, in denen Angst sich mit Ekel mischt, und die vor Aldi genauso präsent sind wie in der U-Bahn.

Genervtsein schützt den Genervten vorm Denken und vorm Geben. Bei mir pendeln die Nerven noch zwischen Mitgefühl und weggedrehtem Frust.

Ich sehe in der Rathauskantine immer mittwochs einen Mann, der hat noch Mitleid. Jeden Mittwochmittag hat er drei alte Leute im Schlepptau, und wenn sein Trupp hinten in der Ecke beim Fenster am Tisch sitzt, vergesse ich, dass ich hier Kaffee koche und finde die Rathauskantine um mich rum so wunderbar, wie sie gar nicht ist. Dann redet er mit den drei Alten, ihre Gesichtszüge entspannen sich, die Müdigkeit fliegt ein Weilchen fort. Manchmal kommen die drei Alten so gebückt herein, als fielen sie alsbald um. Aber er schafft es, er richtet sie jedes Mal auf, das muss sein Beruf sein.

Meist wird die gewöhnliche Armut vererbt. Es ist ein Zufallsding. Jede Geburt ist ein klares, gnadenloses Los, das nicht bombenfest ist, aber am Hals hängt oder Knüppelbeine stellt. Alle wissen, meist klebt die Armut auf den Kindern wie die Ölpest an Kalkuttas Vögeln, beinah aussichtslos zu fliegen. Doch trotz chronischen Geldmangels und unsicherer Krisenzeit gibt es die Fliegenden. Aus Zimmern voll mit Büchern, aus warmem Familiennest, aus kunsterfülltem Haus. Die Armut, die noch Geist hat, nur Geldnot und nicht Liebesnot ist, birgt sie, die Losabstreifenden.

Auch ich könnte ein Losabstreifer sein und hatte bisher das Glück, den Staat nicht bitten zu müssen. Das ist sicher besser so, denn die Armut haut drauf und der Staat tritt nach. Damals, als nach der Wende alle arbeitslos wurden, habe ich gelernt, was der Staat verlangen kann: Ein zierlicher Singvogel muss auch Möbel tragen, ein kluger Rotfuchs zieht den Pflug.

Zu dieser Zeit brach täglich irgendwo ein Kosmos in sich zusammen. Ich sah die Arbeitsstellen, die verpufft waren, die Wünsche, Hoffnungen, die Freundschaften und Ehen. So habe ich gelernt, dass gar nichts sicher ist, nur die Familien manchmal.

Das gibt es, dass das ganze Drumherum von vorne bis hinten in sich zusammenkracht und mittendrin etwas heil bleibt. Eigentlich nicht überraschend. Auch bevor die Mauer fiel und das System tobte, gab es das.

Auch meine Familie bot diesen Schutz, weil wir hinter der Tür unserer Wohnung beieinanderstanden und die Wärme schürten, die draußen schon unter Eis lag. Man konnte also am Nachmittag auftauen, nachdem man tiefgekühlt worden war in der Schule.

Ich wuchs, obwohl sie mir das Licht nahmen, weil im Familiennest die Sonne schien. Familie ist unmodern heute. Man traut dem anderen mehr als sich selbst. Das Netz der Leute zerreißt, die Fäden spannen sich weithin nach rechts und hinüber zur anderen Seite, aber es trägt nicht mehr und die Ellenbogenkrieger toben allerorts wie besessene Irre.

Ein paar Ellenbogen haben auch uns getroffen. Wen der Umbruch einfach umschubst, der wird bissig, schlägt sogar altbewährte Busenfreunde und ist randvoll gefüllt mit Allesneid. Dann will er die Schwachen erschlagen. „So ist er nun mal, der Kapitalismus“, hör ich die Menschen klagen. „Man wird ein anderer und kann doch nichts dafür.“

Sie machen es sich einfach, doch ich verstehe, was sie meinen: Früher hatten alle gleichberechtigt nichts, doch heute: Bist du arm, bin ich reich. Dazwischen gibt es absolut wenig, beinahe nichts. Oben ist kaum Platz, hier stechen sich die Starken, die Schwachen rutschen unaufhaltsam tiefer. Reiche oder ärmere Eltern, gute oder schlechte Kontakte, ein Quäntchen oder tonnenweise Glück, Belastbarkeit, Gesundheit, alles hängt von irgendetwas ab.

Dieses neue System schlägt manchmal in meinem Kopf hohe Gedankenwellen und stellt mir unnütze Fragen, die meine Zeit verschwenden. Voller Selbstbewusstsein steht es mir dann gegenüber, guckt von oben herab, damit es mich einschüchtern kann. Es stellt mir seine Fragen immer, als wäre es freundlich, aber in Wirklichkeit ist es steinhart.

„Na und, musst du bei mir etwa hungern? Und kannst du, anders als woanders, hier deine Meinung öffentlich schreien? Ja, auch lernen konntest du, was du wolltest, hast du das schon vergessen? Und guck, reisen darfst du, ging das denn schon früher?“

„Ich weiß noch, was damals schlecht war“, antworte ich trotzig. „Dass andere Meinungen nicht gewollt waren, nicht gehört wurden, wenn möglich hinter Mauern verschwanden. Ob man seine Meinung heute sagt, hängt ganz von den Umständen ab, doch man dürfte es tun.“ Dem Heutesystem schwillt die Brust, und die Leute, die nur das eine kennen, schenken ihm blind Vertrauen. Sie können sich nicht vorstellen, dass ein System zerkrachen kann, schnell wie ein Kartenhaus. Ich weiß es besser.

Verbesserungen denke ich mir trotzdem manchmal. Dann baue ich mir einfach ein System, wie ich es schön fände, und träume vor mich hin. Ich würde manches vom Gestern vermischen mit vielem von heute. Und was ganz Neues hinzunehmen. Gerechtigkeit, damit würde ich anfangen, und über alle Menschen eine Prise davon streuen. Alles kann sich ändern, auch zum Guten.

Wenn ich abends keinen Auftritt habe, stehe ich bis sieben in der Kantine. Schlabberig sind die Hosen, ein weiter Pulli versteckt den Rest. Beinahe nachlässig bin ich gekleidet, mein Selbstbewusstsein bleibt draußen. Was Schönes kann aber trotzdem passieren. Ich hab noch viele Jahre vor mir, da hat das Glück noch Zeit. Es kann auf Schleichwegen hierherkommen, auch wenn das nicht so richtig einfach ist. Trotz allem gibt es ja noch den Zufall, der manchmal mit dem Schicksal spielt. Ich bin zwar hier, aber auf alles vorbereitet, auch auf mich kann man stoßen. Bis dahin träume ich davon, dass mich ein Reicher findet. Jemand wie der Mittwochsmann hat keine Chance. Zu wenig Scheine stecken in seiner Tasche, sein T-Shirt ist verwaschen und seine Hose ist fast älter als er. Bloß sein Lachen ist schön, als würde es sich gar nicht an der sichtbaren Knappheit stören, die an seinen Sachen klebt.

In der Kantine sind die Kaffeemengen auf ein achtel Liter festgelegt, zwei Drittel voll darf ich die Becher machen. Aber am Mittwoch nehme ich es nicht genau, bis oben hin gieß ich ein für die Altentruppe, mit extra viel Zucker.

Der junge Mann bezahlt und lächelt mir zu, geht zu dem Ecktisch und lächelt mir zu. An manchen Tagen lächle ich zurück und manchmal überhaupt nicht. Er hat kein goldenes Geburtslos, mit dem man gesichert in die Zukunft blickt, und ich erschrecke, dass ich so kalkulierend bin. Ich habe doch selbst nichts. Wenn ich beim Kaffeereichen daran denke, guck ich böse, weil ich mir damit die Mittwoche versaue. Dennoch lächelt er mich an, wie jeden Mittwoch.

„Guten Tag, junge Frau. Viermal Kaffee für vier Leute. Ich freue mich ja, heute wieder hier zu sein. Viermal mit Zucker, bitte.“

Er ist nett und ich könnte einfach zurücklächeln, aber ich glaube, wenn er mich gern hat, macht er sich unnötig Hoffnung. Ich starre sein T-Shirt an, weil ich gemein bin. Ich zeige mit meinem Blick, dass er mir zu nachlässig gekleidet ist. Was ich selbst trage, macht es nur noch schlimmer. Ich will einen finden, der mir da raus hilft. Und ein Gleicher gibt mir keine Zukunft, nur eine magere kleine, aber die sichere, entspannte, wie ich sie mir wünsche, bestimmt nicht.

Doch ihn scheint die Knappheit nicht zu stören, er lächelt nur. Manchmal gebe ich das Grimmige auf. Wenn seine Alten die Tassen zurückbringen, sagen sie in einem komischen Chor: „Vielen, vielen Dank, es war mal wieder lecker und so schön randvoll.“

„Ach ja, gerne, wiedersehen, bis nächsten Mittwoch.“

Der Mittwochsmann nimmt seine Wattejacke von der Lehne und geht zu den Alten. Er schiebt die Altenrücken sanft aus der Tür, als hätte er Sorge, dass sie hier bleiben und sich wieder setzen wollen, wenn er nicht nachhilft. Er dreht sich noch einmal um, ich gucke auf seine ausgewaschene Wattejacke und auf die Alten und lächle, obwohl ich es nicht will, ein Aufwiedersehen zu ihm hin.

Die graue Kantinentür fällt ins Schloss, ich zucke zusammen. Der Trupp ist weg. Jedes Mal sage ich mir: Vergiss diesen Mittwoch, das ist nichts, wird auch nichts werden. Und wenn ich dann da stehe, guckt die Köchin durch die Durchreichluke. Schweißnass steht sie da, im Küchengeruch mit knallroten Wangen und Leinenschürze. Sie guckt zu den großen Fenstern und sagt: „Sei bitte weiter so biestig, dann sind wir ihn und die Truppe irgendwann mal los.“

Ich zische nur: „Lene, geh rückwärts, zu Töpfen und Pfannen.“

Sie hält die eine Hand auf ihre Augen und die andere auf ihr Herz. Und jedes Mal, wenn sie das tut, fragt sie: „Hab ich ein Herz?“

„Wahrscheinlich“, sage ich.

„Und Augen?“

„Na wenn schon!“

„Und ich bin nicht blöd.“

„Hm.“

„So wie du guckst.“

„Ich gucke wie immer, wie morgen und gestern.“

Lachend sieht Lene mich an, als wäre ich ein Witzblatt.

„Ich seh’s, ich merk’s“, sagt sie, „und ich hab Erfahrung.“

„Mit was?“, frage ich.

Sie streicht die Haare aus ihrem Gesicht.

„Mit Männern und mit dir.“

Sie streckt sich so weit wie es geht durch die Luke: „Wenn du nicht verliebt bist, dann fress ich einen …“

„Lass den Besen, geh mal kochen, mach die Luke zu, sei still.“

Doch erst wenn ein Gast kommt, zieht sie ihren Kopf aus der Durchreichluke und die Schürze wieder fest, und ruft ein letztes Mal rüber: „Falls du heute noch nicht überarbeitet bist, bring mal ’nen Kaffee zur Küche.“

Mein Job läppert nur noch vor sich hin, er zieht sich, zieht sich, als würde der Feierabend gar nicht mehr kommen. Ich reiche weiter Kaffee an die Leute, greife nach dem Kleingeld, das immer passend gereicht wird, weil sie gar nicht mehr haben als das. Ich lege das freundliche Nichtgesicht auf, es hängt an den Wangenknochen bis zum Schluss. Ich bin nach außen hin ruhig, nur innerlich bin ich ein zittriges Nervenbündel, das sich vom eigenen Frust wegdreht.

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Innerlich bin ich pampig bis abends um sieben und auch noch als ich zu Hause ankomme und die Tür aufschließe. Mein Blick fällt auf das Klingelschild. Mein Name ist das nicht. Ich wohne hier nur zur Untermiete. Doch wissen darf das niemand, weil es verboten ist im Haus. Trotz des Verbotes bin ich da. Seit fünfzehn Jahren schon, ein Schatten, mit gesenktem Blick und immer flüchtig. An manchen Tagen kommt extra der eigentliche Mieter, um den Nachbarn die Hände zu schütteln. Meine Post wird mir direkt ins Rathaus, zur Kantine hingeschickt. Und auch wenn die Miete nur durch dieses Versteckspiel so gering ist, dass ich sie zahlen kann, will ich mich nicht ewig ducken müssen, mit keinem Nachbarn reden, die Unsichtbare sein. Im Hausflur gibt es mich nicht und drinnen keinen anderen als mich. Wenn es das Radio nicht gäbe, spräche ich längst mit mir selbst. Das Radio erzählt was und ich höre auf zu grübeln. Die Themen der Welt fliegen in mein Zimmer. Am vergangenen Mittwoch kam ein Bericht aus Prag und ich dachte an meinen Vater.

Er war dort, ein Jahr lang, genau Achtundsechzig, beim Aufstand für neue Zeiten. Er fuhr nach Prag, um zu studieren, und das tat er ja auch: Er studierte die Revolution, mit Haut und Haar. Wenn er mir als Kind davon erzählte, zwinkerte er mir zu und sagte: „Die Freiheit kam beinahe durch die Tür.“