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Informationen zum Buch

Ende der 1990er Jahre entdeckt Billy Hutter bei einer Haushaltsauflösung in Ludwigshafen den Nachlass von Karlheinz N., der kurz zuvor mit Mitte sechzig auf ungeklärte Weise im Rhein ertrank. Die Wohnung ist bis unter die Decke mit Gegenständen und unendlich vielen Papierstapeln vollgestellt, wobei alles mit größter Sorgfalt geordnet scheint. Und statt alles leer zu räumen, an Möbeln und Gegenständen das, was zu Geld zu machen ist, zu verwerten, und den Rest der Müllverbrennungsanlage zu übereignen, beginnt Hutter, sich mit dem Nachlass dieses Menschen zu beschäftigen.

Denn Karlheinz, Sohn eines Chemikers bei der BASF, hat sein Leben akribisch dokumentiert: seine Schulzeit, die Bombardierung seiner Heimatstadt, seine Studienfachwahl nach dem Abitur. Die sonntäglichen Ausflüge mit den Eltern in die Pfalz, zu deren Zweck man eigens ein Auto kaufte. Jede Anschaffung, vom Hosenknopf bis zur Hotelrechnung, wird aufgelistet, auch die gelegentlichen Besuche bei Prostituierten. Aus Kinderzeichnungen, Schulaufsätzen und unzähligen Tagebüchern lassen sich die prototypischen Zutaten eines Spießerlebens ablesen, das – bei aller Besonderheit – exemplarisch die westdeutsche Nachkriegszeit und die Jahre des Wirtschaftswunders und der 1960er und 1970er Jahre dokumentiert.

Und wie immer, wenn man sich mit der Geschichte jener Jahre auseinandersetzt, wird neben Banalem und unfreiwillig Komischem auch das Grauen sichtbar. Und so führt Hutters Zeitreise nicht nur in den nahen Pfälzer Wald oder in die Alpen, sondern bis nach Ravensbrück und nach Auschwitz.

Ludwigshafen hat auch schöne Ecken.

ein Gast

Wer schreibt, der bleibt.

Skatspruch

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Zitate

Erstes Kapitel, in dem man etwas über Entrümpelungen erfährt

Zweites Kapitel, in dem eine Stadt, eine Fabrik und ein Kind vorgestellt werden

Drittes Kapitel, in dem fast alles kaputtgeht

Viertes Kapitel, in dem nicht gleich etwas Neues beginnt und eine Spielzeugeisenbahn zum letzten Mal aufgebaut wird

Fünftes Kapitel, in dem über das Glück nachgedacht wird und einer den Stock zu spüren bekommt

Sechstes Kapitel, in dem einer mit dem Opel durch Landschaften fährt

Siebtes Kapitel, in dem sich einer auszieht

Achtes Kapitel, das von schlechten Geschäften erzählt

Neuntes Kapitel, in dem einer für immer daheim bleibt

Zehntes Kapitel, in dem natürlich alles ein schreckliches Ende nimmt

Über Billy Hutter

Impressum

Kapitel 1

Schluss mit Karlheinz!

Viele Jahre lang habe ich die Hinterlassenschaft eines Fremden mit mir herumgeschleppt: ein halbes Dutzend ramponierter Koffer, ein paar Kartons und einen sperrigen Wäschekorb, der nur noch an einer Seite einen Griff hat.

Die Möbel sind schon lange verkauft. Der große Eichenschrank, spätes Biedermeier um 1850, mit einem rätselhaften schwarzen Fleck in einer der Türfüllungen – ich stelle mir einen spektakulären Christbaumbrand vor –, steht jetzt bei einer Familie Kleber in Mutterstadt. Der Küchentisch aus den Zwanzigerjahren, weiß lackiert und mit grüner Linoleumplatte, wird von Helmut zum Malen benutzt und ist heute mit einer dicken Kruste aus Gips und Farbe bedeckt. Auf dem dazu passenden Stuhl sitze ich.

Wenn ich euch jetzt einlade, mit mir zusammen Koffer und Kisten zu öffnen, Karlheinz auszupacken, wünschte ich mir, wir stünden am Beginn eines großen Abenteuers.

Etwa so: Die Schatzinsel. Das ist Billy Bones Kiste: Ein paar Stangen Kautabak, eine alte spanische Uhr, fünf oder sechs westindische Muscheln, unter dem alten Bootsmantel ein Segeltuchbeutel, in dem es nach Gold klingt, zuletzt ein in Wachsleinwand eingeschlagenes Bündel: Flints Karte. Draußen im Nebel – tock, tock, tock – klappert schon der Stock des blinden Pew. »Wann segeln wir? Wir segeln morgen!«

Aber das ist Karlheinz’ Kiste. Sie enthält eine rechteckige Blechdose der Feurich-Keks AG München. Darin liegt ein vor vielen Jahren dort deponiertes, mit drei Mandeln verziertes, ganz trauriges Lebkuchenherz, das in Zellophan eingepackt ist. In der hölzernen Zigarrenkiste der Marke »Deutsche Arbeit« verbirgt sich eine weitere Zigarrenschachtel mit dem Aufdruck »Mano«, und darin wiederum eine noch kleinere, fast nur noch streichholzschachtelgroße Packung der Firma Ligner. »Laxin – das wohlschmeckende und milde Konfekt zur Regelung des Stuhlgangs und zur Vermeidung von Verstopfung für Erwachsene und Kinder«, ist darauf zu lesen. In der sich aber kein »Laxin«-Konfekt mehr befindet, sondern mehrere, ganz winzige, zylindrische Plastikdöschen mit Zirkel- und Bleistiftminen, in einem davon ein zusammengerollter Papierstreifen mit der handschriftlichen Botschaft: »Ludwigshafen = passend wenn zusammengezwickt.«

Kein Gedanke an Sansibar, an die Inseln hinter dem Wind.

»Auf den Müll mit dem Kram!«, wäre damals die vernünftigste Entscheidung gewesen. Aber ich habe mich darauf eingelassen, habe aus Neugierde und aus freien Stücken eine mittlerweile zur Last gewordene Verbindung aufgenommen, die Nähe gesucht, Intimität hergestellt.

Warum kniet sich einer in ein fremdes Leben?

Weil das eigene leer erscheint.

Meine Tochter ist mit Karlheinz groß geworden, hat schon als Dreijährige auf der Suche nach Buntstiften in meinen/seinen Unterlagen gewühlt – eine Vermischung hat sich nicht ganz vermeiden lassen –, den abgelaufenen grauen Personalausweis aus der Plastikhülle gezogen und gebrabbelt: »Kalleinz.«

Als die Familienstrukturen noch stabiler waren, gab es den Typus des unangenehmen Verwandten, den Onkel, den niemand mochte, der trotzdem bei jeder Familienfeier dabei war, den man nicht loswerden konnte, weil er nun mal dazugehörte. Diese Rolle mag er im Fühlen meiner kleinen Tochter eingenommen haben. »Ich hasse Karlheinz«, hat sie, ob seiner nervenden Allgegenwart in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung, irgendwann gerufen. Sie hasste auch den Fluss, nachdem ich ihr erzählt hatte: »Da irgendwo hat man ihn gefunden.«

»Der Mensch ist nicht viel – ein paar Aktentaschen voll Fleisch«, gab der Massenmörder Haarmann zu Protokoll. Um den Rest, was ansonsten von ihm übrigbleibt, um die Dinge, mit denen der Mensch sich umgibt, die er braucht oder zu brauchen glaubt, die er kauft und sammelt, die er anhäuft, hortet und rafft, kümmere ich mich, der im Leben nicht viel mehr erreicht hat, als Entrümpler zu werden.

Der einzelne Mensch in Deutschland – in den anderen reichen Ländern wird es nicht anders sein – hinterlässt im Durchschnitt etwa 15 bis 20 Kubikmeter Restmüll. Nicht eingerechnet sind Autos – in Karlheinz’ Fall wird das anders sein –, wertvolle Briefmarkensammlungen, Meißner Porzellan und Barrengold. Gemeint sind vielmehr die Gegenstände, die mögliche Erben nicht haben wollen, weil sie selbst bereits ähnliche, meist aktuellere oder qualitativ bessere besitzen.

Unsere Firma durchsucht die Hinterlassenschaften der Verstorbenen nach Verwertbarem, zerlegt Möbel in handliche Stücke, transportiert Glas, Metall und Sondermüll an die dafür eingerichteten Sammelstellen und bringt den Rest zur örtlichen Müllverbrennungsanlage. Darüber hinaus betreiben wir eine Werkstatt und einen Laden, wo wir alte Möbel aufarbeiten und dann verkaufen. Die Kunden kommen gerne in die Werkstatt, sie genießen den Anblick alter Arbeit. Hölzerne Werkbänke, Stechbeitel, Hobel und Sägen versetzen sie in eine romantische Stimmung. Und der Geruch nach frischem Holz, Knochenleim und Wachs und Öl; die Hobelspäne hinter den Maschinen, die schmutzigen Hände, machen sie melancholisch. So würden sie auch gerne arbeiten, sagen sie.

Spätestens zur Jahrtausendwende kam das Geschäft mit den Entrümpelungen, so wie wir es betrieben haben, allmählich zum Erliegen. Besonders die steigenden Müllgebühren trieben die Preise für eine komplette Räumung in die Höhe und die Leute entsorgten die Reste ihrer Verwandtschaft lieber selbst oder überließen den Job der wachsenden Schar von deklassierten Flohmarkthändlern, die plötzlich mit »Entrümpelung kostenlos!« annoncierten. Was uns blieb, waren die Problemfälle: völlig vermüllte Wohnungen – ehemaliger Frischkäse zwischen der Bettwäsche –, die keiner mehr betreten wollte, Aufträge seitens der Arbeiterwohlfahrt oder durch Angehörige, die trotz langjähriger Antipathie plötzlich in die Pflicht genommen wurden, weil der schreckliche Selbstmord des Verwandten sie für die Entsorgung von dessen Restmüll verantwortlich machte.

Aber meistens ist es so: Die Wohnung steht, bis auf eine überdimensionale Couchgarnitur, die irgendwann einmal durch die Eingangstür gepasst hatte, leer und der Schwiegersohn kann die Schrankwand (Eiche-Imitat) nicht alleine demontieren.

Unberührte Wohnungen, besser gesagt fast unberührte Wohnungen, denn nach dem Sparstrumpf hat immer schon jemand gesucht, sind so selten wie unentdeckte Grabkammern im Tal der Könige. Volle Wohnungen machen mich kribbelig. Ich gerate in Goldgräberstimmung. (»Hoher Baum, Schulter vom Kieker, Peilung ein Strich N zu NNO. Skelettinsel OSO zu O. Zehn Fuß.«) Ich rieche die Schätze, die in den Schubladen stecken. Ich eile beschwingt durch die Zimmer, öffne die Schränke, frage nach Keller und Speicher, wo zwischen dem Gebälk und nahe den Fundamenten das Verborgene liegt.

Der Blick ist zunächst professionell: verwertbare Möbel bis 1930, schicke Fünfziger- oder Siebzigerjahre-Sachen sind rar und fallen in eine andere Kategorie, Vollhölzer also, mittlerweile auch besser gearbeitete Tischlerplattenmöbel, solange man noch irgendwie »Art déco« oder »Zwanzigerjahre« sagen kann. Ein alter Kollege erzählt gerne die Geschichte, dass früher die Wanduhren – Gründerzeit – zerschlagen wurden, um die Innereien – Messing vor allem – an den Altmetallhändler verkaufen zu können. Ich suche nach Glas, Porzellan, Büchern, Gemälden, altem Spielzeug und Christbaumschmuck, auch nach Wäsche aus Leinen. Liegt die Wohnung in der Innenstadt, sind Vorkriegsmöbel selten. Im Zweiten Weltkrieg zerstörte Wohnungen = 80 Prozent. Zugespachtelte und dann überstrichene Brandspuren an den Weichholzschränken, die nach dem Ablaugen sichtbar werden, finden sich immer wieder.

All die Wohnungen, die wir geleert haben, verbinden sich in meiner Vorstellung zu einem gewaltigen Labyrinth aus Wohn-, Schlaf- und Esszimmern; kilometerlange Flure und endlose Treppen führen in Dachkammern und durch Lattengestelle unterteilte Kellerverschläge. Ein immer weiter wucherndes, monströses und unüberschaubares Museum der Alltagskultur. Ein piranesisches Gewölbe.

Man beginnt zu kategorisieren. Alter Haushalt, neuer Haushalt, Heiratsjahr der ehemaligen Bewohner, damit verbundene Datierung der Anschaffungen. Einteilung nach sozialen Schichten, Übereinstimmungen in Stil und Geschmack. Die feinen Unterschiede. An den Wänden in Öl gemalte Gebirge, in den Regalen die Ausgaben vom Bertelsmann Lesering und Deutschem Bücherbund: John Knittel, »So grün war mein Tal, Und ewig singen die Wälder«. Völkisches, Vesper und Blunck. In den Kisten unter dem Dach, gut versteckt und längst vergessen, die Führerfiguren aus Elastolin mit beweglichem Arm, dieser fast immer beschädigt.

Die Stadt ist eine Arbeiterstadt. Es ist meine Stadt. Hier dominiert leider ein schlechter Geschmack.

Für Leute, die mit alten Dingen handeln, stellt sich stets das Problem der Einlagerung. Man muss warten können. Das Aufbegehren einer Generation gegen die vorhergehende äußert sich auch in der Abneigung gegen Hölzer. Sattgesehen haben sich Töchter und Söhne an rötlicher amerikanischer Kiefer und schwarz gebeizter Eiche, die von den Enkeln wiederum sentimental verklärt und begehrt werden. So träumt der Entrümpler von der riesigen Halle, in der die Dinge konserviert werden können, bis ihre Zeit wieder reif ist.

Die könnte sein: Eine ehemalige Auspufffabrik im Hessischen, in der ich, während eines vor Urzeiten abgebrochenen Studiums der Politischen Wissenschaften, als Nachtwächter gearbeitet habe. Dort, in der Lagerhalle, die nachts nur spärlich von einigen Neonröhren und dem huschenden Strahl meiner Taschenlampe beleuchtet war, türmten sich in langen Fluren Gitterboxen aus Metall bis in 5 oder 6 Meter Höhe. Nicht ohne Grauen, so erinnere ich mich, bin ich durch diese Gänge gelaufen, auch manchmal zusammengezuckt beim Anlaufen der Kompressoren oder wenn irgendwo ein Blech verrutschte, mit gespenstischem Scharren. Ein schlecht bezahlter, dafür vollkommen harmloser Job ist das übrigens gewesen. Ohne die Verpflichtung, eine Dienstuniform zu tragen, wurde er im Laufe der Jahre nur von zwei Zwischenfällen getrübt. Einmal zwei abgeschnittene Finger in der Spätschicht – ein Unfall an der Stanzmaschine, dem Nachtwächter oblag auch die Versorgung mit Heftpflaster, Kopfschmerztabletten und einem alkoholhaltigen Getränk gegen Magenverstimmung. Der Mann hielt die Hand hoch und schrie: »Ich kann nimmer schaffe!« Der Wächter wusste immerhin die Notrufnummer. Ein anderes Mal, am nicht bewachten Wochenende, das wurde anschließend geändert, ein Einbruch mit geringfügigem Schaden – aufgebrochene Getränkeautomaten –, vermutlich von einem ehemaligen Betriebsangehörigen verübt, denn der Täter hinterließ, als hilfloses Zeichen seiner Rache, einen Kothaufen auf dem Schreibtisch des Obermeisters. Danach viele lustige Bemerkungen hinter vorgehaltener Bildzeitung.

In diese Halle würde ich an den Wänden entlang Großmöbel stellen, Kleiderschränke, Küchenschränke, Vitrinen und Büffets, davor in langer Reihe all die noch gefüllten Nachtkästchenpaare. Die aus mit Bierlasuren gestrichener Tanne neben die Nussbaum furnierten mit und ohne Marmorplatten, niedrige mit Glaseinsätzen stünden Seite an Seite mit den Schleiflackschränkchen, deren gespreizte Beine Schatten auf den Boden werfen. Dann könnte ich mit einer Studie über geschlechtsspezifische Inhalte von Nachtkästchen beginnen; Sockenpaare, zerbrochenen Schmuck, Kölnisch Wasser, Medikamente, Schokolinsen, Rosenkränze, Münzen und Glücksbringer einem selbst erfundenen Untersuchungsverfahren unterziehen, um mir die Zeit zu vertreiben.

Wenn ich mich auf das Wesentliche einer Auflösung konzentriere, auf die besonderen Gegenstände, die die Individualität einer Wohnung und ihrer ehemaligen Bewohner ausmacht, so würde mir meist eine der Gitterboxen genügen, um die Dinge aufzubewahren, die eine klare Sprache sprechen.

»Dinge, die reden«, ein Beispiel: Ein Mann, von ferne angereist, ein wenig grau schon, Musiker, beauftragt uns, das Haus seines verstorbenen Vaters zu räumen. Für uns ist nicht viel zu holen. Die Wohnzimmereinrichtung besteht aus gut gearbeiteten skandinavischen Möbeln, eigentlich ist es schade, dass wir sie in den Container werfen, aber dafür gibt es zu jener Zeit keinen Markt. Auf der einen Seite des Zimmers ein helles Klavier, das wir im Auftrag des Kunden verkaufen werden. Auf der anderen Seite bleibt noch ziemlich lange eine Anrichte aus Birkenholz stehen, auf die zur Dekoration ein Segelschiff aus schwarzem Plastik, vermutlich ein Urlaubsmitbringsel, gestellt worden ist. Das Schiff wird irgendwann von jedem prüfend in die Hand genommen, aber niemand will es haben – es ist wertlos und von geringem ästhetischen Reiz. Später am Tag liegt es draußen auf einem Hocker neben dem Container. Schließlich landet es doch in der Mulde. Ich beobachte, wie der Auftraggeber es wieder herausnimmt, es in den Händen dreht und lange betrachtet, dann legt er es behutsam wieder zurück in den Müll. Im Keller finden wir eine Reihe von Metallkoffern mit vielen hundert Dias, die ich mit nach Hause nehme. Beim Betrachten der Bilder entdecke ich neben den üblichen Urlaubsserien – »Spanien 1958«, »Ostern in Meran« – und der vollständigen Dokumentation des Hausbaus, ein langsam groß werdendes, einsames Kind. Oft das Wohnzimmer mit den skandinavischen Möbeln. Viele Bilder aus den 1960er Jahren. Der Junge an Weihnachten, der Junge beim Essen, Hausaufgaben machend, beim Klavierspiel. Auf der Anrichte, unmittelbar vor seinen Augen, ist immer das schwarze Plastikschiff zu sehen. Eine Seeräuberdschunke, die wilde Märchen erzählt, beladen mit Gold. Blut an der Reling.

Natürlich müsste dieses Schiff zusammen mit einigen der Dias aufbewahrt werden, ebenso die Schäferhundesammlung eines alten Ehepaars (Bierkrüge mit lithographierten Schäferhunden, Leistungsschauplaketten, Porzellanhündchen), die historisch wertvollen Gesundheitsheftchen eines anderen, die Pornos und die Liebesbriefe aus der Gefangenschaft, die Schuhschachteln mit den Familienfotos und der orthopädische schwarze Stiefel eines gewissen Herrn Sack. Dazu noch allerlei Kleidungsstücke, Kissen mit besonderen Bezügen, gehäkelte mit dicken aufgesetzten Rosen. Weihwasserkesselchen. Die vermutliche Lieblingstasse (»Erwins Tasse«) aus dem Schrank.

In Wirklichkeit ist nur wenig erhalten geblieben. Einige Bruchstücke aus den Leben des Architekten Alfred Schmidt und des Mannheimer Amateurfotografen Fröhlich liegen in einem feuchten Raum im Stadtteil Hemshof, in einem Winkel, den ich hochtrabend »das Archiv« nenne. Es gibt noch, abgetippt und gebunden, die Briefe von Dr. Walter Sonntag, einst Arzt im Konzentrationslager Ravensbrück.

Das sind erbärmliche Überreste, mit denen ich meinen eigenen, schrägen Blick auf die Vergangenheit konstruiere.

Karlheinzens Gitterbox dagegen ist voll bis zum Rand, das ist nicht mehr als die Folge einer spontanen Laune, und nur deshalb ist das seine Geschichte.

Karlheinzens Schatz

Meine Erinnerung an die Entrümpelung beginnt sich allmählich aufzulösen. Ein langer Schritt hinein in ein fast leeres Zimmer: das Schlafzimmer der Eltern, die meisten Möbel hat sich ein Nachbar geholt. Der nach Süden führende Balkon mit den gestapelten Jahrgängen der Lokalzeitung. Die Sauerkrautbüchsen, dreißig oder vierzig Stück, die einzigen Lebensmittel, die er auf Vorrat gekauft hat – Verdauungsprobleme? Skorbut? – und vor denen wir uns in der Abstellkammer hinter der Küche staunend versammeln. »Hast du das Sauerkraut gesehen?« Die Frau, die uns bezahlt und die ich nunmehr als eines von »drei kleinen Kindern« identifizieren kann, die nervös ist, und die wir wegschicken. Auf einem Schemel stehend ziehe ich aus einem überquellenden Wandschrank eine Porzellankopfpuppe der Marke »Armand Marseille«. Im Keller von Rost überzogene Fahrräder. Der mottenzerfressene Wandbehang mit der Darstellung eines Papageis. Ein Gestell mit überlagertem Pfalzwein. Ein Schrank gefüllt mit leeren Zigarrenkistchen. In Regale sortierte Pakete, sorgsam in Packpapier geschlagen und mit Schnüren verknotet; hundert Pakete, die Schätze versprachen. Später beim Auspacken die Ernüchterung: Meist nur Schachtel in Schachtel in Schachtel, dann Holzwolle, ein blöder Kindergeburtstagsscherz, denn im Kern der Kokons oft nichts als einzelne Holzscheite.

Der Eindruck, der in meiner Erinnerung vorherrscht, ist der von nur noch mühsam aufrechterhaltener Ordnung – eine erste Kolonie von Silberfischen hat sich im Bad eingenistet. Schon gänzlich aufgelöst hat sie sich in Karlheinz’ Zimmer. Dort Berge von Papier; man sagt das ja gerne einmal – »Berge von Papier« – und meint damit eine größere Menge, dort auf dem Schreibtisch aber wahrhaftig ein meterhohes Gebirge, eine aufrecht stehende Lampe – Eisenfuß mit grünem Schirm – kommt erst später zum Vorschein. Papier, das wir in Wäschekörbe füllen und zum Container bringen. Die Sichtung des übriggebliebenen Materials, das ich später nach Datum sortiere, lässt vermuten, dass die oberste, von uns roh abgetragene und danach vernichtete Schicht die Siebziger- und Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts betraf. Ich vermute das, weil durch das Schaufeln von Paaren geöffneter Hände Erdrutsche ausgelöst wurden, die einige Dokumente aus dieser Zeit zur Seite beförderten, so dass wir in dem Moment, als jemand »Halt!« rief, die Form eines zur Hälfte ausgehöhlten Kegels mit mächtigem Stumpf vor uns hatten – Kindheit und Jugend –, mit immer dünner werdenden Seitenwänden im oberen Bereich.

Es gab diesen Bruch, ein Innehalten, ausgelöst durch den Fund einiger Münzen im Inneren des Kegels, mit der Folge, dass wir den zweiten Container in die alte Lkw-Werkstatt umlenkten, die wir damals als Lager nutzten, um mehr Zeit zu gewinnen.

Im Hof der Schanzstraße stehen wir am Abend und zerfleddern den Nachlass, zerreißen den Rest. Als es zu regnen beginnt, packe ich was mir wichtig erscheint in Karlheinzens eigene Koffer. Der größere Teil geht unwiederbringlich verloren, windet sich am kommenden Tag schon als Rauch durch den hohen Schlot der Müllverbrennungsanlage, schlägt sich – ein wenig Pathos ist angebracht – als Schmutz wieder nieder auf den Dächern unserer gemeinsamen Heimatstadt.

Kapitel 2

Bei uns in Ludwigshafen

»Als sie Gesicht und Hände abgetrocknet hatte und wieder die neue Stadt vor sich sah, überwallte sie der Zorn: ›Nein, da bleibe ich nicht, da gefällt es mir nicht.‹«

Adam Ritzhaupt: Jungschmied Fasolt

»Mannheim und Ludwigshafen sind fast wie eine Stadt zusammen. Bloß, wissen Sie, bloß Mannheim das gehört zu Baden-Württemberg und Ludwigshafen zu Rheinland-Pfalz. Zehn Minuten über die Rheinbrücke und schon ist man von Mannheim in Ludwigshafen.«

Dietmar Kracht in »Die Bettwurst« (Rosa von Praunheim, 1970)

Deutschaufsatz Karlheinz

Entwurf auf Konzeptpapier

1946 oder 1947

Kann uns die Großstadt zur Heimat werden?

Bevor wir uns dieser Frage zuwenden, wollen wir zunächst die Begriffe Großstadt und ins besonders Heimat klären.

Als Heimat bezeichnet man ganz wörtlich den Ort, an dem man sein Heim hat, und an dem man wohnt. Hier ist man geboren und hat die ganze Kinder- und Jugendzeit verbracht, hier wohnten auch einstmals die Eltern. Man ist mit der Umgebung verwachsen. Wir kennen in der unmittelbaren Umgebung jeden Straßenzug und jedes Haus. Überall hat man Bekannte. Man geht hier in frühester Jugend in die Volksschule, später vielleicht in die höhere Schule. Dann kommt die Zeit der Berufsausbildung. Man hat hier auch seine Arbeitsstätte. Jeden Tag geht man zur Arbeit und auf dem Arbeitsweg wird jede Veränderung wahrgenommen. Kommt man von diesem Ort fort und sieht ihn vielleicht während des Lebens nicht mehr, fühlt man meist eine gewisse Sehnsucht. Dieser Wechsel der Heimat ist natürlich bei den Menschen verschieden. Es gibt Leute, die sind mit der Scholle so verwachsen, daß sie, falls sie an einen anderen Ort verziehen, unglücklich sind. Anderen dagegen gefällt es wieder an anderen Orten besser; ihnen gefällt die Abwechslung. Das ist natürlich bei den einzelnen Menschen und Rassen verschieden.

Deuten wir den Begriff Großstadt ganz wörtlich, so verstehen wir darunter eine Stadt, die sich besonders durch ihre Größe auszeichnet. Eine Großstadt ist gewöhnlich auch eine Fabrikstadt, denn sonst wäre ja kein Grund vorhanden, daß eine solche Stadt überhaupt entstehen konnte. Durch die Fabriken werden die Leute angezogen, in ihnen finden sie Arbeit und erhalten dadurch ihr täglich Brot. Es entstehen dann nach und nach immer mehr Geschäftshäuser. Andererseits vergrößern die Fabriken ihre Betriebe und so wird langsam aus einer kleinen Stadt eine immer größere und schließlich eine Großstadt. Eine Großstadt zeichnet sich besonders durch ihren regen Verkehr aus, der ganz besonders in der Hauptgeschäftsstraße zu sehen ist. Um diesen Verkehr erleichtern zu helfen, wird fast jede Straße von einer Straßenbahn befahren. Charakteristisch für eine Großstadt, zugleich aber auch nachteilig, ist die mit Staub und Ruß erfüllte schlechte Luft. Es riecht meistens nach Fabriken und durch den Fabrikrauch werden auch die Häuser in Kürze rußig und schwarz.

Eine Großstadt kann uns zur Heimat werden, denn der Mensch ist gewissermaßen ein »Gewohnheitstier«; er kann sich meistens an alles gewöhnen. Die Großstadt hat natürlich sowohl Vorteile, als auch Nachteile.

Wir sind in Ludwigshafen. Das Gesicht unserer Stadt wird von Besuchern – gerade diese Woche wieder ein Kulturwissenschaftler aus Zürich und eine Lehrerin aus Berlin –, von heimgekehrten Söhnen und Töchtern und in den Erinnerungen hier Geborener in Form von teils verächtlichen, teils erschrockenen Bemerkungen beschrieben. Diese Urteile sind in jene zu unterteilen, die Bezug auf die Blütezeit der industriellen Ära nehmen, auf den Schmutz, den Rauch, den Gestank, das Ungeplante ihrer Bebauung, und die das proletarische Wesen ihrer Bewohner in den Vordergrund stellen. Die anderen beschreiben die Endphase der industriellen Zeit. Jetzt ist es der Beton, der abstößt, die Hochstraßen, die über die Stadt führen. In jüngerer Zeit wird der negative Eindruck verstärkt durch die allgegenwärtigen Spuren von Verwahrlosung.

Karlheinz und ich haben mit diesen abwertenden Urteilen nichts gemein. Wir beide sind nicht weggegangen. »Der Mensch ist gewissermaßen ein Gewohnheitstier«, schreibt er, und so stehen wir zu unserer Stadt; ja wir vermissen sogar ihren alten, nun beinahe vollständig verlorengegangenen Geruch, der sie, den größten Teil von Karlheinzens Leben über und bis in meine Kindheit hinein, unverwechselbar gemacht hat. Vor den Errungenschaften des Umweltschutzes entwich den Schloten ein einheitlicher schwerer Odem, der in den Straßen lag, und den die Eingeborenen als Ganzes nicht mehr wahrnahmen und den sie erst bei der Rückkehr aus dem Urlaub, etwa aus der gesunden Luft der Alpen, als den Geruch von Heimat wiedererkannten. Wenn sie damals sagten: »Es stinkt«, meinten sie nicht diesen alltäglichen und allgegenwärtigen, sondern von ihm abweichende Gerüche, die auf Grund technischer Zwischenfälle, oder ihrer lokalen Begrenzung wegen aus dem Ganzen herausragten. So die Ausdünstungen der Chemischen Fabrik von Dr. Raschig, die wie die rosafarbene Herpessalbe rochen, die meine Mutter mir auf die Lippen schmierte, oder der Ammoniakgestank, der auf dem Schulweg dem Abluftschacht einer Klitsche in der Jägerstraße entwich. Wer darauf vorbereitet war, konnte einige Schritte davor die Luft anhalten oder die Straßenseite wechseln und am Viadukt entlanggehen, dort war nur der Geruch von Pisse.

Die Innenstadt hat die Form einer unvollendeten Schlinge, deren offene Seite der Rhein bildet. Ihr könnt auch an ein kurzes, zufällig auf den Tisch geworfenes Stück Wolle denken oder an ein deformiertes Hufeisen. Diese Form kommt durch die Errichtung eines nicht mehr vorhandenen Kopfbahnhofs an einem nicht mehr vorhandenen Hafen am Nordende der heutigen City zustande und durch die Notwendigkeit, Gleiskörper und Bahndamm in südliche Richtung in einem großen Bogen zu der dem Mannheimer Schloss gegenüberliegenden Rheinbrücke zu führen. Diese frühe Fehlplanung – die pfälzische Eisenbahn nebst Bahnhof wurde 1847 in Betrieb genommen, zwanzig Jahre später wurde eine Eisenbahnbrücke am falschen Ende erbaut – hemmte aus planerischer Sicht die Entwicklung der Stadt in alle Richtungen. Hatten sich zunächst noch einige Industriebetriebe innerhalb der Schlaufe angesiedelt, die Chemische Fabrik der Brüder Giulini beispielsweise dort, wo heute Arbeitsamt, Museum und Philharmonie stehen, erwarb die für die weitere Entwicklung der Stadt so dominante »Badische Anilin- & Soda-Fabrik« 1865 ihr Gelände jenseits des Bahnhofs, im Norden, am Rhein.

Nimmt man einen der aktuelleren Stadtpläne aus Karlheinz’ Besitz zur Hand, etwa die »Freizeitkarte Ludwigshafen mit Rad- und Wanderwegen in einer menschlichen Stadt – überreicht durch die SPD-Stadtratsfraktion zur Kommunalwahl am 10. Juni 1979«, und hängt die Karte mit ein paar Reißzwecken an die Wand, so stellt sich die Topographie so dar: Sandfarbene Felder. Ganz hellblaue Streifen und Flecken, die Rhein, Neckar, Hafenbecken und Baggerseen abbilden. Verschiedene Grüntöne verweisen auf Parks, Naherholungsgebiete und Friedhöfe sowie die wenigen Freiflächen, welche die spät eingemeindeten Dörfer noch voneinander trennen. Es überwiegt aber das bebaute Terrain, das in einem Ton dargestellt wird, der mit auberginefarben wohlwollend umschrieben ist. Durchzogen wird es von den kräftigen gelben Linien der Hauptverkehrswege, den weißen der einfachen Straßen, den kaum noch zu erkennenden roten Linien der Radwege. Schwarze Einsprengsel markieren die wichtigen Bauwerke. Das Areal der BASF auf dem oberen rechten Teil der Karte nimmt eine Fläche ein, die um einiges größer ist als der gesamte Bereich der Stadtteile Mitte, Nord und Friesenheim. Auch das ist dicht bebautes Gebiet, wiederum durch den Rhein begrenzt, der, durch den Friesenheimer Durchstich begradigt, auf dieser Strecke eine kerzengerade Linie bildet. Dieses ansonsten unförmige Gebilde zeigt eine Reihe von Ausbuchtungen, deren stärkste, etwa zwischen den Ortsteilen Friesenheim und Oppau gelegen, eine Tiefe von circa 2 Kilometern aufweist. Das Werk erscheint hier als ein von einem weißen Raster durchzogenes graues Areal. Keine Werksstraße ist auf diesem Plan namentlich vermerkt, keine der wichtigen Produktionsanlagen bezeichnet.

Habt ihr einmal die Gelegenheit, auf eines der Dächer der drei in der Stadtmitte gelegenen Hochhäuser zu gelangen – geeignet ist auch das Hauptverwaltungsgebäude der Fabrik –, wird euch klar, dass ihr euch am tiefsten Punkt der großen Rheinebene befindet (ehedem sumpfiger Boden – heute versiegelt, Schnakenplage biologisch bekämpft, die Malaria erst 1920 besiegt), die auf beiden Seiten von Pfälzer Wald und Odenwald eingefasst ist. Jenseits des Flusses liegt Mannheim: Schloss, Wasserturm, Jesuitenkirche. Älter, größer und im brüderlichen Konkurrenzkampf seit jeher weit überlegen.

In einer vom Pfälzischen Fremdenverkehrsverband e. V. mit Sitz in Ludwigshafen Ende der 1930er Jahre herausgegebenen Broschüre – »Deutschland – Die Pfalz am Rhein« – (von Karlheinz mehrfach unbeherrscht mit »1939« bestempelt) werden im Abschnitt Ludwigshafen unter dem Punkt Sehenswürdigkeiten im Wesentlichen der großartige Schiffsverkehr auf dem Rhein, die Werke der I.G. Farbenindustrie und der Blick auf Mannheim genannt.

Gewicht des Vaters

Im Archiv:

Notizbuch des Dr. Christian Naksch

Zwischen dem 24. November 1931 und dem 18. Dezember 1936 führt Karlheinzens Vater Buch über das eigene Gewicht. Gewogen wird einmal wöchentlich zwischen halb drei und halb vier Uhr am Nachmittag. Notiert werden Datum, Gewicht, Gewichtsveränderung zur Vorwoche und die Differenz zum Ausgangsgewicht.

Der Vater wiegt am 24. November 1931 91¾ Kilogramm (ohne Gurt, Weste und Überzieher, mit Sommeranzug und Sommerunterkleidern). 84,0 Kilogramm am 16. Dezember 1933 (niedrigstes Gewicht im Beobachtungszeitraum) und 92,3 Kilogramm am 18. Dezember 1936.

Um ein genaues Messergebnis zu erzielen, wiegt der Vater auch seine Kleidung.

Das Gewicht der Kleidung des Vaters beträgt:

Sommeranzug komplett: 1970 Gramm

Winteranzug komplett: 2230 Gramm

Unterkleidung und Schuhe: 2530 Gramm

Weste: 275 Gramm.

Am Ersten Weltkrieg hat er als Artillerieoffizier teilgenommen. Auf fünfzig erhaltenen, großformatigen Glasnegativen ist sehr häufig ein Trupp Uniformierter zu sehen, der sich an einer mächtigen, geradezu mittelalterlich anmutenden Kanone zu schaffen macht oder die Kanone mit einem Pferdegespann vorwärts bewegt. Wie oft beim Betrachten alter Negative, hat man im ersten Moment den Eindruck, eine winterliche Landschaft wahrzunehmen, bis es gelingt, die Bilder positiv zu denken. Aus Kostengründen konnte ich nur wenige Fotos entwickeln lassen, habe dabei darauf geachtet den Vater selbst – in der Regel dürfte er der Fotograf gewesen sein – aufzuspüren. Auf einem Abzug steht er im Mittelpunkt einer Sechsergruppe von Soldaten, die offenbar eben noch mit Schanzarbeiten beschäftigt waren, aber anlässlich der fotografischen Aufnahme eine Pause eingelegt haben. Einer kniet in einem ausgehobenen Unterstand, ein anderer hält einen starken, aus einem Ast oder einem dünnen Baumstamm geschnittenen Schlegel ins Bild. Ein dritter, der auf einer primitiven Bank sitzt und ganz schlammverkrustete Stiefel trägt, umfasst mit beiden Armen eine dicke Drahtrolle, von der Leutnant Naksch mit einem Bolzenschneider ein Stück abknipst oder nur so tut, als würde er knipsen, denn die Aufnahme ist ganz gewiss gestellt und der spätere Chemiker scheint eine symbolische Handlung vorzunehmen, ähnlich der, wie ihr sie vielleicht von der Einweihung von Autobahnabschnitten noch im Gedächtnis habt.

Ein schwäbischer Militariasammler erklärte mir – ich hatte zunächst auf Fernmeldedrähte getippt –, der Draht habe zur Herstellung von Verhauen, die im Stellungskrieg im Vorfeld der Schützengräben üblich waren, gedient.

Im Archiv:

Braune Papprolle mit mehreren Ausfertigungen

einer Promotionsurkunde

Die philosophische Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität verleiht unter dem Rektorat des Professors Dr. med. Friedrich Jamin durch diese Urkunde Herrn Christian Naksch aus Schwabach auf Grund seiner Abhandlung »Ueber Meta-Oxypyryliumsalze und ihre Pseudobasen« nach sehr gut bestandener Prüfung Titel und Würde eines Doktors der Philosophie.

Erlangen, den 22. Juni 1921.

Es muss Mitte der Zwanzigerjahre gewesen sein, als der Vater, er stammt wie seine Frau aus Franken, Anstellung in der »Badischen Anilin- & Soda-Fabrik« gefunden hat, in den wenigen Jahren der Stabilität, die man die »Goldenen« nennt. Die Unruhen der ersten Nachkriegszeit sind vorbei: die Oppauer Katastrophe von 1921, der große Streik von 1922, die Separatistenzeit, die Hyperinflation, der Kampf um den 8-Stunden-Tag 1924. In der BASF herrscht Carl Bosch, der die Stickstoffsynthese zur technischen Reife gebracht hat und unter dessen Regie während des Krieges in Leuna bei Merseburg ein mächtiges neues Werk gebaut worden ist. Bosch ist es auch, der jetzt den Zusammenschluss der namhaften deutschen Chemiefirmen zu den I.G. Farben vorantreibt. Ein weiteres großes Syntheseprojekt ist in greifbarer Nähe, kostspieliger als Indigo, umfassender als Ammoniak – die Hydrierung der Kohle zu Leuna-Benzin.

1925 zählt die Stadt erstmals über hunderttausend Einwohner.

1928, ein Jahr vor Karlheinzens Geburt, arbeiten in der BASF, in den Werken der I.G. Farben Ludwigshafen und Oppau, wie sie nun heißt, 26.000 Menschen. Dr. Naksch, von Haus aus ein Anorganiker, ein Mann der Salze und Säuren, ist einer von ungefähr dreihundert promovierten Chemikern, die hier beschäftigt sind. Man stellt etwas dar als BASF-Doktor in Ludwigshafen und der Pfalz; man hat es zu etwas gebracht.

1928 beträgt die Zahl der in Ludwigshafen gemeldeten Personenkraftwagen 766; unter ihnen der »Hudson Essex« des Chemikers Naksch. Im Todesjahr seines noch ungeborenen Sohnes, um einen weiten Bogen vom Anfang zum Ende zu schlagen, wird diese Zahl ganz genau – ich will damit sowohl die Akribie der weiteren Recherche, als auch das Ausmaß einer Veränderung unterstreichen – 75.170 betragen.

Der Stammhalter wird fotografiert

Der Tisch ist für die Wohnung, die ich nach einer Trennung provisorisch bezogen habe, zu groß. Er bietet Platz für die zweihundert Fotos. Ich entnehme sie einem Schuhkarton, den jemand ungeschickt mit einer dicken mit Weinblattmotiven bedruckten Tapete beklebt hat.

Ich bin ein paar Tage nach der Entrümpelung, mit dem Kind auf dem Arm, noch einmal hinübergegangen. Es ist ja nicht weit. Seine Wohnung lag oben, im vierten OG. Also den Kopf in den Nacken gelegt, ein paar Schritte zurück und überlegt: Was ist da oben geschehen?

Wir sind im Spätjahr, es ist Mittag, aber ich denke mir Abend. Keine gute Beleuchtung, eine Stehlampe eher, am Strom hat er sicher gespart. Der Karton hat auf dem Schreibtisch des Vaters gestanden. Da war auch eine Uhr. Da war eine Tasse. Ich bin, das muss ich sagen, ganz von Mitgefühl frei; meine Vorgehensweise ist rein kriminalistisch: Indiziensuche und Schlussfolgerung.

Vielleicht war es so: Er kommt aus seinem Zimmer (ein Chaos), er geht in die Küche, er geht durch den Flur. Er sitzt am Schreibtisch des Vaters. Eine Tasse hinterlässt einen Rand auf dem Lack. Ein Wasserfleck blüht zu einem weißen, nebligen Kreis auf, den der Restaurator später vorsichtig abflammen wird. Das spielt keine Rolle. Egal!

Vielleicht eher so (das ist simpel und passt ins Konzept): Er blättert durch Kinderfotografien und betrachtet die festgehaltenen Momente, an die wir uns im Nachhinein zumeist so erinnern, als wäre es das richtige Leben gewesen. Das Kind hat in den Wicken gelegen.

Wie kann man sich das vorstellen? Ein Brausen im Kopf. So ein Unterdruck, der einem die Ohren zufallen lässt. Keine Luft. Was denkt Einer, bevor er hinausgeht, und zum letzten Mal die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt? Hat er unten, späterer Einfall, noch einmal nach dem treuen Auto gesehen?

Daheim sitze ich selbst da, mit denselben gewölbten Fotografien, die Hälfte davon Landschaftsaufnahmen. Ich breite sie auf dem Tisch aus und beginne zu ordnen. Patience. Das wird dauern. Methodische Fragen: Am Anfang stehen die Dinge, dann kommen die Bilder, dann das Papier. Die einfachste Methode ist die der Chronologie.

Aus dem Merkbuch des Vaters (1929)

Geburt: 24.6. 11 Uhr 25 Gewicht: 3100 g
Länge: 51 cm Kopfumfang: 34 cm
Brustumfang: 32 cm Schulterumfang: 39 cm

Stellt euch einmal einen Bildbetrachter in Form eines kleinen Fernsehers vor, wie man sie früher in Andenkenläden kaufen konnte. Haltet ihn gegen das Licht, es macht klick, wenn ihr aufs Knöpfchen drückt und das erste Bild erscheint.