Über das Buch

Ivana Jeissing versteht es in ihren Romanen meisterlich, elementare Fragen zu verhandeln, ohne die komischen Momente des Lebens dabei außer Acht zu lassen. Das Finden der eigenen Identität und die damit einhergehende Vorstellung vom Glück, die Illusion der perfekten Familie: Auch in Wintersonnen geht es für Gustava schlicht um alles, doch Jeissing erzählt davon mit hintergründiger Heiterkeit und Leichtigkeit.

Als ihre Mutter stirbt, zieht Gustava von Wien nach Berlin, um sich den Gespenstern ihrer Kindheit zu stellen. Da ist die Sehnsucht nach dem Vater, den sie nie kennenlernen durfte und dessen Namen sie nicht kennt. Da ist das Andenken an ihre Mutter, von der sie sich nie angenommen fühlte, und nicht zuletzt quält sie die Frage nach der eigenen Zukunft. Gustava wagt einen Neubeginn und zum Glück steht ihr Donald Gliese zur Seite, ein Mann mit der Statur und dem Gemüt des jungen Peter Ustinov, sowie der sanftmütige Nello, ein älterer und ein wenig aus der Zeit gefallener Herr, der ihr – mehr Blumenfreund als Philanthrop – hilfreich die Hand reicht.

IVANA JEISSING

WINTER-
SONNEN

ROMAN

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METROLIT VERLAG

ISBN 978-3-8493-0372-3

Metrolit Digital,

veröffentlicht bei METROLIT, Berlin, 2015

© Metrolit GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2015 METROLIT

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Wir danken dem Klett-Cotta Verlag für die Abdruckgenehmigung des im Buch zitierten Gedichts von Gottfried Benn. Es ist folgendem Werk entnommen:

Gottfried Benn. Künstlerische Prosa. In der Fassung der Sämtlichen Werke – Stuttgarter Ausgabe. Herausgegeben, durchgesehen und mit einem Nachwort von Holger Hof. Klett-Cotta, Stuttgart 2006

Inhaltsübersicht

Cover

Über das Buch

Impressum

Zitat

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Über die Autorin

And maybe there’s a time to cry

And maybe there’s a time to say

Maybe we foolishly

Wasted our lives away

THE SHOES „Wastin’ Time“

Es gab eine Zeit, da träumte ich mich in einen prachtvollen Garten, in dem ich hinter hohen Palastmauern jenseits des Trubels von Kalkutta lebte. Jedoch nicht als Prinzessin. Ich war eine Riesenschildkröte, die auf Aldabra aus ihrem Ei geschlüpft, von britischen Seeleuten nach Indien gebracht und dem Maharadscha von Bengalen in einer feierlichen Zeremonie übergeben worden war. Um ihm Glück zu bringen.

Damals, mit zwölf, dünnhäutig und ausgehöhlt vom Erfinden wahrer Geschichten über einen nicht vorhandenen Vater, fühlte ich mich akut einsturzgefährdet. Ich konnte nicht verstehen, warum der einzige Mensch, der diesen besorgniserregenden Zustand hätte ändern können, seine Hilfe verweigerte. Obwohl nur wenige Worte nötig gewesen wären, um Halt zu geben. Stattdessen wurde ich mit dem Hinweis „Betreten auf eigene Gefahr“ meinem Schicksal überlassen. Warum? Auch auf diese Frage hat meine Mutter nie geantwortet.

Viele Jahre später führt mich mein Weg durch einen langen Glyzinienbogen, und die von der Sonne beleuchteten und vom Wind bewegten traubenförmigen, zartlila Blüten mit den länglich gefächerten Blättern werfen ein bewegtes Schattenspiel auf den Kiesweg, den ich, auch ohne das Tempo zu verringern, mit geschlossenen Augen gehen könnte, um mein Ziel zu erreichen. In diesem vertrauten Garten, der in den letzten Monaten zu meinem Verbündeten geworden ist.

Wäre ich aus einem Ei geschlüpft, an einem Ort, der keinen Namen trägt, von einem Wesen, das nur dazu diente, mir das Leben zu schenken – keine Nabelschnur, keine Vergangenheit –, niemand hätte auf mich gewartet. Etwas von mir erwartet. Was für eine Freiheit. Was für ein Glück. Mutter. Was für eine seltsame Erfindung.

Wie oft gingen mir diese Gedanken durch den Kopf. Ich. Auf einem unbequemen Stuhl aus Metall, dessen Armlehnen und Sitzkissen mit cognacfarbenem Kunstleder bezogen waren. Vor mir eine Frau, die mir vertraut sein müsste. Die ein Teil von mir war. Und doch sah ich eine Fremde. Über die Jahre immer fremder gewordene.

Meine Mutter verbrachte die letzten Monate ihres Lebens in der Neurologischen Universitätsklinik im Wiener Allgemeinen Krankenhaus und ich besuchte sie täglich vormittags. Wenn ich etwas länger blieb, begegnete ich Erna. Die sich hingebungsvoller um meine Mutter kümmerte, als ich es konnte. Weil sie darin eine Berufung sah. Während ich das Gefühl nicht loswurde, dass Mimi mir die besten Jahre meines Lebens gestohlen hatte.

Erna verdankte die besten Jahre ihres Lebens einem Zufall. Dieser katapultierte sie in den Siebzigern aus einem winzigen Tiroler Bergdorf direkt an die Französische Riviera und machte aus Erna Mademoiselle Ernestine, der in einer Welt, in der Geld keine Rolle spielte, schon bald ein tadelloser Ruf als Hausdame vorauseilte. Was sie in der Folge zum heißbegehrten Bijou der greisen Hautevolee an der Côte d’Azur werden ließ.

Natürlich wurde Erna nicht vom Glück verfolgt, weil ihre Eltern plausible Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit erzählen konnten. Und auch nicht, weil sie innerhalb von drei Sekunden auf die Bedürfnisse ihrer Tochter eingegangen waren. Trotzdem war es ihnen anscheinend gelungen, die Gefühlswelt ihres Kindes mit der Realität der Außenwelt positiv in Verbindung zu setzen, um ihm emotionale Sicherheit zu bieten. Also etwas, das mir größte Schwierigkeiten bereitet, da mein Muttermodell, so erkläre ich es mir heute, dieses Maß an Fürsorge nicht vorsah. Mein aufgeblasenes Selbstmitleid verhinderte damals einen objektiven Blick, und von Eifersucht geplagt, fiel es mir schwer, zu akzeptieren, dass in Ernas Leben immer ganz zufällig all das passiert war, was ich nur aus Hollywoodfilmen kannte. Vor allem, weil ich mir sehr genau ausmalte, wie glücklich ich mit so vielen glücklichen Zufällen gewesen wäre. Und hätte werden können. Wenn ich es denn gehabt hätte. Das Glück.

Gut. Ich überstrapazierte in dieser Zeit die Worte „Glück“, „hätte“, „könnte“, „wenn“ und „wäre“ etwas. Und mein Leben mit dem von Erna zu vergleichen, also mit dem Leben einer Frau, die viel älter war als ich und die ich erst wenige Monate kannte, führte dazu, dass ich mir wie eine Nörglerin vorkam. Schlimmer noch. Ich fühlte mich kleinlich, denn ich beneidete sie nicht nur wegen ihrer Vergangenheit, sondern vor allem wegen ihrer Hingabe.

Denn Erna hätte gar nichts dagegen gehabt, in ihrem Bergdorf zu bleiben. Um dort als Krankenschwester zu arbeiten. Zu heiraten. Und Kinder großzuziehen. Sie musste nach Wien. Um Arbeit zu finden. Und dass sie zusätzlich einen Milliardär gefunden hat, dafür konnte sie schließlich nichts.

Natürlich nicht.

Und es ist auch nicht so, dass Erna ihr Leben ungefragt vor mir ausbreitete. Ich bat sie darum und ermunterte sie im Laufe unserer Gespräche, immer mehr Details preiszugeben, denn nichts erleichterte in diesen Tagen mehr als das schwerelose Leben der Mademoiselle Ernestine.

Erna war damals einundzwanzig Jahre alt, und um die Zeit zu überbrücken, bis eine Stelle im Krankenhaus frei wurde, arbeitete sie im Hotel Imperial als Zimmermädchen.

Monsieur Fresnell, Mitte siebzig und steinreich, bewohnte dort die Präsidentensuite mit seiner Frau Penelope, die einen Tag vor Abreise mit einem griechischen Oberkellner namens Nektarius nach Komotini durchbrannte und ihren Ehemann, tief gedemütigt und mutterseelenallein, in der 200 Quadratmeter großen Suite auf seinem Luxusrollstuhl zurückließ. Da Erna ganz zufällig wenige Minuten, nachdem Monsieur Fresnell die eilig dahingekritzelte Hiobsbotschaft auf einem Briefbogen des Imperial gelesen hatte, an die Tür klopfte, um strahlend lächelnd zu fragen, ob es recht sei, wenn sie das Blumenwasser wechselte, kam sie dazu, folgende Frage zu beantworten: „Könnten Sie sich vorstellen, mich nach Frankreich zu begleiten, um für mich als Hausdame zu arbeiten?“–, und Erna beschloss von einer Minute auf die andere, ihre Karriere als Zimmermädchen zu beenden.

Bereits zwei Tage später, und schon halb Ernestine, wurde sie von Jacques in Monsieur Fresnells privatem Flugzeug nach Nizza geflogen, wo Henry bereits in einem Rolls Royce wartete, um ein staunendes Wesen im himmelblauen Altausseer Dirndlkleid an einem strahlend sonnigen Mittwoch im August nach Antibes zu chauffieren. Ihr Weg führte sie über die Küstenstraße in die Hügel, wo das Fresnellsche Anwesen so versteckt hinter hochgewachsenen Büschen und Bäumen lag, dass niemand ahnen konnte, welch immenser Reichtum sich dahinter verbarg.

Ernestine wohnte nun in einer sehr hübsch eingerichteten kleinen Wohnung mit Blick auf die Bucht von Antibes. Bekam einen Französischlehrer. Einen Schnellkurs für tadellose Umgangsformen. Mehrere maßgeschneiderte, dunkelblaue, gerade geschnittene Röcke und weiße, klassisch geschnittene Blusen. Dazu gemusterte Halstücher aus Seide in Blau, Weiß und Türkis. Eine Strickweste aus Kaschmir mit aufgesetzten Taschen und eine ohne. Einen dunkelblauen Blazer aus Leinen und einen ebenso blauen aus feinster Baumwolle. Einen Mantel mit Innenfutter aus Lammfell, der sowohl für die Übergangszeit als auch für den milden Winter taugte. Ein Reiseset von Louis Vuitton. Eine Füllfeder von Montblanc. Schuhe mit zwei Zentimeter Absatz in Braun, Schwarz und Dunkelblau, die keine Geräusche machten. Eine goldene Taschenuhr, mit der man die Zeit stoppen konnte, und die Tag, Monat und Jahr anzeigte, und eine Trillerpfeife, um sich durch den manchmal harsch von Nordost wehenden Wind durchzusetzen.

Von nun an drehte sich alles in Ernestines Leben um Monsieur Fresnell. Sie trug die Verantwortung für das Haus, fünf Zimmermädchen, acht Gärtner, den Chauffeur und zwei Köche. Sie kümmerte sich um den Speiseplan, beantwortete Fresnells Post und plante seine Reisen mit dem privaten Flugzeug oder der vierzig Meter langen Motorjacht. Begleitete Fresnell ins Theater oder in die Oper, und natürlich fuhr sie mit ihm zu Kunstmessen nach Köln, London und Paris, und war gerngesehener Gast bei Charity-Galas und auf dem Rotkreuzball in Monaco.

Beinahe jeden Kontinent hatte sie mit Fresnell bereist. Ihn durch Hongkong, Delhi, Tokio, Singapur, Moskau, Shanghai und Dubai geschoben. Ihn an- und ausgezogen. In die Wanne gehoben und gewaschen. Zu Bett gebracht. Ihm vorgelesen. Ihm seine Medikamente gegeben und ihm Milch mit Honig ans Bett gebracht, wenn er trotz „Rohypnol“ nicht schlafen konnte, weil ihn das an seine Kindheit erinnerte. Und natürlich war sie Fresnell in den fünf Jahren niemals näher gekommen, als es die Notwendigkeit des Alters erforderte. Beteuert Ernestine.

Nach Monsieur Fresnells Tod wurde Ernestine Madame de Bacs Gesellschaftsdame. Ihre Villa lag in der Nachbarschaft, und da Madame de Bac nicht annähernd so reich war wie Monsieur Fresnell, wurde Ernestines Arbeit wesentlich einfacher. Die Köchin und ein Gärtner konnten selbst auf sich aufpassten und es gab keinen Chauffeur, denn Madame de Bac verließ ihr Haus so gut wie nie. Ernestines Aufgabe bestand nun darin, abgesehen von der Hilfe beim An- und Auskleiden, die Mahlzeiten zu servieren. Vorzulesen. Gemeinsam fernzusehen. Briefe zu beantworten. Stundenlang zuzuhören. Und vor allem tagelang Bridge und Canasta zu spielen. Als Madame de Bac wegen einer starken Erkältung in eine Klinik kam und wenig später an einer Lungenentzündung verstarb, pflegte Ernestine Monsieur Lejour. Ein Cousin von Madame de Bac. Er verbrachte seine Tage und Nächte bereits im Bett und erlag ein Jahr nach Madame de Bacs Ende während eines James-Bond-Films einem plötzlichen Herztod. Sehr zu empfehlen.

Zuletzt arbeitete Ernestine für Mister Brown Carter, der ein Freund von Monsieur Lejour war und hauptsächlich in Paris und Monte Carlo wohnte. Er war Erbe eines Industrieimperiums und wollte in erster Linie in Ruhe gelassen werden. In seinem Testament vermachte er Ernestine einen nagelneuen gelben Mini Cooper und seiner fünfzigjährigen Witwe Odile Brown Carter, die ihren um dreißig Jahre älteren Mann zwar lieben, aber nicht pflegen konnte, viel zu viel Geld. Häuser in Paris. New York. Und Monaco. Ein Chalet in Gstaad. Und ein gähnend schwarzes Loch. In das Madame Odile auch sogleich stürzte.

Nachdem Ernestine das Begräbnis zur Zufriedenheit aller organisiert hatte, fuhr sie die Serpentinen der privaten Ahornallee zu Carters Villa. Trank ein letztes Mal mit diesem phantastischen Blick auf das Meer einen Pims mit viel Eis. Packte ihr Louis-Vuitton-Kofferset und die große Hermès-Kelly-Bag aus braunem Kroko-Leder, die sie von Fresnell zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte und die ein Vermögen wert war, mit den wenigen Dingen, die sie besaß. Zog den Brillantring und das passende Armband über. Beides von Madame de Bac. Und legte die Erstausgabe von Henri Cartier-Bressons Images à la sauvette aus dem Jahre 1952 – ein Weihnachtsgeschenk von Lejour – salopp auf den Beifahrersitz, ohne zu ahnen, dass diese über viertausend Euro wert war.

Ernestine besaß keine eigenen Möbel, und da sie für ihr Leben zwischen wertvollen Antiquitäten bisher keinen Cent ausgegeben hatte, konnte sie sich von den Ersparnissen eine kleine Wohnung in der Wiener Josefstadt kaufen. Dorthin fuhr Ernestine, nachdem sie Madame Odile als letzte Geste ihrer Fürsorge ein kleines Fläschchen Riechsalz geschenkt hatte, in ihrem gelben Mini Cooper, und die Fahrt über die Alpen, begleitet von der Ballade g-Moll op.23 von Chopin, wird eine ihrer schönsten Erinnerungen bleiben.

„Warum verlassen Sie Ihre sonnenlichtbeleuchteten Millionäre und das schillernde Leben an der Côte d’Azur, um sich um neonlichtbeleuchtete Kassenpatienten zu kümmern?“, fragte ich bei einer unserer ersten Begegnungen an Mimis Bett misstrauisch, und Ernestine, wieder ganz Erna, erklärte, während sie die gekrümmten Finger meiner Mutter massierte, um diese wieder zu strecken, dass es an der Zeit wäre, etwas Glück zurückzugeben. Die Beleuchtung und die Aussicht spielten dabei keine wesentliche Rolle.

Erna kam jeden Tag nach dem Mittagessen pünktlich um vierzehn Uhr und blieb unterschiedlich lange bei Mimi, sodass wir uns an manchen Tagen zufällig begegneten und sich zwischen uns eine Beziehung entwickelte, die Verhaltens- und Primatenforscher „instinktive Anteilnahme“ nennen würden. Obwohl ich es kaum ertragen konnte, wenn Erna millimetergenau erzählte, wie es ist, wenn einstmals große Leben immer kleiner werden. Um schließlich ganz zu verschwinden. Und Blicke des Abschieds versuchen, eine unbekannte Dimension zu verstehen. Entsprechend gefasst begegnete Erna Mimis unaufhaltsamer Demenz, während ich bis zuletzt Nähe suchte und in dem unbequemen, mit braunem Kunstleder bezogenen Stuhl auf jedes Wort achtete, das Mimi verlor. Wertvolle Perlen, die ich einsammelte, um daraus Sätze zu fädeln, die wieder Sinn machten. In dieser sinnlosen Wartezeit. In der ich zusehen musste, wie Mimi, umgeben von Gummischläuchen, die Sauerstoff und Medikamente in ihren Körper beförderten, zunehmend verschwand.

An dem Tag, an dem Mimi ihre letzten Worte sagte, kam Erna wie immer auf die Minute pünktlich. Zog ich, wie immer, meiner Mutter die Decke über die Brust, bevor ich ging. Und sagte, wie so oft zuvor: „Sie wollte nichts trinken.“

Worauf Mimi, die bis dahin teilnahmslos in ihrem Bett gelegen hatte, flüsterte: „Wohin denn?“ Und ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und sagte: „Ich bin spät dran. Wir sehen uns morgen …“ Und Mimi flüsterte, ohne mich anzusehen: „Könnten Sie mich in Ruhe lassen?“ Und sprach die verbleibenden sechs Monate bis zu ihrem Tod kein Wort mehr.

An dem Tag, an dem Mimi starb, schneite es. Ganz langsam und lautlos fielen große Flocken auf die Erde, und als ich das Klinikgebäude hinter mir ließ, lag die Welt um mich herum unter einer weißen Decke. Und ich hätte mich am liebsten in den Schnee gelegt. Um auch langsam und leise zu verschwinden.

Seit meiner Kindheit begleitete mich die Sehnsucht, dass mich und meine Mutter etwas verbinden müsste, das über die Ähnlichkeit unseres Nasenrückens hinausging. Und seit ich mich erinnern kann, begleitet mich die Suche nach dem, was Zuhause bedeuten könnte. Ein Ort, an dem ich mich immer nur zu Gast gefühlt habe. Ein Wort, in dem ich mich nie wohl gefühlt habe. Weil meine Mutter sich darin so bedingungslos ausgebreitet hat, dass kein Raum für mich blieb. Meine Mutter. Die immer über das für mich erträgliche Maß hinausging. Warum?

Versuche ich, mich an meine frühe Kindheit zu erinnern, sind die Bilder, die vor mir auftauchen, untrennbar mit den Fotografien verbunden, die aus jener Zeit von mir existieren. Ich. Wie ich auf Mimis Arm in die Hände klatsche. Vor uns eine Torte mit drei brennenden Kerzen darauf. Ich. Wie ich in die weit ausgebreiteten Arme einer alten Frau laufe, die mich lachend auffängt. Ich. Auf meinem Dreirad. Die Augen halb von einem Pony verdeckt.

Was habe ich an meinem dritten Geburtstag sonst noch getan, außer vor Freude in die Hände zu klatschen? Wer war noch in diesem Raum? Wer stand auf der anderen Seite der Torte? Wer hat dieses Foto gemacht? Woher kam ich, als ich der alten Frau in die Arme rannte? War es meine Großmutter? Wer hat mir dieses Dreirad geschenkt? Und waren die Beatles verantwortlich für meine seltsame Pilzkopffrisur? Oder hatte mein Vater auch so einen Haarschnitt? Alles, was ich von ihm zu wissen glaube, ist, dass er einen cognacfarbenen Tweedanzug mit dazu passenden braunen Lederschuhen trug, denn in meinem Kopf ist dieses Bild das einzige aus meinen Kindertagen, welches nicht auch auf einem Foto existiert. Ich sehe mich auf einer belebten Straße neben Tweedhosen. Aus ihnen ragen, im Vergleich zu meinen kleinen Füßen in dunkelblauen Riemchenschuhen, riesige Füße in Schnürschuhen aus braunem Leder. Der Perspektive nach muss ich ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein. Ich überquere im Laufschritt eine stark befahrene Straße, um auf gleicher Höhe mit den Tweedhosen zu bleiben, und sehe plötzlich, dass die Hosenbeine zu einem mir unbekannten Menschen gehören. Bleibe stehen. Drehe mich suchend im Kreis. Und entdecke auf der anderen Straßenseite einen Mann, der einen zum Verwechseln ähnlichen Tweedanzug trägt und mit dem Rücken zu mir meinen Namen ruft.

Was mich an dieser Erinnerung beinahe in den Wahnsinn treibt, ist, dass jeder Augenblick meines Lebens irgendwo in meinem Gehirn gespeichert ist. Also sitzt dieser Mann, der theoretisch mein Vater sein könnte, in seinem braunen Tweedanzug irgendwo in meinem Gehirn. Hat einen Namen. Einen Geruch. Und eine Sprache. Und wartet nur darauf, von mir gefunden zu werden.

Platon vermutete, dass unsere Erinnerungen in einem bestimmten Teil unseres Kopfes in Wachs gepresst aufbewahrt werden, und der Neurophysiologe James McConnell ging bei seiner Suche nach dem Gedächtnis sogar so weit, Plattwürmer zu dressieren, Licht zu meiden, und verfütterte diese dann an andere Plattwürmer, die dann angeblich auch das Licht mieden. Das essbare Gedächtnis. Eine unerträgliche Vorstellung.

Ich kann nicht einmal genau sagen, ab wann mein Vater gefehlt hat. Aber ich erinnere mich an Sonntagsspaziergänge, als ich ungefähr sechs Jahre alt war, die mich und meine Mutter zu etwas Besonderem machten, weil wir ohne männliche Begleitung waren. Da meine Mutter aber nie darüber sprechen wollte, hörte ich irgendwann auf zu fragen. Und fing an zu hoffen, dass mein Vater eines Tages einfach vor mir stehen würde. Im Tweedanzug. Die braunen Lederschuhe auf Hochglanz poliert.

Ganz im Unterschied zu mir schien meine Mutter zufrieden mit unserem Leben zu sein, und ihre Karriere, die als Montag-bis-Freitagnachmittags-Vorstellungs-Kartenverkäuferin begonnen hatte und als Filmvorführerin ihren Höhepunkt erreichte, als ich zehn Jahre alt war, bedeutete ihr sehr viel. Dachte ich damals.

Für mich bedeutete es nur, dass ich vor meinem zehnten Lebensjahr fünf Nachmittage und danach fünf Abende alleine zu Hause verbrachte.

In dieser Zeit tauchten die Gespenster auf. Kaum war Mimi aus dem Haus, besuchten sie mich und belagerten meine Phantasie. Unbeschreibliche Monster, die in meiner Vorstellungskraft wesentlich hässlicher waren als die dagegen harmlosen Gestalten aus den Horrorfilmen mit Peter Cushing, die Mimi im Kino vorführte. Anfangs war ich deswegen sogar stolz auf mich. Doch mit der Zeit verlor ich mehr und mehr die Kontrolle. Obwohl mir klar war, dass jemand, der aussah wie ein verdorbenes Stück Fleisch, unmöglich unter meinem Bett liegen konnte. Oder im Schrank darauf wartete, mich zu töten. Zitternd vor Angst saß ich Abend für Abend, den Rücken zur Wand, in meinem Bett und verfluchte Mimis Beruf.

Als Filmvorführerin war sie nicht nur zuständig für die Filmkopien und die Bedienung des Vorführapparates im „Bildwerfer-Raum“, wie sie ihren Arbeitsplatz nannte, sondern auch für die Notstromanlage. Die Notbeleuchtung. Die Heizung. Die Belüftung. Und den Filmumschlag. Außerdem suchte sie die passende Vor-, Pausen- und Auslassmusik aus und musste den Saal verdunkeln. Und wieder hell machen. Den Gong betätigen. Die Lautstärke regeln. Und mit allen technischen Schwierigkeiten fertig werden.

Entsprechend müde kam Mimi nach Hause und wenn sie mich dann eingerollt unter der Bettdecke fand, legte sie sich zu mir und dachte ernsthaft, dass Dorothy und ihr kleiner Hund Toto, die Vogelscheuche, die gerne einen Verstand hätte, der feige Löwe oder der Blechmann ohne Herz mich beruhigen konnten. Ohne zu begreifen, dass die böse Hexe des Westens, Wölfe, Krähen, Bienen, geflügelte Affen, Spinnen, Hammerköpfe und Kampfbäume meine Gespenster nicht im Geringsten beeindrucken konnten. Und auch der Zauberer von Oz verbreitete keine Angst, sondern höchstens ein müdes Lächeln.

Sosehr ich mich auch schüttelte, meine Gespenster wurde ich nicht los. Und obwohl mein Zittern bestimmt intensiver war als ein Händeschütteln mit Curd Jürgens nach einer Filmpremiere, war Mimi nicht zu beeindrucken. Sie fand, ich übertreibe maßlos und solle endlich aufhören, sie mit meinen Gespenstern unter Druck zu setzen. So könne sie nicht arbeiten. Ständig dieses schlechte Gewissen. Und vor allem solle ich nicht so undankbar sein und mir ein Beispiel an all den anderen Kindern nehmen, die auch ohne Vater aufwachsen würden.

Da dies aber für mich nicht in Frage kam, gewöhnte ich mich zwar nicht an meine Gespenster, aber an mein Schütteln, das zeitweise so intensiv war, dass es sogar einem Martini zugesetzt hätte.

Warum meine Mutter nichts über meinen Vater erzählen wollte? Sie versuchte es erst gar nicht. Wenn ich sie danach fragte, sah sie mich an wie etwas aus einer anderen Welt. Schwieg. Und versuchte die Leere, die mein fehlender Vater erzeugte, mit Essen zu füllen. Kochte in jeder freien Minute. Und packte ganze Menüs in meine Schultasche oder Torten mit Zuckerguss in meinen Turnbeutel, überraschte mich mit Pralinen in meinen Schuhen oder Lebkuchen unter dem Kopfkissen. Und sprach, während sie rührte und knetete, davon, in den Ferien nach Rimini zu fahren. Obwohl wir dann doch immer nur auf Helgoland landeten. Oder sie schwärmte von irgendwelchen Schauspielern. Und immer wieder von den schönen Kleidern und den großen Augen von Bette Davis. Die viel größer waren als meine. So große Augen hätten gar keinen Platz gehabt in meinem Gesicht. Hätte ich Bette Davis’ Augen gehabt, hätte Mimi mir vielleicht erzählt, wer mein Vater ist. Und hätte ich Marilyns Ohren gehabt, hätte sie mir vielleicht sogar die Geschichte meiner Entstehung verraten. Dachte ich. Damals.

Warum?

Unbeschadet überlebte allein diese Frage unsere gemeinsame Zeit. Sie trieb wie eine ölige Essenz zwischen uns. Trennte Angst von Hoffnung. Schmerz von Liebe. Vergangenheit von Zukunft.

Vor allem an meinen Geburtstagen wünschte ich mir Mimis Geheimnis. Doch statt eines Vaters bekam ich Stofftiere. Puppen. Ein Puppenhaus. Eine Puppenküche. Einen Puppenschrank mit Puppenkleidern. Einen Roller. Ein Fahrrad. Rollschuhe. Ein größeres Fahrrad. Größere Rollschuhe. Ein Tagebuch. Die ersten Pumps. Und zu meinem achtzehnten Geburtstag einen kleinen schwarzen Hut, wie ihn Audrey Hepburn in dem Film Frühstück bei Tiffany getragen hatte. Zur Feier dieses Tages wurde ein Tisch im Restaurant des Hotel Sacher reserviert, wo ich, gut behütet und von Kerzenlicht beleuchtet, erfuhr, dass Mimi eigentlich gar keine Filmvorführerin, sondern Kostüm- und Bühnenbildnerin werden wollte. Um auf den Brettern der Welt Karriere zu machen. Mein ungeplantes Erscheinen hätte diesen Traum jedoch zerstört und nun sei es an der Zeit, dem Beruf der Projektionistin die Ehre eines Traumberufs zu entziehen.

„Das Kino hatte uns ernährt. Mehr nicht“, stellte Mimi abschließend fest. Bestellte Tafelspitz für zwei Personen. Gratulierte mir noch einmal zum Geburtstag.

Und ich fragte: „Und mein Vater?“

Und Mimi antwortete, während unsere Blicke wie Projektile aufeinanderprallten: „… hat uns nicht ernährt.“

Ich rächte mich, indem ich mich heimlich für die Aufnahmeprüfung für das Reinhardt Seminar anmeldete, um meinen zweitgrößten Wunsch zu erfüllen. Schlich mich frühmorgens aus dem Haus und wenn ich nach bestandener Prüfungsrunde spätabends nach Hause kam, wäre ich am liebsten vor Freude durch die Wohnung gesprungen. Ich. Eine von dreihundert. Wuchs in diesen vier Prüfungstagen über mich hinaus. Während Mimi von Tag zu Tag schrumpfte. Und welch ein Triumph! Als ich eines Morgens ganz nebenbei erwähnen konnte, dass ich ab nun das Reinhardt Seminar besuchen würde. Ich. Nun eine von zwölf. Vor Freude wie von Sinnen.

Mimi stand in der Küche. Sah aus dem Fenster. Eine Tasse schwarzen Kaffee in der Hand. Und schwieg. Bevor sie klarstellte, nicht im Traum daran zu denken, vier Jahre lang Studiengebühren zu bezahlen. Schließlich hatte sie auch nicht studiert. Und dann wollte sie wissen, woher ich überhaupt das Recht nahm, so etwas von ihr zu erwarten, und verließ wortlos die Küche. Legte Karl an die Leine. Und kam erst spätnachmittags wieder. Zwei Wochen lang gingen wir uns so gut es ging aus dem Weg. Bis Mimi eines Tages tat, als ob das Reinhardt Seminar gar nicht existieren würde.

Ich sah in dieser seltsamen Reaktion eine zusätzliche Variante ihrer Schrulligkeiten, Vergesslichkeiten und Stimmungsschwankungen und vermutete dahinter die Eifersucht auf meinen zukünftigen Beruf. Außerdem begegnete ich Mimi so gut wie nie, da ich tagsüber in einer Reinigung und abends als Kellnerin in einem Nobelrestaurant arbeitete, um mein Studium zu finanzieren.

Trotz Dauerübermüdung wurden diese Jahre die glücklichsten meines Lebens und als ich nach der Abschlussprüfung an das Burgtheater engagiert wurde – als Tochter im Besuch der alten Dame, als Eve im Zerbrochenen Krug, die Cordelia im König Lear und schließlich als Jeanne d’Arc –, war das Glück endlich an meine Seite gerutscht.

Bis eines Abends, ich war soeben vor der großen Pause des dritten Aktes als Jungfrau von Orléans am Ende des Hundertjährigen Krieges zur Heldin des Mittelalters aufgestiegen, eine kurze Nachricht auf meinem Schminktisch lag: „Bitte dringend Frau Dorn anrufen“, las ich, ahnungslos, dass diese fünf kleinen Worte mich, wortgewaltige Retterin Englands, zu Fall bringen würden.

Als Frau Dorn endlich ans Telefon ging, flüsterte sie aufgeregt, dass meine Mutter nicht mehr in ihre Wohnung gehen wolle. Weil es dort schneie.

„Wo schneit es?“, fragte ich und sah aus dem Fenster auf die staubtrockene Ringstraße.

„In der Wohnung Ihrer Mutter“, erklärte Frau Dorn nach kurzem Zögern.

„Wie?“, sagte ich verwirrt.

„Sie sagt, es rieseln dicke Schneeflocken von der Zimmerdecke. Ihre Mutter wollte sich unter das Bett legen. Aber da war kein Platz.“

„Ich weiß“, erwiderte ich, und weil ich an einen Scherz glaubte, sagte ich: „Warum ist da wohl kein Platz?“, und dachte an die zahllosen Plastiktüten, die meine Mutter unter ihrem Bett hortete.

„Weil dort zwei Könige liegen. Die sind aber nicht das Problem“, erklärte Frau Dorn.

„Was ist denn dann das Problem?“, fragte ich und wurde langsam ungeduldig.

„Der Schnee … Der beunruhigt sie … Und zwar so sehr, dass sie darauf besteht, die Feuerwehr zu rufen.“

Ich bat Frau Dorn, sofort einen Arzt zu rufen, schlich mich noch vor Beginn der großen Pause aus dem Theater, raste die wenigen hundert Meter mit dem Fahrrad in die Josefstadt. Und stand wenig später atemlos und im Jeanne-d’Arc-Kostüm vor meiner Mutter. Die ständig nach unten sah, und kleine, vorsichtige Schritte machte, als ob sie über etwas Zerbrechliches steigen würde. Auf meine Frage, was das denn alles bedeuten solle, flüsterte sie, ohne mich weiter zu beachten: „Siehst du denn nicht, was hier los ist? Wenn es so weiter schneit, ersticken wir noch …“, und zeigte mit zittriger Hand auf den Boden.

Frau Dorn, eine sehr aufgeräumte Witwe Ende fünfzig, wischte mit ihren Füßen, die in Hausschuhen aus weißem Plüsch steckten, über den glänzend gebohnerten Parkettboden und widersprach aufs Heftigste. Worauf meine Mutter fand, dass jetzt endlich die Feuerwehr kommen müsse, und ich sie bat, aus dem Fenster zu sehen. Um sich den wolkenlosen Himmel anzuschauen. Damals wusste ich noch nicht, dass das völlig sinnlos war, und erklärte mit ernstem Gesicht, dass es noch nie im Sommer geschneit habe und wir den trockensten Juni seit Jahren hätten. Worauf Mimi nur lakonisch feststellte, dass ich den Verstand verloren hätte. Weil ich wie die Jungfrau von Orléans durch die Gegend spazierte.

Nach einem Blick auf die Uhr und am Ende meiner Geduld angekommen, nahm ich meine Mutter bei der Hand und versuchte, sie behutsam in ihre Wohnung zu ziehen. Das machte sie allerdings so wütend, dass sie laut nach Hilfe rufend gegen mein Schienbein trat und der mir zu Hilfe eilenden Frau Dorn einen Schlag gegen die Schulter verpasste.

Mimi wollte lieber aus dem Fenster springen, als unter Schnee begraben zu ersticken, und wir wussten uns nicht anders zu helfen, als Mimi in Frau Dorns Toilette zu sperren. Wo sie erst wütend gegen die Tür trommelte, wenig später aber, abgelenkt durch das Klingeln meines Telefons, zu singen begann.

Zum Glück kam der Notarzt. Er gab Mimi ein starkes Beruhigungsmittel, erklärte mir, dass „diese Schübe“, wie er es nannte, von nun an immer öfter auftreten würden und wies höflich darauf hin, dass Mimi früher oder später rund um die Uhr betreut werden müsse. Dann schrieb er mehrere Rezepte, empfahl die Nachtapotheke am Stephansplatz und notierte ein paar Namen und Telefonnummern, die im Notfall Hilfe anboten. Und sagte zum Abschluss: „Ich habe Sie im Zerbrochenen Krug gesehen. Sehr schön. Sehr schön. Kann ich Sie mitnehmen? Ich muss in den ersten Bezirk.“

Wenig später wurde ich mit Blaulicht ins Theater gefahren und kam gerade noch rechtzeitig zu meinem Auftritt. Kämpfte mit meinen Tränen um Jeanne d’Arcs Leben und flehte in den kurzen Pausen zwischen meinen Auftritten Frau Dorn durch das Telefon an, noch so lange bei meiner Mutter zu bleiben, bis die Vorstellung zu Ende wäre.

Dann endlich: Applaus. Verbeugen. Vorhang. Die Souffleuse fand, ich wäre grandios gewesen, und ich eilte anstatt in die Kantine zu Mimi, die rastlos wie ein aufgezogener Blechsoldat durch die Wohnung marschierte, während Frau Dorn mit einem Kissen im Rücken und unserem Dackel Karl auf dem Schoß auf dem Sofa saß.

Das Beruhigungsmittel, das der Notarzt gespritzt hatte und mich für vierundzwanzig Stunden in Tiefschlaf versetzt hätte, zeigte so gut wie keine Wirkung. Mimi sprach mit den Königen unter ihrem Bett. Wild umherfliegenden Vögeln, die alles regeln würden. Von Kindern, die immer dazwischenkommen. Und suchte nach Stangen, die sie dringend benötigte, um den Schnee zu vertreiben. Und dann sagte sie Papa zu Frau Dorn, und ich konnte mich nicht mehr beherrschen und fing an zu weinen. Worauf Frau Dorn meine Hand nahm und flüsterte: „Vorhin hat sie Ursula zu mir gesagt.“

„Ursula?“, wiederholte ich irritiert.

„Ja, die wohnt in Hernals und verkauft Kinder in Schachteln. Sie könnte mir eines besorgen. Wenn ich will.“

Und während ich meine Tränen unterdrückte, um meine Mutter nicht noch mehr zu verwirren, fand Frau Dorn, dass mir das Kostüm der Jeanne d’Arc besonders gut stehen würde und dass sie Tschechows Kirschgarten so sehr liebt. Obwohl er so traurig ist … Der Kirschgarten … Aber so sei wohl das Leben.

In dieser Nacht schlief Karl das erste Mal bei Frau Dorn, und ich fragte mich, während ich auf dem Sofa im Wohnzimmer lag, aus welcher Welt mich Mimis Augen angesehen hatten. Und warum sie ausgerechnet jetzt den Verstand verlieren musste. Jetzt. Da ich meine erste große Hauptrolle spielte und als Schauspielerin im richtigen Alter und am richtigen Ort war. Was würde ich tun, wenn diese Schübe häufiger aufträten? Mimi in ein Heim bringen? Eine Tag- und eine Nachtschwester engagieren? Womit sollte ich das bezahlen? Und je länger ich darüber nachdachte, umso klarer wurde mir, dass ich meinen Beruf niemals aufgeben konnte, um eine undankbare Nebenrolle in einem Stück zu spielen, in dem meine Mutter, wie immer, die einzige Hauptrolle spielen würde. Ich wollte alles tun, um nach der Sommerpause mit den Proben zum Kirschgarten zu beginnen. Ich. Als Tochter der Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja. Zuvor wollte ich in die Ferien an die Ligurische Küste fahren und anschließend meine Wohnung ausmalen, in die ich erst vor wenigen Wochen eingezogen war. Himmelpfortgasse. Erste Etage. Zwei Zimmer. Altbau. Zu Fuß ins Theater. Den Stadtpark vor der Nase. Zwei Fenster in einen hübschen Innenhof mit einer alten Kastanie, die den Krieg überlebt hatte.

Während Tränen durch meine geschlossenen Augenlider auf meine Wangen liefen, lauschte ich in die Nacht. Hörte nebenan Mimis Atmen. Und hatte Angst. Es war jedoch nicht die Angst vor Gespenstern und auch nicht die Angst, die mich dazu gebracht hatte, Schauspielerin zu werden. Es war eine Angst, die mein Leben verschluckte und die Zeit anhielt.

Am nächsten Tag weckten mich Geräusche aus der Küche. Mimi deckte den Frühstückstisch und als ich sie verwundert ansah und wissen wollte, wie es ihr gehe, sagte sie:

„Wie soll es mir schon gehen? Wo ist Karl?“

„Karl ist bei Frau Dorn“, antwortete ich und Mimi setzte sich zu mir an den Küchentisch, schenkte Kaffee ein und fand, dass Frau Dorn wenigstens fragen könnte, bevor sie mit Karl aus dem Haus gehe. Karl wäre doch immer noch ihr Hund. Und diese Wohnung noch immer ihre Wohnung. Und dann wollte Mimi wissen, warum ich eigentlich hier geschlafen hätte und ob ich meine Wohnungsschlüssel verloren hatte.

„Erinnerst du dich denn gar nicht an gestern Abend?“, fragte ich zaghaft.