Titelei.tif
Cover

Für Lou Boxer,

M. D.,

den Geist von David Goodis,

Frank Callinan, der meinen Glauben an
Anwälte wiederhergestellt hat,

und

Jay und Lisa Bolick, wahre Abtrünnige.

In vollster Bewunderung.

»Ich für meinen Teil glaube, dass niemand auf Erden so glücklich ist wie eine Nonne.«

Dame Laurentia McLachlan,
Benediktinernonne

Erster Teil

»Erst mal konnte zumindest alles, was kommen sollte und kommen würde, kommen, alles zu seiner Zeit. Sie würde jede einzelne Minute dessen, was als Nächstes kommen sollte, genießen, es sich, so langsam sie wollte, entfalten lassen.«

Cathi Unsworth, The Singer

1

Benedictio

Sehr geehrter Mr Taylor,

entschuldigen Sie bitte die Förmlichkeit. Wir werden später zu einem zwangloseren Ton übergehen. Hier ist meine Einkaufsliste – ich weiß, dass Sie Listen mögen:

zwei Polizisten,

eine Nonne,

ein Richter

und, leider, ein Kind.

Letzteres ist tragisch, aber unvermeidbar und gewiss unverhandelbar.

Aber das kennen Sie bereits – den Tod eines Kindes, meine ich.

Die Liste ist bereits in Arbeit: siehe Wachtmeister Flynn, vor zwei Tagen verstorben.

Nur Sie werden meine Mission wahrhaftig verstehen können.

Sie sollen mein Zeuge sein.

Ich verbleibe,

mit einem Segensspruch,

Benedictus

2

Seufzerbrücke

Ich stand in Galway auf der Brücke, die Spanish Arch gegenüberliegt oder -steht, und der Regen drosch herab, durchnässte mich bis ins Mark. Trotz meines Allwettermantels, Artikel 8234 meiner ehemaligen Polizeikluft, und eines Wollmützchens, das ich mir über die Stirn gezogen hatte, war ich durchgeweicht. Und dachte nach.

Ach, süßer Jesus, wenn ich nur mit Nachdenken aufhören könnte.

Ich hätte in Amerika sein sollen – noch besser, unten in Mexiko, am Strand liegen, kaltes Bier im Sinn und, wer weiß, vielleicht eine Señorita? Das Bargeld hatte ich jedenfalls. Ja, ich hatte meine Wohnung verkauft und saß auf meinem Koffer, wartete auf das Taxi zum Flughafen. Dann hatte das Telefon geklingelt.

Ich verfluchte mich immer noch dafür, dass ich rangegangen war.

Die Tochter der Welle, die Tochter des Bergkamms, die Tochter des Wulstes, kurz Wellewulst, auf Irisch Nic an Iomaire, Polizistin und seit Jahren meine Partnerin in Feindschaft und unbehaglicher Allianz, hatte sich auf Brustkrebs untersuchen lassen. Sie hatte Angst, kein Gefühl, dem sie sich je gefügt hätte, und auch ich hatte Angst, um sie. Da hatte sich Gott mal wieder einen Scherz erlaubt: Die einzige Frau in meinem Leben, die ich hatte halten können, war lesbisch.

Ich hielt den Hörer ans Ohr, und sie hatte ein Wort gesagt.

»Bösartig.«

Gibt es in der gesamten Sprache ein schlimmeres, befrachteteres Wort?

Ich entsann mich der Geschichte, wie Joyce wütig im Wörterbuch blätterte und Nora Barnacle ihn fragte: »Sind nicht genug Wörter für dich drin?« Und er sagte: »Doch, aber nicht die richtigen.«

Was ist das richtige Wort für ein Todesurteil?

Also war ich geblieben.

Und jeden einzelnen Tag bereute ich.

Bereuen kann ich – wenn schon nicht am besten, so doch am häufigsten.

Sie hatten Wellewulst die rechte Brust entfernt, und jetzt war sie zwei Monate zur Genesung abkommandiert.

Wie genas eine Frau von so was?

Sie war aus dem Krankenhaus raus und erholte sich zu Hause, falls Erholung bedeutet, dass man auf einem Sessel sitzt, die Art Winselmusik hört, zu der man gratis Rasierklingen dazubekommt, und säuft.

Genau, Wellewulst, und soff. Sie hatte mir seit Jahren wegen meines Trinkens die Eier gequetscht, und hier saß sie nun und versank im Abgrund.

Ich versuchte, sie so oft wie möglich zu besuchen, um zu sehen, wie es ihr ging, und zuerst stand eine Flasche trockener Sherry auf dem Kaminsims, dann stand die Flasche auf dem Beistelltisch, rückte immer näher in Reichweite, und jetzt war es Wodka.

Die ersten paar Mal erwähnte ich es nicht, besonders weil sie mich anbleckte, mich herausforderte, es ruhig mal zu wagen.

Ich wagte es nicht.

Aber schließlich, eines feuchten, kalten Montags, es war noch längst nicht Mittag, saß sie da, im Bademantel, und die Flasche, fast leer, thronte auf der Sessellehne.

»Vorsicht mit dem Scheiß, der schleicht sich an und bleibt«, sagte ich ihr.

»Das ist ja wohl unbezahlbar. Der letzte der echten Alkis sagt mir, ich soll Vorsicht walten lassen?« Sie stand auf, ging zur Anrichte, holte eine Packung Lullen heraus, drehte sich um, steckte sich mit schierer Unverfrorenheit im Blick eine an und blies den Rauch in meine Richtung.

Rauchen? Noch ein Stock, mit dem sie mich jahrelang geprügelt hatte.

Ich trug immer noch die Pflaster und rauchte schon lange nicht mehr. Ihre Körpersprache ließ ahnen, dass sie bereit war, in den Krieg zu ziehen.

Geduld gehörte nie zu meinen Stärken. Ich fragte: »Soll ich Ihnen ein bisschen Koks besorgen? Dann könnten Sie sich auf einen Schlag all meine schlechten Angewohnheiten zulegen.«

Ihre Augen waren Schlitze des Zorns. »Ich glaube, bei mir würde es noch etwas dauern, bis ich Sie einhole, Jack. Ich meine, wie viele liegen Ihretwegen auf dem Friedhof?«

Stach mir in den Bauch wie mit dem Messer. Es stimmte.

Sie sah meine Reaktion und stockte, versuchte es mit: »Tut mir leid, das war unnötig. Ich wollte nicht …«

Ließ ich sie vom Haken? Im Leben nicht. »Doch, Sie wollten, und wenn Sie so weitermachen, können Sie sich bald dazulegen«, fetzte ich.

War ich so kindisch, im Abgehen die Tür hinter mir zuzuknallen? Aber jede Wette.

Ich humpelte die Straße entlang, bereit, irgendeinen Schweinehund umzubringen, rückte meine Hörhilfe im Ohr zurecht, stellte sie dann ab. Für einen Tag hatte ich genug gehört.

Hörhilfe, humpeln, Sie fragen sich, wie ich beieinander war?

Dreimal dürfen Sie raten.

Das Humpeln kam daher, dass ich mit einem Hurlingschläger zusammengeschlagen worden war, und auf einem Ohr begann ich schlecht zu hören. Der Spezialist fragte mich: »Schon mal auf den Kopf geschlagen worden?« Wer zählt die Völker, nennt die Namen.

Jetzt wieder auf der Brücke.

Ich konnte meine geliebten Schwäne sehen, so anmutig. Reine Poesie, sie beim Gleiten übers Wasser zu beobachten. Ich konnte so eben und eben den Atlantischen Ozean spüren, und von dort nur einen Wunsch weit weg war mein gelobtes Land, Amerika.

Und Spanish Arch natürlich. Immer noch intakt, Portal zum Long Walk und Tor zum Atlantik. In erster Linie Aufpasser auf das alte Fischerdorf, den Claddagh, und tatsächlich, wie es in Antonius und Cleopatra heißt: »Nicht kann sie Alter hinwelken.« Ganz oben auf dem namensstiftenden Bogen hockt die Hl. Jungfrau Maria, wie eine aufgegebene Illusion der Hoffnung.

Ich dachte an den Brief, den ich gekriegt hatte.

Er war etwa eine Woche zuvor gekommen und enthielt eine Liste von Menschen, die der Absender umbringen wollte: Polizisten, eine Nonne, einen Richter und, das machte mir am meisten Angst, ein Kind. Eine ganze Serie von Fragen drängelte in meinem Kopf. Wie kam dieser Irre an meine Adresse? Das musste ich überprüfen, und es beunruhigte mich – nicht nur der verstörende Brief, sondern dass der Psycho wusste, wo ich wohne. Sollte ich die Schlösser austauschen lassen? Zu sagen, dass diese Gedanken an meinem Gemütszustand nagten, ist untertrieben. Sie zerfetzten ihn und schlangen ihn roh herunter.

Ich rief einen Typ namens Sean auf der Post an. Ich hatte ihm vor einiger Zeit einen Gefallen getan, und er hatte gesagt: »Wenn Sie mal was brauchen, rufen Sie an.«

Er war nett, wie immer, und kam mir zuvor: »Jack, irgendwas, womit ich Ihnen helfen kann?«

Ich sagte: »Ich bin vor Kurzem umgezogen und habe einen Brief von jemandem bekommen, den ich nicht kenne. Wie passiert so was?«

Er lachte. »Kinderleicht, Kumpel. Wir leben in einer Welt, in der Information leicht zugänglich ist. Nicht nur Ihre Adresse – wenn Sie Zeitung lesen, werden Sie feststellen, dass die heutzutage Ihre Bank-Details herausfinden können, Ihre Kreditwürdigkeit, alles.«

Heiland, das war beängstigend, und ich sagte es ihm.

Er machte ein Geräusch, das sich verdammt nach: »Was Sie nicht sagen« anhörte. Er sagte: »Ich rate Ihnen, mal bei der Post zu arbeiten. Viele, die solche Erfahrungen gemacht haben wie Sie, glauben, wir wären dafür verantwortlich. Aber, Jack, nehmen wir etwas Dampf raus, damit Sie sich besser fühlen.«

Liebend gern wollte ich hören, wie er das zu bewerkstelligen gedachte.

Er fuhr fort: »Sie haben, machen wir uns nichts vor, sich nicht gerade zurückgehalten – all das mit den Kesselflickern, mit der Wäscherei des Magdalenenstifts, dem Priester, und so ziemlich jeder kennt Sie. Wie schwer wäre es wohl, Ihnen dorthin zu folgen, wo Sie wohnen? Sie sind nicht gerade unsichtbar.«

Das meinte er mit »Dampf rausnehmen«?

»Danke, Sean. Ich weiß es zu schätzen.«

»Ich bin doch nur zu gern behilflich. Behandeln Sie den Brief wie eine Postwurfsendung – schmeißen Sie ihn weg.«

Genau.

Ich hatte geschworen, mich nicht mehr im Ermittlungsgeschäft zu betätigen, aber dies war persönlich, zumindest deutete der Wahnsinnige, der den Brief geschrieben hatte, das an. Ich hatte die Wahl.

Ich konnte den Brief einfach ignorieren, oder …

Dies oder war immer schon der Fluch meines Lebens gewesen.

Früher am selben Morgen hatte ich den ersten Polizisten überprüft, von dem in dem Brief die Rede war, und, jawoll, ein Wachtmeister Flynn war knapp eine Woche zuvor bei einem Autounfall mit Fahrerflucht umgekommen. Der Briefschreiber konnte einfach seinen Tod benutzen, um mich in ein perverses Spiel zu locken, aber mein Instinkt sagte mir, dass dem nicht so war. Seans Beschwichtigungen hin oder her, dieser Benedictus, der wusste, wo ich wohnte, war wie eine Wolke von böser Vorbedeutung.

Ich starrte immer noch aufs Wasser, und ein Typ sagte im Vorbeigehen: »Heiland, springen Sie, oder machen Sie scheißenochmal Platz.«

Der arbeitete nicht bei den Samaritern, nahm ich mal an.

3

Segne diese
bescheidene Hütte

Ich beschloss, wegen des Briefs etwas zu unternehmen, und die Aktion, an die ich dachte, erfüllte mich mit Furcht und Schrecken.

Mein bester Freund, ganz früher als junger Polizist, war Clancy gewesen. Ich wurde rausgeschmissen, und er schaffte es bis ganz nach oben und war jetzt Polizeipräsident. Wir hatten eine gemeinsame Geschichte. Über die Jahre hatte meine Mitarbeit an einigen Fällen ihn alt aussehen lassen, und er war entschlossen gleichzuziehen. Seine frühe Freundschaft zu mir war zu bitterer Feindschaft geworden. Er verabscheute mich mit einer wilden Leidenschaft, sah mich als Suffkopp, als Versager – Sie kapieren, was gemeint ist. Und dass ich einige seiner aufgegebenen Fälle gelöst hatte, machte es noch schlimmer.

Ich hatte jetzt eine winzige Mietwohnung in der Dominic Street. Nur vorübergehend, redete ich mir gut zu. Sobald Wellewulst wieder auf den Beinen war, wollte ich nach Amerika. Die Bude bestand aus Wohn- und Schlafzimmer und kostete ein Vermögen, wie alles in unserer neureichen Stadt. Jemand hatte hier einst ganz viel Curry gekocht, und der Geruch war mir geblieben. Ich hatte ein Einzelbett, zehn Bücher, ja, zehn, ein Sofa, einen Teekessel und etwas, was als Dusche durchgehen mochte, hinter einer Trennwand aus Pappe.

Ach, und damit ich ihn nicht vergesse, einen tragbaren Fernseh gab es auch, schwarz-weiß, beständig flimmernd, wie mein verdammtes Leben.

Am nächsten Morgen nieste ich. Ich nehme an, wenn man ein paar Stunden lang im strömenden Regen auf einer Brücke steht, strotzt man anschließend nicht gerade vor Gesundheit.

Ich zog mir meinen einen Anzug an, ein Hemd, das grauer war als weiß, einen Schlips aus einheimischer Herstellung und ein Paar Timberland-Stiefel, die ich für meinen Trip nach Amerika angeschafft hatte. Ich bin sicher, in Mexiko wären sie wirklich sinnvoll gewesen. Ich trank einen Kaffee – schwarz, weil ich vergessen hatte, Milch zu kaufen. Er schmeckte so bitter, wie ich mich fühlte. Ich atmete tief ein und ging vor die Tür.

Immerhin hatte der Regen aufgehört, und etwas, das vielleicht die Sonne sein konnte, versuchte, in Erscheinung zu treten.

Vergeblich.

In meinem Haus sind sechs Apartments, und ich hatte erst einen einzigen der Nachbarn getroffen, einen sehr tuntigen Schwulen, der gern ein bisschen herumschnuckelte. Er hieß, sagte er jedenfalls, Albert. »Sie können aber auch Süßer zu mir sagen, wenn Sie mögen, Großer.«

Wie scheißenochmal gerate ich immer an die oder die an mich? Als hätte ich eine Neonreklame über dem Kopf: »Versammelt euch hier, Wahnsinnige aller Glaubensrichtungen.«

Taten sie prompt.

Er war Ende dreißig, das schlechte, ganz schlechte Ende, bis zur Magersucht ausgemergelt, immer in Schwarz gekleidet und hatte die übelste übergekämmte Glatzenfrisur, die ich je gesehen habe.

Er kam aus seinem Apartment und war, natürlich, schwarz gekleidet. Als er meinen schwarzen Anzug sah, kreischte er in gespieltem Entsetzen: »Ach, du mein Gott! Einer von uns beiden muss in was anderes schlüpfen.«

Ich versuchte, so schnell wie möglich an ihm vorbeizukommen, sagte: »Für mich kommt das aber ein bisschen spät.«

Er brauchte etwas, bis er es kapiert hatte, dann boxte er mir scherzhaft gegen den Arm.

Das liebte ich ganz besonders.

Und er sagte: »Nein, wie niederträchtig.«

Gibt es darauf eine Erwiderung? Ich meine, mal ganz im Ernst.

Er fuhr fort: »Jack. Ich darf Sie doch Jack nennen? Am Freitag habe ich eine kleine soirée, und es wäre zu und zu schön, wenn Sie auch kommen könnten. Nichts Schickes, bringen Sie einfach sich selbst mit, und, klar, jede Menge Alkohol und Drogen. War nur ein Scherz – aber bringen Sie Drogen mit.«

Ich sah ihn so an. Sein Akzent hatte diesen neuen Sound, quasi-amerikanisch und lästig wie Scheiße. Ich fragte: »Woher sind Sie?«

Er überlegte kurz, sagte dann: »Sind wir nicht alle Kinder du monde, liebes Herz? Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen und schwören, es keiner Seele weiterzusagen, ich bin aus Cork.«

Ich war ziemlich sicher, dass sie in Cork das Wort soirée nicht ständig im Munde führten, aber Irland änderte sich so schnell, da konnte man nie wissen. Ich fragte: »Und haben Sie Hurling gespielt?«

Die besten Hurlingspieler kommen aus Cork. Sie werden mit einem Hurlingschläger in der Faust geboren.

Er fand das nicht witzig. »Kaum.«

Ich sagte: »Hier ist mein Angebot. In meinem beschissenen Zimmer habe ich einen Hurlingschläger, und wenn Sie mich jemals wieder mit solchen Kosenamen belegen, bekommen Sie von mir Hurling-Unterricht, ganz fix.«

Er schwankte kurz, erholte sich dann. »Sie Bestie, Sie. Ich muss jetzt flitzen. Vergessen Sie den Karfreitag nicht.«

Ich rief: »Ich gehe nicht auf Partys.«

Er versetzte: »Nie zu spät, damit anzufangen, nicht einmal für einen Mann in Ihren fortgeschrittenen Jahren.«

Das saß.

4

Das Blut der Unschuldigen

Der Mensch starrte die Montage an der Wand an.

Es waren Fotos von zwei Polizisten, einer Nonne, einem Richter, einem kleinen Kind und, darüber, ein großes Foto von Jack Taylor.

Und über alledem stand in Fraktur das Wort Benedictio. Auf einem kleinen Tisch unter dem Arrangement standen sechs Kerzen. Eine war ausgeblasen worden.

»Die Ersten werden die Letzten sein«, sagte der Mensch, an das Foto von Jack Taylor gewandt. Dies kleine Detail hatte der Mensch in seinem Brief ausgespart, wollte, dass es eine Überraschung würde.

»Sanctus.«

Taylor umbringen.

Der Mensch nahm ein langes Schnitzmesser vom Tisch und begann, sich eine tiefe Kerbe in den rechten Arm zu schneiden. Es dauerte ganz kurz, bis der Schmerz einsetzte, und als er einsetzte, stieß der Mensch ein tiefes Aaah qualvollen Entzückens hervor, flüsterte: »Das Blut der Unschuldigen.«

5

Die Thomas-Merton-Manie

Ich hatte bei Polizeipräsident Clancy nicht vorher angerufen wegen eines Termins. Er hätte mir sowieso keinen gegeben. Ich bin einfach so hingegangen. Ich hatte es nicht weit. Das Präsidium war oben an der Dominic Street, und auf einer Plakatwand gegenüber, direkt über dem Fluss angebracht, wurde verkündet: »Zuerst die Samariter rufen!«

Und dann?

Wenn sie nicht halfen, konnte man in den Fluss springen?

Im Wachbereich war wenig Betrieb, und Gott sei Dank kannte mich der junge Polizist hinter dem Tresen nicht. Ich fragte, ob ich den Herrn Polizeipräsidenten sprechen könne. Der junge Mensch erkundigte sich nach der Art meines Anliegens und fragte, wie ich hieß. Ich sagte es ihm, sagte dann: »Persönlich.«

Er sagte mir, ich solle mich setzen, und hob den Hörer ab.

Sein Gesichtsausdruck änderte sich beim Zuhören, und ich wusste, dass er das Ohr davon vollgebrummt kriegte, wer ich war. Er hieß mich zu sich kommen, und diesmal klang seine Stimme eisig. »Der Herr Polizeipräsident ist in einer Konferenz. Es wird noch mindestens zwei Stunden dauern.«

Ich sagte, ich würde warten.

Ich hatte mit solcher Scheiße gerechnet und mir ein Buch mitgebracht, Weltliches Tagebuch von Thomas Merton.

Thomas Merton und eine pint waren jahrelang meine Grundnahrungsmittel gewesen, bis ich den Glauben an ihn verlor und die pints den Glauben an mich. Klare Kante, würde ich sagen. Jetzt versuchte ich, wieder Verbindung zu ihm aufzunehmen. Ich schlug das Buch auf und stieß auf die Stelle:

»Ich las William Saroyan, als ich die harten Sachen satthatte.«

Heiland, ich hatte die harten Sachen auch satt.

Ich vertiefte mich in Mertons Bericht aus Harlem und merkte fast nicht, wie die drei Stunden vergingen.

Fast.

Die Wache belebte sich, eine Schlange unerwünschter Ausländer, die Führerscheine, Pässe, Hilfe wollten. Eingeschüchtert und besiegt standen sie da.

Willkommen im Land der tausend Willkommen.

Ein Betrunkener wurde von zwei stämmigen Greifern hereingezerrt. Er rief: »Kerry kriegt den Pokal!« Während sie ihn in den Zellentrakt zogen und stießen, entdeckte er mich, schrie: »Ich kenne Sie. Sie sind ein Suffkopp.«

Ich antwortete nicht.

Einer der Polizisten haute ihm seitlich auf den Kopf, und er hielt die Klappe. Die Ausländer taten, als hätten sie das nicht gesehen; sie lernten schnell.

Schließlich rief mich der junge Polizist, sagte: »Jetzt wird er Sie empfangen.« Fügte mit hämischem Grinsen hinzu: »Tut mir leid, dass Sie warten mussten.«

Aber genau.

Ich wurde zu Clancys Büro durchgesummt. Es war noch größer, als ich es in Erinnerung hatte, vollgestopft und mit Auszeichnungen, Belobigungen, Urkunden. Er trug den vollen Wichs, schön dunkelblau mit Streifen. Er hatte eine Tonne zugenommen, sah aus wie ein fetter Buddha, nur ohne die heitere Gelassenheit. Auf seinem massiven Schreibtisch türmten sich Akten, daneben ein gerahmtes Foto mit ihm, seiner Frau, nehme ich mal an, und einem kleinen Jungen drauf. Vor dem Schreibtisch stand ein ungepolsterter Stuhl. Ich sah ihn an, den Stuhl.

»Keine Sorge, du wirst nicht lang genug hier sein, um dir den Arsch anzuwärmen«, sagte er.

»Ich bin ebenfalls entzückt, dich zu sehen, mein Präsident.«

Er schnappte: »Burschi, riskier mal lieber keine Lippe, sonst fliegst du hier rasend schnell wieder raus. Ich dachte, du hättest dich nach Amerika verpisst und wir wären dich endlich los.«

Ich ließ ihm mein bestes Lächeln zuteilwerden. Ich habe herrliche Zähne, haben mich einen schönen Batzen gekostet, nachdem ein Typ die alten mit einer Eisenstange entfernt hatte. Ich sagte: »Ich wurde aufgehalten.«

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, unterzog mich einer gründlichen Betrachtung, sagte dann: »Ein Hörgerät! Scheint deiner Fähigkeit zuzuhören aber nicht gerade auf die Sprünge geholfen zu haben. Was willst du? Und mach es kurz.«

Ich berichtete ihm von dem Brief, zeigte ihn ihm.

Er lachte, ohne Wärme, ohne Humor, fragte: »Hast das selbst geschrieben, Taylor?«

Ich zählte bis zehn, sagte dann: »Wachtmeister Flynn wurde umgebracht, genau, wie es hier steht.«

Er warf mir den Brief hin. »Ein unglückseliger Unfall mit Fahrerflucht. Hast du deshalb meine Zeit verplempert?«

Ich versuchte, mich an die Zeit zu erinnern, als wir Freunde waren, aber es war zu lange her. Ich fragte: »Willst du das nicht wenigstens überprüfen?«

Er stand auf. Trotz seiner Plauze war er immer noch imposant. Er strahlte Feindseligkeit aus und sagte: »Wir müssen uns um ernste Angelegenheiten kümmern, nicht um solchen Unsinn. Höre auf meinen Rat, Taylor. Hau scheißenochmal ab nach Amerika, egal, wohin, in dieser Stadt gibt’s für dich nichts mehr zu holen, in meiner Stadt.«

Ich stand auf. »Und wenn noch jemand zu Tode kommt, was dann?«

Er schüttelte den Kopf. »Los, hau ab. Lass dich volllaufen oder was, für mehr reicht’s bei dir sowieso nicht.«

An der Tür sagte ich: »Gott segne dich.«

Er zeigte auf mein Buch, sagte: »Dank diesem Quatsch bist du der Niemand geworden, der du bist.«