Titelseite



Vorwort



Mein erstes Buch, der Gedichtband »Herz auf Taille«, erschien Ende 1927. Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen.

Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte. Es war widerlich.

Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: »Dort steht ja Kästner!« Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte, hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen. Mir wurde unbehaglich zumute. Doch es geschah nichts. (Obwohl in diesen Tagen gerade sehr viel zu »geschehen« pflegte.) Die Bücher flogen weiter ins Feuer. Die Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners ertönten weiterhin. Und die Gesichter der braunen Studentengarde blickten, den Sturmriemen unterm Kinn, unverändert geradeaus, hinüber zu dem Flammenstoß und zu dem psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen.

In dem folgenden Jahrdutzend sah ich Bücher von mir nur die wenigen Male, die ich im Ausland war. In Kopenhagen, in Zürich, in London. – Es ist ein merkwürdiges Gefühl, ein verbotener Schriftsteller zu sein und seine Bücher nie mehr in den Regalen und Schaufenstern der Buchläden zu sehen. In keiner Stadt des Vaterlands. Nicht einmal in der Heimatstadt. Nicht einmal zu Weihnachten, wenn die Deutschen durch die verschneiten Straßen eilen, um Geschenke zu besorgen. Zwölf Weihnachten lang! Man ist ein lebender Leichnam.

Es hat zwölf lange Jahre gedauert, bis das Dritte Reich am Ende war. Zwölf kurze Jahre haben genügt, Deutschland zugrunde zu richten. Und man war kein Prophet, wenn man, in satirischen Strophen, diese und ähnliche Ereignisse voraussagte. Dass keine Irrtümer vorkommen konnten, lag am Gegenstand: am Charakter der Deutschen. Den Gegenstand seiner Kritik muss der Satiriker natürlich kennen. Ich kenne ihn.

Das vorliegende Buch stellt eine Auswahl aus meinen vier vor 1933 erschienenen Gedichtbänden dar. Was in diesen ein »prophetischer« Ausblick war, erscheint nun als geschichtlicher Rückblick. Während des Dritten Reichs kam in der Schweiz ein anderer Auswahlband heraus. Er heißt »Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke« (Atrium-Verlag) und enthält Gedichte, die sich mit den privaten Gefühlen des heutigen Großstadtmenschen beschäftigen. Der vorliegende Band enthält, im Gegensatz dazu, Gedichte vorwiegend sozialen, politischen, gesellschaftlichen Charakters.

Es handelt sich, wie gesagt, um einen Rückblick. Die Verse zeigen, wie es vor 1933 in den Großstädten und anderswo aussah. Und sie zeigen auch, wie ein junger Mann durch Ironie, Kritik, Anklage, Hohn und Gelächter zu warnen versuchte. Dass derartige Versuche keinen Sinn haben, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist, dass die Sinnlosigkeit solcher Versuche und das Wissen um diese Sinnlosigkeit einen Satiriker noch nie zum Schweigen gebracht haben und niemals dazu bringen werden. Außer man verbrennt seine Bücher.

Satiriker können nicht schweigen, weil sie Schulmeister sind. Und Schulmeister müssen schulmeistern. Ja, und im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, dass die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht.

Satiriker sind Idealisten.

Erich Kästner

München,

zwischen Krieg und Frieden, 1946

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?

Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

Dort stehn die Prokuristen stolz und kühn

in den Büros, als wären es Kasernen.

Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe.

Und unsichtbare Helme trägt man dort.

Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe.

Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort.

Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will

– und es ist sein Beruf, etwas zu wollen –,

steht der Verstand erst stramm und zweitens still.

Die Augen rechts! Und mit dem Rückgrat rollen!

Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen

und mit gezognem Scheitel auf die Welt.

Dort wird man nicht als Zivilist geboren.

Dort wird befördert, wer die Schnauze hält.

Kennst du das Land? Es könnte glücklich sein.

Es könnte glücklich sein und glücklich machen!

Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein

und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen.

Selbst Geist und Güte gibt’s dort dann und wann!

Und wahres Heldentum. Doch nicht bei vielen.

Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann.

Das will mit Bleisoldaten spielen.

Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün.

Was man auch baut – es werden stets Kasernen.

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?

Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen!

Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

und die Welt asphaltiert und aufgestockt,

bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon.

Und es herrscht noch genau derselbe Ton

wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.

Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.

Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.

Die Erde ist ein gebildeter Stern

mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.

Sie jagen und züchten Mikroben.

Sie versehn die Natur mit allem Komfort.

Sie fliegen steil in den Himmel empor

und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrig lässt,

das verarbeiten sie zu Watte.

Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.

Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,

dass Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund

den Fortschritt der Menschheit geschaffen.

Doch davon mal abgesehen und

bei Lichte betrachtet sind sie im Grund

noch immer die alten Affen.

Anmerkung: Hierzu ist jede Anmerkung überflüssig.

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: Sie kannten sich gut),

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wussten nicht weiter.

Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier

und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.

Monolog des Blinden

Alle, die vorübergehn,

gehn vorbei.

Sieht mich, weil ich blind bin, keiner stehn?

Und ich steh seit drei …

Jetzt beginnt es noch zu regnen!

Wenn es regnet, ist der Mensch nicht gut.

Wer mir dann begegnet, tut

so, als würde er mir nicht begegnen.

Ohne Augen steh ich in der Stadt.

Und sie dröhnt, als stünde ich am Meer.

Abends lauf ich hinter einem Hunde her,

der mich an der Leine hat.

Meine Augen hatten im August

ihren zwölften Sterbetag.

Warum traf der Splitter nicht die Brust

und das Herz, das nicht mehr mag?

Ach, kein Mensch kauft handgemalte

Ansichtskarten, denn ich hab kein Glück.

Einen Groschen, Stück für Stück!

Wo ich selber sieben Pfennig zahlte.

Früher sah ich alles so wie Sie:

Sonne, Blumen, Frau und Stadt.

Und wie meine Mutter ausgesehen hat,

das vergess ich nie.

Krieg macht blind. Das sehe ich an mir.

Und es regnet. Und es geht der Wind.

Ist denn keine fremde Mutter hier,

die an ihre eignen Söhne denkt?

Und kein Kind,

dem die Mutter etwas für mich schenkt?

Brief an meinen Sohn

Ich möchte endlich einen Jungen haben,

so klug und stark, wie Kinder heute sind.

Nur etwas fehlt mir noch zu diesem Knaben.

Mir fehlt nur noch die Mutter zu dem Kind.

Nicht jedes Fräulein kommt dafür in Frage.

Seit vielen langen Jahren such ich schon.

Das Glück ist seltner als die Feiertage.

Und deine Mutter weiß noch nichts von uns, mein Sohn.

Doch eines schönen Tages wird’s dich geben.

Ich freue mich schon heute sehr darauf.

Dann lernst du laufen, und dann lernst du leben,

und was daraus entsteht, heißt Lebenslauf.

Zu Anfang schreist du bloß und machst Gebärden,

bis du zu andern Taten übergehst,

bis du und deine Augen größer werden

und bis du das, was man verstehen muss, verstehst.

Wer zu verstehn beginnt, versteht nichts mehr.

Er starrt entgeistert auf das Welttheater …

Zu Anfang braucht ein Kind die Mutter sehr.

Doch wenn du größer wirst, brauchst du den Vater.

Ich will mit dir durch Kohlengruben gehn.

Ich will dir Parks mit Marmorvillen zeigen.

Du wirst mich anschaun und es nicht verstehn.

Ich werde dich belehren, Kind, und schweigen.

Ich will mit dir nach Vaux und Ypern reisen

und auf das Meer von weißen Kreuzen blicken.

Ich werde still sein und dir nichts beweisen.

Doch wenn du weinen wirst, mein Kind,

dann will ich nicken.

Ich will nicht reden, wie die Dinge liegen.

Ich will dir zeigen, wie die Sache steht.

Denn die Vernunft muss ganz von selber siegen.

Ich will dein Vater sein und kein Prophet.

Wenn du trotzdem ein Mensch wirst wie die meisten,

all dem, was ich dich schauen ließ, zum Hohn,

ein Kerl wie alle, über einen Leisten,

dann wirst du nie, was du sein sollst: mein Sohn!

Anmerkung: Da der Autor, nach dem Erscheinen des Gedichts in einer Zeitschrift, zahlreiche Briefe von Frauen und Mädchen erhielt, erklärt er, vorsichtig geworden, hiermit: Schriftliche Angebote dieser Art werden nicht berücksichtigt.

Kleine Rechenaufgabe

Allein ging jedem alles schief.

Da packte sie die Wut.

Sie bildeten ein Kollektiv

und glaubten, nun sei’s gut.

Sie blinzelten mit viel Geduld

der Zukunft ins Gesicht.

Es blieb, wie’s war. Was war dran schuld?

Die Rechnung stimmte nicht.

Addiert die Null zehntausend Mal!

Rechnet’s nur gründlich aus!

Multipliziert’s! Mit jeder Zahl!

Steht Kopf! Es bleibt euch keine Wahl:

Zum Schluss kommt null heraus.

Chor der Girls

Wir können bloß in Reih und Glied

und gar nicht anders tanzen.

Wir sind fast ohne Unterschied

und tanzen nur im Ganzen.

Von unsern sechzig Beinen

sind dreißig immer in der Luft.

Der Herr Direktor ist ein Schuft

und bringt uns gern zum Weinen.

Wir tanzen Tag für Tag im Takt

das ewig gleiche Beinerlei.

Und singen laut und abgehackt,

und sehr viel Englisch ist dabei.

Wer wenig Brust hat, wird sehr gern