Titelseite

Vorwort

Der Plan, unter meinen Gedichten, den schon und den noch nicht veröffentlichten, eine Auswahl zu treffen und in handlichem Format vorzulegen, ist beträchtlich älter als dieser Band, der jenen Plan verwirklicht. Es war seit jeher mein Bestreben, seelisch verwendbare Strophen zu schreiben. Im Widerspruch mit dem eigenen Bedürfnis enthielt ich mich regelmäßig jeder Publikation, die nichts weiter gewesen wäre als die Bekanntgabe persönlicher Stimmungen und Einsichten. Und seit Jahren schwebte mir, wie bereits erwähnt, diese »Lyrische Hausapotheke« vor. Ein der Therapie dienendes Taschenbuch. Ein Nachschlagewerk, das der Behandlung des durchschnittlichen Innenlebens gewidmet ist. Wer Kopfweh hat, nimmt Pyramidon. Wer an Magendrücken leidet, schluckt doppeltkohlensaures Natron. Bei Halsschmerzen gurgelt er mit Wasserstoffsuperoxyd. Und in dem Schränkchen, das Hausapotheke heißt, halten sich, dem Menschen zu helfen, überdies Baldrian, Leukoplast, Choleratropfen, Borsalbe, Pfefferminztee, Mullbinden, Jodtinktur und Sublimatlösung in Alarmbereitschaft. Aber manchmal helfen keine Pillen. Denn was soll einer einnehmen, den die trostlose Einsamkeit des möblierten Zimmers quält oder die nasskalten, nebelgrauen Herbstabende! Zu welchen Rezepten soll der greifen, den der Würgeengel der Eifersucht gepackt hat? Womit soll ein Lebensüberdrüssiger gurgeln? Was nützen dem, dessen Ehe zerbricht, lauwarme Umschläge? Was soll er mit einem Heizkissen anfangen? Die Einsamkeit, die Enttäuschung und das übrige Herzeleid zu lindern, braucht es andere Medikamente. Einige davon heißen: Humor, Zorn, Gleichgültigkeit, Ironie, Kontemplation und Übertreibung. Es sind Antitoxine. Doch welcher Arzt verschriebe sie, und welcher Provisor könnte sie in Flaschen füllen?

Der vorliegende Band ist der Therapie des Privatlebens gewidmet. Er richtet sich, zumeist in homöopathischer Dosierung, gegen die kleinen und großen Schwierigkeiten der Existenz. Er betrifft die Pharmazie der Seele und heißt zu Recht »Hausapotheke«. (Hinsichtlich der Homöopathie wäre noch zu bemerken, dass es zweckvoller ist, mit einem Pfeil ins Schwarze als mit einer Granate ins Blaue zu treffen.)

Eine Arzneiflasche ohne Etikett ist – auch das darf nicht unerwähnt bleiben – ebenso unnütz wie ein Etikett ohne Arzneiflasche. Und welchen Sinn hätte der gesamte Inhalt einer Hausapotheke ohne Gebrauchsanweisung und ohne Etiketts? Nicht den geringsten Sinn! Die Hausapotheke würde zum Giftschrank!

Aus dieser Überlegung heraus stellte ich ein Schlagwortregister zusammen. Es folgt der Einleitung, und der Leser soll es benutzen, so oft er Störungen seines Innenlebens mindern oder beheben will. Der Katalog ist, obwohl er von A bis Z reicht, unvollständig. Es gibt zu viele Anlässe, mit sich selber und anderen zu hadern, als dass man dergleichen auf wenigen Seiten übersichtlich und erschöpfend rubrizieren könnte.

Immerhin: Mit Hilfe des Registers werden sich die gereimten Rezepte und Hausmittel in so manchem Fall bewähren können. Stecken Sie das Taschenbuch in die Tasche! Und ziehen Sie’s hervor, wenn Not am Mann ist! Es tut wohl, den eigenen Kummer von einem andren Menschen formulieren zu lassen. Formulierung ist heilsam.

Es ist zudem bekömmlich, zu erfahren, dass es anderen nicht anders und nicht besser geht als uns selber. Es beruhigt aber auch zuweilen, das gerade Gegenteil dessen, was man empfindet, nachzufühlen. Die Formulierung, die Verallgemeinerung, die Antithese, die Parodie und die übrigen Variationen der Maßstäbe und der Empfindungsgrade, alles das sind bewährte Heilmethoden. Und in der folgenden Gebrauchsanweisung werden sie samt und sonders beansprucht und diszipliniert. Die Katharsis ist älter als ihr Entdecker und nützlicher als ihre Interpreten. Die »Lyrische Hausapotheke« möge ihren Zweck erfüllen! Also, man nehme!

Gebrauchsanweisung

mit einem Register, das von A bis Z reicht

 

Man lese,

wenn das Alter traurig stimmt:

Alte Frau auf dem Friedhof

Des Vetters Eckfenster

Das Altersheim

Existenz im Wiederholungsfalle

Eine Mutter zieht Bilanz

Direktor Körner ist unaufmerksam

Misstrauensvotum

Die Großeltern haben Besuch

wenn man der Armut begegnet:

Hinweis auf die Hände einer Waschfrau

Umzug der Klubsessel

Der gefundene Groschen

Der Streichholzjunge

Der Blinde an der Mauer

Verzweiflung Nr. 1

Vorstadtstraßen

wenn die Besserwisser ausgeredet haben:

Entwicklung der Menschheit

Nur Geduld!

Albumvers

Ein Pessimist, knapp ausgedrückt

Kleine Sonntagspredigt

wenn man das Dasein überschaut:

Das Eisenbahngleichnis

Keiner blickt dir hinter das Gesicht

Das ist das Verhängnis

Des Vetters Eckfenster

Aufforderung zur Bescheidenheit

Kurz gefasster Lebenslauf

wenn die Ehe kaputtgeht:

Stehgeigers Leiden

Gewisse Ehepaare

Wiegenlied, väterlicherseits

Der geregelte Zeitgenosse

Eine Frau spricht im Schlaf

wenn man die Einsamkeit schwer erträgt:

Hotelsolo für eine Männerstimme

Traum vom Gesichtertausch

Sozusagen in der Fremde

Traurigkeit, die jeder kennt

Monolog mit verteilten Rollen

Apropos, Einsamkeit!

Möblierte Melancholie

Ganz vergebliches Gelächter

Herbst auf der ganzen Linie

wenn man Erziehung nötig hat:

Moral

Warnung

Nasser November

Höhere Töchter im Gespräch

Genesis der Niedertracht

Spruch in der Silvesternacht

wenn man zur Faulheit neigt:

Fauler Zauber

Kleine Stadt am Sonntagmorgen

Nächtliches Rezept für Städter

wenn vom Fortschritt die Rede war:

Moral

Entwicklung der Menschheit

Der synthetische Mensch

Albumvers

Das Genie

Kleine Sonntagspredigt

Die Fabel von Schnabels Gabel

wenn man in der Fremde hockt:

Sozusagen in der Fremde

Sentimentale Reise

Frau Großhennig schreibt an ihren Sohn

Kleine Stadt am Sonntagmorgen

Trottoircafé bei Nacht

Stiller Besuch

wenn der Frühling im Anzug ist:

Besagter Lenz ist da

Frühling auf Vorschuss

Ein Geizhals geht im Regen

Prima Wetter

Atmosphärische Konflikte

wenn man an Gefühlsanämie leidet:

Hotelsolo für eine Männerstimme

Mut zur Trauer

Er weiß nicht, ob er sie liebt

Kleine Führung durch die Jugend

Junger Mann, 5 Uhr morgens

Ein Mann gibt Auskunft

Das Herz im Spiegel

wenn man wenig Geld hat:

Keiner blickt dir hinter das Gesicht

Bilanz per Zufall

Der Weihnachtsabend des Kellners

Der gefundene Groschen

Der Streichholzjunge

Modernes Märchen

wenn das Glück zu spät kommt:

Des Vetters Eckfenste

Plädoyer einer Frau

wenn uns die Großstadt zum Hals heraushängt:

Sozusagen in der Fremde

Die Wälder schweigen

Sogenannte Klassefrauen

Nasser November

In der Seitenstraße

Nächtliches Rezept für Städter

wenn man an Heimweh leidet:

Sentimentale Reise

Brief aus einem Herzbad

Ein Buchhalter schreibt seiner Mutter

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes

wenn es Herbst geworden ist:

Nasser November

Exemplarische Herbstnacht

Herbst auf der ganzen Linie

wenn man an die Jugend denkt:

Zur Fotografie eines Konfirmanden

Begegnung mit einem Trockenplatz

Goldne Jugendzeit

Existenz im Wiederholungsfalle

Kleine Führung durch die Jugend

Kurz gefasster Lebenslauf

Direktor Körner ist unaufmerksam

Klassenzusammenkunft

wenn man Kinder sieht:

Zur Fotografie eines Konfirmanden

Jardin du Luxembourg

Ein Kind, etwas frühreif

Verzweiflung Nr. 1

Wiegenlied, väterlicherseits

Die Großeltern haben Besuch

wenn Krankheiten quälen:

Tagebuch eines Herzkranken

Der Blinde an der Mauer

Brief aus einem Herzbad

Das Herz im Spiegel

wenn man zu wenig von Kunst versteht:

Hamlets Geist

Moderne Kunstausstellung

Ankündigung einer Chansonette

Das Genie

Misstrauensvotum

wenn der Lebensüberdruss regiert:

Mut zur Trauer

Alte Frau auf dem Friedhof

Warnung vor Selbstmord

Elegie, ohne große Worte

Gedanken beim Überfahrenwerden

Selbstmörder halten Asternbuketts

wenn die Liebe entzweiging:

Hotelsolo für eine Männerstimme

Repetition des Gefühls

Er weiß nicht, ob er sie liebt

Stehgeigers Leiden

Sachliche Romanze

Spaziergang nach einer Enttäuschung

Plädoyer einer Frau

Junger Mann, 5 Uhr morgens

Ein Mann gibt Auskunft

Ballade vom Misstrauen

Abschied in der Vorstadt

wenn man etwa ein junges Mädchen ist:

Repetition des Gefühls

Sachliche Romanze

Ein gutes Mädchen träumt

Beispiel von ewiger Liebe

Ein Mann gibt Auskunft

In der Seitenstraße

Höhere Töchter im Gespräch

wenn man an die Mutter denkt:

Frau Großhennig schreibt an ihren Sohn

Ein Buchhalter schreibt seiner Mutter

Die Heimkehr des verlorenen Sohnes

Eine Mutter zieht Bilanz

Junggesellen sind auf Reisen

Selbstmörder halten Asternbuketts

Stiller Besuch

wenn man die Natur vergessen hat:

Die Wälder schweigen

Selbstmord im Familienbad

Meyer IX. im Schnee

Ein Baum lässt grüßen

Im Auto über Land

Prima Wetter

wenn sich Probleme melden:

Das Eisenbahngleichnis

Das ist das Verhängnis

Moral

Ganz besonders feine Damen

Nur Geduld!

Albumvers

Aufforderung zur Bescheidenheit

Der geregelte Zeitgenosse

Die Fabel von Schnabels Gabel

Ein Kubikkilometer genügt

wenn man auf Reisen geht:

Sentimentale Reise

Jardin du Luxembourg

Selbstmord im Familienbad

Meyer IX. im Schnee

Eisenbahnfahrt

Beispiel von ewiger Liebe

Vornehme Leute, 1200 Meter hoch

Ein Baum lässt grüßen

Junggesellen sind auf Reisen

wenn das Selbstvertrauen wackelt:

Traum vom Gesichtertausch

Warnung

Traurigkeit, die jeder kennt

Spaziergang nach einer Enttäuschung

Kalenderspruch

Elegie, ohne große Worte

wenn man vom Schlaf Trost erwartet:

Lob des Einschlafens

wenn man Träume gehabt hat:

Traum vom Gesichtertausch

Kleine Führung durch die Jugend

Gefährliches Lokal

Eine Frau spricht im Schlaf

wenn man Unrecht tut oder duldet:

Selbstmörder halten Asternbuketts

Eine Frau spricht im Schlaf

wenn schlechtes Wetter ist:

Frühling auf Vorschuss

Nasser November

Herbst auf der ganzen Linie

Atmosphärische Konflikte

Rezitation bei Regenwetter

wenn der Winter dräut:

Meyer IX. im Schnee

Maskenball im Hochgebirge

Vornehme Leute, 1200 Meter hoch

wenn man glaubt, dass Wohltun Zinsen bringt:

Bilanz per Zufall

Wohltätigkeit

wenn man sich über Zeitgenossen geärgert hat:

Der Streber

An ein Scheusal im Abendkleid

Sport

Sogenannte Klassefrauen

Ein Kind, etwas frühreif

Maskenball im Hochgebirge

Vornehme Leute, 1200 Meter hoch

Der Kümmerer

Das Eisenbahngleichnis

Wir sitzen alle im gleichen Zug

und reisen quer durch die Zeit.

Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.

Wir fahren alle im gleichen Zug.

Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft. Ein andrer klagt.

Der Dritte redet viel.

Stationen werden angesagt.

Der Zug, der durch die Jahre jagt,

kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.

Wir finden keinen Sinn.

Wo werden wir wohl morgen sein?

Der Schaffner schaut zur Tür hinein

und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.

Er schweigt und geht hinaus.

Da heult die Zugsirene schrill!

Der Zug fährt langsam und hält still.

Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.

Die Toten stehen stumm

am Bahnsteig der Vergangenheit.

Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit.

Und niemand weiß, warum.

Die 1. Klasse ist fast leer.

Ein dicker Mensch sitzt stolz

im roten Plüsch und atmet schwer.

Er ist allein und spürt das sehr.

Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug

zur Gegenwart in spe.

Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.

Wir sitzen alle im gleichen Zug.

Und viele im falschen Coupé.

Hotelsolo für eine Männerstimme

Das ist mein Zimmer und ist doch nicht meines.

Zwei Betten stehen Hand in Hand darin.

Zwei Betten sind es. Doch ich brauch nur eines.

Weil ich schon wieder mal alleine bin.

Der Koffer gähnt. Auch mir ist müd zumute.

Du fuhrst zu einem ziemlich andren Mann.

Ich kenn ihn gut. Ich wünsch dir alles Gute.

Und wünsche fast, du kämest niemals an.

Ich hätte dich nicht gehen lassen sollen!

(Nicht meinetwegen. Ich bin gern allein.)

Und doch: Wenn Frauen Fehler machen wollen,

dann soll man ihnen nicht im Wege sein.

Die Welt ist groß. Du wirst dich drin verlaufen.

Wenn du dich nur nicht allzu weit verirrst …

Ich aber werd mich heute Nacht besaufen

und bisschen beten, dass du glücklich wirst.

Mut zur Trauer

Sei traurig, wenn du traurig bist,

und steh nicht stets vor deiner Seele Posten!

Den Kopf, der dir ans Herz gewachsen ist,

wird’s schon nicht kosten.

Zur Fotografie eines Konfirmanden

Da steht er nun, als Mann verkleidet,

und kommt sich nicht geheuer vor.

Fast sieht er aus, als ob er leidet.

Er ahnt vielleicht, was er verlor.

Er trägt die erste lange Hose.

Er spürt das erste steife Hemd.

Er macht die erste steife Pose.

Zum ersten Mal ist er sich fremd.

Er hört sein Herz mit Hämmern pochen.

Er steht und fühlt, dass gar nichts sitzt.