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Titel

Impressum

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Nachwort

 

 

 

Marina Schuster

Sicher - Die McDermotts Band 6

 

Sicher - Die McDermotts Band 6

2. Auflage, Juli 2016

Copyright © 2015 Marina Schuster

Covergestaltung: Marina Schuster

Bildmaterial: jeannehatch@Canstockphoto.com; Vanell@Canstockphoto.com; katalinks@Canstockphoto.com

Lektorat / Korrektorat: Björn Baldin

 

Marina Schuster

c/o Papyrus Autorenclub

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin

kontakt@marina-schuster.com

http://www.marina-schuster.com

 

Der Inhalt dieses Buchs/eBooks ist urheberrechtlich geschützt. Das Kopieren, Vervielfältigen sowie die Weitergabe oder der Weiterverkauf in jedweder Form ist untersagt. Alle Rechte sind vorbehalten. Der Nachdruck - auch auszugsweise - ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin gestattet.

 

Alle Charaktere, Namen und die Handlung in dieser Geschichte sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

 

 

1

»Detective Merrick.«

Ausgiebig betrachtete Claire den Mann, um den ihre Gedanken seit ihrer ersten Begegnung unablässig kreisten. Er sah noch viel besser aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Rabenschwarzes Haar, stahlgraue Augen, energischer Mund, eigenwilliges Kinn. Die schwarze Lederjacke umspannte breite Schultern, unter dem grauen T-Shirt zeichneten sich beeindruckende Brustmuskeln ab. Schmale Hüften in einer Jeans, die nicht zu eng saß, aber trotzdem genug Rückschlüsse auf den Inhalt zuließ. Hitze durchflutete ihren Unterleib, als sie sich vorstellte, wie es sich anfühlen mochte, ihn zwischen ihren Schenkeln zu haben, ihn in sich zu spüren …

»Wir müssen uns noch einmal unterhalten. Darf ich hereinkommen?«

Mühsam drängte sie ihre Fantasien beiseite und nickte. Sie gab den Weg frei, er schob sich an ihr vorbei und sie nahm seinen Geruch wahr. Herb, männlich, sinnlich. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass sie noch nicht angezogen war. Sie spürte seinen Blick über ihr halbtransparentes Negligé gleiten und eine neuerliche Welle des Verlangens brandete in ihr auf.

»Gehen wir in mein Zimmer«, sagte sie heiser, »dort sind wir ungestört.«

Er erhob keinen Widerspruch, also stieg sie die Treppe hinauf und öffnete eine der Türen im Flur.

»Machen Sie es sich bequem«, forderte sie ihn mit einer Handbewegung in Richtung des breiten Betts auf, »ich ziehe mir nur schnell etwas an.«

Während er sich auf der Bettkante niederließ, trat sie hinter einen Paravent. Langsam zog sie das Nachthemd über den Kopf und stand nur noch mit einem winzigen Spitzenhöschen bekleidet da. In dem großen Wandspiegel sah sie, dass er jede ihrer Bewegungen verfolgte. Sie griff nach einer Bluse und streifte sie über, bevor sie jedoch die Knöpfe schließen konnte, erhob er sich und kam mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze auf sie zu. Er umrundete den Wandschirm und legte seine Hände auf ihre Schultern.

»Lass mich dir helfen, Honey …«

Die Glocke der Rezeption ertönte und riss Liz Brewer aus ihrer Lektüre, in die sie total versunken war.

Ausgerechnet jetzt, dachte sie enttäuscht.

Normalerweise mochte sie keine Kriminalromane, doch ‚Riskante Gier‘ war kein gewöhnlicher Krimi. Ihre beste Freundin Charlotte hatte ihn geschrieben und Charlottes künftiger Ehemann Grant, der seit einer Weile als Deputy in Stillwell tätig war, hatte als Vorlage für den Detective gedient, was der Story zusätzliche Würze gab. Zwar hatte Liz vorab schon einen Blick in das Manuskript werfen dürfen, inzwischen waren jedoch noch ein paar Änderungen vorgenommen worden, und sie hätte zu gerne weitergelesen.

Mit einem leisen Seufzen schaltete sie den Ebook-Reader aus und verließ das Büro. Sie bog um die Ecke, betrat die kleine Lobby des Inn und riss entgeistert die Augen auf.

Das konnte doch nicht wahr sein. Dort stand der Held des Romans in Fleisch und Blut. Groß, athletisch und schwarzhaarig, bekleidet mit einem dunklen Anzug, einem hellen Hemd und einer eleganten Krawatte, lehnte er am Tresen.

»Wow«, entfuhr es Liz, »du siehst toll aus.«

Irritiert hob er eine Braue. »Wie bitte?«

»Na, dein Hochzeitsoutfit – ich nehme an, du wolltest, dass ich es erst einmal kontrolliere, bevor Charlie dich darin sieht.«

In seinen Augen blitzte ein mutwilliger Funke auf. »Und? Was meinst du?«

Sie trat zu ihm und betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. »Also ich finde es perfekt.«

»Tatsächlich?« Er zog das Jackett aus und drehte ihr den Rücken zu. »Wie sitzt die Hose?«

Sie musterte seinen Po, der sich unter dem dunklen Stoff straff und wohlgeformt abzeichnete.

Appetitlich, hätte sie beinahe gesagt, doch sie schluckte es gerade noch herunter. Herrgott, was war denn plötzlich mit ihr los? Das war der Verlobte ihrer besten Freundin, und sie war doch bisher noch nie auf solche Gedanken gekommen.

»Gut«, murmelte sie verlegen.

Er wandte ihr wieder die Vorderseite zu und schaute an sich herunter. »Ist sie nicht etwas zu lang?«

»Ich weiß nicht – vielleicht ein kleines bisschen.« Unsicher ging sie vor ihm in die Knie und schlug eines der Hosenbeine nach innen um. »Ich glaube, ein Zentimeter kürzer wäre besser. Wenn du möchtest, kann ich dir das umnähen.«

Als er nicht reagierte, sah sie zu ihm auf und bemerkte ein seltsames Funkeln in seinen Augen. Sein Blick glitt hinab zu ihrem Ausschnitt und ein heißes Prickeln überzog ihren Körper.

Abrupt sprang sie auf. »Ich habe keine Ahnung, was das hier werden soll«, sagte sie abweisend, während sie ihre Bluse oberhalb ihrer Brüste zusammenraffte, »aber du solltest jetzt lieber verschwinden.«

»Wie wäre es mit einem Zimmer?«, lächelte er.

»Ein Zimmer?« Sie runzelte die Stirn. »Wofür?«

»Nun«, er zwinkerte ihr vielsagend zu, »für das, was man üblicherweise in einem Hotelzimmer tut.«

Empört schnappte Liz nach Luft. »Das darf ja wohl nicht wahr sein«, fuhr sie ihn an. »Verschwinde, mach, dass du rauskommst, aber dalli.«

Mit einem amüsierten Lächeln ging er zur Tür. »Ich komme später noch mal wieder.«

»Das glaube ich kaum«, rief sie ihm zornig hinterher, »du kannst dich darauf verlassen, dass ich Charlie erzählen werde, was sich hier abgespielt hat.«

Er lachte. »Von mir aus. Bis dann.«

Bevor Liz ihrem Ärger weiteren Lauf lassen konnte, war er verschwunden und sie schaute fassungslos hinter ihm her. Schließlich löste sich ihre Starre. Sie griff zum Telefon und wählte Charlottes Nummer, doch der Anschluss war besetzt. Auch auf dem Handy konnte sie die Freundin nicht erreichen, und so rief sie kurzerhand bei sich zu Hause an.

»Dad, kannst du herüberkommen und mich hier vertreten? Ich muss kurz weg, es ist ein Notfall.«

Wenig später saß sie im Van des Stillwell Inn und war auf dem Weg zur McDermott-Ranch.

***

»Ist dieser ganze Aufwand denn wirklich nötig?«, fragte Charlotte Evans genervt. »Grant und ich wären mit einer stillen Trauung vor dem Friedensrichter völlig zufrieden.«

Energisch schüttelte Jane McDermott den Kopf. »Das kommt ja gar nicht infrage. Endlich ist einer meiner drei Söhne glücklich, da wird die Hochzeit bestimmt nicht klammheimlich stattfinden.«

»Genau.« Rose Porter und ihre Schwester Millie Campbell, die mit langen Listen am Esstisch saßen, nickten einmütig. »Außerdem ist ja schon alles vorbereitet, wir gehen nur noch einmal die letzten Kleinigkeiten durch.«

Charlotte seufzte. Ihr war klar, dass sie gegen diese Übermacht an geballter Frauenpower nicht ankam. Rose war so etwas wie das inoffizielle Familienoberhaupt der in Stillwell lebenden McDermotts. Gemeinsam mit Millie hatte sie es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, die ledigen Familienmitglieder unter die Haube zu bringen, sondern sich auch um die Ausrichtung der jeweiligen Hochzeitsfeiern zu kümmern. Die beiden alleine sprudelten schon über vor Energie, zusammen mit Grants Mutter Jane, die ebenfalls vor Eifer und Tatendrang platzte, waren sie allerdings kaum noch zu bremsen. Seit Tagen bevölkerten die drei Frauen das Ranchhaus, planten und organisierten, und überschlugen sich fast dabei.

Jane war extra früher aus Houston angereist, gemeinsam mit ihrem Mann William. Dieser machte sich jedoch wohlweislich aus dem Staub, sobald es um die Hochzeitsvorbereitungen ging, genau wie Grant, der plötzlich ständig etwas Dringendes zu erledigen hatte. Auch heute hatte er sich mit sichtlicher Erleichterung verabschiedet, um die Trauringe in San Antonio abzuholen, während Charlotte dem Damentrio ausgeliefert war.

»Also«, resümierte Rose und fuhr mit dem Finger über die Listen, »der Blumenschmuck ist bestellt und wird am Samstagmorgen geliefert. Lauren kümmert sich um die Hochzeitstorte, Joyce und Melody helfen bei der Zubereitung des Buffets. Haben wir noch etwas vergessen?«

»Die Probe«, erinnerte Jane, »was ist mit der Probe?«

Charlotte verdrehte die Augen. »Wir brauchen doch keine Probe«, wehrte sie ab, »Grant und ich werden es sicher hinkriegen, Ja zu sagen, ohne es vorher zu üben.«

»Der Friedensrichter kommt morgen Nachmittag vorbei«, überging Millie ihren Einwand.

»Sehr schön«, nickte Jane zufrieden, »dann kann ja gar nichts mehr schiefgehen.«

Rose und Millie warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, unkte Rose schmunzelnd, »bei den McDermott-Hochzeiten geht immer etwas schief. Melody und Adrian sind ein paar Minuten vor der Trauung nach Las Vegas durchgebrannt, und als Kerry und Jordan geheiratet haben, hat Scotts Ratte für eine Massenpanik gesorgt. Joyce hat im entscheidenden Moment Nein gesagt, um Callan zu beichten, dass sie schwanger ist, und bei der Zeremonie von Lauren und Ryan ist Joyces Fruchtblase geplatzt. Wir sollten also mit dem Schlimmsten rechnen.«

Im gleichen Augenblick klopfte es an die Haustür und Sekunden später stand eine aufgelöste Liz im Esszimmer.

»Herrje«, besorgt betrachtete Charlotte ihre beste Freundin, »du siehst aus, als wäre dir ein Gespenst begegnet.«

»Das trifft es in etwa«, platzte Liz heraus. »Charlie, ich muss dich sprechen.«

»Was ist denn los?«

»Ich …« Liz stockte und warf einen unsicheren Blick auf Rose, Millie und Jane, die mit neugierigen Mienen dastanden und die Ohren spitzten. »Sag mal«, fuhr sie mit gesenkter Stimme fort, »ist alles in Ordnung zwischen Grant und dir?«

»Ja, sicher.« Irritiert runzelte Charlotte die Stirn. »Wieso?«

»Naja«, brennende Röte überzog Liz‘ Gesicht, »er war vorhin bei mir im Hotel, um mir seinen Hochzeitsanzug zu zeigen, und dabei hat er … er hat mich angemacht.«

»Was?« Charlotte schüttelte den Kopf. »Das kann gar nicht sein, er ist nach San Antonio gefahren, um die Ringe zu holen.«

»Ich wollte es ja selbst nicht glauben, aber er hat mir in den Ausschnitt gestarrt und mir dann vorgeschlagen, ein Zimmer zu nehmen.«

»Das muss ein Irrtum sein, bestimmt hast du das falsch verstanden.«

»Grant würde so etwas niemals tun«, bekräftigte Jane, »er …«

»Was würde ich niemals tun?«, ertönte eine tiefe Stimme von der Tür her, und Liz fuhr herum.

»Du … du gewissenloser Schuft«, platzte sie heraus, »dass du dich überhaupt noch hierher traust.«

Grant McDermott betrachtete die aufgeregte, junge Frau, die mit ihrem roten Haar wie eine flammende Rachegöttin vor ihm stand, und grinste. »Rein zufällig wohne ich hier.«

»Auch noch dumme Sprüche reißen, wie?« Liz explodierte beinahe. »Charlie weiß Bescheid, ich habe ihr …« Mitten im Satz brach sie ab und riss die Augen auf. Ungläubig starrte sie den Mann an, der sich hinter Grant ins Esszimmer schob. »Was? Aber … das ist doch nicht möglich …«, stammelte sie verwirrt.

»Mein Bruder Kade«, erklärte Grant amüsiert. »Kade, das ist Liz, Charlies beste Freundin und Trauzeugin – ich glaube, ihr habt euch bereits kennengelernt.«

Glühende Hitze schoss Liz ins Gesicht, als ihr klar wurde, was geschehen war. Während Jane, Rose, Millie und Charlotte den Neuankömmling freudestrahlend begrüßten, stand sie da wie ein begossener Pudel. Wie konnte sie nur so dämlich sein? Sie hatte doch gewusst, dass Grant einen Zwillingsbruder hatte und auch, dass dieser als Grants Trauzeuge fungieren sollte. Dass er allerdings ohne Vorankündigung im Inn auftauchen würde, hatte sie nicht ahnen können, und obwohl ihm die Verwechslung vermutlich sehr schnell bewusst geworden war, hatte er nichts getan, um das Missverständnis auszuräumen. Stattdessen hatte er sich bestens auf ihre Kosten amüsiert, und sie hatte sich bis auf die Knochen blamiert.

»Mach dir nichts draus«, sagte Grant jetzt, als hätte er ihre Gedanken gelesen, und zwinkerte ihr zu, »wir haben früher oft die Rollen getauscht und Streiche gespielt.«

Liz schnaubte. »Nun, man sollte doch annehmen, dass ihr inzwischen aus diesem Alter heraus seid«, erwiderte sie vorwurfsvoll und warf Kade einen ungnädigen Blick zu.

»Wenn ich mich recht erinnere, warst du diejenige, die falsche Schlüsse gezogen hat«, betonte Kade mit einem breiten Grinsen.

»Ja, aber du hast auch nicht versucht, den Irrtum aufzuklären«, hielt sie ihm vor.

»Wie denn? Du hast mich ja umgehend rausgeworfen.«

Erbost starrte Liz Kade an. »Aus gutem Grund, wie du wohl weißt. Deinetwegen habe ich Charlie in Angst und Schrecken versetzt.«

»Jetzt kommt schon, Kinder, keinen Streit«, mischte Rose sich beschwichtigend ein, »schließlich haben wir eine Hochzeit vorzubereiten.«

Jane nickte bekräftigend. »Richtig, es ist noch so viel zu besprechen. Die Blumenmädchen, die Musikauswahl, Scotts Part mit den Ringen, die Sitzordnung – hoffentlich klappt das alles.«

Mit einem leisen Seufzen verdrehte Grant die Augen. »Herrje, meint ihr nicht, das ist etwas übertrieben?«

»Sie haben sogar jemanden mit einem Kasten voller Tauben bestellt«, raunte Charlotte ihm resigniert zu.

Grant drückte ihr einen Kuss aufs Haar. »Ich glaube, ich fahre mit Kade in die Cactus-Bar, für ein Stündchen oder auch zwei«, schlug er vor.

»Gute Idee«, nickte Kade und zwinkerte Liz zu. »Bis später. Du kannst ja schon mal ein Zimmer für mich herrichten, ich rufe inzwischen meinen Schneider an, und sage ihm, dass er sich künftig ein wenig mehr Mühe mit den Hosenbeinen geben soll.«

Bevor sie etwas erwidern konnte, waren die beiden Männer verschwunden, und Liz sah ihnen missmutig hinterher.

»So ein Holzkopf«, zischte sie Charlie leise zu. »Warum übernachtet er nicht hier auf der Ranch oder bei dir im Haus?«

»Das Gästezimmer oben ist noch nicht renoviert, und bei mir habe ich Grants Eltern einquartiert«, erklärte Charlotte entschuldigend, »deswegen haben wir ihm vorgeschlagen, ein Zimmer bei dir im Inn zu nehmen. Ich wollte dir Bescheid sagen, aber über dem ganzen Durcheinander habe ich das völlig vergessen. Außerdem dachten wir, er trifft erst morgen ein.« Sie legte Liz den Arm um die Schultern. »Jetzt komm schon, mach nicht so ein Gesicht. Ihr seid unsere Trauzeugen und solltet euch vertragen – schließlich ist es ja auch nur für ein paar Tage, dann bist du ihn wieder los.«

2

Während auf der Ranch die Hochzeitsvorbereitungen weitergingen, betraten Kade und Grant die Cactus-Bar. Die urige Kneipe im Westernstil gehörte seit einer Weile Grants Cousine Lauren McDermott-Davis und war wie immer gut besucht.

Natürlich erregten die Zwillingsbrüder einiges Aufsehen, vor allem die weiblichen Gäste starrten die beiden attraktiven Männer fasziniert an. Ungeachtet der einladenden Blicke ließen sie sich an der Theke nieder und bestellten sich jeder ein Bier.

»Du willst dich also wirklich erneut in den Hafen der Ehe wagen?«, fragte Kade skeptisch, nachdem der Barkeeper ihre Getränke vor sie hingestellt hatte. »Ich konnte es kaum glauben, als Mutter mir davon berichtet hat.«

Grant lächelte zufrieden. »Nach dem Reinfall mit Angela hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mich jemals wieder verlieben würde, aber Charlie hat mein Herz im Sturm erobert. Sie ist eine ganz besondere Frau, das wirst du ebenfalls feststellen, wenn du sie erst mal ein bisschen besser kennengelernt hast. Du hast ja in den nächsten Tagen genug Gelegenheit dazu.«

»Das glaube ich kaum, ich reise am Sonntag ab.«

»Ich hatte eigentlich gehofft, du würdest ein wenig länger bleiben.«

Bedauernd zuckte Kade mit den Schultern. »Tut mir leid, eine Hotelkette leitet sich nun mal nicht alleine. Dad ist zwar immer noch der Boss, doch er ist nicht mehr der Jüngste, und ich muss das Meiste regeln.«

»Vielleicht solltest du auch mal darüber nachdenken, dir eine Frau zu suchen«, erwiderte Grant besorgt. »Arbeit ist kein Ersatz für eine Beziehung.«

»Sagt der Mann, der sich jahrelang mit Händen und Füßen dagegen gesträubt hat, irgendein weibliches Wesen überhaupt nur in seine Nähe zu lassen«, frotzelte sein Bruder.

»Ja, weil ich ein Idiot war. Aber wenn die Richtige kommt …«

Kade verzog das Gesicht. »Die Richtige«, wiederholte er abfällig, »das ist doch nur dummes Gerede.«

»Jetzt komm schon, nur weil du damals …«

»Können wir dieses Thema bitte lassen?«, knurrte Kade.

Wie aufs Stichwort kam in diesem Augenblick Lauren aus der Küche. Ihr Blick fiel auf die zwei Männer, die sich glichen wie ein Ei dem anderen, und sie umrundete freudestrahlend die Theke.

»Gott, ihr schafft es ständig aufs Neue, mich zu verblüffen«, lachte sie und schüttelte den Kopf. »Wer ist denn jetzt wer?«

Grant schmunzelte. »Ich bin Grant.«

»Hey, lass diesen Unsinn, ich bin Grant«, behauptete Kade mit gespielter Entrüstung.

Irritiert schaute Lauren zwischen ihren beiden Cousins hin und her, während diese sie immer weiter verwirrten, bis sie sich schließlich zu erkennen gaben.

»Oh Mann, ich frage mich wirklich, wie eure Mutter euch auseinandergehalten hat«, lachte sie.

»Tja«, Kade grinste frech, »gar nicht – genau wie alle anderen auch. Das war stets unser großer Vorteil.«

»Hauptsächlich bei den Frauen, nehme ich an«, stellte Lauren trocken fest. »Charlie tut mir jetzt schon leid.«

»Wenn er sie nur einmal anrührt, schlage ich ihm die Zähne aus«, erklärte Grant, ohne mit der Wimper zu zucken. »Früher haben wir ab und zu solche Dinge getan und unseren Spaß dabei gehabt, aber Charlie ist absolut tabu.«

»Keine Angst, ich werde ihr nicht zu nahe kommen«, versicherte Kade.

»Das war nur ein Scherz«, beschwichtigte Lauren Grant. »Schließlich seid ihr aus dem Alter heraus, in dem man solche Dummheiten macht, und Kade wird doch sicher auch irgendwann sein Junggesellenleben aufgeben und eine Familie gründen.«

Kade verdrehte die Augen und nickte halbherzig. »Ja, sicher.«

***

Am Freitagnachmittag stand die Generalprobe für die Hochzeit an. Da das Wetter Mitte Januar noch recht wechselhaft war, hatte Jane darauf bestanden, dass die Zeremonie im Stadtpark hinter dem Rathaus stattfand und die anschließende Feier im Gemeindesaal. Charlotte wäre eine Trauung auf der Ranch lieber gewesen, doch ihr Widerspruch war auf taube Ohren gestoßen.

Der Erste, den Liz sah, als sie gegen drei Uhr den Park betrat, war Kade. Morgens hatte sie ihn nicht zu Gesicht bekommen, nicht einmal zum Frühstück, offenbar hatte er das Inn schon früh verlassen. Jetzt stand er zusammen mit Grant und dessen Kollegen Freddy ein wenig abseits des Getümmels und unterhielt sich. Über einer dunkelblauen Jeans trug er ein weißes Polohemd und sah so verboten gut aus, dass sie ihn anstarrte, ohne es zu wollen.

Als hätte er ihren Blick gespürt, drehte er plötzlich den Kopf in ihre Richtung und lächelte. Rasch wandte sie sich ab und ging zu Charlotte, die auf einem Stuhl saß und resigniert das Durcheinander ringsherum betrachtete.

Unter einem großen Zeltdach war ein blumengeschmückter Hochzeitsbogen aufgebaut. Ein roter Teppich führte in der Mitte zwischen mehreren Stuhlreihen hindurch bis ins Gemeindehaus. Jane, Rose und Millie flatterten wie die aufgescheuchten Hühner herum und versuchten, Ordnung in das Chaos zu bringen. Ein Mann, den Liz nicht kannte, baute einen Kasten mit Tauben auf. Zwei kleine Mädchen rannten um das Podest herum und spielten Fangen, während ihre Mütter sich angeregt mit Lauren unterhielten. Laurens Sohn Timmy und Scott, Grants Sohn aus erster Ehe, rangelten scherzhaft miteinander im Gras; Kade, Grant, Freddy und William bedachten das Geschehen mit spöttischen Kommentaren.

Liz beugte sich zu Charlotte herunter und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. »Meine Güte, was für eine Hektik.« Sie warf einen prüfenden Blick auf das blasse Gesicht der Freundin. »Geht es dir nicht gut?«, fragte sie besorgt.

»Doch, alles in Ordnung, mir ist bloß ein bisschen schwindelig.«

»Kein Wunder bei all der Aufregung.«

Wie aufs Stichwort kam in diesem Moment Jane wild gestikulierend auf sie zu. »Okay, wir fangen an, stellt euch auf.«

Sie scheuchte Liz in Richtung des Hochzeitsbogens, wo der Friedensrichter sowie Grant und Kade bereits ihre Posten bezogen hatten, und dirigierte Charlotte zu Millie, die mit ihr im Gemeindehaus verschwand. Rose folgte den beiden, Freddy und die kichernden Blumenmädchen vor sich herschiebend. Scott hielt ein Samtkissen in den Händen, auf dem die Trauringe lagen, und wurde von Jane auf seine Position gebracht.

Sie gab ein Zeichen, William McDermott schaltete den CD-Player ein, der heute ersatzweise für die musikalische Untermalung sorgte, und der traditionelle Hochzeitsmarsch erklang.

Die zwei Mädchen trippelten aus der Tür, streuten aus ihren Körbchen Blütenblätter auf den Boden, dahinter schritt Charlotte an Freddys Arm auf den Hochzeitsbogen zu. Weit kamen sie jedoch nicht, denn plötzlich blieb Charlotte stehen, schwankte ein wenig und klammerte sich mit beiden Händen an Freddy fest.

Grant, der leise mit Kade gesprochen hatte, riss erschrocken die Augen auf und stürmte auf sie zu.

»Liebling, was ist los?«

»Mir ist irgendwie schwummerig«, erklärte Charlotte mit bleichem Gesicht.

»Wir fahren sofort nach Hause und du legst dich hin«, ordnete er an.

»Es geht schon wieder.«

»Keine Widerrede, denk an das Baby.« Unter den besorgten Blicken und Kommentaren der Anwesenden legte Grant Charlotte seinen Arm um die Schultern und führte sie davon.

»Hoffentlich ist es nichts Ernstes«, murmelte Liz bang.

Rose schüttelte den Kopf. »Ach was, das ist bestimmt nur die übliche Nervosität.«

»Ausgerechnet jetzt«, seufzte Jane, »was wird denn nun aus der Probe?«

»Dann lassen wir das eben, es funktioniert sicher auch so«, erklärte Kade achselzuckend.

»Auf keinen Fall«, widersprach Jane. »Alle sind hier, also werden wir das wie geplant durchziehen.« Sie schob Kade auf Grants Platz. »Du springst für deinen Bruder ein, und du«, sie deutete auf Liz, »übernimmst Charlies Rolle.«

»Was? Aber …«

»Eine gute Idee«, bekräftigte Rose. Sie erstickte jeglichen Protest im Keim, indem sie Liz zusammen mit Freddy und den Blumenmädchen ins Haus scheuchte. »Okay«, rief sie dabei über die Schulter, »es kann losgehen.«

Erneut startete William die CD, die Musik setzte ein und die Mädchen tappten ein zweites Mal los.

»Jetzt ihr«, kommandierte Rose und gab Liz einen kleinen Schubs.

Gehorsam hängte diese sich bei Freddy ein und schritt mit ihm auf dem Blütenteppich in Richtung Blumenbogen, wo Kade mit einem belustigten Lächeln auf sie wartete.

Vorne angekommen dirigierten Jane und Millie die beiden Blumenmädchen beiseite, und Freddy übergab Liz an Kade.

Die Musik verstummte und der Friedensrichter begann mit der Zeremonie. Während er sprach, musterte Liz Kade unauffällig von der Seite.

Er war eine nahezu identische Kopie seines Bruders, lediglich bei genauerem Hinsehen erkannte man die winzigen Unterschiede. Beide hatten ein markantes, männliches Gesicht mit grauen Augen, einer leicht gebogenen Nase und einem kantigen, energischen Kinn. Kades schwarzes Haar war jedoch an den Schläfen bereits von ein paar einzelnen, silbernen Fäden durchzogen, und eine kleine, kaum sichtbare Narbe zierte seine Unterlippe. Er war genauso groß und breitschultrig wie Grant, sodass er sie um fast einen Kopf überragte. Sein Mund war spöttisch verzogen, und unwillkürlich fragte sie sich, wie es sich wohl anfühlen mochte, von ihm geküsst zu werden.

Irritiert über ihre Gedanken, versuchte sie, ihre Aufmerksamkeit auf die Ansprache des Friedensrichters zu richten und Kades Nähe zu ignorieren.

Nachdem sie beide ein »Ja« gemurmelt hatten, gab Millie Scott ein Zeichen. Er trat nach vorne und hielt Kade das Kissen mit den Trauringen hin. Dieser nahm den kleineren Goldreif und griff nach Liz‘ Hand. Seine Berührung durchfuhr sie wie ein Stromschlag, und es kostete sie alle Mühe, nicht zurückzuzucken. Sie taten so, als würden sie sich gegenseitig die Ringe überstreifen, und sie atmete auf. Gott sei Dank war dieses Theater jetzt endlich vorbei.

»Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau – Sie dürfen die Braut nun küssen«, sagte der Friedensrichter jedoch im gleichen Augenblick und Kade drehte sie zu sich herum.

»Ich glaube, das ist nicht …«, wollte sie abwehren, doch da hatte er sich schon zu ihr heruntergebeugt und presste seine Lippen auf ihre.

Dabei legte er eine Hand um ihren Hinterkopf, die andere um ihre Taille, und umklammerte sie wie ein Schraubstock, sodass sie keine Chance hatte, ihm zu entkommen.

Gleichzeitig setzte Musik ein und übertönte zusammen mit dem flatternden Geräusch, das die frei gelassenen Tauben erzeugten, Liz‘ protestierende Laute.

»Hmm … hmpf … hmhm«, schimpfte sie in Kades Mund hinein, der ihren unnachgiebig gefangen hielt.

Dabei berührten sich ihre Zungen und Liz‘ Widerstand wich plötzlich einem süßen, wohligen Gefühl. Sie entspannte sich in seinen Armen und legte wie in Trance ihre Hände auf seine Schultern.

Im selben Moment gab er sie wieder frei. »Hast du etwas gesagt?«, fragte er amüsiert.

Benommen starrte sie ihn an, bis sie bemerkte, dass sie sich immer noch an ihm festhielt.

Rasch trat sie einen Schritt zurück. »Das war völlig überflüssig«, murmelte sie atemlos.

Kade grinste. »Nun, ich dachte, wir machen es besser gleich richtig, bevor meine Mutter es uns weitere zehn Mal wiederholen lässt.«

Mit einem kleinen Zwinkern ging er davon, und Liz schaute sich verlegen um.

Glücklicherweise schien niemand Notiz von dem Zwischenfall genommen zu haben. Rose, Millie, Jane und Lauren diskutierten eifrig, Freddy half dem Taubenzüchter, seine Vögel einzufangen, und Scott und Timmy versuchten, die Blumenmädchen loszuwerden, die sie kichernd mit Blütenblättern bewarfen.

Ihr Blick glitt zu Kade, der sich zu seinem Vater gesellt hatte und sich nun eine Zigarette anzündete. Ihr Pulsschlag, der sich gerade ein wenig beruhigt hatte, beschleunigte sich sofort wieder. Einen Moment lang beobachtete sie ihn, dann drehte sie sich hastig um und verließ den Park.

3

Am Abend fand der Junggesellenabschied statt. Traditionell hatten sich Familie und Freunde in der Cactus-Bar versammelt, wo – wie an jedem Freitagabend – die Hölle los war.

Charlotte ging es wieder besser, und so saß sie trotz Grants besorgter Proteste zusammen mit den weiblichen Familienmitgliedern der McDermotts und ein paar Freundinnen an einem der Tische, während die Männer es sich an der Theke bequem gemacht hatten.

»Wie war eigentlich die Generalprobe?«, fragte Roses Enkelin Joyce McDermott, nachdem sie sich eine Weile über die bevorstehende Hochzeitsfeier unterhalten hatten.

»Ich habe nicht viel mitbekommen, da mir plötzlich schwindelig wurde und Grant mich nach Hause gebracht hat«, berichtete Charlotte, wirkte dabei jedoch nicht besonders unglücklich.

»Kade und Liz sind eingesprungen, und es hat alles prima geklappt«, erzählte Jane.

Rose nickte zufrieden. »Das kann man wohl sagen, sogar der Kuss ist gelungen.«

Sämtliche Augen am Tisch richteten sich auf Liz, die rot anlief und abwehrend die Hände hob. »Das war völlig harmlos.«

»Es muss dir nicht peinlich sein, Schätzchen«, kicherte Millie und tätschelte beruhigend ihren Arm.

»Genau«, bekräftigte Joyce, »wir haben da alle schon wesentlich schlimmere Situationen erlebt.«

Lauren, die aus der Küche gekommen war und sich für einen Moment mit an den Tisch gesetzt hatte, lachte. »Allerdings. Zum Beispiel als ihr Ryan und mich hier auf dem Billardtisch erwischt habt.«

»Das war fast genauso unterhaltsam wie Jordan und Kerry, die sich hinter der Theke in einer Bierlache gewälzt haben«, schmunzelte Rose.

»Wisst ihr noch, wie ich den Termin von Adrians Geburtstagsfeier verwechselt habe?«, erinnerte Melody McDermott sich mit gerötetem Gesicht. »Ich dachte, ich müsste sterben vor Scham, als ihr alle plötzlich im Wohnzimmer standet, während Adrian und ich über der Couch hingen und …« Sie brach ab und schüttelte den Kopf. »Megapeinlich.«

»Also meine persönlichen Spitzenreiter sind ja nach wie vor Joyce und Callan«, kicherte Millie verschmitzt. »Rose und ich trafen etwas früher als erwartet auf der Ranch ein und überraschten die beiden auf dem Küchentisch – inmitten von Schlagsahne und Kuchenstücken.«

Joyce lachte und gab Charlotte einen freundschaftlichen Stupser. »Sei froh, dass dir das bisher erspart geblieben ist.«

»Naja«, verlegen senkte Charlotte den Kopf, »nicht wirklich. Rose und Millie kamen ins La Casa, um mir das Angebot für den Hauskauf zu machen, dummerweise gerade in dem Moment, als ich bäuchlings auf dem Spieltisch lag und Grant mit heruntergelassener Hose hinter mir stand.«

Alle am Tisch brachen in Gelächter aus und Lauren schmunzelte. »Nun, wenn ich an die Dinge denke, die du in deinem Roman beschrieben hast, erscheint mir das vergleichsweise harmlos. – Er ist übrigens toll.«

Liz seufzte frustriert. »Ich bin leider noch nicht über die ersten Kapitel hinausgekommen.«

»Also ich finde ihn ebenfalls super«, bestätigte Joyce, »und man merkt sofort, dass Grant als Vorlage für den Detective gedient hat. Was mich allerdings interessieren würde …«, sie beugte sich ein wenig zu Charlotte und senkte die Stimme, »… habt ihr all die Sachen, die du da beschrieben hast, wirklich getan?«

Charlottes Gesicht glühte. »Das werde ich bestimmt nicht verraten.«

»Ach komm schon«, drängte Lauren, »wir erzählen es auch nicht weiter.«

»Nein, und wenn ihr nicht damit aufhört, schreibe ich ein Buch über euch«, drohte Charlotte scherzhaft.

»Über uns.« Melody verdrehte die Augen. »Was soll denn da drin stehen? Dass wir eine nach der anderen schwanger werden? Das würde ja sowieso niemand glauben, das klingt total unrealistisch.«

»Nicht viel unrealistischer als eine naive, jungfräuliche Studentin, die sich einen perversen Multimillionär an Land zieht«, wandte Joyce trocken ein.

Die Frauen lachten und Millie kehrte noch einmal zum ursprünglichen Thema zurück.

»Naja, eines ist jedenfalls sehr realistisch«, kam sie wieder auf die Szene im La Casa zu sprechen, »nämlich Grants tolles Hinterteil – er ist ein waschechter McDermott.« Interessiert musterte sie die Männerrunde an der Theke. »Ich frage mich nur, ob Kade ihm in dieser Hinsicht auch so ähnlich ist.«

Jane, die bisher nur amüsiert zugehört hatte, hob die Hände. »Hallo, vergesst nicht, dass es meine Söhne sind, über die ihr hier gerade redet.« Dann fügte sie in verschwörerischem Flüsterton hinzu: »Aber ich kann euch versichern, dass die beiden hundertprozentig eineiige Zwillinge sind.«

Erneut fingen alle an zu lachen, und während die anderen weiterhin heitere Bemerkungen über die körperlichen Vorzüge und Ähnlichkeiten der männlichen Familienmitglieder machten, schaute Liz zu Kade, der sich angeregt mit Adrian unterhielt. Er hatte ihr den Rücken zugewandt, und tatsächlich wirkte sein Po in der dunklen Jeans genauso sexy wie am Tag zuvor in der Stoffhose. Unwillkürlich musste sie daran denken, wie sie vor ihm gekniet hatte, und Hitze stieg in ihr auf.

Im gleichen Moment drehte er sich um und ihre Blicke trafen sich. Sekundenlang sahen sie sich in die Augen, dann wandte Liz sich hastig ab und konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung am Tisch.

***

»Cheers!«

Widerstrebend richtete Kade seine Aufmerksamkeit von Liz weg auf Laurens Mann Ryan, der ihm ein frisch gefülltes Whiskeyglas in die Hand drückte.

»Auf Grant – darauf, dass er ab morgen genauso unter dem Pantoffel steht wie der Rest von uns.«

»Auf die ewige Knechtschaft«, scherzte Callan McDermott, und geräuschvoll ließen die Männer ihre Gläser aneinander klingen.

»Und«, wollte Callans Bruder Adrian von Kade wissen, nachdem sie alle einen Schluck getrunken hatten, »wie sieht es denn bei dir in puncto Heirat und Nachwuchs aus?«

»Naja, ehrlich gesagt, habe ich keinerlei Pläne in dieser Richtung, nicht in absehbarer Zeit«, betonte Kade.

Callan grinste. »Das haben wir auch immer geglaubt, und jetzt schau uns an – allesamt brave Ehemänner und Familienväter. Sogar unser Nesthäkchen Jordan ist inzwischen unter der Haube und genießt die Vaterfreuden. Er und seine Frau Kerry haben an Weihnachten ein Mädchen bekommen, Sophia, deswegen sind die beiden heute auch nicht hier.«

»Das scheint ein Virus zu sein, vielleicht sollte ich lieber verschwinden«, scherzte Kade.

»Vergiss es«, winkte Adrian ab, »das bringt überhaupt nichts. Früher oder später wirst du ebenfalls dran glauben müssen.«

Ryan schmunzelte. »Außerdem ist es halb so schlimm, wie es den Anschein hat, wir haben es alle überlebt und es geht uns sogar ziemlich gut.«

»Richtig«, bestätigte Callan. »Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ich möchte um nichts in der Welt mein Junggesellenleben zurückhaben.«

Kopfschüttelnd hob Kade die Hände. »Okay Jungs, ich gönne euch euer Glück ja von ganzem Herzen, doch ihr könnt euch eure Plädoyers sparen. Ich habe überhaupt keine Zeit für eine Frau oder gar Familie, die Arbeit hält mich genug in Atem.«

»Ich wette zehn Dollar, dass Rose und Millie da anderer Meinung sind«, frotzelte Callan.

»Ich halte dagegen und erhöhe um zehn«, stieg Ryan ein.

Grant nickte. »Bin dabei. Zwanzig Dollar auf Rose und Millie.«

Verständnislos runzelte Kade die Stirn, und Adrian erklärte: »Die beiden haben es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche ledigen McDermotts zu verheiraten, und sie sind dabei äußerst erfolgreich – sobald sie dich einmal in ihren Klauen haben, gibt es kein Entrinnen mehr.«

Kade schaute kurz hinüber zum Tisch, wo die Frauen gerade herzhaft lachten. »Übertreibt ihr da nicht ein wenig? Wenn jemand die Nummer Eins im Verkuppeln ist, dann ist es unsere Mutter.«

»Das dachte ich auch«, seufzte Grant, »aber Rose und Millie toppen alles, glaub mir. Gleich nach meiner Ankunft hier haben sie mir diverse Damen auf den Hals gehetzt, so lange, bis ich Charlie als Alibifreundin vorgestellt habe. Danach war zwar Ruhe, doch ihr Ziel hatten sie trotzdem erreicht, denn ich habe mich Knall auf Fall in Charlie verliebt.«

»Und das, obwohl er geglaubt hat, sie würde auf Frauen stehen«, ergänzte Callan grinsend. »Mich hat Rose mit ihrer Enkelin alleine auf der Ranch gelassen, als diese zu Besuch kam. Ihr hat sie erzählt, sie hätte sich das Bein gebrochen, mich hat sie beauftragt, auf Joyce aufzupassen, damit sie nicht zu einem Fotoshooting nach L.A. fliegt. Zuerst sind mächtig die Fetzen geflogen, aber jetzt bin ich ein braver und zahmer Ehemann.«

Adrian drehte sein Whiskeyglas in den Händen. »Melody und ich haben zum Glück nicht viel Nachhilfe gebraucht. Als ihr Auto mit meinem kollidiert ist, und ich sie danach in der Firma eingestellt habe, war mein Schicksal besiegelt. Und Lauren und Ryan waren ja früher schon mal ein Paar, da hat es dann auch ohne die Einmischung des Duo Infernale gefunkt.«

»Dafür haben sie Kerry und Jordan nach einem Krach stundenlang in der Vorratskammer hier in der Bar eingesperrt«, berichtete Ryan. »Sie haben sie erst rausgelassen, nachdem sie sich versöhnt hatten.«

Ungläubig schüttelte Kade den Kopf. »Die beiden haben es ja anscheinend faustdick hinter den Ohren. Dabei wirken sie wie zwei harmlose, alte Damen.«

»Dieser Eindruck täuscht«, mahnte Callan, »wie gesagt, am besten machst du einen großen Bogen um sie, es sei denn, du möchtest dich in den Klub der Pantoffelhelden einreihen.«

Kade schmunzelte. »Danke für die Warnung, aber ich glaube, ich kann da ganz unbesorgt sein. Schließlich bin ich nur bis Sonntag hier, in dieser kurzen Zeit wird sicher nichts passieren.«

***

Müde stand Liz am nächsten Morgen in der Küche des Inn und bereitete das Frühstück zu. Zwar war sie am Vorabend früh nach Hause gegangen, doch sie hatte noch lange wach gelegen und an Kade denken müssen, an sein Lächeln und an den Kuss. Als sie endlich eingeschlafen war, hatte sie von ihrer ersten Begegnung geträumt. Sie hatte vor ihm gekniet, nur war sie dieses Mal nicht ärgerlich aufgesprungen, sondern hatte ganz andere Dinge getan. Es war ein hocherotischer Traum gewesen, und so realistisch, dass ihr gesamter Körper immer noch in Aufruhr war.

Nachdem sie im Aufenthaltsraum die Tische gedeckt und das Buffet angerichtet hatte, brachte sie Eingangshalle und Rezeption auf Vordermann und machte sich dann daran, alles für die weiteren Hochzeitsgäste, die noch erwartet wurden, vorzubereiten. Sie bezog die Betten, reinigte die Sanitäranlagen, legte frische Handtücher zurecht und drapierte kleine Fläschchen mit Duschgel und Shampoo in den Duschkabinen.

Schließlich stand sie vor Kades Zimmer. Am liebsten hätte sie sich vor der Reinigung gedrückt, denn sie befürchtete, er könne ihr am Gesicht ablesen, welche Fantasien sich in ihrem Unterbewusstsein abgespielt hatten. Doch er war nun mal ein Gast, und vielleicht – so hoffte sie – war er ja wie am Vortag bereits unterwegs. Also atmete sie noch einmal tief durch und klopfte an die Tür.

»Ja?«, ertönte es gedämpft von drinnen.

»Ich würde gerne sauber machen.«

»Komm rein.«

Liz öffnete die Tür und fand Kade auf dem Bett sitzend mit einem Laptop auf dem Schoß. Er trug Jeans und T-Shirt, seine Haare waren noch feucht, offenbar hatte er gerade erst geduscht.

Ihr Puls beschleunigte sich bei seinem Anblick. »Wenn ich dich störe, kann ich später wiederkommen«, bot sie hastig an, während sie versuchte, das Kribbeln in ihrem Bauch zu ignorieren.

»Nein, kein Problem. Du musst ja auch zusehen, dass du fertig wirst, sonst verpasst du am Ende noch die Trauung.«

»Okay, wie du meinst.«

Sie holte alle nötigen Utensilien aus ihrem Putzwagen und betrat das Bad. Der Geruch eines herben Duschgels lag in der Luft, auf der Ablage über dem Waschtisch standen eine elektrische Zahnbürste, eine Tube Zahncreme, ein Rasierapparat und eine Flasche Eau de Toilette. Rasch tauschte sie die benutzten Handtücher, die ordentlich auf den Haltern hingen, gegen saubere aus, reinigte Duschkabine, Waschbecken und WC und wischte den Boden.

Wieder zurück im Zimmer nahm Liz ein Tuch und eine Sprühflasche mit Reiniger und begann, Fensterbank, Nachttische, Schreibtisch und Fernsehgerät abzuwischen. Obwohl sie sich bemühte, nicht auf Kade zu achten, war sie sich seiner Gegenwart nur zu deutlich bewusst.

»Stehst du kurz auf, damit ich die Bettwäsche wechseln kann?«, fragte sie, als sie fertig war.

Mit einem Nicken klappte er den Laptop zu, stellte ihn auf das Nachtschränkchen und erhob sich. Er öffnete die Balkontür, trat hinaus, zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich dann entspannt gegen die Brüstung.

Liz spürte, dass er sie beobachtete, und wurde immer nervöser.

»Soll ich dir helfen?«, bot er an, als sie sich auf die Matratze kniete, um das Bettlaken festzustopfen.

Seine Stimme klang samtweich und jagte einen heißen Schauer über ihren Rücken.

»Nicht nötig«, presste sie heraus.

Mit zitternden Fingern zog sie das Laken glatt, schlug die Kanten um und drapierte das frisch bezogene Bettzeug darauf.

Danach stöpselte sie den Staubsauger ein, saugte den Teppich ab und war froh, als sie damit fertig war und den Rückzug antreten konnte.

»Danke«, lächelte Kade, als sie sich anschickte, das Zimmer zu verlassen, »wir sehen uns nachher.«

»Ja«, murmelte sie vor sich hin, »sicher.«

4

Wenig später hatte Liz alle anfallenden Aufgaben erledigt und kurz darauf erschien ihr Vater, um sie abzulösen. Sie eilte nach Hause und begann, sich für die Hochzeitsfeier zurechtzumachen. Nachdem sie ausgiebig geduscht hatte, zog sie das dunkelblaue Kleid an, das Charlie gemeinsam mit ihr ausgesucht hatte. Anschließend brachte sie ihre Haare in Form; nach mehrmaligen Versuchen und einigen deftigen Flüchen gelang es ihr endlich, die wilde Lockenmähne zu bändigen und am Hinterkopf hochzustecken. Schließlich trug sie ein dezentes Make-up auf, schlüpfte in ein Paar hochhackige Pumps und betrachtete sich danach kritisch im Spiegel.

Im Prinzip war sie mit ihrem Aussehen zufrieden, lediglich das tief ausgeschnittene Dekolleté gefiel ihr nicht. Das Kleid war schön, aber äußerst offenherzig und bedingt durch die Spaghettiträger konnte sie nicht einmal einen BH tragen.

Schon als Kind war sie etwas fülliger gewesen, und als zu Beginn der Pubertät ihre Brüste plötzlich überdimensionale Maße annahmen, hatte sie von den Mitschülern reichlich hämische Bemerkungen einstecken müssen. ‚Miss T‘ und ‚Boobs‘ waren dabei die harmlosesten Bezeichnungen, die sie ihr verpasst hatten.

Sie hatte sehr darunter gelitten, und obwohl sie inzwischen darüber hinweg war, war sie sich ihrer üppigen Formen durchaus bewusst und fühlte sich in so offenherziger Bekleidung immer ein wenig unwohl.

Unbehaglich zupfte sie an ihrem Kleid herum und überlegte, ob sie nicht doch lieber etwas anderes anziehen sollte. Andererseits … sie erinnerte sich daran, wie Kade in ihren Ausschnitt geschaut hatte. Ob ihm der Anblick gefallen hatte? Vermutlich, immerhin hatte er gestern Abend dauernd zu ihr herübergesehen. Und vorhin, in seinem Zimmer, hatte sie seine Blicke deutlich gespürt. Außerdem hatte er sie geküsst. Zwar war es kein richtiger Kuss gewesen, aber er hatte ausgereicht, um ihre Gedanken auf Abwege zu bringen. Sie dachte an ihren Traum, und das sehnsüchtige Ziehen in ihrem Bauch verstärkte sich.

Himmel, bisher hatte kein Mann ihre Fantasie so angeregt wie Kade. Allerdings waren ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet trotz ihrer neunundzwanzig Jahre eher dürftig. Abgesehen von einer Highschool-Liebelei, die in eine wenig angenehme Entjungferung auf dem Rücksitz eines alten Chevrolets gemündet hatte, hatte es nur noch Zach und Jeff gegeben.

Zach hatte sie mit zwanzig kennengelernt. Sie waren eine Weile zusammen gewesen, ihr Liebesleben hatte sich jedoch auf seltene, unbeholfene Begegnungen beschränkt, die nicht dazu beigetragen hatten, dass sie dieses Thema weiter vertiefen wollte.

Dann kam Jeff, ihre große Liebe, wie sie zu jenem Zeitpunkt geglaubt hatte. Doch auch mit ihm waren die körperlichen Erlebnisse eher ernüchternd als erregend gewesen. Der Sex mit ihm war ihr stets wie eine Pflichtübung erschienen, denn wirklich Spaß hatte sie dabei nie gehabt. Glücklicherweise war es immer schnell vorüber gewesen, da Jeff sich lediglich für die Befriedigung seiner Bedürfnisse interessiert und auf sie keinerlei Rücksicht genommen hatte. Oft hatte sie sich gefragt, ob das alles sein sollte, jeder Versuch, mit ihm darüber zu reden, war jedoch gescheitert. So hatte sie es eben hingenommen, bis sie ihn mit einer anderen Frau erwischt hatte – in ihrem eigenen Bett.

Es war die klassische Situation gewesen, die man so oft in Filmen sah. Sie hatten damals gemeinsam in einer kleinen Wohnung am Stadtrand gewohnt. Eines Abends, wenige Tage vor ihrer Hochzeit, war sie etwas früher aus dem Inn nach Hause gekommen, und als sie die Tür aufgeschlossen hatte, hörte sie seltsame Laute aus dem Schlafzimmer. Von einer bösen Vorahnung getrieben war sie den Geräuschen gefolgt und hatte Jeff mit einer gertenschlanken, flachbrüstigen Blondine vorgefunden.

Ungeachtet Jeffs verzweifelter Erklärungsversuche hatte sie keine fünf Minuten später ihre Sachen gepackt und war ins Haus ihrer Eltern zurückgekehrt. Im Nachhinein hatte sie erfahren, dass Jeff sie bereits seit nahezu dem Beginn ihrer fast dreijährigen Beziehung betrogen hatte. Die Enttäuschung war tief gewesen, und seitdem hatte sie sich nie wieder mit einem Mann eingelassen.

Kopfschüttelnd streckte sie ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Sie wollte nicht mehr an Jeff denken. Und sie sollte besser auch nicht zu viel an Kade denken, sondern sich lieber auf Charlies Hochzeit konzentrieren.

Entschlossen wandte sie sich ab, schnappte ihre Handtasche und verließ das Haus.

***

Als Liz im Gemeindesaal eintraf, waren dort bereits jede Menge Hochzeitsgäste anwesend.

Grant begrüßte die Gäste, die anderen Männer standen plaudernd beieinander. Rose und Millie wiesen die Sitzplätze zu, Lauren, Melody, und Joyce legten letzte Hand an das Buffet, während Jane mit kritischem Blick die Dekoration überprüfte.

Kerry saß an einem der Tische, hielt die winzige Sophia im Arm und behielt die übrigen Kinder im Auge. Daniel, der knapp zwei Jahre alte Sohn von Callan und Joyce, hockte auf einer Krabbeldecke und spielte, zusammen mit Lilly und Lucas, den Zwillingen von Melody und Adrian. Laurens und Ryans Tochter Isabel lag in einer Tragetasche und schlief, ihr zwölfjähriger Bruder Timmy ärgerte gemeinsam mit Scott die beiden Blumenmädchen.

Charlotte, die sich den ganzen Morgen schon nicht wohlgefühlt hatte, hatte sich in einen kleinen Nebenraum des Gemeindesaals zurückgezogen, der ihr zum Umziehen diente. Blass und erschöpft saß sie auf einem Stuhl, als Liz hereinkam. Nachdem sie sich kurz begrüßt hatten, nahm Liz das Brautkleid aus der Schutzhülle und breitete die dazugehörigen Accessoires auf dem Tisch aus.

»Ich freue mich so für dich«, sagte sie dabei und strich mit den Fingern über den weißen Satin, »und ich hoffe von Herzen, dass du glücklich wirst.«

»Das werde ich ganz bestimmt«, versicherte Charlotte. »Grant ist ein toller Mann, ich hätte mir keinen besseren wünschen können.«

Liz, die begonnen hatte, Charlottes Haare hochzustecken, schmunzelte. »Dabei warst du anfangs gar nicht so begeistert von ihm.«

»Oh doch, ich fand ihn vom ersten Moment an sehr attraktiv und anziehend. Nur seine Einstellung zu Frauen und sein Job haben mir einige Kopfschmerzen bereitet, wie du weißt.«

Mit einem kleinen Lächeln schloss Charlotte die Augen und dachte daran, wie sie und Grant sich zum ersten Mal begegnet waren. Zu diesem Zeitpunkt war sie noch Scotts Lehrerin gewesen und das Zusammentreffen mit dem gut aussehenden Deputy war alles andere als erfreulich verlaufen, denn sie hatte ihn für einen frauenfeindlichen Macho gehalten. Gleichzeitig hatte sie befürchtet, er könne herausfinden, dass ihr das La Casa gehörte, ein Bordell am Stadtrand von Stillwell, das sie von ihrer Großmutter geerbt hatte. Während Grant vermutet hatte, sie wäre an Frauen interessiert und würde dort ihre Neigungen ausleben, hatte sie ihm weisgemacht, sie würde ein Buch schreiben. Irgendwann war natürlich die Wahrheit ans Tageslicht gekommen, und nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, als würde ihre beginnende Beziehung in die Brüche gehen, waren ihre Gefühle füreinander doch stärker gewesen als alles andere.

Inzwischen hatten die Mädchen aus dem La Casa alle eine andere Arbeit gefunden und waren weggezogen, stattdessen wohnten nun Rose und Millie darin und planten, ein Frauenhaus zu eröffnen. Charlottes Roman, der ursprünglich nur als Tarnung hatte dienen sollen, war vor einigen Tagen veröffentlicht worden, sie erwartete Grants Baby und heute würde sie seine Frau werden. Sie war rundum glücklich und zufrieden, abgesehen davon, dass sie bereits den ganzen Vormittag Unterleibsschmerzen hatte, die ihre Freude auf die bevorstehende Hochzeit ein wenig trübten.

»Was ist los mit dir?«, fragte Liz, als Charlotte das Gesicht verzog und sich mit den Händen über den Unterleib fuhr.

»Ich bin okay, ich habe nur ein bisschen Bauchweh – bestimmt von der Aufregung.«

Liz sah nicht besonders überzeugt aus und musterte die Freundin kritisch. »Mit dem Baby ist aber alles in Ordnung, oder?«

»Ja, sicher. Ich war vor wenigen Tagen erst zur Vorsorgeuntersuchung und es geht ihm gut.« Charlotte erhob sich. »Ich sollte mich wohl besser umziehen, sonst verpasse ich noch meine eigene Hochzeit.«

Sie drehte sich um und im gleichen Moment stieß Liz einen erschrockenen Laut aus.

»Charlie, du blutest.«

»Was?«

»Dahinten ist ein Blutfleck«, erklärte Liz verstört und deutete auf Charlottes Hose.

Stirnrunzelnd fuhr Charlotte sich mit den Händen über den Po und wurde blass, als sie die Feuchtigkeit fühlte. »Das habe ich gar nicht bemerkt«, flüsterte sie entsetzt.

Nach einem kurzen Augenblick des Schrecks übernahm Liz die Regie. »Du setzt dich hin«, ordnete sie an und dirigierte die Freundin zu ihrem Stuhl zurück, »ich hole Grant.«

Sie stürmte zur Tür, eilte hinüber in den Saal und auf Grant zu, der umringt von den übrigen Männern dastand und sich unterhielt.

»Grant«, stieß sie atemlos hervor, »du musst sofort zu Charlie kommen.«

»Was ist denn los?«, fragte er verwundert. »Ich dachte, ich sollte sie vor der Trauung nicht mehr sehen?«

Ungeduldig griff Liz nach seinem Arm und zerrte ihn hinter sich her. »Jetzt mach schon, es geht ihr nicht gut.«

Sekunden später waren sie bei Charlotte und Grant wurde kreidebleich, als diese ihm erklärte, was los war.