Cover

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Impressum

Lektorat: Marion Schweizer
Englischsprachiges Lektorat: Stephen Roche
Umschlaggestaltung: init.büro für gestaltung, Bielefeld

eBook-Konvertierung: kaltnermedia GmbH, Bobingen

www.langenscheidt.de
© 2010 by Langenscheidt KG, Berlin und München

ISBN 978-3-468-69178-2

“Come, baby, sweet baby,

with me go away!

Fine clothes you shall wear,

we will play a fine play;

Fine flowers are growing,

white, scarlet, and blue,

On the bank of yon river,

and all are for you.”

“Oh! father! my father!

and dost thou not hear,

What word the Erl King

whispers low in mine ear?”

“Now hush thee, my darling,

thy terrors appease;

Thou hear’st, ‘mid the branches,

where murmurs the breeze.”

“Oh! baby, sweet baby,

with me go away!

My daughter shall nurse you,

so fair and so gay;

My daughter, in purple

and gold who is dressed,

Shall tend you, and kiss you

and sing you to rest!”

“Oh! father! my father!

and dost thou not see

The Erl King and his daughter

are waiting for me?”

“Oh! shame thee, my darling,

‘tis fear makes you blind:

Thou see’st the dark willows

which wave in the wind.”

“I love thee! I dote on

thy face so divine!

I must and will have thee,

and force makes thee mine!”

“My father! my father!

oh! hold me now fast!

He pulls me! he hurts,

and will have me at last!”

The father he trembled,

he doubled his speed;

O’er hills and through

forests he spurre’d his black steed;

But when he arrived

at his own castle door,

Life throbbed in the sweet

baby’s bosom no more.

Johann Wolfgang von Goethe, The Erl King

Translation: Matthew G. Lewis

The Missing Children

Dear diary, I hate jou.

David hatte seine Hand an die Schläfe gelegt und saß so dicht über den Tisch gebeugt, dass er fast vornüberkippte. Er legte die Stirn in Falten und kritzelte eine kleine Spirale über das j im letzten Wort.

You. I hate you. I hate English. I hate homework. We have holidays. This sucks!

Seufzend setzte er sich auf, riss das Blatt Papier aus dem Notizbuch, knüllte es zusammen und warf es nach dem Papierkorb, der unter dem Fenster stand. Mit einem leisen Pling prallte es gegen den Rand, fiel runter und blieb auf dem Fußboden liegen. Der Boden war längst mit Papierkugeln übersät, das Notizbuch dagegen wurde dünner und dünner. David fuhr mit dem Finger über den Streifen, den die ausgerissenen Blätter in dem Buch hinterlassen hatten. Er war fast so dick wie sein kleiner Finger.

Zwei Stunden am Tag sollte er arbeiten, wenn er in England in die achte Klasse versetzt werden wollte. Zwei gottverdammte Stunden. Das war die Abmachung zwischen seiner Mutter, seiner alten Lehrerin in Hamburg und der neuen Klassenlehrerin in England gewesen. David hatte niemand gefragt, weder was den Umzug der Familie nach England, noch was seine neue Schule anging. Aber seine Mutter hatte den Brief über seinen Schreibtisch gehängt, damit David ihn ständig vor Augen hatte.

Er hatte ihn in den letzten arbeitsreichen Wochen so oft gelesen, dass er den Inhalt auswendig konnte: David, ich möchte nicht, dass du das hier als Strafarbeit empfindest. Aber angesichts deines letzten Notendurchschnitts …

Drei komma vier, dachte David bitter. Drei war befriedigend, oder nicht? Seit wann war befriedigend denn nicht mehr befriedigend genug?

… Um den alten Stoff nachzuholen und dich sprachlich auf die neuen Herausforderungen vorzubereiten … Vielleicht würde es dir Spaß machen, ein Tagebuch zu führen.

Vielleicht würde es mir auch Spaß machen, ein Loch im Fuß zu haben, dachte David, man könnte es ja mal ausprobieren. Viel schlimmer als diese Sommerferien kann es nicht sein.

“David?” Seine Mutter kam die Treppe herauf. “David, I could use some help here”, sagte sie, als sie die Tür öffnete.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen hörte David ihr zu. Sie war Engländerin, und seit die Familie hierher gezogen war, weigerte sie sich plötzlich, mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen. Um sie auf die sprachlichen Herausforderungen vorzubereiten und so weiter und so fort und blablabla. Nach den ersten Protesten hatten David und seine Schwester sich darauf geeinigt, sie nicht weiter zu beachten und besonders langsam und deutlich auf Deutsch zu antworten.

Sie ignorierte seine schlechte Laune und lächelte freundlich. Ihr braunes Haar war lose im Nacken zusammengebunden, einzelne Strähnen hatten sich gelöst und hingen ihr in die Augen. Das Gesicht war über und über mit winzigen kanariengelben Farbspritzern bedeckt. Über ihre Kleider hatte sie einen ehemals weißen Arbeitsoverall gezogen, den sie seit mehr als einer Woche trug.

David saß am Schreibtisch und biss nachdenklich in seinen Bleistift. Als hätte er die Mutter gerade erst wahrgenommen, hob er den Kopf und wandte den Blick von seinem Tagebuch ab. “Ich arbeite, Mama”, sagte er ernst.

Misstrauisch machte sie einen Schritt nach vorn. “Can I read it?”

David griff sich das Notizbuch und presste es gegen seine Brust. “Es ist ein Tagebuch, Mama. Du hast versprochen, es nicht zu lesen”, protestierte er.

Die Mutter starrte auf die Papierkugeln, die noch immer auf dem Boden verstreut lagen, und sagte nichts.

“Wirklich, Mama. Ich bin doch nicht blöd. Ich weiß doch, dass es wichtig ist. Von wegen meinem Notendurchschnitt und so.”

Mit einem letzten Blick auf die Papierkugeln zog sie sich zurück. David ließ das Notizbuch aufseufzend auf den Tisch sinken. Noch einmal würde er damit nicht durchkommen. Mit möglichst großen, breiten Buchstaben begann er zu schreiben.

My Mum is still downstairs, painting the kitchen white and yellow. She says the colour yellow will improve our mood in the morning. But I’m afraid it won’t work.

Um Davids Mundwinkel begann sich ein kleines, feines Lächeln zu formen. Wollen wir doch mal sehen, ob du das liest, Mama. Und was du sagst, wenn du es liest. Weil du ja eigentlich nichts sagen kannst, wenn du versprochen hast, es nicht zu lesen …

Mum is a zombie in the mornings.

While Lotte is still in the bathroom and I set the table for breakfast, Mum comes in looking half asleep. Her eyes are swollen, and her hair is a mess. I’m not even sure she brushes her teeth first! Uaargh! But I never get close enough to know for sure. Nobody tries to talk to her until she’s had her first cup of coffee, not even Dad. (And Dad is courageous – he did a parachute jump last August, and he goes on archaeological expeditions to South America, with poisonous spiders and snakes and everything. But I know he’s afraid of Mum). I miss my Dad.

David seufzte. I miss him. Er blätterte zurück auf die letzte Seite, die er vor zwei Tagen geschrieben hatte. Auch da stand es: I miss my Dad. Und auf der Seite davor: My Dad lives and works in London. He promised to visit us every weekend, but I wish we could stay together. He can’t find any work here in the countryside (he’s an archaeologist), he usually works in big museums or universities. We can’t live in London, it’s just too expensive. My parents found this house right next to the beach and told us how wonderful it would be to live here, but I wish we could see Dad every day. I’d even be willing to share a room with Lotte.

Na ja, okay, das war übertrieben, dachte David. Ein Zimmer mit Lotte teilen, das war entschieden zu viel verlangt. Seit ihrem fünfzehnten Geburtstag vor ein paar Monaten war seine Schwester noch absonderlicher geworden als je zuvor.

Als hätte sie gewusst, dass er an sie dachte, streckte Lotte den Kopf durch die Tür. “David, Mama will, dass wir den Küchentisch streichen.”

David blickte sie misstrauisch an. “Ich dachte, das wäre dein Job”, erwiderte er. “Ich hab gestern die Brennnesseln hinter dem Schuppen gerodet.”

Lotte verdrehte die Augen. “Stell dich nicht so an. Das war gerade mal eine halbe Schubkarre voll. Ich hab keinen Bock, alles allein zu machen. Kommst du?”

Er nickte seufzend. “Sobald ich mit Englisch fertig bin.”

Lotte zog ihren Kopf zurück. “Ich wollte eigentlich nicht warten, bis die Sommerferien zu Ende sind”, murmelte sie und knallte die Tür zu.

Eine halbe Stunde später schob David leise das Zimmerfenster hoch. Aus der Küche hörte er das Pfeifen seiner Mutter, gemischt mit einem Radio-Hörspiel. Der beißende Geruch von Lack hing in der Luft. Wahrscheinlich strich sie inzwischen die Fensterrahmen. David zog seinen Kopf zurück, steckte sich zwei Comichefte in den Hosenbund und stieg aus dem Fenster. Er ließ sich vom Vordach nach unten baumeln, Füße voran. Dann landete er im Gras.

Lotte und die Mutter saßen im Schneidersitz im Wohnzimmer, als David aus seinem Versteck im Garten zurückkam. Vor ihnen auf dem Fußboden lagen ein aufgeschnittenes Brot, Gurken und einige Packungen Wurst und Käse.

“We’re having a picnic. With all this work to do, I had no time to cook”, meinte die Mutter fröhlich. Sie hatte sich die Spritzer aus dem Gesicht gewaschen, roch aber noch immer leicht nach feuchter Farbe.

Lotte pulte missmutig an einem Lackfleck auf ihrem Ärmel und würdigte David keines Blickes.

“Oh, and by the way, before you sit down, can you get us some glasses from the kitchen? The box is right under the window in the left corner”, sagte die Mutter.

David drückte die Küchentür auf. Die Wände waren kanariengelb, Fensterrahmen und Fensterbretter waren weiß abgesetzt, ebenso wie die Zierleisten an der Decke. Das Zimmer wirkte tatsächlich hell und einladend, obwohl es auf der Ostseite des Hauses und jetzt am Abend im Schatten lag.

David stieg vorsichtig über die Farbkleckse, die noch hier und da auf den Plastikplanen trockneten, und hob eine Folienabdeckung an, um an den Karton zu kommen.

Das Radio spielte einen Werbejingle, dann ertönte plötzlich die Stimme des Nachrichtensprechers so dicht an seinem Ohr, dass David zusammenzuckte. Das Gerät stand auf dem Fensterbrett, direkt vor ihm.

“It’s seven o’clock. You are listening to BBC Radio, London. This is Dave Levitt with the evening news. Another child has been reported missing in southern England. While the search for fourteen missing children still goes on, another child has been reported missing near London. Margaret Norring from Chelmsford, eleven years old, did not turn up for her violin lesson after school the day before yesterday. Parents and neighbours immediately began looking for her, but Margaret has not yet been found. As with the other missing children, the police found no trace of the girl. Unfortunately, there are no witnesses ...”

“David?”, rief seine Mutter aus dem Wohnzimmer. “Did you find them?”

David zuckte zusammen und griff nach dem Karton. “Ich komm schon!”

“Hast du dich verlaufen?”, fragte Lotte zuckersüß, als er zurückkam.

“Ich hab Nachrichten gehört”, zischte David wütend und merkte zu seiner Verbitterung, dass seine Ohren rot wurden. “Ein Kind ist verschwunden. Oder entführt worden”, sagte er schnell.

“Oh my god. The poor little child. That sounds awful”, sagte die Mutter.

“Das scheint hier öfter vorzukommen”, meinte David. “Sie haben gesagt, es sei schon das vierzehnte Kind.”

“Wenn ihr mich fragt, sollten sie mal die komische Alte oben in dem Haus an der Klippe fragen”, sagte Lotte leise. “Sie ist heute den halben Nachmittag um den Vorgarten herumgeschlichen und hat versucht, mich zu sich zu locken. Sie hat mir Kekse angeboten, als wäre ich ein völlig beklopptes Kleinkind. Wahrscheinlich hat sie nicht alle Tassen im Schrank.”

“You should be a bit more polite, don’t you think?”, wies die Mutter sie zurecht.

“Ich überleg’s mir. Vielleicht kommt sie dann wieder und nimmt David mit.”

“Lotte!”

Erst als David im Bett lag und auf die Vorhänge starrte, die vom Abendwind nach innen ins Zimmer geweht wurden, erinnerte er sich. Chelmsford near London. Sie waren durchgefahren auf der Fahrt hierher. Es waren keine zwanzig Kilometer von dort bis zu ihrem Haus in Burnham-on-Crouch.