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Buch

Victor ist ein so eiskalter wie brillanter Auftragskiller. Nachdem er jahrelang gewissermaßen freiberuflich tätig war, führte ihn sein letzter Auftrag unglücklicherweise in die Arme der CIA, und um seine Haut zu retten, blieb ihm nur eines übrig: sein Können in den Dienst des stellvertretenden Direktors der CIA, Roland Procter, zu stellen. Nun soll Victor in dessen Diensten zwei international operierende Waffenhändler ausschalten: Vladimir Kasakov und Baraa Ariff. Ariff ist ein vergleichsweise kleiner Fisch – er handelt mit AK47-Sturmgewehren und Panzerbüchsen –, während Kasakov für seine Kunden schwerere Geschütze bereithält: Panzer, Flugzeuge und Helikopter. Dank ihrer tatkräftigen Unterstützung von Diktatoren, Terroristen und Todesschwadronen in aller Welt wird die Maschinerie des Mordens am Laufen gehalten. Wenn es gelänge, die beiden zu beseitigen, würde das vermutlich Tausende von Menschen vor dem Tod bewahren. Doch Victors Mission, die ohnehin schon schwierig genug ist, läuft schließlich aus dem Ruder. Und schon bald sind es nicht mehr nur Kasakov und Ariff, die um ihr Leben fürchten müssen …

Autor

Tom Wood ist freischaffender Bildeditor und Drehbuchautor. Er wurde in Staffordshire, England, geboren und lebt mittlerweile in London. Sein Debütroman »Codename Tesseract« wurde von Kritik wie Lesern begeistert gefeiert. Mit »Zero Option« stellt Tom Wood sein einzigartiges Talent als Autor mitreißender Actionthriller erneut unter Beweis.

Mehr zum Autor und seinen Büchern finden Sie unter

www.tomwoodbooks.com

Tom Wood

Zero Option

Thriller

Aus dem Englischen

von Leo Strohm

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Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»The Contract« bei Thomas Dunne Books,

an imprint of St. Martin’s Press, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung April 2012

Copyright © der Originalausgabe 2011 by Tom Hinshelwood

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Coverfoto: FinePic, München

Redaktion: Gerhard Seidl

AB · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-06907-0
V003

www.goldmann-verlag.de

Kapitel 1

Bukarest, Rumänien

Es war ein guter Morgen, um einen Mord zu begehen. Undurchdringliche graue Wolken verhüllten die Sonne und lagen wie eine Decke über der dunklen, stillen Stadt. Genau so gefiel es ihm. Gemächlich ging er durch die Straßen. Er war genau im Zeitplan. Ein feiner Regen setzte ein. Ja, wirklich, ein ausgesprochen guter Morgen, um einen Mord zu begehen.

Vor ihm schob sich ein Müllwagen langsam die Straße entlang. Die orangefarbenen Warnleuchten blinkten, die Scheibenwischer schwappten hin und her und fegten den morgendlichen Nieselregen von der Windschutzscheibe. Müllmänner gingen hinter dem Fahrzeug her, die Hände schützend unter die Achselhöhlen geschoben, bis sie beim nächsten Müllsackberg auf dem Bürgersteig angelangt waren. Sie unterhielten sich miteinander, lachten hin und wieder.

Die Abgase kondensierten in der kühlen Frühlingsluft zu dichten Wolken. Er schritt mitten hindurch, und die Männer unterbrachen ihr Geplänkel. In den wenigen Sekunden, bis er wieder verschwunden war, spürte er, wie sie ihn musterten.

Es gab eigentlich nichts Auffälliges zu sehen. Er war gut gekleidet – ein langer Wollmantel über einem dunkelgrauen Anzug, schwarze Lederhandschuhe, dicksohlige Oxfordschuhe. In der linken Hand hielt er einen Aktenkoffer aus Metall. Die dunklen Haare waren kurz geschnitten, der Bart sauber gestutzt. Trotz der Kälte hatte er nur die obersten beiden der insgesamt vier Mantelknöpfe zugeknöpft. Ein Geschäftsmann auf dem Weg ins Büro, genau so sah er aus. Und in gewisser Weise war er ja auch ein Geschäftsmann, nur wären sie vermutlich niemals darauf gekommen, in welcher Branche er tätig war.

Hinter ihm krachte mit lautem Getöse ein Mülleimer auf die Straße, und er warf einen Blick über die Schulter zurück. Schwarze Müllsäcke lagen aufgerissen auf dem Boden, ihr Inhalt war auf den Asphalt gekippt. Die Müllmänner stöhnten und beeilten sich, um den ganzen Abfall wieder einzusammeln, bevor der Wind ihn in alle Richtungen verteilen konnte.

Kurze Zeit später stand der Geschäftsmann vor einem großen Wohnblock, der die umgebenden Häuser um etliche Stockwerke überragte. Balkone und Satellitenschüsseln ragten aus der düsteren braunen Fassade hervor. Er setzte seine Schritte sehr bewusst, wollte auf gar keinen Fall gehetzt wirken und stieg das halbe Dutzend Treppenstufen bis zur Haustür hinauf. Mit dem Schlüssel, den er am Tag zuvor erst hatte machen lassen, schloss er auf und trat ein.

Im Inneren gab es zwei Fahrstühle, doch er nahm die Treppe, zweiundzwanzig Absätze bis zur obersten Etage. Er musste sich nicht einmal nennenswert anstrengen.

Hinter der Treppenhaustür erstreckte sich ein langer, nichtssagender Korridor. In regelmäßigen Abständen waren Wohnungstüren mit einer Nummer und einem Türspion zu erkennen. Der Fußbodenbelag war aus schmutzigem Linoleum, und die verblasste Farbe an den Wänden blätterte an vielen Stellen bereits ab.

Es war kühl und roch nach einem starken Desinfektionsmittel. Irgendwo weinte leise ein Baby. Am Ende des Korridors, dort, wo er in einen zweiten Flur mündete, befand sich eine Tür mit der Aufschrift Gebäudewartung. Er stellte seinen Aktenkoffer ab und holte ein kleines Butterpäckchen aus seiner Manteltasche, das aus einer Frühstücksbar in der Nähe stammte. Er wickelte die Butter aus und verteilte sie sorgfältig auf den Türscharnieren. Die leere Verpackung steckte er wieder in die Manteltasche.

Dann zog er aus der Innentasche seines Mantels zwei kleine Metallwerkzeuge: einen Spanner und einen schlanken, gekrümmten Haken. Die Qualität des Schlosses lag deutlich über dem Durchschnitt, aber der Geschäftsmann brauchte keine sechzig Sekunden, um es zu knacken.

Da öffnete sich hinter ihm eine Tür. Er ließ das Einbruchswerkzeug in seiner Tasche verschwinden.

Irgendjemand sagte etwas in ruppig klingendem Rumänisch. Der Mann mit dem Aktenkoffer sprach mehrere Sprachen, aber diese gehörte nicht dazu. Er blieb noch einen Augenblick stehen, den Blick zur Tür gewandt, für den Fall, dass der andere mit jemandem in seiner Wohnung gesprochen hatte. Die Chance war zwar nicht groß, aber er musste es zumindest versuchen.

Da ertönte die Stimme erneut. Dieselben kehligen Worte, nur lauter. Ungeduldig. Den Rücken noch immer dem Sprecher zugewandt, schob der Geschäftsmann die rechte Hand in seinen Mantel. Er zog sie wieder hervor und schmiegte sie eng an seine Hüfte, sodass sie nicht zu sehen war. Schließlich drehte er sich nach links zu dem Hausbewohner um, den Kopf nach vorn geneigt, damit seine Augen im Schatten lagen.

Ein korpulenter Mann mit einem etliche Tage alten Stoppelbart beugte sich zu seiner Wohnungstür heraus und hielt sich mit fetten Fingern am Türrahmen fest. Zwischen seinen dicken Lippen hing eine Zigarette. Er musterte den Mann mit dem Aktenkoffer von oben bis unten und nahm dann mit zitternden Fingern die Zigarette aus dem Mund. Aschereste fielen auf das schäbige Linoleum.

Er schwankte leicht und fing dann wieder an zu sprechen. Schleppend und undeutlich kamen die Worte aus seinem Mund. Ein Betrunkener also. Keine Gefahr.

Der Geschäftsmann ignorierte ihn, nahm seinen Aktenkoffer und ging den abzweigenden Korridor entlang, entfernte sich von dem Betrunkenen, bevor dieser noch mehr Lärm machen konnte. Als hinter ihm eine Tür ins Schloss gedrückt wurde, blieb er stehen und kehrte lautlos zurück. Vorsichtig linste er um die Ecke, sah niemanden und steckte die Neun-Millimeter- Beretta 92F zurück in die Innentasche seines Mantels, nachdem er sie wieder gesichert hatte.

Der Raum hinter der Gebäudewartungstür war vollkommen dunkel. Irgendwo war ein tropfender Wasserhahn zu hören. Der Geschäftsmann knipste eine kleine Taschenlampe an. Der schmale Lichtstrahl glitt über nackte Backsteinwände, Rohrleitungen, Kisten und eine Metalltreppe an der Seite. Er schlängelte sich darauf zu und stieg lautlos hinauf. Die rostige Dachklappe war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Es war nur unwesentlich schwerer zu knacken als das Türschloss zuvor.

In elf Stockwerken Höhe biss eisiger Wind in sein Gesicht und jeden Quadratzentimeter entblößter Haut. Doch nach wenigen Sekunden hatte sich der Luftdruck im Treppenhaus angeglichen, und der Schmerz ließ nach. Er duckte sich, um möglichst wenig Sichtfläche zu bieten, und schob sich zum westlichen Dachrand. Der Wind blies die Wolken in Richtung Norden, und das Glühen der aufgehenden Sonne konnte sich jetzt über der ganzen Stadt verbreiten. Bukarest lag ihm zu Füßen, erwachte langsam aus dem Schlaf. Abgesehen von seinem momentanen Aufenthaltsort eine ausgesprochen schöne Stadt. Es war sein erster Besuch hier, und er hoffte, dass seine Arbeit ihn bald wieder einmal hierher- führen würde.

Jetzt wandte er sich dem Aktenkoffer zu, schloss ihn auf und klappte den Deckel hoch. Eine dichte Schaumstoffhülle umgab das zerlegte Heckler & Koch MSG-90. Als Erstes befestigte er den Lauf am Gewehrkolben mit der integrierten Abzugsgruppe. Dann brachte er das Hensoldt-Zielfernrohr an, gefolgt vom Schaft und von dem zwanzigschüssigen Magazin. Er klappte das Zweibein auf und stellte die Waffe auf die niedrige Dachbrüstung.

Durch das Visier sah er die Stadt jetzt in zehnfacher Vergrößerung – Gebäude, Autos, Menschen. Nur so zum Spaß richtete er das Fadenkreuz auf den Kopf einer jungen Frau und folgte ihr, ahnte ihre Bewegungen und Richtungswechsel voraus, behielt sie ununterbrochen im Visier. Glück gehabt, Mädchen, dachte er und verzog den Mund zu einem seltenen Lächeln. Er hob den Kopf, veränderte die Position des Gewehrs und blickte anschließend noch einmal durch das Fernrohr.

Nun war es auf den Eingang des Grand Plaza Hotel in der Calea Dorobantilor gerichtet. Das achtzehnstöckige Gebäude besaß eine moderne Fassade aus Glas und Edelstahl, die kraftvoll und zugleich grazil wirkte. Der Geschäftsmann hatte auf seinen zahlreichen Reisen rund um den Erdball bereits etliche Hotels der Howard-Johnson-Kette kennengelernt, aber dieses hier noch nicht. Falls das Grand Plaza dem durchschnittlichen bis hohen Standard der anderen Häuser entsprach, dann hatte die Zielperson vermutlich einen angenehmen Aufenthalt gehabt. Aus seiner Sicht war es absolut angemessen, dass der zum Tod Verurteilte erholt und ausgeschlafen seiner morgendlichen Hinrichtung entgegenging.

Jetzt holte der Mann mit dem Gewehr einen Laser-Entfernungsmesser aus dem Aktenkoffer und visierte den Hoteleingang an. Er lag genau fünfhundertzweiundfünfzig Meter entfernt. Das war eine absolut akzeptable Entfernung und nur sechs Meter weniger, als er geschätzt hatte. Er drehte am Höhenverstellrad, um die Einstellungen für die Entfernung und den Schusswinkel zu korrigieren.

Vor dem Hoteleingang stand ein Türsteher mit zerfurchtem Gesicht, gähnte und entblößte dabei seine schlechten Zähne. An einer Straßenlaterne ganz in der Nähe flatterte ein lilafarbenes Band im Wind. Der Mann mit dem Gewehr beobachtete es einen Augenblick lang und schätzte die Windgeschwindigkeit. Acht, vielleicht auch achteinhalb Stundenkilometer. Er nahm die entsprechende Einstellung an seinem Hensoldt vor und fragte sich, wann wohl jemand die Bedeutung dieses scheinbar so harmlosen Bandes erkennen würde. Womöglich gar nie.

Er fuhr die Vergrößerung etwas zurück, um mehr von der Hotelfassade zu sehen. Nur wenige Menschen waren in der Nähe. Einige Fußgänger, ein paar vereinzelte Hotelgäste, aber keine Menschenmassen. Das war gut. Er war zwar ein exzellenter Schütze, aber da er nur wenige Sekunden zur Verfügung hatte, brauchte er unbedingt freie Schussbahn. Im Prinzip war es ihm zwar gleichgültig, ob er noch andere Personen erschießen musste, die das Pech gehabt hatten, zwischen ihn und sein eigentliches Ziel zu geraten, aber in solchen Fällen ließ sich nie ausschließen, dass die Zielperson vorzeitig über ihr eigenes bevorstehendes Ableben informiert wurde, und falls sie nicht komplett unzurechnungsfähig war, setzte sie sich daraufhin normalerweise in Bewegung.

Der Mann mit dem Gewehr blickte auf seine Armbanduhr. Das unglückselige Opfer des heutigen Tages würde in Kürze auftauchen, falls der Zeitplan, den er zusammen mit dem Dossier erhalten hatte, zutreffend war. Der Geschäftsmann hatte keinen Anlass, den Informationen seines Klienten zu misstrauen, auch wenn es das erste Mal war, dass er mit diesem Auftraggeber zusammenarbeitete.

Noch eine Drehung am Zielfernrohr, und er konnte das Hotel in seiner gesamten Breite sowie zwei Drittel seiner Höhe erkennen. In den Fenstern der obersten drei sichtbaren Stockwerke spiegelte sich das Licht der aufgehenden Sonne.

Schließlich glitt eine Limousine von der Straße in die Hoteleinfahrt und hielt vor dem Haupteingang. Ein breitschultriger Weißer in beigefarbenem Jackett und einer dunklen Jeans stieg aus und erklomm mit den schneidig-effizienten Bewegungen eines Bodyguards die Eingangstreppe. Er blickte vor und zurück, schnell und effektiv. Er registrierte sämtliche Personen in der Nähe, suchte nach Anzeichen für eine Bedrohung und wurde nirgendwo fündig.

Der Mann mit dem Gewehr spürte sein Herz schneller schlagen, während der entscheidende Moment in rasantem Tempo näher rückte. Er atmete tief ein und aus, versuchte zu verhindern, dass sein rasender Pulsschlag sich negativ auf seine Treffsicherheit auswirkte. Er wartete.

Nach einer Minute kam der Leibwächter wieder ins Freie und baute sich in der Mitte der Treppe auf. Er blickte sich noch einmal nach allen Seiten um, dann gab er ein Handzeichen in Richtung Hoteleingang. In wenigen Sekunden würde die Zielperson herauskommen. Nach Angaben des Dossiers reiste die Zielperson – ein Ukrainer – normalerweise in Begleitung mehrerer Leibwächter, die dann natürlich auch im selben Hotel untergebracht waren. Es handelte sich ausschließlich um ehemalige Militärs oder Geheimdienstangehörige. Sie würden den Ukrainer mit Sicherheit in ihre Mitte nehmen, was einen normalerweise relativ unproblematischen Schuss relativ schwierig werden ließ.

Der Mann mit dem Gewehr hatte sich für das MSG-90 entschieden, weil es eine Halbautomatikwaffe war, mit der er mehrere Schüsse innerhalb weniger Sekunden abgeben konnte. Die 7,62 x 51 Millimeter großen Vollmantelgeschosse besaßen genügend Durchschlagskraft, um einen menschlichen Körper zu durchschlagen und auch noch einen zweiten, dahinterstehenden Menschen zu töten. Darüber hinaus verwendete er Spezialpatronen mit einem Wolframkern. Für sie würden auch die Schutzwesten, die sowohl die Leibwächter als auch die Zielperson höchstwahrscheinlich trugen, kein Hindernis darstellen. Der Ukrainer konnte sich hinter zwei gepanzerten Männern verstecken und würde dennoch sterben.

Bevor der Geschäftsmann näher heranzoomen konnte, um die letzten Vorbereitungen für den Schuss zu treffen, bemerkte er ein kurzes, helles Flackern. Es kam aus einem Fenster im dreizehnten Stock des Hotels. Mit einer schnellen Bewegung hob er das MSG-90 an und blickte durch das Zielfernrohr, um den Ursprung des Lichtflecks zu suchen. Womöglich ein Hotelgast, der mit einem Teleskop oder Fernglas die Stadt betrachten wollte. Und wenn dieser Hotelgast sich oberhalb seiner eigenen Position befand, dann ließ sich nicht ausschließen, dass er versehentlich entdeckt wurde. In diesem Fall musste er das Attentat vergessen und sich sofort aus dem Staub machen. Es wäre sinnlos gewesen, erst noch die Zielperson zu ermorden, nur um anschließend verhaftet zu werden.

Sobald das Fadenkreuz genau auf dem Fenster saß, justierte er an seinem Zielfernrohr die Vergrößerung und erkannte, dass sich das Sonnenlicht nicht etwa auf den Linsen eines Fernglases oder eines Teleskops spiegelte, sondern in einem Zielfernrohr, genau wie seinem.

Unterdrücktes Mündungsfeuer verwandelte die Überraschung des Geschäftsmanns in tiefes Entsetzen, das keine Sekunde lang andauerte. Dann hatte die Kugel seinen Kopf erreicht.

Rosafarbener Nebel hing in der Luft.

Kapitel 2

Victor sah die Leiche aus seinem Blickfeld verschwinden und nahm das Auge vom Zielfernrohr, während das Schussgeräusch langsam verhallte. Der lang gestreckte Schalldämpfer seines Gewehrs hatte zwar den Mündungsknall unterdrückt, aber gegen den mächtigen Überschallknall, mit dem das Geschoss die Schallgrenze durchbrochen hatte, ließ sich nichts machen. Jeder, der etwas davon verstand, wusste jetzt, dass irgendwo ein Schuss abgefeuert worden war, aber ohne das dazugehörige Mündungsfeuer war er praktisch nicht zu orten. Hätte er Unterschallmunition verwendet, dann hätte er so gut wie gar kein Geräusch verursacht, aber in Bukarest war es windig, und auf eine Entfernung von fünfhundertfünfzig Metern hätten langsamere Projektile ein zu großes Risiko bedeutet.

Das Fenster des Hotelzimmers hatte sich für seine Zwecke nicht weit genug öffnen lassen, darum hatte Victor den ganzen Fensterflügel abmontiert. Es war kalt im Zimmer, aber der Luftzug ließ die penetrant riechenden Pulverdämpfe schnell abziehen. Wenn er den Gewehrlauf zum Fenster hinausgestreckt hätte, hätte es zwar weniger Gestank hinterlassen, aber er wäre sehr viel leichter zu entdecken gewesen. So etwas machten nur Amateure.

Schnell, aber ohne Hast schraubte Victor den Schalldämpfer vom Lauf und nahm das Gewehr auseinander. Die einzelnen Teile legte er in die dafür vorgesehenen Schaumstoffmulden eines ledernen Aktenkoffers. Das Ganze dauerte keine fünfzehn Sekunden. Mit einem Taschentuch hob er die heiße Patronenhülse vom Boden auf und steckte sie in eine Tasche. Anschließend schob er den Sessel, den er benutzt hatte, vom Fenster zurück an seinen ursprünglichen Platz. Mit dem Fuß beseitigte er die Druckstellen der Sesselbeine aus dem Teppich vor dem Fenster.

Er setzte den Fensterflügel wieder ein und glättete mit einem kleinen Stück Schmirgelpapier die Schraubenköpfe. Dann blickte er sich um, suchte nach irgendwelchen Anzeichen für seine Anwesenheit. Es war ein modernes Hotelzimmer, ordentlich und sehr sauber. Neutrale Farben. Jede Menge Edelstahl und leichtes Holz. Völlig unpersönlich, aber nicht abstoßend. Er sah nichts, weswegen er sich Gedanken machen müsste. Das Bett hatte er genauso wenig benutzt wie die Toilette, er hatte nicht einmal den Wasserhahn angefasst. So schwer es gewesen war, der Anziehungskraft der luxuriösen, außerordentlich fein gewebten Bettwäsche zu widerstehen, aber das Zimmer war ein Arbeitsplatz, mehr nicht, und es wäre ein sinnloses Risiko gewesen, den gebotenen Komfort in Anspruch zu nehmen. Es war schlicht und einfach nicht Victors Stil, dort zu schlafen, wo er einen Auftrag auszuführen hatte.

Erleichtert, dass er keine Spuren hinterlassen hatte, die ihn irgendwie mit dem Zimmer in Verbindung bringen konnten, legte Victor den Aktenkoffer in einen größeren Koffer, klappte ihn zu und verließ den Raum. Sein Herzschlag lag etwa zwei Schläge pro Minute über dem Ruhepuls. Wegen Fingerabdrücken brauchte er sich keine Gedanken zu machen. Er hatte seine Hände mit einer durchsichtigen Silikonlösung bestrichen, sodass sie keinerlei Fettspuren hinterlassen konnten.

Um nicht von der Überwachungskamera neben dem Fahrstuhl erfasst zu werden, nahm er die Treppe ins Erdgeschoss und durchquerte das Foyer, ohne auf das dort herrschende Durcheinander zu achten. Den Kopf hielt er leicht gesenkt, damit die Kameras nur seine Stirn und seine Haare zu sehen bekamen.

In der Nähe des Hoteleingangs redete ein großer, breitschultriger Mann, bekleidet mit einer Jeans und einer beigefarbenen Wildlederjacke, aufgeregt auf einen älteren Mann von ähnlicher Statur ein. Beide sahen osteuropäisch, slawisch aus – Russen oder womöglich auch Ukrainer. Der Ältere sah aus wie Ende vierzig und trug einen schönen schwarzen Nadelstreifenanzug, der sich perfekt an seinen großen, muskulösen Körper schmiegte. Sein kurz geschnittenes schwarzes Haar wurde an den Schläfen schon etwas grau, und er war glatt rasiert. Er hatte Victor seine linke Körperseite zugewandt, sodass das gezackte Narbengewebe am unteren Ende seines Ohrs deutlich zu erkennen war. Das Ohrläppchen fehlte.

Die beiden Slawen wurden von vier weiteren Männern umringt. Allesamt blasse Osteuropäer, allesamt in schwarzen Anzügen, allesamt muskulös, wenn auch nicht übertrieben, allesamt mit dem Auftreten ehemaliger Elitesoldaten und hervorragend ausgebildeter Bodyguards. Sie formten einen taktischen Schutzschirm um den Mann in der Wildlederjacke und den älteren im Nadelstreifenanzug. Jeder blickte in eine andere Richtung, sodass ihre Gesichtsfelder sich überschnitten. Sie waren aufmerksam, gewissenhaft, die Greifhand in Hüftnähe, jederzeit bereit, ihr Gehalt zu rechtfertigen.

Als Victor sich dem Tresen näherte, hörte er, wie der Mann in der Wildlederjacke auf Russisch erklärte, warum der Mann im Nadelstreifenanzug – der VIP – im Foyer warten musste. Victor tat, als würde er kein Wort verstehen, und stellte sich so an den Empfangstresen, dass das Objektiv der nächstgelegenen Überwachungskamera auf seinen Hinterkopf gerichtet war.

Der Mann an der Rezeption machte einen nervösen Eindruck und starrte die slawischen Männer an, ohne Victor zu bemerken, so lange, bis dieser ihm eine Hand vor die Augen hielt.

»Bitte entschuldigen Sie, Sir«, sagte er auf Englisch mit rumänischem Akzent. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Ich würde gerne auschecken.«

Victor nannte ihm seinen Namen und die Zimmernummer, gab seine Schlüsselkarte ab und wartete, während der Portier all die Dinge erledigte, die es zu erledigen gab. Dabei lauschte er auf jedes Wort, das zwischen dem Chef-Leibwächter und seinem VIP gesprochen wurde.

Als er die Rechnung kontrollierte und die Papiere unterschrieb, näherten sich feste Schritte in seinem Rücken. Normalerweise ließ Victor es nicht zu, dass jemand von hinten auf ihn zukam, aber zum einen schränkte die Überwachungskamera seine Bewegungsfreiheit ein, und zum anderen konnte er sich jetzt, während des Auscheckens, nicht gut umdrehen, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Und die Leibwächter machten nicht den Eindruck, als ob sie sich solche verräterischen Bewegungen entgehen lassen würden.

Darum blieb Victor regungslos stehen, während er seine Unterschrift an den unteren Rand des Formulars setzte, und empfing, als der Leibwächter an den Tresen trat und dem Mann an der Rezeption ein paar Anweisungen zubellte, den erwarteten Stoß gegen die Schulter. Victor duckte sich nicht weg und setzte dem Stoß keinen Widerstand entgegen – auch das nur, um seine Tarnung als x-beliebiger Hotelgast aufrechtzuerhalten –, aber der Bodyguard brachte wohl gut über hundert ausgesprochen nützliche Kilogramm auf die Waage. Victor stolperte. Wahrscheinlich fand er sein Gleichgewicht schneller wieder als ein normaler überraschter Geschäftsmann, aber nur deshalb, weil er sonst unweigerlich auf dem Fußboden gelandet wäre.

Bevor er die erwartete aufgebrachte – aber nicht zu aufgebrachte – Bemerkung loswerden konnte, hörte er den Mann im Nadelstreifenanzug rufen: »Nikolai.«

Der Kerl mit der Wildlederjacke drehte sich um und blickte seinen Boss an. Victor ebenfalls.

Der VIP stürmte auf seinen Chef-Leibwächter zu, während die anderen vier Bodyguards sich nach Kräften bemühten, ihn auch weiterhin nach allen Seiten abzusichern, jeweils fünf Schritte entfernt, jede Ecke des Foyers von mindestens einem Augenpaar abgedeckt.

»Nikolai, du respektloser Ochse«, sagte der Mann im Nadelstreifenanzug beim Näherkommen. »Du entschuldigst dich auf der Stelle bei dem Herrn.«

Er deutete auf Victor, der den bäuerlichen ukrainischen Akzent sofort erkannt hatte.

Der Leibwächter namens Nikolai blickte Victor an und sagte in tonlosem Englisch: »Entschuldigung.«

»Ist schon in Ordnung«, erwiderte Victor.

Der Ukrainer im Nadelstreifenanzug wandte sich ihm zu. »Bitte verzeihen Sie mir. Mein Freund muss erst noch zivilisierte Manieren lernen. Mehr Affe als Mensch. Ich hoffe, Sie sind nicht verletzt.«

»Alles in Ordnung.«

Victor trat einen Schritt zurück, um die Begegnung mit dem Mann, dem er gerade eben das Leben gerettet hatte, so schnell wie möglich zu beenden. Mit jeder Sekunde wurde das Risiko seiner Entdeckung größer. Der Ukrainer musterte Victor mit einer Intensität, die er nur selten erlebte, einer gewissen Vertrautheit, ungeachtet der Tatsache, dass Victor ihm nie zuvor begegnet war. Er wusste nicht genau, warum, aber irgendwie hatte er dabei ein ungutes Gefühl. Er musste sich richtig zusammenreißen, um sich nichts anmerken zu lassen.

»Oh, nein«, sagte der Ukrainer, als sein Blick nach unten wanderte. »Ihr Anzug.«

Victor sah ebenfalls hin und entdeckte den kleinen Riss in seinem rechten Jackettärmel. Er musste sich an der Ecke des Tresens verfangen haben, als er ins Stolpern geraten war.

»Das ist schon in Ordnung«, sagte Victor. »Kann man nähen.«

»Nein, der Anzug ist ruiniert.« Der Ukrainer wandte sich an Nikolai und sagte auf Russisch: »Du dämliches Arschloch, siehst du, was du angerichtet hast?« Und dann wieder zu Victor: »Es tut mir wirklich aufrichtig leid. Das ist ein sehr schöner Anzug. Man sieht, dass Sie ein Mann sind, der auf sein Äußeres achtet, genau wie ich. Ich würde Ihnen ja Geld geben, damit Sie sich einen Ersatz besorgen können, aber ich habe überhaupt kein Bargeld bei mir, und wer trägt in der heutigen Zeit noch ein Scheckbuch mit sich herum?«

»Das ist nicht nötig, wirklich nicht«, sagte Victor. Vermutlich hätte er weniger Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wenn er Nikolai vorhin mit einem Rückwärtssalto aus dem Weg gegangen wäre.

»Aber auf jeden Fall ist das nötig.« Der Ukrainer griff in die Innentasche seines Jacketts und zog eine Visitenkarte hervor. Diese reichte er Victor. »Ich fürchte, ich befinde mich im Augenblick in einer etwas problematischen Situation, ansonsten hätte ich Ihnen einen neuen Anzug gekauft, aber hier ist meine Karte. Rufen Sie mich an, dann finden wir eine Lösung. Und sollten Sie nach Moskau kommen, dann lasse ich Ihnen von meinem Schneider einen Anzug machen, dass Ihnen die Tränen kommen.«

Victor nahm die Karte entgegen. Darauf stand in kyrillischen und in lateinischen Buchstaben: Vladimir Kasakov, außerdem eine Telefonnummer und eine Moskauer Büroadresse.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mr. Kasakov«, erwiderte Victor.

»Und jetzt, bevor meine Mitarbeiter noch weiteren Schaden anrichten können, muss ich Sie bitten, mich zu entschuldigen.«

Victor nickte und machte sich auf den Weg zum Haupteingang. Er drehte sich nicht um, aber er spürte die Blicke, die sich in seinen Rücken bohrten.

Draußen war es kalt, und der Türsteher wirkte viel zu zerbrechlich und zu alt für eine solche Arbeit, besonders bei diesem Wetter. Victors Blick wanderte hinüber zu dem elfstöckigen Gebäude, dessen Hässlichkeit selbst auf fünfhundertfünfzig Meter Entfernung unübersehbar war. Der Attentäter hatte die richtige Wahl getroffen. Es gab zwar auch andere, weniger weit entfernte Gebäude, die aber ungünstiger positioniert waren und keine freie Sicht auf den Hoteleingang boten. Victor hätte sich im umgekehrten Fall ebenso entschieden. Allerdings hätte er besser aufgepasst, um nicht auf dem Hausdach zu sterben.

Victor sah sein Spiegelbild in der Glastür des Hotels, und ihm fiel auf, dass er dem Mann, den er erschossen hatte, gar nicht so unähnlich sah. Schwarzer Mantel, darunter ein dunkelgrauer Anzug mit weißem Hemd und himmelblauer Krawatte. Die perfekte Tarnung für die Großstadt. Seine dunklen Haare waren kurz und unauffällig geschnitten, sein Bart gestutzt. Er wirkte wie ein Börsenmakler oder Rechtsanwalt, ein Mann mit einem gepflegten, aber unauffälligen Äußeren. Er passte sich der Umgebung an, wurde selten gesehen, kaum wahrgenommen. Gleich wieder vergessen.

Im Taxi wickelte er einen Streifen Pfefferminzkaugummi aus und steckte ihn sich in den Mund. Irgendwo hatte er gelesen, dass Kaugummi ein guter Ersatz für Zigaretten war, aber ganz egal, wie viel er von dem Zeug kaute, man konnte es beim besten Willen nicht inhalieren.

Er ließ sich zur Gara de Nord bringen und kaufte sich eine Fahrkarte nach Constanta. Sieben Minuten vor Abfahrt des Zuges stieg er ein. Sechs Minuten später erhob er sich von seinem Sitz und ging zwei Waggons weiter. Fünf Sekunden, bevor die Türen zuklappten und automatisch verriegelt wurden, stieg er aus. Er verließ den Bahnhof durch einen anderen Ausgang, bestieg ein anderes Taxi und fuhr zum Parcul Herˇastrˇau. Nachdem er eine Weile ziellos durch den Park geschlendert war, steuerte er das Charles de Gaulle Plaza an. Er setzte sich ins Foyer und griff nach einer der ausliegenden Gratiszeitschriften, wobei er den Haupteingang nicht aus den Augen ließ.

Als sein Radar auch nach fünf Minuten keine Bedrohung gemeldet hatte, erhob er sich und stieg die Treppe hinunter bis ins untere Geschoss der Tiefgarage. Dann ließ er sich von einem der Hochgeschwindigkeitsaufzüge bis in den obersten Stock bringen. Er nahm einen anderen Fahrstuhl, fuhr hinab in den dritten Stock und kehrte über die Treppe ins Foyer zurück. Anschließend verließ er das Gebäude durch einen Nebenausgang.

Er steuerte die nächstgelegene U-Bahn-Station an und fuhr eine halbe Stunde lang kreuz und quer durch das U-Bahn-Netz, bevor er schließlich an der Universität wieder ans Tageslicht kam. Nach einem angenehmen Spaziergang über das Universitätsgelände fuhr er mit einem Taxi zum Bulevardul Regina Elisabeta nahe dem Rathaus und ging von dort noch ein paar Schritte zum Eingang des Parcul Ci¸smigiu.

Im Park war es still und friedlich. Nur wenige Menschen begegneten ihm auf dem Weg zum Rondul Român, wo er sich Zeit nahm, um die zwölf Steinbüsten von berühmten rumänischen Schriftstellern zu betrachten, während er seine Maßnahmen zum Schutz vor Beschattern abschloss. Diese Vorsichtsmaßnahmen waren ein ebenso wichtiger Bestandteil seiner Arbeit wie das eigentliche Attentat. Die erfolgreiche Auftragsabwicklung hing entscheidend davon ab, dass er unbemerkt blieb und keinerlei Spuren hinterließ. Fast jeder Mensch war in der Lage, einen anderen Menschen umzubringen, aber nur wenige kamen danach ungeschoren davon, und nur die allerwenigsten schafften das immer wieder.

Jahrelang war Victor in völliger Anonymität seinem Geschäft nachgegangen. Als freiberuflicher Auftragskiller hatte er seine Opfer schnell, effizient und geräuschlos beseitigt. Keiner seiner Auftraggeber hatte gewusst, wer er war. Niemand hatte das gewusst. Er hatte in fast vollkommener Isolation gelebt – keine Freunde, keine Familie, niemand, der ihn hintergehen konnte, und niemand, der dazu benutzt werden konnte, ihn unter Druck zu setzen. Doch dabei war es nicht geblieben, und rückblickend musste er sich eingestehen, dass das unvermeidlich gewesen war. Er hätte schließlich am besten wissen müssen, dass niemand für immer unentdeckt bleiben konnte.

Als Victor sich sicher sein konnte, dass ihm niemand gefolgt war, verließ er das Rondul Român und ging zur Mitte des Parks mit dem künstlichen See. Auf einer kunstvoll gearbeiteten Fußgängerbrücke blieb er stehen, holte den Aktenkoffer aus seinem Koffer, sah sich um, ob er auch wirklich nicht beobachtet wurde, und ließ den Aktenkoffer unauffällig ins Wasser gleiten. Das Gewehr wog ungefähr sechseinhalb Kilogramm und sank sofort bis auf den Grund.

Victor verließ den Park durch den Südostausgang und bestieg einen Bus. Er setzte sich auf die Rückbank, und als niemand mehr in seiner Nähe saß, stieg er nach einem halben Dutzend Haltestellen wieder aus. Den Koffer ließ er neben seinem Sitz auf dem Fußboden stehen.

Er dachte an den Mann, dem er das Leben gerettet hatte. Victors Auftragsbeschreibung hatte keinerlei Informationen über die Zielperson seiner Zielperson enthalten, nur, dass sie überleben musste. Ohne den Zwischenfall in der Hotellobby hätte Victor wohl kaum einen Gedanken an den Mann verschwendet. Aber jetzt kannte er seinen Namen, einen Namen, dem er nicht zum ersten Mal begegnet war. Die meisten von Victors Kollegen hätten ihn erkannt. Vladimir Kasakov war einer der größten Waffenhändler des Planeten, wenn nicht sogar der größte überhaupt. Er wurde international gesucht. Normalerweise machte Victor sich kaum Gedanken darüber, welches Motiv hinter seinen Aufträgen stecken mochte, aber jetzt fragte er sich unwillkürlich, warum sein Auftraggeber bei der CIA so scharf darauf war, diesem Mann das Leben zu retten.

Es fing wieder an zu regnen, und Victor beschleunigte seine Schritte, passte sie denen der anderen Fußgänger an. Niemand interessierte sich für ihn. Oberflächlich betrachtet, das war ihm klar, wirkte er beinahe wie sie – Fleisch und Blut, Haut und Knochen –, aber genauso klar war ihm auch, dass damit das Ende der Ähnlichkeit erreicht war.

Weißt du, was dich zu etwas Besonderem macht?, hatte einmal jemand zu ihm gesagt. Menschen wie du, wie ich, wir tragen dieses Etwas in uns, das die anderen nicht haben, und entweder wir packen es beim Kragen und fangen damit etwas an, oder wir lassen zu, dass es uns zerstört.

Und genau das hatte er sein Leben lang getan. Er hatte dieses Etwas beim Kragen gepackt und etwas damit angefangen. Doch vor sechs Monaten war seine ganze sorgsam aufgebaute Existenz auseinandergebrochen. In dem sich anschließenden Strudel der Ereignisse hatte er immer wieder überlegt, ob er sich zur Ruhe setzen und versuchen sollte, ein normales Leben zu führen. Doch das war damals gewesen. Jetzt hatte er, selbst wenn er gewollt hätte, keine Chance mehr, seine Karriere einfach an den Nagel zu hängen.

Falls er es dennoch versuchte, dann, das wusste er genau, würde sein neuer Arbeitgeber ihn für immer in den Ruhestand schicken.