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Kira Sinclair, Tori Carrington, Karen Kendall

TIFFANY HOT & SEXY BAND 31

IMPRESSUM

TIFFANY HOT & SEXY erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

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Fax: 040/60 09 09-469
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© 2012 by Kira Bazzel
Originaltitel: „Rub it in“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Alina Lantelme

© 2012 by Lori Karayianni & Tony Karayianni
Originaltitel: „Guilty Pleasures“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Alina Lantelme

© 2012 by Karen Moser
Originaltitel: „Bringing Home a Bachelor“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Johannes Heitmann

Fotos: Harlequin Books S.A.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY HOT & SEXY
Band 31 - 2013 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg

Veröffentlicht im ePub Format in 06/2013 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-95446-600-9

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, STURM DER LIEBE

 

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KIRA SINCLAIR

Nur für Erwachsene!

Nur für Erwachsene ist das luxuriöse Inselresort in der Karibik, das Simon Reeves gehört und betreibt. Das heißt, eigentlich leitet es seine Angestellte Marcy McKinney, eine hinreißende Blondine, die überraschend kündigt! Unmöglich, findet Simon und beschließt, Marcy höchstpersönlich von den privaten Inselfreuden zu überzeugen …

TORI CARRINGTON

Von wegen unschuldig …

Mara ist auf der Flucht. Sie steht unter Mordverdacht! Aber Kopfgeldjäger Jonathan Reece sucht, findet und überwältigt sie. Egal, was sie sagt: Er versteht einfach nicht, dass alles nur ein schrecklicher Irrtum ist. Also ändert Mara blitzschnell ihre Taktik. Verführerisch statt verdächtig. Eine heiße Nacht mit Jonathan und seinen Handschellen ist die Folge …

KAREN KENDALL

Komm, vernasch mich!

Hotelmanager Pete geht Konflikten lieber aus dem Weg. Bis er sich in die sexy Konditorin Melinda verliebt, die immer irgendwie in Schwierigkeiten steckt. Dabei hat sie einfach nur die Sahnestücke des Lebens verdient! Jeden Drachen würde Pete töten, der sich ihr in den Weg stellt – damit er die Prinzessin seines Herzens endlich ins Himmelbett tragen kann …

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Nur für Erwachsene!

1. KAPITEL

„Nein, die Lieferung kann nicht bis nächste Woche warten. Sie haben zugesagt, dass sie heute ankommt“, fuhr Marcy McKinney den Mann am anderen Ende der Telefonleitung an. Dann holte sie tief Luft. „Wenn ich die Ware nicht bis morgen bekomme, muss ich … den Auftrag stornieren und mir woanders besorgen, was ich brauche.“ Am liebsten hätte sie den Hörer auf die Gabel geknallt. Aber sie beherrschte sich.

Sie hatte keine Ahnung, wo sie einen Baustoffhandel auftreiben sollte, der die riesige Menge an Material vorrätig hatte, die sie dringend benötigte – und der vor allem auch sofort liefern konnte. Doch sie würde es herausfinden, sollte ihr Gesprächspartner es darauf ankommen lassen. Auf der Île du Coeur, einer abgeschiedenen Insel in der Karibik, gab es nur das Resort „Escape“, und hier arbeitete sie als Hotelmanagerin. Der Inselstaat St. Lucia als nächstgelegener Knotenpunkt war mit der Fähre fünfundvierzig Minuten entfernt. Die Baumaterialien von einer der anderen Inseln liefern zu lassen, wäre doppelt so teuer. Aber das war nicht ihr Problem. Damit müsste sich Simon herumschlagen.

Es war Nebensaison, und das Resort schloss für die nächsten zwei Wochen. Marcy wollte diese Pause für ein Vorstellungsgespräch nutzen, das sie in zwei Tagen hatte. Ein Luxushotel in New York City suchte eine neue Hotelmanagerin. Das könnte ihr Ticket zurück in die Zivilisation sein, und nichts und niemand – weder Simon noch fehlende Werkzeuge, noch ein abtrünniger Sicherheitschef, nicht einmal …

„Marcy!“, hörte sie Tina an der Rezeption rufen.

„Ich komme.“ Sie stand auf und versuchte, nicht in Panik auszubrechen angesichts der Papierstapel auf ihrem Schreibtisch und der Mitteilungen und farbig markierten Ordner, mit denen sie sich noch befassen musste. Sie hatte vor ihrer Abreise noch so viel zu erledigen. Als sie um die Ecke bog, stand ein gereiztes Paar auf der anderen Seite des Empfangstresens. Beide hatten einen Sonnenbrand.

„Mr und Mrs Smith“, stellte Tina ihr das Paar vor und verdrehte die Augen. Mit Allerweltsnamen wie Smith oder Johnson trugen sich meistens Gäste ein, die ihren Urlaub hier nicht mit ihrem Ehepartner verbrachten.

„Ich habe Ihrer Kollegin gerade gesagt, dass wir unseren Aufenthalt verlängern müssen.“ Die Frau hielt Marcy ihren krebsroten Arm vor die Nase. „Es könnte ein bisschen schwierig werden zu erklären, wie ich mir auf einer Geschäftsreise nach London einen Sonnenbrand zweiten Grades geholt habe.“ Sie lächelte anzüglich und warf ihrem Begleiter einen verstohlenen Blick zu.

„Und wie ich Mrs Smith bereits gesagt habe“, schaltete sich Tina ein, „können wir keine Zimmer zur Verfügung stellen, weil das Hotel morgen für zwei Wochen schließt.“

„Wir zahlen, was immer es kostet.“

Marcy lächelte angespannt. „Das ist keine Frage des Geldes. Ma’am. Im Resort werden Baumaßnahmen durchgeführt, und die Versicherung lässt es aus Gründen der Haftung nicht zu, dass sich in dieser Zeit Gäste auf dem Anwesen aufhalten.“ Sie sah, dass die Frau kurz davor war, hysterisch zu werden, und fuhr schnell fort: „Ich kümmere mich jedoch gerne darum, auf St. Lucia eine andere Unterkunft für Sie zu finden.“

Mrs Smith seufzte erleichtert. „Oh ja, das wäre fantastisch.“

„Geben Sie uns eine Minute Zeit“, sagte Marcy, zog Tina mit sich in das Büro hinter der Rezeption und beauftragte sie, nach einem freien Zimmer zu suchen.

Anschließend kehrte sie in ihr Büro zurück. Obwohl es erst Nachmittag war, hatten die meisten Mitarbeiter schon Feierabend und packten ihre Reisetaschen. Wie jedes Jahr blieb nur eine Notbelegschaft während dieser zwei Wochen auf der Insel. Wenn man in einem tropischen Paradies zu Hause war, bedeuteten Ferien gewöhnlich, die eigene Familie zu besuchen, die man lange nicht gesehen hatte.

Marcy hatte keine Familie mehr. Sie war Einzelkind, und ihr Vater – ebenfalls ein Hotelmanager – war vor fünf Jahren gestorben. Ihre Mutter hatte sie bereits verloren, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Mit ihren engen Freundinnen vom College hielt sie regelmäßig Kontakt. Aber sie waren im ganzen Land verstreut und damit beschäftigt, Familien zu gründen und an ihren Karrieren zu basteln.

Im letzten Jahr war sie daher während der Ferien auf der Île du Coeur geblieben. In der Theorie schien es nicht schlecht zu sein, das gesamte Resort für sich zu haben – inklusive all der Annehmlichkeiten, die den Gästen angeboten wurden. Wenn sie sich tatsächlich die Zeit genommen hätte, diese Annehmlichkeiten auch einmal in Anspruch zu nehmen. In der Praxis hatte sie während der gesamten zwei Wochen gearbeitet.

Aber das passierte ihr nicht noch einmal. Morgen Nachmittag wollte sie die Insel verlassen, um zwei glückliche Wochen ohne Simon, der Fluch ihres Daseins, zu verbringen. Sie seufzte. Ihrer Meinung nach, sollte ein cooler und lässiger Surfer niemals Besitzer eines Resorts sein. Mittlerweile zerrte bereits der Anblick seiner tief auf den Hüften sitzenden Shorts und engen T-Shirts an ihren Nerven. Sie leiteten ein Unternehmen! Doch das schien ihn nicht besonders zu kümmern.

Außerdem sollte kein Mann, der anscheinend keinerlei Gedanken an seine Kleidung verschwendete, so sexy aussehen. Marcy bevorzugte Männer, die sich formvollendet kleideten. Sollte sie entdecken, dass Simon auch nur eine einzige gut geschnittene Hose oder eine Seidenkrawatte besaß, würde sie vor Schock tot umfallen. Bevor sie auf die Insel gezogen war, hatte sie in vielen verschiedenen Großstädten wie London, Prag, Chicago oder San Francisco gelebt, die sie alle geliebt hatte. Aber ihr Herz gehörte New York City, wo die Männer definitiv wussten, wie sie ihre Anzüge zu tragen und ihre Unternehmen zu leiten hatten.

Sogar Simons zerzauste Haare, die bis über seine dunkelblauen Augen fielen, störten sie. Ständig wollte sie ihm die dunkelblonden Strähnen aus dem Gesicht streichen. Einmal hatte sie dem Impuls sogar nachgegeben. Danach hatte ihre Hand zwanzig Minuten lang gekribbelt. Und das war das Letzte, was sie brauchte.

Simon war unübersehbar ein attraktiver Mann. Er war groß, hatte einen athletischen Körper und bewegte sich dennoch mit einer gewissen Grazie. Zudem verfügte er über einen teuflischen Charme und sehr viel Sex-Appeal – eine potenziell tödliche Kombination. Sie weigerte sich allerdings, sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Nicht zu ihrem Chef. Das kam nicht infrage. Sie hatte ihre Lektion gelernt.

„Marcy, wir haben ein Problem“, ertönte eine Stimme aus dem Funkgerät.

Tom war derzeit der einzige für das Resort zuständige Wachmann. Nachdem der Sicherheitschef Zane Edwards, seinem Herzen und der Frau, die er liebte, nach Atlanta gefolgt war, hielt der Zweiundzwanzigjährige hier alleine die Stellung. Und war mit dieser Aufgabe völlig überfordert. Sie hoffte, auch dieses Problem noch lösen zu können, bevor sie abreiste. Auf ihrem Schreibtisch lagen die Lebensläufe von drei vielversprechenden Kandidaten für die vakante Position des Sicherheitschefs. Die Männer kamen heute mit der Nachmittagsfähre, führten morgen ihr Vorstellungsgespräch und verließen die Insel dann wieder mit der Vormittagsfähre.

Sie griff nach dem Funkgerät, das an ihrem Gürtel befestigt war. „Was ist los?“

„Einige Männer legen gerade an.“ Er zögerte. „Sie haben mich aber angewiesen, niemanden ins Resort zu lassen.“

Damit hatte sie natürlich Gäste gemeint und ging davon aus, dass es sich bei den Männern um die von ihr beauftragten Handwerker handelte. „Haben die Männer Werkzeugkästen, Leitern oder so etwas in der Art bei sich?“

„Ja“, antwortete Tom überrascht.

Marcy verdrehte die Augen. „Finden Sie heraus, ob die Männer zu dem Bautrupp gehören.“ Sie hörte, wie Tom mit den Männern sprach.

„Ja. Das ist die Crew.“

„Gut. Das nächste Mal erkundigen Sie sich vielleicht zuerst, bevor Sie mich unnötig anrufen. Bringen Sie die Männer in der alten Arbeiterbaracke unter.“ Diese Baracke stammte noch aus der Zeit, als die Insel eine Kakaoplantage gewesen war. Inzwischen war sie natürlich renoviert und modernisiert worden und erfüllte für die nächsten zwei Wochen ihren Zweck. Die meisten der festen Mitarbeiter wohnten entweder – wie sie – in Bungalows hinter der Hotelanlage oder im Resort.

Marcy sank auf ihren Schreibtischstuhl und war nicht sicher, ob sie schreien oder in Tränen ausbrechen sollte. Ihre To-do-Liste war noch endlos lang, und ständig kam irgendetwas dazwischen. Zudem hatte sie keinen Zweifel daran, dass Simon in die Luft ginge, wenn ihm klar würde, dass sie morgen die Insel verließe. Obwohl sie ihm das natürlich rechtzeitig persönlich gesagt und ihn während der letzten Wochen ein Dutzend Mal daran erinnert hatte. Doch ihrer Erfahrung nach hatte Simon Reeves große Gedächtnislücken und hörte ihr nur höchst selten zu.

Sie schaute auf die detaillierten Anweisungen, die sie notiert hatte, um Simon zu helfen, die nächsten zwei Wochen zu überstehen – und später ihrem Nachfolger, falls ihr Bewerbungsgespräch in New York City erfolgreich verliefe. Es hatte sie gereizt, Simon einfach im Stich zu lassen. Doch das war nicht ihr Stil. Sie hatte zu viel Zeit und Mühe in das Resort gesteckt, um in Kauf zu nehmen, dass Simon es in dem Moment ruinierte, in dem sie es verließe.

Das Dokument war derzeit zweiundzwanzig Seiten lang, und Marcy sorgte sich, dass ihn der bloße Umfang davon abhielt, es zu lesen. Soll ich es kürzen oder so lassen, wie es ist? Das hatte sie sich während der letzten Tage mehrfach gefragt. Und auch jetzt kam sie wieder zum selben Schluss: Was Simon tat oder nicht, war nicht ihr Problem. Und wenn alles nach Plan lief, würde es auch nie wieder ihr Problem sein.

Simon widerstand dem Drang, den erstbesten Gegenstand zu nehmen und gegen die Tür zu werfen, als er in seinem Büro durch ein lautes Klopfen gestört wurde. Die Szene, an der er schrieb, funktionierte nicht, und er konnte den Grund dafür nicht herausfinden. Er war total frustriert und nicht in der Lage, den Lärm einfach zu ignorieren. Das Personal freute sich darauf, zwei Wochen lang Ferien zu haben, und er freute sich darauf, es zumindest für eine Weile los zu sein. Das Resort praktisch für sich zu haben, kam ihm wie gerufen.

Er hatte die Abgabefrist für sein Manuskript bereits Monate überschritten. Um für seinen Verleger und seinen Agenten nicht erreichbar zu sein, hatte er sogar den Stecker aus der Telefonbuchse gezogen und das E-Mail-Programm auf seinem Computer deinstalliert. Wenn er das Manuskript nicht innerhalb der nächsten beiden Wochen fertigstellte, konnte er seine Karriere wahrscheinlich erneut vergessen.

Denn dank Courtneys Verrat vor drei Jahren, dem daraus resultierenden Plagiatsskandal und seinen vergeblichen Versuchen zu beweisen, dass seine Arbeit tatsächlich von ihm stammte, hatte seine Karriere schon einmal am seidenen Faden gehangen. So etwas wollte Simon wirklich nicht noch einmal durchmachen.

Mit der Île du Coeur und „Escape“ hatte er sich den Raum und die Abgeschiedenheit für einen Neustart schaffen wollen. Ihm war es wie eine brillante Idee erschienen. Er hatte über das Kapital verfügt, die Insel zu kaufen. Die Einnahmen des Resorts sollten seine Unterhaltskosten decken, und ein Manager sollte die Verantwortung von seinen Schultern nehmen, sodass er sich in seinem Büro einschließen und schreiben konnte. Doch irgendwie war sein Plan nicht aufgegangen. Denn das Resort kostete ihn viel Zeit.

Das Problem bestand darin, dass niemand auf der Insel – nicht einmal Marcy – wusste, wer er war. Er hatte schon immer unter einem Pseudonym geschrieben und schützte seit Courtneys Verrat auf diese Weise seine Arbeit. Wenn man von jemandem so enttäuscht worden war, den man geliebt hatte, sah man Menschen in einem anderen Licht und wurde misstrauisch.

„Simon!“ Marcy wurde laut und rüttelte am Knauf der abgeschlossenen Tür.

Er wusste aus Erfahrung, dass sie nicht verschwinden würde, bevor er ihr zugehört hatte. Also minimierte er sein Dokument auf dem Bildschirm und startete ein Spiel, mit dem er alle glauben machte, dass er sich in seinem Büro nur die Zeit vertrieb. Dann öffnete er die Tür und lehnte sich an den Türrahmen. Mit einem Arm stützte er sich an der anderen Seite ab, sodass Marcy unter seinem Arm hindurchgehen müsste, um sein Büro zu betreten. Und da sie es um jeden Preis vermied, näher mit ihm in Kontakt zu kommen, blieb sie draußen stehen.

Am Anfang war er froh darüber gewesen. Für romantische Komplikationen mit seiner Hotelmanagerin hatte er absolut keine Zeit. Marcy war hier, um zu arbeiten und ihm das Leben zu erleichtern. Aber je strikter sie vorsätzlich auf Distanz ging, desto mehr reizte es ihn, die von ihr gesetzten Grenzen zu überschreiten. Auch jetzt bewegte Simon sich absichtlich einige Zentimeter auf sie zu und beobachtete, wie sie erstarrte und kaum merklich zurückwich. Doch dann hielt sie sofort inne, weil sie offensichtlich entschlossen war, sich nicht von ihm nervös machen zu lassen. Simon unterdrückte ein Grinsen. „Was brauchst du?“

Sie hob die Hand, in der sie einen dünnen Stapel Papiere hielt. „Wir müssen alle Punkte auf der Liste durchgehen, bevor ich morgen die Insel verlasse. Ich habe dich per E-Mail auf diesen Termin hingewiesen.“

„Ich habe das Programm deinstalliert.“

Marcy sah ihn perplex an, bevor ihre Augen gefährlich glitzerten.

Simon liebte es, wenn sie wütend wurde. Ihre blauen Augen funkelten so leidenschaftlich, dass sein ganzer Körper unter Anspannung geriet. Sie erinnerte ihn an eine Elfe. Tatsächlich hätte er ihr den Job fast nicht gegeben, weil sie so zerbrechlich wirkte. Aber sie verfügte über ein eisernes Rückgrat und Führungsstärke. Sie war eine gute Hotelmanagerin, wenn auch einen Tick zu organisiert und detailversessen für seinen Geschmack.

„Warum solltest du so etwas Dummes tun?“

Er zuckte nur mit den Schultern. In den letzten zwei Jahren hatte Marcy ihm schon ganz andere Beleidigungen an den Kopf geworfen. „Weil ich für jemanden nicht erreichbar sein will.“

„Nun, mir kannst du nicht ausweichen.“

Wie wahr! „Was heißt denn, bevor du die Insel verlässt? Wie meinst du das? Morgen fangen die Handwerker mit ihrer Arbeit an. Du musst ihnen genau sagen, was sie zu tun haben. Vorher kannst du nicht weg. Ich habe keine Zeit, mich mit den Handwerkern zu befassen – nicht einmal einen Tag lang.“

Marcy schüttelte langsam den Kopf.

Simon beobachtete, wie der Pferdeschwanz, zu dem sie ihre blonden Haare wie immer frisiert hatte, von einer Seite zur anderen wippte. Und wie sich ihre Brust hob und senkte, als sie tief Luft holte und wieder ausatmete. Ihre Brüste gefielen ihm. Er bevorzugte Frauen mit großen Brüsten, wobei Marcys Oberweite schwer einzuschätzen war. Trotz des tropischen Klimas bestand sie darauf, strenge Kostüme oder Hosenanzüge zu tragen, wenn sie arbeitete – was immer der Fall war. Er glaubte, dass ihre stets etwas zu weiten Hosen, Röcke, Blusen und Blazer ihre persönliche Rüstung waren. Aber er hatte noch nicht entdecken können, vor wem sie sich versteckte.

Zuerst hatte er sich gefragt, ob es Männer im Allgemeinen waren. Vielleicht hatte sie Gewalt erfahren. Den Gedanken hatte er jedoch verworfen, nachdem er sie dabei beobachtet hatte, wie sie die männlichen Gäste anlächelte und fast mit ihnen flirtete, zur Hölle. Soweit ihm bekannt war – und er wusste alles, was auf der Insel vor sich ging –, hatte sie in den letzten zwei Jahren keinen Liebhaber gehabt, obwohl es ihr nicht an Angeboten mangelte. Und das hieß bei ihr, dass sie keinen Liebhaber gewollt hatte. Denn Marcy McKinney wusste stets genau, was sie wollte.

„Ich bin nicht nur einen Tag lang weg.“

„Aber das hast du gerade gesagt.“

„Nein. Ich habe gesagt, dass wir diese Punkte durchgehen müssen …“, sie wedelte erneut mit den Papieren, „… bevor ich die Insel morgen verlasse. Ich nehme zwei Wochen Urlaub.“

„Den Teufel tust du.“

„Wir haben bereits darüber geredet, Simon. Mehrmals.“

Er ignorierte den warnenden Ton in ihrer Stimme. „Ich erinnere mich nicht daran, dass du erwähnt hast, zwei Wochen wegzufahren.“ Obwohl es möglich war, dass er ihr keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Er hatte die Angewohnheit, ihre Stimme auszublenden, wenn sie redete. Denn gewöhnlich war es nicht wichtig für ihn, was sie sagte. Zumindest nicht wichtiger als die anderen Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen. Er hatte früh gelernt, dass es genügte, so zu tun, als hörte er Marcy zu, und zustimmend zu nicken, um sie zufriedenzustellen. Auf diese Weise gingen sie beide lächelnd auseinander – eine Win-win-Situation.

„Sicherlich haben wir darüber geredet. Ich habe dich mit E-Mails daran erinnert. Verdammt, ich bin sogar an deinen Computer gegangen und habe die Tage im Kalender markiert.“

„Du warst an meinem Computer?“ Eine Mischung aus Wut und Enttäuschung machte sich in Simon breit – eine reflexartige Reaktion, die aus Courtneys Verrat resultierte. Sie hatte nicht nur seine Arbeit gestohlen, sondern auch die Sicherheitskopie auf der Festplatte ruiniert, bevor sie ihn verlassen hatte. Dadurch hatte er keine Möglichkeit gehabt zu beweisen, dass es sein Manuskript gewesen war. Er mochte Leute nicht, die sich an seinem Computer zu schaffen machten.

Mit geballten Fäusten trat er nur Zentimeter entfernt vor Marcy und beobachtete, wie sie die Luft einsog, jedoch nicht zurückwich. Mit ihren leuchtend blauen Augen musterte sie ihn verwirrt. Es hätte ihm genügen sollen, dass er sie aus dem Gleichgewicht brachte. Aber das tat es nicht. „Warum hast du das getan?“

„Meine Güte, Simon, was ist los mit dir?“ Schließlich versuchte sie vergeblich, ihn wegzuschieben. „Ich wusste, dass du meine Mails ignorierst und unser Gespräch vergisst. Ich habe versucht zu helfen.“

„Ich habe nicht um deine Hilfe gebeten“, fuhr er sie an.

Einen Moment lang war sie überrascht und dann irritiert. „Tatsächlich hast du das, als du mich eingestellt hast“, entgegnete sie.

Zum ersten Mal registrierte er, dass er sie um Längen überragte. Seine Einschüchterungstaktik hätte wahrscheinlich bei jeder anderen Frau Wirkung gezeigt. Aber nicht bei Marcy. Sie verfügte über so viel Selbstvertrauen und Kompetenz, dass man manchmal einfach vergaß, wie klein sie war.

„Geh ein Stück zurück.“ Geduldig wartete sie, dass er tat, was sie ihm befohlen hatte.

Jeder schien sich ihr unterzuordnen. Es war irritierend. Simon wünschte, sie täte ihm nur einmal den Gefallen, sich seinen Anordnungen zu fügen. Stattdessen trat er langsam zurück. Sie funkelte ihn verletzt an. Obwohl er sich weigerte, sich zu entschuldigen oder seine Reaktion zu erklären, hörte er sich sagen: „Es tut mir leid, Marcy. Sieh doch, ich brauche dich hier. Ich muss etwas Wichtiges erledigen, das meine ganze Aufmerksamkeit erfordert. Ich habe nicht die Zeit, um mich auch noch um das Resort zu kümmern.“

„Unsinn.“

„Wie bitte?“

„Nur einige Mitarbeiter werden hier sein. Bevor ich morgen abreise, führe ich noch die Gespräche mit den Männern, die sich für die Position des Sicherheitschefs beworben haben. Die Handwerker sind eingetroffen, und die Baumaterialien werden morgen geliefert. Ich werde dafür sorgen, dass die Handwerker genau wissen, was sie wann in diesen zwei Wochen zu erledigen haben. Darauf …“, sie wedelte erneut mit den Papieren, „… ist jedes Szenario beschrieben, das möglicherweise eintreten könnte, und wie du damit umzugehen hast. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, Ferien zu machen. Wenn das Resort ausgebucht ist, kannst du dir es nicht leisten, auf mich zu verzichten.“

In diesem Punkt hatte sie recht. Allerdings musste er in zwei Wochen mit seinem Buch fertig sein, danach könnte er wahrscheinlich die Leitung des Resorts eine Weile selbst übernehmen. „Ich verspreche, dass ich es wiedergutmache.“ Charmant lächelte Simon sie in der Hoffnung an, sie milder zu stimmen. In der Vergangenheit hatte dieses Lächeln immer bei Frauen funktioniert. Allerdings schien Marcy immun dagegen zu sein. „Nächsten Monat kannst du dir so lange freinehmen, wie du willst.“ Innerhalb vernünftiger Grenzen natürlich.

„Nein. Du kannst mich mit deinem Charme nicht einwickeln. Ich habe Pläne.“

„Ändere deine Pläne.“

„Reisepläne, bei deren Nichteinhaltung mir die Kosten nicht erstattet werden.“

„Dafür komme ich auf.“

„Und es gibt Leute, die mich erwarten. Ich reise morgen Nachmittag ab. Falls du mich nicht einsperrst – und nicht einmal du bist so dumm –, wirst du einen Weg finden müssen, die nächsten zwei Wochen ohne mich auszukommen.“

Simon bekam pochende Kopfschmerzen. Er konnte ihr nicht sagen, warum es so wichtig für ihn war, ungestört zu sein, ohne sein Geheimnis preiszugeben. Und er war nicht bereit, sich so verletzbar zu machen – nicht einmal Marcy gegenüber. Sie reiste also ab? Nun, das werden wir ja sehen …

Da Marcy an das geschäftige Treiben im Resort gewöhnt war, kam ihr die Stille und Leere am nächsten Tag fast ein wenig unheimlich vor. Die Einheimischen erzählten sich eine Legende über die Île du Coeur, laut der man auf der Insel fand, was das eigene Herz begehrte – egal ob man gekommen war, um danach Ausschau zu halten oder nicht. Sie glaubte nicht an solche Geschichten. Aber in diesem Moment kam es ihr wirklich so vor, als wenn hier alles möglich wäre.

Nur das Zwitschern der Vögel im Dschungel und das Hämmern der Handwerker, die das Dach des Restaurants reparierten, waren zu hören. Außer der Notbesatzung und Xavier, den sie als Sicherheitschef eingestellt hatte, waren alle Mitarbeiter mit der Vormittagsfähre abgereist. Da die Hurrikansaison vor ihnen lag, würden die Handwerker in den nächsten zwei Wochen mit einer Reihe von Instandsetzungsarbeiten beschäftigt sein, um das Resort wetterfest zu machen.

Marcy hatte nie erlebt, dass Simon die Beherrschung verlor. Aber nachdem sie ihm die lange Liste mit Instruktionen gegeben hatte, schwante ihr, dass er jetzt kurz davor war. Das geschah ihm recht. Schließlich hatte er die vielen Überstunden, zu denen sie bereit war, ihre detaillierte Arbeit und die Mühe, die sie sich machte, niemals gewürdigt. Statt lobender Worte bekam sie flapsige Bemerkungen, Sticheleien und unterschwellige Anspielungen zu hören. Statt Verständnis bekam sie seinen Frust zu spüren und stand jetzt auch noch vor seiner verschlossenen Bürotür.

Hoffentlich nie mehr. Sie hatte sich vorgenommen, bei ihrem morgigen Vorstellungsgespräch all ihren Charme aufzubieten, um endlich nach New York zurückkehren zu können. Kleine Apartments, chinesisches Essen rund um die Uhr, Männer in Anzügen, Museen, Shows, Kultur … Das war ihre Vorstellung vom Paradies.

Sie rollte ihre Koffer zum Dock. Weil sie hoffte, schon von New York aus ihre Kündigung einreichen zu können, hatte sie all ihre Habseligkeiten eingepackt. Nachdem sie das Gepäck der Größe nach aufgereiht hatte, sah sie hinaus aufs Wasser und dann auf ihre Armbanduhr. Sie war ein bisschen zu früh dran. Also setzte sie sich auf den größten der drei Koffer und dachte daran, den Roman aus dem Bordcase zu holen, den sie für die Reise eingepackt hatte. Aber da sie nur zehn, höchstens fünfzehn Minuten warten musste, lohnte sich das nicht.

Marcy freute sich sehr darauf, nach langer Zeit wieder einmal einen guten Thriller lesen zu können. Ihre Liebe zu Thrillern stammte noch aus der Zeit, als ihr Vater die Bücher an sie weitergereicht hatte, die er gerade gelesen hatte. Beim Abendessen hatten sie Stunden damit verbracht, über besonders spannende Stellen zu diskutieren. Ihr Vater war wie sie ein Workaholic gewesen, der hohe Anforderungen an sich gestellt und viel Wert auf Details gelegt hatte. Auch nach fünf Jahren schmerzte sein Verlust sie noch wie am ersten Tag. Er wäre so enttäuscht über das Debakel gewesen, das sie vor zweieinhalb Jahren in New York erlebt hatte.

Weil sie einsam gewesen war, hatte sie nach jemandem gesucht, mit dem sie ihr Leben teilen konnte. Mit Christoph Fischer schien sie den geeigneten Mann gefunden zu haben. Natürlich wusste sie, dass man nie eine Affäre mit seinem Chef anfangen sollte. Aber er hatte ihr völlig den Kopf verdreht, und sie hatte ihm nicht widerstehen können. Noch bevor sie in seinem Hotel zu arbeiten angefangen hatte, war ihr das Gerücht zu Ohren gekommen, dass er und seine Ehefrau sich scheiden ließen. Ein Jahr später, als er angefangen hatte, sie zu daten, war sie davon ausgegangen, dass er inzwischen geschieden wäre. Es war dumm gewesen, diese Annahme nicht zu überprüfen.

Inmitten eines Ballsaals zu entdecken, dass er noch immer mit seiner Ehefrau zusammen war, war mehr als demütigend gewesen. Niemals würde sie vergessen, wie diese Ehefrau ihr Champagner ins Gesicht geschüttet und sie mit Obszönitäten überhäuft hatte. Marcy hatte nie vorgehabt, eine Ehe zu zerstören. Dazu war sie nicht der Typ. Von jemandem belogen zu werden, dem man vertraute, war schon schrecklich genug. Aber dann hatte ihr ehemaliger Chef und Liebhaber auch noch die Unverfrorenheit besessen, sie zu feuern und in jedem anderen angesehenen Hotel in der Stadt unmöglich zu machen.

So hatte sie den ersten Job angenommen, der ihr angeboten wurde – von Simon. Eine Weile möglichst weit weg von New York zu sein, war zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige für sie gewesen. Aber all das lag jetzt hinter ihr. Mittlerweile zerrissen sich die Leute bestimmt über ganz andere Sachen das Maul. Und das bevorstehende Vorstellungsgespräch war die beste Gelegenheit für einen Neuanfang.

Erneut sah Marcy auf die Uhr. Die tropische Sonne brannte auf ihren nackten Beinen. Wenn sie gewusst hätte, dass sie hier eine halbe Stunde warten musste, hätte sie Sonnencreme aufgetragen. Die Fähre kam zu spät. Marcy stand auf, ging zum Ende des Docks und reckte den Hals. Aber weit und breit war kein Schiff zu sehen. Genau das zählte zu den Dingen, die sie wahnsinnig machten! Sie war es so leid, dass alles auf der Insel nach einem eigenen Zeitplan lief. Respektierte niemand mehr Pünktlichkeit? Die Fähre kam eigentlich immer zu spät. Die Leute warteten zehn, gelegentlich sogar fünfzehn Minuten, aber nie derart lange.

Vielleicht ging die Crew auf der Fähre davon aus, dass keine Eile bestand, weil keine Gäste mehr übergesetzt wurden. Stirnrunzelnd setzte sie sich wieder auf ihren Koffer. Sie musste das Flugzeug erreichen. Zum Glück hatte sie für einen solchen Fall von vornherein mehr Zeit einkalkuliert.

Simon beobachtete Marcy durch das Fenster des Hauptgebäudes. Er musste leise lachen, als sie aufgebracht aufsprang, zum Ende des Docks lief und zurückkam, um sich erneut auf ihren Koffer zu setzen. Dieses Szenario hatte er erwartet.

Er hatte sie um fünfzehn Uhr am Dock abfangen und ihr erklären wollen, dass sie nirgendwohin abreiste, weil er telefonisch den Fährservice für die nächsten zwei Wochen abbestellt hatte. Aber dann war er beim Schreiben so in eine Szene vertieft gewesen, dass ihm die Worte nur so zugeflogen waren. Und da ihm das seit Tagen nicht mehr passiert war, hatte er den kreativen Schub nutzen wollen. Gleich musste er den Preis dafür zahlen. Zweifellos stand ihm ein verbaler Schlagabtausch bevor. War es verkehrt, dass es ihm irgendwie Spaß machte, Marcy zu ärgern?

Wenn sie wütend war, funkelten ihre Augen wie Saphire. Ihre Haut nahm einen rötlichen Schimmer an, und ihre Gesichtszüge wirkten so angespannt, dass er sie bis zur Besinnungslosigkeit küssen wollte, nur um sie dazu zu bringen, vor Schreck loszulassen. Aber er erlaubte sich nicht, so weit zu gehen. Als seine Managerin war sie zu wertvoll für ihn. Er verführte prinzipiell niemals Angestellte. Und er wollte keine Beziehung eingehen. Darin war er nie gut gewesen. Und nach der schlechten Erfahrung mit Courtney behagte ihm die Vorstellung nicht, jemandem wieder so viel Vertrauen entgegenzubringen.

Als er registrierte, dass Marcy immer unruhiger und frustrierter wurde, setzte er ein gleichgültiges Gesicht auf, steckte die Hände in die Hosentasche und spazierte hinaus aufs Dock. Denn je länger er wartete, desto schlimmer würde sie aus der Haut fahren.

Als sie ihn hinter dem tropischen Blätterwald auftauchen sah, starrte sie ihn an und runzelte die Stirn. „Simon. Was tust du hier?“

Er lehnte sich mit der Hüfte an die Holzreling. „Ich bin hier, um dir zu sagen, dass die Fähre nicht kommt.“

„Was?“, rief sie aufgebracht und sah hinaus aufs Wasser. „Die Fähre kommt jeden Tag. Zweimal.“

„Nicht heute.“

„Was ist passiert? Gab es einen Unfall? Ist jemand verletzt?“

Simon fühlte ein wenig schuldig, weil Marcy vermutete, dass nur ein Unfall die Fähre aufhalten könnte. Und weil sie sich mehr um andere Menschen als um ihre Unannehmlichkeiten sorgte. Er musste reinen Tisch machen. „Nein, kein Unfall. Ich habe den Service abbestellt.“

Ihre langen goldblonden Haare fielen ihr bis über die Schultern. Ihm gefiel es, wenn sie die Haare offen trug. Er konnte sich nicht erinnern, sie in den letzten zwei Jahren jemals so gesehen zu haben. Als er den Blick über ihren Körper wandern ließ, bemerkte er, dass sie heute statt des gewohnten Hosenanzugs ein blassgrünes, bis oben zugeknöpftes Poloshirt und Kakishorts angezogen hatte. Habe ich jemals ihre nackten Beine gesehen? Er gab sich einen Ruck, um sich wieder auf die Sachlage zu konzentrieren.

Völlig verwirrt sah sie ihn an. „Warum, zur Hölle, hast du das getan?“

Simon zuckte mit den Schultern. „Weil ich dich nicht gehen lassen kann. Ich brauche dich hier, Marcy, und werde tun, was immer nötig ist, um dich für die nächsten beiden Wochen hierzubehalten.“

„Du … du“, stotterte sie und funkelte ihn an. „Du hast die Fähre gecancelt?“

„Ja.“ Während er versuchte, entspannt zu bleiben, ließ er sie nicht aus den Augen. Er hatte keine Ahnung, wozu sie fähig war. „Du hast mich auf die Idee gebracht.“

„Wovon redest du?“

„Du warst diejenige, die vorgeschlagen hat, dass ich dich einsperre. Ich versuche doch immer, deinen Rat zu befolgen.“

Marcy schäumte vor Wut. „Nein, das tust du nicht. Für dich ist es eine Art Hobby, mich zu ignorieren. Das wissen wir beide.“

Nun, bis zu diesem Moment war Simon nicht klar gewesen, dass ihr das bewusst war.

„Gut“, sagte sie entschlossen. „Ich rufe Rusty an, damit er mich privat übersetzt.“

Er kannte Rustys Antwort bereits – Rustys und die jedes anderen Bootsbesitzers auf dieser Seite von St. Lucia. Er hatte alle angerufen und gedroht, ihnen sämtliche Aufträge zu entziehen, sollten sie Marcy befördern. Er hatte ihr jeden möglichen Fluchtweg versperrt. Als sie zum Handy griff, entschied er, dass es besser wäre, wenn sie die Wahrheit jetzt von ihm hörte, statt später von Rusty. „Die Mühe kannst du dir sparen. Ich gehe davon aus, dass alle ausgebucht sind.“

Marcy starrte ihn an. „Was meinst du?“

„Nun, ich habe ein bisschen nachgeholfen.“ Ihm lief es kalt den Rücken hinunter, als sie ihn eisig musterte. Sie wusste wirklich, wie man jemanden mit Blicken einschüchterte. Aber da er darin selbst ein Meister war, funktionierte der Trick nicht.

„Du hast keinerlei Respekt vor anderen Menschen, nicht wahr?“

Ihre leisen Worte machten ihm mehr Angst, als wenn sie zu schreien angefangen hätte. Es wurde Zeit für Plattitüden. „Schau, ich zeige mich erkenntlich. Nenn mir deinen Preis. Eine Gehaltserhöhung? Eine Urlaubsreise auf meine Kosten? Diamanten? Was kostet es mich, dich die nächsten zwei Wochen hierzubehalten?“

„Man kann nicht alles kaufen, Simon. Sehe ich aus, als würden mir Diamanten etwas bedeuten?“

Er musterte Marcy von den blonden Haaren bis hinunter zu den rosa lackierten Zehen. Sie hatte ihn ja praktisch darum gebeten. Und er musste zugeben, dass sie nicht wie die Art Frauen aussah, die Wert auf Diamanten legten. Oh, sie war immer elegant gekleidet. Aber sie behängte sich nicht mit wertvollen Steinchen wie einige der Frauen, mit denen er bekanntermaßen sonst verkehrt hatte. Der einzige Schmuck, den sie trug, waren Ohrstecker mit kleinen Edelsteinen und ein Goldring an der rechten Hand.

„Ich hatte Pläne. Wichtige Pläne. Du kannst nicht jeden manipulieren, Simon. Du bist nicht allmächtig, und niemand hat dir das Recht gegeben, sich in mein Leben einzumischen.“

Allmählich wurde er wütend. Er brauchte sie hier, verdammt. „Ich bin dein Chef, Marcy. Ich sagte, ich brauche dich hier. Das sollte das Ende der Diskussion sein. Du bist wichtig für mich. Jeder andere Chef hätte dir ein Ultimatum gestellt.“

„Richtig. Stattdessen hast du die Fähre abbestellt und mir keine Wahl gelassen.“

„Jeder hat eine Wahl.“

Sie sah ihn nachdenklich an. „Weißt du was – du hast recht. Ich habe eine Wahl. Du kannst mich hier gefangen halten, Simon. Aber du kannst mich nicht zur Arbeit zwingen.“

„Dann kündige ich dir fristlos.“

Marcy hob die Arme in die Luft, ließ sie wieder fallen und lachte freudlos auf. „Nur zu. Ich bin es leid, mir für dich abzuschuften. Ich bin es leid, alle Hebel in Bewegung zu setzen, damit das Resort erfolgreich ist und eine hohe Qualität bietet. Und ich bin es leid, wegen jeder Kleinigkeit mit dir streiten zu müssen, nur weil ich versuche, meinen Job zu machen.“

„Du klingst, als ob du ein Nickerchen brauchst.“

„Nein, was ich brauche, sind Ferien. Zum Teil wollte ich deshalb für zwei Wochen verreisen.“

„Nur zum Teil?“

Sie neigte den Kopf zur Seite und musterte ihn, bevor sie antwortete. „Ja, zum Teil. Außerdem habe ich in zwei Tagen ein Vorstellungsgespräch in New York.“

Simon verstand die Welt nicht mehr. Sicherlich ärgerte er sie regelmäßig ein bisschen, weil es ihm Spaß machte, wenn sie sich aufregte. Und er hatte ab und zu ihre Vorgehensweise infrage gestellt und gedacht, dass sie ihn mit unwichtigen Details belästigte. Aber sie arbeitete im Paradies. „Warum, zum Teufel, willst du hier weggehen?“ Mit großer Geste zeigte er auf den Strand, den Dschungel und das Meer. „Für den ewigen Konkurrenzkampf in New York? Hier hast du das ganze Jahr über Urlaub vor der Tür.“

„Urlaub, zu dem ich nie komme, weil ich zu beschäftigt damit bin, mich um alles und jeden zu kümmern. Ich würde gerne nur ein einziges Mal mit einem Drink in einer dieser Liegen am Strand ausspannen. Oder mir eine Massage gönnen.“ Einen Moment lang hatte Marcy einen wehmütigen Ausdruck in den Augen.

Er hatte nie registriert, dass sie diesen Service niemals in Anspruch genommen hatte. „Ich bitte dich“, meinte er spöttisch. Sie wussten beide, dass Marcy spätestens nach einer Viertelstunde auf einer Strandliege unruhig würde. „All das hättest du dir jederzeit gönnen können. Du tust ja so, als wäre ich ein Sklaventreiber. Ich habe dich nicht gebeten, jeden Morgen um fünf Uhr ins Büro zu kommen oder bis um sieben Uhr abends zu arbeiten. Das war deine Entscheidung.“

„Weil irgendjemand es ja tun musste.“

War er wirklich so blind gewesen? Das glaubte Simon nicht. Auch wenn er ständig am Computer saß und an seiner Geschichte schrieb, bemerkte er, was um ihn herum passierte. Es war einfach so, dass er und Marcy völlig verschiedene Vorstellungen davon zu haben schienen, was wichtig war. Hatte sie an einem bestimmten Punkt Hilfe gebraucht, und er hatte das nicht wahrgenommen? „Brauchst du einen Assistenten? Ist es das?“

„Nein“, erwiderte sie frustriert. „Du begreifst es nicht, und ich glaube nicht, dass du das jemals tun wirst. Alles, was ich wollte, war, dass dir das Resort nicht gleichgültig ist.“

„Das ist es nicht!“, rief Simon.

„Von dem, was ich mitbekommen habe aus, schon. Ich komme aus New York und möchte dorthin zurückgehen. Ich gehöre dorthin. Hier zu arbeiten, ist frustrierend, und das kann ich nicht mehr ertragen.“

„Quatsch. Du gehörst hierher. Du bist wunderbar in deinem Job.“ Hatte er das nicht wieder und wieder gesagt? Verdammt, er hatte sie praktisch eingesperrt, weil er ohne sie die zwei Wochen nicht überleben konnte. War diese Demonstration seiner Wertschätzung nicht genug?

„Nett, dass du das auch mal bemerkst.“

„Natürlich tue ich das.“

Marcy schüttelte den Kopf, nahm ihre Rollkoffer und ging an ihm vorbei.

„Was hast du vor?“

„Ich werde in Erfahrung bringen, ob es noch einen anderen Weg gibt, hier wegzukommen.“

Simon wusste, dass es keine Möglichkeit gab. Dafür hatte er gesorgt. Aber das änderte nichts daran, dass sich sein Magen verkrampfte. Marcy konnte ihn nicht im Stich lassen – nicht heute, nicht später. Dafür hatte er schon genug Gründe. Aber jetzt, da er wusste, dass sie sich um eine Position in einem anderen Hotel beworben hatte und die Insel für immer verlassen wollte, war er nur noch entschlossener, sie hierzubehalten. „Es gibt keinen Weg. Auch nicht mit einem Hubschrauber.“

Sie wirbelte zu ihm herum. Das leuchtende Grün der Blattpflanzen hinter ihr schien das Blau ihrer Augen, das helle Blond ihrer Haare und die satte Bräune ihrer langen Beine noch zu unterstreichen. Sie umklammerte die Handgriffe ihres Gepäcks und versuchte sichtlich, nicht die Beherrschung nicht zu verlieren.

War er pervers, weil er erleben wollte, was sie täte, wenn sie wirklich an die Decke ginge? Oh, sie hatte Temperament. Das wusste er. Doch er hatte nicht ein einziges Mal erlebt, dass es mit ihr durchgegangen war. Er hatte oft gedacht, dass leidenschaftliche Frauen die besten Liebhaberinnen waren, weil sie sich im Leben und im Bett nur selten zurückhielten. Seiner Meinung nach war Marcy die Ausnahme von dieser Regel. Er bezweifelte nicht, dass sich sehr viel Leidenschaft hinter ihrer kontrollierten Fassade verbarg.

„Glaub nicht, dass du gewonnen hast, Simon.“

Er unterdrückte ein Lächeln. Aus seiner Sicht hatte er genau das getan. Sie konnte die Insel nicht verlassen. Und er wusste, dass sie – ganz egal, was sie behauptete – Workaholic genug war, um nicht tatenlos herumzusitzen, wenn Dinge erledigt werden mussten. Über Nacht würde sich ihre Wut gelegt haben, und am frühen Morgen käme sie wieder in ihr Büro. Sie konnte einfach nicht anders.

2. KAPITEL

Simon brummte der Schädel. Seit sieben Uhr machten die Handwerker einen furchtbaren Lärm. Normalerweise hätte es ihm nichts ausgemacht, früh aufzuwachen. Er schlief nur selten länger als bis fünf Uhr morgens. Aber letzte Nacht hatte er bis zwei Uhr an einer Szene gefeilt, die ihm nicht gelungen war. Jetzt war er müde und gereizt. Seine Augen brannten, und er hatte pochende Kopfschmerzen.

Nach einem weiteren ohrenbetäubenden Poltern sprang er vom Stuhl auf und brüllte: „Jetzt reicht’s!“ Aber natürlich konnten ihn die Handwerker nicht hören. Er brauchte dringend eine Pause. Ein Nickerchen reichte sicherlich, um wieder in Schreibfluss zu kommen. Bestimmt könnten die Handwerker eine Weile woanders auf der Insel arbeiten. Er fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und machte sich auf den Weg zu Marcys Büro. Der neue Sicherheitschef kam gerade aus dem Aufzug, als Simon einsteigen wollte.

„Oh, gut.“ Xavier trat zurück in die Aufzugkabine und machte seinem Chef Platz. „Ich war gerade auf dem Weg zu Ihnen. Ich möchte gern mit Ihnen über die Sicherheitsmaßnahmen und mögliche Verbesserungen reden.“

Simon seufzte und schloss einen Moment die Augen, bevor er antwortete. „Ich habe momentan ziemlich viel zu tun. Kann das noch warten?“

„Marcy hat erwähnt, dass in den nächsten zwei Wochen Handwerker im Haus sind. Ich vermute, dass es kostengünstiger ist, mögliche Anpassungen in dieser Zeit vorzunehmen, anstatt die Handwerker später erneut auf die Insel holen zu müssen.“

Die Kopfschmerzen wurden schlimmer. Simon wusste, dass Xavier in diesem Punkt recht hatte. Aber er hatte weder die Zeit noch die Energie, sich jetzt damit zu beschäftigen. Der Aufzug hielt im Erdgeschoss. „Ich bin auf dem Weg zu Marcy. Warum kommen Sie nicht mit und besprechen das mit ihr?“

Sie betraten den langen Flur. „Nun, Marcy hat mir gesagt, dass ich mich direkt an Sie wenden soll, weil sie nicht länger hier arbeitet.“

Abrupt blieb Simon stehen. „Wie bitte?“

„Marcy hat gesagt, dass ich mich an Sie wenden soll, weil sie gekündigt hat. Oder weil ihr gekündigt wurde. Oder vielleicht beides? Ich verstehe nicht, warum sie dann noch immer auf der Insel ist. Aber ich habe sie nicht danach gefragt, weil mich das nichts angeht.“

Simon wusste genau, warum sie noch hier war. Weil er sie nicht fortgelassen hatte. Sie hatte doch gewusst, dass seine Drohung, ihr zu kündigen, nur ein Bluff gewesen war, richtig? Warum sollte er ihr fristlos kündigen und sie dann weiterhin auf der Insel festhalten? Das wäre ein Widerspruch in sich. „Blödsinn!“ Er ging, rannte fast, zu ihrem Büro.

„Sie ist nicht dort“, rief Xavier ihm nach.

Ihr Büro war leer. Anders als sonst, wenn er sich in ihr Territorium wagte – und er gab zu, dass er alle anderen Möglichkeiten ausschöpfte, bevor er diesen Ort aufsuchte –, war es heute dunkel und still darin. Er bekam Panik. Was habe ich getan? Als er rückwärts aus dem Büro trat, lief er fast in Xavier hinein, der auf dem Flur wartete. „Wo ist sie?“

Xavier zuckte mit den Schultern. „Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, war sie am Pool.“

Simon durchquerte eilig die Lobby und ging durch den Vordereingang hinaus. „Wir reden später“, sagte er zu Xavier, der ihm noch immer folgte. „Nachdem ich das geklärt habe.“

Das helle Sonnenlicht blendete ihn. Seine Augen taten ihm weh. Er wünschte, er hätte seine Sonnenbrille parat gehabt. Und ein paar Aspirin. Der Baulärm war draußen noch lauter. Was, zum Teufel, reparierten die Handwerker hier? Er sollte vielleicht doch mal einen Blick auf die ellenlange Liste werfen, die Marcy ihm auf den Schreibtisch gelegt hatte. Aber das wäre der erste Schritt dazu, sich in die Renovierungsarbeiten einzumischen. Und am Ende würde das ganze Projekt zu einer Ablenkung, die er nicht brauchte.

Natürlich war es ihm nicht egal, was im Resort vor sich ging. Aber wenn er nicht wollte, dass seine Karriere völlig den Bach hinunterginge, konnte er es sich nicht leisten, Zeit zu verlieren, die er für sein Buch benötigte.

Als Simon den Pool erreichte, schäumte er vor Wut. Doch dann sah er Marcy, die sich in einem sehr knappen Bikini auf einer Liege in der Sonne rekelte, und schluckte. Ihr Anblick verschlug ihm die Sprache.

Wo, zum Teufel, hatte die Frau diese Figur her? Im Laufe der letzten zwei Jahre hatte er sie fast jeden Tag zu Gesicht bekommen. Die aufregenden Rundungen ihrer Brüste und Hüften waren ihm jedoch komplett verborgen geblieben. Sie hatte eine sensationelle Figur. Plötzlich verspürte er den Drang, jeden einzelnen ihrer schlabberigen Hosenanzüge aus ihrem Schrank zu reißen und zu verbrennen, um der Männerwelt einen Dienst zu erweisen.

Simon konnte nicht anders – er musste sie ansehen. Als er genüsslich jeden Zentimeter ihres Körpers betrachtete, pulsierte ihm das Blut in den Adern. Allein der Anblick ihrer schimmernden Haut erregte ihn sichtlich. Er war lange nicht mehr durch eine derart starke körperliche Reaktion in Verlegenheit geraten.

„Du stehst mir in der Sonne. Kannst du zur Seite gehen?“

Ihre Stimme klang so weich und lasziv, dass er einige Sekunden brauchte, um sich darüber klar zu werden, dass es tatsächlich Marcy gewesen war, die ihn angesprochen hatte. Er räusperte sich, rückte verstohlen seinen Hosenbund zurecht und versuchte verzweifelt, den Ärger in sich wachzurufen, mit dem er erst vor wenigen Momenten an den Pool marschiert war. Das war verdammt hart. Genau wie der Rest von ihm. Besonders als sie die dunkel getönte Sonnenbrille gerade so weit nach unten schob, um ihn über den Rand anfunkeln zu können. Plötzlich wollte er sie so lange küssen, bis sie vergaß, warum sie wütend war. „Was machst du hier?“

„Das ist doch wohl offensichtlich. Ich nehme ein Sonnenbad.“

„Ein Sonnenbad“, wiederholte Simon wie ein Idiot. Als wenn ihr herablassender Tonfall nicht schlimm genug gewesen wäre. In der Hoffnung, wieder zu Verstand zu kommen, schüttelte er den Kopf. „Ich meinte, warum bist du hier und nicht in deinem Büro?“

„Du hast mich gefeuert, erinnerst du dich?“

„Das habe ich ganz bestimmt nicht getan. Ich habe damit gedroht, dich zu feuern. Das ist ein großer Unterschied.“

„Großartig. Dann kündige ich.“

„Das kannst du nicht.“