Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Der Autor

Wolfgang Hohlbein, 1953 in Weimar geboren, ist der erfolgreichste deutschsprachige Fantasy-Autor mit einer Gesamtauflage von 40 Millionen Büchern. Horror-Fans ist er seit den Siebzigerjahren bekannt durch seine Kultserie DER HEXER, die auf die Tradition des amerikanischen Autors H.P. Lovecrafts zurückgreift. Später folgten Romane wie Das Druidentor (1993) und Anubis (2005) und die Dark-Fantasy-Serie DIE CHRONIK DER UNSTERBLICHEN, die 2012 unter dem Titel Blutnacht auch als Rockoper umgesetzt wurde.

HORROR FACTORY

Pakt mit dem Tod

WOLFGANG HOHLBEIN

1

Hermans erste Begegnung mit dem Tod fand auf den Tag genau eine Woche nach seinem Geburtstag statt, und wie es bezeichnend für den Rest seines Lebens sein sollte, unter eher unerwarteten, auf jeden Fall aber höchst außergewöhnlichen Umständen.

Dabei hätte es der wichtigste Tag seines bisherigen Lebens werden sollen, wurde ihm doch nicht nur eine große Ehre zuteil, sondern war der erste Schritt, den er an diesem Morgen aus dem Haus getan hatte, zugleich auch der erste Schritt in ein vollkommen neues und zweifellos aufregendes Leben. Jedenfalls war seine Mutter in den zurückliegenden Tagen nicht müde geworden, genau das immer und immer wieder zu behaupten, und selbst sein Vater, dem normalerweise kein gutes Wort über die Lippen kam, hatte ein zustimmendes Nicken beigesteuert. Und selbstverständlich war Herman in dieser Nacht so aufgeregt gewesen, dass er kaum Schlaf gefunden hatte. Wenn er das nächste Mal auf die kleine Farm am Stadtrand von Milton zurückkehrte, auf der er zusammen mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern lebte, dann zwar ganz gewiss nicht als Erwachsener, aber eben auch nicht mehr als unbedarftes Kind. Das jedenfalls waren seine Erwartungen gewesen.

Stattdessen rannte er um sein Leben. Seine Lungen brannten, als atmete er gemahlenes Glas ein, jeder Schritt kostete ihn ein winziges bisschen mehr Kraft als der davor, und ihm war, als würden ihm abwechselnd links und rechts rot glühende Nadeln in die Seite getrieben, jedes Mal, wenn er Luft holte. Er rannte trotzdem weiter, grimmig entschlossen, erst anzuhalten, wenn er seine Verfolger endgültig abgeschüttelt hatte, oder einfach weiterzurennen, bis sein Herz platzte und er tot umfiel.

Das Schlimmste war, dass es ihm vermutlich nicht einmal viel nutzen würde, den beiden Kerlen zu entkommen. Selbst wenn ihm das Unmögliche gelang, erwartete ihn bei seiner Rückkehr kein besseres Schicksal, denn gleich am Anfang seiner verzweifelten Flucht war er gestürzt und hatte sich die Hose zerrissen, und seine rechte Schuhsohle hatte sich gelöst und kommentierte nicht nur jeden Schritt mit einem verräterischen Flapp-Flapp-Flapp, sondern verlangsamte ihn auch zusätzlich, und das, obwohl die beiden größeren Jungen mit ihren längeren Beinen ohnehin viel schneller laufen konnten als er. Seine Mutter würde ihn vorwurfsvoll ansehen und noch trauriger sein als sonst – mit Recht, wusste Herman doch, dass sich die ganze Familie das Geld für den Anzug und die teuren Lederschuhe wortwörtlich vom Mund abgespart hatte – und sein Vater würde ihn gewiss verprügeln, vielleicht sogar mit dem schweren Ledergürtel, den Herman so sehr fürchtete, dass er manchmal schon zusammenzuckte, wenn er die Schnalle nur aufmachte, um Wasser abzuschlagen. Und für die nächsten Wochen oder Monate würde auf der Farm ein noch größerer Anteil an Arbeit auf ihn entfallen; wenn nicht sogar für immer.

So oder so stand es schlecht um seine Zukunft, denn so fantasielos und wortkarg sein Vater sonst auch sein mochte, entwickelte er doch einen erstaunlichen Einfallsreichtum, wenn es um das Ersinnen von neuen und immer drastischeren Strafen ging.

Das Geräusch der Kirchenglocke drang in seine Gedanken und wollte ihn für einen Moment mit einer wilden Hoffnung erfüllen, vielleicht – irgendwie – doch noch mit dem Leben davonzukommen, doch dieser verzweifelte Funke fand nicht einmal Zeit, vollständig Gestalt hinter seiner Stirn anzunehmen, bevor sich seine Vernunft einmischte und ihm unerbittlich klarmachte, dass das vermeintlich rettende Geräusch ja möglicherweise nur wenige Dutzend Schritte hinter ihm erscholl, genauso gut aber auch von der Rückseite des Mondes stammen konnte. Die Glocke rief die letzten Nachzügler zum Sonntagsgottesdienst, aber Reverend Folsoms kleine Methodistenkirche befand sich auch am anderen Ende der Stadt. Er hatte nicht den Hauch einer Chance, sie zu erreichen …

Und als wäre die Stimme seiner Vernunft allein noch nicht laut genug, erscholl genau in diesem Moment hinter ihm ein triumphierendes Heulen, unmittelbar gefolgt vom Trappeln harter schneller Schritte. Herman griff seinerseits noch einmal schneller aus, sah über die Schulter zurück und erkannte gerade noch einen seiner Verfolger, der hinter ihm um die Ecke bog, da verfing sich seine lose Schuhsohle auch schon irgendwo und riss mit einem Geräusch endgültig ab, als würde ihm die Fußsohle vom Fleisch gefetzt; und zumindest in diesem Moment schien es ihm auch genauso wehzutun. Herman schrie vor eingebildetem Schmerz auf, verlor endgültig das Gleichgewicht und schlug der Länge nach hin, wobei er sich nicht nur Handflächen und die Wange blutig scheuerte, sondern auch die Hose noch weiter aufriss. Der Schrei, der über seine Lippen kam, war eindeutig mehr der Angst vor seinem Vater geschuldet als dem brennenden Schmerz in seinen Handflächen und Knien.

Er verlor nicht das Bewusstsein – dazu war er nicht einmal annähernd hart genug gefallen –, aber für einen Moment riss ihn der Strudel der Gefühle in einen Abgrund, in dem kein Platz für andere Sinneseindrücke mehr war. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit wieder mehr als rote Schlieren und sinnlose Bilder reiner Angst sah, starrte er auf ein Paar grober Arbeitsschuhe, das unmittelbar vor seinem Gesicht aus dem Matsch der Straße wuchs. So voller Schlamm, wie sie waren (und vielleicht in naher Zukunft voll von seinem Blut), kamen sie Herman in diesem Moment schrecklicher als alles vor, was er jemals gesehen hatte; allerdings nur so lange, bis er den Kopf hob und in Matthews breites Grinsen hinaufsah. Vielleicht war es auch Frank; so aufgeregt und verstört, wie er war, vermochte er diesen Unterschied nicht mehr zu benennen.

Matthew nahm ihm die Entscheidung ab, indem er sich an seinen Kumpan wandte, der hinter Herman stand. »Ich hab dir gesagt, dass der Kleine zur Kirche rennt, Frankie«, krähte er. »So dicke, wie er mit dem Reverend ist, wird er sich bestimmt hinter dem Altar verkriechen.«

Er versetzte Herman einen derben Stoß mit der Schuhspitze, der nicht einmal besonders wehtat, ihm in seiner Angst aber trotzdem ein leises Wimmern abnötigte, und Frank antwortete im selben gehässigen Ton: »Wenn wir mit ihm fertig sind, dann passt er sogar unter den Altar, da wett ich drauf.«

»Aber ich habe doch nur –«, wimmerte Herman und brach mitten im Satz wieder ab, als Matthew ihm einen zweiten und nun schon deutlich härteren Tritt versetzte, der jetzt nicht nur wirklich wehtat, sondern ihm auch die Luft nahm.

»Ist mir egal, was du wolltest, Schweinejunge«, fauchte Matthew. »Wir mögen es hier gar nicht, wenn solche wie du herkommen und sich aufspielen, hast du das verstanden?«

Als Herman nicht sofort antwortete (was er gar nicht konnte, denn er rang noch immer keuchend nach Atem), zerrte er ihn mit nur einer Hand und so mühelos in die Höhe, als wäre er so leicht wie eine junge Katze, schüttelte ihn ein paarmal wie eine ebensolche und schlug ihm dann mit der flachen Hand ins Gesicht. »Ob du mich verstanden hast?!«

Herman hätte wohl nicht einmal geantwortet, wenn er es gekonnt hätte, spürte er doch, dass dieser Bursche ohnehin jedwede Antwort zum Anlass nehmen würde, ihn wieder zu schlagen. Er hob nur schützend die Hände vor das Gesicht und versuchte vergeblich, die Tränen zurückzuhalten, die ihm in die Augen schossen.

Mindestens genauso groß wie seine Angst war seine Verwirrung – und das Gefühl der Hilflosigkeit. Das Schlimme war, dass er nicht einmal genau wusste, was er den beiden überhaupt getan hatte. Reverend Folsom hatte Matthew nach einem Bibelzitat gefragt, und Herman hatte ihn ganz automatisch verbessert, als er vollkommen falsch geantwortet hatte, und das war auch schon alles gewesen. Er hatte es ganz bestimmt nicht getan, um den älteren Jungen zu blamieren, den er praktisch gar nicht kannte, oder sich gar über ihn lustig zu machen, sondern ganz instinktiv, denn wenn er zu Hause nach einer bestimmten Bibelstelle oder einem Psalm gefragt wurde, den sein Vater ihn bereits gelehrt hatte, und falsch antwortete, dann drohte ihm zumindest eine eindringliche Gardinenpredigt, wenn nicht eine schlimmere Strafe, und nichts anderes, als Matthew dies zu ersparen, war der Grund seiner Einmischung gewesen.

Das Ergebnis heute war allerdings ein allgemeines schadenfrohes Gelächter gewesen – und ein Blick aus Matthews plötzlich schmaler werdenden Augen, dessen wahre Bedeutung ihm erst klar geworden war, als der Unterricht endete und er und sein einen halben Kopf größerer Kumpan ihm draußen vor der Tür auflauerten. Natürlich nicht direkt vor der Tür – so dumm waren nicht einmal diese zwei –, sondern gerade weit genug von der Kirche entfernt, um nicht mehr von Reverend Folsom gesehen werden zu können, und gerade lange genug entfernt, damit sich die anderen Sonntagsschüler bereits verteilt und auf den Heimweg gemacht hatten. Erst im Nachhinein und auf halbem Wege seiner verzweifelten Flucht war Herman aufgegangen, wie überaus schnell sich die lärmende Kinderschar zerstreut hatte, und vielleicht hatte es auch den einen oder anderen sonderbaren Blick gegeben, den er viel zu spät als das gedeutet hatte, was er wirklich bedeutete. Ganz genau wusste er es bis jetzt noch nicht.

Als er auch nach einigen weiteren Augenblicken nicht antwortete, stieß ihm Matthew die flachen Hände vor die Brust, sodass er hilflos zurückstolperte und sofort wieder gestürzt wäre, hätte Frank ihn nicht aufgefangen und die Gelegenheit auch zugleich genutzt, um ihm den Arm auf den Rücken zu drehen, was ihm einen weiteren wimmernden Schmerzlaut entlockte.

»Anscheinend hat er mich nicht verstanden, unser kleiner Schweinejunge«, sagte Matthew. »Verstehst du nicht, was ich sage? Oder kannst du nur in Bibelversen reden und dich wichtigmachen?«

»Vielleicht sind seine Ohren ja so voller Schweinemist«, sagte Fred. »Oder sie sprechen da draußen gar nicht, sondern grunzen nur.«

Matthew lachte schrill, aber da war plötzlich etwas in seinen Augen, das von diesem Lachen unberührt blieb und eher noch schlimmer wurde. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, und Hermans Herz machte einen weiteren erschrockenen Hüpfer in seiner Brust, als er sah, dass die dunklen Flecken auf seinen Knöcheln kein Schmutz waren, wie er bisher angenommen hatte, sondern eine dicke Hornhaut. Wie es aussah, schlug der Junge oft und gern mit diesen Fäusten zu, und überhaupt war er plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob Junge die richtige Bezeichnung war. Er mochte gerade einmal zehn oder elf Jahre alt sein, aber trotzdem schon lange kein Kind mehr, sondern etwas anderes, Böseres. Vielleicht war es vom Tag seiner Geburt an da gewesen.

Etwas Sonderbares geschah, dass Herman in seiner Furcht und in diesem Moment nicht einmal bewusst registrierte, woran er aber dennoch oft und lange zurückdenken sollte, ohne jemals selbst zu begreifen, wie sehr dieser eine Moment sein ganzes zukünftiges Leben beeinflussen sollte:

Zum allerersten Mal begriff er, dass es das Böse in seiner reinen Form gab, aber nicht so, wie es sein Vater und Reverend Folsom ihn gelehrt hatten. Es war keine abstrakte Macht, die hinter den Dingen lauerte und Worte und Gedanken und Taten der Menschen vergiftete, nichts Geerbtes, das vom Vater auf den Sohn und der Mutter auf die Tochter weitergegeben wurde, und auch keine lächerliche Gestalt mit Hörnern und Schweif und Dreizack, die allenfalls dazu taugte, kleine Kinder zu erschrecken und Reverend Folsoms Beutel mit noch mehr Ablass zu füllen.

Es stand vor ihm. Es hatte eine Gestalt, und es würde ihm wehtun, nicht weil er ihm einen Grund dafür geliefert oder es gar verdient hatte, nicht einmal weil es ihm Freude bereitete, sondern ganz einfach nur, weil es das konnte.

Und er hatte nicht die mindeste Angst davor.

Natürlich hatte er Angst. Sein Herz raste. Seine Knie zitterten so sehr, dass er gestürzt wäre, hätte Frank ihn nicht mit demselben Griff festgehalten, mit dem er ihm gleichzeitig nahezu den Arm auskugelte. In seinem Mund war ein bitterer Geschmack nach Metall, und etwas Warmes lief an seinem Oberschenkel hinab. Aber es war nur die Angst vor dem, was Matthew ihm antun würde, die Angst vor seinen Fäusten und dem Versprechen auf kommenden Schmerz, das sie darstellten. Das andere, Schlimmere, diese reine, dunkle Bosheit, die er in Matthews Augen las, das machte ihm keine Angst.

Es faszinierte ihn.

Unter all dieser teilnahmslosen Bosheit, tief in diesen kalten Augen, die ebenso gut einer Maschine gehören konnten, die sich vergeblich bemühte, einen Menschen nachzuahmen, war etwas, das ihn rief.

Es war unheimlich; wie ein kehliges Flüstern gerade unterhalb des überhaupt noch Hörbaren oder auch das Kratzen harter Spinnenbeine am Grunde seiner Seele. Da war etwas … Vertrautes, etwas, das er noch lange nicht war, aber um jeden Preis sein wollte, obwohl er nicht einmal genau wusste, was es war.

»Was glotzt du mich so an, Schweinejunge?«, fauchte Matthew. »Glaubst du vielleicht, dass du damit zu –?«

Er sprach nicht weiter, sondern presste die Lippen zu einem blutleeren schmalen Strich zusammen, und etwas blitzte in seinen Augen auf, von dem Herman annahm, dass es ihm eigentlich Angst machen sollte. Er ballte die Hände so heftig zu Fäusten, dass seine Knöchel wie trockener Reisig knackten. Aber aus irgendeinem Grund schlug er nicht zu, wenigstens noch nicht. Vielleicht nicht der Junge, wohl aber die Dunkelheit hinter seinen Augen hatte etwas Vertrautes in ihm erkannt.