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Dietmar Grieser

Wege, die man nicht vergißt

Dietmar Grieser

Wege, die man nicht vergißt

Entdeckungen und Erinnerungen

Mit 36 Abbildungen

AMALTHEA

Für Axel und Jana

Besuchen Sie uns im Internet unter:www.amalthea.at

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT Umschlagmotiv: Auguste Renoir, Chemin montant dans les hautes herbes (1876/77): © Musée d’Orsay, Paris, France/Bridgeman Images Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten Gesetzt aus der 11,15/14,91 pt New Caledonia

ISBN 978-3-99050-001-9

eISBN 978-3-902998-89-7

Es gibt keine Orte,
es gibt nur Menschen.
Alfred Polgar

Wege entstehen dadurch,
daß man sie geht.
Franz Kafka

Wenn du unterwegs etwas ansehen willst,
geh nicht zu gierig darauf los.
Sonst entzieht es sich dir.
Laß ihm Zeit, auch dich anzusehen.
Es gibt ein Aug in Aug auch mit den sogenannten Dingen.
Franz Hessel

Inhalt

Vorwort

Wien

Servus
Erste Schritte in Wien

Die Wundertüte
Von Durchhäusern, Abkürzungen und Schleichwegen

»Nieder mit der Trikolore!«
Die Fahnengasse

Not, Gemeinheit, Mord
Hugo Bettauer und »Die freudlose Gasse«

Eine gute Marke
Die Phorusgasse

Der erste Sprayer
Joseph Kyselak und die Schwarzenbergallee

Am besten sonntags
Die Prater-Hauptallee

Die gelbe Straße
Veza Canetti zwischen Mazzes-Insel und Himmel

Stirb und werde
Straßenumbenennungen in Wien

Ladies first
Von der Bertha-von-Suttner-Gasse bis zum Josefine-Hawelka-Weg

Straßenhändler, Schnorrer und Hausierer
Ein Exkurs

Kindheit und Jugend

Der Nabel der Welt
König-Ottokar-Straße

Kein leichter Weg
Kriegsende am Starnbergersee

Freunde, Schüler, Lehrer
»Traumatische« Straßen

Balduins Niederlage
Wenn ich durchs Kuhviertel von Münster streife …

Draußen im Land

Via Sacra, Jakobsweg und Penny Lane
Mariazell und das alte Österreich-Ungarn

Da capo
Auf Mozarts und Goethes Spuren

Folgenschwere Panne
Die »Kaiserstraße« Wien–Olmütz

Trinkgeld für Ihre Durchlaucht
Die Kaiserpromenade von Gastein

Holpriger Zitatenschatz
Der Wittgensteinpfad

Draußen in der Welt

Von der Via Appia zur Via Mala
Berühmte alte Verkehrswege

Die elegante Welt
Prunk zwischen St. Petersburg und Wien

Todeskandidaten, Attentäter, Helden
Albert Speers »Ankunft« auf dem Kahlenberg

Der F-Weg
Franz Werfel und die Fluchthelfer von Banyuls

Am Ort der Handlung
Von St. Petersburg nach Triest

Wilde Klage
Am Schauplatz von Georg Trakls Gedicht »Grodek«

Die Desire Street
Auf den Spuren von Tennessee Williams’ »Endstation Sehnsucht«

Zugunsten der Briefträger
Die Heldendenkmäler von Tarajalejo und Hauterives

»Straßen machen mir Angst …«
Ödön von Horváths Tod auf den Champs-Elysées

Die Catfish Row
Auf den Spuren von Porgy und Bess

Lindenstraße ohne Linden
Von Chaplin bis Fellini, von San Francisco bis Wien

Von Marathon bis Red Bull
Alte und neue Rennstrecken

Dein Name sei Roml
Die Wüstenroute von El Alamein

Wo der Weihnachtsstern ein Baum ist
Kreuz und quer durch Taiwan

Bild- und Textnachweis

Personenregister

Vorwort

E s führt kein Weg zurück« lautet der (deutsche) Titel eines seiner letzten Romane. Thomas Wolfe selbst hat dessen Veröffentlichung nicht mehr erlebt: Mit kaum vierzig war der im Millenniumsjahr 1900 geborene US-amerikanische Erzähler aus der Generation der Faulkner-Steinbeck-Hemingway von der Bühne abgetreten. Hatte er in den elf Jahren nach Erscheinen seines Hauptwerks »Schau heimwärts, Engel«, das ihn 1929 über Nacht berühmt gemacht hatte, seinen Sinn geändert?

In den 1970er Jahren, da der Name Thomas Wolfe noch in aller Munde war, habe ich mich intensiv mit diesem Autor beschäftigt, bin ihm sogar (für mein Buch »Schauplätze der Weltliteratur«) in seinen Geburtsort Asheville (North Carolina) nachgereist, um an Ort und Stelle Wolfes Romanfiguren nachzuspüren. Welche der beiden Botschaften, die er uns Lesern hinterlassen hat, mag die letztgültige sein? »Schau heimwärts, Engel« oder »Es führt kein Weg zurück«?

Ich denke, es gelten beide. Und so ist auch der mit dem vorliegenden Buch unternommene Versuch, jener vielen Wege zu gedenken, die ich in meinem Leben als Schriftsteller wie als Privatperson beschritten, erforscht oder auch nur im Gedächtnis bewahrt habe, ein ambivalentes Unternehmen: Es wird ebenso von Straßen, Gassen, Pfaden und anderen Verkehrswegen die Rede sein, an die ich wohl nie zurückkehren werde, wie auch von solchen, zu denen es mich beständig »heimwärts« zieht, und sei es nur in der Erinnerung.

Da sind zum einen diejenigen, die uns allen zufolge ihrer Berühmtheit vertraut sind: Champs-Elysées und Downing Street, Via Dolorosa und Newski-Prospekt.

Dann die Örtlichkeiten, die wir aus der Geschichte, aus Literatur, Malerei und Film zu kennen glauben: Don Quijotes Windmühlenroute, Federico Fellinis »La Strada« oder Greta Garbos »Freudlose Gasse«. Wo wurden die Fernsehserien »Lindenstraße« und »Die Straßen von San Francisco« gedreht?

Und schließlich die Verkehrswege, die unser eigenes Alltagsleben mitgeprägt haben: der Schulweg von anno dazumal, die Route, die unsere Hochzeitskutsche genommen hat, die sagenumwobenen Wiener »Durchhäuser« mit ihren Schleichwegen und Abkürzungen, die »Via Sacra« der Jahr für Jahr aufgeschobenen Mariazell-Wallfahrt, die gerade eben jubilierende Wiener Ringstraße oder die 4,5 Kilometer lange Prater-Hauptallee.

Bleiben wir im Lande, im alten wie im neuen Österreich: Wie verlief die Kaiserstraße nach Olmütz, wo 1848 der 18jährige Franz Joseph den Thron bestiegen hat? Welchen Weg hat Mozarts Postkutsche auf der vom Dichter Eduard Mörike nachempfundenen Reise nach Prag genommen? Was hat es mit der ominösen Fahnengasse im Zentrum Wiens auf sich, die es nur zu zwei Hausnummern gebracht, aber um ein Haar einen Krieg ausgelöst hat? Wem begegnen wir auf der Kaiserpromenade von Gastein? Was steckt hinter der »Gelben Straße«, die Veza Canetti in ihrem gleichnamigen Roman porträtiert hat? Wem verdanken Franz Werfel und zahlreiche weitere NS-verfolgte Künstler den legendären »F-Weg«, der ihnen 1942 das Leben gerettet hat? War Ödön von Horváths Diktum »Straßen machen mir Angst« Aberglaube oder Prophetie?

Auf vier Kontinenten war ich unterwegs, um Topoi wie Tennessee Williams’ »Endstation Sehnsucht«, die Catfish Row aus der Oper »Porgy and Bess«, den Schauplatz von Georg Trakls Gedicht »Grodek« und die Wüstenpiste von El Alamein aufzufinden. Ihnen allen und vielen mehr wollen wir in diesem Buch nachspüren – in Österreich, in den Nachbarländern und im Rest der Welt. Ihren Namen, ihrer Geschichte, ihrer Aura, ihren Schicksalen, ihren Geheimnissen.

Wien

Servus

Erste Schritte in Wien

Wien, Herbst 1957. Vor zweieinhalb Jahren hat Österreich seine Unabhängigkeit wiedererlangt, fünf Monate darauf haben die letzten Besatzungssoldaten das Land verlassen. Auch sonst stehen alle Zeichen auf Normalität: Staatsoper und Burgtheater spielen wieder in ihren Häusern, erstere unter der Direktion von Herbert von Karajan. In den Straßen hört man viel Ungarisch: Von den 115 000 Flüchtlingen, die Österreich nach dem Volksaufstand vom vergangenen Jahr über die Grenze gelassen hat, ist rund ein Zehntel im Transitland geblieben.

Unter den Toten des Jahres sind Bundespräsident Theodor Körner (den sein Parteifreund Adolf Schärf abgelöst hat), der aus Wien stammende Schauspieler und Regisseur Erich von Stroheim oder der Operettenkomponist Ralph Benatzky. In den Nachrufen auf Käthe Dorsch ist auch in den deutschen Zeitungen die alte »Watschengeschichte« aufgewärmt worden: Die aus Nürnberg stammende Burgtheater-Lady hatte den gefürchteten Starkritiker Hans Weigel auf offener Straße zur Rede gestellt und geohrfeigt.

1957 ist auch das Jahr der Wiederentdeckung eines lange vergessenen Doppelgenies: »Der Gaulschreck im Rosennetz«, eines der Hauptwerke des Maler-Dichters Fritz von Herzmanovsky-Orlando, erobert den Buchmarkt; das Kabarettensemble Qualtinger/Bronner/Kreisler/Martini eilt von Erfolg zu Erfolg.

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Wien entdeckt die Rolltreppe: Eröffnung der Opernpassage (1955)

Ein Problem, das ich auch von Deutschland her kenne, bilden die vor allem große Städte verunsichernden »Halbstarken«; der Wiener Polizeipräsident kündigt erstmals »Maßnahmen« gegen den sich ausbreitenden Furor an. Auch auf dem Bausektor hat sich einiges getan: Die Ringstraße erhält ihre ersten Fußgängerpassagen, die Wiener lernen mit Rolltreppen umzugehen.

In dieser Zeit – exakt: am 23. Oktober 1957 – treffe ich in der österreichischen Hauptstadt ein (ohne im geringsten zu ahnen, daß dies für immer sein wird). Ich komme mit dem Nachtzug an, sehe mich auf dem Westbahnhof nach der Gepäckaufbewahrung um: Es ist ein Schalter, noch kein Schließfach. Weg mit dem Koffer, in keinem Hotel fände ich zu so früher Stunde Einlaß. In der Wechselstube tausche ich mein bißchen Geld um; die Umgewöhnung von D-Mark auf Schilling habe ich schon während der Zugfahrt geübt.

Den Weg vom Bahnhof zu meiner provisorischen Bleibe, dem mir empfohlenen Billighotel zwischen Fleischmarkt und Schwedenplatz, habe ich noch daheim auf meinem Stadtplan markiert; ich lege die halbstündige Strecke – quasi zur Probe – zu Fuß zurück, versuche eine erste grobe Annäherung an die mir fremde Stadt. Ich lasse mir dabei Zeit, nehme bewußt auch Umwege in Kauf, schaue genau hin, höre genau zu.

Im Vergleich zu den deutschen Metropolen, die ich kenne, fällt mir hier die geringe Zahl noch sichtbarer Kriegsschäden auf; vor allem in der Mariahilferstraße, die ich in ihrer vollen Länge durchschreite, sind die Reihen dicht geschlossen. Stafa, Gerngroß, Herzmansky heißen die prall gefüllten Kaufhäuser. Ist »Kummer«, so denke ich, eine glückliche Wahl für einen Hotelnamen? Und wäre in Frankfurt oder Berlin eine Apotheke »Zur Maria vom Siege« denkbar?

Im Matador-Haus nahe der Neubaugasse (von dem ich nicht ahnen kann, daß ein Untermietzimmer im Hintertrakt demnächst mein erstes festes Quartier sein wird) dreht sich ein hölzernes Miniaturmodell des Riesenrades: Licht und Mechanik im Schaufenster des renommierten Spielwarengeschäfts bleiben auch nachtsüber eingeschaltet. Auf einer der Plakatsäulen ist für »Jänner« eine große Konzertveranstaltung angekündigt: Werde ich von nun an den »Januar« aus meinem Wortschatz tilgen müssen?

Im Café »Servus« neben dem Haydn-Denkmal nehme ich das Frühstück ein; daß die landestypische Grußformel mit scharfem »s« artikuliert wird, muß ich erst noch lernen. Das Hörnchen, das ich in Deutschland verzehrt habe, heißt in Österreich Kipferl, und der Einspänner, den ich auf der Getränkekarte finde, ist keine Kutsche (deren es zwar viele im Wiener Stadtbild gibt, doch wieder unter einem eigenen Namen: Fiaker).

Auch die Speisekarten, die ich auf den Aushängen der meinen weiteren Weg säumenden Gasthäuser studiere, gehen über von Exotismen: Die Kartoffeln heißen hier Erdäpfel, die Klöße Knödel, die Frikadellen Faschiertes, die Schnittbohnen Fisolen und der Blumenkohl Karfiol. Die Weinstube in der Theobaldgasse verwirrt mich mit Angeboten wie G’spritzter, Ribiselwein und Refosko; beim Metzger, der hier als Fleischhauer firmiert, bekäme ich kein »Kasseler«, sondern G’selchtes, auch mit Blunzen und Klobassen weiß ich vorderhand nichts anzufangen, und am meisten irritiert mich, daß nicht einmal die Wiener Würstchen Wiener heißen, sondern Frankfurter. Beim Gemüsehändler müßte ich statt Rapunzel- einen Vogerlsalat und statt Meerrettich Kren, beim Lebensmittelhändler statt Quark Topfen, statt Pflaumenmus Powidl und statt Hefe Germ verlangen, und das Ganze bekäme ich nicht etwa in eine Tüte, sondern in ein Sackerl eingepackt. Das Bier trinkt man nicht aus Humpen, sondern aus Seideln oder Krügerln und den Kaffee nicht aus Tassen, sondern aus Häferln oder Schalen. Soll ich mich beim Mittagessen auf Risiken wie Einmachsuppe oder Vanille-Rostbraten einlassen?

Mein erster Weg durch Wien zieht sich – der vielen Abschweifungen wegen – in die Länge, ich hätte gar zu gern etwas zum Naschen in der Manteltasche. Doch Vorsicht: Bonbons sind in Wien etwas anderes als Zuckerln, und schwer auszusprechen ist es auch.

Das Studium der Gedenktafeln, die an zahlreichen Häusern der Mariahilferstraße angebracht sind, trägt zu meiner Bildung bei: An den Geburtshäusern von Ferdinand Raimund und Josef Strauß kann ich meinen Wissensstand testen, und sollte ich ärztliche Hilfe benötigen, informieren mich die Schilder der »Doktoren der gesamten Heilkunde« nicht, wie ich es von Deutschland gewohnt bin, über ihre Praxis-, sondern über ihre Ordinationszeiten. Der enge kleine Laden, in dem ich mir meine Zigaretten besorge, heißt Trafik (mit Betonung auf der zweiten Silbe), und daß die Putzerei keine Boutique für modischen Schnickschnack, sondern eine chemische Reinigung ist, werde ich spätestens dann kapieren, wenn ich meine, zu dieser Zeit einzige, Jacke (sprich: Sakko) mit Fleischtunke (sprich: Bratensaft) bekleckert (sprich: angepatzt) habe.

Von den Firmenschildern der Posamentierer und Plissierer lasse ich mich nicht schrecken – in der Hoffnung, auf deren obskure Dienste ebenso verzichten zu können wie auf die Angebote der Galanteriewarenhandlung und der Petit-Point-Stickerei. Der Mantel, den ich an diesem kalten und windigen Oktobermorgen trage, ist schon ein bißchen abgeschabt – ob ich mir vielleicht, meinem Gastland zu Ehren, eine jener Lodenpelerinen zulegen sollte, wie sie hier stark verbreitet sind? Ich präge mir für alle Fälle die österreichische Übersetzung ein: Wetterfleck. Klingt gut.

Späte Fünfzigerjahre: Noch sind viele der Wohnhäuser, an denen ich vorüberkomme, tagsüber offen, die Mieter nicht durch Gegensprechanlagen abgeschirmt. Ich betrete einige der Häuser, mache mir Notizen. Wenn ich erst einmal ein Dach überm Kopf und die ersten Bekanntschaften geschlossen haben werde, will ich mit deren Hilfe meinen Fragenkatalog abarbeiten: Was, zum Beispiel, ist der Unterschied zwischen Treppe und Stiege, was versteht man unter Mezzanin? Ist es ein Medikament gegen Schlafstörungen?

Die erste Hälfte meiner Strecke ist geschafft, ich biege von der Babenbergerstraße in den Ring ein. Ah, da steht eine Telefonzelle! Höchste Zeit, meiner Familie in Deutschland meine Ankunft zu melden. Doch so einfach ist das nicht. Wie tausende und abertausende Touristen vor und nach mir scheitere auch ich an den Tücken des außerhalb Österreichs unüblichen Zahlknopfs. Ich verschiebe mein Ansinnen auf den Nachmittag; im Hotel wird man mir bei dem Versuch, ein »interurbanes« Gespräch zustandezubringen, sicherlich zur Hand gehen. Die Straßenbahnen mit ihren auch während des Fahrens offenen Waggons schleppen sich so langsam dahin, daß beherzte junge Leute zwischen den Stationen auf- und abspringen. Und in der Kärntnerstraße mit ihren eleganten Geschäften und Lokalen muß ich aufpassen, daß ich vor lauter Schauen und Staunen nicht unter die Räder komme: Wiens Nobelmeile ist noch für den Autoverkehr freigegeben.

An die Glastür eines Ladens ist ein Zettel geheftet: »Tüchtige Bedienerin gesucht!« Ich fühle mich in ferne Zeiten versetzt: Bedienerin? Ja, hat die Putzfrau in diesem Lande höhere Pflichten, von denen ich deutscher Provinzler keine Ahnung habe? Vor meinem geistigen Auge ersteht das aus plüschigen Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts vertraute Bild der im Luxus schwelgenden und mit Donnerstimme und Zimmerglocke ihr Personal herumkommandierenden Grande Dame – sollte das in Wien noch immer so sein? Die prachtvollen Feudalbauten der Ringstraße, an deren Architektur ich mich nicht sattsehen kann, aber auch die Entrees der stolzen Bürgerhäuser zwischen Rotenturmstraße und Fleischmarkt sprächen dafür: edle Hölzer, gemusterte Fliesen, blinkendes Messing, altertümliche Aufzugkabinen mit Notsitz und Spiegel.

Über dieser Frage und vielen anderen, die sich auf meinem Erkundungsgang aufgetürmt haben, nähere ich mich dem Ziel: Hier irgendwo, zwischen einem pittoresken Bierlokal und der mystisch anmutenden Griechenkirche, muß jene versteckte steinerne Treppe zu finden sein, deren Stufen zu »meinem« Hotel hinabführen. Dort werde ich mich allerdings erst gegen Mittag einfinden, den Meldezettel ausfüllen und mein Zimmer beziehen. Nr. 32 hat man mir geraten, es ist das billigste: fensterlos und unterm Dach. Bis dahin habe ich noch volle vier Stunden vor mir – ich werde sie dazu nutzen, auch andere Routen auszuprobieren, meinen Horizont zu erweitern. Erst dann werde ich den Koffer vom Westbahnhof abholen und mich der großen Aufgabe stellen, in Wien seßhaft zu werden. Der erste Schritt dazu ist getan.

Die Wundertüte

Von Durchhäusern, Abkürzungen und Schleichwegen

Als ich 1958, in meinem zweiten Wiener Jahr, von der Mariahilferstraße in den 3. Bezirk umzog (in dem ich nach wie vor lebe), ließ ich nichts unversucht, meine neue Bleibe bis zu den verstecktesten Gassen und verschwiegensten Plätzen zu erkunden. Auf dem Weg von der Landstraße zur parallel verlaufenden Hainburgerstraße, den ich jedesmal durchschritt, um zu meiner Apotheke, zu meinem Elektrohändler oder zu meiner Bücherei zu gelangen, entdeckte ich eines Tages eine Abkürzung, die keine Gasse, sondern nur eine Art Passage war, die auf der Höhe der Nr. 73 durch das betreffende Haus führte. »Freiwillig bis auf Widerruf gestatteter Durchgang« las ich auf den an den beiden Zugängen montierten Schildern – baß erstaunt über die Generosität des Hausbesitzers, der es zuließ, daß wir Fußgänger die knapp hundert Meter auf dessen Privatgrund zurücklegten. Sind sie also doch nicht solche Tyrannen und Blutsauger, als die ich aus den Chroniken, Liedern und Anekdoten vom alten Wien den allseits gefürchteten Stand der Hausherren kennengelernt hatte?

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»Freiwillig bis auf Widerruf gestatteter Durchgang«: eines der 144 Wiener »Durchhäuser«

Der Durchgang, von dem ich berichte, war alles andere als einladend: Allerlei Gerümpel säumte den Weg, das Kopfsteinpflaster war von jahrzehntelanger Benützung ausgetreten und holprig, und bei Schnee- und Eisbelag war das Terrain überhaupt zu meiden. Außerdem war er, wie ebenfalls den Schildern an den beiden Toren zu entnehmen war, nur montags bis freitags geöffnet – und auch da nur tagsüber. Dann aber war das sogenannte Durchhaus für jeden, der’s eilig hatte, eine willkommene Abkürzung.

1991, mit der Inbetriebnahme der U-Bahn-Linie 3 und der Eröffnung der Station Rochusgasse, war es damit vorbei. Die Erbauer der neuen Verkehrsverbindung legten parallel zu »meinem« Durchhaus einen eigenen Fußweg an, und es war abzusehen, daß nunmehr jedermann diese hochmoderne, sehr viel breitere und vorzüglich asphaltierte Variante wählen würde. Mit nur wenigen Ausnahmen, und eine dieser Ausnahmen war ich. Obwohl der neue Weg der ungleich benützerfreundlichere war, blieb ich in einer schwer erklärbaren, wohl von Gewohnheit und Sentimentalität bestimmten Anhänglichkeit dem alten treu – jedenfalls solange er weiterhin zugänglich war, immerhin noch einige Monate. Dann aber wurde, von einem Tag auf den anderen, der »freiwillig gestattete Durchgang« geschlossen, die Schilder an den beiden Zugängen wurden abmontiert, und die zwei betreffenden Häuser waren von Stund an Häuser wie alle anderen auch: Privatgrund, der nur noch für die Hauseigentümer, für deren Mieter und deren Gäste offenstand.

Ich trauere der nun seit 24 Jahren aufgelassenen Wegvariante bis heute nach. Und noch etwas: Ich hatte bei dieser Gelegenheit meine Liebe zu diesem Spezifikum der Wiener Alltagslogistik entdeckt: zu den (auch im Österreichischen Wörterbuch mit einem eigenen Eintrag bedachten) »Durchhäusern«.

Ich hatte den Begriff schon vorher gekannt – jedoch nur im übertragenen Sinne: »Durchhaus« – so sagte man im Volksmund, um Örtlichkeiten zu bezeichnen, an denen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. »Das ist ja das reinste Durchhaus!« vernahm ich mit einem Unterton aus Klage und Bedauern, wenn ich von Familien hörte, die in einem fort Gäste bewirteten und Besuchern Quartier boten – für mich, den geborenen Solipsisten, der reine Horror.

Ganz anders die »richtigen« Durchhäuser, deren es nach offizieller Zählung 144 in Wien gibt: die meisten und auch romantischsten in der Inneren Stadt, schon deutlich weniger in den Bezirken 2 bis 9 und nur noch vereinzelt an der Peripherie.

Doch bleiben wir zunächst noch einen Augenblick in »meinem«, dem 3. Bezirk. Da wäre vor allem der Sünnhof zwischen Landstraßer Hauptstraße und Ungargasse zu nennen: ein 170 Meter langer Biedermeierkomplex, der in puncto Geschlossenheit und Attraktivität jegliche Konkurrenz aussticht. Einst ein »Gewerbehof«, in dessen Erdgeschossen Schuster, Schneider, Korbflechter und Blumenbinder, Glaser, Tischler und Steinmetz ihrem Tagwerk nachgingen, pulsiert hier seit einem in den frühen 1980er Jahren realisierten Hotelneubau frisches Leben. Nur die Glaskuppel, die an der Kreuzung zu Baumannstraße und Pfarrhofgasse das Gassengeflecht hätte überdachen sollen, ist aus den Bauplänen gestrichen worden.

Auf die Uhr blicken muß ich, wenn ich die Abkürzung zwischen Rochusgasse und Pfarrhofgasse nützen will: Hier schließt der Hausbesorger Punkt 21 Uhr das Tor und öffnet es erst wieder um 6 Uhr früh, wenn die Putzfrauen anrücken, um die Klassenzimmer des das Areal beherrschenden Gymnasiums zu reinigen. Ein weiteres Durchhaus in meiner Nähe, das allerdings seit vielen Jahren nur noch den Wohnparteien zugänglich ist, verbindet die Beatrixgasse mit dem Heumarkt. Hier, wo einst die Schriftsteller Ingeborg Bachmann und Erik Wickenburg gelebt haben, habe ich, als ich nach Wien kam, zwischen Stiege und Treppe, zwischen Hausnummer und Türnummer unterscheiden gelernt – ein für Fremde höchst gewöhnungsbedürftiges Phänomen.

Nur unter Zögern nütze ich die Abkürzung zwischen dem Einkaufszentrum Galleria und der Hainburgerstraße, führt sie doch mitten durch ein großes Textilkaufhaus, dicht vorbei an Kleiderständern und Anprobekabinen. Ob sich wohl hinter dem Entgegenkommen des Geschäftsinhabers die Hoffnung verbirgt, der Passant könnte der Versuchung erliegen, einen ungeplanten Kauf zu tätigen? Tatsächlich bin ich einmal, als ich mich mit wetterbedingt schmutzstarrendem Schuhwerk durch das Warenangebot schlängelte, schwach geworden und habe mich, nur um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, mit frischen Socken eingedeckt.

Voll auf ihre Kosten kommen Durchhaus-Habitués, die sich zwischen dem 6. und dem 7. Bezirk bewegen. Hier warten gleich drei der schönsten Exemplare auf sie – und das fast in einer Linie: der Kandinsky-, der Adler- und der Raimundhof. Wir starten unsere Tour in der Lerchenfelderstraße 11. »Begehen auf eigene Gefahr« lese ich am Eingang zu den vielerlei Höfen und Stiegen, deren Höhenunterschiede durch kurze Treppchen überwunden werden. Kopfsteinpflaster, Kübelpflanzen, Lampen von lobenswerter Schlichtheit. Auch die wenigen Firmen, die sich im Hausinneren niedergelassen haben, passen sich vorzüglich dem Ambiente an: die Vollkornbäckerei, der Citybiker-Shop oder das Restaurant (das dem Besucher des »Vienna English Theatre« 20 Prozent Nachlaß gewährt). Die barocke Nepomuk-Statue erinnert an die Zeit, da der inzwischen kanalisierte Ottakringerbach wieder und wieder Hochwassergefahr heraufbeschwor; die vom Erzbistum Olmütz, dem damaligen Hausbesitzer, gestiftete Huldigung an den für Wasserschäden zuständigen Schutzheiligen ist 2009 vom Bundesdenkmalamt erneuert worden.

Vom Ausgang in der Neustiftgasse begeben wir uns in die Burggasse 51, wo schon die Stukkatur über dem Hauseingang in Großbuchstaben den Weg zum Adlerhof weist. Wer in diesem zwar besonders reinlichen, dafür aber auch sterileren Durchhaus eine der 180 auf zehn Stiegen verteilten Wohnparteien ansteuert, orientiere sich an dem bei beiden Pforten ausgehängten Namenverzeichnis – vorausgesetzt, er kommt mit der komplizierten Meldetechnik zurecht, die altmodische Menschen wie mich mit Begriffen wie »Rufeingabe« und »Glockentaste« schreckt.

Von der Siebensterngasse, in der wir nach Durchschreiten des Adlerhofs gelandet sind, setzen wir unseren Spaziergang in Richtung Mariahilferstraße fort und treten bei der Nummer 45 in das interessanteste, farbigste und belebteste der drei Durchhäuser ein. Gleich zweifach wird dem Namensgeber des Raimundhofs Reverenz erwiesen: beim Eingang mit dem fähnchengeschmückten Hinweis auf das Geburtshaus des Dichters und beim Ausgang mit den mit Büchern, Bildern und Theaterzetteln bestückten Schaufensterauslagen der Ferdinand-Raimund-Gesellschaft. Über die 23 auf drei Höfe verteilten Läden gibt ein Lageplan Auskunft; Branchen wie Naturkosmetik, Esoterik, Skaterausrüstung oder Second Hand deuten darauf hin, daß hier in erster Linie eine jüngere, eine alternative Klientel angesprochen wird, die auch sicherlich das jeden ersten Donnerstag im Monat erlaubte Late Night Shopping zu schätzen weiß. Im Teeladen kann man unter 200 Sorten auswählen, die Werkstatt der Schuhmeisterin gleicht einem eleganten Salon, das Vegetarierlokal wünscht seinen Gästen »Freude in einer gesunden und fröhlichen Welt«, die steinernen Blumenschalen vor dem Ausgang zur Windmühlgasse bieten den Amseln, die sich hierherverirren, betreutes Wohnen, ein eigener Wegweiser macht auf die Schätze des nahegelegenen Bezirksmuseums aufmerksam. Im Gästebuch des Cafés bedankt sich einer dafür, »daß er rauchen darf«, ein zweiter verewigt sich mit einem Balzac-Zitat, und auf der Reklamewand der Herrentoilette wird für die einmal im Jahr veranstaltete Feuerzangenbowle getrommelt.

Für die Besichtigung der Durchhäuser der Inneren Stadt vertraue ich mich der Fremdenführerin Katalin John-Borszki an; sie ist eine der 28 für den Verein »Wiener Spaziergänge« tätigen Fachkräfte. Die laut Eigenwerbung »dynamische und professionell arbeitende Gruppe staatlich geprüfter Fremdenführer« hat »Wiener Madonnen« ebenso im Programm wie »Mörder, Hexen, Henker« oder die Arbeitsplätze der Dirne Josefine Mutzenbacher, »Bader, Ärzte, Scharlatane« ebenso wie Altwiener Handwerkergassen, »Menschen im Hotel« oder den »Dritten Mann«; der neuerdings angebotene Rundgang zu den Schauplätzen des aktuellen Romanbestsellers »Der Hase mit den Bernsteinaugen« zeugt für Einfallsreichtum und Wendigkeit der mehrheitlich weiblich bestückten Riege.

Frau John-Borszki, Wahlwienerin aus Budapest, geleitet mich vom Pasqualati-Haus mit seiner »Beethoven-Bassena« (und dem holzschindelgedeckten Nebenhaus) zur Blutgasse, deren Bezuschussung im Zuge der Revitalisierung der 1960er Jahre an die Bereitschaft der Anrainer geknüpft war, den Durchgang zur Grünangergasse offenzuhalten. Der von außen nicht erkennbare Schleichweg vom Stoß im Himmel zur Wipplingerstraße führt nicht nur durchs Alte Rathaus, sondern auch – ausgenommen während der Gottesdienste – durch das Innere der von den Altkatholiken genutzten Salvatorkirche. Interessant auch der Durchgang von der Kleeblatt- zur Kurrentgasse, an deren Ende sich eine der über 50 Wiener Privatkapellen befindet. Nur zwei Mal im Jahr werden hier die Tore aufgetan: wenn der Hausbesitzer, der »Berufsverband christlicher Arbeitnehmerinnen im hauswirtschaftlichen Dienst«, für deren Schutzpatron die Messe lesen läßt. Wer vom Feuerwehrhaus Am Hof zum Tiefen Graben gelangen will, muß drei Stockwerke überwinden, und im exklusiv angehauchten Heiligenkreuzerhof werden am Heiligen Abend und zu Silvester bereits um 15 Uhr die Zugänge gesperrt. Und was ist eigentlich mit der Hofburg und ihren zahllosen Trakten, Türen, Höfen, Stiegen, Gängen? Kein Geringerer als Kaiser Franz Joseph hat darüber Klage geführt, er residiere im verkehrsreichsten Durchhaus von Wien …

Ein besonders ergiebiges Revier für Durchhaus-Fans ist das Viertel zwischen Stephansplatz und Bäckerstraße. Kuriositäten wie Wiens berühmtester Schnitzelwirt, der seine Gäste zur Verrichtung der Notdurft, den großen Schlüssel in der Hand, an das außerhalb des Lokals befindliche Örtchen verweist, oder die Geschichte vom Durchhaus »Schmeckender Wurm«, die eine der schaurigsten Sagen des mittelalterlichen Wien wiederaufleben läßt, bieten den Touristen ebenso Gesprächsstoff wie die zum Teil abenteuerlichen Schicksale jener Kleinunternehmer, die im Lauf der Jahrhunderte in manchen der Passagen ihren Geschäften nachgingen. An einen von ihnen, heute kaum noch vorstellbar, erinnere ich mich aus meiner eigenen ersten Wiener Zeit. Es war das Ladenlokal einer Dame mit bodenlangem Talar und dichtem, bis zu den Knöcheln herabwallendem Haar, die in der Passage zwischen Stephansplatz und Wollzeile für eine von ihr erfundene Pomade warb, welche der Benützerin »185 Zentimeter langes Riesen-Loreley-Haar« verhieß. Das Bild dieser Anna Csillag (so ihr Name) prangte zu jener Zeit auch auf den Inseratenseiten aller gängigen Illustrierten, ähnlich dem heute gleichfalls vergessenen Darmol-Onkel, der, mit Schlafmütze und Kerzenleuchter dem ersehnten Ziel zustrebend, allen unter Hartleibigkeit Leidenden sein Guinness-Buch-reifes Produkt ans Herz oder besser an den Verdauungstrakt legte.

Daß Durchhäuser auch lichtscheues Gesindel anziehen, bezeugt die Wiener Kriminalstatistik: Immer wieder ereignet es sich, daß Diebesbanden in Monteurskleidung, die auf Jugendstil-»Souvenirs« aus sind, wertvolle Türglocken, Türschnallen und Lampen mitgehen lassen, ja mitunter ganze Stiegenhausfenster aushängen. 76 Taschendiebstähle registriert der Polizeiposten Brandstätte/Bauernmarkt im Tagesdurchschnitt.

Die Damen vom Verein »Wiener Spaziergänge« (Mindestteilnehmerzahl: drei) denken an alles: Sie achten darauf, daß es bei ihren Führungen nicht zu lautstark zugeht und strenge Hausverwaltungen daraufhin auf die Idee kommen könnten, ihre Passiererlaubnis zu sistieren; sie führen ihre Gäste – etwa am Beispiel der sogenannten Pawlatschen – in Bedeutung und Herkunft einschlägiger Wiener Spracheigenheiten ein; und sie leiten Beschwerden – wie etwa die über den Mangel an öffentlichen Toiletten – an die zuständige Behörde weiter. Da ist es nur selbstverständlich, daß sie für den Fall des Falles den aus dem außereuropäischen Raum Anreisenden jederzeit mit hiesigem Wechselgeld aushelfen können.

Bei so vollendetem Service konnte es nicht ausbleiben, daß das Lob der Wiener Durchhaus-Touren eines Tages auch ins Internet Eingang fand. Ein Tourist aus Duisburg, nach der Rückkehr in die Heimat seine Wien-Erlebnisse resümierend, erging sich auf seinem Blog in schwärmerischen Schilderungen all der Höfe und Stiegen, der sie begleitenden Werkstätten, Läden und Lokale – es erinnere ihn stark an jenes Glücksgefühl, das er als Kind empfunden habe, wenn ihm seine Eltern eine Wundertüte gekauft haben. Das Durchhaus – eine Wundertüte!

»Nieder mit der Trikolore!«

Die Fahnengasse

Sie ist eine der kürzesten Straßen Wiens – mit gerade mal zwei Hausnummern. Die Fahnengasse im I. Bezirk verbindet die lebhafte Herrengasse mit der stillen Wallnerstraße, südseitig vom 1933 errichteten Hochhaus, vis à vis von einer Hotelfront flankiert. Über keinem der Hauseingänge sind Fahnenstangen auszumachen; weder am Nationalfeiertag noch am 1. Mai weht hier auch nur das kleinste Fetzchen Rotweißrot.

Um zu klären, wie die Fahnengasse zu ihrem Namen gekommen ist, biegen wir linkerhand in die Wallnerstraße ein und nehmen die dortige Nummer 8 ins Visier. Wir stehen vor dem prachtvollen Palais Caprara-Geymüller, das in seiner ursprünglichen Gestalt 1698 von dem italienischen Architekten Domenico Egidio Rossi entworfen worden ist. Als Nutzer des Gebäudes nennen die Chroniken zunächst die Spanische Hofkanzlei, sodann das Fürstengeschlecht der Liechtenstein und schließlich einen Freiherrn von Wimmer, der den ansehnlichen Besitz im Jänner 1798 an den französischen Gesandten (und späteren Schwedenkönig) Jean Baptiste Bernadotte vermietet. Mit dem zu dieser Zeit 35jährigen Feldmarschall von Napoleons Gnaden setzt die abenteuerliche Geschichte der Fahnengasse ein.

Die über dem heutigen Portal des Palais Caprara-Geymüller angebrachte Tafel »Wien – eine Stadt stellt sich vor« verrät darüber nichts; auch ein Rundgang durch Haus und Innenhof, von der kopftuchumhüllten Empfangsdame freundlich geduldet, führt den Spurensucher nicht ans Ziel: Die Wiener Börse, die heute den Großteil der Räumlichkeiten innehat, wirbt mit Hochglanzbroschüren für ihre Dienste, der im Foyer installierte Monitor strahlt die neuesten Finanzdaten des Nachrichtensenders Bloomberg aus. Der der Straße zugewandte Balkon der Beletage, Hauptschauplatz des denkwürdigen Ereignisses vom 13. April 1798, ist in gutem Zustand, sogar ein wenig begrünt. Höchstens drei Personen Platz bietend, fällt der vorspringende, nicht überdachte Bauteil nicht weiter auf.

Österreich, seit sechs Jahren von Kaiser Franz II. regiert, steht im Dauerstreit mit dem revolutionären Frankreich, die blutige Hinrichtung von Maria Theresias Tochter Marie Antoinette auf dem Pariser Schafott ist unvergessen. Seit dem Friedensschluß von Campoformio, der den Österreichern Niederlande und Lombardei weggenommen und dafür Teile der aufgelösten Republik Venedig, darunter Istrien und Dalmatien, zugesprochen hat, ruhen zumindest die Waffengänge zwischen den beiden Erzfeinden. Weiterer Lichtblick: Die jahrelang unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Österreich sollen wiederaufgenommen werden.

Für den Posten des Wiener Botschafters wählt Napoleon seinen engen Vertrauten Jean Baptiste Bernadotte aus. Der streitbare Mann, der alle anderen Angebote – als militärischer Befehlshaber die Teilnahme an einem Staatsstreich, ja sogar einen Ministerposten – ausgeschlagen hat, ist in diesem Fall seinem obersten Herrn zu Willen: Im Jänner 1798 trifft Bernadotte mit Gefolge in Wien ein. Die Frage ist nur, wo seine Exzellenz ihr Quartier aufschlagen wird: Österreich war bis vor kurzem Feindesland, wer will da einen Repräsentanten Frankreichs in seinem Haus haben? Der 35jährige landet schließlich im Palais Caprara-Geymüller in der Wallerstraße (der heutigen Wallnerstraße).

Die Wiener begegnen dem legendären Kriegshelden mit gemischten Gefühlen. Bewundern die einen seine imponierende Erscheinung und seine prachtvolle Uniform, so stoßen sich die anderen an seiner Kopfbedeckung: Die Straußenfeder, die Bernadottes Hut schmückt, ist in Blauweißrot gehalten, also in den verhaßten Farben der Trikolore. Was ansonsten an Nachrichten aus der Ambassade française an die Öffentlichkeit dringt, gibt zu keiner weiteren Verstimmung Anlaß: Napoleons Gesandter tauscht mit der Hofburg die üblichen diplomatischen Noten aus, lädt zu Diners ein, empfängt Künstler wie den Geigenvirtuosen Rodolphe Kreutzer, den Komponisten Johann Nepomuk Hummel und den 27jährigen Beethoven (dem er sogar, so heißt es, die Anregung zur »Eroica« gibt). Nur mit dem gemeinen Volk mag Bernadotte nichts zu tun haben, er fühlt sich in der Kaiserstadt nicht wohl, meldet schon nach wenigen Monaten an die Zentrale in Paris, er wolle so bald wie möglich seinen Dienst in Wien quittieren.

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Tumult in der Fahnengasse (Blick auf den Balkon des Palais Caprara-Geymüller)

Doch bevor er noch seine Zelte in Autriche abbricht, kommt’s zum großen Krach – einem Krach, der bei unkontrollierterem Umgang mit den beiderseitigen Emotionen leicht zu einem neuen Krieg zwischen Österreich und Frankreich hätte führen können.

13. April 1798. Es ist der Tag, an dem Österreich seiner bei den Kämpfen gegen Frankreich gefallenen Soldaten gedenkt. Auch Bernadotte gibt an diesem Abend in seiner Residenz eine Gesellschaft. Einer Order aus Paris folgend, antwortet er auf die Heldengedenkfeiern der Österreicher mit einer beispiellosen Provokation: Er läßt gegen 20 Uhr auf dem Balkon des Palais Caprara-Geymüller die Trikolore hissen. Zwei Meter mißt das blauweißrote Tuch, das da im Abendhimmel flattert. Passanten, die auf dem Heimweg durch die Wallerstraße des unerhörten Vorgangs gewahr werden, brechen in Wutgeschrei aus, rufen andere Protestierende zusammen, werfen Steine gegen das Gebäude. Einem jungen Mann aus der aufgebrachten Menge gelingt es sogar, an der Fassade hinaufzuklettern, die Fahne herunterzureißen und anzuzünden. Das Toben der Volksmenge steigert sich noch, als Bernadotte auf den Balkon hinaustritt und die Demonstranten als Pöbel beschimpft – selbstverständlich auf französisch. Und während ein Teil der Randalierer zur nahen Hofburg zieht, um dort die Asche der verbrannten Fahne zu verstreuen und in Sprechchören Kaiser Franz ihre Treue zu geloben, stürmen die am »Tatort« Verbliebenen das Botschaftsgebäude, dringen bis in einige der Innenräume vor und plündern die an Vorräten französischer Delikatessen reiche Küche. Inzwischen hat der Hausherr unter seine im Obergeschoß weilenden Gäste in aller Eile Säbel ausgeteilt, auch Pistolenschüsse fallen, Adjutant Gérard stellt sich schützend vor seinen Gebieter und rettet Bernadotte das Leben. Fünf Stunden dauert der Spuk – erst nach der zweiten an den amtierenden Außenminister Franz Maria Freiherr von Thugut adressierten Depesche greift das aus einer nahegelegenen Kaserne herbeigerufene Husarenkommando in der Wallerstraße ein und zerstreut die tobende Volksmenge.

Für Bernadotte, der in dem Vorfall eine klare Verletzung des Völkerrechts erblickt, steht fest: Er wird Wien auf schnellstem Wege verlassen, da hilft auch das hochnotpeinliche Entschuldigungsschreiben der österreichischen Regierung nichts mehr. Der zutiefst gekränkte Botschafter verlangt Pässe für sich und sein Gefolge, und statt der von österreichischer Seite geäußerten Bitte Folge zu leisten, ohne Aufsehen und im Schutz der Dunkelheit auszureisen, läßt er die fünf Kutschen justament zur Mittagsstunde vor dem Palais Caprara-Geymüller vorfahren und sich und die Seinen, im Schmuck ihrer mit Trikolore-Federn »gekrönten« Hüte und von tausenden die Straße säumenden Wienern mit Schmährufen bedacht, außer Landes bringen. Noch Tage danach ist der Wiener »Fahnentumult« das beherrschende Thema der europäischen Gazetten; in Paris wird sogar erwogen, die »Schandtat« der Österreicher mit einer neuerlichen Kriegserklärung zu ahnden.

Was das weitere Schicksal Jean Baptiste Bernadottes betrifft, so tritt der aus der Kaiserstadt Verjagte schon am 27. Mai seinen nächsten Posten an: Er geht als Napoleons Gesandter nach Den Haag. Seine künftige Karriere wird Stufe für Stufe die allerhöchsten Höhen erreichen: Unter dem Namen Karl XIV. Johann wird der dann 55jährige Bernadotte 1818 den Thron des Königreichs Schweden-Norwegen besteigen und damit die bis heute anhaltende Tradition der Schwedenkönige aus dem Hause Bernadotte begründen, bis herauf zum seit 1973 regierenden, mit der ehemaligen deutschen Olympia-Hosteß Silvia Sommerlath verehelichten Karl XVI. Gustav.

Doch zurück nach Wien, wo das Spektakel vom 13. April 1798 noch hundert (!) Jahre danach sichtbare Folgen zeitigt: Die an die Wallerstraße angrenzende Brunnengasse wird zur Erinnerung an den »Fahnentumult« in Fahnengasse umbenannt. Und was den Schauplatz des denkwürdigen Ereignisses anlangt, so versäumen die Wiener Lokalhistoriker auch nicht, darauf hinzuweisen, daß mit der Geschichte des Palais Caprara-Geymüller nicht nur diplomatische Verwicklungen, sondern auch Amouröses verknüpft ist: Hier lernt im Winter 1820/21 Franz Grillparzer seine »ewige Braut« Kathi Fröhlich kennen, deren sieben Jahre ältere Schwester Anna den Töchtern des nunmehrigen Hausherrn Johann Heinrich Freiherr von Geymüller Klavierunterricht erteilt.

Not, Gemeinheit, Mord

Hugo Bettauer und »Die freudlose Gasse«

Wien, Herbst 1923. Die Erste Republik hat ihre zweiten Nationalratswahlen hinter sich: Die Christlichsozialen erhalten 82 Mandate, die Sozialdemokraten 68, die Deutschnationalen 15, Prälat Seipel bleibt Kanzler. In der Bundeshauptstadt ist das Kräfteverhältnis genau umgekehrt: Der Sozialdemokrat Karl Seitz tritt sein Amt als Bürgermeister an; der Gemeinderat beschließt das ehrgeizige Wohnbauprogramm des Roten Wien, das die Errichtung von 25 000 Sozialwohnungen binnen fünf Jahren vorsieht. Die Zahl der Arbeitslosen hat die 50 000 überschritten, die Inflation erreicht ihren Höhepunkt, 40 000 Kronen zahlt man für ein Kilo Schweinefleisch. Allenthalben schießen Bankfilialen aus dem Boden, vor den Wechselstuben bilden sich Menschenschlangen, die die täglichen Kurszettel studieren, in den Tanzbars amüsieren sich die Spekulanten, »Radio Hekaphon«, Österreichs erster Rundfunksender, verbreitet die Stimmen von Burgschauspieler Raoul Aslan und Bundespräsident Michael Hainisch, Arthur Schnitzler tritt an die Spitze der frischgegründeten Österreich-Sektion der Schriftstellervereinigung PEN.