Sagen und Legenden aus Berlin

Albrecht der Bär

In grauer Vorzeit, da erstreckte sich dort, wo heute unsere geliebte Heimatstadt prangt nichts als trübes Sumpfland und schlammiges Moor. In diese unwegsame Gegend verlor sich eines Tages Albrecht von Ballenstedt, der Fürst der Askanier, der mit seinem Gefolge auf Kriegszug war.

Sie hatten sich auf die Jagd begeben, denn es trachtete sie danach, einige Wasservögel zu erlegen, die ihnen nach einer langen Zeit der Entbehrung endlich einmal wieder mit einen schmackhaften Braten die Mägen wohlig füllen sollten. Jedoch zeigte sich ihr Bemühen zunächst alles andere als erfolgreich so dass Albrecht schon sein Horn an die Lippen setzte um das Kesseltreiben abzubrechen, als direkt vor seinen Augen ein besonderes prächtiges Exemplar aus dem Sumpfwiesengras in die Höhe flatterte. Da wurde sein Jagdinstinkt aufs neue geweckt und er gab seinem Pferd so energisch die Sporen, dass es erschrocken aufwieherte um sofort in einen rasenden Galopp zu verfallen. Nun war Albrecht zwar ein guter Reiter, doch hatte er bald die Kontrolle über den wild gewordenen Gaul verloren und während sich die Stimmen seiner Gefolgsleute in raschem Tempo immer weiter entfernten und schließlich völlig vom Nebel verschluckt wurden geriet er immer tiefer hinein in das ihm unbekannte Sumpfland.

Einige Tage mochten schon vergangen sein, da irrte er noch immer in völliger Orientierungslosigkeit umher. Schließlich sah er aber von Ferne einige Baumwipfel winken und ritt ihnen entgegen. Durch diesen glücklichen Zufall entkam er nun zumindest endlich der erdrückenden Ödnis des Sumpfmeers und fand sich wieder in eine Waldlandschaft. Wie wohltuend erschien ihm das Lichtspiel der Schatten zwischen den Bäumen und der süße Duft von Gräsern und Wildblumen ließ seine Nasenflügel wohlig erzittern. Tief atmete er ein und genoss die friedliche Stimmung. Da durchbrach auf einmal ein grauenerregendes Donnergebrüll den Frieden. Grollend rollte es durch den Wald und schien kein Ende mehr nehmen zu wollen. Neugierig und vorsichtig zugleich näherte sich Albrecht dem Spektakel, bahnte sich einen Weg durch das Dickicht, geriet endlich an das Ende einer Lichtung – und da war es! Ein riesenhaftes Getier, baumlang aufgerichtet: Ein Bär.

Pechschwarzes, dichtes, zotteliges Fell umhüllte seinen monströsen Körper, die krallenbewehrten Tatzen hatte er hoch zum Himmel erhoben und das Maul mit den scharfen, spitzen Zähnen weit aufgerissen. Albrecht stand wie gelähmt. Gebannt starrte er auf den animalischen Koloss und die Furcht hatte seine Adern eisig durchdrungen. Da wurde er plötzlich dessen gewahr, was den Petz so erzürnt hatte: Er war von einer sirrenden, dunklen Wolke von Wildbienen umgeben. Offenbar hatte sich der Bär daran versucht, ihnen etwas von dem süßen Honignektar zu entwenden, den sie in mühevoller Arbeit zusammengetragen hatten. Damit hatten sich die fleißigen Tierchen natürlich nicht so recht einverstanden gezeigt und so waren sie zum Angriff übergegangen. Da Albrecht, nun den Räuber, der doch nur nach seiner biologischen Natur gehandelt hatte, solchermaßen gepeinigt sah, da erfüllte ihn Mitleid mit dem armen Meister Petz und er eilte sich, ihm zu helfen. Mit dem Feuersteine, den er stets bei sich zu tragen pflegte und der ihm auch in den vergangenen dunklen und einsamen Nächten zu Gute gekommen war, schlug er einen Funken. Diesen nährte er mit trockenen Moosflechten, bis sich ein kleines Flämmchen züngelnd empor reckte. Dann ergriff er sich einen Ast, entzündete ihn und ließ ihn solchermaßen durch die Luft schwirren, dass er die Wildbienen allesamt damit in die Flucht schlug.

Als der Bär sich nun durch den Helden von seinen schmerzhaften Peinigern befreit fand, da ward er ihm zum treuen Freund und von nun an zogen sie gemeinsam durch die Gegend. Noch so manches Abenteuer, so erzählt man sich, haben sie gemeinsam durchlitten. Zur Erinnerung an den ergebenen Freund aber nannte sich der Askanierfürst von nun an „Albrecht der Bär“. Noch heute ist im Wappen unserer Stadt Berlin ein ebensolches Tier zu finden, und wer diese Geschichte hier kennt, dem ist nun völlig klar, warum er dort verewigt ist – der Berliner Bär.

Die weiße Frau im Schloss zu Berlin

Nachts, wenn der Lärm abklingt und die Straßen der Stadt friedlich darnieder liegen, wenn die Menschen schlafen und die Dunkelheit versteckt, was das helle Licht des Tages stets gnadenlos enthüllt, da wirkt die Welt so friedlich, als könne in ihr kein Leid geschehen. Auch die Gassen unseres schönen Berlins scheinen den Frieden tief zu atmen und es sei dem geneigten Hörer empfohlen, dieses Geringere an Hektik und Radau einmal zu nächtlicher Stunde zu genießen. Allein, vor einem Orte möge er gewarnt sein, dem man sich nach Einbruch der Dunkelheit nur mehr nähern sollte, wenn man kein schwaches Gemüt sein eigen nennt, und das ist die Gegend rund um den Berliner Schlossplatz. Denn hier, so wird gemunkelt, spürt man noch heute die geisterhaften Schatten vergangener Zeiten. So manche Schemenwesen scheinen gebannt und haben ihren Schrecken unlängst ein Stück weit verloren, andere jedoch treiben dort noch heute ihr Unwesen. Eine dieser Gruselgestalten ist die weiße Frau.

Als Otto, der Graf zu Orlamünde zu Tode kam, da ließ er seine junge Frau zurück mit den zwei gemeinsamen Kindern. Das aber waren ein Mädchen und ein kleiner Junge. Gram und Trauer hielten die Witwe zunächst tief gebeugt, denn sie war ihrem Gemahl in frommer und ehrlicher Zuneigung ergeben gewesen. Allein die Liebe zu ihren Kindern, denen sie stets eine treu sorgende Mutter gewesen war, ließ sie schließlich erneut ins Leben zurückkehren, die dunklen Vorhänge ihrer Gemächer, in die sie sich nach dem jähen Hinscheiden ihres Mannes geflüchtet hatte, wieder zurück ziehen und dem Licht des Tages Einlass zu gewähren.

Wen des Menschen Herz einmal geliebt hat, den vergisst es nie, doch ist es ihm gottlob gegeben, Schmerz und Freudlosigkeit durch die heilende Wirkung der Zeit allmählich hinter sich zu lassen. So gingen auch in unserer Geschichte einige Jahre ins Land bis schließlich die Lebensfreude der jungen Gräfin neue Knospen trieb und wieder zu voller Blüte erwachte. Dies geschah durch Albrecht den Schönen, den Burggrafen von Nürnberg, ein wahrer Edelmanne aus dem Geschlechte der Hohenzollern.