Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Der Autor

Christian Endres, lebt als freier Autor in Würzburg. Er schreibt regelmäßig für die Zitty Berlin, den Tagesspiegel, phantastisch!, deadline, Geek!, Das Science Fiction Jahr und viele mehr. Im Comic-Bereich betreut er als Redakteur u. a. die deutschen Ausgaben von Spider-Man, Batman, Avengers, Hellboy und Conan. Er wurde bereits mehrfach mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet.

HORROR FACTORY

Crazy Wolf –
Die Bestie in mir

CHRISTIAN ENDRES

1

Das Erste, was ich spüre, ist die Kälte.

Im Metall.

In der Luft.

In meinen Knochen.

Der ganze Stahl um mich herum strahlt sie förmlich aus.

Die Gitterstäbe.

Die Decke.

Die Bodenplatte unter meiner nackten Haut.

Ich fühl mich hundeelend.

Dass darin eine gewisse Ironie liegt, entzieht sich mir in diesem Stadium noch.

Schlotternd begleite ich meinen Geist bei seinem langsamen Auftauchen aus der Finsternis.

Am Rand der Schwärze lauert nur noch mehr Kälte.

Mehr Kälte, und natürlich noch mehr Schmerzen.

Allerdings bedeutet das auch, dass ich meinen Körper wieder bewusst wahrnehme.

Obwohl es mir gerade lieber wäre, ich tät’s nicht.

Da ertönt in der Nähe ein Winseln, und endlich zwinge ich mich, die Augen zu öffnen.

Durch die Gitterstäbe, die leicht verschwommen vor mir tanzen, sehe ich eine mittelgroße Promenadenmischung mit Schlappohren, halb Setter, halb Gosse.

Wedelt zögerlich mit dem Schwanz, kommt jedoch nicht näher.

Ich verstärke meine Bemühungen, mich aus der Embryostellung zu befreien, und sofort beißen die Schmerzen wieder mit eiskalter Gnadenlosigkeit zu.

Doch sie helfen mir auch, mich zu erinnern.

Manche Dinge haben eben schon immer ihren Preis gehabt.

Wissen.

Erinnerung.

Identität.

Indem ich die Schmerzen als Währung akzeptiere, erhalte ich Bruchteile all dieser Dinge.

Meiner Menschlichkeit.

Meines Lebens.

Der Hund zum Beispiel: Ich beiße die klappernden Zähne zusammen, ertrage die Schmerzen und starre ihn an, bis mir sein Name einfällt.

Marlowe. So heißt er, der Hund.

Und er ist mein bester Freund, wie ich nun wieder weiß.

Ich will seinen Namen sagen, doch alles, was bei dem Versuch rauskommt, ist ein raues Krächzen, das uns beide zu Tode erschreckt.

Kein Wunder, dass der Hund bis zur geschlossenen Zimmertür zurückweicht und mich misstrauisch beobachtet.

Es ist offensichtlich, dass er hin- und hergerissen ist.

Dass ich für ihn ein mindestens genauso großes Dilemma bin wie für mich selbst.

Marlowe …

Ich klammere mich an den Namen und den Anblick meines verwirrten vierbeinigen Kumpels, und es hilft mir dabei, meinen Geist endgültig aus der gefrorenen Schwärze zu ziehen.

Die Dunkelheit geht.

Kälte und Schmerzen bleiben.

Und die Erinnerungen werden mit jedem Herzschlag stärker.

Konkreter.

Ich konzentriere mich ganz auf die Frage, wieso ich nackt in einem Stahlkäfig in einem fensterlosen Raum liege.

Wieso der Hund hier ist. Marlowe!

Es dauert ein bisschen und geht wieder nicht ohne das kalte Stechen in meinen Gliedern, aber dann fällt es mir ein.

In den schlimmsten Nächten meines Lebens bewacht Marlowe mein Gefängnis, bis ich am nächsten Morgen voller Schmerzen aufwache und das Puzzle einmal mehr zusammensetze.

Die ganze Zeit dachte ich allerdings, dass die Schmerzen, die Teil des Puzzles sind, nicht mehr schlimmer werden könnten.

Hätte es eigentlich besser wissen müssen.

Plötzlich fühlt es sich an, als würde mir jemand in den Brustkorb greifen und alle Knochen samt Eingeweiden nach draußen zerren.

Ich krümme mich in dem kleinen, kalten Käfig.

Stoße einen unmenschlichen Schmerzenslaut aus.

Marlowe bellt erschrocken.

»Na, mach schon, Kid«, ertönt außerdem Dead Crows rauchige Stimme aus dem Off.

Nicht, dass es mir was bringt, mich ausgerechnet jetzt Halluzinationen an meinen Freund und Mentor hinzugeben.

Dann ist es ebenso schnell vorbei, wie es angefangen hat.

Die Schmerzen sind fort, ebenso die Verwirrung.

Nur Erschöpfung und Kälte bleiben.

Und das Wissen.

Jede quälende Erinnerung.

Jede schmerzhafte Einzelheit.

Jedes hässliche Detail.

Mein Name ist Jackson Ellis, das hier ist der Keller eines Mietshauses in Seattle, und letzte Nacht war Vollmond.

Warum ich in diesem Käfig sitze?

Sagen wir’s mal so:

Bei Vollmond hab ich ein haariges Problem.

*

Es hat an meinem zwölften Geburtstag angefangen.

Tolle Party, jedenfalls für eine Bande aufgekratzter Zwölfjähriger, die noch kein einziges Mal Flaschendrehen gespielt und noch keine Fluppe angerührt hat.

Von Möpsen und Muschis ganz zu schweigen.

Danke für die Party, Mom.

Schade nur, dass du dir eine Kugel verpasst hast, bevor ich dir sagen konnte, wie cool das war oder dass ich dich lieb hab.

Schätze, die Schlafsäcke im Wohnzimmer, in das der Vollmond reinscheinen konnte, waren eine blöde Idee.

Das Mondlicht hat nicht gerade das Beste in mir hervorgebracht, wenn ihr versteht.

Ich weiß noch, wie ich am Morgen danach aufgewacht bin und zum ersten Mal diese ganz besondere Mischung aus Kälte und Schmerzen gekostet habe.

Den Geschmack von Blut in meinem Mund.

Ich kotzte gerade Blut und Haare und Hautreste auf den zerfetzten, blutgetränkten Schlafsack meines besten Freundes Jamie, als Mom die Tür öffnete, hinter der sie sich verschanzt haben muss, als die Geräusche angefangen haben.

Sie sah mich an.

Nicht vorwurfsvoll.

Nicht entsetzt.

Nicht angewidert.

Nicht ängstlich.

Nur traurig.

So, wie ich mir das aus ihrem Abschiedsbrief zusammenreimte, hab ich den leicht vorgeschobenen Unterkiefer dem Genpool ihrer Familie zu verdanken, während die heftige Form von Mondsucht auf meinen Vater zurückgeht, den ich nie kennengelernt habe.

Meine Mutter nannte ihn immer einen Fehler.

Untertreibung des Jahrtausends, wenn ihr mich fragt.

Manchmal überlege ich, wie es für sie gewesen sein muss, all die Jahre nach meiner Geburt.

Die Ungewissheit.

Das Warten auf die Stunde X.

Das Bangen und Hoffen.

Das Beten.

Ich hab sie allerdings nie beten sehen.

Nicht, dass ihr jetzt was Falsches über sie denkt.

Sie war eine großartige Mom.

Hat mich nie was merken lassen und sich alle Mühe gegeben.

Und es war nicht leicht für sie, als alleinerziehende Mutter in der nördlichen Provinz, das dürft ihr mir glauben.

Ich könnte jetzt natürlich sagen: Verdammt, manchmal, da hat sie mich eigenartig von der Seite angesehen, wenn sie dachte, ich würd’s nicht merken.

Aber nicht mal das hat sie getan.

Großartige Frau, wie gesagt.

Eine Schande, dass sie mich in meiner dunkelsten Stunde, als ich nackt und blutverschmiert und verängstigt zwischen den angefressenen Leichen meiner Freunde stand, alleingelassen hat und den kleinkalibrigen Ausweg nahm.

Sie hätte mich wenigstens mitnehmen können.

*

Ich erinnere mich nur noch vage an die Wochen und Monate nach meiner ersten Vollmondnacht als Wolf.

Wenn mal jemand auf die Idee kommt, einen Film aus meinem Leben zu machen, wird man diese Phase vermutlich als meine Hobo-Jahre bezeichnen.

In meiner Erinnerung ist es eine endlose Ansammlung von Wochen, in denen ein ausgemergelter, fahler Teenager verloren über die weit verzweigten Gleise in der oberen Landeshälfte irrt, zerfressen von der Erinnerung an das, was er seiner Mutter und seinen Freunden angetan hat.

Wahrscheinlich ganz gut, dass ich nicht mehr viel aus diesen Jahren weiß.

Eines weiß ich aber noch ganz genau.

Jeder Vollmond war die Hölle.

Was nicht heißen soll, dass die Tage und Nächte dazwischen besser waren.

Als Kind hab ich mich noch viel öfter spontan verwandelt, sobald ich Angst hatte oder mich bedroht fühlte.

Was unter den Hobos oft genug der Fall gewesen ist.

Ein kleiner Junge ist Freiwild für viele der Arschlöcher, die ihre an die Wand gefahrenen Leben in den Güterwaggons und den finsteren Herzen der alten Rangierbahnhöfe fristen.

Für all die verkommenen Scheißkerle, die den netten Typen, die wirklich nur Pech gehabt haben, den Ruf versauen.

Damals verwandelte ich mich ein bis zwei Mal pro Woche, egal, was der Mond sprach.

Weil man mir ein Springermesser an die Kehle setzte.

Weil irgendein spindeldürrer Irrer, voll auf Heroin, mich anbrüllte und mit einer zerbrochenen Flasche aufschlitzen wollte, um die Jungfrau Maria vor den Fliegen zu retten.

Weil zwei Typen mich festhielten und meine Rufe mit schwieligen Händen und zerschlissenen Wollhandschuhen erstickten, während der dritte Kerl seine Hose runterließ.

Viel zu oft hieß es damals:

Weiterziehen.

Schnell.

Unauffällig.

Wie ein Geist.

Wahrscheinlich hätte man mich sofort geschnappt, hätte ich nicht unter den Hobos gewildert.

Ein Chip oder Jack oder Joe mehr oder weniger auf den alten Bahnhöfen und Gleisen - wen kümmert’s schon?

Selbst die Hobos nahmen es anfangs eher gelassen.

»Ein Scheißbär.«

»Diese verdammten Kojoten werden immer dreister.«

»Das war bestimmt Marvins verfickter Pitbull, das hinterhältige Vieh. Dem Ungeheuer sollte man ’ne Kugel verpassen.«

Eine Kugel hätte man dem Ungeheuer wirklich verpassen sollen.

Nicht dem Pitbull.

Dem Ungeheuer in Gestalt eines Jungen, der neben seinem verschlissenen Rucksack eine Schuld mit sich herumschleppte, die so viel größer war und so viel schwerer wog als er selbst.

Der sich mit Zähnen und Klauen durch die Reihen der Hobos pflügte und ihr Blut an so vielen Morgen in den Wald kotzte.

Ich war mehr als ein Streuner.

Ich war ein Serienkiller.

Irgendwann war ich dann auch so etwas wie eine blutige Legende unter den Hobos, die zum Schluss genauso viel Angst vor dem Vollmond und vor Fremden hatten wie ich.

Die lodernden Lagerfeuer und das lodernde Misstrauen konnten sie aber nicht retten, wenn der Wolf aus mir hervorbrach und sich aus der Finsternis auf sie stürzte.

Warum ich damals nicht Schluss gemacht, der Sache ein sauberes Ende gesetzt habe?

Weil der Mensch nun mal am Leben hängt.

Egal, wie viel Tier er von Zeit zu Zeit rauslässt.

Wir klammern uns ans Leben, so beschissen es auch sein mag.

Glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede.

Ich stand etliche Male auf zugigen Eisenbahnbrücken oder über breiten, dunklen Highways.

Gesprungen bin ich nie.

Gefallen dafür immer tiefer.

Verwandlung für Verwandlung.

Mit siebzehn kam ich dann nach Seattle.

Der Güterzug hielt an, wie er das immer irgendwann tat, und ehe ich mich versah oder richtig wusste, warum und wieso, war ich diesmal eine der Gestalten, die absprangen und mit steifen Gliedern in die kalte Nacht davonhuschten.

War des Herumziehens müde geworden, schätze ich.

Wollte nicht noch einen weiteren Winter unter den Hobos verbringen.

Warum Seattle?

Keine Ahnung.

War so gut wie jede andere Stadt, um nach einem unauffälligen Platz in der urbanen Finsternis zu suchen.

Irgendwo zwischen den anderen Sündern.

*

Die Erinnerungen an meine ersten Monate in Seattle sind wesentlich präsenter als an meine Tage als Hobo-Killer.

Hab etwas gebraucht, um mich zurechtzufinden.

Hatte einigen Ärger.

Lernte erst die falschen Leute kennen.

Irgendwann fing ich an, als Türsteher zu arbeiten.

Es half, dass ich schon mit achtzehn ein zäher Bursche war - meistens genügte schon mein finsterer Blick, um an der Tür vor einem zweitklassigen Club echten Ärger zu vermeiden.

Manche sagten, ich hätte den Blick eines Wolfes.

Wichser.

Die Ladys mochten den schweigsamen Jungen mit den Bartstoppeln und den dunklen Augen.

Das Düstere darin.

Wenn es mal Probleme gab, weil ich bei Vollmond nicht wie abgesprochen aufkreuzte, ging ich kurzerhand zum nächsten Laden.

Gab schon damals genügend beschissene Acts in alten Fabrikhallen oder Lagerhäusern, die einem ein paar Kröten dafür bezahlten, dass man die Idioten rausschmiss.

Allemal besser als ein Leben auf den Gleisen.

Ich fand außerdem schnell Gefallen an der geschäftsmäßigen Kameradschaft unter den Türstehern.

Mag ich noch heute.

Damals redete ich mir aber noch verzweifelter ein, irgendwie doch ein normaler Teil des Ganzen zu sein.

Teil der Herde.

Obwohl ich nach wie vor ein Wolf war, wie jede Vollmondnacht von Neuem bewies.

Damals, noch vor Marlowe und dem Käfig, als die Nächte noch ein wenig anders verliefen als heute …

*

Ich ging immer in Gegenden mit miesem Ruf.

Dort suchte ich mir schon früh am Nachmittag eine abgelegene Ecke und wartete unruhig auf den Vollmond und seine unausweichliche Wirkung.