Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1 – Ich mag Blut
  7. 2 – Ich habe es schon gesehen
  8. 3 – Ich rieche den Tod in meinem Traum
  9. 4 – Ich höre den Blutflüsterer
  10. 5 – Ich habe Schmerzen, bis zum Ende
  11. 6 – Ich hab sie umge …
  12. 7 – Ich bin dem Bösen auf der Spur
  13. 8 – Ich bin allein mit dem Grauen
  14. Epilog – Dieser Körper ist durch Blut verdorben
  15. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Der Autor

Christian Montillon lebt schon immer in Rheinland-Pfalz und genießt den Blick in die Weite aus seinem Arbeitszimmer. Neben seiner Frau und den drei Kindern beschäftigt er sich vor allem mit Geschichten. Meist schreibt er Science-Fiction (»Perry Rhodan«) und gerne auch düster angehauchte Romane. Der studierte Germanist führt ein Doppelleben; unter seinem bürgerlichen Namen Christoph Dittert verfasst er Kinder- und Jugendbücher für »Die drei???«. Leser seien gewarnt – in seiner Geschichte geht es nicht so harmonisch zu …

HORROR FACTORY

Der Blutflüsterer

CHRISTIAN MONTILLON

1
Ich mag Blut

Leichen sind etwas Wunderbares stand in blutroter Schrift auf dem Cover der Zeitschrift, die der Mann kurz musterte und wieder zurücklegte.

Bettina fand die Schlagzeile makaber, um nicht zu sagen, widerlich. Außerdem erinnerten sie die Worte auf höchst unangenehme Weise an ihren Ex; sie hatte Jonathan nun schon fünf Mal gesehen, seit sie ihn aus der Wohnung rausgeworfen hatte. Zwei Mal hier im Supermarkt, drei Mal unterwegs, und ein Mal hatte dieses Arschloch ihr sogar vor ihrem Haus aufgelauert. Zum Glück war er nicht handgreiflich geworden. Bettina ging zurück zu ihrer Kollegin an einer der beiden verwaisten Kassen und ließ sich auf ihren knarrenden Stuhl fallen.

Abends, kurz vor Ladenschluss, war nie viel los: Eintönigkeit im Sonderangebot. Sie deutete auf den Kunden: »Einkaufsgewohnheiten verraten eine Menge über das Wesen eines Menschen.« Sie wunderte sich selbst, wie hochgestochen das klang. »Er wird gleich weitergehen, eine Sekunde beim Obst und Gemüse stehen bleiben und sich eine Packung Cocktailtomaten greifen.«

Ihre Kollegin Andrea saß genauso gelangweilt wie sie an ihrem Arbeitsplatz. »So? Ich kenn den nich’.«

»Er kommt immer montags hierher, kurz vor Ladenschluss. Und jedes Mal kauft er …«

»Lass mich raten. Cocktailtomaten. Und?«

»Und er mag sie gar nicht.« Bettinas Kopf schmerzte, auf die Art, die einen ausgewachsenen Migräneanfall ankündigte. Ausgerechnet heute, wo sie allein war. Die Aufregung. Es musste die Aufregung wegen Jonathan sein. Leichen sind etwas Wunderbares, ging es ihr durch den Kopf. Wer dachte sich nur so einen Mist aus?

»Aber er kauft sie trotzdem, weil …?«, fragte Andrea. »Nun red schon!« Sie kaute einen Kaugummi.

Bettina schüttelte die trüben Gedanken ab. »Weil seine Frau sie so gerne gegessen hat. Nur ist sie seit einem Jahr tot.«

»Armer Kerl.«

»Muss ein seltsames Gefühl sein.«

Der Gummi wanderte von der rechten in die linke Backentasche. »Was? Tot zu sein?«

»Findest du das witzig?«

»Schon.«

Ich nicht.

»Okay, ehe du beleidigt bist, Betty: Ja, es muss ein komisches Gefühl sein, wenn der Ehepartner stirbt.«

Weiter kam sie nicht, denn der Kunde steuerte die Kassen an. Eine Fernsehzeitschrift, die Tomaten und ein Päckchen Käse – der superreife Cheddar mit Chilistücken. Mehr nicht. Immerhin kein Alkohol. Könnte wohl schlimmer sein.

Bettina kassierte und schaute ihm hinterher. Er ging leicht gebeugt, so, als würde ihn etwas niederdrücken. Sie massierte sich den Nacken.

»Hast du wieder deine Kopfschmerzen?«, fragte ihre Kollegin.

Sie nickte.

»Dann geh schon heim! Ist ja keiner außer uns beiden noch da, der sich drüber beschweren könnte. Ich denke, mit dem Ansturm werde ich auch allein fertig.«

»Danke. Nett von dir.« Bettina schloss ihre Kasse, holte sich ihre Jacke und das Handtäschchen aus dem Aufenthaltsraum und verließ den Supermarkt.

Eine der drei Lampen auf dem Parkplatz war ausgefallen. Natürlich die, unter der sie vor zehn Stunden ihren Wagen geparkt hatte. Ihr Magen knurrte. Es war dunkel. Sie nestelte den Schlüssel aus der Jackentasche und ging zu dem Auto, das einsam und verlassen vor einer düsteren Reihe aus Büschen stand.

Unwillkürlich erinnerte sie sich an gestern, an den Heimweg. Jonathan, der Arsch, hatte am hintersten Eck des Parkplatzes gestanden, gerade so weit weg, dass sie nicht ganz sicher sein konnte, ob er es tatsächlich war. In seiner Hand hatte etwas geblitzt, und sie hatte an das Messer gedacht, das er immer bei sich trug.

Mit der Erinnerung kam die Angst. Ihre Finger zitterten, als sie aufschloss.

Keine drei Sekunden später schlug sie die Tür hinter sich zu und verriegelte von innen per Knopfdruck. Klack, ein Geräusch, das Sicherheit verhieß. Oder simulierte.

Sie sah durchs Fenster nach draußen. Wo war er? Niemand zu sehen. Selbstverständlich nicht. Sie startete den Motor und fuhr mit zu viel Gas los. Das Dröhnen des klappernden Auspuffs hallte wie ein Donnerschlag.

Diese elenden Kopfschmerzen machten sie noch verrückt!

Natürlich, was auch sonst. Bestimmt trug kein durchgeknallter Exfreund, der sie stalkte, die Schuld an ihrem Verfolgungswahn.

Muss ein seltsames Gefühl sein, tot zu sein, dachte sie.

Sie rollte vom Parkplatz, wollte abbiegen, aber da …

… da lag das Mädchen. Hinter dem Hügel, im Schatten, so, dass man es von der Straße aus nicht sehen konnte, und vom Parkplatz aus auch nur, wenn man genau hinschaute. Oder zufällig, wie Bettina.

Es war blond.

Vielleicht acht oder zehn Jahre alt.

Es lag auf dem Rücken, zur einen Hälfte auf der lockeren Erde eines Beets, zur anderen auf dem Gras des aufgeschütteten Hügels rund um den Parkplatz.

Und es blutete. Zwischen den Beinen. Der hellgrüne Rock war bis über die Oberschenkel hochgeschoben, und das Mädchen hatte die Augen zu, als ob …

Schreckliche Übelkeit schoss auf einmal in Bettina hoch. Ihr Mund war trocken. Scheiße, kein Mensch weit und breit. Ihre Finger zitterten, als sie den Zündschlüssel rumdrehte. Der Motor erstarb. Sie sah sich um. Tatsächlich, sie war völlig allein. Niemand, der helfen könnte.

Und niemand zu sehen, der dieses Mädchen vergewaltigt hatte.

Bettinas Lippen bebten, als sie die Tür aufriss. Zurück in den Supermarkt. Ich muss es Andrea sagen. Sie muss einen Arzt rufen. Und die Polizei.

Aber zuerst das Kind! Sich um das Opfer zu kümmern, war wichtiger als alles andere. Bettina ging neben dem Mädchen in die Knie. Die Augen waren unter dem mehr als schulterlangen hellblonden Haar geschlossen. Dreck klebte am linken Nasenflügel. Das T-Shirt war am Halsausschnitt zerrissen.

Bettina würgte. Sie berührte das Mädchen vorsichtig an der Wange. Es fühlte sich nicht kalt an. Nicht kalt. Müsste es nicht kalt sein, wenn es … wenn es tot wäre?

Bettinas Blick wanderte tiefer. Zum hochgeschobenen Rock. Zum Blut zwischen den kleinen, dünnen Oberschenkeln. Sie wollte etwas sagen, aber die Kehle war wie zugeschnürt.

Ich darf sie nicht anfassen, dachte sie verrückterweise. Die Fingerabdrücke. Ich muss an die Fingerabdrücke denken. Am Ende komm ich noch in Verdacht.

»H-Hallo«, sagte sie endlich. »Hab – hab keine Angst mehr. Ich helfe dir.« Sie kann mich nicht hören. Weil sie tot ist. TOT. Irgendein perverses Arschloch hat sie vergewaltigt und umgebracht, und … Sie glaubte, etwas zu hören. Hinter sich. Sie wirbelte herum. Nichts. Niemand. Nur ihr Auto.

Wie konnte sie feststellen, ob das Kind noch lebte? Der Puls. Natürlich. Der Pulsschlag. Sie tastete am Handgelenk des Mädchens, und es riss die Augen auf.

So plötzlich, dass Bettina leise schrie.

»Aber, aber«, sagte das Mädchen, setzte sich auf und zupfte ihren Rock zurecht.

Bettina glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Und ihren Ohren auch nicht. Was war bloß mit der Stimme los? »Was … Was ist mit dir? Hast du …«

»Mit mir ist alles klar«, sagte das zarte, höchstens zehnjährige Mädchen mit der Stimme eines alten Mannes. »Aber mit dir nicht.« Es rollte sich zur Seite und schnappte sich ein Messer, das unter seinem Rücken verborgen gelegen hatte.

Bettina begriff nichts mehr. Nur, dass sie in Gefahr war. Doch das alles war viel zu unwirklich, als dass es tatsächlich geschehen könnte.

»Weißt du«, sagte die alte Männerstimme aus dem Mund des Mädchens, »ich mag Blut.«

Dann blitzte etwas vor Bettinas Augen, und die Klinge schnitt ihr die Kehle durch. Blut spülte in ihren Mund. Sie gurgelte. Es lief ihr über die Lippen und den Hals. Ich sterbe, raste es ihr durch den Kopf, aber es ging nicht so schnell, wie sie dachte.

Wie sie hoffte.

Das Mädchen sang leise eine fröhliche Melodie vor sich hin, mit einem Mal mit einer kindlichen Stimme, wie es sich gehörte. Nur das, was sie tat, gehörte sich nicht. Fachgerecht schnitt sie tief in Bettinas Bauch. Gedärme quollen hervor. Das Kind zog daran wie an einer Kette. Dann wandte es sich Bettinas Augen zu und pulte das linke aus der Höhle heraus.

Warum sterbe ich nicht endlich?, dachte Bettina. Die Schmerzen waren längst so schlimm, dass ihr Gehirn resignierte. Sie fühlte nichts mehr, und das war die einzige Gnade, die ihr gewährt wurde. Und dann, als sich die Klinge wieder näherte, sah sie auch nichts mehr.

Es dauerte noch eine volle Minute, bis sie starb. Das Letzte, das sie hörte, war das fröhliche Summen des Mädchens, das sie ausweidete und am Ende ihr Herz aufspießte.

2
Ich habe es schon gesehen

»Thirty-seven, thirty-eight, thirty-nine, thirty-ten.«

»Da würde ich noch einmal drüber nachdenken, Michi«, sagte Heiko.

Die kleinen Lippen pressten sich angestrengt aufeinander. Im linken Mundwinkel lugte die Zungenspitze hervor. Der Junge rieb sich über die hellblonden Haare und wirkte wie die Karikatur eines zerstreuten Professors. »Thirty-nine«, sagte Michael lang gezogen.

Heiko nickte. »Und dann?«

»Thirty-ten.«

»Du musst ja nicht auf Englisch so weit zählen können, es ist nicht wichtig.«

Nun beulte die Zungenspitze von innen die Lippen aus. »Ich will aber.«

Heiko genoss diesen Moment, in dem sein Sohn klarer schien als sonst oft. Ich will aber. Das sagten andere Kinder bestimmt auch. Es war beinahe so, als wäre Michi normal. Der Gedanke schmerzte. »Na, du sagst doch auch nicht achtunddreißig, neununddreißig, zehnunddreißig.« Er hatte Michael ins Bett gebracht, und bevor der Kleine einschlief, wollte er seinem Vater offenbar beweisen, wie gut er schon auf Englisch zählen konnte.

»Forty!« Michi strahlte. Ein wenig Speichel rann aus seinem rechten Mundwinkel. Es störte Heiko nicht. Hatte ihn noch nie gestört.

Heiko blickte aus dem Fenster des Kinderzimmers, lehnte sich mit der Schulter gegen Michis Hochbett. Der Junge war inzwischen voller Begeisterung bei »forty-seven« angelangt und würde das Spiel leicht noch in die Hunderter forttreiben. Wenn er einmal zu zählen begonnen hatte, konnte ihn nichts und niemand aus der Konzentration auf diese Aufgabe reißen – es sei denn, man wies ihn darauf hin, dass er einen Fehler gemacht hatte, was Michi mit akribischer Sorgfalt zu vermeiden versuchte.