Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog – Damals
  7. 1 – Jetzt
  8. 2 – Damals
  9. 3 – Jetzt
  10. 4 – Damals
  11. 5 – Jetzt
  12. 6 – Damals
  13. 7 – Damals
  14. 8 – Damals
  15. 9 – Jetzt
  16. Epilog
  17. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint vierzehntäglich.

HORROR FACTORY gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Der Autor

Timothy Stahl, geboren 1964 in den USA, wuchs in Deutschland auf, wo er unter anderem als Chefredakteur eines Wochenmagazins und einer Jugendzeitschrift tätig war. 1999 kehrte er nach Amerika zurück. Seitdem ist das Schreiben von Spannungsromanen sein Hauptberuf. Mit seiner Horrorserie WÖLFE gehörte er 2003 zu den Gewinnern im crossmedialen Autorenwettbewerb des Bastei-Verlags. Außerdem ist er in vielen Bereichen ein gefragter Übersetzer. Er lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Las Vegas, Nevada.

HORROR FACTORY

Teufelsbrut

TIMOTHY STAHL

Prolog
Damals

Big Rock Falls Forest, Washington State, USA
1991? 1992? Das wusste sie schon lange nicht mehr …

»Schön, nicht?«, sagte Sean Walsh.

Callie Gilmore nickte. Schön war es hier, ja. Aber auch ein bisschen unheimlich. Und eigentlich sollte sie gar nicht hier sein.

Sie seufzte, verscheuchte ihre Bedenken und konzentrierte sich ganz auf das Romantische an der Situation und dieses Fleckchens tief im Wald und in der Nacht.

Das kleine Lagerfeuer, das Sean auf einer Felsplatte inmitten der kleinen Lichtung geschürt hatte, schuf eine Insel aus tanzendem Licht, an deren Ufer sie nebeneinanderlagen und in die Flammen blickten. Hinter den Bäumen ringsum stauten sich Dunkelheit und Nebel, dessen salziger Meeresgeruch sich mit dem Duft von Kiefern, Tannen und zig anderen Pflanzen zu einer fast magischen Mischung vermengte.

Es knackte und knisterte. Meistens war es das brennende Holz. Manchmal auch etwas im Unterholz um sie herum.

Callie drängte sich unter der Decke dichter an Sean. Ihre Gänsehaut kam aber weder von der Kälte, noch hatte sie Angst, sondern allein von seinem nackten Körper, der ihre nackte Haut berührte.

So weit waren sie schon. Und jetzt ging es weiter.

Seine Hand hatte bisher in ihrem Nacken gelegen und mit ihrem langen Haar gespielt, dessen tiefschwarze Farbe sie ihrer griechischen Mutter verdankte, die sie außerdem nach einer Muse benannt hatte: Calliope.

Seans Hand strich jetzt ihren Rücken hinunter, sanft über ihren Po und blieb dort liegen. Die andere fasste nach ihrem Kinn, drehte ihren Kopf seinem Gesicht zu, und schon berührten sich ihre Lippen.

Auf den Rücken drehen musste er sie nicht. Das tat sie nicht nur freiwillig, sondern wie von selbst, als wollte nicht sie es, sondern vor allem ihr Körper. Als wollte er endlich, mit sechzehn Jahren, wissen, wie es sich anfühlte, einen Mann in sich zu spüren.

Es fühlte sich … gut an. Es tat ein bisschen weh, zuerst, und es blutete ein wenig, aber dann war es … schön.

So schön, wie du es dir vorgestellt hast?, fragte sie sich danach. Darauf blieb sie sich die Antwort schuldig. Aber was im Leben kam schon so, wie man es sich vorstellte?

»Ich kann aber nicht die ganze Nacht hierbleiben«, sagte sie, als sie dalagen, sie mit dem Kopf auf seiner Brust, beide zu den Sternen am Himmel über der Lichtung aufblickend, während das Feuer niederbrannte. »Meine Mutter flippt aus, wenn ich nicht heimkomme.«

»Ein bisschen noch, hm?«, raunte er, und sie spürte, wie seine behaarte Brust unter ihrer Wange sacht vibrierte, wie ein zufrieden schnurrender Kater.

»Hm, ein bisschen noch«, schnurrte auch sie und schloss die griechisch dunklen Augen.

Und als sie die Lider schließlich wieder aufschlug, war sie allein.

*

Verdammt, sie waren eingepennt! Wie spät war es? Und wo war Sean?

»Hey, wo bist du?«, rief sie in die Dunkelheit hinein. Das Feuer war erloschen. Nur rote Glut glomm noch auf der Felsplatte in der Mitte der Lichtung.

Jetzt fror Callie, und ein ganz klägliches Gefühl kroch in sie. Auf einmal fand sie es hier gar nicht mehr schön, und dass sie an so einem Ort ihre Unschuld verloren hatte, kam ihr irgendwie erbärmlich vor. Nur war das im Augenblick ihre geringste Sorge.

»Sean!«, rief sie in den Wald und den Nebel hinaus. Der Wald verzerrte ihren Ruf, der Nebel erstickte ihn. Beide schienen Callie zu umschmeicheln, der Wald mit seiner Schwärze, der Nebel mit seiner kühlen Feuchtigkeit. Beides schien sich auf ihrer nackten Haut zu einem klebrigen Film zu vermischen, der aber auch einfach nur kalter Schweiß sein mochte. Angstschweiß.

Sean hatte sie doch nicht etwa allein gelassen? Nein, bestimmt nicht. So einer war er nicht. Ja, er hatte sie in eindeutiger Absicht hierhergelockt. Allerdings war er nicht nur darauf aus gewesen. Ob sie einander liebten, wusste Callie nicht. Aber verliebt hatten sie sich ineinander, daran bestand kein Zweifel.

Wahrscheinlich war er einfach nur pinkeln gegangen. Dass er sie allerdings nicht geweckt hatte, um sie nach Hause zu bringen, das würde sie ihm übel nehmen. Den Aufstand, den ihre Mutter veranstalten würde, wollte sie sich gar nicht ausmalen.

Sie klaubte ihre Kleidung vom Boden auf und fing an, sich anzuziehen.

Irgendwo im Nebel knackte ein toter Zweig. Dann noch einer. Wie unter dem Druck von Füßen. Da, wieder einer. Nur … wo? Der Nebel täuschte.

Das Knacken hörte nicht auf. Callie hatte den Eindruck, es bewege sich um sie herum. Als pirschte jemand mit langsamen Schritten dicht hinter dem Rand der Lichtung entlang, gerade so weit in Nebel und Schwärze zurückgezogen, dass er nicht auszumachen war. Das konnte natürlich Sean sein. Aber …

… Aber wenn er es war, würde sie ihm verdammt noch mal die Hölle heißmachen!

Und trotzdem hoffte sie, dass er es war. Er und kein anderer. Niemand, der …

»Callie?«

»Sean!«

»Scheiße, ich glaub, ich hab mich verirrt!«, hörte sie ihn im Nebel rufen, dumpf und wie von überall her.

»Wo bist du? Warum bist du überhaupt da draußen?«

»Ich hab was gehört. Da wollte ich nachgucken und …«

»Und da hast du mich allein gelassen?«

»Ich wollte doch gleich wieder umkehren!« Sean hielt kurz inne, und als er weitersprach, klang er etwas ruhiger. »Okay, Callie, bleib, wo du bist, und rede mit mir. Ich versuch mich an deiner Stimme zu orientieren.«

»Was soll ich denn sagen?«

»Irgendwas.«

»Irgendwas, irgendwas.« Sie drehte sich im Kreis. Der Nebel gaukelte im Dunkeln zwischen den Bäumen Bewegung vor, wo keine war – und vielleicht verhüllte er andererseits, wo sich wirklich etwas bewegte.

»Was hast du denn gehört?«, fragte Callie, vor allem, um irgendetwas zu sagen, damit er ihre Stimme hören konnte.

»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich war’s gar nichts, nur, na ja, ich hatte so ein komisches Gefühl …«

»Ein komisches Gefühl?«

»Als wär da jemand. Ein Spanner oder so, was weiß ich.«

Callie schauderte. Was, wenn da wirklich einer war? Jemand, der sich jetzt ganz still verhielt, während sie und Sean miteinander redeten, und sich an sie oder ihn heranschlich?

»Callie? Sag was.«

»Ich bin hier. Klingt meine Stimme schon lauter?«

»Ja, ich glaub schon. Guck dich um. Kannst du mich vielleicht schon sehen?«

Wieder drehte sie sich um die eigene Achse – und erstarrte. Da!

Da war etwas. Eine dunkle Gestalt, die Arme etwas abgespreizt. Allerdings stand sie völlig reglos dort drüben am Rand der Lichtung, die Beine bis zu den Knien im Nebel versunken.

»Bist du das, Sean? Beweg dich mal.«

»Ich beweg mich.«

Die Gestalt am Waldrand bewegte sich nicht. Schien nur zu Callie zu starren.

»Da steht einer, Sean, ich …« Sie brach ab. Ging zwei, drei Schritte auf die statuenhafte Gestalt zu – und erschrak dann, so groß und mächtig war der Stein, der ihr plötzlich vom Herzen fiel.

»Wer steht da, Callie? Sag schon!«

Da stand niemand. Kein Mensch.

»Mensch, Callie, da ist irgendwas …«

Nur ein alter, mannshoher schwarzer Stumpf mit zwei hängenden Ästen, die Überreste eines Baumes, in den irgendwann der Blitz eingeschlagen war.

»Nichts, ist schon gut. Ich hab mich geirrt«, sagte Callie.

Jenseits der Lichtung knackte und knarrte es, aber sonst herrschte Schweigen.

»Sean, hörst du mich?«

Nichts. Verdammt, wollte er sie jetzt verschaukeln? Ihr Angst machen, dieser Idiot?

»Das ist nicht lustig, Sean!« Ihre Stimme klang sogar fast so energisch, wie sie es beabsichtigt hatte. »Komm bloß her, sonst war’s das mit uns. Oder willst du das?«

Offenbar wollte er das nicht. Denn er kam heraus. Wenn es denn Sean war. Allerdings kam er nicht aus der Richtung, aus der Callie das Knacken zuletzt gehört zu haben glaubte. Es näherte sich ihr jemand von hinten. Von dort erklang das nächste brechende Geräusch, und es war schon ganz nah.

Sie fuhr hastig herum – und drehte sich damit noch hinein in den Hieb, der aus Nacht und Nebel heraus auf sie zuraste. Und schon wurde es so schnell vollkommen schwarz um sie, dass sie nichts und niemanden mehr erkennen konnte.

1
Jetzt

Orcas Island, Washington State, USA
Haven House, Sanatorium für Traumapatienten

»Gleich hab ich dich, gleich hab ich dich«, hörte Eric die raue Stimme des Mörders über sich.

Eric schwitzte in der Gewitterschwüle der Nacht, die sich genau wie der Mörder durch die offene Verandatür ins Ferienhaus gestohlen hatte. Er lag rücklings da wie unter einer erstickenden schwarzen Wolkendecke, die das Gesicht seines Peinigers verbarg. Nur das Messer sah Eric – die Schneide, die über seinen blassen, schweißglänzenden Bauch fuhr, durch Haut und Fleisch pflügte, bis der Schnitt so groß und tief war, dass der Mörder mit der Hand bequem hineinfassen konnte.

Und das tat er auch.

Heute wusste Eric nicht einmal mehr, ob er damals geschrien hatte. Wahrscheinlich nicht. Schließlich war sein ganzer Körper wie gelähmt gewesen – nicht vor Schmerz, sondern vor schierem Entsetzen über das, was da mit ihm geschah … Und was mit seinen Eltern geschehen war, die ihm zu Hilfe kommen wollten und denen selbst nun niemand mehr helfen konnte. Sie lagen nicht weit von ihm entfernt auf dem Dielenboden, und ihr Blut rann in den Ritzen des alten Holzes wie durch winzige Bachläufe auf Eric zu. Ihr Blut war alles, was sich noch bewegte. Ihre leblosen Körper lagen so, dass ihre glasigen, weit aufgerissenen Augen zu ihm herglotzten – als wollten sie ihm immer noch helfen, aber als wären auch sie vor Grauen erstarrt, genau wie er. Er konnte nichts weiter tun, als die Tortur über sich ergehen zu lassen und zu hoffen, dass er tot sein würde, bevor der Schmerz ihn einholte.

Auch im Traum hörte er jetzt wieder das Schmatzen. Es klang wie das eines fressenden Schweins. Den Traum hatte er natürlich längst als solchen entlarvt. Er hatte ihn oft genug geplagt in den zwölf Jahren seit jener Nacht, in der dieser Albtraum Wahrheit gewesen war. Die Träume davon waren wie Echos der damaligen Wirklichkeit, die nie verklingend in ihm nachhallten, mal lauter, mal leiser. Aber er hätte diese Nacht und ihre grauenhaften Geschehnisse auch dann nicht vergessen, wenn die Echos verklungen wären und die Träume aufgehört hätten. Wer einmal bei vollem Bewusstsein gespürt hatte, wie die Hand eines Fremden in den eigenen Eingeweiden wühlte, vergaß das nie. Auch dann nicht, wenn er zu dem Zeitpunkt gerade mal acht gewesen war.

»Wo ist es denn? Wo ist es denn bloß?«, hörte Eric den Mörder ungeduldig flüstern und hecheln. Was er auch suchte, in Erics Bauch hatte er es nicht gefunden. Also machte er sich an anderer Stelle von Erics Körper auf die Suche danach und setzte das Messer von Neuem an – aber bevor ihm die Klinge dort ins Fleisch fuhr, wachte Eric Gott sei Dank auf. Trotzdem wusste er natürlich noch, wo der Mörder als Nächstes gesucht hatte – und wo anschließend. Und danach. Eric konnte kaum eine Bewegung machen, die ihn nicht auch heute noch daran erinnerte, wo überall der Mörder ihn aufgeschnitten und praktisch sein Innerstes nach außen gekehrt hatte.

Wonach er jedoch gesucht hatte, das mochte allein der Teufel wissen.

*

Nur Minuten nachdem Eric wach geworden war, stahl sich auch schon der Morgen blass durchs Fenster herein und versah die Wände des Zimmers wie mit einem Anstrich aus Aquarellfarben. Als er aufstand, die Vorhänge aufzog und alles Licht und das bisschen Wärme, das es mitbrachte, hereinließ, schien der Mount Baker mit seinem eisbedeckten Gipfel fast zum Greifen nah. Obwohl er in Wirklichkeit natürlich, wie an jedem anderen Morgen, zig Meilen entfernt war, auf dem Festland östlich der San Juan Islands. Trotzdem hatte Eric das unbestimmte Gefühl, dieser seltene Anblick sei ein Zeichen. Zumal in Verbindung mit dem Albtraum, der inzwischen auch eher selten geworden war.

Er fror, wie immer am Morgen und nicht nur infolge des Traums –