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Tom Wood

Victor

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Buch

Victor, ein brillanter Auftragskiller im Dienst der CIA, reist für einen brisanten Auftrag nach Berlin: Er soll Adorj á n Farkas töten. Der Ungar leitet eine Verbrecherorganisation mit Sitz in Budapest und wird in wenigen Tagen in Deutschland eintreffen. In Berlin sucht Deák, ein Vertrauter von Farkas, nach einer geeigneten Unterkunft für seinen Boss, und Victor heftet sich an Deáks Fersen. Als er ihn in einem Berliner Kasino beschattet, wird Victor auf einen anderen Mann aufmerksam. Ein Mann, der sich verhält wie Victor. Unauffällig, konzentriert, wachsam. Ein Killer. Doch auf wen hat er es abgesehen? Nicht auf Deák. Und auch nicht auf Victor. Als Victor den Unbekannten endlich durchschaut, ist es bereits fast zu spät …

Autor

Tom Wood ist freischaffender Bildeditor und Drehbuchautor. Er wurde in Staffordshire, England, geboren und lebt mittlerweile in London. Sein Debütroman »Codename Tesseract« wurde von Kritik wie Lesern begeistert gefeiert. Mit »Victor« und »Zero Option« stellt Tom Wood sein einzigartiges Talent als Autor mitreißender Action erneut unter Beweis.

Mehr zum Autor und seinen Büchern finden Sie unter

www.tomwoodbooks.com

Tom Wood

Victor

Roman

Aus dem Englischen
von Leo Strohm

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Die Originalausgabe erschien 2012
unter dem Titel »Bad Luck in Berlin«

als E-Book bei Hachette

Deutsche Erstveröffentlichung März 2012

Copyright © der Originalausgabe 2012 by Tom Hinshelwood

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2012

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Redaktion: Gerhard Seidl

AB · Herstellung: Str.

ISBN: 978-3-641-08071-6
V003

www.goldmann-verlag.de

Kapitel 1

London, Großbritannien

»Ich werde nicht sterben.«

Die Frau, die das sagte, war Anfang fünfzig und ein bisschen übergewichtig. Sie trug einen eleganten, geschäftsmäßig wirkenden Anzug, dazu kurz geschnittene Haare mit grauen Strähnen. Die Bügel ihrer stylischen Brille waren mit dem Logo eines Designers verziert, in Blattgold. Sie hielt den Kopf gesenkt und starrte wie bei einer Beichte auf die gefalteten Hände in ihrem Schoß. Ihr Herz raste und trieb ihr das Blut ins Gesicht. Sie hatte leise, fast im Flüsterton gesprochen, sodass Victor sie gerade noch hören konnte. Waren die Worte überhaupt für ihn bestimmt gewesen? Er wusste es nicht. Es klang beinahe wie ein Ritual, tonlos, wie in Trance. Oder aber die Worte waren dazu gedacht, eine solche Trance einzuleiten, um sich dem Horror des unweigerlich herannahenden Todes entziehen zu können.

»Ich werde nicht sterben.«

Ob er wollte oder nicht, Victor war fasziniert. Das Verhalten dieser Frau entsprach nicht der Norm. Menschen, deren letztes Stündlein geschlagen hatte, fingen in der Regel an, zu betteln und zu flehen, lehnten sich auf und schworen unerbittliche Rache aus dem Jenseits. Noch nie war ihm jemand begegnet, der das, was kommen würde, schlicht und einfach nicht akzeptieren wollte.

Dieses Mal klangen ihre Worte ein paar Dezibel lauter als beim ersten Mal. Die Frau krallte ihre Finger noch fester ineinander, wollte durch schiere Willenskraft erzwingen, dass ihr Mantra mehr war als nur ein Geräusch, wollte es Wirklichkeit werden lassen. Victor beobachtete die angsterfüllte Frau. Er empfand vermutlich mehr Mitleid mit ihr als eine Katze für eine Maus, aber nach seiner Erfahrung besaßen Worte auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod kaum eine Bedeutung mehr.

»Ich werde nicht sterben.«

Dieses Mal sprach die Frau mit normaler Lautstärke. Als die letzte Silbe über ihre Lippen gekommen war, hob sie den Kopf und löste die Hände voneinander. Ihre Augen wurden weit, und ihre Miene entspannte sich sichtlich. Die Anspannung, die ihren gesamten Körper in Besitz genommen hatte, wich.

Sie warf Victor zu ihrer Rechten einen Blick zu und lächelte ihn an, verlegen und unsicher zugleich. »Bitte, lachen Sie mich nicht aus. Ich weiß, dass das lächerlich klingt, ehrlich, aber ich muss es trotzdem machen.«

»Ich würde Sie niemals auslachen.«

Ihr Lächeln wurde ein wenig selbstbewusster. »Das ist sehr nett von Ihnen, vielen Dank. Es gibt nicht viele Menschen, die so verständnisvoll reagieren. Manche starren mich an, andere machen sich über mich lustig oder fangen an, mich zu beleidigen. Einmal hat ein kleines Mädchen sogar angefangen zu weinen. Ich wünschte wirklich, dass ich es lassen könnte, aber ich kann nicht. Es ist aber keine Zwangsneurose oder wie das heißt – ich glaube nicht, dass das Flugzeug abstürzt, wenn ich mein Sprüchlein nicht richtig aufsage, oder so. Wie verrückt muss jemand sein, der so einen Blödsinn tatsächlich glaubt? Das kann ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen. Ich habe einfach nur Flugangst. Das ist doch nichts Ungewöhnliches, oder? Ich habe Flugangst und muss mir vor jedem Start sagen, dass das Flugzeug nicht abstürzt und dass ich auch dieses Mal nicht sterben werde.«

»Tja, ich hoffe wirklich, dass Sie recht behalten«, erwiderte Victor. »Ansonsten sieht es für mich auch nicht besonders rosig aus.«

Ihr Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen, und sie stieß ihn sanft mit dem Ellbogen an, als leise Anerkennung für seinen Witz. Zwei Stewardessen kamen den Mittelgang entlang und kontrollierten, ob alle Fluggäste angeschnallt waren. Victor tat zwar so als ob, schnallte sich aber nicht an.

»Selbstverständlich könnte das Flugzeug abstürzen, und ich könnte dabei sterben. Ich gehöre auch nicht zu denen, die glauben, dass die schlimmen Sachen immer nur den anderen passieren. Obwohl ich mir manchmal wünsche, ich könnte mit so einer seligen Ahnungslosigkeit durch den Tag spazieren. Ach, wäre das schön. Aber ich kann das nicht. Ich habe einen Verstand. Ich kann denken. Das ist ein Fluch. Gut möglich, dass ich eines Tages bei einem Flugzeugabsturz ums Leben komme, aber die Wahrscheinlichkeit ist ungefähr so groß wie sechs Richtige im Lotto. Ich kenne sämtliche statistische Daten zum Thema Flugverkehr. Und eins kann ich Ihnen sagen: Noch nie im Leben habe ich mir einen Lottoschein gekauft.«

»Auf der Fahrt zum Flughafen mit Ihrem Wagen oder mit dem Taxi, da hatten Sie bestimmt keine Angst, hab ich recht?«

»Ganz genau«, erwiderte die Frau und nickte heftig. Sie drehte ihren Oberkörper, sodass sie ihn besser anschauen konnte, und legte die Hände auf die Armlehne zwischen ihrem und seinem Sitz. Dann beugte sie sich über die Lehne hinweg zu ihm, viel dichter, als er erträglich fand. Aber normale Menschen konnten so etwas aushalten, und er war es gewohnt, so zu tun, als sei das auch für ihn kein Problem. Sie sprach weiter: »Auch darüber weiß ich alles. Ich muss immer alles wissen. Und reden muss ich auch ständig, das haben Sie wahrscheinlich schon gemerkt. Sie können mich ja verklagen deswegen. Nein, lieber nicht. Haben Sie gewusst, dass jedes Jahr rund siebenhundert Menschen bei Flugzeugabstürzen ums Leben kommen, aber bei Autounfällen tagtäglich dreitausend? Ich habe nicht einmal annähernd eine Vorstellung davon, wie viele das aufs Jahr gerechnet sind.«

»Ungefähr 100.000«, sagte Victor und verkniff sich die exakte Zahlenangabe von 109.500.

»Wow«, stieß sie mit weit aufgerissenen Augen hervor. »Da sehen Sie’s. Wir müssten eigentlich wahnsinnige Angst vor jeder Fahrt zum Supermarkt haben. Haben wir aber nicht, stimmts? Stattdessen fürchten wir uns vor dem Fliegen. Wir sind wirklich nicht ganz dicht.«

Victor nickte.

»Psychotherapie und Hypnose habe ich schon ausprobiert. Eine Schulung habe ich auch mitgemacht. Aber nichts hat geholfen. Ich kann meine Angst nur deshalb im Zaum halten, weil ich die statistischen Fakten kenne, weil ich weiß, wie die Chancen stehen.«

»Es ist immer gut zu wissen, wie die Chancen stehen«, erwiderte Victor.

»Nicht wahr? Und Angst haben wir schließlich alle, oder etwa nicht? Es sei denn, man hat diese Krankheit, wo man überhaupt keine Angst mehr empfindet. Jedenfalls wäre es eine Krankheit, von der man mal etwas hätte.«

»Ich denke ja.«

Sie berührte ihn leicht am Arm und fragte: »Was lockt Sie nach Berlin?«

»Die Arbeit«, entgegnete Victor.

»Arbeit, Arbeit, Arbeit und kein bisschen Spaß, stimmts?«

»Stimmt.«

»Ich habe mittlerweile die Hälfte aller Großstädte dieser Welt gesehen, wenn auch nur durch ein Taxifenster auf dem Weg zwischen meinem Hotel und dem Büro. Dieses Mal bin ich auf Arschkriecher-Tour. Meine Kanzlei gehört zu einem riesigen deutschen Großkonzern. Und ich bin vom Vorstand zur Chefdiplomatin auserkoren worden, um ›die Beziehungen zu festigen‹.« Sie malte mit ihren Fingern imaginäre Anführungszeichen in die Luft. »Mit anderen Worten: Ich bin die Einzige, die deutsch spricht. Hat ja auch seine guten Seiten. Ich darf drei Nächte in einem Viersternehotel verbringen, inklusive aller Spesen. Dort gibt es einen großen Wellness-Bereich, und ich habe keinen fetten Schnarcher im Bett neben mir liegen. Wie sieht es bei Ihnen aus? Sprecken Sie Deutsh

Er schaute sie ratlos an. »Wie bitte?«

Sie schüttelte den Kopf, zum Zeichen, dass es nicht so wichtig war. »Und, in welcher Branche sind Sie tätig?«

»Früher war ich freiberuflich unterwegs. Aber das hat sich letztendlich nicht ausgezahlt.«

»Und jetzt machen Sie den Sklaven für den großen Boss?«

Er nickte.

Sie stieß ihn erneut mit dem Ellbogen an. »Ich weiß, wie es Ihnen geht. Früher habe ich auch als freie Beraterin gearbeitet. Das war einfach großartig. Unfassbar gut bezahlt. Ich konnte mir die Jobs aussuchen. Jede Menge Freizeit, um meine beiden Jungs nach Herzenslust zu verwöhnen. Aus denen mittlerweile junge Männer geworden sind. Moment, ich korrigiere: Sie halten sich für junge Männer. Aber die Zeiten ändern sich. Das Klima wird rauer. Irgendwann entscheidet man sich eben für das regelmäßige Gehalt und verabschiedet sich von der Freiheit. Aber es nervt, wenn man nicht mehr sein eigener Chef ist, hab ich recht? Trotzdem, was wäre die Alternative? Wie soll man sonst überleben?«

»Ich bin noch dabei, das rauszufinden.«

»Darf ich Ihnen einen Rat geben? Machen Sie sich keine Gedanken. Freuen Sie sich jeden Monat auf Ihren Kontoauszug, und kriechen Sie in jeden Arsch, der für Ihren Job wichtig ist. Und wenn die Wirtschaft wieder besser läuft, dann drehen Sie den Spieß um und zeigen denen, was die Sie können. Ich heiße übrigens Victoria.«

Sie streckte ihm die Hand entgegen. Er ergriff sie. Sie fühlte sich weich und kühl an.

»Das ist ein wunderschöner Name.«

Sie strahlte. »Finden Sie wirklich? Ich weiß nicht so recht. Ich finde, Victoria klingt so altmodisch. Irgendwie muss ich jedes Mal an diese dicke, miesepetrige Königin denken, der man es nie recht machen konnte. Früher wollte ich immer die junge Scarlett in Vom Winde verweht sein. Heute hätte ich am liebsten einen modernen, exotischen Namen, Tatiana zum Beispiel. Ich wünschte wirklich, wir wären nicht so festgelegt auf das, was unsere Eltern sich für uns ausgesucht haben. Ich meine, überlegen Sie doch mal. Jahre, bevor wir sprechen können – von der Fähigkeit zu einer bewussten Entscheidung ganz zu schweigen –, beschließt irgendjemand aus einer anderen Generation, der in einer anderen Zeit mit anderen Werten und Moden geboren wurde, wie wir für den Rest unseres Lebens heißen sollen. Das ist doch wirklich kaum vorstellbar, wenn Sie mich fragen. Ich wünschte, wir könnten uns jederzeit einen eigenen Namen aussuchen. Heute Tatiana, morgen Scarlett. Und übermorgen vielleicht wieder etwas anderes. Das wäre bestimmt lustig, finden Sie nicht?«

»Ich könnte mir vorstellen, dass das ziemlich anstrengend werden würde.«

Sie hob die Augenbrauen. Sie hatte wohl mit Zustimmung gerechnet. »Wieso denn? Mir wäre es egal, wenn die anderen ein bisschen durcheinanderkommen würden.«

»Das meine ich nicht. Aber wenn Sie sich viele verschiedene Namen geben, wie würden Sie sich selbst sehen? Ist der Name nicht ein untrennbarer Bestandteil der eigenen Identität?«

Sie dachte einen Moment lang nach, ohne die Augenbrauen zu senken. »Na ja, ich nehme an, ich würde mir den Namen aussuchen, der mir am besten gefällt, und das wäre dann ich. Wie die anderen Leute mich ansprechen, das wäre mir nicht so wichtig. Ich hätte diesen einen Namen, ganz für mich alleine. Wie ein Geheimnis.« Sie hielt erneut inne, und ihre Miene entspannte sich. »Ja, genau, das wäre noch lus-tiger. Wenn ich als Einzige meinen Namen kennen würde.«

»Aber wenn ihn außer Ihnen niemand kennt, dann kennt auch niemand Ihr wahres Ich.«

Sie lächelte. »Sie sind ein kleiner Witzbold. Glauben Sie ernsthaft, dass es irgendjemanden gibt, der mein wahres Ich kennt? Kennt irgendjemand Ihr wahres Ich?«

Victor schüttelte den Kopf.

»Was spielt es dann für eine Rolle, wenn niemand den Namen kennt, den ich mir ausgesucht habe?«

»Das ist ein überzeugendes Argument.«

»Das will ich meinen. Ich muss mir zwar vor jedem Start dreimal sagen, dass ich nicht sterben werde, nur um mich nicht in eine kreischende, heulende Furie zu verwandeln, aber trotzdem weiß ich ganz genau, wovon ich spreche.« Sie zwinkerte ihm zu. »Zumindest gelegentlich.«

Die Maschine hatte mittlerweile ihre Ausgangsposition am Anfang der Startbahn erreicht.

»Starts und Landungen sind bei jedem Flug die gefährlichsten Momente. Ich habe Angst, aber ich drehe nicht durch. So, wie bei einem Gewittersturm. Da habe ich auch Angst, dass mich der Blitz erschlägt, aber ich kann sie im Zaum halten. Und ich ärgere mich auch nicht jedes Mal, dass ich keinen Schein ausgefüllt habe, wenn irgendjemand hundert Millionen Dollar gewonnen hat.«

»Der Mensch denkt, der Zufall lenkt.«

»Ich glaube, das wird ab sofort mein neues Lebensmotto.«

»Hat mir bis jetzt immer Glück gebracht.«

»Möge es noch lange so bleiben.«

Victor sah sich um, während das Flugzeug schneller wurde und abhob. Viele Passagiere waren nervös, andere nicht. Nach wenigen Minuten hatte die Maschine ihre Reisehöhe erreicht und glitt in die Waagerechte. Knapp zweihundert Tonnen Metall mit gut vierzig Tonnen Fleisch und Knochen an Bord und darunter nichts als Luft.

Sie stupste ihn mit dem Ellbogen an. »Der Mensch denkt …«

Er lächelte und nickte.

Sie erwiderte sein Lächeln und legte erneut ihre Hand auf seinen Arm. »Und, mein Hübscher, wie werden Sie normalerweise genannt?«