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Nicola Cornick

Von einem Engel verführt

IMPRESSUM

VON EINEM ENGEL VERFÜHRT erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 1998 by Nicola Cornick
Originaltitel: The Virtuos Cyprian
erschienen bei: Harlequin Enterprises, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe MYLADY ROYAL
Band 6 - 2000 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Roy Gottwald

Abbildungen: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 09/2015 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733763343

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Nicholas Strafford, achter Earl of Seagrave, schlenderte durch die Bond Street und dachte über das Heiraten nach. Es war nicht so sehr die Ehe als solche, der seine Überlegungen galten, als vielmehr seine eigene Vermählung, deren Ankündigung an diesem Vormittag in der Gazette erfolgt war. Seine zukünftige Gattin Louise Elliott, Viscount Oldhams Tochter, vereinte alles in sich, was er seinem Stolz und seiner Abstammung schuldig zu sein glaubte. Sie war wohlerzogen, tadellos gebildet und hübsch, wenngleich auf eine etwas fade, unscheinbare Weise.

An sich hätte er zufrieden sein können, stellte jedoch fest, dass ihm das Leben wieder einmal über die Maßen eintönig vorkam. Dieser Zustand der Langeweile plagte ihn bereits etliche Jahre, seit er aus dem Krieg gegen Napoleon von der Iberischen Halbinsel zurückgekehrt war. Auch die in vollen Zügen genossenen Vergnügungen, die London zu bieten hatte, waren nicht dazu angetan gewesen, ihm das Gefühl der Monotonie zu nehmen. Nicht einmal die Aussicht auf seine baldige Hochzeit konnte seine Stimmung heben.

Etwa zur gleichen Zeit an diesem Nachmittag gab sich der Verwalter von Dillingham Court, dem Besitz Lord Seagraves in Suffolk, alle Mühe, nicht einzuschlafen. Arthur Josselyn saß an einem wuchtigen Schreibtisch in der als Gerichtssaal fungierenden Halle des Anwesens und hatte nur noch wenig zu tun. Der Streit zwischen zwei Parteien über die unberechtigte Einfriedung allgemein zugänglichen Landes war bereits beigelegt worden, indem einer der Pächter widerstrebend eingewilligt hatte, den von ihm aufgestellten Zaun zu entfernen. Danach war der Fall zweier Bauern zur Verhandlung gekommen, bei dem es um den Verkauf eines minderwertigen Pferdes zu überhöhtem Preis ging. Der Verkäufer hatte die Entrichtung des gesamten, bisher nur zum Teil beglichenen Preises verlangt. Mr Josselyn hatte entschieden, jeder der Kontrahenten habe sich ein Vergehen zu Schulden kommen lassen, und beiden eine Geldbuße auferlegt. Nun galt es nur noch, den Erbpachtkontrakt für Cookes, ein zu Dillingham Court gehörendes Gutshaus, auf Walter Mutch, den Neffen des bisherigen, vor kurzem verstorbenen Vertragsinhabers George Kellaway zu überschreiben. Unter Hinweis auf entsprechende Klauseln des Kontrakts verlangte Mr Mutch im Namen seiner Mutter, der Schwester des Verblichenen, in sein Erbrecht eingesetzt zu werden.

Walter Mutch, ein dunkelhaariger junger Mann, der, wie Mr Josselyn fand, ein ziemlich bewegtes Leben führte, hatte seinem Onkel mütterlicherseits nie sehr nahe gestanden, nach dessen Tod jedoch sofort die Gelegenheit ergriffen, das am Rande des Dorfangers gelegene Anwesen, zu dem ein großer Garten und ein beträchtliches Grundstück zur Bewirtschaftung gehörten, für sich zu beanspruchen. George Kellaway war zwar begütert gewesen, hatte sich jedoch auf Grund seiner geisteswissenschaftlichen Neigungen nicht zum Erwerb eines eigenen Besitzes entschlossen, für den er auch während seiner langen Auslandsreisen hätte aufkommen müssen. Da er mit dem Vater Seiner Lordschaft befreundet gewesen war, hatte es auf der Hand gelegen, Cookes von ihm zu pachten. Der Vertrag enthielt die ungewöhnliche Klausel, dass er auf Mr Kellaways Erben übertragen werden könne. Der jetzige Earl of Seagrave hatte keine Einwände gegen die Überschreibung auf Mr Mutch erhoben, da ihm wenig an dem für ihn unbedeutenden Anwesen gelegen war und er sich ohnehin zumeist in London vergnügte.

Mr Josselyn fühlte den Drang, die Angelegenheit so schnell wie möglich zu erledigen. Er räusperte sich, hieß den Antragsteller sich erheben und sagte geschäftig: „Über die Eingabe des Walter Mutch, den Erbpachtvertrag für das ,Cookes‘ genannte Anwesen in Dillingham auf ihn zu überschreiben, wurde eingehend beraten. Im Namen Seiner Lordschaft Nicholas John Rosslyn Strafford, Earl of Seagrave, wurde dem Ansinnen am heutigen Tage, dem fünften Juni achtzehnhundertundsechzehn, im sechsundfünfzigsten Jahr der Herrschaft Seiner Majestät, König Georg III. Wilhelm Friedrich, Kurfürst von Hannover, stattgegeben.“

Eben im Begriff, den Vertrag zu unterzeichnen, hielt der Verwalter plötzlich inne und blickte verblüfft zum Portal, wo jemand laut den Türklopfer betätigt hatte. „Herein!“, rief er unwirsch, bedeutete dem Butler zu öffnen, und fragte sich befremdet, wer in diesem späten Stadium der Sitzung wohl noch Einlass begehren mochte.

Der Bedienstete hielt indessen die Tür auf und ließ eine tief verschleierte Frau in Trauerkleidung eintreten.

Gegen die eindringende Helligkeit blinzelnd, konnte Mr Josselyn nicht richtig erkennen, wer in die Halle gekommen war, und fragte ungehalten: „Wer sind Sie? Was ist Ihr Begehr?“

Der Butler schloss das Portal, und unter den wenigen in der Halle Anwesenden entstand augenblicklich Geraune.

„Verzeihen Sie die Unterbrechung, Sir“, erwiderte die Fremde und näherte sich gemessenen Schritts dem Bureau, hinter dem der Verwalter von Dillingham Court saß.

Er bemerkte, dass die ebenfalls Trauerkleidung tragende Mrs Mutch, die dem Verlauf der Sitzung bisher etwas abseits von den anderen Anwesenden stehend zugehört hatte, sich rasch auf einen freien Stuhl setzte. Stirnrunzelnd richtete er den Blick auf die Dame, die mit jugendlich graziösen Bewegungen auf ihn zukam.

Vor dem Schreibtisch hielt sie an und schlug den Schleier zurück.

Wie vermutlich jeder andere Mann im Raum hielt Mr Josselyn beim Anblick ihres außergewöhnlich schönen Gesichts unwillkürlich den Atem an. Ihr Teint war makellos rein und hell. Das silberblonde Haar schimmerte im Licht; in den kornblumenblauen Augen stand ein zuversichtlicher Ausdruck, und Nase und Mund waren von einer Ebenmäßigkeit, wie man sie selten sah. Ihre Ausstrahlung war bezaubernd, damenhaft, und sie schien sich der Wirkung, die sie erzeugte, sehr bewusst zu sein. Jäh wurde Mr Josselyn warm. Unbehaglich weitete er den Hemdkragen, rückte die Brille zurecht und erkundigte sich in barschem Ton: „Sie wünschen, Madam?“

„Ich bitte ein weiteres Mal um Entschuldigung für die Störung, Sir“, antwortete sie. Ihre weiche, dunkel timbrierte Stimme hatte einen sinnlichen Klang. Mr Josselyn nahm sich zusammen, schaute sie streng an und fragte geschäftsmäßig: „Mit wem habe ich die Ehre, Madam?“

„Ich bin Miss Susanna Kellaway, wohnhaft am Portman Square in London“, stellte sie sich vor.

Mr Josselyn führte zwar schon lange ein wenig abwechslungsreiches Leben auf dem Lande, war aber mit ihrem Namen gut vertraut. Es gab wohl niemanden, der noch nichts über die berühmte, ständig in Skandale verstrickte Londoner Kurtisane gehört hatte. Sie war die Mätresse einer ganzen Reihe von reichen, angesehenen Gentlemen gewesen, und über ihre anstößige Beziehung zum Duke of Penscombe hatte viel in den Zeitungen gestanden. Fassungslos sah Mr Josselyn die junge Frau an und vermochte kaum zu glauben, dass es sich um die Tochter des vor einiger Zeit dahingegangenen, so gebildeten und kultivierten Mr Kellaway handeln sollte, der über dreißig Jahre lang in Cookes ein sehr zurückgezogenes Dasein geführt hatte. „Was kann ich für Sie tun, Miss Kellaway?“, erkundigte er sich schließlich.

„Als ältere Tochter meines vor kurzem verschiedenen Vaters George Kellaway erhebe ich hiermit Anspruch auf die Einsetzung in den Erbpachtvertrag von Cookes“, verkündete sie kühl.

Nicht im Stande, sein hitziges Gemüt zu beherrschen, drehte Walter Mutch sich ihr zu und brauste auf: „Sie lügen, Miss Kellaway! Mein Onkel hatte keine Kinder! Ich erhebe nachdrücklich Einspruch gegen Ihren Antrag!“

„Beruhige dich, Walter“, murmelte sein jüngerer Bruder Benjamin neben ihm beschwichtigend.

„Kann es sein, dass es sich um ein Missverständnis handelt?“, wandte Mr Josselyn ein, sah die vor ihm stehende junge Frau an und erkannte am boshaften, herausfordernden Ausdruck in ihren Augen deutlicher, als wenn sie seine Frage verneint hätte, dass kein Irrtum möglich war.

„Nein, Sir“, widersprach sie gelassen, griff in ihr Réticule und entnahm ihm einige zusammengefaltete Unterlagen. „Das sind die Urkunden, durch die meine Geburt und die Eheschließung meiner Eltern bestätigt wird“, fuhr sie selbstsicher fort und legte die Dokumente auf den Bureau. „Daraus ergibt sich zweifelsfrei, dass ich den größten Anspruch auf den Cookes betreffenden Vertrag habe!“

Mr Josselyn entfaltete die Papiere, doch vor Aufregung verschwammen die Eintragungen vor seinen Augen.

Erneut sprang Walter auf und schrie, seine Hände zornbebend in die Seiten gestemmt, die angebliche Miss Kellaway an, sie sei eine Schwindlerin. Hastig ergriff Benjamin ihn am Arm und zog ihn auf seinen Stuhl zurück.

Die Zuhörer tuschelten, murmelten und redeten laut darüber, ob jemand wisse, dass George Kellaway tatsächlich eine Tochter gehabt hatte.

Aufgebracht pochte Mr Josselyn mit der Faust auf den Schreibtisch, verlangte Ruhe und blickte verstört auf Miss Kellaway, die sichtlich ihren Auftritt und den von ihr erzeugten Aufruhr genoss.

Sie beugte sich vor, legte die Hände auf den Bureau und äußerte lächelnd: „Mr Barnes, mein Anwalt, wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen, Sir, damit der Pachtvertrag auf meinen Namen überschrieben wird. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.“ Zufrieden wandte sie sich ab, durchquerte hocherhobenen Hauptes die Halle und verließ das Haus.

Entgeistert blickte Mr Josselyn ihr hinterher und schüttelte ungläubig den Kopf. Der Schweiß brach ihm bei dem Gedanken aus, dass er nun Seine Lordschaft einschalten musste. Normalerweise behelligte er ihn nicht mit geschäftlichen Belangen, doch in diesem Fall lagen die Dinge anders. Er wagte nicht, Lord Seagrave über diese erstaunliche Entwicklung im Ungewissen zu lassen. Unwillkürlich überlegte er, wie der Earl auf die Neuigkeit, dass die berüchtigte Kurtisane beabsichtige, sich auf seinem Grund und Boden zu etablieren, reagieren mochte.

„Was hat dich bewogen, nach Oakham zu kommen, Susanna?“

Eine empfindlichere Frau als Susanna hätte sich gewiss über den wenig begeisterten Ton der Frage geärgert. Sie war es jedoch seit Jahren gewohnt, auf Ablehnung zu stoßen. Außerdem war ihr klar, dass die abweisende Haltung der Zwillingsschwester weniger auf Missbilligung ihres Lebenswandels beruhte, sondern mehr auf der Erkenntnis, dass Susanna sie nur dann aufsuchte, wenn sie etwas von ihr haben wollte. Gewinnend lächelte sie die gerade aufgerichtet dasitzende Lucille an und antwortete leichthin: „Nun, ich habe mich aus Trauer um unseren lieben Vater bei dir eingefunden. Ich gehe davon aus, dass du von seinem Ableben gehört hast.“

Lucille blickte flüchtig auf die im Schoß gefalteten Hände und richtete die Augen dann auf Susanna, die in dem schlichten Empfangssalon von Miss Pyms Schule für Höhere Töchter wie ein schillernder Paradiesvogel wirkte. Sie fand, Susanna habe sich in einer Weise auf dem Sofa niedergelassen, die ihre Figur bestens zur Geltung brachte. Wahrscheinlich war diese Haltung, derer sie sich bestimmt immer dann befleißigte, wenn Männer anwesend waren, der Schwester schon in Fleisch und Blut übergegangen. Amüsiert vermutete Lucille, dass die Lehrer für Musik und Kunst sicher bald unter irgendeinem Vorwand im Empfangssalon erscheinen würden.

Das Kleid, das Susanna trug, eignete sich Lucilles Ansicht nach nicht für den Tag, da es sehr tief dekolletiert war. Vor allem im Hinblick darauf, dass sich viele junge und leicht zu beeindruckende Mädchen im Internat befanden, war die Wahl eines solchen Gewandes höchst unpassend. Es war ohnehin schon sehr erstaunlich, dass man Susanna Zutritt gewährt hatte. Miss Pym hatte nämlich nie ein Geheimnis daraus gemacht, wie sehr sie Anstoß daran nahm, dass eine ihrer früheren Schülerinnen in den Ruf einer Lebedame geraten war, und damit ihrem auf Sitte und Anstand bedachten Haus zum Nachteil gereichte.

„Ja, unsere Ziehmutter hat mir mitgeteilt, dass Vater verstorben ist.“ Lucille seufzte. „Ich fürchte, auch wenn er es war, der für unseren Unterhalt und unsere Erziehung aufgekommen ist, sehe ich in unseren Zieheltern Markham meine eigentlichen Eltern.“

Susanna verzog geringschätzig den Mund. „Ich hege weder für die beiden noch für unseren leiblichen Vater die mindesten Gefühle! Mr Markham hat uns nichts hinterlassen, und unser Vater hat schon zu seinen Lebzeiten nie etwas für uns getan. Wir wurden schon als Kleinkinder den Markhams übergeben, und auch in späteren Jahren wollte er nichts von uns wissen. Nicht einmal nach Mr Markhams Tod hat er sich um uns gekümmert! Nein, er reiste nach China, und wir waren ganz auf uns allein angewiesen. Meiner Meinung nach war es herzlos und unnatürlich von ihm, uns derart schäbig zu behandeln und keinen Gedanken an uns zu verschwenden!“

Lucille war der Ansicht, es habe keinen Sinn, dem Vater, den weder sie noch die Zwillingsschwester je zu Gesicht bekommen hatten, sein Verhalten zu verargen. Er hatte sich nicht im Stande gesehen, seine Töchter, nachdem die Mutter bei ihrer Geburt gestorben war, aufzuziehen, da er als Wissenschaftler und Forscher viel auf Reisen war. Für ihn war es ein Glück gewesen, dass sein kinderloser Vetter, der eine Pfarreistelle in der Nähe von Ipswich bekleidete, gern die Verantwortung für die beiden Mädchen übernommen hatte. Der Vater hatte ihm die Mittel für den Lebensunterhalt und die Erziehung seiner Kinder zukommen lassen, sodass sie später in Miss Pyms Schule für Höhere Töchter eine ausgezeichnete Ausbildung bekommen hatten. Lucille vertrat den Standpunkt, weder sie noch Susanna könnten sich über den Ziehvater beklagen. Sie waren von ihm umsorgt worden und bei ihm glücklich gewesen.

Gewiss, es war bedauerlich, dass der Vater nie den Wunsch verspürt hatte, seine Töchter zu sehen. Zu seiner Entschuldigung konnte man nur sagen, dass er viel unterwegs und nach Ausbruch des Krieges nicht zu erreichen gewesen war. Natürlich wäre es besser gewesen, Lucille und ihre Schwester hätten sich nach Mr Markhams Ableben an den leiblichen Vater wenden können. Den Zieheltern war unvermutet in Mr Markhams letzten Jahren eine Tochter geboren worden, sodass er sein kleines, nicht für den Lebensunterhalt von vier Personen ausreichendes Vermögen seinen Angehörigen hinterlassen hatte.

Verständlicherweise hatte er bei der Abfassung seines Letzten Willens angenommen, nach seinem Tod werde sein Vetter für dessen Töchter aufkommen. Das war jedoch nicht möglich gewesen, da der Vater sich zum Zeitpunkt des Hinscheidens seines Cousins wieder einmal im Ausland befunden hatte und sie nicht hätte unterstützen können, selbst wenn das seine Absicht gewesen wäre. Leider war niemandem bekannt gewesen, ob er einen Vermögensverwalter hatte, den seine Töchter während seiner Abwesenheit oder nach seinem Tod in Tibet um finanzielle Hilfe hätten ersuchen können. Daher waren sie genötigt gewesen, sich ihr Brot zu verdienen, und hatten dabei grundverschiedene Wege eingeschlagen.

„Hat unser leiblicher Vater dir etwas vererbt?“, fragte Susanna unvermittelt.

Der beiläufige Ton, den sie angeschlagen hatte, stand in krassem Widerspruch zu der Habgier, die aus ihrem Blick sprach. Lucille zog die Augenbrauen hoch und antwortete verdutzt: „Mir? Soweit mir geläufig ist, hat er kein Testament hinterlassen. Zudem hatte er doch keinen Besitz.“

„In diesem Punkt täuschst du dich, meine Liebe“, widersprach Susanna und lächelte süffisant. „In der vergangenen Woche habe ich nämlich in seinem Haus gewohnt. Dort war es furchtbar langweilig“, fügte sie seufzend hinzu.

Lucille war verblüfft, konnte die Schwester jedoch nicht nach einer näheren Erklärung fragen, da Molly mit dem Teewagen in den Empfangssalon kam.

Molly warf Miss Susanna Kellaway einen argwöhnischen und zugleich faszinierten Blick zu, servierte dann und konnte, ehe sie den Raum verließ, nicht widerstehen, noch einmal zu Miss Lucilles in eleganter Haltung auf der Veilleuse sitzender Schwester zu sehen. Miss Susanna Kellaway war so schön, ihr modischer Démis-Castor bezaubernd, die Douillette aus feinstem Stoff, das darunter getragene rote Chemisenkleid fließend und die Figur umschmeichelnd. Die sehr kostspielig wirkenden Ohrringe und das dazu passende Halsband waren bestimmt ein Geschenk des in sie verliebten Duke of Penscombe. Miss Kellaway mochte ein anrüchiges Leben führen, aber Molly bewunderte sie. Der Unterschied zwischen den Zwillingsschwestern hätte nicht eklatanter sein können. Miss Susanna Kellaway war eine Aufsehen erregende Dame von Welt, neben der ihre in der Schule als Lehrerin beschäftigte Schwester noch unscheinbarer und farbloser aussah als sonst.

„Ich war mir nicht bewusst, dass unser Vater ein Haus besitzt“, antwortete Lucille überrascht.

„Das hast du nur vergessen“, erwiderte Susanna ungeduldig. „Du weißt doch, dass wir in Cookes zur Welt gekommen sind. Außerdem hat Vater zwischen seinen Reisen stets dort gelebt.“

„Aber Cookes ist nicht sein Eigentum“, wandte Lucille ein. „Er hatte das Anwesen nur gepachtet.“

„Das stimmt, aber ich lasse den Kontrakt auf meinen Namen überschreiben“, verkündete Susanna und lächelte herablassend. „Mr Barnes hat mich über die Vertragsbedingungen informiert. Nanu, was ist denn plötzlich mit dir los?“, fügte sie verwundert hinzu.

Entsetzt starrte Lucille sie an und äußerte erschüttert: „Stehst du etwa mit dem Anwalt unseres Ziehvaters in Verbindung?“

Susanna nickte.

„Du meine Güte“, sagte Lucille betroffen. „Seine Klientel bestand doch nur aus Landärzten und Geistlichen! Hat es ihn nicht schockiert, dass du seine Dienste in Anspruch nehmen wolltest?“

Lachend warf Susanna den Kopf in den Nacken und antwortete belustigt: „Deine Frage zeigt deutlich, wie wenig du von Geschäften verstehst, Lucille! Mr Barnes war sehr zufrieden, dass ich ihn auch zu meinem Anwalt erkoren habe. Er hat mir den letzten Willen unseres Vaters vorgelesen und meine Aufmerksamkeit auf die Tatsache gelenkt, dass ich als die Ältere von uns beiden das Recht der Weiterführung des Pachtvertrages für mich in Anspruch nehmen kann. Ich dachte mir, es könne nichts schaden, wenn ich den Nießnutz behalte. Schließlich bietet das Leben, das ich führe, mir auf Dauer nur eine ungewisse finanzielle Sicherheit.“

„Dann erbst du auch Vaters andere Effekten, nicht wahr?“

„Er hat uns nichts hinterlassen“, antwortete Susanna bedauernd. „Sein Geld hat er für seine Reisen ausgegeben, und abgesehen vom Mobiliar ist das Haus nur vollgestopft mit Büchern und seltsamen chinesischen Gebrauchsgegenständen. Das ist wohl typisch für ihn“, setzte sie abfällig hinzu. „Gleichviel, du siehst, dass du keinen Grund hast, mich zu beneiden!“

Nachdenklich trank Lucille einen Schluck Tee und bemerkte dann: „Ich entsinne mich, dass unser Vater Cookes von dem ihm befreundeten Lord Seagrave gepachtet hat. Welcher Art sind die Vertragsbedingungen?“

„Woher soll ich das wissen?“, fragte Susanna befremdet. „Diese Dinge überlasse ich selbstverständlich Mr Barnes. In meinen Augen ist Cookes der langweiligste Ort auf Erden, und ich versichere dir, dass ich keinen Augenblick länger dort bleiben würde, wenn ich nicht das Gefühl hätte, dadurch etwas zu gewinnen. Und genau diese Erwägungen haben mich zu dir geführt, Lucille“, setzte sie etwas kleinlaut hinzu. „Ich werde für eine Weile verreisen und habe mir daher gedacht, du könntest nach Dillingham fahren und dort unter meinem Namen auftreten.“

Beinahe hätte Lucille sich verschluckt. Hastig stellte sie die Tasse auf den Tisch, hielt sich hustend die Hand vor den Mund und spürte Tränen in den Augen. Sie sah den harten, forschenden Blick der Schwester auf sich gerichtet und erwiderte kopfschüttelnd: „Entweder bist du von Sinnen, Susanna, oder du beliebst zu scherzen! Solche albernen Verstellungen waren in unserer Kindheit und Jugend ganz amüsant, aber wie kannst du mir heute einen so dummen Vorschlag unterbreiten? Ich denke nicht daran, ihn auch nur in Betracht zu ziehen!“

Susanna setzte eine beleidigte Miene auf und äußerte verstimmt: „Seit unserer letzten Begegnung bist du noch unausstehlicher geworden, Lucille! Ich verlange nichts Dummes von dir! Im Gegenteil, es ist mir sehr ernst mit meiner Bitte. Glaubst du, ich hätte die lange Reise von Suffolk unternommen und unterwegs in den abscheulichsten Herbergen genächtigt, nur um dich zu belustigen? Also, ich muss schon sagen! Du bist diejenige, die nicht mehr ganz bei Trost ist!“

Lucille gab sich zu bedenken, dass die Schwester tatsächlich nie etwas tat, das ihr keinen Nutzen einbrachte. Auch jetzt drückte Susannas Miene feste Entschlossenheit aus. Lucille hielt das an sie gerichtete Ansinnen nicht für wert, auch nur einen Augenblick lang darüber nachzudenken, fühlte sich jedoch aus Neugier versucht, Näheres zu erfahren. „Wieso brauchst du mich in dieser Sache?“, erkundigte sie sich misstrauisch.

„Ich bin auf dich angewiesen, weil ich, wie ich bereits gesagt habe, eine Zeit lang verreisen werde“, antwortete Susanna immer noch etwas verärgert. „Baron Bolt hat mich nach Paris eingeladen, und weil ich befürchte, er könne mich vergessen, will ich ihn nicht allein fahren lassen. Das Zusammentreffen der beiden Ereignisse ist ausgesprochen unglücklich.“

Flüchtig empfand Lucille Mitleid mit der Schwester. „Ist er dir so wichtig, Susanna?“, fragte sie erstaunt. „Liebst du ihn?“

Susanna lachte verbittert auf und äußerte spöttisch: „Ob ich ihn liebe? Du meine Güte, nein! Aber ich kann ihn vielleicht dazu überreden, mich zu heiraten. Mit siebenundzwanzig Jahren sind wir nicht mehr die Jüngsten, Lucille! Der Gedanke, schon so alt zu sein, erschreckt mich stets aufs Neue. Du kannst hier weiter unterrichten, bis du das Zeitliche segnest, aber meine Situation ist ganz anders. Ich muss mir eine sichere Zukunft verschaffen.“

Taktvoll überging Lucille den demütigenden Hinweis auf ihre Lebensaussichten und murmelte: „Ich verstehe, war bis jetzt jedoch der Annahme, dass du den Vertrag nur deshalb auf dich überschrieben haben willst.“

„Ganz recht“, bestätigte Susanna. „Indes kann ich nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein. Beide Dinge sind mir ungeheuer wichtig, doch Lord Bolt hat mir im Moment mehr zu bieten. Schließlich würde ich durch die Heirat mit ihm Baronin! Auf Cookes will ich deshalb jedoch nicht verzichten, weil die Möglichkeit besteht, dass es mir finanziell von Nutzen sein kann. Wirklich, die Angelegenheit ist sehr kompliziert, und es ärgert mich, dass unser Vater in einem derart falschen Augenblick sterben musste.“

Im Stillen schüttelte Lucille den Kopf über so viel Selbstsucht und erwiderte ironisch: „Unser Vater hat wohl nicht bedacht, wie sehr sein Tod dich in eine Zwickmühle bringen würde. Halte mich bitte nicht für begriffsstutzig, aber ich verstehe nicht, weshalb du jetzt unbedingt in Dillingham anwesend sein musst. Wenn du in die Wege geleitet hast, dass der Vertrag auf dich überschrieben wird, kannst du doch beruhigt verreisen.“

Missmutig verzog Susanna das Gesicht. „Man will, dass ich Cookes räume“, erklärte sie verdrossen. „Nein, mach kein so überraschtes Gesicht, Lucille! Du hattest nichts mit den Advokaten zu tun, die mich in der letzten Woche geplagt und nachzuweisen versucht haben, dass mein Anspruch auf das Anwesen unberechtigt ist. Man ist sehr erbost darüber, dass ich mich in dem Haus aufhalte, und würde den Kontrakt am liebsten sofort für null und nichtig erklären. Das darf nicht passieren, denn dann verlöre ich das mir zustehende Erbe. Daher kann ich nicht ohne die Gewissheit verreisen, dass du dich um meine Interessen kümmerst. Die einfachste Lösung ist wirklich, dass du dich für mich ausgibst. Schließlich weiß niemand in Dillingham etwas von deiner Existenz, und folglich käme kein Argwohn auf. Durch die Täuschung hätten die Leute dann den Eindruck, dass ich wirklich daran interessiert bin, in Cookes zu wohnen.“

„Mr Barnes hat dich auf deine Ansprüche hingewiesen und könnte doch deine Interessen wahrnehmen“, wandte Lucille ein. „Er wäre der versierteste Kenner der Materie und daher bestens geeignet …“

„Er lebt in Holborn“, unterbrach Susanna gereizt. „Ich brauche jemanden in Dillingham, Lucille! Dich!“

Es entsprach dem Wesen der Schwester, unangemeldet zu erscheinen und zu erwarten, dass Lucille sich ihr zuliebe auf ein verrücktes Abenteuer einließ. „Du verlangst einen Betrug von mir, Susanna“, entgegnete Lucille betroffen. „Sollte man je herausfinden …“

„Ach, hab dich nicht so! Sei nicht so frömmlerisch! Nein, niemand wird dir auf die Spur kommen. Wahrscheinlich begegnest du nur Arthur Josselyn, Lord Seagraves betagtem Verwalter, und selbst er hat möglicherweise längst aufgehört, meinen Anspruch auf Cookes zu diskreditieren. Folglich dürfte er dich in Ruhe lassen. Im Übrigen war ich der Meinung, dass du das Haus schon aus Neugier gern kennen lernen würdest. Es ist voller alter, verstaubter Bücher, die dich, bas-bleu, der du bist, im Gegensatz zu mir bestimmt faszinieren werden.“

Lucille überhörte geflissentlich die taktlose Anspielung und rang mit sich, ob sie nachgeben solle oder nicht. „Die Täuschung würde nicht gut gehen, weil wir uns nicht ähnlich sehen“, hielt sie der Schwester vor.

Das traf nur im weitesten Sinn des Wortes zu. Peinlich berührt sah sie Susanna sie abschätzig mustern und ahnte, was die Schwester von ihr dachte. In deren Augen war sie gewiss eine schlecht gekleidete Landpomeranze, die obendrein noch andere Mängel hatte. Sie war nicht so wohlgerundet gewachsen, und ihr zu einem strengen Chignon gekämmtes Haar war etliche Nuancen dunkler als das der Schwester. Ihrer beider Augenfarbe war Blau. Lucille trug jedoch eine sie verunstaltende Brille, wohingegen Susanna ein lebhaftes, kokettes Spiel mit ihren Augen betrieb. Ihr Teint war blass, doch im Gegensatz zur Schwester benutzte sie keine Hilfsmittel, um ihr Gesicht attraktiver aussehen zu lassen. Susannas gepuderte Wangen, mit Rouge nachgefärbte Lippen und dunkel nachgezogene Augenbrauen unterstrichen noch den starken Unterschied im Erscheinungsbild.

Lucille hatte die Schwester drei Jahre zuvor zum letzten Mal gesehen und nun den Eindruck, dass in der verflossenen Zeit weder innerlich noch äußerlich eine Veränderung mit Susanna vorgegangen war. Früher hatte sie, die Vernünftigere von beiden, sich stets bemüht, die Schwester zur Einsicht und Mäßigung anzuhalten. Ihre Versuche waren jedoch nicht von Erfolg gekrönt gewesen, weil Susanna starrköpfig, eigensinnig und selbstsüchtig war. Lucille erinnerte sich noch gut an ihr Entsetzen, als die Zwillingsschwester vor neun Jahren, nach dem Tod des Ziehvaters, angekündigt hatte, sie gedenke, da sie mittellos sei, ihr Glück im genre canaille zu machen. Weder Mrs Markhams bestürzte Einwände noch Lucilles schockierte Vorhaltungen hatten Susanna von ihrem Vorhaben abzubringen vermocht. Wer hätte ihr heute noch den Vorwurf machen können, sie habe falsch gehandelt? Der unmoralische Aspekt ihres Lebenswandels hatte sie nie bekümmert, und der materielle Gewinn, den sie aus ihrem zwielichtigen Dasein zog, war so beträchtlich, dass es ihr mittlerweile sehr gut erging.

Graziös erhob sich Susanna, ging zur Schwester und zog sie auf die Füße. Sie drängte sie mit sanftem Nachdruck zum Wandspiegel, stellte sich neben sie und betrachtete ihrer beider Ebenbild. „Es wäre zu bewerkstelligen, dass du mir ähnlicher siehst“, befand sie. „Das ließe sich bereits durch Äußerlichkeiten wie Schminke und eine andere Garderobe erreichen. Außerdem war ich in Dillingham zumeist verschleiert, sodass kaum jemand mein Gesicht richtig erkennen konnte. Und in Cookes wurde ich in der Woche, die ich dort weilte, nur von Lord Seagraves Bevollmächtigten aufgesucht. Also, prüfe dein Gewissen“, fügte sie anzüglich hinzu. „Meiner Meinung nach kann ein Ortswechsel dir nicht schaden. Du müsstest nicht sehr lange in Cookes bleiben und kannst dann wieder beruhigt in dieses Gefängnis zurückkehren.“

Innerlich zuckte Lucille zusammen, da die Schwester an einen wunden Punkt gerührt hatte. Die Atmosphäre in Miss Pyms Schule für Höhere Töchter, die Engstirnigkeit im Denken der anderen Lehrkräfte, die ermüdende Routine des Unterrichts machten das Internat in gewisser Weise tatsächlich zu einem Gefängnis. In den letzten Monaten war Lucille sich daher mehr und mehr des Dranges gewahr geworden, der Enge und der ermüdenden Routine im Mädchenpensionat entrinnen zu wollen. Sie sehnte sich danach, die Zeit zu haben, um viel lesen und studieren zu können, Spaziergänge zu machen und allein zu sein. Bisher hatte sie dem Wunsch nicht nachgeben können, da sie nicht gewusst hätte, wohin sie die Schritte lenken solle.

Von der Schwester war sie schon vor Jahren darauf hingewiesen worden, dass ihrer beider Herkunft für sie ein Hindernis auf dem von ihr eingeschlagenen Weg sei und sie es begrüßen würde, wenn Lucille sich nicht als ihre einzige leibliche Angehörige zu erkennen gäbe. Sie war einverstanden gewesen, weil sie begriffen hatte, dass es auch ihrer Laufbahn nicht förderlich gewesen wäre, hätte man um ihre Blutsverwandtschaft mit einer der berüchtigtsten Kurtisanen Londons gewusst. Die Eltern ihrer Zöglinge wären entsetzt gewesen und hätten womöglich angenommen, auch sie habe einen Hang zu losem Lebenswandel. Eine eigenartige Laune des Schicksals hatte dazu geführt, dass Lucille zu einer belesenen, gebildeten Frau geworden war, ihre Zwillingsschwester hingegen zu den bekanntesten Kurtisanen Londons zählte.

Seufzend erkannte Lucille, dass Susanna sie nur auszunutzen gedachte, doch unerklärlicherweise fühlte sie sich sehr versucht, die sich ihr bietende Gelegenheit wahrzunehmen. Die Aussicht, einige Zeit in dem Haus verbringen zu können, in dem der Vater gelebt und gearbeitet hatte, war eigenartig verlockend, die von Susanna verlangte Täuschung indes etwas sehr Verwerfliches. Lucille beschwichtigte das Gewissen jedoch mit dem Gedanken, der Betrug würde nicht von langer Dauer sein, und außerdem begehe sie kein Kapitalverbrechen, wenn sie sich für Susanna ausgab.

„Mit welchem Zeitraum deiner Abwesenheit von England muss ich rechnen?“, erkundigte sie sich argwöhnisch.

Susanna merkte, dass sie schon so gut wie gewonnen hatte, lächelte zufrieden und antwortete, während sie zur Veilleuse zurückkehrte: „Höchstens zwei Wochen, Lucille. Du musst nur im Haus sein“, fügte sie an und nahm wieder Platz. „Ich gehe nicht davon aus, dass jemand dir die Aufwartung machen wird. Folglich wirst du dich vermutlich in Cookes schrecklich langweilen. Aber du bist ja eine eintönige Kulisse gewohnt, nicht wahr“, setzte sie mit viel sagendem Blick auf die schäbige Einrichtung hinzu. „Du ahnst nicht, wie sehr ich die betuliche Bürgerlichkeit dieser Umgebung verabscheue! Also, bist du nun bereit, meinen Vorschlag anzunehmen?“

„Ja“, antwortete Lucille gedehnt. „Ich helfe dir, auch wenn ich meine Entscheidung bestimmt bald bereuen werde.“

Nachdem der Zweck des Besuchs erreicht worden war, gedachte Susanna nicht, sich noch länger aufzuhalten. Sie stand auf und sagte: „Ich lasse dich bald abholen und nach Cookes bringen. Du musst nicht befürchten, in Dillingham mit jemandem aus meinem Bekanntenkreis zusammenzutreffen. Niemand, mit dem ich verkehre, würde sich längere Zeit aufs Land begeben.“

„Und was ist mit dem Earl of Seagrave?“, fragte Lucille stirnrunzelnd und erhob sich ebenfalls. „Da ihm Cookes gehört, besteht doch die Möglichkeit, dass er nach Dillingham kommt.“

„Was für ein abwegiger Einfall“, erwiderte Susanna verblüfft. „Lord Seagrave hat nicht das mindeste Interesse an Cookes! Ganz im Gegenteil! Er beschäftigt ein Heer von Advokaten, Verwaltern und Geschäftsträgern, die ihm alles, was seine Besitztümer betrifft, fern halten.“

Lucille wandte das Gesicht ab, stellte umständlich das Geschirr auf den Teewagen und erkundigte sich so beiläufig wie möglich: „Kennst du ihn persönlich, Susanna? Welche Art Mann ist er?“

Susanna legte die Stirn in Falten und überlegte, wie sie ihn beschreiben solle. „Nun, er sieht gut aus“, meinte sie, „er ist charmant, reich, großzügig, ach, was soll ich noch über ihn sagen? Er gehört nicht zu den Kreisen, in denen ich mich bewege. Dafür ist er viel zu vornehm! Aber du musst wirklich nicht befürchten, ihm über den Weg zu laufen, Lucille. Cookes ist ihm vollkommen gleich.“

Sie warf einen Blick auf die hässliche Kaminuhr und schaute Lucille erleichtert an. „Ich gehe besser, bevor Miss Pym, dieser alte Drache, mich vor die Tür setzen lässt“, sagte sie, ergriff die Hände der Schwester und verabschiedete sich überschwänglich, bevor sie den Empfangssalon verließ.

Lucille schlenderte zum Fenster und beobachtete, wie die Zwillingsschwester in ihre stattliche Landaulette stieg. Unwillkürlich kam ihr ein anderer sonniger Vormittag in den Sinn. Vor einem Jahr, an einem besonders schönen Morgen war sie zeitig aufgestanden und zum Fenster ihres an der Rückseite des Schulgebäudes gelegenen Schlafzimmers gegangen. Sie hatte das Fenster weit geöffnet, sich hinausgelehnt und die frische Luft, die Ruhe vor einem weiteren anstrengenden Tag genossen. Flüchtig hatte sie zur anderen Straßenseite auf den Stallhof der Umspannstelle geblickt und eine auffallend elegante Karriole auf den Platz fahren sehen. Ein Gentleman war vom Kutschbock zu Boden gesprungen und hatte dem herbeieilenden Burschen zugerufen, er benötige unverzüglich ein unverbrauchtes Gespann.

Wie gebannt hatte sie ihn beobachtet, während er sich mit dem hinzugekommenen Wirt unterhielt. Er war von hohem Wuchs, breitschultrig, kräftig gewachsen und von der Sonne gebräunt. Das Licht der Morgensonne hatte seinem kastanienbraunen Haar einen rötlichen Glanz verliehen. Lucille hatte den Atem angehalten und den Herrn sich plötzlich, als sei er sich ihres Blicks bewusst geworden, in ihre Richtung drehen sehen. Wie erstarrt hatte sie am Fenster gestanden. Der leichte Morgenwind hatte ihr das dünne Nachthemd an den Körper gedrückt und ihr das lose Haar ins Gesicht geweht. Der Gentleman hatte zu ihr herübergeschaut, und das war ein unvergesslicher Moment gewesen. Sie hatten sich mit Blicken festgehalten, und ihr war es vorgekommen, als sei sie nur wenige Schritte von ihm entfernt. Unvermittelt hatte er sie angelächelt, ihr zugewinkt und sich dann abgewandt. Hastig hatte sie das Fenster geschlossen und war vor Verlegenheit errötet. Später in der Stadt war ihr dann zu Ohren gekommen, dass es sich bei dem Herrn um den Earl of Seagrave gehandelt hatte.

Nie zuvor hatte sie in ihrem gleichförmigen Leben in Miss Pyms Institut ein so angenehmes und doch verwirrendes Erlebnis gehabt, und die Erinnerung daran erzeugte ihr ein Gefühl wohliger Wärme. Da sie für alles eine sachliche Begründung suchte, hatte sie über ihr Verhalten nachgegrübelt und sich gefragt, warum sie, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass Lord Seagrave sie in ihrem Nachthemd sah, ihn derart gespannt und schamlos beobachtet hatte. Eine logische Erklärung für ihr unschickliches Betragen hatte sie jedoch nicht gefunden.

Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass nicht die Gefahr bestand, dem Earl erneut zu begegnen. Schließlich hatte die Schwester ihr versichert, er interessiere sich nicht für Cookes. Irgendwie war die Vorstellung sehr bedauerlich, aber auch beruhigend.

2. KAPITEL

Die Stimmung im überfüllten Spielsalon war gespannt. Der Earl of Seagrave hatte eine Glückssträhne, und etliche seiner Mitspieler waren schon mangels weiterer Geldmittel, die sie noch hätten einsetzen können, zum Aufgeben genötigt gewesen. Sein kantig geschnittenes, daher nicht im klassischen Sinne gut aussehend zu nennendes Gesicht drückte höchste Konzentration aus, während er sich der laufenden Partie widmete, die er ebenfalls gewann.

„Glück im Spiel, Pech in der Liebe“, sagte jemand weiter hinten im Raum so laut, dass der Earl es hören musste. „Ganz London ist inzwischen geläufig, dass Miss Elliott sich von Lord Seagrave zu trennen beabsichtigt. Bei meiner Ehre, ich weiß genau Bescheid! Seine Affäre mit einer gewissen, allseits bekannten Kurtisane ist der Grund. Seagrave war viel zu indiskret, und das nur eine Woche nach der Verlobung mit Miss Elliott.“

„Halten Sie den Mund“, zischte die Stimme eines anderen Mannes warnend in die jäh eingetretene Stille.

Den Kopf hebend, begegnete der Earl dem auf sich gerichteten Blick seines jüngeren Bruders. Der Ehrenwerte Peter Seagrave, der ihm am Kartentisch gegenübersaß, musterte ihn zugleich besorgt und wachsam. Dann wandte sich Nicholas in die Richtung, aus der die geringschätzigen Äußerungen gekommen waren, und erkannte, dass es sich bei dem Sprecher um Otis Caversham handelte, einen jungen Burschen, der sichtlich bezecht war.

„Tun Sie sich keinen Zwang an, Mr Caversham“, äußerte er gelassen. „Reden Sie getrost weiter! Wir alle lauschen Ihnen mit der größten Aufmerksamkeit. Sie sind also der Ansicht, Miss Elliott werde das Verlöbnis mit mir lösen. Ihren Worten entnehme ich, der Grund sei eine Beziehung, die ich mit einer namentlich unerwähnt gebliebenen demi-monde