Cover

Theodor Fontane

Irrungen, Wirrungen

Umschlagbild: Konstantin Somov

Überarbeitung, Korrekturen und Umschlaggestaltung: Null Papier Verlag

Published by Null Papier Verlag, Deutschland

Copyright © 2012 by Null Papier Verlag

1. Auflage, ISBN 978-3-95418-061-5

Umfang: 209 Normseiten bzw. 240 Buchseiten

www.null-papier.de/irrungenwirrungen

Lizenzbedingungen

Dieses E-Book ist für Sie persönlich lizenziert. Sie dürfen dieses E-Book nicht verkaufen oder an Dritte weitergeben. Wenn Sie dieses E-Book mit anderen Personen teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Kopie/Lizenz für jeden Leser. Falls Sie dieses E-Book lesen sollten und es nicht erworben haben oder es nicht für Sie erworben worden ist, dann kaufen Sie es bitte bei www.null-papier.de neu. Danke, dass Sie die mühsame Arbeit des Autors bzw. des Verlegers respektieren.

License Notes

This eBook is licensed for your personal enjoyment only. This eBook may not be re-sold or given away to other people. If you would like to share this eBook with another person, please purchase an additional copy for each recipient. If you’re reading this eBook and did not purchase it, or it was not purchased for your use only, then please return to www.null-papier.de and purchase your own copy. Thank you for respecting the hard work of this author, respectively the publisher.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Ihre Zufriedenheit liegt mir am Herzen.

Das Buch hat Ihnen gefallen? Dann würde ich mich sehr über eine positive Bewertung freuen.

Das Buch hat Ihnen nicht gefallen? Dann wäre ich für jeden Hinweis dankbar. Schreiben Sie mir doch direkt: kritik@null-papier.de. Geben Sie mir eine Chance zur Reaktion, falls etwas nicht nach Ihren Wünschen oder Vorstellungen war.

Das komplette Verlagsprogramm finden Sie unter www.null-papier.de. Abonnieren Sie noch heute meinen Newsletter: www.null-papier.de/newsletter.

Herzliche Grüße

Jürgen Schulze, Null Papier Verlag

„Wie leicht ist doch predigen, und wie schwer ist danach handeln und tun.“

„Irrungen, Wirrungen“ ist ein Roman von Theodor Fontane, der im Jahr 1888 erschien. Er behandelt die unstandesgemäße Liebe zwischen dem Offizier Botho von Rienäcker und der kleinbürgerlichen Schneiderin Magdalene. Beide können und wollen ihre Standesgrenzen nicht überwinden und heiraten schließlich einen anderen Partner, mit dem sie ein mäßig glückliches Leben bestreiten.

Das Motiv der Standesschranken überwindenden Liebe war zu Zeiten Fontanes ein beliebtes Thema. Es spiegelt sich die Liebe im Zwiespalt zwischen der Freiheit des Individuums und den Zwängen einer Standesgesellschaft. Die Realität ließ diesen Beziehungen keine Chancen.

Inhalt

Theodor Fontane – Leben und Werk

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Theodor Fontane – Leben und Werk

Als dem Ehepaar Louis Henry und Emilie Fontane am 30. Dezember 1819 der Sohn Theodor geboren wird, ruft das preußische Zeitgeschehen nur ganz leise nach national-demokratischen Autoren.

Noch über jeden Zweifel erhaben ist die Monarchie, der Adel bespiegelt sich selbst, das Bürgertum strebt nach höherem gesellschaftlichem Ansehen. Haben nicht Literaten das Odeur des Freigeistigen, und sind sie nicht zu unbeständig, um als respektabel zu gelten?

Aus gutem Hause

Die Mutter, standesbewusste Tochter eines Seidenhändlers, dessen Mäßigkeit sie rühmt, ist oft in Sorge. Vater Fontane versprach, eine gute Partie zu werden, immerhin hat Preußen-Königin Luise den Großvater Fontane zum Kabinettssekretär bestellt und ihn anschließend zum Kastellan von Schloss Schönhausen ernannt. Über die zweifelhafte Eignung des Malers zum Kabinettssekretär – Schadow bescheinigt ihm, über gute Kenntnis der französischen Sprache zu verfügen – spricht man nicht, sondern freut sich seines gesellschaftlichen Ansehens. Dann gibt es da noch einen verwandten Rittergutbesitzer, dessen lackschwarze Chaise, ausgestattet mit breiten roten Samtpolstern, ausgesprochen repräsentativ wirkt, wenn Familie Fontane zur Landpartie abgeholt wird.

Glänzend könnte Emilie das alles finden, wäre ihr Gemahl nicht arg dem Spiel zugetan. Die gute Partie offenbart menschliche Schwäche, als Louis Henry, um Spielschulden zu begleichen, seine Apotheke in Neuruppin aufgibt und sich in Swinemünde mit einem kleineren Geschäft etablieren muss.

Sohn Theodor ist zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt. Als kranker, alt gewordener Mann wird er sich, in „Meine Kinderjahre“, rückblickend mit seinen gegensätzlichen Eltern befassen. Zunächst aber verlässt er Neuruppin, kehrt jedoch als Gymnasiast für ein Jahr in die Stadt zurück, um anschließend eine Gewerbeschule in Berlin zu besuchen. Als ihm auch das nicht zusagt, tritt er 1836 in väterliche Fußstapfen, indem er eine Ausbildung zum Apotheker absolviert. Nun dauert es nur noch drei Jahre, bis er sein erstes literarisches Werk vollendet, die Novelle „Geschwisterliebe“. Nachdem er seine Lehre abgeschlossen hat, verschlägt es ihn 1840 in die Nähe Magdeburgs, wo er seine erste Anstellung als Apothekergehilfe antritt.

Beide Wege, sowohl den des Apothekers als auch den des Literaten, setzt Fontane vorerst konsequent fort. In den nächsten Jahren arbeitet er in Leipzig und Dresden, tritt literarischen Vereinigungen bei, bevor er in der Apotheke des Vaters tätig wird.

Der literarische Bürger

Seine Lehr- und Wanderjahre beendet Fontane 1845 in Berlin, wo er sich politisiert, streitbare Schriften verfasst und 1848 auf den Barrikaden der März-Revolutionäre zu finden ist. Nachdem er 1850 geheiratet hat, gibt er den Apothekerberuf vollständig auf, um als Schriftsteller zu leben.

Ab dem Jahr 1852 arbeitet er für die Neue Preußische Kreuz-Zeitung. Dort erscheinen Fontanes kulturelle Berichte aus England, wo er bis 1859 lebt. Nach dem Regierungswechsel in Preußen kehrt der Autor nach Berlin zurück, auf eine allgemeine Liberalisierung vertrauend. Da er hier zunächst keine redaktionelle Anstellung findet, kommt es ihm gelegen, dass Reiseliteratur sich außerordentlich gut verkauft. Er verfasst zwei Schriften über England und greift eine Idee auf, die ihm bereits in Schottland gekommen war, dass nämlich das Brandenburgische genug Schönheit zu bieten hätte, auf die nur aufmerksam gemacht werden müsse.

Der Sommer 1859 ist die Geburtsstunde der „Wanderungen“. Fontane streift durch die Mark, beginnend mit Neuruppin und dem Ruppiner Land. Er sichtet Archive, spricht mit Einwohnern und lässt sich durch landschaftliche Reize anrühren. Zunächst werden einzelne Artikel veröffentlicht, bis 1861 das Büchlein „Die Grafschaft Ruppin“ den Auftakt der Tetralogie „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ bildet.

Als er 1889 „Die fünf Schlösser“ fertigstellt, sieht er den Band eigentlich nicht für die „Wanderungen“ vor, weil das Buch vor allem historischen Recherchen entspringt. Posthum wird es vom Verlag jedoch in derselben Reihe herausgegeben.

Systemkritisches publiziert Fontane seit seinem Engagement bei der nationalistisch-reaktionären Neuen Preußischen Kreuz-Zeitung nicht mehr. Bis 1870 arbeitet er für dieses Blatt, womit er zwar den Lebensunterhalt seiner Familie sichert, sich aber auch in den öffentlichen und in den privaten Menschen spaltet. Beispielsweise bildet der Berliner Antisemitismusstreit eine historische Zäsur im Kaiserreich, zu der Fontane erst Stellung bezieht, als sich der gesellschaftsfähig gewordene Antisemitismus in neuen Gesetzen manifestiert. Persönlich und geschäftlich ist er einigen Juden eng verbunden; die ohnehin spät verfassten Aufsätze aber bleiben unvollendet in der Schublade.

Vermutlich sieht sich Fontane Sachzwängen ausgeliefert, denn bereits 1851 wird sein erstes Kind geboren, dem drei weitere folgen werden. Bis auf den ersten Sohn sterben die Kinder kurz nach der Geburt. In den Jahren 1856, 1860 und 1864 werden weitere Kinder geboren, weshalb der Autor eine sechsköpfige Familie zu ernähren hat.

Im Auftrag der Neuen Preußischen Kreuz-Zeitung begibt sich Fontane 1864 nach Kopenhagen, um als Korrespondent über den Deutsch-Dänischen Krieg zu berichten.

Ein Abenteuer steht ihm 1870 bevor: Eigentlich schreibt er mittlerweile als Theaterkritiker für die Vossische Zeitung, fährt jedoch wegen des Deutsch-Französischen Krieges nach Frankreich. Dort wird er als Spion verhaftet und kommt nur durch Intervention Bismarcks frei.

Nach ausgedehnten Reisen innerhalb Europas, unternommen in den Jahren 1874 bis 1876, beschließt er, seine journalistische Tätigkeit vollständig einzustellen und nur noch als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Dies ist der Auftakt zu Fontanes epischem Spätwerk. Nach dem ersten Roman, dem 1878 veröffentlichten „Der Sturm“, verfasst der Autor zahlreiche Novellen und Romane, die in der heutigen Rezeption seine eigentliche Bedeutung ausmachen.

Theodor Fontane stirbt am 20. September 1898 in Berlin. Die Grabstätte der Eheleute Fontane befindet sich auf dem Friedhof II der Französischen Gemeinde, in Berlin-Mitte.

Der milde Beobachter

Als allwissender Erzähler führt der gereifte Romancier den Leser durch Unterhaltungen bei Tisch oder erläutert Motivationen für Ehebrüche und kriminelle Handlungen. Dabei beobachtet er sehr genau und erlaubt dem Publikum, die Protagonisten zu durchschauen. Fontane übt, vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebensanschauung, urteilende Nachsicht.

Diese Herangehensweise ist bereits in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ wahrzunehmen. Berührungsängste gegenüber anderen Ständen hat Fontane nicht, aber er löst sich auch niemals vom bürgerlichen Wertesystem, anders als sein Briefpartner Theodor Storm. Obwohl sich Fontane gesellschaftlicher Fragen durchaus annimmt, sie ironisch beleuchtet und bis ins Detail psychologisch treffend schildert, womit er Kausalitäten nachvollziehbar erklärt, bleibt der Eindruck einer unüberwindlichen Distanz.

Der bürgerliche beziehungsweise romantische Realismus neigt dazu, Kalamitäten zu verklären oder zu ignorieren. Storm blendet sie oft aus, benennt jedoch hin und wieder erkennbares Elend.

Bei Fontane gibt es das nicht: In allem ist entweder „kleines Glück“ oder großes – rein psychologisch bedingtes – Drama. Er analysiert persönliches Scheitern vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Maßstäbe, wie in „Effi Briest“, ohne Gesellschaft und Individuum tatsächlich zu verknüpfen. Wohl mag er wahrnehmen, dass Konvention in ursächlichem Zusammenhang mit individuellem Versagen steht. Doch letztendlich liegt das Verschulden stets bei der Einzelperson, die in ihrem So-Sein dem Leben nicht gewachsen ist: Der Mensch geht an sich selbst zugrunde; der gültige Verhaltenskodex bietet lediglich den Rahmen eines solchen Geschehens.

Erstes Kapitel

An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem »Zoologischen«, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurück gelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) ließ vermuten, daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog sich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete. Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch mußte jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen.

 

Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der langen Tage, deren blendendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte.

Heut aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm, und statt der Strahlen, die sie den ganzen Tag über herabgeschickt hatte, lagen bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten, dessen halb märchenhafte Stille nur noch von der Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene mietweise bewohnten Häuschens übertroffen wurde. Frau Nimptsch selbst aber saß wie gewöhnlich an dem großen, kaum fußhohen Herd ihres die ganze Hausfront einnehmenden Vorderzimmers und sah, hockend und vorgebeugt, auf einen rußigen alten Teekessel, dessen Deckel, trotzdem der Wrasen auch vorn aus der Tülle quoll, beständig hin und her klapperte. Dabei hielt die Alte beide Hände gegen die Glut und war so versunken in ihre Betrachtungen und Träumereien, daß sie nicht hörte, wie die nach dem Flur hinausführende Tür aufging und eine robuste Frauensperson ziemlich geräuschvoll eintrat. Erst als diese letztre sich geräuspert und ihre Freundin und Nachbarin, eben unsre Frau Nimptsch, mit einer gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte, wandte sich diese nach rückwärts und sagte nun auch ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei: »Na, das is recht, liebe Frau Dörr, daß Sie mal wieder rüberkommen. Und noch dazu von ’s ›Schloß‹. Denn ein Schloß is es und bleibt es. Hat ja ’nen Turm. Un nu setzen Sie sich… Ihren lieben Mann hab ich eben weggehen sehen. Und muß auch. Is ja heute sein Kegelabend.«

Die so freundlich als Frau Dörr Begrüßte war nicht bloß eine robuste, sondern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau, die, neben dem Eindruck des Gütigen und Zuverlässigen, zugleich den einer besonderen Beschränktheit machte. Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Anstoß daran und wiederholte nur: »Ja, sein Kegelabend. Aber, was ich sagen wollte, liebe Frau Dörr, mit Dörren seinen Hut, das geht nicht mehr. Der is ja schon fuchsblank und eigentlich schimpfierlich. Sie müssen ihn ihm wegnehmen und einen andern hinstellen. Vielleicht merkt er es nich… Und nu rücken Sie ran hier, liebe Frau Dörr, oder lieber da drüben auf die Hutsche… Lene, na Sie wissen ja, is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen.«

»Er war woll hier?«

»Freilich war er. Und beide sind nu ein bißchen auf Wilmersdorf zu; den Fußweg lang, da kommt keiner. Aber jeden Augenblick können sie wieder hier sein.«

»Na, da will ich doch lieber gehn.«

»O nich doch, liebe Frau Dörr. Er bleibt ja nich. Und wenn er auch bliebe, Sie wissen ja, der is nicht so.«

»Weiß, weiß. Und wie steht es denn?«

»Ja, wie soll es stehn? Ich glaube, sie denkt so was, wenn sie’s auch nich wahrhaben will, und bildet sich was ein.«

»O du meine Güte«, sagte Frau Dörr, während sie, statt der ihr angebotenen Fußbank, einen etwas höheren Schemel heranschob: »O du meine Güte, denn is es schlimm. Immer wenn das Einbilden anfängt, fängt auch das Schlimme an. Das is wie Amen in der Kirche. Sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, mit mir war es ja eigentlich ebenso, man bloß nichts von Einbildung. Und bloß darum war es auch wieder ganz anders.«

Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht, was die Dörr meinte, weshalb diese fortfuhr: »Und weil ich mir nie was in ’n Kopp setzte, darum ging es immer ganz glatt und gut und ich habe nu Dörren. Na, viel is es nich, aber es is doch was Anständiges, und man kann sich überall sehen lassen. Und drum bin ich auch in die Kirche mit ihm gefahren und nich bloß Standesamt. Bei Standesamt reden sie immer noch.« Die Nimptsch nickte.

Frau Dörr aber wiederholte: »Ja, in die Kirche, in die Matthäikirche un bei Büchseln. Aber was ich eigentlich sagen wollte, sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, ich war ja woll eigentlich größer und anziehlicher als die Lene, un wenn ich auch nicht hübscher war (denn so was kann man nie recht wissen, un die Geschmäcker sind so verschieden), so war ich doch so mehr im Vollen, un das mögen manche. Ja, soviel is richtig. Aber wenn ich auch sozusagen fester war un mehr im Gewicht fiel un so was hatte, nu ja, ich hatte so was, so war ich doch immer man ganz einfach un beinah simpel, un was nu er war, mein Graf, mit seine fuffzig auf ’m Puckel, na, der war auch man ganz simpel und bloß immer kreuzfidel un unanständig. Und da reichen ja keine hundert Mal, daß ich ihm gesagt habe: ›Ne, ne, Graf, das geht nicht, so was verbitt ich mir…‹ Und immer die Alten sind so. Und ich sage bloß, liebe Frau Nimptsch, Sie können sich so was gar nich denken. Gräßlich war es. Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron ansehe, denn schämt es mir immer noch, wenn ich denke, wie meiner war. Und nu gar erst die Lene selber. Jott, ein Engel is sie woll grade auch nich, aber propper und fleißig un kann alles und is für Ordnung un fürs Reelle. Und sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, das is grade das Traurige. Was da so rumfliegt, heute hier un morgen da, na, das kommt nicht um, das fällt wie die Katz immer wieder auf die vier Beine, aber so’n gutes Kind, das alles ernsthaft nimmt und alles aus Liebe tut, ja, das ist schlimm… Oder vielleicht is es auch nich so schlimm; Sie haben sie ja bloß angenommen un is nich Ihr eigen Fleisch und Blut, un vielleicht is es eine Prinzessin oder so was.«

Frau Nimptsch schüttelte bei dieser Vermutung den Kopf und schien antworten zu wollen. Aber die Dörr war schon aufgestanden und sagte, während sie den Gartensteig hinuntersah: »Gott, da kommen sie. Und bloß in Zivil, un Rock un Hose ganz egal. Aber man sieht es doch! Und nu sagt er ihr was ins Ohr, und sie lacht so vor sich hin. Aber ganz rot is sie geworden… Und nu geht er. Und nu… wahrhaftig, ich glaube, er dreht noch mal um. Nei, nei, er grüßt bloß noch mal, und sie wirft ihm Kußfinger zu… Ja, das glaub ich; so was laß ich mir gefallen…

Nei, so war meiner nich.«

Frau Dörr sprach noch weiter, bis Lene kam und die beiden Frauen begrüßte.

Zweites Kapitel

Andern Vormittags schien die schon ziemlich hoch stehende Sonne auf den Hof der Dörrschen Gärtnerei und beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten, unter denen auch das »Schloß« war, von dem Frau Nimptsch am Abend vorher mit einem Anfluge von Spott und Schelmerei gesprochen hatte. Ja, dies »Schloß«! In der Dämmerung hätt es bei seinen großen Umrissen wirklich für etwas Derartiges gelten können, heut aber, in unerbittlich heller Beleuchtung daliegend, sah man nur zu deutlich, daß der ganze, bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte Bau nichts als ein jämmerlicher Holzkasten war, in dessen beide Giebelwände man ein Stück Fachwerk mit Stroh- und Lehmfüllung eingesetzt hatte, welchem vergleichsweise soliden Einsatze zwei Giebelstuben entsprachen. Alles andere war bloße Steindiele, von der aus ein Gewirr von Leitern zunächst auf einen Boden und von diesem höher hinauf in das als Taubenhaus dienende Türmchen führte. Früher, in vordörrscher Zeit, hatte der ganze riesige Holzkasten als bloße Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Gießkannen, vielleicht auch als Kartoffelkeller gedient, seit aber, vor soundso viel Jahren, die Gärtnerei von ihrem gegenwärtigen Besitzer gekauft wor den war, war das eigentliche Wohnhaus an Frau Nimptsch vermietet und der gotisch bemalte Kasten, unter Einfügung der schon erwähnten zwei Giebelstuben, zum Aufenthalt für den damals verwitweten Dörr hergerichtet worden, eine höchst primitive Herrichtung, an der seine bald danach erfolgende Wiederverheiratung nichts geändert hatte. Sommers war diese beinah fensterlose Remise mit ihren Steinfliesen und ihrer Kühle kein übler Aufenthalt, um die Winterzeit aber hätte Dörr und Frau, samt einem aus erster Ehe stammenden zwanzigjährigen, etwas geistesschwachen Sohn, einfach erfrieren müssen, wenn nicht die beiden großen, an der andern Seite des Hofes gelegenen Treibhäuser gewesen wären. In diesen verbrachten alle drei Dörrs die Zeit von November bis März ausschließlich, aber auch in der besseren und sogar in der heißen Jahreszeit spielte sich das Leben der Familie, wenn man nicht gerade vor der Sonne Zuflucht suchte, zu großem Teile vor und in diesen Treibhäusern ab, weil hier alles am bequemsten lag: hier standen die Treppchen und Estraden, auf denen die jeden Morgen aus den Treibhäusern hervorgeholten Blumen ihre frische Luft schöpfen durften, hier war der Stall mit Kuh und Ziege, hier die Hütte mit dem Ziehhund, und von hier aus erstreckte sich auch das wohl fünfzig Schritte lange Doppelmistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis an den großen, weiter zurück gelegenen Gemüsegarten. In diesem sah es nicht sonderlich ordentlich aus, einmal weil Dörr keinen Sinn für Ordnung, außerdem aber eine so große Hühnerpassion hatte, daß er diesen seinen Lieblingen, ohne Rücksicht auf den Schaden, den sie stifteten, überall umherzupicken gestattete. Groß freilich war dieser Schaden nie, da seiner Gärtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet, alles Feinere fehlte. Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das Vorteilhafteste, zog deshalb Majoran und andere Wurstkräuter, besonders aber Borré, hinsichtlich dessen er der Ansicht lebte, daß der richtige Berliner überhaupt nur drei Dinge brauche: eine Weiße, einen Gilka und Borré. »Bei Borré«, schloß er dann regelmäßig, »ist noch keiner zu kurz gekommen.« Er war überhaupt ein Original, von ganz selbständigen Anschauungen und einer entschiedenen Gleichgültigkeit gegen das, was über ihn gesagt wurde. Dem entsprach denn auch seine zweite Heirat, eine Neigungsheirat, bei der die Vorstellung von einer besondren Schönheit seiner Frau mitgewirkt und ihr früheres Verhältnis zu dem Grafen, statt ihr schädlich zu sein, gerad umgekehrt den Ausschlag zum Guten hin gegeben und einfach den Vollbeweis ihrer Unwiderstehlichkeit erbracht hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von Überschätzung sprechen ließ, so doch freilich nicht von seiten Dörrs in Person, für den die Natur, soweit Äußerlichkeiten in Betracht kamen, ganz ungewöhnlich wenig getan hatte. Mager, mittelgroß und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf und Stirn, wär er eine vollkommene Trivialerscheinung gewesen, wenn ihm nicht eine zwischen Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke was Apartes gegeben hätte. Weshalb denn auch seine Frau nicht mit Unrecht und in der ihr eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte: »Schrumplig is er man, aber von links her hat er so was Borsdorfriges.«

Damit war er gut getroffen und hätte nach diesem Signalement überall erkannt werden müssen, wenn er nicht tagaus, tagein eine mit einem großen Schirm ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte, die, tief ins Gesicht gezogen, sowohl das Alltägliche wie das Besondere seiner Physiognomie verbarg.

Und so, die Mütze samt Schirm ins Gesicht gezogen, stand er auch heute wieder, am Tage nach dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch geführten Zwiegespräche, vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden Blumen-Estrade, verschiedene Goldlack- und Geraniumtöpfe beiseite schiebend, die morgen mit auf den Wochenmarkt sollten. Es waren sämtlich solche, die nicht im Topf gezogen, sondern nur eingesetzt waren, und mit einer besonderen Genugtuung und Freude ließ er sie vor sich aufmarschieren, schon im voraus über die »Madams« lachend, die morgen kommen, ihre herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln und schließlich doch die Betrogenen sein würden. Es zählte das zu seinen größten Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er führte. »Das bißchen Geschimpfe… Wenn ich’s nur mal mit anhören könnte.«

So sprach er noch vor sich hin, als er, vom Garten her, das Gebell eines kleinen Köters und dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns hörte, ja, wenn nicht alles täuschte, seines Hahns, seines Lieblings mit dem Silbergefieder. Und sein Auge nach dem Garten hin richtend, sah er in der Tat, daß ein Haufen Hühner auseinandergestoben, der Hahn aber auf einen Birnbaum geflogen war, von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund unausgesetzt um Hilfe rief.

»Himmeldonnerwetter«, schrie Dörr in Wut, »das is wieder Bollmann seiner… Wieder durch den Zaun… I, da soll doch…« Und den Geraniumtopf, den er eben musterte, rasch aus der Hand setzend, lief er auf die Hundehütte zu, griff nach dem Kettenzwickel und machte den großen Ziehhund los, der nun sofort auch wie ein Rasender auf den Garten zuschoß. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen konnte, gab »Bollmann seiner« bereits Fersengeld und verschwand unter dem Zaun weg ins Freie – der fuchsgelbe Ziehhund zunächst noch in großen Sätzen nach. Aber das Zaunloch, das für den Affenpinscher grad ausgereicht hatte, verweigerte ihm den Durchgang und zwang ihn, von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen.

Nicht besser erging es Dörr selber, der inzwischen mit einer Harke herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte. »Ja, Sultan, diesmal war es nichts.« Und dabei trottete Sultan wieder auf seine Hütte zu, langsam und verlegen, wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte. Dörr selbst aber sah dem draußen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte nach einer Weile: »Hol mich der Deubel, wenn ich mir nich ’ne Windbüchse anschaffe, bei Mehles oder sonst wo. Un denn pust ich das Biest so stille weg, und kräht nich Huhn, nich Hahn danach. Nich mal meiner.«

Von dieser ihm von seiten Dörrs zugemuteten Ruhe schien der letztere jedoch vorläufig nichts wissen zu wollen, machte vielmehr von seiner Stimme nach wie vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei warf er den Silberhals so stolz, als ob er den Hühnern zeigen wolle, daß seine Flucht in den Birnbaum hinein ein wohlüberlegter Coup oder eine bloße Laune gewesen sei.

Dörr aber sagte: »Jott, so ’n Hahn. Denkt nu auch wunder was er is. Un seine Courage is doch auch man soso.«

Und damit ging er wieder auf seine Blumen-Estrade zu.

Drittes Kapitel

Der ganze Hergang war auch von Frau Dörr, die gerade beim Spargelstechen war, beobachtet, aber nur wenig beachtet worden, weil sich ähnliches jeden dritten Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst auf, als auch die schärfste Musterung der Beete keine »weißen Köppe« mehr ergeben wollte. Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser hinein und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor sich her treibend erst auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumen-Estrade zu, wo Dörr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte.

»Na, Suselchen«, empfing er seine beßre Hälfte, »da bist du ja. Hast du woll gesehn? Bollmann seiner war wieder da. Höre, der muß dran glauben, un denn brat ich ihn aus; ein bißchen Fett wird er ja woll haben, un Sultan kann denn die Grieben kriegen… Und Hundefett, höre, Susel…«, und er wollte sich augenscheinlich in eine seit einiger Zeit von ihm bevorzugte Gichtbehandlungsmethode vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargelkorbes am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: »Na, nu zeige mal her. Hat’s denn gefleckt?«

»I nu«, sagte Frau Dörr und hielt ihm den kaum halb gefüllten Korb hin, dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten ließ. Denn es waren meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen.

»Höre, Susel, es bleibt dabei, du hast keine Spargelaugen.«

»Oh, ich habe schon. Man bloß hexen kann ich nich.«

»Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird es doch nich. Aber zum Verhungern is es.«

»I, es denkt nich dran. Laß doch das ewige Gerede, Dörr; sie stecken ja drin, un ob sie nu heute rauskommen oder morgen, is ja ganz egal. Eine düchtige Husche, so wie die vor Pfingsten, und du sollst mal sehn. Und Regen gibt es. Die Wassertonne riecht schon wieder, un die große Kreuzspinn is in die Ecke gekrochen. Aber du willst jeden Dag alles haben; das kannst du nich verlangen.«

Dörr lachte. »Na, binde man alles gut zusammen. Und den kleinen Murks auch. Und du kannst ja denn auch was ablassen.«

»Ach, rede doch nicht so«, unterbrach ihn die sich über seinen Geiz beständig ärgernde Frau, zog ihn aber, was er immer als Zärtlichkeit nahm, auch heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das »Schloß« zu, wo sie sich’s auf dem Steinfliesenflur bequem machen und die Spargelbündel binden wollte. Kaum aber, daß sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerückt hatte, so hörte sie, wie schräg gegenüber in dem von der Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und gleich darauf eingehakt wurde. Zugleich sah sie Lene, die, mit einer weiten, lilagemusterten Jacke über den Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden Haar, freundlich zu ihr hinübergrüßte.

Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann: »Immer Fenster auf; das ist recht, Lenechen. Und fängt auch schon an, heiß zu werden. Es gibt heute noch was.«

»Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon ihr Kopfweh, und da will ich doch lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht man ja keinen Menschen.«

»Hast recht«, antwortete die Dörr. »Na, da werd ich man ein bißchen ans Fenster rücken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von der Hand.«

»Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Dörr. Aber hier am Fenster is ja grade die pralle Sonne.«

»Schadt nichts, Lene. Da bring ich meinen Marchtschirm mit, altes Ding und lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit.«

Und ehe fünf Minuten um waren, hatte die gute Frau Dörr ihren Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirmstellage so behaglich und selbstbewußt, als ob es auf dem Gensdarmenmarkt gewesen wäre. Drinnen aber hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so nah, daß man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. Dabei ging das Plätteisen emsig hin und her. Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammenbinden, und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit auf- und ins Fenster hineinsah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte, der für neue heiße Bolzen zu sorgen hatte.

»Du könntest mir mal ’nen Teller geben, Lene, Teller oder Schüssel.« Und als Lene gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten hatte. »Da, Lene, das gibt ’ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn daß es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit ’n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.«

»Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr. Aber was wird nur Ihr Alter sagen?«

»Der? Ach, Leneken, was der sagt, is ganz egal. Der redt doch. Er will immer, daß ich den Murks mit einbinde, wie wenn’s richtige Stangen wären, aber solche Bedrügerei mag ich nich, auch wenn Bruch- und Stückenzeug gradesogut schmeckt wie ’s Ganze. Was einer bezahlt, das muß er haben, un ich ärgre mir bloß, daß so ’n Mensch, dem es so zuwächst, so ’n alter Geizkragen is. Aber so sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un können nie genug kriegen.«

»Ja«, lachte Lene, »geizig is er und ein bißchen wunderlich. – Aber eigentlich doch ein guter Mann.«

»Ja, Leneken, er wäre soweit ganz gut, un auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so zärtlich wäre. Du glaubst es nich, immer is er da. Un nu sieh ihn dir an. Es is doch eigentlich man ein Jammer mit ihm un dabei richtige sechsundfünfzig, un vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lügen tut er auch, wenn’s ihm gerade paßt. Un da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl ihm immer von Schlag und Schlag und zeig ihm welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber er lacht bloß immer und glaubt es nich. Es kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich glaub es ganz gewiß, daß es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat er mir alles, un so sag ich weiter nichts. Wie einer sich legt, so liegt er. Aber was reden wir von Schlag und Dörr, un daß er bloß O-Beine hat. Jott, mein Lenechen, da gibt es ganz andere Leute, die sind so grade gewachsen wie ’ne Tanne. Nich wahr, Lene?«