Die Kommissarin schlägt zurück

Horst Bieber

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Inhaltsverzeichnis

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Die Kommissarin schlägt zurück | von HORST BIEBER | 3 Krimis mit Marlene Schelm

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Sand im Mund

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Liebe unter Piranhas

DIE KOMMISSARIN GIBT AUF

Teil I

Teil II

Teil III

Die Kommissarin schlägt zurück

von HORST BIEBER

3 Krimis mit Marlene Schelm

Der Umfang dieses Buchs entspricht 409 Taschenbuchseiten.

Es gibt viele Methoden, einen störenden Menschen auszuschalten oder aus dem Weg zu räumen: Es muss nicht immer gleich Mord sein. Manchmal kommen Unfälle zu Hilfe, oft auch Fehler der Störenfriede. Verleumdungen können ins Auge gehen und scheinbar harmlose Opfer erweisen sich als gestandene und trickreiche Kämpfer. Man kann sich auch im Gespinst seiner Intrigen verfangen und sie plötzlich als Strick um den eigenen Hals verspüren.

Zwei neue Novellen, „Sand im Mund“ und  „Liebe unter Piranhas“ mit Marlene Schelm, deren erster Auftritt in dem Roman DIE KOMMISSARIN GIBT AUF in der Edition Bärenklau erfolgte.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Sammelband © by Horst Bieber  und Edition Bärenklau 2015

Enthält die Romane und Novellen „ Sand im Mund“, „Liebe unter Piranhas“ und „Die Kommissarin gibt auf“.

© Cover  by Firuz Askin;  Illus : Steve Mayer & Pixabay, 2015

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Sand im Mund

Personen:

Anke Wirtz (45) freie Grafikerin und stille Teilhaberin der Begleit- und Serviceagentur EPA (Eden-Paradies-Agentur)

Dr. Jonas Ritter - Ankes Anwalt

Martha Overbeck (44) Geschäftsführerin und Haupt-Eigentümerin der EPA

Sara Velber genannt Beda, (ca. 20 Jahre alt) stirbt bei einem Autounfall auf der Kepplerstraße

Hero Bansin - Rentner, stirbt im Alter von 46 Jahren an Krebs

Michael Laute - Heros, in Lissabon lebender Onkel

(Mar)Lene -Schelm Erste Hauptkommissarin

Jule Springer-Lenes Kollegin im Referat 11

1. Kapitel

Dr. Jonas Ritter war ein stattlicher, sehr gut aussehender Mann und außerdem ein erfolgreicher Anwalt, aber Anke Wirtz störte, dass er sich immer und überall unbedingt in Szene setzen musste, immer die erste Geige spielen wollte. Sie fand es mittlerweile aufdringlich und affig zugleich; sein Auftreten, als sei er unwiderstehlich, unfehlbar und unentbehrlich, stieß sie ab. Sie hatte Mühe, ihm gegenüber höflich zu bleiben. Auch jetzt strahlte er sie an, als wolle er sie beglückwünschen, dass sie endlich den Weg zu einem echten, zum richtigen Mann und Anwalt gefunden hatte. Sie hatte sich im Internet gründlich über Narzissmus informiert, und glaubte nun zu wissen, was Dr. Ritter zu seinem Verhalten trieb. Das Wissen machte den Umgang mit ihm allerdings nicht leichter.

"Guten Morgen, Frau Wirtz. Schön, Sie zu sehen. Was kann ich für Sie tun?"

"Guten Morgen", sagte sie, mehr muffig als kühl, "ich wollte Ihnen nur einen Brief zeigen, den ich heute in meiner Post hatte."

Er überflog das kurze Form-Schreiben, in dem ihr die Staatsanwaltschaft mitteilte, dass das Verfahren gegen sie wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingestellt worden sei. Er nickte zufrieden: "Das wusste ich schon. Ich weiß inzwischen auch warum."

"Ja? Und warum?"

"Diese Sara Velber - wenn sie denn so hieß - hatte fast 1,3 Promille Alkohol im Blut und war außerdem bis in die Haarspitzen zugedröhnt mit Dope. Ihre Aussage, dass sie, ohne nach rechts oder links zu sehen, auf die Straße gelaufen oder getaumelt ist, war damit mehr als wahrscheinlich. Und die Reifenspuren beweisen, dass Sie alles getan haben, um den Unfall zu vermeiden."

Weil es stockdunkel, regnerisch und böig war, hatte Anke Wirtz höllisch aufgepasst und war nicht schneller als 40 km/h gefahren. Trotzdem hatte sie die junge Frau zu spät gesehen. Die Fußgängerin trug einen schwarzen Anorak, dazu helle Hosen, und war einfach auf die Straße gelaufen, direkt vor Ankes Wagen, Anke konnte sich später nur noch an die hellen Hosenbeine erinnern, die sich ohne Verbindung zu einem Körper vor ihr zu bewegen schienen. Sie war in die Eisen gestiegen, dass die Reifen blockierten und hatte das Steuer nach links gerissen, aber es war zu spät, mit der rechten Ecke der Motorhaube erfasste sie die junge Frau noch und warf sie so unglücklich auf die schmale Straße, dass sie mit dem Kopf gegen die Bordsteinkante schlug. Anke Wirtz hatte sofort über Handy Polizei und Notarzt verständigt. Zum Glück hatte sie an dem Nachmittag keinen Tropfen Alkohol getrunken. Trotz der Feuchtigkeit waren ihre Brems- und Ausweichspuren noch zu erkennen, als die Polizei eintraf. Und niemand zweifelte an der Aussage einer 45-jährigen Fahrerin mit fünfundzwanzig Jahren Fahrpraxis, in deren Verlauf sie keinen Punkt in Flensburg kassiert hatte und nie wegen eines Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung aufgefallen und aktenkundig geworden war. Und nun Alkohol und Drogen beim Opfer, das wahrscheinlich Sara Velber hieß. Papiere hatte sie nicht bei sich gehabt, nur in der Innentasche des Anoraks einen leeren, in Frankfurt/Main abgestempelten Briefumschlag mit der Anschrift Sara Velber, Dryanderstraße 45 in Tellheim.

Die Polizei, die den Brief nicht sofort entdeckt hatte, war zu Anke gekommen und hatte gefragt, ob sie zufällig die Tote kenne. Anke hatte sich vor dem Abtransport der Toten in die Gerichtsmedizin die junge Frau genau angeschaut. Trotz der jetzt erschlafften Gesichtszüge war nicht zu verkennen, dass sie eine auffällig aparte Frau gewesen war, nicht schön oder hübsch oder niedlich im üblichen Sinne, sondern apart, mit langen hellbrünetten, fast blonden, glatten Haaren, die jetzt wie ein Kranz um ihren Kopf ausgebreitet waren und den feuchten, schmierigen Straßenstaub und -dreck aufzusaugen schienen.

"Nein, tut mir leid, ich kenne sie nicht."

"Haben Sie sie zufällig mal hier in der Gegend gesehen?"

"Nein."

"Frau Wirtz, wir würden uns gern Ihren Wagen mal näher anschauen, ob Licht, Lenkung und Bremsen in Ordnung sind. Außerdem brauchen wir von Ihnen eine Blutprobe. Sind sie damit einverstanden?" Das Pusteröhrchen hatte nichts angezeigt.

"Ja, natürlich."

Auf der Fahrt in die Klinik saß sie wie versteinert in dem Streifenwagen. Noch nie hatte sie einen Unfall gehabt und nun gleich beim ersten Mal eine Tote. Erst nach der Blutentnahme begann sie zu zittern wie Espenlaub und die Ärztin sagte mitleidig: "Den Rat gebe ich nicht oft, aber wenn Sie zu Hause Cognac oder Wodka haben, lassen Sie etwas Luft in die Flasche. Und dann ab ins Bett, Fenster auf für frische Luft und bloß keine Tabletten."

Eine junge Streifenpolizistin fuhr sie nach Hause. Anke weinte jetzt pausenlos und kriegte sich nicht wieder ein. Erst als sie vor dem Haus anhielten, sagte die junge Frau am Steuer leise: "Bei meinem zweiten Einsatz bei einer Alkoholkontrolle ist ein Mann mit einem Springmesser auf mich losgegangen. Ich habe ihn in Notwehr erschossen. Monatelang habe ich mich im Schlaf gefragt, warum hast du das getan, warum hast du nicht versucht, ihn mit einem der gelernten Judogriffe außer Gefecht zu setzen. Ich habe mehr als einmal daran gedacht, den Beruf zu wechseln. Ich fürchte, da müssen Sie jetzt auch durch, aber ich kann Ihnen versprechen, eines Tages können Sie damit leben und wieder ruhig schlafen. Bis dahin nur bloß keine Hilfe im Alkohol oder bei Tabletten suchen."

"Danke, ich werde daran denken."

2. Kapitel

Die Oberkommissarin Martha Olliger kam selten in das Präsidium am Krötengraben, ihre Abteilungen war verkehrsgünstiger in einem eigenen Neubau am Ring 1 untergebracht worden.

Marlene Schelm, im Hause allgemein nur Lene genannt, musterte die Kollegin erstaunt: "Sicher, komm herein, was kann ich für dich tun?"

"Mir in einer komplizierten Sache helfen, in der wir nicht weiterkommen."

Vor jetzt fast acht Wochen hatte es auf der Kepplerstraße abends einen Verkehrsunfall gegeben, bei dem eine junge Frau zu Tode gekommen war. Sie hatte keine Papiere bei sich gehabt, nur in der Innentasche ihres Anoraks einen leeren Briefumschlag, der an eine Sara Velber, Dryanderstraße 45 in Tellheim, gerichtet und in Frankfurt/Main aufgegeben worden war. Natürlich hatten sie sich in dem Haus erkundigt und nach der toten Frau gefragt und Fotos von dem Unfallopfer gezeigt, aber niemand wollte sich an sie erinnern. Sie hatte dort auch keine Wohnung gemietet. Bundesweit wurde keine Sara Velber vermisst, das "Blonde Gift" - so der schmeichelhaft gemeinte Spitzname der Gerichtsmedizinerin Prof. Nadine Golowski, feste Freundin des Direktors der Tellheimer Kriminalpolizei Jörg Steiger, hatte nichts festgestellt, was eine Identifizierung über Operationen oder Zahnbehandlung möglich gemacht hätte. "Wen haben wir da eigentlich anonym begraben?"

"Velber mit V?"

"Ja."

"So häufig scheint mir der Name nicht zu sein."

"Ist er auch nicht, Lene. Wir haben gut zwei Dutzend Personen aufgetrieben, aber niemand will eine Sara Velber kennen oder vermissen.

Bundesweit keine Vermisstenanzeige für eine Sara Velber. AFIS sagt nein, kenne ich nicht, Inpol auch und die Genbank in Wiesbaden melden auch Negativ. Grem bricht angeblich schon unter seinen laufenden Fällen zusammen" - das tat Hauptkommissar Kurt Grembowski unter lautem Geschimpfe immer, wenn man ihn um Hilfe bat, weshalb er im Haus nur Grem der Grobe hieß.

"Ich war auch schon bei Arne Wilster im Keller, aber der wird aus der Sache auch nicht schlau." Arne Wilster, ehemals Chef der Zielfahnder, hatte nach einem Unfall ein lahmes Bein zurückbehalten, musste Strecken länger als hundert Meter am Stock laufen und leitete nun offiziell das Archiv, beschäftigte sich aber in erster Linie mit Fällen, in denen Kollegen nicht weiterkamen oder bei denen bald Verjährung drohte. 

"Was ist mit der Fahrerin des Unglücksautos?"

"Kein Anhaltspunkt. 45 Jahre alt, von Beruf Grafikerin, 25 Jahre Führerschein ohne Unfall. Am Unglücksabend kein Alkohol, keine Drogen, Tempo 40 und Brems- und Ausweichmanöver. Das Opfer war zugedröhnt und hatte überdies fast 1,3 Promille."

"Ich soll also herausfinden, wer das Opfer war?"

"Das wäre schön, Lene. Sie liegt auf dem Ostfriedhof. Ich hab' so ein komisches Gefühl im Bauch."

Lene kannte das und war deswegen die letzte, die sich über solches Unbehagen, solche Bauchgefühle lustig machte.

"Okay, ich gehe aber vorher doch zu Steiger."

Lene wusste, dass sie beim Direktor der Kripo einen Stein im Brett hatte und manches durchsetzen konnte, was die Routine und die üblichen Zuständigkeiten sprengte. Steiger, früher selbst einmal ein sehr erfolgreicher Ermittler im Landeskriminalamt, lachte und stimmte zu. 

Martha Olliger meinte etwas neidisch, als sie zurückgingen. "Beziehungen muss man haben."

"Vitamin B schadet selten, richtig."

"Ich bring dir dann die Akten heute gegen Dienstschluss vorbei."

3. Kapitel

Die junge Beamtin, die sie nach Hause gefahren hatte, sollte Recht behalten. Anke Wirtz quälte sich vier Wochen mit Albträumen, Selbstvorwürfen und Schlaflosigkeit herum und hatte in der Nacht, bevor der Brief von der Staatsanwaltschaft eintraf, in dem das Verfahren gegen sie eingestellt wurde, zum ersten Mal wieder ohne böse Träume durchgeschlafen.

Deshalb beschloss sie, an diesem Tag sich wieder einmal hinter das Steuer zu setzen. Ihre Werkstatt hatte den Wagen von der KTU abgeholt, den Scheinwerfer und den Blinker vorne rechts erneuert und das Auto auf ihrem Hof abgestellt.

Als sie bei Hero Bansin anrief, um ihm mitzuteilen, dass sie heute wieder kommen werde, nahm der nicht ab. Also sprach sie auf Band: "Guten Morgen, Hero. Anke hier. Ich habe das Schlimmste hinter mir und schaue heute über Mittag mal vorbei."

Vor seinem Haus im Argelanderweg parkten mehrere Auto, darunter zwei Streifenwagen und ein Notarztwagen. Beunruhigt schloss sie die Haustür auf und ging hinein. Die Wohnungstür war ins Schloss gezogen, Anke benutzte ihren Schlüssel und wäre fast vor Schreck in Ohnmacht gefallen; aus einem Zimmer kam ein junge Frau herausgeschossen und brüllte sie an: "Was machen Sie denn hier?"

Anke Wirtz brauchte einige Zeit, sich wieder zu fangen und dann zu antworten: "Diese Frage sollte ich eher Ihnen stellen. Wer sind Sie überhaupt und was haben Sie hier in der Wohnung verloren?"

Bevor die junge Frau mit den kurzen blonden Locken antworten konnte, kam ein Mann in die Diele und hielt ihr einen Ausweis hin: "Kriminalpolizei, mein Name ist Harald Sturm. Und wer sind Sie?"

"Ich heiße Anke Wirtz und bin mit Hero Bansin befreundet. Ist ihm was passiert?"

Sturm wurde ernst: "Ich fürchte, ich hab' eine schlechte Nachricht für Sie. Der ärztliche Dienst hat Hero Bansin heute tot in seinem Bett gefunden."

"Oh nein", jammert sie auf. "Doch nicht Hero. Doch nicht jetzt."

"Sie kannten Bansin näher?"

"Ja."

Aus dem Wohnzimmer kam noch eine Frau in die Diele; Sturm trat zur Seite: "Die Chefin, Hauptkommissarin Marlene Schelm."

"Kriminalpolizei? Ist denn was passiert, ein Einbruch oder so?"

"Nein. Im Wohnzimmer lagen Scherben am Boden und das ist der Schwester aufgefallen, die Bansin die tägliche Schmerzspritze geben sollte. Vorsichtshalber hat sie die Polizei alarmiert."

"Aber der Einbrecher hat doch nicht... hat doch nicht Hero was...?"

"Nein, das sieht nicht so aus. Unser Arzt hat Unmengen an Medikamenten gefunden. Wissen Sie, woran Herr Bansin gelitten hat?"

"Krebs. Er ist mehrfach operiert worden; aber es hat immer wieder Metastasen gegeben. Und er wollte auf keinen Fall im Krankenhaus sterben. Dann lieber Tablette en masse und jeden Tag eine Spritze."

"Sie haben ihn gut gekannt?"

"Ja."

"Sind Sie oft hier gewesen?"

"Eigentlich jeden zweiten Tag, und wenn es meine Arbeit erlaubt hat, auch täglich."

"Darf ich fragen, was Sie machen?"

"Ich bin freiberufliche Grafikerin. Da kann man sich die Arbeit doch etwas freier einteilen."

"Aber in letzter Zeit waren sie nicht so oft hier?"

"Woher wissen Sie das?"

"Wir haben das Band des Anrufbeantworters abgehört. Da sagt eine Frau namens Anke, sie habe jetzt das Schlimmste hinter sich und wolle über Mittag wieder mal kommen. Waren Sie das?"

"Ja. Vor vier Wochen habe ich nicht weit von hier eine junge Frau totgefahren. Die Polizei hat meinen Wagen untersuchen wollen und ich habe mich vier Wochen lang nicht getraut, mich wieder ans Steuer zu setzen."

"Das war auf der Kepplerstraße, nicht wahr?... Schauen Sie mich nicht so überrascht an, die Kollegin vom Verkehrsunfalldienst war bei mir und hat mich um Hilfe gebeten. Die Identität der Toten steht nämlich immer noch nicht fest. Aber setzen wir uns doch ins Wohnzimmer. Wir haben eine Menge Fragen, die Sie uns vielleicht beantworten können."

"Und Hero...?"

"Der ist schon abtransportiert. Unsere Gerichtsmedizin kümmert sich um die exakte Todesursache."

"Muss das sein?"

"Wir können nicht ausschließen, dass es einen tätlichen Angriff auf Hero Bansin gegeben hat."

Anke zuckte die Achseln und folgte der Hauptkommissarin ins Wohnzimmer.

"Frau Wirtz, wie lange kannten Sie Hero Bansin schon?"

Sie musste einen Moment rechnen und sagte dann entschieden: "Dreiundvierzig Jahre."

"Entschuldigung, ich weiß aus der Unfallakte, dass Sie 45 Jahre alt sind, wie kann man dann einen Mann seit mehr als vierzig Jahren kennen?"

"Weil der Mann mich im zarten Alter von zwei Jahren zum ersten Mal verhauen hat... nun schauen Sie nicht so verblüfft. Wir waren  Nachbarskinder in München-Bogenhausen und haben oft zusammen in einer Sandkiste gespielt. Dann ist sein Vater gestorben, die Mutter ist zu ihrer verheirateten Schwester nach Lissabon gezogen und Hero und ich haben uns aus den Augen verloren."

"Und hier in Tellheim wieder getroffen?"

"Ja. Hero hatte in einer Ausstellung eine Arbeit von mir gesehen und herausgefunden, wo ich wohne. Das war vor gut zehn Jahren."

"Darf ich daraus schließen, dass zwischen Ihnen..."

"Nein, ganz im Gegenteil. Die Sandkistenprügel hatte ich ihm verziehen, aber von Liebe war nie die Rede, nicht einmal von Zuneigung."

"Von was dann?"

"Mitleid. Als wir uns wiedersahen, war er schon ein sehr kranker Mann, Herz, Lungen, Magen, Leber, so ziemlich alles, was defekt werden kann. Nicht verheiratet, als Einzelkind keine Nichten und Neffen, ohne jeden Anhang. Stinkreich, aber sterbenseinsam."

"Keine Freundin oder Geliebte?"

"Früher schon, aber nach seinem ersten Infarkt hatte er sich von allen zurückgezogen und sich hier verkrochen. Zu Anfang war er gar nicht begeistert, dass ich ihn hier besuchte, aber mit der Zeit fand er es doch ganz angenehm, Kontakt wenigstens zu einem Menschen zu haben, der nichts von ihm wollte, und dem er vertrauen konnte - trotz einer mir in den Mund gestopften Sandladung."

Lene Schelm lachte: "Sie sagten 'stinkreich'. Wer erbt denn jetzt alles?"

"Den größten Teil hat er wohl mir vermacht. Und dann noch einzelne Legate an frühere Angestellte, Helfer und Pfleger. Moment mal."

Sie stand auf und holte aus einem Schrank einen Holzkasten mit Karteikarten. "Hier drin sind alle Namen seiner Ärzte, seines Anwalts, des Vermögensverwalters, der Bank, der Versicherungen etc. Er hat immer sehr auf Ordnung geachtet."

"Aber nicht die Anschriften seiner Freundinnen?"

"Sie meinen Geliebten! Doch, wenn es welche gab, werden Sie hier drin die Namen, Anschriften und Telefonnummern finden. Er hat manchmal gespottet, wessen Leben passe schon in einen

DIN A 5 -Karteikartenkasten?"

Die Kommissarin schüttelte den Kopf, und Anke setzte noch eins drauf: "Ich bin ziemlich sicher, Sie werden in einem der Ordner einen Bogen mit abziehbaren und schon ausgefüllten, selbstklebenden Adressen-Schildchen für seine Todesanzeige finden."

"Hören Sie auf, das ist ja makaber."

"Hero meinte, wenn man eine Katastrophe kenne und sie kommen sehe, sei sie nur halb so schlimm."

Die Kommissarin schüttelte sich: "Kein Umgang für mich."

"Man gewöhnt sich an alles."

"War er schon immer so?"

"Das weiß ich nicht. Als er mit seiner Mutter nach Portugal zog, war er neun oder zehn, und da ist mir nichts an ihm aufgefallen."

"Frau Wirtz, was ganz anderes. Haben Sie einen Schlüssel zu diesem Haus?"

"Ja. Auch zu seinem Bankschließfach und seinen Konten plus unbeschränkter Vollmacht für alles."

"Er hat Ihnen also rückhaltlos vertraut?"

"Ja." 

"Kennen Sie sein Testament?"

"Ich habe es nie gelesen, er hat mir nur erzählt, dass er mich zur Haupterbin eingesetzt hat. Erstens kenne er keine anderen Menschen, die er bedenken könne, und zweitens sollten sich Hilfsbereitschaft und Anstand wenigstens schon einmal auf Erden auszahlen. Dem Himmel und der dortigen Rechtsprechung traute er nicht so recht."

"Wen müssen wir also vom Tod des Hero Bansin benachrichtigen?" 

"Die amtlichen Stellen, Melde- und Finanzamt, denke ich mal. Verwandte und Bekannte kenne ich nicht. Vielleicht weiß sein Anwalt mehr, oder sein Onkel in Lissabon kann weiterhelfen."

"Kümmern Sie sich um die Beerdigung?"

"Ich glaube, auch dafür gibt es präzise Anweisungen in seinem Schrank. Er hat immer alles selber regeln wollen."

"Okay. Frau Wirtz, es klingt jetzt gewaltig nach Misstrauen, aber ich muss Sie trotzdem bitten, mir alle Schlüssel für das Haus und die Bank auszuhändigen - gegen Quittung selbstverständlich."

So geschah es, und Anke Wirtz verließ mit einem bitteren Gefühl und einem sehr schlechten Geschmack auf der Zunge Haus Bansin für immer. Sie hatte es abgelehnt, sich die Leiche in der Gerichtsmedizin noch einmal anzusehen. Als sie die junge Frau auf der Kepplerstraße umfuhr, kam sie von Hero Bansin, er war außergewöhnlich gut gelaunt gewesen, hatte viel gelacht und gemeint, vielleicht habe er doch noch eine Zukunft vor sich. Anke hatte diesen Optimismus auf die neuen Tabletten geschoben. 

"Du bist zum Schluss ziemlich hart mit ihr umgegangen", bemerkte Jule Springer später zu ihrer Chefin, und Marlene Schelm widersprach nicht. "Stimmt, aber ich bin die ganze Zeit über das dumme Gefühl nicht losgeworden, dass sie so offen redete, damit ich keine Fragen stelle und vielleicht Punkte berühre, die sie geheimhalten möchten. Wir packen jetzt alles ein, schließen ab und versiegeln das Haus. Sorgst du dafür, dass die Kollegen von den Streifen auf das Haus achten?"

"Mach' ich. Willst du zurück ins Büro?"

"Nicht sofort. Wenn wir schon mal in der Gegend sind, würde ich mir gern die Dryanderstraße 45 ansehen. Die ist doch nicht weit von hier?"

"Nein, mit dem Auto sechs oder sieben Minuten."

"Und die Kepplerstraße?"

"Für einen Fußgänger nur fünf Minuten."

"So nah?"

"Ja, es gibt einen Fußgängerweg vom Argelanderweg durch den Gehlerpark auf die Kepplerstraße."

"Und von der Kepplerstraße zur Dryanderstraße?"

"Acht, neun  Minuten, wenn man sich auskennt."

"Ach nee."

Das Haus Dryanderstraße Nummer 45 war sechsstöckig mit einem ausgebauten Dachgeschoss. Der Verfall hatte sichtlich eingesetzt, der Zeitpunkt für eine gründliche Renovierung schien schon verpasst.

"Da hilft nur Klinkenputzen", seufzte Jule.

Sie begannen Erdgeschoss links: "Entschuldigung, wir sind von der Polizei und suchen eine Sara Velber, die hier mal gewohnt haben soll." Für alle Fälle hatte die umsichtige Lene sich von der Technik ein retuschiertes Foto der Toten von der Kepplerstraße anfertigen lassen, auf dem sie nicht nur sehr lebendig, sondern mit den langen hellen Haaren sogar recht attraktiv aussah. "Haben Sie diese junge Frau schon mal hier im Haus gesehen?"

"Nein, tut mir leid." Das hörten sie vom Erdgeschoss bis in die sechste Etage, manchmal garniert mit dem verärgerten Zusatz: "Das haben wir Ihren Kollegen doch alles schon erzählt." Im sechsten Stock auch links dieselbe Litanei, in der rechten Wohnung kam eine schwarzhaarige Frau an die Tür, die mit einem deutlich ausländischen Akzent sprach und ohne Zögern sagte. "Das ist doch Sara, nicht wahr?"

"Wir kennen ihren vollen Namen nicht."

"Sie hat mal eine oder zwei Wochen da oben gewohnt." Mit dem Daumen deutete sie voller Missachtung nach oben zum Dachgeschoss. "In der Wee-dscheje." Sie sprach es unbefangen wee-dscheje aus und Lene und Jule brauchten einige Zeit, sich das als WG, als Wohngemeinschaft, zu übersetzen, die offenkundig nicht die Billigung ihrer portugiesischen Hausfrau und Nachbarin besaß. "Wir haben uns einmal etwas länger unterhalten."

"Auf Deutsch?"

"Nein, auf Portugiesisch, Sara spricht meine Sprache sehr gut, sie ist in Lissabon geboren." Präsenz: wusste sie noch nichts vom Tod der Sara Velber?

"Als Deutsche?"

"Ja. Sie hat eine deutsche Mutter, die mit ihren Freunden ins Alemtejo gezogen war."

"Wissen Sie zufällig, wohin?"

"Nein, nicht genau. Ich komme aus Beja, Santa Maria da Feira, und als ich das sagte, hat sie gemeint, Beja würde sie kennen, da wären sie oft hingefahren, um einzukaufen. Also wird es wohl in der Nähe von Beja gewesen sein."

"Was haben sie und ihre Mutter dort gemacht?"

"Die Mutter und ihre grünen Freunde haben einen alten Hof gemietet."

Es dauert etwas, bis der Begriff "grüne Freunde" geklärt war. Deutsche Umweltschützer und Aussteiger hatten ein kleines Gut gekauft oder gepachtet, das seit Jahrzehnten nicht mehr bewirtschaftet worden war, und hatten versucht, eine alternative Landwirtschaft aufzuziehen. Sonne und Wärme gab es genug, aber es fehlte an Wasser, Strom, Straßen und Absatzmöglichkeiten. Viele hatten bald aufgegeben, doch Sara war geblieben, bis ihre Mutter starb und sie nach Deutschland zurückkehrte, um ihren Vater zu suchen.

"Suchen? Kannte sie den denn nicht?", fragte Jule verwundert.

"Nein, sie wusste nicht einmal seinen Namen; aber eine Freundin eines Kollegen hatte der Mutter geschrieben, er könne nach Tellheim gezogen sein, weil seine Familie hier mehrere Häuser besaß. Und deshalb wollte sie ihn hier suchen."

Lene vermutete, dass auch portugiesische Trivialromane nach demselben Muster gestrickt waren, großes Elend zu Beginn, tapferes und klagloses Leiden, unermüdliches Streben nach einem Ziel, und dann großes Happy End. Ihre Gesprächspartnerin war jedenfalls von Saras Vorgehen mächtig beeindruckt gewesen. Aber Sara war dann plötzlich verschwunden und nicht mehr in die wee-dscheje gekommen. Jule wollte ihr erzählen, was mit Sara Velber geschehen war, aber Lene ließ sie mit einem warnenden Räuspern verstummen.

Unter dem Dach klopften sie vergeblich an die Tür, alle Mitglieder der Wohngemeinschaft schienen ausgeflogen. Also mussten sie noch einmal wiederkommen.

Jule Springer verbrachte einen angenehmen Abend mit ihrem Hasen, dem Staatsanwalt Paul Hase, mit dem sie zusammenlebte und dem sie alle drei, vier Wochen einen Korb gab, wenn er wieder einmal fragte, wann sie ihn denn nun endlich heiraten wollten. Ihre klare Standardantwort: "Bett ja, Standesamt nein" verwirrte ihn immer noch.

Ihre Chefin Lene Schelm hatte keine so angenehme Gesellschaft, ihr Freund Jochen Pauly lebte und arbeitete erstens als Lobbyist in Berlin und war zweitens verheiratet - Scheidung nicht in Sicht, wie er offen sagte und Lene inzwischen akzeptierte. Doch bei einer guten Flasche Rotwein, die man nicht teilen musste, hatte man Zeit zu träumen und darüber nachzusinnen, bei welchem Wort der Zeugin Anke Wirtz die Hauptkommissarin Marlene Schelm stutzig geworden war.

Lene Schelm war eine sexy Frau, die gerne flirtete und Hof hielt, immer von Männern umschwärmt; sie konnte an jedem Finger zehn zappeln lassen. Aber sie war auch, was man ihr weniger ansah, eine hoch intelligente Frau mit einem fotografischen Gedächtnis, die sehr genau zuhören konnte und viele nicht ausgesprochene Wörter und Sätze erriet. Wer sie belügen und täuschen wollte, musste sehr früh aufstehen.

Das wollte sie auch, stellte ihren Wecker und verzichtete auf einen weiteren Gang in den Weinkeller. Freund Jochen meinte ohnehin, sie tränke zuviel. Lene würde sich eher die Zunge abbeißen, als zuzugeben, dass sie das manchmal auch dachte. Ein Glas Wein am Abend sollte ja gesund sein, eine ganze Flasche vielleicht nicht.

Anke Wirtz langweilte sich. Sie hatte keinen Freund, zu dem sie hätte flüchten können, und keine Freundin, mit der sie jetzt lange und ausführlich telefonieren konnte. Von der Arbeit ließ sie lieber die Finger, sie hatte in solchen düsteren Stimmungen mehr als einmal fast fertige Arbeiten zerstört und sich am nächsten Tag unendlich über ihre Dummheit geärgert. Sie hatte wirklich Mitleid mit Hero Bansin empfunden und dem Spielkameraden aus Sandkastenzeiten gerne geholfen, aber das war auch, was sie ihm nie gestanden hatte, eine Flucht vor der Langeweile gewesen, der permanenten Beziehungslosigkeit und den periodisch auftretenden Arbeitskrisen. Geld genug besaß sie, die Eltern hatten ihr ein Mietshaus hinterlassen, sie verdiente mit ihren Grafiken und Aufträgen recht ordentlich; außerdem hatte sie hatte eine stille Teilhaberschaft in einem florierenden Unternehmen. Nur - was sollte sie mit dem Geld anfangen? Es füllte ein Konto und ein Depot für einen nicht existierenden Erben auf. Reisen? - allein machte es wenig Spaß, jede Sammelleidenschaft ging ihr ab, Schmuck und Mode fand sie so albern wie überflüssig. Und manchmal hatte sie den Eindruck, dass sie die Sparsamkeit erst entdeckte, als sie endlich über genug Geld verfügte, sich auch das zu leisten, was sie sich in ärmeren Phasen vergeblich gewünscht hatte.

Lene saß gähnend auf der letzten Treppenstufe vor der Wohnungstür der Wohngemeinschaft im Dachgeschoss, als ein junger Mann mit einem flüchtigen "Hallo" an ihr vorbeistürmen wollte. "Stopp!", rief sie ihm nach, und etwas in ihrem Ton ließ ihn bremsen. "Polizei" fügte sie für alle Fälle hinzu und zückte ihren Ausweis. Der junge Mann machte kehrt und kam die drei Stufen zurück, studierte den Ausweis und fragte halb verwundert, halb verächtlich: "Wen soll ich denn umgebracht haben?"

Lene hielt ihm das retuschierte Foto der Unfalltoten hin: "Kennen Sie diese Frau?"

"Nein", sagte er trocken.

"Vorsicht!", warnte Lene. "Nach Zeugenaussagen hat sie hier gewohnt."

"Ausgeschlossen! Das wüsste ich."

Dann sah er Lenes unfreundliches Gesicht und gab sich lieber hilfsbereit: "Vielleicht hat sie eine oder zwei oder auch drei Nächte bei einer Freundin oder mit einem Freund geschlafen. Solche 'Kurzzeitgäste' lernen nicht alle WG-Mitglieder immer kennen."

"Die junge Frau hatte auffallend lange, fast blonde, glatte Haare und sprach fließend Portugiesisch."

"Das klingt nach Maria Freire. Reden Sie doch mal mit Therese." Dann grinste er und meinte amüsiert: "Aber seien Sie vorsichtig, wenn Sie das überleben wollen. So, jetzt muss ich gehen, oder ich verliere meinen Job, der mich mehr schlecht als recht ernährt."

Und diesmal ließ er sich auch von Lenes barschem Befehl: "Eine Frage noch!" nicht mehr aufhalten.

Die Mehrzahl der WG hatte die Dachgeschoss-Wohnung noch nicht verlassen, die meisten saßen noch beim Frühstück, und die Erste Hauptkommissarin Lene war hör- und sichtbar nicht willkommen. Weil sie dazugelernt hatte, fragte sie in dieser großen Runde: "Hat diese junge Frau auf dem Foto hier mal gewohnt oder eine oder mehrere Nächte geschlafen?"

Das Bild machte die Runde, begleitet von spontanen Beifallspfiffen und dumm-anzüglichen Bemerkungen, die nur Lenes Blutdruck hochtrieben, ansonsten überhaupt nicht weiterhalfen.

Als man ihr die Fotos wieder in die Hand drückte, wollte sie schon gehen, fragte dann aber doch noch: "Gibt es noch jemanden, der hier wohnt oder gewohnt hat und diese Blondine gesehen haben könnte?"

Ihr fiel auf, dass sich mehrere Mädchen unruhig anschauten, bis endlich eines den Mund aufmachte. "Therese ist noch im Bad."

"Dann warte ich noch einen Moment." Lene setzte sich, was den wenigsten gefiel, und noch weniger, dass sie jetzt Zeit hatte, sich die jungen Frauen und Männer genauer anzusehen. Wenn alle mindestens 18 Jahre alt waren, wollte sie ihren Job aufgeben. Aber das war nicht ihre Aufgabe, und mit dem Jugendamt hatte die schnell aufbrausende Lene sehr schlechte Erfahrungen gemacht, schon das Wort auszusprechen würde hier wohl zur Folge haben, dass man sie vor die Tür setzte. 

Endlich hörte sie hinter sich ein gewaltiges Schnaufen, und ein Mädchen rief laut und warnend: "Therese, wir haben Besuch."

Eine sehr tiefe Frauenstimme antwortet: "Scheiße, ich zieh' mir eben was an."

Therese kam eine Minute später ins Zimmer. Sie war eine Frau, die man nicht übersehen konnte, an die zwei Meter groß, breitschultrig wie ein männlicher Preisringer, massig, aber nicht dick und ausgesprochen hässlich. Ihr Bademantel reichte aus, um ein Vier-Personen-Zelt abzudecken. Wenn sie in der Dämmerung einem Mann begegnete, konnte der Angst bekommen. Und was Lene ehrlich erschütterte, Therese wusste, welche Wirkung sie auf andere Menschen ausübte, und sie litt darunter. Deswegen bemühte sich Lene, höflich und freundlich aufzutreten, erklärte ihr - was sie bei den anderen nicht getan hatte -, dass diese junge Frau auf dem Foto bei einem Autounfall auf der Kepplerstraße ums Leben gekommen war und keine Papiere bei sich gehabt hatte bis auf einen leeren Briefumschlag mit der Anschrift Sara Velber, Dryanderstraße 45.

Therese sah sich das retuschierte Foto lange an und hatte plötzlich nasse Augen. "Ja, das ist Sara."

"Sie kannten sie?"

"Ja. Seit vielen Jahren."

"Wissen Sie was von Saras Familie, wissen Sie vor allem, wen wir von Saras Tod benachrichtigen müssen?"

"Niemanden. Sara hatte keine Familie mehr."

"Und wo haben Sie sie kennengelernt?"

"In Portes. Das ist ein winziges Nest etwa zwanzig Kilometer von Beja in Portugal entfernt."

"Und wie gerät man in so ein winziges Nest?"

Therese verzog das Gesicht: "Durch grün-alternativ angehauchte Eltern, die das einfache Leben, ohne Zivilisationsschnörkel  und umweltzerstörende Technik ausprobieren wollten. Es war eine ganze Gruppe, aus Hamburg und Berlin, die voller Begeisterung in den Alemtejo gezogen sind, ein kleines, längst aufgegebenes Gut gepachtet und sich an alternativer Landwirtschaft versucht haben."

"Mit Erfolg?"

"Wie man's nimmt, sie sind nicht verhungert, einige der angepflanzten Bäume haben Wurzeln geschlagen und überlebt. Und alle haben sich gefreut, wenn's nach Beja zum Einkaufen ging."

"Und zu dieser Gruppe gehörte Sara?"

"Nein, ihre Mutter Corinna Velber. Eines Tages war Corinna schwanger."

"Von wem?", fragte Lene hastig.

"Einen Namen hat sie nie genannt."

"Aber sie muss doch mal was von ihm erzählt haben?"

"Na ja, immer nur Splitter. Es war ein Deutscher, der vermutlich mit der Bundeswehr-Luftwaffe nach Beja gekommen war. Sie nannte ihn immer nur "Mein Großer" oder "Mein Held.“ Oder auch, "Mein Blonder."

"Kein Familienname? Und was soll das heißen, mein Held."

"Nein, kein Familienname. Und warum Held, das weiß ich auch nicht."

"Wo hat Corinna entbunden?"

"In Lissabon, in einer Klinik. Sie ist dann mit der Tochter Sara nach Portes zurückgekehrt. Aber die Spannungen in der Gruppe nahmen zu. Ich bin dann vor sieben Jahren nach Deutschland zurückgegangen. Corinna ist geblieben und ein Jahr später gestorben. Wahrscheinlich eine Lungenembolie. Ich hatte den beiden meine Adresse in Tellheim geschrieben. Sara stand dann ein paar Monate danach vor meiner Tür und meinte, sie wolle jetzt, nach dem Tod der Mutter, ihren Vater suchen."

"Wusste sie denn, wie er hieß?"

"Nein. Hat sie zumindest behauptet. Die Aufrichtigkeit hatten weder Corinna noch Sara erfunden. Sie hatte nur ein Foto von ihm und den Verdacht oder die Vermutung, der blonde Held ihrer Mutter könne bei der Bundeswehr in Beja stationiert gewesen sein. Wenn sie noch mehr wusste, hat sie's mir nicht auf die Nase gebunden." 

Lene krauste die Stirn: "Wovon hat sie denn gelebt?"

"Auch so ein Geheimnis der schweigsamen Familie Velber. Gewohnt hat Sara die ersten Monate bei mir, woher sie das Geld für ihre Vatersuche nahm, weiß ich nicht. Dann, ein halbes Jahr später, ist sie Knall auf Fall ausgezogen - nein, fragen Sie mich nicht, wohin oder zu wem! Eine Auster ist im Vergleich zu Corinna und Sara Velber geschwätzig. Na ja. Ich habe meinen Job verloren. Es ging sozial und finanziell steil abwärts und zum Schluss war ich heilsfroh, dass ich hier unterschlüpfen konnte. Und wer steht eines Abends vor der Tür, heult und bebt und fragt verzweifelt, ob sie für drei, vier Nächte bei mit pennen könne? Man habe auf sie geschossen und sie traue sich nicht mehr in ihre Wohnung."

"Geschossen?"

"Ja. So hat sie's ausgedrückt: geschossen. Die seien hinter ihr her!"

"Wer sind 'die'?"

"Habe ich natürlich auch gefragt. Aber die Auster klappte ihre Schale wieder zu und verstummte. Drei Nächte hat sie hier gepennt und ist dann wieder ohne Nachricht, ohne Begründung von Jetzt auf Nachher verschwunden. Wissen Sie, wo sie jetzt ist?"

"Ja, sie liegt auf dem Ostfriedhof. Im Urnenfeld fünf."

"Nein, das kann nicht sein. Tot? Haben die sie doch noch erwischt?"

"Kein Mord oder Anschlag, sie war sturzbetrunken und bis obenhin vollgedröhnt und ist vor ein Auto gelaufen. Die Fahrerin hat sofort Polizei und Notarzt alarmiert. Kein Verdacht gegen sie."

Therese sah Lene vorwurfsvoll an. Lene hatte nicht einmal an ihrer Geschichte gezweifelt, so verrückt sie auch klang. Aber ein Unfall war nun mal ein Unfall und kein Mordanschlag. Die Runde hatte gespannt gelauscht, keiner bezweifelte oder wollte korrigieren; was Therese der Kommissarin erzählt hatte, war auch für diese Männlein und Weiblein neu gewesen. Nur eine Sache störte Lene:Was war in dem Briefumschlag gewesen, den Sara Velber bei sich getragen hatte? Wem in Frankfurt hatte Sara diese Adresse verraten, an der sie sich doch verstecken  wollte, nachdem man auf sie geschossen hatte? Da stimmte was nicht. Und über solche Widersprüche stolperte die Erste Hauptkommissarin Lene Schelm besonders ungern.

"Ach, Frau...Entschuldigung, ich weiß nicht einmal Ihren Familiennamen."

"Lorenz, Therese Lorenz."

"Frau Lorenz, hätten Sie jetzt etwas Zeit. Wir müssen ein Protokoll machen, und wenn Sie Fotos von Sara oder Corinna Velber hätten, wäre das eine große Hilfe für uns."

"Ich ziehe mich an, Sie trinken eine Tasse Kaffee und in der Zeit krame ich in meiner Erinnerungskiste nach Fotos."

Lene rief auf der Fahrt in die Gerichtsmedizin und das Präsidium die Kollegin Martha Olliger an, die auch versprach, sofort zu kommen und im Präsidium bekam Lene einen Vorgeschmack von den Gefühlen, die Therese Lorenz bewältigen mussten. Selbst die Kolleginnen und Kollegen starrten unverhohlen auf die Riesin an ihrer Seite, die solche Blicke gewohnt schien. Sie nahm sie einfach nicht zur Kenntnis, und Lene fiel auf, dass die scheinbar so massige Therese sich äußerst geschmeidig bewegte, überhaupt nicht plump oder steif oder ungeschickt. Sie machte, wie Lene anerkennend dachte, das Beste aus der Situation, zog den Kopf nicht ein und versuchte nicht, sich kleiner zu machen. Allerdings wunderte sie sich, dass die Leiterin des Unfall-Untersuchungsdienstes anwesend war, aber Lene konnte sie beruhigen, die Obduktion hatte zweifelsfrei ergeben, dass Sara keinem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Und dass die Freundin Probleme mit Rauschgift und Alkohol hatte, bestätigte Therese zwar widerwillig, aber schließlich doch offen. Vor allem wegen des Rauschgiftes hatte die Agrarkommune Schwierigkeiten mit der örtlichen Polizei bekommen. Und weil eine Mehrheit immer noch an das Experiment glaubte, hatte man sanften Druck auf Sara ausgeübt, die Kommune und am besten den Alemtejo zu verlassen. Abgesehen von dieser Ergänzung wiederholte sie für das Protokoll genau das, was sie Lene bereits in der WG erzählt hatte.

Dort hatte Lene gut zugehört: "Frau Lorenz, Sie haben gesagt, dass die Landwirtschaft kaum genug zum Überleben abwarf, und  trotzdem hätten sich alle immer gefreut, zum Einkauf nach Beja zu fahren, also ist doch von irgendwoher immer etwas Geld geflossen, nicht wahr?"

"Na klar. Die Eltern in Deutschland wollten ihre Sprösslinge doch nicht im roten Alemtejo verhungern lassen. Ohne diese Hilfe, die keiner gerne zugab, wäre das Experiment schon viel früher gescheitert."

"Und wer hat für Sara und Corinna gesorgt?"

"Ich weiß es nicht. Aber ich vermute mal, es war Saras Erzeuger, solange er in Beja stationierte war. Ach, und zu dem ist mir noch was eingefallen. Ich habe mal scherzhaft zu Corinna gesagt, so ein Bundeswehrpilot mit Auslandszulage muss doch ganz nett Geld haben.

Da hat sie gelacht, erstens wäre er kein Pilot, sondern ein Schrauber, und zweitens wäre er auf seinen Sold nicht angewiesen. Und für die nötigen Mäuse sorge Onkel Martin."

"Ein Schrauber?"

"Ja, er würde am Boden dafür sorgen, dass die Dinger in der Luft nicht auseinander fielen."

"Also ein Mechaniker."

"Richtig. Und den Sold brauchte er nicht, weil er genug von seinen Eltern geerbt hatte."

"Hat er mal angedeutet, wo sein Elternhaus gestanden hat?"

"Nein, tut mir leid, ich weiß es nicht."

Martha Olliger mischte sich ein: "Sara Velber hat doch anscheinend in Tellheim gewohnt, bevor man auf sie geschossen hat. Haben Sie eine Vermutung, wo das war?"

Therese Lorenz überlegte lange. Dann glätteten sich die Runzeln auf ihrer Stirn und sie lachte vergnügt. "Vielleicht. Sie hat sich nicht ganz ernsthaft beschwert, dass sie morgens nie so lange schlafen könne, wie sie gerne möchte, weil die Schüler und Schülerinnen eines Gymnasiums sie regelmäßig weckten. In so einem stinkfeinen Viertel solle man doch annehmen, dass sich auch die Kinder gesittet benehmen würden, und wenn die Kinder nicht mehr lärmten, tuteten diese blöde  Schiffe vor der Schleuse."

Martha Olliger sah Lene an, das war so gut wie eine Adresse.

Lene hakte nach: "Dann war es doch mindestens sieben Uhr dreißig. Um diese Zeit sind die meisten Berufstätigen entweder wach oder schon aus dem Haus. Was hat Sara denn gearbeitet, wenn sie morgens so lange schlafen konnte oder wollte?"

"Das dürfen Sie mich nicht fragen."

"Frau Lorenz, als Sara bei Ihnen eine Schlafstelle suchte, wie war sie da angezogen? Halb schlampig, abgerissen, wie auf Trebe?"

"Nein, ganz und gar nicht. Sie trug einen Hosenanzug, und der sah mir sogar ausgesprochen teuer aus, allerdings bin ich aus ersichtlichen Gründen keine Spezialistin für elegante Mode und Modepreise."

Sie konnte herzhaft über sich selbst lachen.

"Sie haben doch mit der heranwachsenden Sara unter einem Dach gelebt. Hatte sie Gesundheitsprobleme, brauchte sie Medikamente, musste sie ärztlich behandelt werden?“

Therese schüttelte energisch den Kopf. "Nein, keines von allem. Bis zum Tode ihrer Mutter war sie kerngesund."

"Danach nicht mehr?"

"Doch, doch, aber da ging das mit dem Saufen und dem Hasch los. Den Gedanken, jetzt allein zu sein, hat sie nur schwer verkraftet."

"Aus einem bestimmten Grund?"

"Nein." Dann überlegte sie und sagte schließlich noch: "Als die Mutter krank wurde, ist Sara manchmal für mehrere Tage verschwunden, und wenn man sie fragte, hat sie nur patzig gesagt: 'Ich musste was in Lissabon erledigen'."

"Wie kommt man ohne Auto von Beja nach Lissabon?!", erkundigte sich  Martha Olliger und war verblüfft, als Therese trocken erwiderte: "Mit der Eisenbahn."

Eine halbe Stunde später hatten sie alle den Eindruck, dass die Zeugin ausgequetscht war. Therese wollte noch was in der Innenstadt erledigen und versprach, am frühen Nachmittag noch einmal ins Präsidium zu kommen und das Protokoll zu unterschreiben, für das Lene nun ihre Mittagspause opfern musste. Was ihr leicht fiel. Das Kantinenessen entsprach nicht ihren Vorstellungen von gesund und schmackhaft, und weil sie sich gestern Morgen kritisch im Spiegel betrachtet hatte, meinte sie, zwei, drei Kilo weniger stünden ihr besser. Ihr Freund war da anderer Meinung, aber der saß weit weg in Berlin und ließ sich viel zu selten blicken, um alle Alltagsprobleme mit engen Hosen und kneifenden Rockbünden zu kennen.

Als Therese sich verabschiedete, stellte Lene eine letzte Frage: "Frau Lorenz, wie erklären Sie sich, dass Sara einen leeren Briefumschlag mit der Anschrift bei sich trug, unter der sie sich doch vor einem Schützen verstecken wollte?"

"Auf die Schnelle gar nicht, aber ich werde darüber nachdenken."

"Danke, die Fotos gebe ich Ihnen heute Nachmittag zurück." Mutter Corinna und Tochter Sara hatten eine verblüffende Ähnlichkeit, aber das kam in erster Linie dadurch zustande, dass beide ihre hellen Haare lange und glatt bis auf die Schultern trugen.

"Okay, das eilt überhaupt nicht."

Anke Wirtz war gar nicht begeistert, dass es um 22 Uhr noch an ihrer Haustür klingelte. Sie hatte Drucke hergestellt und wischte sich die mit schwarzer Farbe beschmierten Hände an ihrem weißen, weiten Kittel ab. Noch weniger begeistert war sie von dem Besucher, dem sie öffnete. Rechtsanwalt Dr. Jonas Ritter hatte wieder sein siegesgewisses Gesicht aufgesetzt, das sie besonders abstieß.

"Guten Abend, verehrte Mandantin", sagte Ritter laut, "entschuldigen Sie bitte die späte Störung, aber ich wollte Ihnen unbedingt noch einen Mann vorstellen, von dem Sie vielleicht schon gehört haben. Michael Laute hat jedenfalls bisher nur das Beste von Ihnen gehört."

"Von mir?", fragte sie verblüfft.

"Ich korrigiere mich. Nicht von Ihnen, sondern über Sie." Anke schaute zu dem großen Mann, der hinter Ritter stand und sich nun verbeugte. "Gestatten, mein Name ist Michael Laute, ich bin Heros Onkel aus Lissabon, verheiratet mit der Schwester seiner Mutter... Hero hat mir am Telefon viel von Ihnen erzählt und ich weiß, wie sehr er Sie geschätzt hat. Zu seiner Beerdigung bin ich leider zu spät gekommen, aber Dr. Ritter meinte, wir sollten uns unbedingt kennenlernen, trotz der späten Stunde." Er streckte ihr die Hand hin: "Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Frau Wirtz."

Sie ergriff die Hand und antwortete wie betäubt: "Guten Abend. Kommen Sie doch bitte herein."

Ein Onkel aus Lissabon. Warum hatte Hero diesen Verwandten nie erwähnt? Laute vermutete, dass sie Einiges nicht verstand und erklärte deswegen ruhig, als sie sich im Wohnzimmer gesetzt hatten: "Ich bin mit der Schwester von Heros Mutter verheiratet, die leider vor einiger Zeit verstorben ist und lebe seit vielen Jahren in Portugal. Als Heros Vater starb, wusste Heros Mutter nicht so recht, wohin, und erinnerte sich an die Schwester in Lissabon. Sie brachte einen Jungen mit, acht Jahre alt und hat einige Zeit bei uns im Haus gewohnt. Dann sind sie in ein Nachbarhaus gezogen, Hero ist in Portugal zu Schule gegangen und ich hatte große Pläne mit ihm. Meine Ehe ist leider kinderlos geblieben und ich brauchte einen Erben und Nachfolger für meine Firma in Setubal.

Doch das gefiel ihm nicht. Für Personal-, Finanzierungs- und Steuerfragen hatte er nichts übrig; er hat noch Feinmechaniker gelernt und mir dann erklärt, er würde sich jetzt gerne mal in Deutschland umsehen."

"Verständlich."

"Und auch möglich. In der Familie seines Vaters wurde ein langjähriger Rechtsstreit beendet und seinem Vater stand ein schöner Anteil zu. Auf den seine Mutter zugunsten Heros verzichtet hat. Er war also in Deutschland ein junger, reicher Mann, auf den zuerst die Bundeswehr ein Auge warf. Feinmechaniker mit perfekten Portugiesisch-Kenntnissen. Beja wir kommen!"

"Mir hat er mal erzähle, dass er gar nicht böse war, aus dem kalten deutschen Klima in wärmere Regionen umzuziehen."

"Richtig. In Beja hat es ihm gut gefallen, und ich glaube, dafür war auch eine Frau verantwortlich, die er uns leider nie vorgestellt hat."

Anke nickte eifrig. "Und dann ging es mit dem Krebs los."

"Ja. Leider. Die BuWe hat ihn vorzeitig entlassen und Hero ist nach Deutschland wegen der besseren Behandlungsmöglichkeiten zurückgegangen."

"Die leider auch nichts gebracht haben."

"So ist es." Laute schluckte heftig und Ritter, der ganz ungewohnt bis jetzt geschwiegen hatte, mischte sich ein. "Frau Wirtz, wir sind aber nicht nur gekommen, um Ihnen was von Hero Bansin zu erzählen. Wir haben auch einige Bitten und Fragen an Sie."

"Wenn ich helfen kann."

Laute räusperte sich energisch, "Als meine Schwägerin nach Lissabon kam, brachte sie einiges Geld aus ihrem Familienbesitz mit. Es steht jetzt natürlich Hero oder seinen Erben zu."

"Dann ist seine Mutter...?"

"Ja, vor einigen Jahren, Ebenfalls an Krebs."

Anke Wirtz überlegte eine ganze Weile. "Nein, tut mir leid, leibliche Erben und Verwandte Heros kenne ich nicht. Aber vielleicht kann Ihnen die Polizei helfen."

"Bei der war ich schon", meinte Ritter etwas geringschätzig. "Absolute Fehlanzeige."

Sie schüttelte den Kopf und Laute sagte leise: "Schade. Frau Wirtz, ich weiß von Hero, dass Sie als Grafikerin arbeiten. Darf ich mir mal Ihre Arbeiten anschauen?"

"Gerne. Kommen Sie! Wir müssen in mein Studio gleich nebenan."

"Hat Hero diese Arbeiten auch gekannt?"

"Die früheren." Sie erzählte, wie sie Hero Bansin kennengelernt hatte, und wie er sie Jahre später über eine Ausstellung gefunden hatte. "Sand in den Mund. Na, so was. Später war er hoffentlich höflicher", murmelte Laute und betrachtete sie von der Seite. Sie zog den Gürtel ihres Kittels enger.

"War er, ja."

Nach einem ausführlichen Rundgang meinte Laute mit Blick auf seine Uhr. "Ich muss los, meine Maschine startet um 7 Uhr 55. Wenn Sie mal nach Lissabon kommen, schauen Sie bitte unbedingt bei uns herein." Er gab ihr seine Karte und sie revanchierte sich. "Ihre Arbeiten gefallen mir. Und wenn Sie mal eine Ausstellung machen, bekommen ich rechtzeitig vorher eine Einladung!?"

"Versprochen."

Ritter hatte es nicht so eilig und überredete Anke, aus dem Keller eine Flasche Wein zu holen, was sie ungern tat. Aber an Arbeiten war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken.

Nach dem ersten Schluck musterte er sie spöttisch: "Na, Frau Mandantin, was bekomme ich dafür?"

"Wofür?"

"Für die saftige Vergrößerung Ihrer Erbschaft."

"Wie das?"

"Sie haben doch von Laute gehört, da liegt in Lissabon noch ein Haufen Geld herum, aus dem Familienbesitz der Witwe Bansin. Es gehört Hero, aber er ist tot und hat doch Sie bedacht. Manchen Leuten fällt es in den Schoß, andere müssen hart dafür arbeiten. Zum Wohl."

Sie beobachtete mit Sorge, dass er den Wein wie Wasser herunterschüttete. Als er dann anfing, sie aus heiterem Himmel zu duzen, wollte sie ihn vor die Tür setzen. Er wehrte sich. "Nun sei nicht so. Ich bin so allein, Beda gibt es nicht mehr und alle anderen, die mir im Katalog gefallen, hatten heute schon was vor."

"Katalog?", fragte sie entgeistert.

"Ja", prahlte er. "Ich bin Stammkunde bei EPA. Na, das kannst du ja nicht kennen, das ist nur was für Männer."