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Peter Schwind

Das Croissant im Gehirn

Die ungewöhnliche Osteopathie
des Jean-Pierre Barral

Inhaltsverzeichnis

Ausgangspunkt

Erster Teil

Die Tragik des Augenblicks

Das Ereignis im Gehirn

Das Croissant im Gehirn – Teil 1

Zweiter Teil

Die Unterabteilungen unseres Körpers und der Organismus als Ganzes

Der menschliche Organismus – ein Orchester

Einzelne Stimmen und das Ganze

Hören mit den Händen

Gelenke sind nur ein Bauelement unter vielen

Organe – die inneren Stimmen des Organismus

Dritter Teil

1. Station: Die Bewegungswelt der Organe oder: Perpetuum mobile

Ein denkwürdiger Anfang: Was hat eine kranke Lunge mit Nackenbeschwerden zu tun?

2. Station: Viszerale Manipulation: Jemand nimmt unsere Organe in die Hand – was wir spüren und was dahintersteckt

Faszien

Die Berührung der Leber

3. Station: Die Mobilität der Organe – spezielle Eigenschaften der Organbewegung

Die Beweglichkeit des Magens

Das Paradebeispiel Leber

Die bewegungsfreudigen Nieren

Störfaktoren der Leber

Wie ein Unfall auf unsere Organe wirkt

Die Prostata

Das weibliche Pendant: die Gebärmutter

Zusammenfassende Aspekte der Mobilität der Organe

4. Station: Die Motilität der Organe – Mysterium oder Realität?

Motilität und Mobilität

Kraniosakrale Osteopathie

Und noch einmal das geheimnisvolle Wesen der Motilität

5. Station: Die Organe und unsere Emotionen

6. Station: Motilität als Zugang zu den Emotionen der Organe

7. Station: Im Dschungel der Gefäße und Nerven

KLEINER EXKURS: Kurz vor der Endstation

Vierter Teil

Das Croissant im Gehirn – Teil 2

Finden statt suchen – mit den Händen den menschlichen Körper erkunden: drei Wege

1. Hinspüren auf das Ganze – Ecoute globale

Die Probe aufs Exempel

2. Hinspüren auf das Detail – Ecoute locale

3. Hinspüren auf Temperaturunterschiede – ein neues Diagnoseverfahren

Die manuelle Thermodiagnose

Was steckt hinter der manuellen Thermodiagnose?

Die Thermik der Emotionen

Das Geheimnis der thermischen Welt des Kopfes

Fünfter Teil

Jenseits der normalen Berührung – die Kraft der Visualisierung

Das Croissant im Gehirn – Teil 3

Das Croissant im Fuß

Ein Blick in die Wissenschaft und ein Blick darüber hinaus

Ein Wort zum Schluss

Dank

Anhang

Anmerkungen und Hinweise

Literatur

Ausgangspunkt

Ich warte in meinem Behandlungsraum auf die Ankunft eines Kollegen. Die Bezeichnung „Behandlungsraum“ ist sehr wörtlich zu nehmen, weil die Patienten, die mich dort aufsuchen, ausschließlich mit den Händen „behandelt“ werden. Häufig gehen meine Patienten zusammen mit mir in die Praxis eines Internisten, wenige Schritte von meinem Behandlungsraum entfernt, um am Bildschirm des Ultraschallgeräts diagnostische Fragen klären zu lassen. Und noch häufiger holen meine Patienten oder auch ich den diagnostischen Rat von Orthopäden und Radiologen ein. Aber die Behandlung selbst und übrigens auch die allerersten Diagnoseschritte, all das wird nur mit den Händen gemacht.

Der Mann, auf den ich warte, hat mich über zwei Jahrzehnte darin unterrichtet, wie das zu tun ist. Es handelt sich um ein sehr realitätsbezogenes „Handwerk“. Es geht dabei darum, die Hände für eine minutiös genaue Diagnose und für die anschließende effektive Behandlung richtig einzusetzen. Der Lernprozess, der uns dazu befähigt, ist in gewisser Hinsicht dem Weg zu vergleichen, den Musiker während ihrer Ausbildung beschreiten. Es geht nicht nur darum, was mit den Händen zu spüren und zu tun ist, es geht mehr darum, dass unsere Hände eine bessere Verbindung mit den für sie zuständigen Gebieten auf der Landkarte des Gehirns herstellen.

Ich warte auf meinen Kollegen, der seit so vielen Jahren mein Lehrer ist, aus einem ganz bestimmten Grund: Es geht wieder einmal um eine besonders schwierige Herausforderung bei der Behandlung eines Patienten. Genauer gesagt handelt es sich um eine ziemlich aussichtlose Aufgabe für Therapeuten, die mit ihren Händen arbeiten.

Der Patient ist einer meiner Freunde. Er ist aus der Schweiz zur Untersuchung und ganz sicher auch mit der Hoffnung auf eine Behandlung angereist. Sein Name ist Bruno. Er ruht auf meinem schmalen Behandlungstisch. Er wirkt völlig gesund. Er verfügt über einen ausgewogenen Körperbau, ein freundliches Gesicht. Er wirkt ausgeglichen und entspannt. Aber dieser Mann hatte vor ziemlich genau neun Monaten einen Schlaganfall. Er ist in der Schweiz von einem hervorragenden Team von Therapeuten behandelt worden. Er kann sich wieder bewegen, auch die anfangs fast völlig gelähmte rechte Seite seines Körpers. Aber er kann nicht mehr sprechen. Von den drei Sprachen, die er fließend beherrschte, sind ihm nur zwei Wörter geblieben: „ja“ und „nein“.

Wir beide warten auf diesen Mann, der aus Frankreich kommt. Er hat seit drei Tagen in München Kollegen unterrichtet. Ärzte und Therapeuten unterschiedlichster Schulen, Leute aus der Welt der sogenannten komplementären Medizin, aber auch einige Fachärzte aus der Schulmedizin, alles Profis, die nur eines verbindet: Sie wollen bei diesem Mann in die Lehre gehen. Am Abend des letzten Unterrichtstages kommt er nun in meine Praxis.

Als er den Raum betritt, begrüßt er meinen Freund, der bereits auf dem Behandlungstisch ruht, ziemlich einsilbig. Dann nimmt er auf einem Hocker am Kopfende der Behandlungsliege Platz. Er legt kurz seine Hand auf die Stirn meines Freundes. Er blickt mich an und fordert mich auf: „Magst du deine Hand unter meine Hand legen, um das Gehirn des Patienten zu spüren?“ Ich folge seiner Aufforderung. Er blickt mich an. „Bemerkst du das Croissant im Gehirn? Auf der linken Seite innen? Und spürst du auch den winzigen Zacken am linken Ende des Croissants? Den kleinen Zacken?“

Der Name des Mannes, der das Croissant im Inneren des Gehirns entdeckt, ist Jean-Pierre Barral. Er hat viele Jahre auf allen Kontinenten dieser Erde Menschen beigebracht, wie man mit bloßen Händen den Organismus eines Patienten erkunden und behandeln kann. Therapeuten unterschiedlichster Schulen – Osteopathen, Praktiker der Rolfing-Methode, Chiropraktiker, Ärzte – sie alle kommen seit drei Jahrzehnten in den Unterricht dieses Mannes, um von diesem einzigartigen Einzelgänger zu lernen. Wäre er ein Jazzmusiker, dann müsste man ihn mit dem Trompeter Miles Davis vergleichen, wäre er ein Geiger, der klassische Musik spielt, dann wäre der Vergleich mit Paganini nicht zu hoch gegriffen.

Aber Barral hat sein Leben nicht auf der Bühne verbracht. Er hat auch niemals das Glück gehabt, ernsthaft Musik studieren zu können. Und das, obwohl seine Hände und die dafür zuständige Abteilung seines Gehirns die besten Voraussetzungen dafür mitbringen würden. Einmal gestand er mir, dass es ihm so leidtäte, dass er nicht mal Noten lesen könne. Er hat auch den Versuchungen mancher Schüler, sich von ihnen in die Rolle eines „weisen Mannes“, den sie verehren, drängen zu lassen, immer mit der nötigen Portion Humor widerstanden.

Stattdessen hat er den größten Teil seines Lebens in einem kleinen Behandlungszimmer in Frankreich verbracht. Dort hat er Menschen aus seiner Umgebung und aus fernen Ländern behandelt oder auch nur mit seinen Händen untersucht. Er hat das, was er gefunden hat, oft von der modernen Medizin überprüfen lassen. Aber er selbst – der gelernte Osteopath Jean-Pierre Barral – verzichtet auf die leistungsfähigen modernen Untersuchungsverfahren. Er vertraut nur seinen Händen und misst gelegentlich den Blutdruck – immer auf beiden Seiten, um die Druckunterschiede auf beiden Körperhälften zu beurteilen. Ausgehend vom Unterschied des Blutdrucks des rechten und linken Arms zieht er Rückschlüsse auf die Spannungsverhältnisse im Bereich des Nackens und der Schultern. Aber das ist nur einer von vielen Untersuchungsschritten, mit denen er sich ein Bild nicht nur von den Problemen, sondern auch von dem ganzen Menschen macht, der seine Praxis aufsucht.

Wenn ein Therapeut oder ein Arzt den Patienten mit den Händen tastend untersucht, dann sieht das recht einfach aus. Und so ist es auch bei Jean-Pierre Barral. Aber macht so etwas wirklich Sinn im Zeitalter von hoch komplizierten technischen Geräten? Da legt jemand die Hand auf die Stirn eines Menschen und macht Aussagen über etwas, was sich tief im Inneren des Schädels abgespielt hat. Und er spricht nicht einmal von etwas, was geheimnisvoll klingt, er erwähnt nicht einmal das so beliebte Wort „Energie“ – nein, er benennt einfach einzelne Teile des menschlichen Körpers, als wären wir in einem Basiskurs von Studenten, die den anatomischen Aufbau des Menschen studieren.

Jean-Pierre Barral hat einen erfolgreichen Lebensweg hinter sich, der noch lange nicht beendet ist. Er hat sich, mittlerweile fast 70 Jahre alt, einen unermüdlichen Tatendrang bewahrt, wenn es darum geht, für das Heilen mit den Händen immer wieder neue Wege zu suchen.

Die Geschichte mit dem „Croissant im Gehirn“ ist ein Paradebeispiel für das, was er über Jahrzehnte am Rande des Unglaublichen praktiziert. Wir haben es eingangs erwähnt: die Verfeinerung der Verbindung zwischen der menschlichen Hand und dem menschlichen Gehirn. Was vermag ein Mensch mit seinen Händen zu tun? Was kann er damit wahrnehmen, spüren? Und was kann ein Mensch über Berührung mitteilen? Und es geht weiter: Was kann er in Gang setzen, wenn er über fühlende Hände mit seinem Mitmenschen in Kontakt tritt?

Die Geschichte über das „Croissant im Gehirn“ wird im vorliegenden Buch mehrmals wiederkehren. Diese Geschichte berichtet nicht nur über die außergewöhnlichen Fähigkeiten eines Menschen, der sich als Therapeut die Lösung des anscheinend Unlösbaren zur Aufgabe gemacht hat. So faszinierend die Vielseitigkeit unseres Titelhelden Barral auch ist, es geht hier auch um ein ganz allgemeines Thema. Die verschiedenen Dimensionen des „Croissants“ im Gehirn münden nämlich immer wieder in einer zentralen Frage: Gibt es so etwas wie „Heilen mit den Händen“? Und falls es eine solche Heilweise gibt, wie ist das überhaupt möglich? Und schließlich: Falls das Heilen mit den Händen tatsächlich möglich sein sollte, was können wir dadurch über ein anderes großes Thema erfahren? Wie öffnen sich die Tore zu einer gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit mit unseren Händen? Und was können wir erwarten, wenn wir durch diese Tore in eine Welt eines verfeinerten Gebrauchs unserer Hände eintreten? Tun wir damit nur etwas für „geschicktere Hände“? Werden wir damit ein klein wenig bessere Hausmänner, Hausfrauen, Sportler und Musiker? Oder bewegen wir uns damit schon in den Innenräumen des Gehirns, in denen Barral das Croissant entdeckte?

Erster Teil

Die Tragik des Augenblicks

Es gibt Momente in unserem Leben, in denen sich alles so ereignet, wie wir es uns wünschen. Wir fühlen uns vom Augenblick beschenkt. Es mag die unerwartete Begegnung mit einem Menschen sein oder auch „nur“ die Entdeckung eines wunderschönen Ortes. Ebenso kann es eine bahnbrechende Eingebung sein, die unser Leben in eine neue Richtung führt, eine Eingebung, die uns hilft, all dem, was wir tagein, tagaus tun, eine neue Wendung zu geben. Vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit, die es uns ermöglicht, manches aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Vielleicht ist es ein Hinweis „von außen“, die Bemerkung eines anderen Menschen, die uns dazu ermutigt, einen Schritt nach vorne zu tun. Wenn immer sich Derartiges ereignet, fühlen wir uns glücklich, wir sind wie gesagt vom Augenblick beschenkt worden.

Damit wir das alles wahrnehmen können, damit wir unser Glück überhaupt wahrnehmen, muss allerdings eine Voraussetzung erfüllt sein: Wir sollten in der Lage sein, unser Gehirn so zum Einsatz zu bringen, dass wir nicht „von Sinnen“ sind. Das heißt, unser Gehirn hat neben vielen Aufgaben vor allem eines zu leisten: Es muss die Sinneseindrücke so sammeln, filtern und verarbeiten, dass wir unser Glück empfinden, es „von innen“ erleben und über das Erlebte nach außen kommunizieren können. Wie heißt es so schön? Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteiltes Glück ist doppeltes Glück.

Nun vollziehen sich Ereignisse aber nicht nur in einer Richtung. Und das führt uns zum Thema dieses Buches. Allem positiven Denken zum Trotz gibt es nämlich Augenblicke, die unserem Leben eine völlig unerwartete Wendung geben, in der buchstäblich alles in eine Schieflage gerät. Solange diese Ereignisse in unseren äußeren Lebensumständen stattfinden, mag das tragisch verlaufen und uns aus der Bahn werfen. Aber es gibt da Ereignisse, die viel tiefer – über das Äußere hinaus – in unser Leben eingreifen. Wenn sich in unserer inneren Schaltzentrale eine Störung ereignet, dann ist das der Super-GAU. Es kann nämlich so weit kommen, dass sich unsere Sinneswahrnehmungen verändern. Die Veränderung kann auf unterschiedliche und sehr komplizierte Art und Weise stattfinden. Und das kann wiederum so weit gehen, dass die Möglichkeiten der Kommunikation und des Gedankenaustauschs mit unseren Mitmenschen über das Gehirn buchstäblich abgeschaltet werden.

Ein derartiges Abschalten kann bereits innerhalb weniger Sekunden geschehen: Eine winzige Arterie öffnet sich im Inneren unseres Gehirns oder eine kleine Verklumpung des Bluts hindert die Arterie bei der Sauerstoffversorgung des Gehirns – eine lokal sehr begrenzte Gehirnblutung oder ein noch so kleiner Schlaganfall verändern wie mit einem Paukenschlag alles, was in unserem Kopf abläuft. Und nicht nur das. Es sind nicht nur die Prozesse betroffen, die innerhalb des Gehirns selbst ablaufen. Eine noch so geringfügige Unterbrechung der Sauerstoffversorgung der Schaltzentrale im Inneren unseres Kopfes greift in unser Handeln und Tun ein. Somit kommt es zu einer Veränderung aller Lebensprozesse: Es ist auch unsere Wahrnehmung, es ist auch unser Erinnerungsvermögen und es ist nicht zuletzt unser Sprachvermögen, die plötzlich eingeschränkt sind oder gar völlig verschwinden. Oft ist der Verlust der Sprache der Teil der Folgen eines Schlaganfalls, der am schwersten zu verkraften ist. Und es ist auch der Teil, der den Therapeuten das meiste Kopfzerbrechen bereitet.

In vielen Fällen bringt uns somit ein Schlaganfall um die wichtigste Verbindungsbrücke zu unseren Mitmenschen. Wir sind damit in ein umgewandeltes Gehirn mit all seinen kleinen Veränderungen buchstäblich eingesperrt. Wir können unseren Mitmenschen nicht mehr auf der breiten Schiene der sprachlichen Kommunikation näherkommen, die bislang den Austausch unserer Gedanken gewährleistet hat. Und die Unterbrechung zwischen unserem Denken und der sozialen Welt um uns ist mehr als nur eine Einschränkung unserer Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren. Menschliche Gefühle entstehen, bewahren sich und verändern sich im Umgang zwischen den einzelnen Individuen. Ohne die sprachliche Einbindung in den sozialen Kontext fristen die Gefühle ein eingeengtes Leben im Inneren unseres Gehirns. Und eingeengt mit sich selbst beginnen die Gefühle ein Eigenleben zu führen, ohne Zugang zur Vergewisserung, Überprüfung und Neuorientierung durch die Sprache zu haben.

All das wäre nicht so gravierend, würden wir über die Fähigkeit der Gebärdensprache verfügen: Menschen, die mit einer Behinderung des Hörvermögens aufgewachsen sind, finden schon in der frühen Kindheit die Möglichkeit, diese „Sprache ohne Worte“ zu erlernen. Sie können sich damit anderen Menschen, die diese Gebärdensprache ebenfalls erlernt haben, mitteilen. Und sie finden sogar mithilfe eines Gebärdenspracheübersetzers die Verbindung zu Menschen, die ein normales Sprachvermögen besitzen.

Aber wenn es zum Super-GAU in den Abteilungen des Gehirns kommt, die für die Sprache zuständig sind, liegen die Dinge ganz anders. Der betroffene Mensch verfügt nicht über das Ausdrucksvermögen der Menschen, die aufgrund einer Hörbehinderung schon früh die Gebärdensprache erlernen konnten. Und er ist auch nicht in der Situation der Menschen, die durch einen genialen chirurgischen Eingriff, über ein Implantat zur Sprache finden.

Für den Menschen, der durch einen Schlaganfall die Fähigkeit zu sprechen plötzlich verliert, gehen schlagartig alle Brücken der Mitteilung, des Fragens und des Antwortens verloren. Manchmal ist das Gehirn in der Lage, mit dem Schaden konstruktiv umzugehen. Das heißt nicht unbedingt, dass der Schaden wie von selbst verschwindet. Aber auch der Verlust der Sprache kann genauso wie die Lähmung einer Körperseite nach und nach verschwinden. Die Genesung kann so weit gehen, dass alles wieder so ist wie vorher. Das Gehirn verfügt über eine erstaunliche Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Es beauftragt einfach andere Abteilungen damit, die Arbeit derjenigen Abteilungen zu übernehmen, die wegen Sauerstoffmangel den Streik ausgerufen haben.

Das ist aber beileibe nicht immer so. Manche Schlaganfälle erzeugen dauerhafte, für den Betroffenen schwerwiegende Behinderungen. Und diese Behinderungen können dem Menschen lange Zeit, häufig bis ans Lebensende, zu schaffen machen. So ist es häufig bei Lähmungserscheinungen: Eine Körperseite kann einfach nicht mehr ihren Dienst tun, weil die dazu nötige Information vom Gehirn nicht mehr geliefert wird. Und, was für den betroffenen Patienten noch schwerwiegendere Folgen hat, auch das Sprachvermögen will sich oft nicht mehr einstellen.

Die Möglichkeiten der Medizin, Gefäße direkt frei zu machen, bietet für solche Fälle zuweilen einen letzten Ausweg. Das Verfahren kam ursprünglich bei Herzinfarkten zur Anwendung. Mit einem kleinen Katheder arbeitet sich der Arzt im Inneren eines Gefäßes bis zur kritischen Stelle vor: Dort, wo ein Blutgerinnsel ein Gefäß verstopft hat, wird das Gefäß mithilfe eines Katheders von Hindernissen, die den Durchfluss blockieren, befreit. Und dann kann das Gefäß erneut die unterbrochene Versorgung mit sauerstoffhaltigem Blut übernehmen.

Eine vergleichbare Lösung versuchen Ärzte heutzutage auch beim Schlaganfall anzuwenden. Genauso wie beim Herzinfarkt geht es darum, das verstopfte Gefäß wieder durchlässig zu machen. Der ungestörte Blutfluss des sauerstoffhaltigen Blutes soll wieder uneingeschränkt hergestellt werden. Nun liegen die Dinge im Gehirn aber etwas anders. Das Herz ist wirklich kompliziert genug, aber gemessen am Gehirn ist sein Aufbau klar und einfach gegliedert. Das Herz ist für unser Leben genauso wichtig wie das Gehirn, aber das Herz ist ein Muskel. Die Gefäße eines Muskels lassen sich mit etwas Geschicklichkeit des behandelnden Arztes problemlos frei machen. Im Gehirn ist das mit größeren Risiken verbunden. Mit diesen Risiken sind die Ärzte unweigerlich konfrontiert, sobald sie es wagen, mit einem winzigen Katheder in das Innenleben des Gehirns vorzudringen. Die Fachleute sind sich bis heute nicht ganz einig geworden: Ist es vernünftig, einer chemischen oder einer mechanischen Auflösung der folgenschweren kleinen Verklumpung den Vorzug zu geben? Es kann nämlich sein, dass sich diese kleine Verklumpung, die eine Gerhirnarterie blockiert, während des mechanischen Behandlungsversuchs mittels Katheder nicht restlos auflöst. Es kann vorkommen, dass sich kleine Teilchen der ursprünglichen Verklumpung lösen und anschließend zu neuen Gefäßverschlüssen führen. So hilfreich die mechanische Lösung im Einzelfall sein kann, das Risiko, dass neue Schäden entstehen, lässt sich bisher nicht ganz ausschließen.

Der Schlaganfall ist also immer noch das Ereignis, das mit der Tragik des Augenblicks den betroffenen Menschen, trotz aller Fortschritte der Medizin, mit einem unsicheren Ausgang konfrontiert. Er ist und bleibt das Ereignis, der als Super-GAU Teile unserer inneren Schaltzentrale lahmlegt. Plötzlich kann sich ein Mensch nicht mehr normal bewegen, plötzlich kann er sich an vieles nicht mehr erinnern und plötzlich kann er nicht mehr sprechen.

Das Ereignis im Gehirn

Mein Freund Bruno, den ich in den ersten Zeilen dieses Buches erwähne, war vor einigen Jahren in den Sog eines derartigen Ereignisses geraten. Ich hatte ihn als lebensfreudigen Menschen in Erinnerung. Er schien von der Sorte Mensch zu sein, die sich von nichts umwerfen lässt. Was immer er anfing, es schien ihm zu gelingen. Sobald etwas schiefging, war Zeit zu warten, bis sich etwas Neues, was schon ein gutes Ende finden würde, am Horizont abzeichnete. Offenbar verfügte er über die Fähigkeit, das Leben als ein immer wiederkehrendes Hochgefühl zu erleben, zu dem er auch nach Schicksalsschlägen immer zurückkehren konnte. Ich hatte Bruno in all den Jahren unserer Freundschaft niemals mit schlechter Laune gesehen.

Er war gerade dabei, seinen florierenden Weinhandel in Richtung Gastronomie zu erweitern. Sein Plan war, im obersten Stock des Gebäudes, in dem sich sein Geschäft damals befand, eine Weinbar zu eröffnen. Für ihn, den Menschen, der aus Kommunikation und vor allem aus dem Gespräch lebte, ein neues Leben. Bruno sah sich in den Startlöchern zu einer neuen Dimension als Geschäftsmann. Und nicht nur das: Als leidenschaftlicher Weinkenner sah er sich vor dem „großen Sprung“. Es war ja nicht nur das Geschäft, es waren die vielen Augenblicke, die bei der Weinprobe weit über das reine „Weinschmecken“ hinausgingen. Die vielen Momente des geteilten Glücks, Momente der geteilten Freude im Gespräch über das so vielfältige Thema Wein warteten auf ihn. Sprache war ihm immer wichtig gewesen. Nicht nur, um anderen die Feinheiten des Schmeckens zugänglich zu machen. Sprache war für Bruno eine eigene sinnliche Welt, mit der sich der Weingenuss sozusagen auf ein höheres Niveau heben ließ. Bruno machte von dieser Art der Sinnesveredelung gerne Gebrauch. Im Gespräch mit Kunden, meist in Schweizerdeutsch, mit Freunden aus dem benachbarten Deutschland unter Verwendung des eigentümlichen Hochdeutschs, das sich die Schweizer zu eigen gemacht haben. Und am liebsten war es Bruno, wenn er auf Italienisch über Wein reden konnte. Vor allem bei Weinbauern im Tessin, die zu seinen bevorzugten Lieferanten gehörten.

Die Sprache, genauer die Sprachen in drei Variationen – Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, Italienisch – waren für Brunos Geschäft und für seine Lebensfreude nicht weniger wichtig als der Geschmackssinn.

Und nun, nur ein Tag vor der Eröffnung seines neuen Lokals, geschah völlig unerwartet dieses Ereignis. Während der Nacht passiert etwas Merkwürdiges mit seinem Körper. Er kann sich nicht mehr richtig bewegen. Und das Schlimmste ist: Die Sprache, das wichtigste Instrument seiner Lebensfreude, ist weg. Bruno kann nicht mehr sprechen, er ist nicht mehr in der Lage, auch nur einen einzigen verständlichen Satz von sich zu geben.

In den Morgenstunden bringt ihn seine Frau in die Klinik. Die Befürchtungen bestätigen sich: Es handelt sich um einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung und völligem Sprachverlust. Sein Schweizerdeutsch, das Hochdeutsche und das Italienische, seine drei Sprachen, sind ihm vielleicht für immer verloren gegangen. Er kann nur noch zwei Wörter aussprechen: „ja“ und „nein“. Und trotz allem kann er von Glück reden, dass er sofort in eine Spezialklinik zur Rehabilitation kommt, eine Klinik, die auf die Behandlung von Schlaganfällen spezialisiert ist. Ein paar günstige Umstände verhelfen ihm dazu, dass er die langen Wartezeiten der Klinik umgehen kann. Und schon bald ist Land in Sicht: Unter Anleitung eines versierten Therapeutenteams findet Bruno Tag für Tag mehr Zugang zu der rechten, gelähmten Körperhälfte.

Nach und nach kehrt wieder Leben in den rechten Fuß zurück, in das rechte Bein und auch in die rechte Hand und den rechten Arm. Bruno hat Glück. Innerhalb von nur drei Wochen kann er die rechte Körperseite wieder einigermaßen bewegen. Nur die rechte Schulter behält eine gewisse Steifigkeit. Das hindert ihn aber nur ein klein wenig bei Bewegungen des Arms und der Hand. Fast alles ist wieder normal. Ein hervorragendes Therapeutenteam und ein unglaublich „verknüpfungsfreudiges“ Gehirn haben in nur drei Wochen Teamwork etwas Unglaubliches geschafft: Niemand, der Bruno auf der Straße gehen sieht, würde annehmen, dass er wegen eines Schlaganfalls halbseitig gelähmt war.

Aber die Sprache will nicht zurückkehren. Das wird Brunos Leben verändern.

Bruno und ich waren uns seit dem Schlaganfall mehrmals begegnet. Ich habe ihn wiederholt im Freundeskreis in der Schweiz getroffen. Und ich konnte mir ein Bild von seiner Verfassung zu machen, als er mehrmals mit seiner Frau nach München zu Besuch kam. Ich war sehr beeindruckt zu hören, dass sein Schweizer Therapeutenteam in so kurzer Zeit fast Unglaubliches geleistet hatte. Diese Therapeuten hatten ihm innerhalb eines so kurzen Zeitraums tatsächlich einen Weg aus der halbseitigen Lähmung ermöglicht. Es war wirklich ein Glücksfall, dass man sofort mit kompetenter Physiotherapie begonnen hatte. Und es war natürlich auch ein Glücksfall, dass Brunos Organismus so schnell auf die Therapie ansprach. Sein Gehirn hatte offenbar die Fähigkeit, sich bis zu einem gewissen Maße selbst zu reparieren. Die Neurowissenschaftler sprechen in einem solchen Fall von gesteigerter Verknüpfungsfähigkeit eines Gehirns. Nachdem eine kleine Abteilung des Gehirns durch einen Mangel an Sauerstoff beschädigt worden ist, ging es darum, neue Verbindungen im Gehirn zu fördern, die die Arbeit der beschädigten Abteilung übernehmen könnten. Und, wie gesagt, der Erfolg stellte sich in verblüffender Schnelligkeit ein. Die Mannschaft eines kreativen und erfahrenen Therapeutenteams, kompetente ärztliche Betreuung und Bruno waren genau im richtigen Moment zusammengekommen. Vermutlich gab es dabei aber noch einen ganz wesentlichen Faktor, ohne den die Kooperation nicht so erfolgreich gewesen wäre: Brunos Gehirn verfügt offenbar in hohem Maße über das, was die Neurowissenschaftler „Plastizität“ nennen. Hinter diesem Wort „Plastizität“ verbirgt sich so etwas wie eine Mischung fast kindlicher Neugierde und unterschwelliger Lernbegeisterung. Wir werden in einem späteren Kapitel genauer auf diese für alles Neulernen so wichtige Mischung eingehen.

Ich meinte jedenfalls, dass nach dem Verschwinden der Lähmungserscheinungen in Brunos rechter Körperhälfte erst einmal große Erleichterung einkehren könnte.

Aber für Bruno sah das alles anders aus. Er hatte nämlich unter dem Verlust der Sprache wesentlich mehr zu leiden als unter den Lähmungserscheinungen. Aber da er ja nichts sagen konnte, hatte ich das, genauso wie die Menschen um ihn herum, schlichtweg nicht bemerkt. Während ich also meine Begeisterung zum Ausdruck bringen wollte, eine Begeisterung darüber, dass die Lähmungserscheinungen nach so kurzer Zeit wieder verschwunden waren, spielte sich in Brunos Seele etwas ganz anderes ab. Alles, was er beruflich schon fast auf die Beine gestellt hatte, war ja in dieser Nacht des Schlaganfalls wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Wie sollte er denn, ohne sprechen zu können, jemals seine beruflichen Pläne umsetzen? Und nicht nur das. Auch die Weiterführung des Weinhandels, den er bislang mit großer Freude und Erfolg betrieben hatte, war plötzlich infrage gestellt.

Das Croissant im Gehirn – Teil 1

Nach allem, was ich bisher über den Verlauf von Sprachverlust nach Schlaganfällen wusste, war Brunos Situation ziemlich hoffnungslos. Sicher, es gibt Fälle von kleinen Schlaganfällen, bei denen die Sprache nach wenigen Momenten oder Stunden zurückkehrt. Derartiges konnte ich immer wieder im Patientenkreis beobachten. Aber nach einem Jahr, in dem ein Mensch nur noch „ja“ und „nein“ sagen kann? Man muss schon sehr optimistisch sein und viel Vertrauen in die eigenen Illusionen haben, um da noch an eine Heilung zu glauben.

Nun wusste ich allerdings, dass Jean-Pierre Barral immer wieder Wege gegangen ist, die man in der landläufigen Medizin und Osteopathie nicht kannte. Und ich dachte an den großartigen Satz aus dem Film von Herbert Achternbusch – „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“ –, als ich Bruno zur Behandlung nach München einlud. Es gab ja nicht viel zu verlieren, diese subtilen Ausflüge mit zarter Berührung in das Innere des Gehirns, wie ich sie in Barrals Arbeit seit Jahren beobachtet hatte, waren erfahrungsgemäß ohne Risiko. Denn die Druckschwankungen, die dabei durch die Hände des Behandlers im Kopf des Patienten auftreten, sind weniger stark, als wenn der Patient hustet.

So kam es zu der Szene, die auf den ersten Seiten dieses Buches beschrieben ist.

Bruno ruht also auf dem Behandlungstisch in meiner Praxis. Das sogenannte Erstgespräch, das so viele Therapeuten aller Schulen so sehr schätzen, musste ohnehin entfallen, da Bruno, wie wir mittlerweile wissen, nicht sprechen konnte. Bei Barral entfällt dieses Ritual ohnehin. Er hält nichts davon, wenn Patienten den Therapeuten mit ihrer Leidensgeschichte belasten, er will unvoreingenommen den Zustand des Patienten mit seinen Händen erkunden, und da wirkt jedes Vorabgespräch störend.

Die Bedingungen waren also ideal: Der Patient musste nicht erst freundlich zum Schweigen gebracht werden, da er ohnehin nicht sprechen konnte.

Und dann unterstützt Barral den Kopf des Patienten behutsam von hinten, während er die andere Hand auf dessen Stirn legt. Und nun, wie eingangs schon beschrieben, blickt er mich an und fordert mich auf, meine Hand unter seine Hand zu legen. „Bemerkst du das Croissant im Gehirn? Auf der linken Seite innen? Und spürst du auch den winzigen Zacken am linken Ende des Croissants? Den kleinen Zacken?“ Ich bin nun meinerseits sprachlos. Erliege ich der Suggestionskraft des Menschen, der so viele Jahre mein Lehrer war? Bin ich nun doch anfällig geworden für esoterische Heilkunst? Für einen Augenblick meine ich, dem nicht trauen zu können, was meine Berührung durch Barrals Hand hindurch spürt: Da scheint tatsächlich ein kleines Croissant hinter der linken Stirnseite von Bruno eingelagert zu sein. Es ist nur etwa sieben Millimeter groß. Und als mich Barral auffordert, die Konturen des Croissants genauer abzutasten, meine ich auch diesen kleinen Zacken auf der linken Seite des Croissants wahrzunehmen.

Barral wendet sich nun an unseren Patienten Bruno: „Sagen Sie doch bitte: ‚Auf der Straße steht ein weißes Pferd‘!“ Bruno windet sich mit seinem ganzen Körper und versucht zu sprechen. Es gelingt ihm nicht, auch nur ein einziges verständliches Wort zu sprechen. Nun beginnt Barral mit seinen Händen durch die Schädelknochen hindurch Brunos Gehirn genauer zu betrachten. Er erklärt mir, wie die Störungsstellen im Inneren des Gehirns auf die Hand des geschulten Therapeuten eine subtile Anziehung ausüben. So ist es auch mit dem Croissant. Da, wo der Zacken spürbar ist, erläutert er, war der Schlaganfall. Und das Croissant, erklärt er mir, ist ein Halbkreis von kleinen Arterien, die sich wie ein türkischer Halbmond um die Stelle des Schlaganfalls legen. „Möglicherweise wurden die Strukturen, die hier für die Sprache eine Rolle spielen, nicht ganz zerstört. Vielleicht haben wir eine Chance.“

Barral behandelt nun mit vorsichtiger Berührung genau die Stelle, an der der Zacken am Rand des Croissants spürbar ist. Ich sehe von außen gar nichts, aber ich weiß, wie sich diese Berührung anfühlt. Es ist, als würde jemand etwas im Inneren des Gehirns wie einen kleinen Schwamm ausdrücken, bis sich dieser Schwamm wieder wie von selbst mit Flüssigkeit füllt.

Nach nur wenigen Minuten fordert Barral seinen Patienten ein zweites Mal auf: „Sagen Sie doch: ‚Auf der Straße steht ein weißes Pferd‘.“ Und Bruno spricht in völlig normaler hochdeutscher Sprache den Satz nach: „Auf der Straße steht ein weißes Pferd.“

Bruno steht auf und geht zum Wartezimmer, wo seine Frau ihn erwartet. Er wechselt ein paar Worte mit ihr. Sie fahren zurück ins Hotel. Auch Barral verlässt meine Praxis.

Ich verbringe ein paar sehr nachdenkliche Momente und betrachte die wunderschönen Baumkronen auf der Westseite des Münchner Englischen Gartens vor dem Fenster des Behandlungsraums. Als ich vor der Haustüre die Praxiseinfahrt betrete, meine ich meinen Augen nicht trauen zu können: Auf der Straße steht ein weißes Pferd. Ein Schimmel, gesattelt, ohne Reiter.

In all den Jahren habe ich nur zwei braune Pferde auf der Straße gesehen, Pferde der berittenen Polizei, die im Englischen Garten ihren Dienst tut. Heute ist es ein weißes Pferd, das alleine vor meiner Einfahrt zur Praxis steht. Der Polizist war zu Fuß unterwegs, um Falschparkern einen Bußzettel hinter den Scheibenwischer zu klemmen. Am nächsten Tag erzähle ich Barral vom weißen Pferd auf der Straße. Er hat nicht schlecht gelacht.

Zweiter Teil