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CORA Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

ROMANA, BIANCA, BACCARA, TIFFANY, MYSTERY, MYLADY, HISTORICAL

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1. KAPITEL

“Ich lebe in einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern. Dreieinhalb Millionen davon sind Männer. Von denen muss mindestens die Hälfte Single sein. Unter denen muss es doch ein paar anständige Kerle geben.”

Nina Forrester lehnte sich über den Tresen und hielt ihren Kaffeebecher unter den Strahl frisch gebrühten Kaffees, der aus der Maschine kam. Als ihr Becher voll war, nahm sie vorsichtig einen Schluck und seufzte leise, als das Koffein in ihren Blutkreislauf drang. Zwar hatte sie das ganze Wochenende keinen Tropfen Wein getrunken, dafür aber gestern Abend eine Riesentüte M&Ms in sich hineingestopft, und die Nachwirkungen der Schokolade brachten sie um. “Wieso kann ich nicht einen von diesen Männern kennenlernen?”

“Hattest du ein schlechtes Wochenende?”, erkundigte sich Lizbeth mit gespieltem Mitgefühl.

Nina spähte über den Rand ihres Kaffeebechers zu ihrer Freundin und Kollegin, Lizbeth Gordon. Ob sie ein schlechtes Wochenende gehabt hatte? Nicht wenn man unter schlecht sechs Mal weinen zu “Out of Africa” und Berge von M&Ms verstand. Sie hatte schon schlimmere Wochenende erlebt. Zum Beispiel als sie eine ganze dreistöckige Sara-Lee-Torte während der ersten Stunde von “Titanic” gegessen hatte. Oder als sie einen ganzen Samstag damit verbracht hatte, ihre Unterwäsche zu sortieren – erst nach Farben, dann nach Material, dann nach Alter.

“Ich habe nicht mal mein Apartment verlassen”, gestand sie. “Und ich fange schon an, erotische Fantasien über den Lieferanten des Chinarestaurants zu entwickeln.”

Lizbeth legte Nina den Arm um die Schultern und schnalzte mit der Zunge. “Schätzchen, meinst du nicht auch, dass es langsam Zeit wird, dir einen Hengst für einen kleinen Ausritt zu suchen?”

“Was ist das eigentlich mit dir und den Pferden?” Nina machte sich los und ging zur Tür. “Letzte Woche hast du mir gesagt, ich solle mich wieder in den Sattel schwingen. Laut dir müssten ‘Fury’ und ‘Mein Freund Flicka’ subversive Sexhandbücher sein.” Sie blieb vor der Tür zu ihrem Büro stehen. “Das waren die Lieblingsbücher meiner Kindheit”, meinte sie wehmütig. “Mein ganzes Leben drehte sich um Pferde. Jungs habe ich nicht mal angesehen.”

“Große, starke, muskulöse, gut gebaute Pferde”, sagte Lizbeth und fächerte sich mit der Hand Luft zu. “O ja, ich habe diese Bücher auch geliebt.” Sie kicherte. “Wenn meine Mutter das gewusst hätte, hätte sie sie alle verbrannt.”

Nina lachte. “Du warst schon damals nicht ganz normal.”

“Und du warst flach wie ein Brett und hattest den Mund voller Zahnklammern.” Lizbeth warf die dunklen Haare in den Nacken und fuhr mit den Händen über ihre schlanke Taille und die Hüften. “Gib es zu, du würdest genauso wenig in diese Zeit zurückwollen wie ich. Schließlich war ich pummelig, schüchtern und trug synthetische Kleidung. Es ist ein wahres Wunder, dass ich mich so gut entwickelt habe.”

“Na, so was, und ich dachte, du seist mit Kaschmirwindeln und Seidenstiefelchen auf die Welt gekommen und hättest jeden Jungen im Kindergarten verführt.”

Nina war überzeugt, dass sie Lizbeth gehasst hätte, wenn sie nicht beste Freundinnen gewesen wären. Jede Frau hätte sie gehasst. Lizbeth sah umwerfend gut aus. Nina dagegen war nur … süß. Lizbeth hatte drei oder vier Männer an jedem Finger, während die Häagen-Dazs-Eispackungen sich in Ninas Kühlschrank länger hielten als die Männer in ihrem Leben.

Und als wäre es mit der privaten Demütigung noch nicht genug, musste Nina sich auch noch ihre beruflichen Unzulänglichkeiten eingestehen. Als Rechercheurin auf der untersten Stufe der Redaktionshierarchie der Zeitschrift Attitudes verbrachte sie den Großteil ihrer Arbeitstage im Internet, am Telefon oder in der Bibliothek, um jeden Artikel, der durch ihr Büro ging, auf seine Richtigkeit zu überprüfen. Lizbeth hatte es bereits zur Redakteurin in der Rubrik Mode gebracht. Da Leute in den Zwanzigern die wichtigste Zielgruppe des Trendmagazin waren, bewegte Lizbeth sich in Kreisen, zu denen reiche Designer, sexy männliche Models und attraktive französische Fotografen gehörten.

Schlimmer war jedoch, dass sie stets so aussah, als sei sie gerade einer Calvin-Klein-Anzeige entstiegen – schlank und gestylt, schick und kultiviert. Nina hingegen kaufte ihre Kleidung in Secondhandshops und bevorzugte ausgefallene statt modische Sachen. Und einem Styling am nächsten kamen ihre langen blonden Haare, wenn sie sie zusammenband und mit einem oder zwei Essstäbchen fixierte.

Lizbeth besaß jedoch eine Eigenschaft, die sie zu einer unentbehrlichen Freundin machte. Ganz gleich, wie schlecht es Nina ging – ein trockener, aber geistreicher Kommentar von Lizbeth genügte, um die Dinge wieder ins richtige Verhältnis zu rücken und sie zum Lachen zu bringen.

“Weißt du, was dein Problem ist?”, fragte Lizbeth und folgte Nina in ihr winziges, fensterloses Büro.

“Nein, aber du wirst es mir sicher verraten.”

“Dass du seit fast sechs Monaten kein Date mehr hattest. Schätzchen, wie willst du denn jemanden kennenlernen, wenn du dein Apartment nicht verlässt?” Lizbeth schüttelte den Kopf. “Du kriegst noch eine … wie nennt man das? Angoraphobie?”

“Eine Angoraphobie ist die panische Angst vor flauschigen Pullovern”, korrigierte Nina sie. “Agoraphobie ist die Angst, über Straßen oder Plätze zu gehen.”

Lizbeth seufzte. “Die Tatsache, dass du so düstere Begriffe kennst, beweist meine Behauptung. Seit du mit diesem verrückten Schlagzeuger Schluss gemacht hast, führst du kein richtiges Leben mehr.” Sie nahm ein gerahmtes Foto von Ninas Nichten und überprüfte im spiegelnden Glas den Sitz ihrer Frisur. “Wenn du mit dreißig noch nicht verheiratet bist, kann es sein, dass du nie einen Mann findest.”

“Ich bin erst fünfundzwanzig!”, protestierte Nina.

“Fünf Jahre können wie im Flug vergehen”, konterte Lizbeth und schnippte mit ihren perfekt manikürten Fingern. “Außerdem zählt jedes Jahr nach dem fünfundzwanzigsten wie ein Hundejahr – nämlich siebenfach.”

Nina verzichtete darauf, um eine nähere Erklärung zu bitten. Stattdessen nahm sie die letzte Ausgabe von Attitudes und blätterte sie durch. Als sie zum Schlussteil kam, fiel ihr Blick auf die Kontaktanzeigen. “Vielleicht sollte ich auf eine dieser Anzeigen antworten.”

“Gute Idee”, ermutigte Lizbeth sie. “Keine Idee zwar, auf die ich jemals käme, aber warum nicht?”

“Du hast auch keine Probleme, Männer kennenzulernen. Außerdem weiß ich, dass die Anzeigen erfolgreich sind.” Nina nahm einen Ordner von ihrem Schreibtisch und schlug ihn auf. “Schau dir diese Briefe an. Vier Paare, die sich im letzten Jahr über die Kontaktanzeigen kennengelernt und geheiratet haben.”

“Woher hast du die?”

“Eileen vom Leserservice hat sie für mich aufgehoben. Ich überlege, Charlotte eine Story darüber vorzuschlagen.”

“Und du glaubst, diese hübschen kleinen Geschichten werden Charlotte gefallen?” Lizbeth schüttelte den Kopf. “Da kennst du sie aber schlecht.”

Charlotte Danforth war Herausgeberin, Redakteurin und alleinige Aktienbesitzerin des Trendmagazins Attitudes. Sie führte das Blatt wie ihr eigenes kleines Königreich. Das Geld ihres reichen Vaters hatte das Magazin finanziert, und obwohl Charlotte nicht mal eine Papiertüte herausgeben oder ein Budget verwalten konnte, besaß sie die außerordentliche Fähigkeit, talentierte Leute einzustellen und Trends zu erkennen. Denn allein darum ging es bei Attitudes – was gerade in war.

“Ich muss etwas unternehmen, damit Charlotte erkennt, dass ich das Zeug zur Redakteurin habe”, sagte Nina.

“Ich bezweifle, dass du damit bei ihr punkten wirst.”

Nina legte die Briefe zurück in den Ordner. “Ich glaube trotzdem, dass es möglich ist, per Kontaktanzeige die Liebe fürs Leben zu finden. Bei diesen vier Paaren war es so.” Sie nahm das Magazin und begann die Anzeigen zu überfliegen. “Hier ist einer, der sich nett anhört. ‘New Yorker Mentalität. Gut aussehender Akademiker sucht an ernsthafter Beziehung interessierte, unabhängige Frau zwischen 24 und 30. Mag Motorräder, freie Natur und Nascar-Rennen.’ Ich liebe Motorräder.”

Lizbeth nahm Nina das Magazin aus der Hand. “Lass mich das mal übersetzen. ‘Gut aussehender Akademiker’ bedeutet ‘halbwegs passabel aussehender Autoverkäufer’. Pass auf, wenn sie von ‘angenehmem Äußeren’ sprechen. Dann kannst du damit rechnen, dass der Glöckner von Notre-Dame vor deiner Tür steht.”

“Woher weißt du das? Du hast auf eine unserer Anzeigen geantwortet!”

Lizbeth lachte nachsichtig. “Sei nicht albern. Warum sollte ich? Ich kenne die Männer und ihre Neigung, bei den eigenen Vorzügen maßlos zu übertreiben. Man muss ihre Sprache kennen.”

“Ihre Sprache?”

“Ja, wie in dieser Anzeige. ‘An ernsthafter Beziehung interessierte Frau’ bedeutet, dass du bereit sein musst, seine Wohnung sauber zu machen. ‘Unabhängig’ heißt, dass es dir nichts ausmacht, Stunden mit seinen Freunden in einer Bar zu verbringen und dir Football auf einem Großbildschirm anzusehen. Und alles andere bedeutet, dass der Kerl nie daran denken wird, die Klobrille runterzuklappen.” Lizbeth zeigte auf eine andere Annonce. “‘Hat Spaß an Gartenarbeit, Antiquitäten und Kochen.’ Ein Muttersöhnchen. Was du brauchst, ist ein Mann, der gern Golf spielt, segelt, ins Theater geht und Sport treibt. Das bedeutet nämlich, dass er selbstständig, wohlhabend und intelligent ist und einen fantastischen Körper hat.”

“Hier ist eine”, meinte Nina. “Freundlich …”

“Lüstern.”

“Kuschelt gern?”

“Will Sex”, übersetzte Lizbeth.

“Treu?”

“Krankhaft eifersüchtig. Das Einzige, was schlimmer ist, ist ‘leidenschaftlich’, denn es bedeutet ‘erfahrener Schürzenjäger’. Es wäre besser, wenn du selbst eine Anzeige aufgibst. Dann kannst du die Kandidaten wenigstens aussortieren.”

“Ich weiß nicht. Vielleicht sollte ich einfach die Geschichte von den vier Paaren und ihren Anzeigen anregen.”

“Es ist eine hübsche kleine Story, aber wir sind nun mal kein Magazin für die gute Hausfrau. Attitudes ist frech, trendy und fällt ein wenig aus dem Rahmen – dem Pullover, den du trägst, nicht unähnlich.”

Nina schaute auf ihren längst aus der Mode gekommenen limonengrünen Mohairpullover mit Bubikragen. Sie hatte ihn extra zum gestreiften Minirock und der grünen Strumpfhose aus den Sechzigern gekauft. Die Kette aus Plastikperlen vervollständigte ihr Outfit. “Du meinst, Charlotte hat nichts dafür übrig? Für die Idee, meine ich.”

“Wenn du dich bei ihr als Redakteurin empfehlen willst, musst du mehr bringen, als nur eine Story anzuregen. Du musst rausgehen und die Erfahrung selbst machen. Schreib deine eigene Anzeige, verabrede dich mit ein paar Typen und berichte darüber. Je schräger die Kerle sind, desto besser.”

“Ich wüsste gar nicht, was ich in so einer Anzeige schreiben sollte”, gab Nina zu bedenken. “Wie suche ich nach Mr. Right?”

Lizbeth seufzte dramatisch. Dann kramte sie auf Ninas Schreibtisch, bis sie einen Notizblock gefunden hatte. “Schätzchen, du hast gar keine Zeit, lange nach Mr. Right zu suchen. Du brauchst deinen Mr. Right sofort – ich nenne ihn mal zum Scherz Mr. Right Now. Charlotte führt seit einem Monat Vorstellungsgespräche wegen eines Redakteurpostens. Wenn du diese Story hinbekommst und einreichst, gibt sie dir vielleicht den Job.”

“Na schön”, meinte Nina. “Ich mache es.”

“Gut!”

“Nancy!”

Nina und Lizbeth sahen auf und entdeckten Charlotte Danforth im Türrahmen zu Ninas Büro. Wie immer sah sie aus, als sei sie gerade aus dem Bett gefallen. Allerdings trug sie heute Morgen Abendkleidung, und zwar ein mit Perlen besticktes knappes Designermodell, das wahrscheinlich mehr gekostet hatte, als Nina in einem Jahr verdiente. Es war offensichtlich, dass Charlotte nicht geschlafen hatte, sondern von der Party direkt zur Arbeit gekommen war. Ihre Haare waren zerzaust, und sie paffte unablässig an einer französischen Zigarette. Selbst in diesem unordentlichen Zustand war sie eine Naturgewalt, ein menschlicher Wirbelwind, der auf seinem Weg in Tränen aufgelöste Mitarbeiter zurückließ.

“Nina”, korrigierte Nina sie.

Charlotte rümpfte die Nase und zuckte die Schultern. “Sicher, Nina. Sie müssen für mich etwas recherchieren. Ich muss erfahren, welche Körperpartie momentan am meisten in ist für eine Tätowierung. Und welches das beliebteste Motiv ist. Finden Sie es für Männer und Frauen heraus. Da gibt es sicher Unterschiede. Und falls möglich, ermitteln Sie einen Altersdurchschnitt.”

“Ich bin nicht sicher, ob darüber jemals Untersuchungen angestellt worden sind …”

“Es ist mir völlig egal, ob es darüber Untersuchungen gibt, Nora!”

“Nina”, korrigierte Nina sie. “Ist es für einen Artikel? Wir haben nämlich erst vor einigen Monaten eine Story über Tätowierungen gemacht.”

“Ich brauche einfach diese Informationen, Nola”, fuhr Charlotte sie an. “Es ist eine private Sache. Gegen Feierabend?” Damit drehte sie sich um und eilte davon.

Nina fragte sich, wie sie ihre Chefin jemals davon überzeugen sollte, ihr den Posten einer Redakteurin zu geben, wenn sie sich nicht einmal ihren Namen merken konnte. “Na klar, ich rufe einfach das Amt für Volkszählung an. Ich bin sicher, bei der Volkszählung 2000 die Frage nach Tätowierungen beantwortet zu haben. Rechte Hüfte, winzige Rose.” Sie warf die Kontaktanzeigen beiseite und brachte ihren Schreibtisch in Ordnung. “Ich schätze, dass ich den Rest des Tages am Telefon verbringen und Tätowierstudios anrufen werde.”

Lizbeth grinste. “Und ich wette, dass Charlotte letzte Nacht betrunken war und in einem dieser Tätowierstudios im East Village gelandet ist, die rund um die Uhr geöffnet sind. Und jetzt will sie, dass du ihr bestätigst, dass ihr mit diesem riesigen Schmetterling auf dem Po kein entsetzlicher modischer Fehltritt unterlaufen ist.”

Ninas Augen weiteten sich. “Wirklich?” Als sie sich für eine Tätowierung entschieden hatte, war sie wenigstens nüchtern und im Vollbesitz ihres guten Geschmacks gewesen, sodass sie nur eine winzige Blume auf eine Stelle hatte tätowieren lassen, die man nur sah, wenn sie einen Bikini trug.

“Was immer es ist, solange es modisch top ist, machst du sie glücklich.”

“Aber woher soll ich das wissen?”

Lizbeth stand auf und strich ihren Rock glatt. “Überlass das mir. Irgendwem wird sie erzählen, was sie letzte Nacht gemacht hat. Sie schwatzt immer, wenn sie einen Kater hat, und fünf Minuten später weiß es die ganze Redaktion. Ich werde dir die Fakten liefern, und du erfindest die Recherche.”

“Aber das entspräche nicht dem Berufsethos!”, protestierte Nina.

“Schätzchen, du willst doch den Job in der Redaktion, oder?”

Nina nickte zögernd. “Ja, schon. Und während du alles über Charlottes neue Tätowierung herausfindest, werde ich an meiner Anzeige arbeiten. Selbst wenn keine tolle Story daraus wird, werde ich so am Samstagabend etwas Besseres zu tun haben, als meine Zehennägel zu lackieren und Kleingeld aus den Sofaritzen zu angeln.”

“Das ist die richtige Einstellung!”, rief ihre Freundin. “Schwing dich aufs Pony und reite!”

Nina lächelte. “Und wenn ich ganz großes Glück habe, finde ich sogar Mr. Right. Oder wenigstens einen, der ihm nahekommt.”

Die Feierabendmeute hatte sich im Jitterbug’s versammelt, dem Café auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Attitudes-Redaktion in Soho. Es war der Lieblingstreffpunkt der Mitarbeiter, die sich dort regelmäßig zum Kaffee und Mokka einfanden, um über die unmöglichen Wünsche zu diskutieren, mit denen Charlotte Danforth sie im Lauf des Tages konfrontiert hatte. Nina hatte jedoch Wichtigeres im Sinn. Ärgerliche kleine Projekte hatten beinah jede Minute ihres Tages ausgefüllt, sodass sie sich nicht einen einzigen Moment um ihre Kontaktanzeige hatte kümmern können.

Nina ging zu ihrem Stammplatz in der Ecke, warf den Mantel über die Stuhllehne und stellte ihre Tasche auf den glatten Marmortisch. Dann schaute sie zum Tresen und winkte Martha zu, die mit einem Nicken bestätigte, dass sie Ninas üblichen entkoffeinierten Café au lait mit Haselnussaroma bringen würde. Nina setzte sich und breitete ihre Arbeitsunterlagen vor sich aus – die Kontaktanzeigen der letzten vier Wochen, ihren Notizblock mit ihrem Namen und dem Namen der Zeitschrift am unteren Rand jeder Seite und einem Bleistift mit einem nagelneuen Radiergummi. Außerdem hatte sie eine Liste mit Attributen für Mr. Right dabei, die sie rasch während ihrer Mittagspause erstellt hatte.

“Freundlich, rücksichtsvoll, humorvoll, spontan”, las sie laut vor. “Schöne Haare, große Augen und …”

“Einen buschigen Schwanz und gute Zähne. Schätzchen, das klingt, als würdest für einen Spitz annoncieren, nicht für einen Mann. An deiner Stelle würde ich mich lieber für den Mann entscheiden. Der macht wenigstens nicht auf den Teppich.” Lizbeth ließ sich auf den freien Stuhl fallen und seufzte dramatisch. “Du kannst dir nicht vorstellen, was für einen grauenhaften Tag ich hinter mir habe! Man hat mir Muster in Größe sechsunddreißig geschickt und Models Größe zweiundvierzig. Dem Himmel sei Dank für Klebeband. Wir haben einfach die hinteren Nähte aufgetrennt und die Sachen angeklebt.”

Nina zwang sich zu einem mitfühlenden Lächeln. Sie war absolut nicht in der Stimmung, sich Lizbeths Kummer anzuhören. Sie hatte gehofft, einige Zeit allein verbringen, in Ruhe Kaffee trinken und sorgfältig ihre Anzeige formulieren zu können. Die Anzeige musste gut werden, und dazu war Gedankenarbeit nötig. “Ich wollte gerade hiermit anfangen”, murmelte sie.

“Was hast du denn bis jetzt?”, wollte Lizbeth wissen.

“Eigentlich … noch gar nichts.”

Lizbeth runzelte die Stirn und deutete auf Ninas Block. “Schreib auf.” Sie überlegte einen Moment, dann lächelte sie. “Überschrift – Suche Mr. Right Now. Attraktive, unternehmungslustige, aktive Frau, 25, sucht verwegenen Adonis, 25-35, für wilde Wochenenden.”

“Findest du nicht, der letzte Teil klingt, als sei ich sehr … unkonventionell?”

“Schätzchen, das ganze Ding lässt dich ungezwungen erscheinen. Darum geht es doch. Was glaubst du, was ich mit ‘unternehmungslustig’ und ‘aktiv’ meine? Mag Sex, und zwar immer.” Lizbeth kniff die Augen zusammen. “Du willst doch, dass jemand auf die Anzeige antwortet, oder?”

Mit finsterer Miene riss Nina das Blatt aus dem Block und zerknüllte es in der Faust. Dann sah sie, dass Martha ihr zuwinkte. “Ich werde meine Anzeige selbst schreiben, vielen Dank.” Sie stand auf, um ihren Kaffee zu holen und Lizbeths Anzeige in den Papierkorb zu werfen.

Doch als sie Martha bezahlte, dachte sie noch einmal über die Strategie ihrer Freundin nach. Langsam wurde die Zeit knapp. Vielleicht sollte sie ihre Suche nach dem absolut Richtigen aufgeben. Und ein paar Frösche zu küssen ergab besseres Material für eine Story, als wenn sie gleich ihren Traummann fand. Nina öffnete die Faust, ließ die Papierkugel auf den Tresen fallen und strich das Papier glatt. Dann las sie noch einmal die Worte, während sie ihren Kaffee nahm. Mit einem leisen Seufzer drehte sie sich um und ging zu ihrem Tisch zurück, in Gedanken bei dem Anzeigentext.

Nina bemerkte den Mann nicht, der ihr in den Weg trat, doch plötzlich war er da. Mit einem überraschten Aufschrei lief sie direkt gegen die große, breitschultrige Gestalt und verschüttete ihren Kaffee auf seiner breiten Brust, seinem flachen Bauch und seinem Schoß.

Der Mann sprang leise fluchend zurück und wischte sich die dampfende Flüssigkeit von seinem maßgeschneiderten Hemd. Erst da nahm Nina sein Gesicht richtig wahr. Trotz seiner schmerzverzerrten Miene konnte sie deutlich erkennen, was für ein attraktiver Mann er war. Er hatte markante Züge, einen sinnlichen Mund und funkelnde grüne Augen.

“Du liebe Zeit! Ich habe Sie gar nicht gesehen. Das ist bestimmt ein teures … Ist alles in Ordnung mit Ihnen?”, stammelte sie.

“Mir geht’s gut”, erwiderte er und zupfte am durchweichten Hemd und der Seidenkrawatte. “Es war meine Schuld. Ich habe nicht aufgepasst.”

Nina griff über seinen Tisch nach dem Serviettenspender und zog mehrere Servietten heraus. Doch als sie sich wieder umdrehte, warf sie den Becher auf seinem Tisch um. Der Becher fiel auf den Boden, und der Inhalt ergoss sich auf die glänzenden Halbschuhe des Mannes. Die Hälfte der Servietten segelte zu Boden, und Nina bückte sich, um sie aufzuheben und den Kaffee von seinen Schuhen zu wischen. Grundgütiger, sogar seine Füße waren attraktiv.

Als sie zu ihm aufsah, lächelte er ironisch. “Ich glaube, auf meinem linken Hosenbein habe ich noch keinen Kaffee”, sagte er. “Möchten Sie vielleicht noch einen Kaffee bestellen, um Ihr Werk zu vollenden?”

“Ich mache Sie nur rasch sauber und dann …” Hastig tupfte sie den Schritt seiner Hose ab, bis ihr klar wurde, was sie da tat. Sie stöhnte auf. “Ich glaube, das sollten Sie wohl besser selbst machen.” Nina schaute sich um und stellte fest, dass die anderen Gäste sie amüsiert beobachteten.

Der Mann umfasste ihren Ellbogen und half ihr aufzustehen. Verlegen wischte sie mit dem Blatt Papier in ihrer anderen Hand an seinem Hemd herum. Er nahm es ihr aus der Hand und schob es in seine Hosentasche, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als ihn anzusehen. Sie lächelte entschuldigend. “Manchmal bin ich wirklich ungeschickt. Es tut mir leid. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?”

“Sicher”, erwiderte er. “Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es war zum Teil auch meine Schuld.”

Noch nie hatte sie so grüne Augen bei einem Mann gesehen. Oder ein Lächeln, das so sexy war. Nina schluckte. “Aber Ihr Hemd ist ruiniert.”

Er lachte trocken. “Ich habe dieses Hemd nie gemocht. Jetzt habe ich einen Grund, es wegzuwerfen.”

Einen Moment schwiegen sie.

“Kann ich Ihnen einen neuen Kaffee bestellen?”, bot Nina dann an.

Er schüttelte den Kopf, ohne den Blick von ihr abzuwenden. “Ich wollte gerade gehen. Ich muss zu einem Meeting.”

Erneut hielt sie den Atem an und wartete darauf, dass er zur Tür hinausging und auch aus ihrem Leben. Wahrscheinlich hatte sie Mr. Right eben mit Kaffee vollgeschüttet, und jetzt würde er ohne ein weiteres Wort verschwinden.

Er nahm sein Jackett und seine Aktentasche vom Stuhl und wandte sich langsam zur Tür um. Nina machte einen Schritt, um ihn aufzuhalten, ehe sie bemerkte, dass die übrigen Gäste sie noch immer beobachteten.

“Es tut mir wirklich leid”, rief sie, als die Tür hinter ihm zuschwang. “Mit ein bisschen kaltem Wasser und chlorfreier Bleiche bekommen Sie den Fleck wieder heraus!” Dann sah sie sich finster im Raum um. “Die Show ist vorbei. Ihr könnt euch alle wieder eurem Kaffee widmen.” Vor Verlegenheit errötend eilte sie an ihren Tisch zurück und setzte sich. “War es so schlimm, wie ich glaube?”, fragte sie leise.

Lizbeth tätschelte aufgeregt ihre Hand. “Das war perfekt! Schätzchen, ich hätte nicht gedacht, dass du das Zeug dazu hast. Aber das war einfach brillant!”

“Was war brillant?”