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Produktion:

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Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

CORA Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

ROMANA, BIANCA, BACCARA, TIFFANY, MYSTERY, MYLADY, HISTORICAL

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1. KAPITEL

Die Strumpfhose brachte ihn fast um den Verstand. Wer auch immer dieses Kleidungsstück erfunden hatte, er sollte stranguliert werden. Gnadenlos.

Seidig glänzend, schwarz. Wie eine zweite Haut legte sie sich um die schönsten Beine, die er je gesehen hatte. Schmale Fesseln, wohlgeformte Waden, geschmeidige Knie, feste Schenkel.

Sie schlug die Beine übereinander.

Und dann diese Naht! Sensationell! Sündhaft erotisch!

Gnade Gott der Seele eines einfachen Mannes aus Alaska. Er hatte so etwas in seiner Heimatstadt Bear Creek noch nicht gesehen. Einen Moment lang spielte Quinn Scofield mit dem Gedanken, die Stewardess um eine Sauerstoffmaske zu bitten.

Beherzt warf er einen Blick über den Rand seines Wilderness Guide Monthly Magazins hinweg auf die elegante Frau mit den blonden, glatten Haaren. Sie saß in der ersten Klasse auf Sitz 1B, diagonal vor seinem Platz 2C. Während der Zwischenlandung in O’Hare war sie in das Flugzeug gestiegen und befand sich wahrscheinlich auf dem Weg nach New York. Nicht ein einziges Mal hatte sie während des Fluges hinter sich geblickt. Stattdessen arbeitete sie seit dreißig Minuten konzentriert auf ihrem Laptop.

Eine kühle, elegante Schönheit aus der Stadt. Absolut nicht der Typ Frau, nach dem er suchte. Doch verdammt, sie törnte ihn an und brachte sein Blut in Wallung. Ohne dass sie ihm den geringsten Anlass für erotische Fantasien gab, stellte er sich vor, wie sie ihre tollen Beine um seinen Körper schlang oder sie beim wilden Sex über seine Schultern legte.

“Die ist heiß, was?”, lallte sein Nachbar, ein dickbäuchiger Geschäftsmann mittleren Alters, der dem Whiskey zu sehr zugesprochen hatte. Mit einem Kopfnicken deutete er auf die auffallend gut aussehende Frau.

“Sie ist sehr attraktiv, ja”, stimmte Quinn zu. Er hatte die Stimme gesenkt, damit sie ihn nicht hören konnte.

Leider jedoch hatte der andere aufgrund des Alkoholkonsums seine Lautstärke nicht so unter Kontrolle. Er lehnte sich vertraulich zu Quinn, stieß ihm in die Rippen und zwinkerte vielsagend. “Die würde ich gern vernaschen.”

Langsam drehte sich die Frau um und bedachte sie mit einem eiskalten Blick. Wie ein kleiner Junge, der bei etwas Verbotenem erwischt worden war, blickte der Geschäftsmann schnell in eine andere Richtung. Quinn zuckte nicht mit der Wimper. Er hatte danach geschmachtet, einen Blick in diese Augen werfen zu können, und er würde sich diese aufregende Chance nicht durch die schlechten Manieren seines Nachbarn verderben lassen.

Ihre Blicke trafen sich.

Und er wurde nicht enttäuscht. Ihre Augen waren genauso unwiderstehlich wie der Rest. Ausdrucksvoll, etwas mandelförmig, dunkelbraun.

Sein Herz vollführte einen dreifachen Axel und rutschte ihm dann vor Aufregung in die Hose. Er hatte schon immer eine Schwäche für Blondinen mit dunklen Augen gehabt. Quinn lächelte sie strahlend an.

Die Frau tat ihm nicht den Gefallen, sein Lächeln zu erwidern.

“Hallo”, grüßte er mutig. “Wie geht es Ihnen?”

Einen Moment lang hatte es tatsächlich den Anschein, als würde sie antworten.

Sie öffnete den Mund. Ihre Augen blickten neugierig. Der Anflug eines Lächelns zog über ihr Gesicht.

Na los, Süße, sag schon was.

Noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben. Plötzlich dachte er an seine Schulzeit zurück. Er war in der fünften Klasse gewesen und hatte sich während der Pause fortgeschlichen, um mit seinen Klassenkameraden im Keller der Seward Middle School Flaschendrehen zu spielen. Ein Pfandspiel, bei dem er sich als Pfand einen Kuss von Mindy Lou Johnson erhofft hatte.

Doch die kühle Blonde zerstörte grausam seinen Traum. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, wandte sie sich wieder ihrem Laptop zu, als sei er nichts weiter als eine lästige Fliege.

Zack. Kurzer Prozess mit einem Mann, der so tollkühn war, sie anzusprechen.

Quinn versuchte, sich auf seine Zeitschrift zu konzentrieren, doch es gelang ihm nicht. Schließlich wanderte sein Blick erneut zu ihren Beinen. Achtzehn Monate ohne die Gesellschaft einer Frau waren einfach zu viel für ihn.

So lange war es her, seit seine Exfreundin Heather seinen Heiratsantrag abgelehnt hatte, weil sie nicht für immer nach Alaska ziehen wollte. Sie könnte ihn noch so sehr lieben, hatte sie gesagt, aber sie würde sich nie an die strengen Winter in Alaska gewöhnen.

Sie hatte ihn angefleht, nach Cleveland zu ziehen, doch Quinn stellte fest, dass die Liebe nicht so groß war, wie er geglaubt hatte. Jedenfalls reichte sie nicht aus, um seine Heimat zu verlassen. Die Frau, die ihn dazu überreden konnte, musste wahrscheinlich noch geboren werden. Alaska steckte ihm im Blut, in seinem Herzen, seiner Seele. Alaska war sein Leben. Aber verdammt, dieses Leben konnte manchmal auch unglaublich einsam sein. Vor allem in den langen, dunklen Winternächten.

Einige seiner Freunde hatten ihm vorgehalten, es sei Dummheit, sein Leben so von seiner Liebe zu Alaska beeinflussen zu lassen. Sie behaupteten, er würde die wahre Liebe niemals finden, wenn er nicht lernte, Kompromisse einzugehen. Andere wiederum hatten ihm dazu gratuliert, dass er seinen Grundsätzen treu blieb. Er war ein Mann aus Alaska, und nur eine Frau, die bereit war, hier zu leben, könnte ihn glücklich machen.

Mit zweiunddreißig war Quinn in einem Alter, in dem er eine Familie gründen wollte. Doch bisher hatte er die Frau, die bereit war, Bear Creek als ihr Zuhause anzunehmen, noch nicht kennengelernt. Elegante Schönheiten, wie die Lady schräg vor ihm, mit seidigen Strumpfhosen und einem teuren Haarschnitt, würden an der brutalen Wirklichkeit in Alaska zerbrechen.

Nein, so sehr sie ihn sexuell reizte, er brauchte eine Frau, die zäh und stark und unverwüstlich war. Eine Frau wie seine jüngere Schwester Meggie. Oder zumindest so wie sie gewesen war, bevor sie Jesse Drummond geheiratet hatte und nach Seattle gezogen war, um ihren Traum zu erfüllen, eine Städterin zu werden. Das große Problem war, dass in Bear Creek eine Frau auf zehn Männer kam.

Nichts sollte ihn jedoch davon abhalten, die kühle Schöne aus Spaß an der Freude zu betrachten. Er versuchte, sie sich in Alaska vorzustellen, und musste schmunzeln. Kein Broadway-Theater. Keine vornehmen Wohltätigkeitsveranstaltungen mit Champagner und Kaviar. Wenn man in Bear Creek Geld für etwas sammeln wollte, zum Beispiel für die freiwillige Feuerwehr, dann feierte man mit Backfisch, Bier und Musik vom CD-Player.

Von seinem Platz aus konnte Quinn nur ihr Profil sehen und die gepflegten Hände, mit denen sie auf der Tastatur ihres Laptops herumhämmerte. Ihre Nase war perfekt geformt. Exquisit. Nicht zu groß, nicht zu schmal. Nicht zu spitz und auch nicht zu stupsnäsig.

Ihre Wangenknochen – Quinn konnte natürlich nur die eine Gesichtshälfte sehen – waren hoch und fein gemeißelt wie die der Fotomodelle. Ihr festes, aber feminines Kinn entsprach dem Traum eines jeden Künstlers. Und der Mund! Volle, sinnliche Lippen. Aber von Natur aus und nicht wie bei den meisten Hollywood-Schauspielerinnen, die mit Collagenspritzen nachgeholfen hatten. Ihr Lippenstift hatte dieselbe Farbe wie die untergehende Sonne im alaskischen Sommer.

Diese Frau war eine faszinierende Mischung aus Feuer und Eis. Ihre königliche Haltung schrie geradezu “Finger weg”, während ihre Strumpfhose und die hochhackigen Schuhe eine völlig andere Botschaft rüberbrachten. Tief im Inneren war sie eine feurige Frau, die sich danach sehnte, aus sich herauszukommen und diese kalte Art abzuschütteln.

Sie schloss ihren Laptop und verstaute ihn unter ihrem Sitz. Von ihr unbemerkt fiel auch ihr Stift auf den Boden.

Quinn, der schon immer hartnäckig seine Ziele verfolgt hatte und sich nie von der Vernunft von etwas abhalten ließ, witterte seine Chance. Er beugte sich vor und tippte ihr leicht auf die Schulter.

“Miss?”

Ruckartig drehte sie den Kopf und durchbohrte ihn mit ihrem Was-willst-du-von-mir-Blick. Ohne Zweifel war sie aufdringliche, fremde Männer gewöhnt und beherrschte ihren Hände-weg-Blick so perfekt, dass auch der glühendste Verehrer abgeschreckt wurde. Für eine Frau, die so angezogen war wie sie, war diese Fähigkeit absolut notwendig.

“Sie haben Ihren Stift fallen lassen.” Er deutete darauf.

Ihr Blick wurde ein wenig weicher, als sie feststellte, dass es keine dumme Anmache war – auch wenn es darauf hinauslief. Sie verzog ihren Mund zu einem freundlichen Lächeln und sagte leise: “Danke.”

Ah! Das einfache “Danke” schoss wie ein Pfeil in sein Herz.

He, Mann, ich glaube, mich hat es erwischt.

Als sie sich hinabbeugte, um den Stift aufzuheben, stellte sie die Beine ein wenig anders. Ihr Rock rutschte höher. Quinn hätte sich vor Aufregung fast verschluckt.

Nackte Haut!

In dem Moment richtete die Frau sich mit dem Stift in der Hand schon wieder auf und zog ihren Rock wieder hinunter.

Zu spät. Ihr Geheimnis war gelüftet!

Sie drehte den Kopf, sah ihm in die Augen und schenkte ihm ein Mona-Lisa-Lächeln.

Sie trug keine Strumpfhose.

Diese unglaubliche Frau trug Strümpfe und Strapse.

Kay Freemont holte ganz beiläufig ihre Puderdose aus der Handtasche.

Okay, eigentlich steckte eine bestimmte Absicht dahinter. Sie wollte einen weiteren Blick auf den Mann werfen, der schräg hinter ihr saß, ohne sich aber umdrehen und ihm zeigen zu müssen, dass sie sich für ihn interessierte.

Natürlich zog er sie nicht ernsthaft in seinen Bann. Sie versuchte gerade, sich aus einer unbefriedigenden Partnerschaft zu befreien, und hatte absolut kein Interesse daran, in eine neue zu stolpern. Sie wollte nur bestätigt wissen, dass dieser breitschultrige Mann in Jeans und Flanellhemd wirklich so toll war, wie sie glaubte.

Kay hätte vor lauter Neugierde wahrscheinlich auf ihrer Unterlippe herumgebissen, wenn ihr nicht die nörgelnden Worte ihrer Mutter in den Ohren geklungen hätten. Pass auf, dein Lippenstift verschmiert. Etwas, was einer Freemont nicht passieren durfte. Man hatte schließlich ein gewisses Image zu wahren.

Sie tat, als würde sie den Spiegel in der Puderdose benutzen, um ihre Haare zu ordnen. In Wirklichkeit jedoch hielt sie ihn so, dass sie den Fremden beobachten konnte. Insgeheim hatte sie sich sexuell immer zu kräftigen, naturverbundenen Männern hingezogen gefühlt. Starke, durchtrainierte Männer, die Mannschaftssport trieben und ihre Autos selbst reparierten. Männer, die Holz hackten und rohes Fleisch über einem Feuer grillten. Männer, die bis aufs Messer kämpfen würden, um ihre Frauen zu beschützen.

Die Tatsache, dass ihr Freund Lloyd ein schlanker, intelligenter Vegetarier war, der nicht einmal einen eigenen Wagen besaß, geschweige denn wüsste, wie man einen reparierte, war ihr bewusst. Aber man durfte schließlich träumen. Und nur, weil extrem männliche Männer sie reizten, bedeutete dies noch lange nicht, dass sie sich mit einem solchen Exemplar einlassen würde. Es war lediglich eine sexuelle Fantasie.

Außerdem gab es Dinge, die wichtiger waren als Sex. Partnerschaft, zum Beispiel.

Und ist Lloyd ein guter Partner? dachte sie. Er arbeitet achtzig Stunden in der Woche. Und wann hatte er das letzte Mal mit ihr geschlafen? Vor sieben, acht Wochen?

Das war nicht fair. Sie konnte nicht ihm allein die Schuld in die Schuhe schieben. Schließlich arbeitete sie genauso viel wie er.

Aber ist es mein Fehler, überlegte sie weiter, dass er mich sexuell nicht befriedigt?

Vielleicht war es ihr Fehler. Obwohl sie ständig darüber schrieb, wie man sein Sexleben verbesserte und Artikel wie “Wie ich erreiche ich mehrere Höhepunkte” und “Tantric Sex, die Revolution im Sexleben”, in dem heißesten Frauenmagazin des Landes veröffentlichte, hatte Kay diese herrlichen Lustgefühle noch nicht am eigenen Körper erfahren.

Ja, sie las und las und las. Klassiker wie der Hite Report und Die Geschichte der O bis hin zu moderner Literatur zu dem Thema. Sie kannte alle auswendig. Kay verstand die Techniken beim Sex und war überzeugt davon, dass sie eines Tages den Weg ins Paradies finden würde, wenn sie sich auf diesem Gebiet genug Wissen angeeignet hatte.

Vielleicht sollte sie stattdessen besser einen Berater aufsuchen.

Vielleicht sollte ich auch einfach nur eine wilde, hemmungslose Affäre haben, dachte sie. Ich wette, dieser Typ hinter mir besitzt die Fähigkeit, eine Frau glücklich zu machen. Diese Hände! Wenn es stimmte, dass die Größe der Hände eines Mannes etwas über die Größe seines besten Stücks aussagte, dann …

Kay drehte den Spiegel ein wenig nach rechts, um besser sehen zu können.

Die Oberarme dieses Prachtexemplars von einem Mann waren so kräftig wie ihre Schenkel. Sie wusste nicht warum, aber der Gedanke ließ sie erbeben. Er war so groß und schien stahlhart zu sein. Kräftig und muskulös. Wahrscheinlich konnte er sie mühelos über die Schulter werfen. Seine Haare hatten die Farbe von altem Whiskey, und seine grauen Augen wirkten überraschend intelligent.

Sein Hemd hatte einen angenehmen Blauton. Er hatte die Ärmel aufgekrempelt, was ihr einen heimlichen Blick auf seine sexy Unterarme und die Uhr mit dem breiten Lederarmband erlaubte. Schön. Sehr schön. Gerade die richtige Menge an Haaren. Kay hatte eine Schwäche für sexy Unterarme.

Sie leckte sich über die Lippen und vergaß völlig, dass sie ihren Lippenstift verschmierte. Eine ungewohnte Erregung breitete sich in ihrem Körper aus. Ihr wurde heiß, das Blut floss schneller in ihren Adern, und sie verspürte ein Prickeln zwischen den Beinen. Was würde passieren, wenn sie aufstand und zu ihm ging? Was würde er tun, wenn sie sich zu ihm beugte und ihn mit erotischer Stimme zu Sex in schwindelnder Höhe einlud? Sie erbebte innerlich vor Erregung.

Würde er ihr folgen, wenn sie sich dann auf dem Absatz umdrehte und zum Waschraum tänzelte?

Sie hatte einen Kloß im Hals und schluckte. Was für eine Vorstellung! Sie beide eingezwängt in den engen Waschraum eines Flugzeugs. Es würde Geschicklichkeit erfordern. Kay starrte so angespannt in den kleinen Spiegel, dass sich das reale Bild verzerrte und der Fantasie Platz machte.

Er hebt sie auf den Waschtisch; seine Augen funkeln vor Verlangen. Mit seiner großen, kräftigen Hand streicht er über ihr rechtes Bein. Von den Fesseln über die Wade ganz langsam hinauf bis zum Knie. Sie hält den Atem an bei seiner Berührung. Mit seinen schwieligen Fingerspitzen zerreißt er ihre Strümpfe, bis sie schließlich einer Frau gleicht, die die ganze Nacht sinnliches Vergnügen verkauft hat.

Mit der anderen Hand beginnt er dieselbe Reise über das linke Bein. Er tritt näher zu ihr, und sie schlingt ihre Beine um seine Taille. Ihr Kopf ruht an dem Spiegel über dem Waschbecken, ihren Rücken hat sie durchgedrückt. Er schaut ihr fasziniert in die Augen. Zweifellos hält er sie für das herrlichste Wesen auf der ganzen Welt.

Mit der rechten Hand gleitet er weiter. Zentimeter für Zentimeter schiebt er sich über ihren Schenkel. Ihr Rock rutscht höher. Sie spürt seine rauen Hände auf ihrer nackten Haut. Der Waschtisch unter ihrem Po ist kalt, der Körper zwischen ihren Schenkeln hart. Sie fühlt eine Millionen Dinge auf einmal, und es sind alles schöne Dinge.

Er sieht sie immer noch an, sagt aber kein einziges Wort. Er riecht fantastisch. Nach Fichtennadeln und Wald und Leder. Ihr Verlangen nach ihm wächst. Sie will ihn sich greifen wie ein Löwe ein Lamm.

“Küss mich”, fordert sie ihn mit herrischer Stimme auf.

Er senkt den Kopf. Seine Hände liegen auf ihren Schenkeln, die Finger gespreizt. Er ist so nah, aber er legt seine Lippen nicht auf ihre. Er neckt sie. Seine Augen funkeln. In ihnen liest sie unanständige Gedanken.

“Was bekomme ich für den Kuss?”, fragt er.

Seine Stimme klingt atemberaubend sexy. Es ist der tiefe, wohltönende Klang eines Bassinstruments. Ihr schneller Pulsschlag dröhnt in ihren Ohren. Ihr ist heiß. Sie ist erregt und wünscht sich verzweifelt Befriedigung.

“Du kannst alles bekommen, was du willst”, keucht sie.

“Ich möchte, dass du mich berührst”, sagt er. “Hier.”

Und dann nimmt er ihre Hand und führt sie an seine Jeans. Sie zieht den Reißverschluss hinunter, gleitet mit der Hand hinein. Er trägt keine Unterwäsche. Sie berührt ihn.

Er ist so groß. So hart. So erregt. Glühend heiß. Er riecht männlich würzig, und ihre Erregung steigert sich. Er stöhnt und schließt die Augen.

Kaum berührt sie ihn, gleitet er mit seiner Hand weiter über ihren Schenkel bis zu ihrem Slip.

Sie stöhnt. Er küsst sie.

Er schmeckt so gut. Weder der beste Kaviar in der Vorratskammer ihrer Mutter, noch die teuerste Flasche Champagner im Keller ihres Vaters kann es mit diesem Geschmack aufnehmen.

Sie umfasst seine harte Männlichkeit, die noch zu wachsen scheint. Seine Zunge vollführt ein unglaublich erotisches Spiel. Nie hätte sie gedacht, dass so etwas möglich ist.

“Ich möchte dich in mir spüren.”

“Nein. Noch nicht. Ich will, dass du mich anflehst.”

Sie wimmert.

“So ist es gut.” Er nickt. “Es hat lange genug gedauert.”

Die Knospen ihrer Brüste richten sich hart auf. Sie drängt ihm ihre Hüften entgegen.

“Was machst du?”

“Pst”, sagt er. “Sei ruhig und genieß es einfach. Du hast es verdient. Das, was ich dir geben werde und noch viel mehr. Du machst mich verrückt.”

Bei seinen Worten fängt sie an zu strahlen. Viele Männer haben ihre Schönheit gepriesen, aber keiner hat gesagt, sie würde ihn verrückt machen. Er sagt ihr genau, was sie hören möchte, und dafür liebt sie ihn. Es macht sie unglaublich stark, dass sie mit ihrer Sinnlichkeit eine sexuelle Macht über einen Mann wie ihn ausübt.

Dann stimuliert er sie mit seinen Fingern.

Er streichelt über die Innenseite ihrer Schenkel und taucht schließlich mit dem Finger in sie ein.

Es ist das Paradies! Unglaublich, wie diese Finger das Kernstück ihrer Weiblichkeit behandeln!

Sie windet sich, klammert sich an seiner Schulter fest, krallt sich mit den Fingernägeln durch sein Hemd hindurch in sein Fleisch.

Seine Bewegungen sind sanft, aber fest. Die Spannung baut sich weiter auf. Kein Mann hat sie jemals auf diese Weise liebkost. Er weiß genau, was er tun muss, damit sie nach mehr verlangt. Noch nie ist sie so erregt gewesen. Noch nie war ihr Verlangen nach dem Körper eines Mannes so groß.

“Hör nicht auf”, fleht sie ihn an.

Er lächelt. Einen Moment lang fürchtet sie das Schlimmste. Dass er aufhört, einfach um sie zu necken. Aber er macht weiter. Und weiter. Und weiter.

Sie fühlt sich wie in einer Achterbahn. Der Wagen gleitet weiter hinauf und höher und höher. Sie hält den Atem an, weiß, dass die Spitze gleich erreicht ist.

Sie ist nah dran. Ganz nah. Noch eine Sekunde. O ja. Ja. Jetzt gleich …

“Miss?” Die Stimme der Stewardess riss sie brutal in die Wirklichkeit zurück.

“Ja?” Kay schnappte nach Luft. Sie fühlte sich wie ausgelaugt.

“Möchten Sie noch etwas zu trinken haben?”

Sie schüttelte den Kopf, und die Stewardess entfernte sich. Kay merkte, dass sie immer noch die Puderdose in der Hand hielt. Sie schaute ein letztes Mal in den Spiegel und war entsetzt, als sie merkte, dass der fremde Mann sie direkt anstarrte.

Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. Ihr Herz raste. Ihr Mund wurde trocken. Er lächelte sie so selbstsicher an, als wüsste er genau, was gerade in ihr vorgegangen war.

Verlegen schloss Kay die Puderdose und ließ sie in ihre Handtasche fallen. Sie fühlte sich schwach und bebte innerlich immer noch vor Erregung. Sie musste etwas tun, um die Beherrschung wiederzuerlangen. Sofort.

Zitternd löste sie ihren Sicherheitsgurt, erhob sich und schlüpfte in den Waschraum. Schlechte Idee. Genau hier hatte sich ihr Traum abgespielt, und sie konnte ihrer eigenen Fantasie nicht entfliehen.

Sie feuchtete ein Papierhandtuch an und presste es an ihren Nacken. Dabei atmete sie tief ein und aus. Seit Monaten wurde sie von unkontrollierbaren sexuellen Fantasien geplagt. Es war einfach peinlich.

Vielleicht wäre eine Affäre wirklich nützlich. Sie könnte ihre Fantasien abreagieren und danach ein normales Leben führen.

Kay puderte ihre Nase. Es war einfach lächerlich. Sie musste aufhören, sich solch unpassende Gedanken über völlig Fremde zu machen. Sie atmete noch ein paarmal tief ein und aus, warf das feuchte Handtuch in den Abfall und fuhr sich dann mit den Fingern durch die Haare. So. Alles war in Ordnung. Absolut normal und unter Kontrolle. Niemand würde das Gegenteil vermuten.

In dem Moment geriet das Flugzeug in Turbulenzen. Ohne Vorwarnung sackte es ab. Kay kam ins Straucheln, als sie versuchte, die Tür zu öffnen.

Wieder schlingerte der Flieger, und Kay wurde hin- und hergeworfen. Sie stützte sich an der Tür ab. In dem Moment ging die Tür auf, und sie fiel geradewegs in die Arme des Fremden.

2. KAPITEL

“He, hallo.” Quinn lächelte in das Gesicht einer Göttin.

Er konnte nicht sagen, was ihn veranlasst hatte, ihr zum Waschraum zu folgen. Vielleicht hatte ihn ihr aufregender Gang hypnotisiert. Vielleicht war es ihre widersprüchliche Aura, die ihn hin- und herriss. Oder vielleicht war es auch einfach seine Lüsternheit.

Jetzt allerdings war er froh, dass er ihr gefolgt war. Wenn er nicht da gewesen wäre, um sie aufzufangen, hätte sie ihr hübsches Gesicht an der Wand gegenüber des Waschraums angeschlagen, und das wäre eine Schande gewesen.

“Alles okay?”, fragte er.

“Ja”, flüsterte sie.

Ihre Stimme überraschte ihn. Er hatte einen kühlen, reservierten Tonfall erwartet. Stattdessen erinnerte ihn der sexy Klang an all die Nächte während seiner Highschool-Zeit, in denen er Schallplatten von Bluessängerinnen mit heiseren Stimmen in der winzigen Radiostation seiner Familie in Bear Creek aufgelegt hatte.

Unerschrocken erwiderte die Göttin seinen Blick. Die Wirkung, die dieser Blick auf ihn hatte, brachte ihn völlig durcheinander. Ihre feurigen Augen, dunkel wie Kaffee und eingerahmt von unglaublich dichten Wimpern, faszinierten ihn und ließen ihn nicht los.

In dem kurzen, endlos langen Moment, in dem er sie in seinen Armen hielt, bemerkte er alles an ihr.

Den winzigen Leberfleck an der linken Ecke ihres Mundes. Die weiche, gekonnt nachgezeichnete Linie ihrer Augenbrauen. Das hektische Pochen ihrer Halsschlagader. Ihre schlanke Taille. Ihren frischen Duft.

Am meisten erregte ihn aber die Tatsache, dass unter der weichen Seidenbluse und dem BH die Spitzen ihrer Brüste hart waren.

Im Flugzeug war es nicht kalt. Im Gegenteil, es war sehr, sehr heiß.

Reagierten ihre Brüste auf ihn? Bei der Vorstellung hätte Quinn fast laut gestöhnt.

Interpretierte er zu viel in diese zufällige Begegnung? War sein Wunsch nach einem letzten heißen, sexuellen Abenteuer, bevor er heiratete und eine Familie gründete, schuld an seiner Fantasie? Verstand er deshalb ihre Reaktion falsch?

Sie öffnete die Lippen, und er konnte die rosa Spitze ihrer Zunge sehen. Es sah aus, als wollte sie etwas sagen, doch sie schwieg.

Oje, er spürte, wie sie ihre Wahnsinnsbeine an seinen Jeans rieb.

Ihm gingen so viele Gedanken durch den Kopf, und er hatte das Gefühl, eine Ewigkeit war vergangen, seit sie in seine Arme gestolpert war. Dabei konnte es sich nur um wenige Sekunden handeln.

Sie hob die Hand an ihre Wange und strich eine Strähne ihrer goldenen Haare zurück. Er verfolgte die Bewegung und blickte dann wieder in diese faszinierenden braunen Augen.

Und stolperte. Er verlor buchstäblich die Balance, als das Flugzeug erneut in Turbulenzen geriet. Er fiel zurück und zog die schöne Fremde mit sich.

Sie fanden sich mitten im Gang wieder, ein Durcheinander aus Armen und Beinen. Der Sturz hatte ihm nicht die Luft genommen, trotzdem fiel es ihm schwer zu atmen, da sie auf ihm lag.

“Sind Sie okay?” Da war wieder dieses heisere Flüstern, unsicher, ein wenig nervös. Machte er sie nervös?

“Alles okay”, erwiderte er. Es widerstrebte ihm, dass dieser Moment enden musste.

“Bitte nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein”, wies die Stewardess sie an. “Und schnallen Sie sich an.”

“Ich helfe Ihnen”, bot die Fremde an, die sich trotz ihrer hohen Schuhe und der tollen Strümpfe mit erstaunlicher Beweglichkeit und Anmut erhob.

Er hätte fast gelacht bei der Vorstellung, dass eine zarte Blume wie sie einem Baum wie ihm helfen wollte. Doch ihm gefiel der Gedanke, sie wieder berühren zu können, und so streckte er die Hand aus und ließ sich von ihr ziehen.

Mit der anderen Hand drückte er sich vom Boden ab, und einen Moment später stand er auf den Beinen. Sie reichte ihm gerade bis zur Achselhöhle. Ihre Hüfte war auf gleicher Höhe mit seinem Oberschenkel. Sie war so perfekt und grazil wie der erste Schmetterling im Frühling.

Ohne Zweifel war sie die gepflegteste Frau, die er je kennengelernt hatte. Ihre Haare waren modisch geschnitten und glänzten wie Gold. Ihr Gesicht war makellos, außer einer kleinen Narbe unter dem rechten Ohrläppchen. Sofort verspürte er den unbändigen Wunsch, diese Narbe mit seiner Zungenspitze zu erforschen.

Liebend gern würde er ihr noch etwas sagen oder etwas mit ihr tun, aber die Stewardess forderte sie noch einmal auf, diesmal etwas energischer, ihre Plätze endlich einzunehmen. Die Fremde stürmte an ihm vorbei zu ihrem Sitz, wobei ihre Brüste leicht seinen Unterarm streiften. Wie ein loderndes Buschfeuer breitete sich die Erregung in seinem Körper aus.

Atemlos befestigte Kay ihren Sicherheitsgurt. Ihr Herz raste, und sie errötete. Es war nicht zu fassen, was gerade geschehen war und wie hitzig ihr Körper auf einen Fremden reagiert hatte. Ihn zu berühren, war weit aufregender und befriedigender gewesen als ihre heißesten Träume.

Sie sah nicht auf, denn sie wusste, dass er immer noch dastand und sie anstarrte, als hätte ihn ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Was war mit ihm los? Gab es dort, wo er herkam, keine Frauen?

“Sind Sie sicher, dass alles in Ordnung ist?” Er blieb im Gang neben Kay stehen, ohne auf die wütenden Blicke der Stewardess zu achten.

“Ich bin okay, machen Sie sich keine Gedanken. Aber bitte, setzen Sie sich jetzt. Zu Ihrer eigenen Sicherheit.”

“Ich sitze direkt hinter Ihnen, falls Sie mich brauchen.” Er berührte ihr schmales Handgelenk mit seiner großen Hand. Ihr wurde heiß. Wenn sie jetzt die Augen zumachte, würde sie ihn und sich im Wald sehen. Beim Spaziergang. Allein. Auf einem Bett aus weichem, moosigen Grund. Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die dichten Baumkronen bahnten.

Hör auf, hör auf, hör auf. Keine weiteren sexuellen Hirngespinste, Kathryn Victoria Freemont!

Sie hob die Hand an ihr Gesicht. Die Hand, an der seine gelegen hatte. Sie nahm seinen Geruch wahr. Robust, männlich. Wie Tannennadeln, Wildnis und Seife. Unwillkürlich erbebte sie. Nur zu gut konnte sie ihn sich auf seinem Sitz vorstellen und wie er sie mit Adleraugen beobachtete.

Was hatte dieser Mann an sich, dass ihr Körper so heftig reagierte? Warum war sie so aufgedreht und glücklich darüber, dass sie lebte?

Kay machte sich selbst etwas vor, und sie wusste es. Nur weil er ihr das Gefühl gab, begehrenswert zu sein, bedeutete das noch lange nicht, dass sie einfach über ihn herfallen konnte. Sie wusste nicht einmal, wie der Mann hieß. Die Gefühle, die er in ihr auslöste, spiegelten nur ihr Wunschdenken wider. Sie wollte dem Alltag entfliehen, und er stellte eine Fantasie, eine Illusion dar. Die Rettung aus der Oberflächlichkeit ihres Lebens.

Denn in letzter Zeit schien sie nichts mehr zufriedenzustellen. Weder ihre Beziehung zu ihren Eltern, die sie drängten, Lloyd zu heiraten und für einen Erben zu sorgen, und noch weniger ihre Romanze mit Lloyd, wenn man die Beziehung überhaupt Romanze nennen konnte.

Lloyd hatte ihr vor zwei Tagen einen Heiratsantrag per E-Mail gemacht. Nicht gerade romantisch. Der exakte Text hatte gelautet: “Dein Vater hat gesagt, er macht mich zu seinem Partner, wenn wir bis zum Ende des Sommers heiraten. Schätze, es ist an der Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen.”

Wow! Damit eroberte man natürlich das Herz eines Mädchens im Sturm, oder?

Sie hatte die E-Mail ignoriert und nicht darauf geantwortet, da sie sich noch nicht darüber im Klaren war, wie sie auf den Antrag reagieren sollte. Und er hatte sie nicht einmal in Chicago angerufen, um zu erfahren, warum sie nicht geantwortet hatte. Überraschte sie sein Verhalten? Nein, eigentlich nicht.

Selbst ihr Job als Journalistin bei der Zeitschrift Metropolitan füllte sie nicht mehr so aus wie früher.

“Was ist mit dir geschehen?”, murmelte sie vor sich hin. Glücklicherweise saß niemand neben ihr. Im College hatte sie davon geträumt, Romane zu schreiben und Abenteuer zu erleben. Sie hatte sich vorgestellt, einen Liebhaber zu haben, der freundlich, lieb und verständnisvoll war und außerdem gut im Bett. Was war aus ihren Träumen geworden?

Sie hatte das Gefühl, ihre ganze Jugend sei ein einziges Streben nach Perfektion gewesen, um Mommy und Daddy zu gefallen und eine echte Freemont zu werden. Nur einmal hatte sie rebelliert und ihren Willen durchgesetzt, als sie Journalismus statt Kunstgeschichte studierte, wie ihre Mutter es gern gesehen hätte.

“Lloyd Post kommt aus derselben Gesellschaftsschicht wie du, Darling”, hatte ihre Mutter gesagt, als sie am Tag zuvor angerufen hatte, um zu hören, ob Kay Lloyds Heiratsantrag bekommen hatte. Offensichtlich hatte er mit ihren Eltern schon alles geregelt. Sie hätte es vorgezogen, wenn er zuerst mit ihr gesprochen hätte. “Denk ernsthaft über seinen Antrag nach. Du könntest es schlechter treffen.”

Hmm. Was konnte schlimmer sein, als sich für den Rest seines Lebens an einen Mann zu binden, der einen buchstäblich wochenlang ignorierte? Was konnte schlimmer sein, als bis zum Tod mit einem Mann verheiratet zu sein, der sich nicht einmal dafür interessiert, wo der G-Punkt seiner Frau versteckt lag? Was konnte schlimmer sein, als die nächsten vierzig Jahre mit einem Mann zu verbringen, mit dem man absolut nichts gemeinsam hatte außer der Tatsache, dass beide stinkreich waren und eine tadellose Ahnentafel aufzuweisen hatten?

Also, was war schlimmer, als Lloyd Post zu heiraten?

Nun, der Mafia Geld zu schulden, musste unangenehmer sein. Auch war es bestimmt nicht besonders nett, ohne einen Tropfen Wasser in der Wüste zu sein. Eine kieferchirurgische Operation war kein Vergnügen. Ja, Mommy, du hast absolut recht, dachte sie, es gibt Schlimmeres, als Lloyd zu heiraten.

Aber es gab auch Besseres.

Zum Beispiel, mit diesem Naturburschen ins Bett zu gehen.

Sie versuchte sich vorzustellen, was passieren würde, wenn sie am Arm dieses Fremden in das Haus ihrer Eltern spaziert käme und verkündete, sie wären verlobt. Lächerlich. Selbst sie konnte sich trotz ihrer überschäumenden Fantasie ein solches Ereignis nicht ausmalen.

Unwillkürlich neigte sie den Kopf ein wenig nach rechts und blickte verstohlen über die Schulter.

Da saß er und starrte sie an. Und es schien ihm absolut nicht peinlich zu sein, dass er seine Anerkennung so offen zeigte.

Er war ein Bär von einem Mann und strahlte pure Erotik aus. Sein Blick schien zu sagen “Ich werde dafür sorgen, dass dir niemals etwas geschieht”. Es war ein berauschendes Versprechen. Zudem ging von dem Mann eine unglaubliche Sinnlichkeit aus, ja sogar etwas Animalisches, und deckte eine Seite in ihr auf, die ihr bisher fremd gewesen war.

Sie verdiente es, glücklich zu sein. Sie verdiente es, sexuell befriedigt zu werden, und sie verdiente etwas Besseres, als mit Lloyd Post verheiratet zu sein. Sie wusste natürlich, dass dieser Fremde nicht in ihre Zukunft passte, aber trotzdem. Das Zusammentreffen mit ihm hatte sie verändert. Es wurde Zeit, dass sie ihren Eltern Paroli bot und anfing, ihr eigenes Leben zu leben. Es wurde höchste Zeit, dass sie herausfand, was ihr fehlte.

Quinn plante, sie auf dem Weg vom Flugzeug in das Flughafengebäude abzufangen, ihr mit dem Gepäck zu helfen, ein Taxi zu rufen, ihre Telefonnummer zu bekommen und sie zum Essen einzuladen. Die Idee begeisterte ihn so sehr, dass er unruhig auf seinem Sitz hin- und herrutschte und an nichts anderes mehr denken konnte.

Aber als das Flugzeug auf dem JFK-Flughafen landete, schnellte sie von ihrem Sitz empor, kaum dass die Stewardess die Tür geöffnete hatte. Quinn stand auf, um ihr zu folgen, aber eine ältere Dame, die auf der anderen Seite des Ganges saß, bat ihn, ihr Handgepäck aus der Gepäckablage zu holen. Was sollte er tun? Als er endlich das Terminal erreichte, hatte sich die schöne Fremde in Luft aufgelöst.

Er sah nach links, dann nach rechts, doch die Menschenmenge hatte sie verschluckt. Wie hatte sie so schnell verschwinden können?

Verdammt!

Sie hatte Interesse an ihm gehabt, auch wenn sie die Coole gespielt hatte. Das Knistern zwischen ihnen war greifbar gewesen. Sie hatte weder ihren beschleunigten Pulsschlag leugnen können, als er sie in den Armen hielt, noch konnte sie die vor Erregung harten Knospen ihrer Brüste verstecken. Sie begehrte ihn.

Aber warum war sie dann weggelaufen?

Vielleicht ist sie verheiratet, dachte er plötzlich. Doch er hatte keinen Ring an ihrem Finger gesehen.

Okay. Quinn war nicht der Typ, der sich über Dinge aufregte, die nicht zu ändern waren. Er holte tief Luft und machte sich auf in Richtung Gepäckausgabe. Es war müßig, sich über etwas Gedanken zu machen, was vorbei war. Er versuchte, sie zu vergessen.

Doch so sehr er sich auch bemühte, er wurde das Gefühl nicht los, etwas ganz Wunderbares verloren zu haben.

“Kay, komm einmal her, das musst du dir ansehen.” Judy Nessler, die Chefredakteurin, stand am Montagmorgen in der Tür zu Kays Büro. Sie grinste über das ganze Gesicht und winkte mit dem Finger.

Kay runzelte die Stirn und sah von dem Text über erfolgreiche Partnersuche im Internet auf, an dem sie gerade arbeitete. Sie hatte in Chicago ein Paar interviewt, das sich über einen online Chat-Room kennengelernt hatte, und die Aufzeichnungen um sich herum auf dem Schreibtisch ausgebreitet. Bei den Unterlagen befanden sich auch Kopien der pikanten Botschaften, die sich das Paar während der Zeit des Umwerbens geschickt hatte. Die heißen Mails zu lesen, verschlechterte ihre Laune zusehends.

“Was gibt es, Judy?”

“Frag nicht, dann werde ich dir auch keine Lügen erzählen.”

Kay war nicht in der Stimmung für Judys Spielchen. Seit ihrem Flug mit dem Fremden waren fast vierundzwanzig Stunden vergangen, doch noch immer geisterte er in ihrem Kopf herum. Wieso weckte der Gedanke an diesen Mann solch ein körperliches Verlangen in ihr?