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CHRISTIAN MÜLLER | DANIEL STRAUB

DIE
BEFREIUNG
DER
SCHWEIZ

ÜBER DAS BEDINGUNGSLOSE
GRUNDEINKOMMEN
Mit Interviews mit Endo Anaconda, Ina Praetorius, Peter A. Fischer, Gudrun Sander, Rosemarie Zapfl, Klaus W. Wellershoff und Peter von Matt

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© 2012 by Limmat Verlag, Zürich

ISBN 978-3-85791-673-1 
eISBN 978-3-85791-900-8 

INHALT

Unseren Vorfahren,
auf deren Schultern stehend wir dieses
Buch geschrieben haben.

1. KAPITEL

DIE IDEE

Im Jahr 2050 trägt jeder Mensch in der Schweiz eine grosse Verantwortung: Da seine Existenz bedingungslos gesichert ist, entscheidet jeder Mensch, wie er seine Fähigkeiten nutzen und welchen Beitrag er oder sie in die Gemeinschaft einbringen will. Dies ist möglich, da die Bürgerinnen und Bürger sich gegenseitig bedingungslos ein Minimum an Geld zugestehen, mit dem man in Würde leben kann. Sie tun das, weil jeder einzelne am besten weiss, wo sein Platz ist und welche Dinge ihm liegen.

DIE SCHWEIZ IM JAHRE 2050

Freiheit ist ein Teil der Schweizer Tradition. Durch das bedingungslose Grundeinkommen hat im Jahre 2050 in der Schweiz jeder Mensch die Möglichkeit, sein Leben selbstbestimmt zu gestalten.

Das Schweizer Freiheitsgefühl findet man bereits im Wilhelm-Tell-Mythos. Der Freiheitskämpfer weigerte sich vor einigen hundert Jahren, den Hut des habsburgischen Landvogts Gessler zu grüssen. Es war ein Akt der Selbstbestimmung und ein Protest gegen Erniedrigung und Unterdrückung. Seinem Vorbild folgend, hat sich die Schweizer Bevölkerung in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts entschieden, einen unzeitgemässen Arbeitszwang zu überwinden.

Im Jahr 2050 müssen sich die Menschen in diesem Land nicht mehr unzumutbar anpassen und verbiegen für den Arbeitsmarkt. Die Leute sind nicht mehr gezwungen, aus Existenzangst «den Hut zu grüssen». Das Schweizer Bürgertum hat sich gegen die herrschaftliche Willkür gewehrt und mit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens ein Stück Freiheit erobert: Damit hat ein urschweizerischer Instinkt seine aktuelle Form gefunden.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts geschah dieser gesellschaftliche Aufbruch in der Überzeugung, dass Lebensqualität entsteht, wenn Menschen ihrem Herzen folgen können. Existenzängste standen dieser Möglichkeit früher oft im Weg. Dies war absurd und inakzeptabel in einer Zeit, in der die Schweizer Volkswirtschaft über so viele Güter und Dienstleistungen verfügte. So ist es die grosse Leistung der Bevölkerung in der Schweiz, das unzeitgemässe Mangelgefühl damals überwunden zu haben. Die Befreiung bestand darin, die Errungenschaften einer hoch produktiven und automatisierten Wirtschaft zu nutzen.

EIN KULTURIMPULS ALS AUSLÖSER

Diese Entwicklung von damals hat die Schweiz zu einem der modernsten Länder der Welt gemacht. Als das Grundeinkommen eingeführt wurde, gab dies einen Impuls, der in viele Bereiche der Gesellschaft gewirkt hatte: Es wurden viele Start-up-Firmen gegründet, die Motivation der Studierenden ist gestiegen, da mehr junge Leute Fächer wählten, die sie wirklich interessierten, alte Menschen erhalten seither mehr Zuwendung, die Burnout-Rate ist gesunken, da immer mehr Menschen im richtigen Moment eine Auszeit nehmen, einige Leute versuchten sich als Künstler, um dabei herauszufinden, dass ihre Berufung doch eine andere war, mehr Menschen engagierten sich in der kommunalen Politik, die Wirtschaft ist seither flexibler, weil das Grundeinkommen die Basis für neue Arbeitsformen legte, die Arbeitszufriedenheit stieg stetig an, weil immer mehr Menschen eine Arbeit wählten, die ihnen Sinn gibt, zahlreiche Eltern begannen, sich mehr Zeit für ihre Kinder zu nehmen. Zudem: Im Jahr 2050 wollen die meisten Menschen nicht vom Existenzminimum leben und gehen deshalb einer Erwerbsarbeit nach.

Trotz der Einführung des Grundeinkommens sind in der Schweiz von 2050 aber nicht alle Probleme gelöst. Es wurde lediglich eine Form gefunden, die Gesellschaft klug und zeitgemäss zu organisieren. Das Grundeinkommen hat die Schweiz nicht in ein Schlaraffenland verwandelt, wo die Menschen untätig unter der Palme liegen. Im Gegenteil, es wird mehr gearbeitet: Aber mit mehr Lust und mehr auf die Neigungen der einzelnen Menschen zugeschnitten. Die Einführung des Grundeinkommens bedeutete die Überwindung des Dogmas «Nur dort, wo Arbeitspflicht herrscht, wird produktiv gearbeitet». Die Erkenntnis, dass der Mensch tätig sein will, hat sich im Zuge dieser Veränderungen bis 2050 durchgesetzt. Dadurch hat sich die Bedeutung des Arbeitsbegriffs gewandelt. Zum Beispiel werden heute viel mehr Tätigkeiten als wirkliche Arbeit angesehen als früher.

DIE ANGST VOR DER FREIHEIT

Doch die Befreiung vom Arbeitszwang hat sich als sehr anspruchsvoll herausgestellt. Herauszufinden, was man mit dem Freiraum anstellen soll, ist für die meisten immer wieder schwierig. Wenn viel Unmögliches plötzlich in den Bereich des Machbaren rückt, hat man die Qual der Wahl. Zwar schafft das Grundeinkommen den Freiraum, um sich für eine Tätigkeit mit Sinn zu entscheiden. Aber Sinn kann niemandem von aussen gegeben werden, den muss jede und jeder selber finden. Und ein paar Tausend Franken allein machen noch keinen Lebenssinn. Die Grundsicherung ermöglicht lediglich eine angstfreie Suche danach.

Gerade die Angst vor dieser Freiheit stellte Anfang des 21. Jahrhunderts eine der grossen Hürden auf dem Weg zur Einführung des Grundeinkommens dar. Zuerst war die Idee einer bedingungslosen Existenzsicherung für einige wenige eine faszinierende Vision. Schnell tauchten Fragen auf, und bald wurden zahlreiche Einwände dagegen angebracht. Hinter den meisten Gegenstimmen stand entweder ein Festklammern am Gewohnten oder ein pessimistisches Menschenbild. Doch immer mehr Leute begannen über die Vision nachzudenken. Bereits die gedankliche Beschäftigung mit dem Thema führte zur Verbreitung eines neuen Lebensgefühls: Ein Gefühl, das bereits dazu führte, dass neue Möglichkeiten aufgingen. Dies gab den Menschen mehr Raum, so zu sein, wie es ihrem Innersten entspricht. So ist es zu erklären, dass die Idee Kraft bekam und schliesslich verwirklicht wurde.

2500 FRANKEN FÜR ALLE

Es war eine einfache Idee, welche in der Schweiz diese grosse Wirkung ausgelöst hat: Jeder Mensch, der fest in der Schweiz lebt, erhält bedingungslos 2500 Franken pro Monat. Dieser Betrag ist Teil des Gesamteinkommens einer Person, wächst also in das bestehende Einkommen hinein. Das Grundeinkommen wird bei den bestehenden Gehältern nicht oben drauf gezahlt, sondern ersetzt die bestehenden Gehälter in der Höhe des Grundeinkommens. Erhielt jemand vorher monatlich 6000 Franken Erwerbseinkommen, setzt sich das Einkommen neu aus 2500 Franken Grundeinkommen und 3500 Franken Erwerbseinkommen zusammen. Für viele Menschen hat sich mit der Einführung des Grundeinkommens auf dem Bankkonto nicht viel geändert. Neu war lediglich die Gewissheit, monatlich 2500 Franken bedingungslos zu erhalten, unabhängig davon, ob man eine Arbeitsstelle hat, ob man allein lebt oder in einer Familie, ob man arm oder reich ist, ob man gesund oder krank ist.

Der Betrag von 2500 Franken wurde direktdemokratisch ermittelt. Das Grundeinkommen muss hoch genug sein, damit es reicht, in Bescheidenheit und Würde davon zu leben. Es soll jedem Menschen erlauben, in seiner unmittelbaren Umgebung mitzumachen. Das heisst, Zugang zur Gesellschaft zu haben und am kulturellen Leben teilzunehmen. Das Grundeinkommen soll hoch genug sein, damit die Menschen Nein sagen können zu Erwerbsarbeit, die sie nicht machen wollen, und Ja sagen können zu Engagements, die niemand bezahlt. Dadurch werden die einzelnen Bürgerinnen und Bürger erst richtig mündig.

DIE STÄRKUNG DER DEMOKRATIE

Ein Ausdruck der Tradition selbstbestimmter Menschen ist die direkte Demokratie. Sie lebt davon, dass Menschen sich einbringen. Das Grundeinkommen schafft mehr Freiräume für demokratisches Engagement. Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen wird die Partizipation der Bürger im Gemeinwesen gefördert. Und damit wird wiederum die Demokratie gestärkt.

Durch die Befreiung der Menschen aus dem Hamsterrad entstehen Freiräume, die auch die Weiterentwicklung eines gesellschaftspolitischen Bewusstseins unterstützen. Dadurch fördert das Grundeinkommen die Einsicht, dass der Staat lediglich eine Organisationsform unserer Gemeinschaft ist, von der wir Teil sind, und nicht eine böse, fremde Macht. Dieses Bewusstsein ist der Anfang einer gelebten Demokratie.

Das Grundeinkommen knüpft an eine republikanische Bürgertradition an, die in der Schweiz tief verankert ist. Dem Staatswissenschaftler Eric Patry verdanken wir den roten Faden von der alten republikanischen Tradition der Schweiz hin zum Grundeinkommen. Er schlägt den Bogen zurück in eine Zeit, als die Allmenden von Bürgergemeinden gemeinsam genutzt wurden. Vor diesem Hintergrund hat sich das Grundeinkommen in der Schweiz von der Utopie zu einer republikanischen Perspektive entwickelt. Die Grundeinkommensidee hat eine Tradition aufgenommen und sie den Gegebenheiten einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft angepasst.

Die Idee selber ist sehr alt. Bereits der englische Humanist Thomas Morus, der amerikanische Gründervater Thomas Paine oder auch der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Erich Fromm haben sich mit dem Grundeinkommen befasst.

Erst in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts war die Zeit der Umsetzung gekommen. Die Schweiz ging mutig voran und setzte damit ein Signal für die ganze Welt: Ein lebensfroher Meilenstein in der Geschichte unserer Zivilisation.

 

GESPRÄCH ZUM GRUNDEINKOMMEN
N° 1

ENDO ANACONDA

Endo Anaconda, Sie haben drei Kinder. Was wird aus ihnen werden?

Mein Sohn antwortet auf diese Frage, dass er Fuss­baller werden möchte. In Tat und Wahrheit ist dieser Schulbub aber schon Fussballer. Für mich kommt Ihre Frage aus einem verkehrten Denken. Dieser Junge spielt die ganze Zeit Fussball, also ist er heute schon Fussballer. Man ist doch nicht erst Fussballer, wenn man damit viel Geld verdient.

Früher oder später muss man aber irgendwie Geld verdienen.

Ich habe nie Musik gemacht mit dem Hintergedanken, Geld zu verdienen. In meiner Jugend war die Frage nach dem Geld nicht so dringlich. Da habe ich drei Monate auf dem Bau gearbeitet und den Rest des Jahres von diesem Verdienst gelebt.

Diese Freiheit damals machte eben schon Sinn, ich habe viel profitiert. In dieser Zeit verbrachten wir ganze Nächte mit Actionpaintings in unserer Wohngemeinschaft. Wir machten damals Kunst, haben dabei aber nie an Kunst gedacht. Heute ist der finanzielle Druck in der Gesellschaft viel grösser als früher.

Und Sie müssen mit Ihrer Musik Geld für den Lebens­unterhalt einspielen.

Ja, jetzt ist es anders, und ich habe auch Verantwortung für andere. Generell herrscht heute in der Schweiz ein hoher Druck, dass man im Prinzip gar nicht mehr kreativ sein kann.

Als ich begonnen habe, Texte zu schreiben, gab es wenige Leute in meinem Umfeld, die glaubten, ich mache etwas Vernünftiges. Damals machte ich einfach. Jetzt sind zwanzig Jahre vergangen, wir haben dreizehn CDs herausgebracht. Zwar weiss ich immer noch nicht, ob diese gut sind. Doch ich konnte genau das machen, was ich wollte. Das funktionierte aber nur dank Leuten, die an mich geglaubt hatten, die zwar dachten, dass ich spinne, aber dass es schon gut komme mit dem, was ich tue.

Vielleicht haben Sie damals in Ihrer Jugend das Lebensgefühl des Grundeinkommens schon gelebt. Welche Änderungen prognostizieren Sie, wenn die ganze Schweiz dieses heute einführen würde?

Die Faulen dürften endlich faul sein. In unserer Ge­sellschaft ist die Faulheit verpönt. Ich aber glaube, dass Faulheit vielmehr eine Vorbedingung ist, um kreativ zu sein. Heute werden die Leute von ihrer Arbeit fast zu Tode gehetzt. Man hat keine Zeit zum Überlegen und um sich selber zu finden. Man verliert die Balance. Wer die Faulheit im Sinne von Musse nicht zulässt, kann nicht kreativ sein und bleibt wie der Hamster im Rad. Zeitliche Räume schaffen auch geistige Räume. Und die sind wichtig.

Faulheit als Voraussetzung, um aktiv zu werden?

Ja. Doch Faulheit ist eigentlich der falsche Ausdruck. Denn es gibt wenige Leute, die wirklich faul sind. Wenn einer gerne zu Hause kocht oder den Kindern Geschichten erzählt, dabei aber kein Geld verdient, gilt er als faul. Oder jemand, der ein Kunstwerk erschafft, gilt als faul, solange sich die Arbeit nicht in Geld messen lässt. Man wird erst anerkannt, wenn man Geld umsetzt.