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Ralf Kramp

Voll ins Schwarze

Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Tief unterm Laub

Spinner

Rabenschwarz

Der neunte Tod

Abendgrauen (Hg.)

Still und starr

denn sterben muss David!

Kurz vor Schluss

Abendgrauen II (Hg.)

Malerische Morde

Hart an der Grenze

Ein Viertelpfund Mord

Ein kaltes Haus

Abendgrauen III (Hg.)

Totentänzer

Nacht zusammen

Stimmen im Wald

Voll ins Schwarze

Ralf Kramp, geboren am 29. November 1963 in Euskirchen, lebt heute in Flesten in der Vulkaneifel. Für sein Debüt »Tief unterm Laub« erhielt er den Förderpreis des Eifel-Literaturfestivals. Seither erschienen mehrere Kriminalromane, unter anderem auch die Reihe um den kauzigen Helden Herbie Feldmann und seinen unsichtbaren Begleiter Julius, die mittlerweile deutschlandweit eine große Fangemeinde hat. Seit 1998 veranstaltet er mit großem Erfolg unter dem Titel »Blutspur« Krimiwochenenden in der Eifel, bei denen hartgesottene Krimifans ihr angelesenes »Fachwissen« endlich bei einer Live-Mördersuche in die Tat umsetzen können.

Im Jahr 2002 erhielt er den Kulturpreis des Kreises Euskirchen.

Seit 2007 führt er mit seiner Frau Monika in Hillesheim das »Kriminalhaus« mit dem »Deutschen Krimi-Archiv« mit 26.000 Bänden, dem »Café Sherlock« und der Buchhandlung »Lesezeichen«.

www.ralfkramp.de

www.kriminalhaus.de

Ralf Kramp

Voll ins Schwarze

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1. Auflage Oktober 2010
2. Auflage Dezember 2011

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim
www.kbv-verlag.de
E-Mail: info@kbv-verlag.de
Telefon: 0 65 93 - 99 86 68
Fax: 0 65 93 - 99 87 01
Umschlagillustration: Ralf Kramp
Druck: Aalexx Buchproduktion GmbH, Großburgwedel
Printed in Germany
Print-ISBN 978-3-940077-95-0
E-Book-ISBN 978-3-95441-069-9

Für unsere reiselustigen Freunde Ali und Marita,

und für die unbeschreiblichen KBV-Hühner
Sabine, Simmy, Uli, Simone und Gisela.

Inhalt

Der Schnüffler

Wenn möglich, bitte wenden

Schöne Aussichten

Ja, im Salzkammergut, da kammer gut …

Verträumt

Im Büdchen

Onkel Jupp

Ein außergewöhnlicher Jahrgang

Die Häupter ihrer Lieben

Der Nachtmahr von Neustadt

Ein lichter Moment

Amore – ma non troppo

Literarische Abrechnung

Stinkefinger

Der Teeflüsterer

Waldesruh

Likörchen, Paulchen?

Horst im Hellweg-Express

Marikas Wanne

Die St.-Martin-Katastrophe

Wer Wind sät

Der Schnüffler

Brav, bei Fuß! Komm her, mein Kleiner,
Lass es fallen, sei ein Feiner.

Gib es her, sieh an, ein Knochen.
Wie nur hast Du den gerochen?

Wie oft muss ich es noch sagen?
Sollst nicht in den Beeten graben!

Hörst Du nicht? Komm sofort her!
Bring mir bitte nicht noch mehr!

Rittersporn und Azaleen
werden das nicht überstehen.

Auch wenn Du Frauchen sehr vermisst,
sie muss bleiben, wo sie ist.

On the road am Hellweg:
Wenn möglich, bitte wenden

Ist so eine Marotte von mir. Ich gucke auf den Boden, wo ich gehe und stehe. Ich finde oft Dinge. Münzen, Zettel, Kondome … Manches hebe ich auf, das meiste lasse ich liegen.

An diesem Abend ist es ein Schlüsselbund. Ein richtig pralles Ding mit vielen unterschiedlichen Schlüsseln an einem metallenen Ring, an dem ein klotziges E baumelt. Es sieht nach Gold aus. Kann natürlich nicht sein, sieht aber danach aus.

Der Besitzer heißt vermutlich Emil. Oder Edgar.

Mitten auf dem vollgestellten Parkplatz am Heinz-Hilpert-Theater, zwischen den geparkten Autos. Fast wäre er mir gar nicht aufgefallen. Es ist ja schon dunkel. 11. Oktober. Nieselregen. Kalt ist mir auch. Trotzdem habe ich mich gebückt.

Vor einer Viertelstunde sind hier noch unzählige Menschen zwischen den Autos hin und her gewimmelt, wie die Ameisen. Zum Theater hin, wo sie heute ganz groß das Fünfzigjährige feiern. Mit der Neuen Philharmonie. Alle in Pelz oder Smoking.

Und mittendrin ich in meiner einzigen Jeans und dem Cordjackett mit dem hochgeschlagenen Revers. Auf dem Parkplatz findet man oft Kleingeld. Den Leuten rutscht es aus der Tasche, wenn sie den Schlüssel rauskramen. Lohnt sich meistens für mich.

E könnte auch Erich sein. Jetzt hat er keinen Schlüssel mehr. Denn den habe ich jetzt.

Und wie ich mir das Ding so angucke und die Schlüssel zähle, drückt mein Daumen ganz beiläufig auf ein Knöpfchen an einem klobigen schwarzen Plastikding und vier Autos weiter fiepst was. Die Parkleuchten glimmen rot auf.

Eberhard, denke ich, Eberhard, ja, so wird er heißen, Eberhard, war ein Fehler, das Ding hier zu verlieren. Eberhard oder Enrico sitzt jetzt bestimmt im Theater und hört klassisches Gedudel.

Ein Mercedes. Klar, was sonst? Bei dem dicken goldenen E.

E – das weiß ich jetzt fast sicher – E steht für Engelbert. Oder Ernst.

Noch mal rasch umgeguckt. Dahinten läuft noch einer, der zu spät kommt. Sonst alles menschenleer.

Ein CLK. Anthrazit. Oder dunkelblau. Oder dunkelrot. Ist schon reichlich spät und finster.

Ich öffne fast geräuschlos die Fahrertür und schwinge mich schnell hinein.

Ledersitze, Nichtraucherkarre, saubere Luft, kein Stäubchen, kein Kaugummipapierchen, keine Zahnstocher, keine Brötchenkrümel.

Ich fingere rasch durch das Handschuhfach. Vielleicht finde ich statt der Brötchenkrümel ja Geld. Aber da sind nur die Betriebsanleitung, ein Atlas und ein aufgerissener, leerer Briefumschlag.

Nicht mal Parkmünzen.

Auf dem Briefumschlag erfahre ich mehr über E: Eike. Wär ich nie drauf gekommen. Dr. Eike Trimbügel. Ist das ein Frauenname? Nein, Eike heißt doch auch der Fußballer, der letztes Jahr im Dschungelcamp war. So, so, Eike.

Natürlich hat Eike ein Navigationssystem in seinem Mercedes. So was hätte ich auch gerne. Aber als Fußgänger hat man selten Verwendung dafür. Es gehört einfach ein Auto drum herum. Allein schon wegen der Optik.

Nun, im Moment habe ich ja ein Auto. Mein Finger drückt wie ferngesteuert auf den Einschaltknopf. Tolles Ding. Ich soll ein Ziel wählen. Hm. Was fällt mir denn da ein? Wo wollte ich denn immer schon mal hin? Mal zu Tante Martha nach Ottensundern. Da war ich schon ewig nicht mehr. Die würde sich freuen. Ich gucke auf die Uhr. Oder in den komischen neuen Zoo in Gelsenkirchen. Ist natürlich zu spät. Da ist schon zu und die Tiere schlafen alle. Und Tante Martha vermutlich auch.

Was ist denn das?

Gespeicherte Orte …

Zuhause …

Möhnesee Südufer.

Teure Gegend. Eike Trimbügels Zuhause. Meine Hand fährt über das teure Leder und ich gucke wieder auf die Uhr und auf den Schlüsselbund.

Etwas kitzelt mich im Magen. Das ist die Aufregung, das ist ja klar. Das Zuhause eines Mercedes-CLK-Fahrers. Wo mag das sein? Als ich das Ziel mit Knopfdruck bestätige, zeigt das Gerät immerhin eine Zeit an: 43 Minuten. Hin und zurück, 43 mal zwei … halbe Stunde Aufenthalt, kleiner Rundgang durch das Haus von Dr. Eike Trimbügel. Keine zwei Stunden. Der Festakt hat gerade erst begonnen.

Das könnte ich riskieren, oder?

Der Motor macht ein sattes, schnurrendes Geräusch, als ich den Schlüssel im Schloss drehe. Der Wagen schwimmt regelrecht aus der Parklücke, er gleitet. Die Bewegungen sind elegant und geschmeidig. Wenn ich je das Geld haben sollte, um mir ein Auto zu kaufen, muss es unbedingt ein Mercedes CLK sein.

Jetzt links abbiegen auf die B 61. Das ist ja mal eine angenehme Frauenstimme. Die mag ich jetzt schon. Und natürlich tue ich, was sie sagt.

Ich gleite die Kamener Straße entlang und summe vor mich hin. Es ist wenig Verkehr heute und ich habe vor, mal so richtig aufs Gas zu treten, wenn ich erst mal aus dem Dunstkreis von Lünen raus bin. An der nächsten großen Kreuzung muss ich an der roten Ampel halten. Vergeblich versuche ich, das Autoradio in Gang zu bringen. Junge, Junge, da sind mehr Knöpfe dran als an meinem Hemd.

Plötzlich wird die Beifahrertür aufgerissen und ich fahre zusammen.

Na Mahlzeit, Dr. Eike Trimbügel ist mir im Frack vom Hilpen-Theater bis hierher nachgelaufen und wird mir jetzt eins auf die Glocke geben!

Aber das kann nicht Eike Trimbügel sein. Er trägt eine Wollmütze, einen schwarzen Rolli und eine Pistole. Seine Koteletten reichen fast bis zum Kinn und sind schwarz und dünn wie ein Pinselstrich.

Die Ampel springt auf Grün.

»Weiterfahren, rechts ran, Kohle raus!«

Wie meint er das? Ich frage ihn. Er fragt, wie er das schon meinen solle und welchen Teil von »Rechts ran, Kohle raus« ich nicht verstanden habe.

Ich entgegne, dass ich keine Kohle mit mir führe, geschweige denn Geld, nur zwei Euro dreiundsiebzig, worauf er mir die Mündung der Waffe in die rechte Schläfe bohrt. Ich bin überzeugt und lenke den Wagen rechts in eine Stichstraße.

Er guckt auf das E am Schlüsselbund. »Nun mal los, Emil … oder Eberhard … Flocken raus.«

»Das ist nicht mein Auto«, erkläre ich zerknirscht. Ich deute auf mein zerschlissenes Cordjackett. »Ich habe den Schlüssel auf dem Parkplatz gefunden.«

Sein Blick wandert ungläubig an mir herab und landet im Dunkel des Fußraums, wo man schemenhaft meine ausgetretenen Schuhe sehen kann. Meine einzigen. Es geht ungewöhnlich schnell, bis er mir Glauben schenkt.

»Und jetzt? Willst du den Wagen verticken?«

Ich erkläre weitschweifig, dass mir dazu die Kenntnisse und die entsprechenden Kontakte fehlen. Da müsse man sich ja erst mal kundig machen und in Erfahrung bringen, was so ein Fahrzeug überhaupt auf dem Markt …

»Was dann? Spritztour? Straßenstrich abklappern?«

Ich betone noch einmal, dass die zwei Euro dreiundsiebzig in meinem Portemonnaie auch dafür kaum ausreichend sein dürften. Nein, ich sei unterwegs zum Haus des Fahrzeugbesitzers, erkläre ich und merke, wie sich Stolz über meinen genialen Einfall in meine Stimme schleicht. Ich lasse mit meinem rechten Zeigefinger den Schlüsselbund klimpern.

Er runzelt die Stirn, blickt ein paar Minuten lang schweigend in das Dunkel des Abends hinaus, ohne die Waffe von meinem Kopf zu entfernen, dann nickt er langsam.

»Okay, weiter, und da vorne links fahren.«

»Aber ich wollte zum Möhnesee …«

»Später. Erst nach Rünthe.«

»Rünthe?« Ich bin nicht einverstanden, tue aber trotzdem, was er sagt.

Das Navigationssystem ist auch nicht einverstanden. Wenn möglich, bitte wenden. Es klingt ein bisschen nölig.

»Wieso Rünthe?«

»Wegen Katsche.«

»Katsche?«

»Katsche aus Rünthe. Der muss mit.«

Wenn möglich, bitte wenden. Die Frau vom Navi will partout nicht nach Rünthe.

Wir rollen durch Oberaden.

Wenn möglich, bitte wenden.

»Mensch, halt die Fresse!« Mein Begleiter beginnt, am Navigationssystem herumzufingern.

Nach ein paar Minuten hören wir ein zufriedenes Die Route ist berechnet.

Mich macht der Gedanke nervös, dass wir wertvolle Zeit verlieren. »Was kann dieser Katsche denn?«

»Katsche ist Schränker.«

So, so, aber was wollen wir mit einem Schränker? Mein Nebenmann sieht meinen verständnislosen Blick und erklärt, dass Katsche der beste Schränker am Hellweg sei und dass mit Sicherheit im Haus eines reichen Heinis wie E …

»Eike«, werfe ich ein.

… dass bestimmt in einem Haus eines reichen Heinis wie … echt? Eike? … dass da ein Tresor sei und den könne man sich doch nicht entgehen lassen.

Vermutlich hat er recht, aber die Zeit …

In fünfhundert Metern rechts auf Westenhellweg abbiegen.

Jetzt rechts auf Westenhellweg abbiegen.

Der erleuchtete Kühlturm vom Kraftwerk Heil erscheint vor uns.

Bitte beachten Sie die Geschwindigkeitsbegrenzung.

»Ja, ja, ja, mach dir nicht ins Hemd, Puppe!«, grunzt der Mann neben mir. Er hat die Pistole jetzt in den Schoß gelegt und entspannt sich. Er schmiedet einen Plan, das merke ich.

Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Katsches Bude ist gleich links, wenn man zur Marina in Rünthe abbiegt. Ein Schuppen mit einer Tranfunzel am Eingang, vor dem ein paar rostfleckige Boote liegen. Er passt so gar nicht zu dem schicken Ambiente des Jachthafens.

Ich muss hupen. Eine Frau mit fettigen Haaren kommt in Unterwäsche an die Tür.

Katsche sei draußen auf der Jennifer, sagt sie. Morgen früh müsse er mit dem Boot nach Polen und bis dahin müsse der Motor laufen. Klingt nicht gerade nach einem Geschäft mit Lieferschein und ordentlich ausgewiesener Mehrwertsteuer.

Von allen Booten, die in der Marina vor Anker liegen, ist die Jennifer sicher das schäbigste. Ich muss wieder ein Hupzeichen geben. Der Kotelettenmann trommelt mir den Rhythmus auf dem Handschuhfach vor.

Katsche streckt seinen Kopf durch ein Kajütenfenster nach draußen. Kotelettenmann winkt und Katsches Kopf verschwindet, nur um kurz danach in der Kajütentür wieder aufzutauchen. Der dazugehörige Körper, der folgt, ist atemberaubend fett. Katsches teigiger Bauch leuchtet prall unter dem Saum eines grobmaschigen Pullovers durch die Nacht. Entsetzt sehe ich, dass seine Hände völlig mit Öl verschmiert sind. Ich denke panisch an die teuren Sitze.

Er wirft sich auf den Rücksitz und der Wagen federt hin und her, als er in die Mitte rutscht und sich zwischen den Sitzen nach vorn beugt. Er stinkt unglaublich nach Schweiß und Öl.

Aus seinem schwarzen Sauerkrautbart grinst mich ein zahnloser Mund an. »Bin Katsche«, sagt er und guckt nach dem Schlüsselbund. »Ede?«

Bevor ich etwas erwidern kann, erklärt ihm der Kotelettenmann, worum es geht. Katsche wölbt die Brauen in die Höhe. In seinen trüben Augen erscheinen jetzt Dollarzeichen. Aus dem Mund riecht es fürchterlich, als er haucht: »Fahrt zurück zum Schuppen, wir holen mein Werkzeug.«

Wenige Momente später gucken wir seinem halbierten, weißen Arsch hinterher, der zum Schuppen wackelt. Dann kehrt er mit schwerem Gerät zurück, das er in den Kofferraum knallt. Es scheppert und dengelt. Hoffentlich macht er nichts kaputt.

Ich tippe auf der Tastatur des Navis herum. Wieder Zuhause.

Die Route ist berechnet.

Ich gucke auf die Uhr. O Mann!

Jetzt links abbiegen auf A 1 Richtung Köln.

Und weiter geht es südwärts. Ich mache vorsichtig mein Fenster einen Spalt auf, weil Katsche schwitzt, dass man es tropfen zu hören glaubt.

»Es zieht«, grölt der Dicke vom Rücksitz. Also wieder zu.

Bald sind wir am Kamener Kreuz.

»Da biegen wir auf die Zwei ab!«, quakt der Fettklops.

Wir wenden uns irritiert zu ihm um. Er hat ein Handy in der dreckigen Hand. »Planänderung, hab Pogorny gesimst, dass wir ihn abholen kommen.«

Kotelette rechts neben mir nickt einverständig.

»Wer ist Pogorny?«

Kotelette meint gedehnt: »Hmm, tja … Pogorny. Sagen wir, wir schulden ihm noch was.«

»Hat vier Jahre für uns gesessen«, kommt es von hinten. »Und da war der tote Typ von der Tanke noch nicht mal mit drin.« Er gluckst vor Vergnügen.

Pogorny soll also auch noch mitmachen. Da sind sich die beiden einig. Kotelette steckt die Wumme weg. Pogorny, so erklärt er mit einem wölfischen Grinsen, Pogorny sei viel besser ausgestattet als er.

Pogorny wohnt in Hamm. Ich biege also am Kamener Kreuz ab und folge der Beschreibung des Dicken.

Wenn möglich, bitte wenden.

Wir rollen über die A 2 und ich fahre in Höhe Bönen ab und orientiere mich nordwärts Richtung Hamm. Pelkum, Wiescherhöfen. Das mit der Zeit haut alles vorn und hinten nicht mehr hin. Und der Navitante passt sowieso die ganze Richtung nicht.

Wenn möglich, bitte wenden. Ich habe den Eindruck, dass der Ton schärfer wird.

»Wo treffen wir Pogorny?«, frage ich.

Bei Katsche piept was. Er hat eine SMS gekriegt. »Am Parkplatz hinterm Kaufhof.«

Wenn möglich, bitte wenden.

Kotelette explodiert: »Mann, du blöde Schlampe, halt endlich dein doofes Maul, sonst …«

Er hat wieder seine Wumme herausgeholt und hält den Lauf ganz dicht vor das Gerät.

Katsches ölige Pranke legt sich von hinten auf seine Schulter. Ein Schwall von Mundgeruch trägt die Worte »Ruhig, Brauner. Sie weiß allein, wo wir hinmüssen« nach vorn.

Das Navigationsgerät murmelt nun halbherzig etwas von In fünfhundert Metern rechts abbiegen, dann sagt sie fünfhundert Meter weiter Jetzt rechts abbiegen, und als wir das nicht tun, flüstert sie weitere fünfhundert Meter später Am Kreisverkehr die erste Abfahrt nehmen und dann schweigt sie frustriert.

Am nur spärlich erleuchteten Parkplatz hinterm Kaufhof warten wir. Fast zehn Minuten. Ich will nicht kleinlich sein, aber das können wir jetzt überhaupt nicht gebrauchen.

Pogorny kommt angeradelt, stellt sein Gefährt im Radschuppen ab, zieht sich die Hosenklammern von den Waden und sichert das Fahrrad gewissenhaft mit einem Zahlenschloss. Pogorny steckt in einem Blaumann, hat kurz geschorenes rotes Haar und eine Brille mit Gläsern so dick wie Dessertschälchen. Das soll ein Killer sein?

Er quetscht sich neben Katsche auf den Rücksitz. »’tschuldigung, Jungs. Bin noch bei Bob vorbei. Er kommt jetzt. Musste noch Kippen kaufen.« Er grinst uns mit erdnussfarbenen Zähnen an. »Und du? Du bist … E … Esteban? Enrique? Irgendwas Französisches jedenfalls, wetten?«

»Echnaton«, murmele ich unwirsch.

Da kommt Bob.

Der sieht schon eher nach Killer aus. Bisschen jung vielleicht. Immerhin hat er eine Narbe. »Guck ihm bloß nicht auf die Narbe«, raunt Kotelette von rechts. Die breite, ausgefranste Narbe verläuft von der Mitte der Stirn schräg über die Nase bis auf die rechte Wange. Wer immer dieses Gesicht wieder zusammengeflickt hat, hat entweder einen Lötkolben oder eine Heißklebepistole benutzt. Verzweifelt hefte ich den Blick auf sein linkes Ohr, als er den Kopf zum Beifahrerfenster reinsteckt. »Geil, Jungs, dass ihr mich mitnehmt.«

Bob quetscht sich zu den beiden anderen auf den Rücksitz. Kaum zu glauben, dass das noch geht. Sofort fängt er an zu qualmen.

Das ist ein Nichtraucherauto! Das geht doch nie mehr raus! Ich möchte zu gern was sagen, aber immer wenn ich ansetze, fällt mein Blick in den Rückspiegel und Bobs Narbe leuchtet mir entgegen.

»Bloß nicht auf die Narbe gucken.« Kotelette zählt neben mir mit gesenktem Blick eine Handvoll Patronen. »Sonst rastet er aus.«

Folgen Sie der Straße zwölf Kilometer. Aha, unser Mädchen ist wieder an Bord.

»Navi, geil«, freut sich Bob. »Ich hab schon sechs Stück geklaut, aber noch nie eins benutzt.« Bob sieht aus wie dreizehn. Er scheint mir ein echter Psychopath zu sein. »Geil, voll geil, eh geil, eh.«

Pogorny beugt sich nach vorn. »Bob ist bei mir in der Lehre.« Und zu Bob: »Hast du alles dabei?«

Bob nickt. »Alles dabei.« Er klopft auf seine Lederjacke und im Inneren klimpert es metallen. »Ich hoffe, ich kann heute mal ’n paar Sachen ausprobieren. Wirklich voll total geil, eh, Jungs.«

Eine Zeit lang schweigen wir. Kotelette neben mir hat die Mütze abgenommen und ich kann eine Tätowierung auf seinem kahlen Schädel erkennen. Was ist das? Ein Dackel? Nein, ein Drache.

In tausend Metern rechts auf A 445 in Richtung Arnsberg abbiegen.

»Geil, so ’n Navi! Geil!«

In fünfhundert Metern rechts auf A 445 in Richtung Arnsberg abbiegen.

Ich seufze kraftlos. Im Hilpert-Theater ist wahrscheinlich schon Pause. Dr. Eike Trimbügel hat sicher längst herausgefunden, dass er nicht nur seines Schlüsselbunds verlustig gegangen ist, sondern dass sich zwischenzeitlich auch sein geliebter Mercedes in Luft aufgelöst hat.

Jetzt rechts auf A 445 Richtung Arnsberg abbiegen.

Die Polizei wird uns erwarten, wenn wir am Möhnesee aufkreuzen. Sie werden uns mit Streifenwagen und Hubschraubern jagen.

»Hört mal, könnt ihr mich nicht vielleicht da vorne irgendwo rauslassen? Ich lass euch das Auto und …«

Sie starren mich stumm an. Ihre Blicke sind kalt wie Eis.

»War ja nur so ’ne Idee.«

Wir fahren weiter durch den Abend.

Als auf einem Schild der Name Werl auftaucht, heult Pogorny plötzlich auf wie ein Schlosshund. Vier verdammte Jahre habe er da in diesem Scheißknast gesessen, lamentiert er. Vier Jahre für die Jungs.

»Und da war der tote Typ von der Tanke nicht mal drin«, ergänzt Katsche grinsend.

Vier Jahre, das könne sich ja gar keiner ausmalen, da gehe er nie wieder rein, denn da drin hätten ihn alle schlecht behandelt außer dem schwule Wärter aus Soest, der habe ihm immer, wenn er besonders traurig gewesen sei … Er wird still und schluchzt nur noch leise. Tränen tropfen vom unteren Rand der dicken Brille.

In tausend Metern rechts auf A 44 in Richtung Kassel abbiegen.

Bob summt etwas, um Pogorny zu beruhigen.

In fünfhundert Metern rechts auf A 44 in Richtung Kassel abbiegen.

Jetzt rechts auf A 44 in Richtung Kassel abbiegen.

Wir biegen auf die 44 ab.

Folgen Sie der Straße fünfzehn Kilometer.

Nach sieben Kilometern sagt Katsche zerknirscht, er müsse mal.

»Schluck’s runter, da haben wir jetzt keine Zeit für«, herrscht ihn Kotelette an. Bob qualmt wieder, Pogorny furzt. Es ist nicht nur laut, es riecht auch. Nur zur Vorsicht schickt er noch einen hinterher.

»Boah, Pogorny, das riecht, als wäre dir ein Tier hinten reingekrochen und drin gestorben!«, ächzt Kotelette.

Bei der Ausfahrt 56 biegen wir ab. Katsche zieht geräuschvoll die Luft zwischen den Zähnen ein. »Geht bald nicht mehr«, wimmert er.

»Jetzt nicht!«, knurrt Kotelette.

Er wird mir die Sitze vollpinkeln, denke ich. Die guten Ledersitze! Was wird Eike sagen?

»Ich könnte mal kurz rechts …«, beginne ich, als wir das erste Gehöft passiert haben. Es klickt. Kotelette entsichert die Knarre. »Untersteh dich, Bürschchen.«

»Dann fahr schneller«, winselt Katsche. Ich trete aufs Gas. Wir schießen durch ein Kaff. Im Vorbeifahren lese ich irgendwas mit Wipp…

Die Allee ist schnurgerade und elend lang. Rechts blinken die roten Lämpchen der Windräder durch die Nacht.

»Nicht so schnell«, mault Pogorny jetzt vom Rücksitz. »Mir wird schlecht.«

Ich gucke in den Spiegel und sehe Bobs Narbe. Sie leuchtet geradezu im Dunkeln, wie ein feuriger Blitz. Warum kann ich nicht woanders hingucken?

»Was ist, häh?«, blafft er. »Hab ich was an von dir? Passt dir was nicht?«

»Nein, nein, alles in Ordnung, ich …« Ich konzentriere mich auf die Straße, die Alleebäume.

»Ist es meine Narbe …« Er guckt zum Schlüsselbund. »Häh, Engelbrecht? Hast du noch nie ’ne Narbe gesehen? Weißt du, was ich mit dem gemacht habe, der zuletzt so auf meine Narbe gestarrt hat, häh?« Er zückt ein Messer.

In fünfhundert Metern der Straße nach rechts folgen.

Die Scheinwerfer fressen sich durch die Finsternis.

Jetzt der Straße nach rechts folgen.

Pogorny ist plötzlich sehr aufgeregt und ihn überkommen heftige Flatulenzen.

Die Straße macht eine starke Rechtskurve und wir schießen mit Vollgas hinein.

Katsche heult auf: »Zu spääät!«

Ich rufe: »Nicht auf die Sitze!«

Häuser rasen rechts und links vorbei. Wir fahren mindestens mit Schallgeschwindigkeit. Bobs Hand mit dem Messer schießt nach vorn, er will mir ein Ohr abschneiden, ich schreie, das Steuer dreht sich hin und her. Katsche und Pogorny versuchen, dem Wahnsinnigen Einhalt zu gebieten, die Brücke über den Möhnesee rast auf uns zu, die Frau im Navi behauptet: In tausend Metern haben Sie Ihr Ziel erreicht, als Kotelette durchdreht und drei ohrenbetäubende Schüsse auf das Armaturenbrett abfeuert.

Wir sind bereits ein paar hundert Meter auf der Brücke dahingerast, als ich endgültig die Kontrolle über das Lenkrad verliere.

Tausend Meter vor der Villa am Möhnesee.

Es dröhnt blechern, der Wagen bricht nach links durch die Leitplanke, schwebt ein paar Augenblicke durch die Luft, und während das Blechgehäuse schließlich mit uns eine elliptische Kurve nach unten beschreibt und das schwarze Wasser sekundenschnell auf uns zurast, greife ich instinktiv nach dem Türgriff.

Ich bin der Einzige.

Kurz bevor es mir gelingt, mich hinauszuschwingen, kurz bevor mich der Windstrudel packt und bevor sich Dr. Eike Trimbügels Wagen endgültig in die unergründliche Tiefe des Möhnesees bohrt, glaube ich noch zu hören: Wenn möglich, bitte wenden … bitte …

Schöne Aussichten

Manfred!«

Er presste einen unverständlichen Fluch zwischen den Zähnen hervor und ließ seine Rechte ins lauwarme Badewasser gleiten. Dann plätscherte er ein wenig im Schaum herum.

Sie ließ nicht locker. »Manfred?« Und nach einer kleinen Weile: »Schlümpfchen?«

»Was denn?«, knurrte er.

»Was machst du?«

»Was soll ich machen? Ich bade!«

»Manfred, warum hast du abgeschlossen?«

»War vorher auf ’m Klo. Hab danach vergessen, wieder aufzumachen.«

Er rührte im Wasser herum, dass es gluckste und plätscherte.

»Manfred, gleich fängt ›Wetten dass?‹ an!«

»Ich weiß, Gitti, ich weiß. Bin gleich fertig. Nur noch Haare waschen.« Er kippte Apfelshampoo ins Badewasser. Es musste alles echt wirken. Ohne hinzugucken, versuchte er, die rechte Hand am Badetuch abzutrocknen.

Er konnte unmöglich jetzt das Fernglas herunternehmen. Dieser Ausblick war zu schön, um wahr zu sein.

Vor der Tür gab sich Gitti offensichtlich geschlagen. Es blieb still.

Manfred drehte am Rädchen und stellte das Bild schärfer.

Er sah bläuliches Licht, ein kaltes Strahlen, das die Wölbungen des Körpers in glänzenden blauen Kunststoff verwandelte. Eine sanfte, lang gestreckte Dünenlandschaft, mit der blauen Palette gemalt. Die beiden Brüste waren leicht zur Seite gerutscht. Volle, schwere Brüste. Er sah sie nicht zum ersten Mal. Kein Silikon, soweit er das beurteilen konnte. Alles Natur. Mindestens einmal in der Woche nahm sie ein Sonnenbad. Legte sich für ihn zurecht, so fantasierte er sich das zusammen. Zeigte ihm ihren unvergleichlichen nackten Körper. Meistens samstagabends. Diese Brüste! Wenn sie lag, bildeten sie zwei große, teigige Seen, mit dunklen, kreisrunden Inseln darin. Immer wenn sie sich dann nach dem Sonnenbad eincremte, verformten sie sich geschmeidig unter dem Druck ihrer schlanken Finger. Er konnte sich sehr gut vorstellen, wie sie sich anfühlten.

Manfred hatte viel Fantasie. Das war ja das Schlimme. Wenn er diese Fantasie nicht hätte! Dann würden all diese Dinge gar nicht passieren.

Zwischen den Schenkeln glitzerten hellblau, fast weiß, kleine Härchen. Sie war naturblond. Ihre Hand ging auf Entdeckungsreise. Strich über die linke Brust, glitt über die himmelblaue Dünung tiefer. Was kam denn jetzt? Das Fernglas in seiner Hand begann sanft zu vibrieren. Würde sie etwa …? Sie kratzte sich am Bauchnabel. Manfred entspannte sich.

Splitternackt saß er auf der Toilettenschüssel. Die Aufregung hatte seinen gebeugten weißen Rücken mit einer Gänsehaut überzogen.

»Schlümpfchen, willst du gleich ’n Bier?«

Er riss sich vom Objekt seiner Begierde los und sah verärgert zur Tür hinüber. Gitti ging ihm auf den Zeiger. Als er den Mund öffnete, um zu antworten, war seine Stimme krächzend und kraftlos. »Gerne, Schatz.« Der Bademantel hing an der Türklinke. Das Schlüsselloch war verdeckt. Alles okay.

Das Badewasser kühlte immer mehr ab. Gleich würde er rasch einmal eintauchen, um die Täuschung perfekt zu machen. Dann föhnen, und dann ›Wetten dass?‹.

Im Haus gegenüber leuchtete es noch immer bläulich aus dem rechten Fenster des sechsten Stocks. Das linke Bein hatte sie inzwischen ein wenig angewinkelt. Fast reichte es, um ihm einen Blick zwischen ihre Schenkel zu gewähren. Aber nur fast.

Ihre Hände lagen flach neben den Oberschenkeln. Wenn sie sich doch ein bisschen gestreichelt hätte. Tat sie aber leider nicht.

Vor zwei Jahren war da eine gewesen. Im Haus Nummer siebenundzwanzig. Das lag gerade noch so in seinem Blickfeld. Die hatte es sich oft selbst gemacht. Im Sommer manchmal sogar auf dem Balkon. Völlig schamlos.

Und Manfred hatte mitgemacht. Sehr verschämt, verdeckt von einer Zimmerlinde, die bei ihnen im Badezimmer prächtig gedieh.

Jutta hatte sie geheißen.

Manfred versuchte immer möglichst viel über seine Nachbarinnen herauszufinden. Wenn er erst mal ihren Namen kannte, fühlte er sich ihnen schon ganz vertraut. Jutta war ein bisschen pummelig gewesen. Mit schlaffen, länglichen Brüsten. Aber das, was sie mit ihren Händen machte, hatte ihn diese körperlichen Nachteile ganz rasch vergessen lassen.

Eines Tages war sie vom Balkon gefallen. Völlig unerwartet. Beim Blumengießen angeblich. Solche Dinge konnten vorkommen.

Manfred genoss vom Badezimmer aus den Ausblick auf eine hässliche Hochhaussiedlung am Rande der Stadt. Schäbige Gebäude, gesichtslose Wohncontainer, in denen die Menschen nebeneinander lebten, übereinander, untereinander … nie miteinander. Er schätzte, dass es beinahe achtzig Wohnungen waren, in die er ab und an mithilfe seines Fernglases eindringen konnte.

Vom Küchenfenster und vom Schlafzimmerfenster waren es noch mal so viele. Aber da war natürlich die Gefahr, von Gitti überrascht zu werden, viel zu groß.