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Sherlock Holmes, die schönsten Geschichten, Band 1, Arthur Conan Doyle

© 2012, Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

 

ISBN: 9783849608194

 

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Schott. Romandichter, geb. 22. Mai 1859 in Edinburg, verstorben am 7. Juli 1930 in Crowborough, Sussex. Stammt aus einer Künstlerfamilie (sein Onkel ist der Zeichner Richard D. am »Punch«, sein Großvater der berühmte Karikaturist John D.), erhielt seine Schulbildung zu Stonyhurst und in Deutschland, studierte 1876–81 zu Edinburg Medizin, praktizierte 1882–90 in Southsea und machte weite Reisen. Durch Poe angeregt, schrieb er Detektivgeschichten, deren Held Sherlock Holmes, von D. menschlich vertieft, zuerst 1889 in der Sammlung »The sign of Four« auftritt. Das Hauptwerk ist »Adventures of Sherlock Holmes« (1891); »The Memoirs of Sherlock Holmes« (1893) erzählen seine Ermordung. Als Verfasser historischer Romane ist D. bedeutender Vertreter der von Stevenson geweckten romantischen Renaissance: »Micah Clarke« (1888) ist eine interessante Studie aus dem 17. Jahrh.; »The White Company« spielt unter Eduard III.; zum Waterloo-Monument steuerte er 1892 »The Great Shadow« und das von Henry Irving 1894 mit Glück ausgeführte Drama »A story of Waterloo« bei. »The exploits of brigadier Gerard« schildert einen Heros der Großen Armee von ergötzlichem Selbstgefühl. Durch Schilderung Nelsons und seiner Umgebung ist »Rodney Stone« (1896) und durch solche Napoleons I. »Uncle Bernac« (1897) interessant. »The tragedy of the Korosko« (1897) ist ein Niederschlag der Erfahrungen Doyles als Berichterstatter im ägyptischen Feldzug 1896. Für Doyles Technik war der ältere Dumas vielfach bestimmend: unter dem Einfluß seiner »Drei Musketiere« stehen am deutlichsten die Abenteurerromane »The Refugees« (1891), »The captain of the Polestar« (1888) und »The doings of Raffles Haw«. 1898 erschien von ihm auch eine Sammlung frischer Soldatenlieder: »Songs of action«, augenscheinlich unter dem Einfluß Kiplings stehend. Seine ärztlichen Erlebnisse verwertete er in den Erzählungen »The captain of the Polestar« (1890) und in der Novellensammlung »Round the Red Lamp« (1894). In »The Stark Munro Letters« (1895) lieferte er mehr eine Reihe von Charakterbildern als einen Roman. Zu seinen jüngsten Schöpfungen gehören der reizende Roman »A Duet« (1899) und »The Green flag« (1901) sowie »The Great Boer War« (1900). Vieles ist auch ins Deutsche übersetzt worden.

 

 

Sherlock Holmes hatte stundenlang über eine Porzellanschale gebeugt gesessen, in der er ein besonders übelriechendes chemisches Produkt braute. Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, und der lange, schmale Rücken war so gekrümmt, daß die Gestalt meines Freundes einem schlanken Vogel mit grauem Gefieder und schwarzer Haube glich.

 

"Du willst also keine südafrikanischen Papiere kaufen, Watson?" sagte er urplötzlich.

 

Ich konnte mein Erstaunen über diese Frage nicht unterdrücken. Obgleich er mir schon häufig Beweise bewunderswerter Fähigkeiten gegeben hatte, war mir doch dieses Erraten meiner innersten Gedanken gänzlich unfaßbar.

 

"Woher in aller Welt weißt du das?" fragte ich ihn.

 

Holmes drehte sich auf seinem Stuhl um. Er hatte ein rauchendes Reagensröhrchen in der Hand, und seine tiefliegenden Augen zeigten eine vergnügte Stimmung an.

 

"Nun, Watson, du bist überrascht?" sagte er. "Das bin ich allerdings."

 

"Dieses Zugeständnis sollte ich mir eigentlich schriftlich von dir geben lassen."

 

"Warum?"

 

"Weil du in fünf Minuten sagen wirst, auf diesen Gedanken zu kommen, sei ungeheuer einfach gewesen."

 

"Das werde ich sicher nicht sagen."

 

"Pass' mal auf, mein lieber Watson," – er steckte das Probierröhrchen in das Gestell und begann mit der Miene eines Lehrers zu reden, der zu seinen Schülern spricht – "es ist tatsächlich nicht so schwer, eine Reihe von Schlüssen zu ziehen, von denen jeder aus dem vorhergehenden folgt, und von denen jeder einzelne sehr leicht ist. Wenn man das tut, und dann die mittleren wegläßt, und seinen Zuhörern nur den ersten und letzten sagt, so kann man eine verblüffende, mitunter eine geradezu wunderbare Wirkung erzielen. So war es wahrhaftig keine Kunst, an deinem linken Zeigefinger und Daumen zu erkennen, daß du die Absicht, dein kleines Vermögen in afrikanischen Minenwerten anzulegen, aufgegeben hattest."

 

"Hier sehe ich keinerlei Verbindung."

 

"Das ist wohl möglich, aber ich kann dir schnell die einzelnen Glieder der Kette der Reihe nach zeigen. Erstens: Als du gestern abend aus dem Klub kamst, hattest du Kreidespuren an Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Zweitens: Das ist nur der Fall, wenn du Billard gespielt und das Queue mit Kreide bestrichen hast. Drittens: Du spielst nur mit Thurston Billard. Viertens: Du erzähltest mir vor vier Wochen, daß Thurston südafrikanische Aktien, die nach einem Monat ausgegeben würden, zu kaufen gedenke, und du dich daran beteiligen wolltest. Fünftens: Dein Scheckbuch ist in meinem Schrank eingeschlossen, und du hast bis heute noch nicht nach dem Schlüssel gefragt. Sechstens: Du hast also die Absicht aufgegeben, dein Geld in diesen Werten anzulegen."

 

"Wie ungeheuer einfach!" rief ich unwillkürlich aus.

 

"Genau, wie ich gesagt hatte," fuhr mein Freund etwas ärgerlich fort. "Jedes Problem erscheint dir kinderleicht, nachdem man dir's erklärt hat. Hier habe ich aber eins, das noch nicht erklärt ist. Sieh, was du damit machen kannst, alter Freund." Er warf mir ein Blatt Papier auf den Tisch und wandte sich selbst wieder seiner chemischen Analyse zu.

 

Ich betrachtete erstaunt die merkwürdigen Hieroglyphen auf dem Papier.

 

"Ei nun, Holmes," rief ich, "das hat ein Kind gemacht!"

 

"Das ist deine Ansicht!"

 

"Was soll es denn sonst sein?"

 

"Ja, das möchte Herr Hilton Cubitt aus Riding in Norfolk auch gerne wissen. Das kleine Rätsel ist mit der ersten Post eingelaufen, und der Absender selbst will mit dem nächsten Zug kommen ... Es klingelt, Watson, und es sollte mich gar nicht überraschen, wenn er's schon wäre."

 

Auf der Treppe wurden schwere Tritte hörbar, und im nächsten Moment machte ein großer, frisch aussehender Herr mit glattrasiertem Gesicht unsere Stubentür auf. Seine klaren Augen und seine blühende Gesichtsfarbe sagten uns, daß er entschieden keinen Beruf hatte, der ihn an die Bakerstraße  fesselte. Er schien bei seinem Eintritt einen Hauch der kräftigen, nervenstärkenden Seeluft seiner Heimat mitzubringen. Als er jedem von uns die Hand geschüttelt hatte und Platz nehmen wollte, fiel sein Blick auf das Papier mit den sonderbaren Zeichen, das ich eben in der Hand gehabt und wieder auf den Tisch gelegt hatte.

 

"Nun, Herr Holmes, was meinen Sie dazu?" rief er mit markiger Stimme aus. "Man hat mir erzählt, daß Ihnen solche rätselhaften Sachen Spaß machten, und ich glaube kaum, daß es eine rätselhaftere gibt als diese. Ich habe den Zettel vorausgeschickt, damit Sie ihn vor meiner Ankunft studieren könnten."

 

"Es ist wirklich eine seltsame Schreiberei," erwiderte Holmes. "Auf den ersten Blick könnte man es für das Gekritzel eines Kindes halten. Es besteht aus einer Anzahl kleiner Figuren, die über das Papier tanzen. Warum legen Sie diesem dummen Zeug überhaupt eine besondere Bedeutung und so große Wichtigkeit bei?"

 

"Mir würde es gar nicht einfallen, aber meine Frau tut's. Sie ist darüber zu Tod erschrocken. Sie sagt zwar nichts, ich kann ihr aber die Furcht aus den Augen ablesen, und darum möchte ich der Sache auf den Grund kommen."

 

Holmes nahm den Zettel und hielt ihn gegen das helle Tageslicht. Es war ein Blatt aus einem Notizbuch. Die Zeilen waren mit Bleistift gemacht und sahen ungefähr so aus:

 

Holmes prüfte das Blatt eine Zeitlang, faltete es dann sorgfältig zusammen und legte es in sein Notizbuch.

 

"Es verspricht, ein äußerst interessanter und ungewöhnlicher Fall zu werden," sagte er. "Sie haben mir in Ihrem Briefe bereits einige näheren Angaben gemacht, es würde mir aber angenehm sein, wenn Sie im Interesse meines Freundes Dr. Watson hier das Ganze noch einmal im Zusammenhang erzählen wollten."

 

"Ich bin nichts weniger als ein glänzender Erzähler," sagte unser Besucher und rieb sich nervös die großen, kräftigen Hände; "Sie müssen mich fragen, wenn ich die Sache nicht ordentlich klar mache. Ich muß mit meiner Verehelichung im vorigen Jahr anfangen. Ich will noch vorausschicken, daß, wenn ich auch kein reicher Mann bin, meine Vorfahren doch seit fünfhundert Jahren in Riding ansässig sind, und meine Familie die bekannteste in der ganzen Grafschaft ist. Vergangenes Jahr kam ich zum Jubiläum nach London 'rauf und logierte in einem Haus am Russell-Platz, weil der Geistliche unserer Gemeinde, Pastor Parker, auch da wohnte. Dort war auch 'ne junge Amerikanerin – namens Patrick – Elsie Patrick. Wir befreundeten uns, und ehe noch ein Monat um war, war ich so in sie verliebt, wie's ein Mann nur sein kann. Wir ließen uns in aller Stille trauen und kehrten als junges Ehepaar nach Norfolk zurück. Es wird Ihnen als recht leichtsinnig erscheinen, Herr Holmes, daß ein Mann aus einer guten alten Familie sich in dieser Weise eine Frau nimmt, das heißt, ohne etwas über ihre Herkunft und ihre Vergangenheit zu wissen; wenn Sie sie aber sähen und näher kännten, würden Sie's begreiflich finden.

 

"Sie war sehr offen in dieser Beziehung, die Elsie. Sie hielt wahrhaftig nicht damit hinter'm Berge, als ich sie fragte. ›Ich habe sehr unangenehme Verhältnisse in meinem Leben durchgemacht,‹ antwortete sie, ›ich suche sie zu vergessen. Ich spreche nicht gerne davon, denn es ruft stets peinliche Erinnerungen in mir wach. Wenn du mich zur Frau nimmst, bekommst du eine, die nichts auf dem Gewissen hat, dessen sie sich persönlich zu schämen braucht; aber du mußt dich mit meinem Wort zufrieden geben und mir versichern, daß du mich über das, was bis zu meiner Verheiratung vorgefallen ist, nicht fragen willst. Wenn du diese Bedingung nicht einhalten zu können glaubst, so gehst du lieber allein nach Norfolk und läßt mich das einsame Leben weiter führen, das ich bisher geführt habe.‹ Erst am Tage vor der Hochzeit sprach sie in dieser Weise zu mir. Ich antwortete darauf, daß ich sie unter der von ihr selbst gestellten Bedingung nehmen wollte, und habe mein Wort seither gehalten.

 

"Wir sind nun ein Jahr verheiratet und haben sehr glücklich miteinander gelebt. Doch vor etwa einem Monat, Ende Juni, bemerkte ich die ersten Anzeichen einer Veränderung in unserem Verhältnis. Eines Tages bekam meine Frau aus Amerika einen Brief. Ich erkannte die amerikanische Marke. Sie wurde leichenblaß, las das Schreiben und warf es ins Feuer. Sie erwähnte die Sache später mit keinem Wort, und ich fing auch nicht davon an, denn versprochen bleibt versprochen; aber sie hat seit jener Zeit keine vergnügte Stunde mehr gehabt. Ihr Gesicht verrät stets eine gewisse Angst, sie sieht aus, als ob sie etwas Schlimmes befürchte. Es würde besser sein, wenn sie sich mir anvertraute. Sie würde in mir ihren besten Freund finden. Aber wenn sie sich nicht selbst zu reden entschließt – ich darf den Anfang nicht machen. Wohlverstanden, sie ist ein treues Weib, Herr Holmes, und was auch früher vorgefallen sein mag, sie trägt sicher nicht die Schuld daran. Ich bin ein einfacher Gutsbesitzer in Norfolk, aber in ganz England hält niemand seine Familie höher als ich. Was weiß sie sehr genau, und sie wußte es auch bereits vor unserer Verheiratung. Sie würde nie einen Makel darauf geladen haben – dess' bin ich sicher.

 

"Ich komme nun erst auf den Kern der ganzen beunruhigenden Angelegenheit, auf den Teil, zu dessen Lösung ich Ihre Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Vor ungefähr acht Tagen – es war am Dienstag voriger Woche – entdeckte ich auf einer Fensterschwelle eine Anzahl kleiner tanzender Figuren, wie die hier auf dem Papier. Sie waren mit Kreide d'rauf gekritzelt. Ich dachte, der Stalljunge wäre es gewesen, er schwor jedoch, nichts davon zu wissen. Wie dem auch sein mochte, sie waren während der Nacht dahin gekommen. Ich wischte sie aus und erwähnte es meiner Frau gegenüber erst später. Zu meiner Ueberraschung nahm sie die Sache sehr ernst und bat mich, wenn ich wieder welche fände, sie ihr gleich zu zeigen. Eine Woche lang erschienen keine neuen Männchen, aber gestern morgen lag dieses Papier hier auf der Sonnenuhr im Garten. Ich gab es Elsie, und sie fiel in Ohnmacht. Seitdem trägt sie ein ganz träumerisches Wesen zur Schau, ist vollkommen verstört, und die Furcht guckt ihr aus beiden Augen. Ich schrieb sofort an Sie, Herr Holmes, und legte Ihnen den Zettel bei. Ich konnte die Sache nicht der Polizei übergeben, denn sie würde mich ausgelacht haben, aber Sie werden mir raten können, was ich tun soll. Ich bin kein reicher Mann; aber wenn meiner Frau Unheil droht, bin ich bereit, den letzten Heller zu opfern."

 

Er war eine sympathische Erscheinung, dieser Mann von altem Schrot und Korn, einfach, gerade und edel, mit treuen blauen Augen und einem offenen hübschen Gesicht. Die Liebe und das Vertrauen zu seiner Frau sprachen aus seinen Zügen und aus seinen Aeußerungen. Holmes hatte der Erzählung aufmerksam zugehört und saß, in Nachdenken versunken, schweigend auf seinem Stuhl.

 

"Meinen Sie nicht, Herr Cubitt," sagte er nach einiger Zeit, "daß es die beste Lösung wäre, wenn Sie sich direkt mit Ihrer Frau verständigten und sie bäten, Ihnen ihr Geheimnis anzuvertrauen?"

 

Hilton Cubitt schüttelte sein Haupt.

 

"Versprechen bleibt Versprechen, Herr Holmes. Wenn mir's Elsie mitteilen wollte, würde sie's freiwillig tun. Wenn sie's nicht will, kann ich sie nicht zwingen. Aber das Recht habe ich, anderweitig die nötigen Schritte zur Aufklärung der Sache zu tun – und das will ich."

 

"Dann will ich Ihnen mit allen Kräften beistehen. Also, vor allen Dingen, haben Sie etwas von Fremden in Ihrer Nachbarschaft gesehen oder gehört?"

 

"Nein."

 

"In Ihrer Heimat ist doch wohl wenig Verkehr, sodaß jedes fremde Gesicht auffallen würde?"

 

"In der unmittelbaren Umgebung, ja. Aber etwas weiter ab liegen einige kleine Badeorte, deren Bewohner im Sommer Gäste aufnehmen."

 

"Diese Hieroglyphen sind sicher nicht ohne Bedeutung. Wenn sie rein willkürlich gewählt sind, wird es uns kaum möglich sein, sie zu entziffern. Liegt dagegen ein System darin, so zweifle ich nicht, daß wir eine Lösung finden werden. Das vorliegende Muster ist jedoch zu klein, um etwas damit anfangen zu können, und die Tatsachen, die Sie uns erzählt haben, sind zu unbestimmt, um eine sichere Unterlage für die weitere Untersuchung abgeben zu können. Ich möchte Ihnen daher den Vorschlag machen, jetzt wieder nach Norfolk zurückzukehren, genau auf alles aufzupassen und irgend welche neuen tanzenden Männchen getreu zu kopieren. Es ist außerordentlich schade, daß wir keine Abschrift der ersten Zeichen haben, die mit Kreide auf das Fensterbrett geschrieben waren. Erkundigen Sie sich auch vorsichtig nach etwaigen Fremden in der Umgegend. Sobald Sie etwas Neues in Erfahrung gebracht haben, kommen Sie gleich wieder zu mir. Einen anderen Rat kann ich Ihnen vorläufig nicht geben, Herr Cubitt. In dringenden Fällen bin ich stets bereit, hinunter zu fahren und Sie persönlich aufzusuchen."

 

Nach diesem Interview war mein Freund sehr nachdenklich, und im Lauf der nächsten Tage sah ich ihn wiederholt das Blättchen Papier aus dem Notizbuch nehmen und lange und ernst die merkwürdigen Zeichen betrachten. Er sprach jedoch nie wieder von dieser Angelegenheit, bis ich, nach vierzehn Tagen oder noch später, ausgehen wollte und er mir plötzlich zurief:

 

"Du würdest besser hier bleiben, Watson."

 

"Warum?"

 

"Weil ich heute morgen von Cubitt – du erinnerst dich doch noch des Mannes mit den tanzenden Figuren? – ein Telegramm erhalten habe. Er will ein Uhr zwanzig auf der Station Liverpoolstraße ankommen, und muß also jeden Augenblick hier sein. Ich schließe aus der Depesche, daß er wichtige Nachrichten mitbringen wird."

 

Es dauerte gar nicht lange, als unser Norfolker Klient auch schon in schnellstem Tempo in einer Droschke vorgefahren kam. Er sah sehr niedergeschlagen und abgespannt aus, die klaren Augen waren trübe, und die heitere Stirne war in Falten gezogen.

 

"Die Geschichte fällt mir allmählich auf die Nerven, Herr Holmes," begann er, und ließ sich ermattet in einen Lehnstuhl sinken. "Es ist schon ein ziemlich unbehagliches Gefühl, sich heimlich von unbekannten Menschen umgeben zu wissen, die etwas gegen einen im Schild führen; wenn man aber zudem mitansehen muß, wie die eigene Frau dabei zugrunde geht, wird die Sache nachgerade unerträglich. Sie wird immer siecher, zusehends siecher."

 

"Hat sie noch nichts geäußert?"

 

"Nein, Herr Holmes; kein Wort. Und doch hat das arme Weib manchmal das Bedürfnis gehabt, zu sprechen – ich hab's ihr angesehen – aber sie hat's nicht über sich gebracht. Ich hab's ihr erleichtern wollen, aber ich muß sagen, ich hab's so ungeschickt angefangen, daß ich's ihr vielmehr erschwert und sie davon abgebracht habe. Sie redete von meiner alten Familie, von unserem guten Ruf in der Grafschaft und von unserem Stolz auf unsere unbefleckte Ehre. Ich merkte, daß sie etwas auf dem Herzen hatte, aber auf einmal sprang sie von diesem Thema ab, ohne zu Ende gekommen zu sein."

 

"Aber Sie haben für sich neue Entdeckungen gemacht?"

 

"Mancherlei, Herr Holmes. Ich bringe Ihnen hier verschiedene frische tanzende Männchen zur Prüfung mit, und, was das Wichtigste ist, ich habe den Kerl gesehen."

 

"Was, den Schreiber der Figuren?"

 

"Jawohl, ich habe ihn bei der Arbeit beobachtet. Aber ich will Ihnen alles in der richtigen Reihenfolge berichten. Als ich nach dem Besuche bei Ihnen nach Hause zurückgekehrt war, fand ich gleich am nächsten Morgen wieder neue tanzende Männchen. Sie waren mit Kreide an das schwarze hölzerne Tor der Wagenremise gezeichnet, die man von den vorderen Fenstern unseres Wohnhauses direkt vor Augen hat. Ich habe sie genau nachgemacht, hier ist die Kopie." Er faltete einen Zettel auseinander und legte ihn auf den Tisch. Die Zeichen sahen folgendermaßen aus:

 

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"Ausgezeichnet!" sagte Holmes. "Ausgezeichnet! Bitte, fahren Sie fort."

 

"Nachdem ich die Abschrift genommen hatte, löschte ich die Dinger aus; am übernächsten Morgen war jedoch wieder eine neue Serie dort, deren Kopie ich hier habe.

 

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Holmes rieb sich die Hände und lachte vor Vergnügen über die günstige Weiterentwicklung.

 

"Unser Material mehrt sich erfreulich schnell," sagte er.

 

"Drei Tage darauf fand ich wieder ein Blatt Papier mit den rätselhaften Figuren an der Sonnenuhr. Ich habe es hier. Es sind, wie Sie sehen, genau dieselben Zeichen darauf, wie auf dem letzten. Nun entschloß ich mich endlich, dem Schreiber aufzulauern. Ich nahm meinen Revolver und setzte mich in mein Zimmer, von dem aus ich den Hof und den Garten überblicken konnte. Im Zimmer hatte ich kein Licht, draußen war es mondhell. Als ich so gegen zwei Uhr nachts am Fenster saß, hörte ich Schritte; es war meine Frau im Schlafgewand. Sie bat mich inständig, zu Bett zu gehen. Ich erklärte ihr frei heraus, daß ich den Menschen sehen wollte, der ein so eigentümliches Spiel mit uns trieb. Sie antwortete, es handle sich nur um einen schlechten Scherz, und ich solle gar keine Notiz davon nehmen.

 

"›Wenn es dich wirklich beunruhigt, Hilton, können wir ja zusammen verreisen und uns so dieser Störung entziehen.‹

 

"›Was, uns von einem übeln Witzbold aus unserem eigenen Haus treiben lassen?‹ erwiderte ich. ›Die ganze Nachbarschaft würde uns ja auslachen.‹

 

"›Wir können morgen früh weiter darüber reden, komm' jetzt, bitte, zu Bett,‹ versetzte sie zärtlich.

 

"Während sie noch sprach, sah ich in dem Mondschein ihr bleiches Gesicht plötzlich noch bleicher werden. Im Schatten der Remise bewegte sich etwas. Eine dunkle Gestalt kroch um die Ecke und kauerte vor dem Tor nieder. Ich ergriff meine Waffe und wollte hinausstürzen. Aber meine Frau schlang die Arme um meine Brust und hielt mich krampfhaft fest. Ich versuchte, sie abzuschütteln, sie ließ aber nicht los. Endlich machte ich mich frei, aber ehe ich zur Tür hinauskam und das Gebäude erreichte, war der Kerl verschwunden. Er hatte jedoch eine Spur hinterlassen; an dem Tor befand sich wieder dieselbe Reihe tanzender Figuren wie die beiden vorhergehenden Male, und wie ich sie auf jenem Blatt nachgezeichnet habe. Sonst war nichts von ihm zu sehen, obwohl ich das ganze Terrain absuchte. Das ist umso auffallender, als er sich auch später noch in der Nähe aufgehalten haben muß, denn, als ich am Morgen das Tor wieder untersuchte, hatte er unter die Zeile, die ich bereits gesehen hatte, neue Zeichen gesetzt."

 

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"Haben Sie diese frischen Figuren auch kopiert?"

 

"Ja, es sind nur wenige; hier sind sie."

 

Er zog abermals ein Papier aus der Tasche, das folgende Zeichen enthielt:

 

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"Sagen Sie 'mal," fragte Holmes, dem ich die starke Erregung an den Augen ansehen konnte, "war dies ein bloßer Zusatz zu der ersten Reihe, oder machte es den Eindruck, als ob es gar nicht dazu gehörte?"

 

"Es stand auf einem ganz anderen Teil des Tores."

 

"Großartig! Das ist von der größten Bedeutung zur Erreichung unseres Zwecks. Es erfüllt mich mit neuen Hoffnungen. Nun, erzählen Sie weiter, Herr Cubitt."

 

"Ich kann nur noch hinzufügen, Herr Holmes, daß ich auf meine Frau sehr böse war, weil sie mich in jener Nacht daran verhindert hatte, den heimtückischen Burschen womöglich in meine Gewalt zu bekommen. Sie sagte zwar, sie hätte sich gefürchtet, es möchte mir ein Leid geschehen, aber einen Augenblick kam mir der Gedanke, daß sie in Wirklichkeit gefürchtet haben möchte, daß er Schaden nehme, denn ich konnte nicht daran zweifeln, daß sie den Mann und auch die Bedeutung dieser Zeichen kannte. Doch in der Stimme meiner Frau liegt ein Klang und in ihren Augen ein Ausdruck, der alle Zweifel verscheucht, und ich bin jetzt wieder der festen Ueberzeugung, Herr Holmes, daß sie tatsächlich um mein eigenes Wohl besorgt war. – Ich habe Ihnen hiermit den ganzen Fall genau dargestellt und bitte Sie nun um Ihren Rat, was zu tun ist. Ich selbst möchte am liebsten ein halbes Dutzend meiner Leute aufstellen und dem Kerl, wenn er wieder kommt, eine so derbe Lektion erteilen lassen, daß er uns in Zukunft in Frieden läßt."

 

"Ich fürchte, dieser Fall ist schon zu weit vorgeschritten und nicht mehr durch eine so einfache Kur zu heilen," sagte Holmes. "Wie lange können Sie in London bleiben?"

 

"Ich muß heute wieder zurück, unbedingt. Ich möchte meine Frau um alles in der Welt nicht allein lassen während der Nacht. Sie ist sehr nervös und bat mich dringend, zurückzukehren."

 

"Wenn's so steht, kann ich Ihnen nur recht geben. Aber wenn Sie einen oder zwei Tage Zeit gehabt hätten, würde ich dann vielleicht mit Ihnen nach Hause gefahren sein. Lassen Sie mir alle diese Zettel unterdessen hier. Ich denke, ich werde Ihnen höchstwahrscheinlich in kurzem einen Besuch machen und einiges Licht in diese dunkle Sache bringen können."

 

Holmes bewahrte während der Anwesenheit unseres Besuchers seine geschäftsmäßige Ruhe, obgleich er stark erregt war, wie ich wohl merkte. Sobald aber Hilton Cubitts breiter Rücken in der Tür verschwunden war, schritt er schnell zum Schreibtisch, breitete die sämtlichen Papierzettel darauf vor sich aus und begann eine schwierige und mühsame Berechnung. Zwei Stunden lang beobachtete ich ihn, wie er ein Blatt nach dem anderen mit Figuren und Zeichen beschrieb und so sehr in die Arbeit vertieft war, daß er meine Gegenwart augenscheinlich ganz vergessen hatte. Manchmal, wenn es mit seiner Lösung vorwärts ging, fing er an zu pfeifen und zu singen, manchmal, wenn er in Verlegenheit kam, sah er längere Zeit mit gerunzelter Stirn starr vor sich hin. Endlich sprang er mit einem Ausruf der Befriedigung vom Stuhl auf und ging, sich die Hände reibend, im Zimmer auf und ab. Dann nahm er ein Depeschenformular und setzte ein langes Telegramm auf. "Wenn ich darauf die gewünschte Antwort erhalte, wirst du einen sehr hübschen Fall für deine Sammlung bekommen, Watson," sagte er dann zu mir. "Ich hoffe, daß wir morgen nach Norfolk hinunter fahren können, um unserem Freund definitiven Bescheid bezüglich seiner Kümmernis zu bringen."

 

Ich muß gestehen, daß ich neugierig war. Da ich aber wußte, daß Holmes seine Enthüllungen zu seiner Zeit und auf seine eigene Weise bekannt zu geben pflegte, so wartete ich geduldig, bis es ihm passen würde, mich ins Vertrauen zu ziehen.

 

In der Beantwortung des Telegramms trat jedoch eine Verzögerung ein. Es folgten zwei Tage, während deren Holmes sehr ungeduldig war und bei jedem Klingeln emporfuhr. Am Abend des zweiten Tages traf dagegen wieder eine Nachricht von Cubitt ein. Es sei alles ruhig geworden, nur heute morgen habe er an der Sonnenuhr eine lange Reihe tanzender Männchen gefunden. Er lege eine Abschrift derselben bei. Sie sah folgendermaßen aus:

 

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Die Breite der Buchseite gestattete die Wiedergabe in einer Reihe nicht. [wohl aber die elektronische Fassung. Re.]

 

Holmes beugte sich einige Minuten über diese seltsamen Zeichen, dann stieß er plötzlich einen Schrei der Ueberraschung und des Entsetzens aus. Sein Gesicht war ganz entstellt von Schrecken.

 

"Wir haben der Sache nun lange genug ihren Lauf gelassen," sagte er, "es ist die höchste Zeit, daß wir einschreiten. Geht heute nacht noch ein Zug nach North Walsham?"

 

Ich sah sofort auf dem Fahrplan nach. Der letzte war gerade abgegangen.

 

"Dann müssen wir morgen bald frühstücken und gleich den ersten Zug benutzen," war seine Antwort. "Unsere Anwesenheit ist dringend nötig. Aha, hier kommt auch die erwartete Depesche. Einen Augenblick, Frau Hudson, vielleicht muß ich darauf antworten. Nein, es ist gut so. Diese Nachricht zeigt noch deutlicher, daß wir keine Minute Zeit verlieren dürfen, um Cubitt vom Stand der Dinge in Kenntnis zu setzen. Der gute Mann ist in ein gefährliches Netz geraten."

 

Tatsächlich erwies es sich so. Und auch jetzt, wo ich nun das Ende dieser tragischen Geschichte erzählen muß, die mir anfangs kindisch und töricht erschienen war, empfinde ich wieder von neuem jenen Schauder und Schrecken, der mir damals durch die Glieder ging. Ich wünschte, meinen Lesern einen glücklicheren Ausgang berichten zu können. Ich muß jedoch den Vorgang so schildern, wie er sich wirklich zugetragen hat, und darf auch das schreckliche Ende nicht verschweigen, das Riding eine Zeitlang zu einer traurigen Berühmtheit verholfen hat.

 

Wir waren kaum in North Walsham ausgestiegen und hatten einen Wagen zu unserer Weiterreise bestellt, als der Stationsvorstand auf uns zueilte und uns anredete:

 

"Ich vermute, daß Sie die Londoner Geheimpolizisten sind?"

 

Holmes war durch diese Frage unangenehm berührt.

 

"Woraus schließen Sie das?"

 

"Weil Inspektor Martin aus Norwich auch eben durchgekommen ist. Vielleicht sind Sie auch die Aerzte. Sie ist nicht tot – wenigstens nach den letzten Nachrichten noch nicht. Möglicherweise treffen Sie noch rechtzeitig ein, um sie vom Tode zu retten – wenn's auch nur für den Galgen ist."

 

Holmes' Antlitz verfinsterte sich.

 

"Wir wollen allerdings nach Riding," sagte er, "aber von dem, was sich nach Ihren Reden dort zugetragen hat, haben wir noch nichts gehört."

 

"Ein furchtbares Blutbad," fuhr der Bahnhofsvorsteher fort, "sie sind beide erschossen, Herr Cubitt und seine Frau. Sie hat ihn erschossen und dann sich selbst – wenigstens sagt das Personal so aus. Er ist bereits gestorben, und sie schwebt in Lebensgefahr. Heiliger Herr! eine der ältesten und geachtetsten Familien in der ganzen Grafschaft."

 

Ohne ein Wort zu verlieren sprang Holmes in den Wagen. Er sprach während der ganzen Fahrt kein Wort. Ich habe ihn selten in einer so verzweifelten Stimmung gesehen. Er war schon von Anfang an unruhig gewesen, und hatte, wie mir nicht entgangen war, die Morgenzeitungen ängstlich durchgeblättert; aber diese plötzliche Verwirklichung seiner schlimmsten Befürchtungen hatte ihn vollends niedergedrückt. Er saß zurückgelehnt in seiner Ecke und war in düsteres Nachdenken versunken, trotzdem es vielerlei Interessantes zu sehen gab, denn wir fuhren durch eine der schönsten und eigenartigsten Gegenden in ganz England. Kleine, zerstreut liegende Häuschen repräsentierten die heutige Zeit, während die gewaltigen Kirchen mit den viereckigen Türmen, welche sich zu beiden Seiten des Weges aus der flachen, grünen Landschaft hervorhoben, von dem Reichtum und der Macht Alt-Englands Zeugnis ablegten. Endlich sah man hinter der grünen Küste von Norfolk die blauen Fluten der Nordsee auftauchen, und der Kutscher zeigte mit der Peitsche auf zwei alte Giebel aus Stein- und Holzfachwerk, die hinter einem Haine hervorlugten. "Das ist Riding," sagte er.

 

Als wir durch das Parktor die Allee entlang fuhren, erblickte ich gerade vor uns die alte Remise und die Sonnenuhr, an die sich so merkwürdige Beziehungen knüpften. Aus einem Jagdwagen war eben ein flinker, kleiner Mann mit einem großen, gewichsten Schnurrbart ausgestiegen. Er stellte sich uns selbst als Inspektor Martin von der Norfolker Kriminalpolizei vor, und zeigte sich nicht wenig erstaunt, als er den Namen meines Gefährten hörte.

 

"Ei, Herr Holmes, das Verbrechen ist erst heute nacht um drei Uhr verübt worden, wie konnten Sie das schon in London wissen und so früh am Tatort eintreffen wie ich?"

 

"Ich ahnte es. Ich kam in der Absicht, es zu verhüten."

 

"Dann müssen Sie Material haben, das wir nicht kennen; denn soviel uns gesagt worden ist, hat das Ehepaar sehr einig gelebt."

 

"Ich kenne nur die Geschichte von den tanzenden Männchen," erwiderte Holmes. "Ich werde Ihnen das später auseinandersetzen. Zunächst will ich, da ich das Unglück nicht habe verhüten können, diese meine Kenntnis benutzen, um den Täter zu ermitteln. Wollen Sie mich bei diesen Nachforschungen unterstützen, oder wollen Sie lieber unabhängig von mir vorgehen?"

 

"Es würde mich außerordentlich freuen, wenn ich mit Ihnen zusammen arbeiten dürfte, Herr Holmes," antwortete der Inspektor ernst.

 

"Dann wollen wir unverzüglich den Tatbestand aufnehmen und danach gleich mit den Vorarbeiten anfangen."

 

Inspektor Martin war so vernünftig, meinen Freund allein gewähren zu lassen und sich damit zu begnügen, die Resultate sorgfältig zu notieren. Der Arzt des Ortes, ein älterer Herr mit weißem Haar und Bart, kam gerade aus dem Zimmer der Frau Cubitt. Er teilte uns mit, daß ihre Verletzungen zwar schwer, aber nicht unbedingt tödlich seien. Die Kugel sei durch das Stirnbein ins Gehirn gedrungen, und es würde voraussichtlich längere Zeit dauern, ehe sie das Bewußtsein wieder erlangen würde. Auf die Frage, ob sie erschossen worden sei, oder sich selbst erschossen habe, wagte er keine bindende Antwort zu geben. Es sei nur soviel sicher, daß die Kugel aus unmittelbarer Nähe gekommen sei. Im Zimmer sei nur ein Revolver gefunden worden, aus dem zwei Patronen abgefeuert worden seien. Herr Cubitt sei mitten ins Herz getroffen. Es wäre ebenso gut denkbar, daß er sie zuerst und dann sich selbst getötet habe, denn die Schußwaffe läge auf dem Boden in der Mitte zwischen beiden.

 

"Ist die Leiche schon von der Stelle geschafft worden?" fragte Holmes.

 

"Es wurde nur die schwerverwundete Frau weggetragen, denn man konnte sie unmöglich auf dem Boden liegen lassen."

 

"Wie lange sind Sie schon hier, Herr Doktor?"

 

"Seit vier Uhr."

 

"Ist sonst noch jemand hier?"

 

"Ja, der Polizeidiener hier."

 

"Und Sie haben nichts angefaßt?"

 

"Gar nichts."

 

"Dann sind Sie sehr vernünftig gewesen. Wer hat Sie holen lassen?"

 

"Das Hausmädchen Saunders."

 

"Hat sie Lärm geschlagen?"

 

"Sie und die Köchin, Fräulein King."

 

"Wo sind die Mädchen jetzt?"

 

"Ich glaube, in der Küche."

 

"Dann wollen wir sie sofort verhören."

 

Die alte Vorhalle mit Eichenholztäfelung und den hohen Fenstern wurde in einen Gerichtssaal verwandelt. Holmes nahm auf einem großen altmodischen Lehnstuhl Platz. Er war ernst und niedergeschlagen, aber in seinem Blick lag Trotz und Unerbittlichkeit. Ich konnte in seinen Augen den festen Vorsatz lesen, daß er seinen Klienten, den er leider nicht gerettet hatte, wenigstens unter allen Umständen rächen wollte. Der Inspektor, der alte grauhaarige Landdoktor, ein Ortspolizist und ich bildeten die Beisitzer dieses eigenartigen Gerichtshofes.

 

Die beiden Mädchen gaben eine ziemlich klare Darstellung des Vorfalls. Sie waren bei einem lauten Knall aus dem Schlaf aufgewacht; kurz darauf hatten sie einen zweiten gehört. Sie schliefen in zwei aneinander stoßenden Kammern. Fräulein King war zur Saunders gestürzt, und sie waren zusammen die Treppe hinuntergelaufen. Die Tür des Arbeitszimmers stand offen, und auf dem Tisch brannte eine Kerze. Ihr Herr lag mitten im Zimmer auf dem Fußboden, das Gesicht nach unten gekehrt. Er war vollständig tot. In der Nähe des Fensters lag seine Frau, mit dem Kopf an die Wand gelehnt. Sie hatte eine furchtbare Verwundung, und die eine Seite war ganz von Blut überströmt. Sie gab noch Lebenszeichen von sich, konnte aber nicht sprechen. Gang und Zimmer waren voll von Pulverdampf. Das Fenster war zu und von innen geschlossen. In diesem Punkt stimmten die Aussagen beider Mädchen vollständig überein. Sie hatten sofort zum Arzt und zur Polizei geschickt. Dann hatten sie mit Hilfe des Dieners und des Stallburschen ihre verwundete Herrin in ihr Zimmer gebracht. Beide Ehegatten hatten vorher das Bett benutzt. Die Frau war angekleidet, der Mann hatte über den Unterkleidern seinen Schlafrock an. Im Arbeitszimmer war nichts angerührt, es stand noch jedes Ding an seinem Platz. Soweit die Mädchen wußten, hatten die Eheleute im besten Einvernehmen gelebt und allgemein als ein sehr glückliches Paar gegolten.

 

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Das waren die hauptsächlichsten Angaben. Auf eine Frage des Inspektors Martin konnten sie bestimmt behaupten, daß alle Haustüren von innen geschlossen gewesen waren, und niemand aus dem Haus entwischt sein konnte. Holmes antworteten sie, daß ihnen, sobald sie aus ihren Zimmern auf den Flur gestürzt seien, augenblicklich ein starker Pulvergeruch aufgefallen sei. "Auf diesen Punkt mache ich Sie ganz besonders aufmerksam," sagte Holmes zu seinem Berufsgenossen Martin. "Und nun können wir uns, glaube ich, an die Untersuchung des Zimmers begeben."