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Eva Maria Marold

Zu WAHR, um SCHÖN zu sein

Eva Maria Marold

Zu

WAHR,

um

SCHÖN

zu sein

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Achtung! Dieses Buch könnte eine Autobiografie sein.
Ist es aber nicht.

Alle handelnden Charaktere sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit existierenden Personen
sind jedoch leicht möglich. Leider.

Phantasie kennt keine Grenzen. Aus diesem Grund trägt die Protagonistin dieses Romans den kurzen, aber bedeutsamen Vornamen Eva. Die Autorin hofft, den Leser damit nicht zu sehr zu verwirren, da es sich ja nicht um eine Autobiografie handelt. Sie findet ihren eigenen Vornamen nur so schön. Das wollen wir ihr liebevoll gestatten.

Vielleicht wäre alles anders gekommen.

Vielleicht, wenn die Umstände andere gewesen wären.

Vielleicht, wenn sie nicht so impulsiv gewesen wäre.

Vielleicht, wenn sie alles besser geplant hätte.

Vielleicht, wenn sie disziplinierter gewesen wäre.

Vielleicht, wenn sie besser organisiert gewesen wäre.

Organisiert. Was heißt das schon?

Man kann einen Ausflug organisieren. Aber das Leben?

Vielleicht ist aber alles ohnehin Schicksal. Karmisch. Vorbestimmt. Unausweichlich. Unabänderlich.

Oder ist das Leben am Ende doch nur eine lange Aneinanderreihung banaler Zufälle, gegen die man nichts unternehmen kann. Bekanntlich kann man Zufälle ja nicht voraussehen und sich daher nicht auf sie vorbereiten.

Vielleicht.

Vielleicht wäre alles ganz, ganz anders gekommen, wenn …

Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht.

(Anmerkung vom Schicksal)

1.

»Eva, kommst du noch ins Gino?«

Sie hätte gerne »nein« geantwortet, aber ein einfaches »nein« ließ hier niemand gelten und zum vierten Mal in einer Woche eine glaubwürdige Ausrede zu erfinden, sprengte selbst die Grenzen ihres Erfindungsreichtums. Das hätte sie sich ja selbst nicht mehr geglaubt. Was konnte so wichtig sein, dass sie nach getaner Arbeit mit ihren Kollegen nicht noch einen Drink einnehmen könnte?

Also antwortete sie so fröhlich und so gut gelaunt, wie es in diesem Moment eben ging: »Ja, geht schon mal vor. Ich brauch noch ein bisschen. Ich mach mich schnell etwas frisch!«

Frisch! Ha! Ein resignatives Lachen entwischte ihr. Sie blickte in den Spiegel. Müde sah sie aus. Verschwitzt. Und alt. Da müsste schon einiges passieren, damit sie sich wieder so frisch fühlen würde, wie sie es gerne hätte. Eine Neugeburt am besten. Oder zumindest sechs bis achtundvierzig Monate Urlaub in der Südsee.

Um einigermaßen ansehnlich im Gino erscheinen zu können, müsste sie sich komplett ab- und dann neu schminken. Das tat sie aus zwei Gründen nicht.

Erstens, weil ihre Haut nach dem Abschminken immer gerötet und irritiert war und es somit fast unmöglich machte, sich in kurzer Zeit mit wenigen Handgriffen auf Vordermann zu bringen. Und zweitens, weil sie aus dieser schmuddeligen, alten, abgewohnten Garderobe so schnell wie möglich raus wollte.

Alles hier kam ihr schmutzig und verdreckt vor. Das war hier schon immer so gewesen.

Das Theater, ein Vorstadttheater mit ungefähr fünfhundert Sitzplätzen, ging gut. Das Haus war fast immer ausverkauft. Die Produktionen hatten gutes Niveau. Das Publikum manchmal auch. Die hausinterne Atmosphäre war sehr entspannt, professionell und kollegial. Genau so mochte sie es. Und deshalb spielte sie gerne hier. Wenn ihr nur nicht immer alles so schmutzig vorkommen würde.

Eigentlich wollte sie schnell nach Hause. Ein schönes, warmes Vollbad nehmen. Zu Hause. Alleine. Ein entspannendes Lavendelölbad. Ein gutes Buch. Mehr brauchte sie zurzeit nicht, um sich wohlzufühlen. Mehr wünschte sie sich in diesem Moment nicht. Das war der Inbegriff von Luxus für sie. Zurzeit.

Stattdessen musste sie, wie versprochen, den Anstandsbesuch im Gino absolvieren. Ihre Kollegen gingen jeden Abend nach der Vorstellung dorthin. Das Publikum, Fans, Freunde und Bekannte warteten dort schon auf die »Künstler zum Angreifen«, denn jedermann wusste, dass das Gino die inoffizielle Kantine des Theaters war. Im Gino stand man an der Theke und trank, meist kalorienreiche alkoholische Getränke, und ließ sich vom Publikum begaffen und von den Mutigen ansprechen.

»Ist schon anstrengend, gell?«

»Ja, schon. Man braucht eine gute Kondition.«

»Was ich an euch Schauspielern so bewundere: Sag mal, wie merkt man sich so viel Text?«

»Das Auswendiglernen ist reine Übungssache. Und so ist das Gehirn immer in Bewegung.«

»Und, was spielst du (man bemerke das amikale »Du«! Der Schauspieler – dein Freund und Helfer. Ein Mensch wie du und ich) als nächstes?«

»Darüber kann ich im Moment noch nicht reden. Es sind einige Projekte im Gespräch. Man muss abwarten, ob die Finanzierung klappt.«

Wenn sie solche Antworten gab, musste sie immer still in sich hineinlachen.

Ach, was war das doch für ein Kasperltheater! Die größten schauspielerischen Herausforderungen warteten immer abseits der Bühnen. Und sie antwortete stets mit genau den Worten, die man von ihr hören wollte, und gab somit ihrem Beruf und sich selbst einen geheimnisvollen, verwegenen Touch. War es ihr gelungen, das Publikum als Schauspielerin nicht zu enttäuschen, so wollte sie das keineswegs im Gino nachholen. Volksnähe und Abgehobenheit sympathisch unter einen Hut zu bringen – das war, wonach sie strebte. Beim Gedanken daran wurde das freundliche Lächeln in ihrem Gesicht zu einem durchtriebenen Grinsen. Kaum jemand bemerkte je den Unterschied.

Sie sprach nicht gerne über ihren Beruf. Nicht mit Kollegen und schon gar nicht mit dem allgegenwärtigen Publikum. Sie hatte kein Interesse daran, »Phasen im Entstehungsprozess einer Rolle« durchzubesprechen, im krampfhaften Sich-in-die-Figur-einfühlen-Wollen als Julia mit veränderter Handschrift – Julias Handschrift – fiktive Liebesbriefe an Romeo zu verfassen, tonnenweise Sekundärliteratur zu lesen und den ganzen restlichen Kram. Ihre Überzeugung war: Wenn der Text hervorragend ist, inspirierend und man ihn gut auswendig gelernt hat, dann müssen nur noch alle Ventile offen sein. Der Rest geht ganz von alleine. Aber wie gesagt, darüber sprach sie niemals. Mit niemandem. Und das war gut so.

Ihr wurde schnell langweilig. Bei allem, was sie tat. Bis heute war sie nicht in der Lage, zu sagen, ob sie das gut oder schlecht finden soll. Jedenfalls empfand sie beim Erproben von neuen Stücken, neuen Rollen, eigentlich nur so lange keine Langeweile, bis die Premiere vorüber war. Danach war jede Vorstellung nur noch ein »Malen nach Zahlen«, wie sie es für sich gerne bezeichnete. Die Herausforderung bei der oftmaligen Wiedergabe lag für sie darin, sauber und genau, das Erprobte, Erfühlte, Erfahrene wiederzugeben. Kunst hin oder her. Aber selbst die Gedanken über ihren Beruf begannen sie schon zu langweilen.

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Und während sie ihrem Gesprächspartner, einem etwas älteren Herrn mit ungewaschenen Haaren und schlecht sitzendem Anzug, kaum noch richtig zuhörte und ab und zu nur nickte und mit »mhm« oder »ja, eh« antwortete, was dem Mann interessanterweise vollkommen zu genügen schien, sah sie sich im Gino um und suchte Robert. Ihren Bühnenkollegen. Robert Berger, der eigentlich Rufus-Ignaz Weinbergen hieß, sich aber aus logistischen Gründen (logistisch ist nicht gleich logisch, Anmerkung vom Schicksal) einen Künstlernamen zugelegt hatte.

Rufus meinte, Robert Berger sei ein gängiger Name, den sich das Publikum leicht merken könnte. Sie hielt das nicht für einen furchtbar klugen Schachzug, aber irgendwie passte der Name Robert wirklich besser zu ihm. Er war gutbürgerlich, was heißen soll kleinbürgerlich, was heißen soll kleinkariert. Ein selbsternannter Gutmensch. Immer lieb, nett und freundlich zu allen. Was ihn meinungslos und charakterlos erscheinen ließ. Die Freundlichkeit, die Hilfsbereitschaft, das Mitgefühl, das Robert an den Tag legte, machten ihn paradoxerweise oft unsympathisch. Aber Robert wollte nun mal gefallen und geliebt werden. Man kann’s ihm nicht verdenken.

Rufus alias Robert war jüdischer Abstammung und aus nur ihm bekannten Gründen schien ihm diese Tatsache nicht zu behagen. Vielleicht ein nicht unwichtiger Grund mehr für seinen Namenwechsel.

Sie persönlich fand, dass Rufus-Ignaz Weinbergen viel mehr hermachte. Rrruuuufus-Iiignazzzz Weinnnberrrgennn – das klang in ihren Ohren nach einem Schwerenöter, einem skrupellosen Wirtschaftskriminellen oder einem Tod und Unheil bringenden Psychopathen. Stattdessen erschien nur ein Robert auf der Bühne. Jedenfalls passte der Name Robert Berger wirklich besser zu seiner Banalität und seiner Mittelmäßigkeit. Wobei sie ja der Meinung war, dass Mittelmäßigkeit keinesfalls zu verachten sei. Heutzutage freute man sich schon, wenn irgendetwas oder irgendwer Mittelmäßigkeit erreichte. Mittelmäßigkeit – das ist doch schon was, in einer Zeit, in der man seine Ansprüche auf ein Mittelmaß zurückschraubte, um Enttäuschungen vorzubeugen. Sie hatte einmal gelesen: »Popularität setzt Mittelmäßigkeit voraus«. Dieser Satz ließ sie seither nicht mehr los.

Robert war also durchaus kein schlechter Schauspieler …

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Seit einiger Zeit hatte sie so etwas Ähnliches wie eine Affäre mit ihm. Sie nannte es »Affäre«, in Ermangelung eines besseren Wortes. Sie waren noch nicht miteinander im Bett gewesen. Das nicht, aber geschmust hatten sie schon auf Teufel komm raus. Bei ihr war der Teufel immer ein bisschen weiter draußen als bei Robert. Er war verheiratet. Was sie weiter nicht störte. Ihn, den Gutmenschen, offensichtlich schon. War sie verliebt in ihn? Eher nicht. Wollte sie, dass er sich scheiden ließ, um mit ihr für den Rest des Lebens, ihres gemeinsamen Lebens, zusammen zu sein? Um Gottes willen, nein! Was war es dann? Ihre Antwort darauf fiel relativ nüchtern aus. Mit Robert war endlich wieder einmal ein Mann auf der Bildfläche erschienen, der ganz offen seine Bewunderung für sie zeigte. Er bewunderte sie als Künstlerin, als Kollegin, als Frau, als Körper. Ihr Körper konnte sich durchaus sehen lassen. Groß, schlank, durchtrainiert, üppige Brüste, langes brünettes Haar, große dunkelbraune Augen, volle sinnliche Lippen. Sie war nicht perfekt. Nein. Aber gerade das machte sie so interessant. Das wusste sie. In einem Zeitalter der Mittelmäßigkeit war sie alles andere als mittelmäßig. In jeder Hinsicht.

Robert und sie spielten ein Liebespaar. Wenn er sie auf der Bühne umarmen und drücken musste, dann umarmte er sie immer etwas zu lange und drückte sie immer etwas zu fest. Küssen mussten sie einander auf der Bühne nicht.

Aber wie gesagt, mehr als küssen war mit Robert abseits der Bühne noch nicht drin gewesen. Sie wusste, irgendwann würden sie schon noch im Bett landen. Das war bei ihr wie das Amen im Gebet. Denn wenn sie einen Mann so nahe an sich heranließ, dass er sie küssen durfte, dann durfte er normalerweise auch alles andere. Und das nicht erst nach dem achten Date, sondern sofort. Bisher war sie mit jedem Mann wenige Minuten nach dem ersten Kuss beim finalen Geschlechtsakt gelandet. Für sie machte es absolut keinen Unterschied. Das war bei ihr immer schon so gewesen. Es gab für sie keine Grenzen. Keine fließenden Übergänge. Sie hatte kein Problem mit Sex. Sie hatte entweder keinen oder sie hatte welchen. Aber nur so eine Schmuserei oder Petting, ohne »die Sache« zu finalisieren, das kannte sie nicht. Das machte sie allerdings noch lange nicht zur Schlampe. Sie war ein molliger, von Akne geplagter, einsamer Teenager gewesen. Was ihr heute niemand mehr glauben wollte. Wenn sie es denn doch erzählte, glaubten alle, sie kokettiere, würde nach Komplimenten fischen und zu Beschwichtigungen animieren. Naja, sollten sie doch glauben, was sie wollten. Dennoch war es die Realität. Es war als pubertierendes Mädchen ihre Realität gewesen, die diversen Partys alleine zu verlassen. Meist schon vorzeitig. Aus Langeweile. Hätte sie vielleicht mit einem der anwesenden Jungs getanzt, geschmust und Gott allein weiß was noch, dann wäre ihr unter Umständen nicht so langweilig gewesen. Aber dieser Tatsache war sie sich auch nicht immer so sicher.

Wieder entkam ihr ein lautes Lachen und der ältere Herr (der im schlecht sitzenden Anzug) sah sie entgeistert an.

Was soll’s: Sie war Schauspielerin, eine Künstlerin. Sie konnte sich Schrulligkeit leisten. Narrenfreiheit. Schlechtes Benehmen ging in ihren Kreisen leicht als Originalität, als künstlerischkreative Individualität durch.

Sie räusperte sich, machte große, interessierte Augen und wandte ihren Blick wieder dem schlecht sitzenden Anzug zu. Der ließ sich von ihrem Heiterkeitsausbruch nur kurz irritieren und sprach ohne Punkt und Komma weiter.

Nach Hilfe und Erlösung, nach Robert suchend, sah sie sich im Gino um und da! Ping, ping! Ihre Blicke trafen sich. Robert lächelte ihr zu und gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, sie solle zu ihm kommen.

»Eva, ich möchte dir jemanden vorstellen!«

Ach, wie sie ihn dafür liebte. Er wusste genau, wie sehr sie das Volksbad, das Bad in der Menge hasste, und war ihm unendlich dankbar, dass er sie erlöste. Höflich verabschiedete sie sich vom alten Anzug mit den fettigen Haaren und ging zu Robert, der sich mit einem neuen Anzug mit gewaschenen Haaren unterhielt.

»Darf ich vorstellen, Eva, das ist Magister Markus Huber. Seine Firma wird mein Soloprogramm unterstützen.«

Magister Huber war, wie sich herausstellte, PR-Chef eines großen Fruchtsaftkonzerns und machte Sponsorgelder für Roberts ersten Soloabend locker. Robert hatte für sich selbst ein Stück geschrieben. Darin ging es um einen verheirateten Mann, der – wie könnte es auch anders sein – über alle Schwierigkeiten im ehelichen Zusammenleben und die damit verbundenen Missverständnisse gegengeschlechtlicher Beziehungen klagte. Sie fand das eine ziemlich simple und unoriginelle Idee, dieses »Mann und Frau, na das kann ja nicht klappen«-Szenario.

Sie fand es überaus langweilig, was sie aber Robert niemals sagen würde. Sie wollte ihn nicht verletzen, denn Robert war von seiner Idee begeistert. Er war geradezu enthusiastisch und überzeugt, damit einen goldenen Wurf zu landen. Wahrscheinlich gab es auch tatsächlich interessiertes Publikum für einen Abend wie diesen. Genügend Menschen, die sich mit dem verwirrten, orientierungslosen Loser auf der Bühne identifizieren konnten.

Da konnten sie lachen. In ihren »wirklichen« Leben konnten sie über sich selbst nicht lachen. Deshalb würde Robert mit seinem kritischen Männerprogramm wahrscheinlich wirklich Erfolg haben. Bei Männern und bei Frauen, die im Theater ganz offiziell, ganz legitim über ein überhöht verzerrtes Spiegelbild ihrer Männer lachen durften. Nun gut, wenigstens hatte er einen Sponsor an der Hand, der für die Fotokopien, CD-ROMs, Requisiten und so weiter aufkommen würde. Eine Sorge weniger für Robert.

Magister Huber überschlug sich förmlich mit Komplimenten für Eva. Er habe noch nie in seinem Leben eine so schöne und gleichzeitig so humorvolle Frau getroffen. Robert nickte zustimmend. Erwartungsvoll und neugierig, wie sie wohl auf diese vielen überschwänglichen Komplimente reagieren würde, sah er sie an. Denn er kannte sie ja schon ein bisschen besser und wusste, dass sie im Grunde ihres Herzens eine sehr schüchterne Person war, die mit so etwas nicht gut umgehen konnte. Aber sie war ja auch Schauspielerin. Eine gute Schauspielerin.

Und so bedankte sie sich freundlich bei Magister Huber, der sich dadurch angespornt fühlte, ihr noch mehr Honig ums Maul zu schmieren. Wie alt sie denn sei, wenn er so frech fragen dürfe, denn sie sehe so unglaublich jung aus.

Robert sah ihr direkt in die Augen – sah ihr auf eine Art und Weise in die Augen, die sie erzittern ließ. Dieses Zittern ging vom Bauchnabel aus und breitete sich wie ein Erdbeben in kleinen Wellen über ihren ganzen Körper aus. Ihr wurde heiß und kalt gleichzeitig. Irgendwann, lieber Robert, hoffentlich schon bald, wirst du deine unausgesprochenen Versprechungen wahr machen, dachte sie. Und sie hoffte in diesem Moment, dass ihr Erröten unter dem alten Make-up auf der Haut nicht zu sehen war. In wenigen Monaten feiere sie ihren siebenunddreißigsten Geburtstag, antwortete sie dem Fruchtsaft-Magister.

Ja, es stimmte. Sie sah noch sehr jung aus. Wie alle Frauen in ihrer Familie sah sie mindestens zehn bis fünfzehn Jahre jünger aus. Alle, bis auf ihre Mutter. Aber die war tablettensüchtig. Wie lange schon, das konnte Eva nicht mit genauer Bestimmtheit sagen, aber wohl schon lange genug, denn in ihrer Erinnerung hatte ihre Mutter stets eine Lade mit den verschiedensten Pillen und Dragees gefüllt und bediente sich auch mehrmals täglich großzügig daraus. Was genau ihre Mutter da immer schluckte, hatte sie erst in den letzten Jahren zu interessieren begonnen. Neben rezeptpflichtigen Medikamenten (Blutdrucksenkern, Magentabletten, Kreislauftabletten, fiebersenkenden Mitteln) fanden sich alle nur denkbaren Nahrungsergänzungsprodukte in der Giftlade ihrer Mutter. Musste auch ganz schön was kosten, diese Lade immer wieder so toll aufzufüllen. Dass sie bei diesem chemisch-pharmazeutischen Cocktail, den sie da seit Jahrzehnten täglich verschlang, überhaupt noch lebte, zeugte von einer robusten Natur und grenzte beinahe an ein Wunder.

Ja, und so nebenbei, als würde die Tablettensucht nicht genügen, war ihre Mutter auch noch eine starke Raucherin. Seit Evas Geburt rauchte sie täglich zwei Päckchen Marlboro. Heute waren ihre Beine vom Knie abwärts dunkelbraun.

Dass dieser Umstand eventuell dem übermäßigen Konsum von Nikotin zuzuschreiben war, bestritt ihre Mutter aufs Heftigste. Das seien doch keine Raucherbeine! Nie und nimmer! Dann war da noch die Sache mit der Ernährung. Täglich fünfhundert Gramm Schokolade und zweihundertfünfzig Gramm Gummibärli wollte Eva nicht als gesunde Ernährung durchgehen lassen.

Und so sah ihre Mutter, wenn schon nicht unbedingt älter, jedenfalls genau so alt aus, wie sie wirklich war. Was Eva allerdings wesentlich mehr schmerzte: Ihre Mutter sah nicht gesund aus. Um das zu erkennen, musste man nicht unbedingt Arzt sein. Man musste nicht Medizin studiert haben. Das Übergewicht, Geruch von Haut und Atem, das übermäßige Schwitzen, das schwere, schnaufende, pfeifende Ein- und Ausatmen – das alles sprach für sich und das alles machte Eva traurig. Sehr traurig.

Und dann gab es noch die drei Schwestern ihrer Mutter und die zwei Schwestern und die zwei Brüder ihres Vaters. Die etwas jüngere Schwester ihres Vaters hatte früher als Gesellschaftskolumnistin beim Bezirksblatt gearbeitet und fühlte sich daher als Insiderin und Kennerin der Branche. Als solche gab sie ihrer Nichte zu Beginn ihrer Schauspielkarriere viele Tipps. Wie sie sich zu kleiden, zu benehmen hatte, zu welchenVeranstaltungen sie gehen sollte und dergleichen. Als Eva mehr und mehr Erfolg in ihrem Beruf hatte und sich nach einiger Zeit in der großen Stadt, nicht in der Provinz, als viel geschätzte Schauspielerin zu etablieren begann, wich die Hilfsbereitschaft der Tante dem puren Neid. Sie ignorierte den Erfolg der Nichte. Jede gute Zeitungskritik blieb unkommentiert. Über »die Branche«, »das Metier« und ihre berufliche Laufbahn als Schauspielerin wurde nicht mehr gesprochen. Evas Entwicklung wurde vollständig ignoriert. Die Nichte wurde zur Konkurrentin. Was Eva hochgradig lächerlich fand.

Diese Veränderung störte sie aber weiter nicht. Sie konnte gut mit und sie konnte gut ohne die Aufmerksamkeit ihrer Tante leben. Denn was Eva im Laufe der Zeit gelernt hatte und die Erfahrungen, die sie als Schauspielerin gesammelt hatte, ließen sie rasch erkennen, dass das meiste, was ihre Tante ihr einzureden versucht hatte, schlicht und ergreifend Blödsinn war. Einfach nicht stimmte. Und wenn ihre Tante einmal angefangen hatte zu reden, dann hörte sie so schnell nicht wieder auf. Jedes begonnene Gespräch endete in einem Monolog der wissenden Kennerin. Und Eva wurde es schnell langweilig. So war sie nun ziemlich froh, dass sie von ihrer »Medien-Tante« nicht mehr beachtet und niedergeredet wurde, denn somit geriet sie nicht mehr in die Verlegenheit, Interesse für den vorgetragenen Unsinn heucheln zu müssen.

Eva war ein Einzelkind gewesen. Das heißt, sie war es immer noch. Zum Glück! Nicht auszudenken, was das für ein Geschwisterchen hätte werden können, bei dem Nikotin- und Tablettenkonsum der Frau Mama. Jedenfalls hatte Eva schon sehr früh gelernt, dass sie sich auf niemanden verlassen konnte. Nur auf sich selbst. Das brachte ihr neben dem gelegentlichen Gefühl der Einsamkeit auch die frühe Selbstständigkeit ein, um die sie sehr oft beneidet wurde. Eigenständigkeit und Autonomie. Autonomie auch ihre Gefühlswelt betreffend. Woher das kam, wusste sie nicht genau. Sie hatte als Kind schon das Gefühl gehabt, sich nicht hundertprozentig auf ihre Eltern verlassen zu können. Also hatte sie immer einen Plan B parat, bei dem sie Regie führte, Protagonistin war und alles zur Zufriedenheit aller, was ihre eigene Zufriedenheit inkludierte, erledigte.

Ihre Mutter meinte es immer gut. Aber gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Ihre Mutter tat nie genau das, worum man sie gebeten hatte. Sie tat entweder zu viel oder zu wenig. Aus Liebe natürlich. Gut gemeint. Sie hielt sich nicht an Abmachungen, die sie mit ihrer Tochter getroffen hatte. Aus Liebe. Sie traf Entscheidungen über den Kopf ihrer Tochter hinweg. Aus Liebe. Und so enttäuschte sie ihre Tochter ständig. Aus Liebe.

In eine hübsche Sippschaft war sie da hineingeboren worden, die kleine Eva! Sie war mittendrin, gehörte aber nicht dazu. Dieses Gefühl sollte sie ein Leben lang begleiten.

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»Was meinst du, Eva, Halb-Playback oder Pianist live auf der Bühne?«

Eva wurde aus ihren Gedanken gerissen. Wie oft hatte ihr Robert diese Frage nun schon gestellt? Sie sah in die Gesichter der beiden Männer und vermutete, dass Robert sie das schon zum zweiten oder dritten Mal fragte, was man bei all dem Lärm im Gino absolut als akustische Wahrnehmungshemmung durchgehen lassen konnte.

So, so, singen wollte Robert also auch in seinem selbst geschriebenen, selbst produzierten Solo-Männer-Stück.

»Pianist, natürlich«, antwortete sie, ohne lange zu überlegen. »Das ist doch viel besser. Lebendiger, spontaner. Du kannst improvisieren, Robert. Eine deiner Stärken.«

Sie schenkte ihm ihr verführerischstes Lächeln. »Du kannst improvisieren, und wenn du mal einen Hänger hast, dann kannst du das charmant in eine Improvisation übergleiten lassen, wenn du weißt, was ich meine. Ein Pianist auf der Bühne stellt jedoch einen zusätzlichen Kostenfaktor dar, aber ich denke, der Herr Magister Huber weiß, dass Qualität was kostet. Nicht wahr, Herr Magister? Das kann man ja bei Ihren Fruchtsäften sehen. Was heißt sehen! Schmecken!«

Puh, hoffentlich war das nicht zu dick aufgetragen!

Eva bestellte einen Gin Tonic und überließ die beiden Männer wieder ihrem Fach-, Vertrags- und Schleimgespräch. Sie ließ ihren Blick durch das Lokal schweifen. Das Gino hatte sich schon geleert. Nur mehr einige wenige Gäste lungerten an der Bar herum. Die würden mit großer Sicherheit zur Sperrstunde noch immer da herumstehen. Sie war auch länger geblieben, als sie eigentlich vorgehabt hatte. Sie wollte warten, bis Robert sich anschickte, das Lokal zu verlassen. Heute Abend hatte sie das Glück gehabt, ihren Wagen gleich hinter seinem zu parken. So könnten sie dann gemeinsam zu ihren Autos gehen und sich vielleicht noch mit zweideutigen, schlüpfrigen Andeutungen und einem Kuss voneinander verabschieden, um dann getrennt nach Hause zu fahren und sich vor dem Einschlafen mit ein paar eindeutigen SMS in den Schlaf zu schicken.

Wie Robert das mit seiner Frau und der SMS-Schreiberei mitten in der Nacht hinbekam, war Eva ein Rätsel. Wahrscheinlieh lag sie schlafend neben ihm, zufrieden, dass ihr Rufus nun endlich zu Hause war. Robert, Rufus, sollte sich einige Jahre später von seiner Frau scheiden lassen, um eine herbe, uncharmante, schmallippige Schauspielkollegin zu heiraten, mit der er einen Autoverleih gründete. Einen Autoverleih! Das Schicksal: Eine Aneinanderkettung von Zufällen!

Nun, so mittelmäßig war er als Schauspieler auch wieder nicht gewesen.

»Meine liebe, hochverehrte Frau Eva! Mein Herz blutet, wenn ich daran denke, dass ich mich von Ihnen verabschieden muss. Seit Jahren verehre ich Ihre Kunst. Ich fühle mich als Ihr größter Fan und werde es bis zu meinem Tode bleiben. Und jetzt, wo ich Sie persönlich kennenlernen durfte, hat sich mein hehres Bild und meine Meinung von Ihnen nur noch verhärtet.«

Verhärtet, dachte sie. Bei dem hat sich was verhärtet. Das erinnerte sie ganz schlimm an einen Tumor oder einen eitrigen Pickel. Verhärtet, also! Muss ganz schön hart sein, mit so einer Verhärtung durch das Leben zu gehen. Der Fruchtsaft-Magister hatte wirklich eine komische Art, sich auszudrücken.

Sie lächelte ihn an und bedankte sich höflich. Magister Huber schnappte ihre rechte Hand, klemmte sie zwischen seine verschwitzten Finger und schüttelte sie so heftig, dass sie daran zu zweifeln begann, ob er wirklich ein so großer Fan von ihr war. Denn wenn ja, warum versuchte er dann soeben ihre Schulter auszurenken? Endlich ließ er los und verließ das Lokal. Sie schaute belustigt zu Robert.

»Ich geh nur mal schnell für kleine Jungs und dann gehen wir auch, was meinst du?«, fragte er. Sie nickte nur. Wenige Minuten später standen sie bei ihren Autos und küssten sich wild. Ausgehungert. Gierig. Er drückte sie so fest gegen ihren Wagen, dass sie seine »Stoßstange« spüren konnte. Aber auch heute würden sie nicht zu ihr fahren. Das ahnte sie. Das wusste sie. Keuchend löste sich Robert plötzlich von ihr: »Ich muss jetzt los, Eva. Ich muss, denn sonst weiß ich nicht mehr, was ich tue.«

»Ja, Himmel, dann vergiss dich mal! Verlier dich in Lust und Leidenschaft! Nimm mich! Nimm mich hier am Boden, gleich zwischen unseren geparkten Autos! Mach doch deinem Namen einmal alle Ehre und sei ein Tier! Sei ein Rufus, du kleinkarierter, langweiliger Gutmensch!«, dachte sie. Aber sie hörte sich sagen: »Okay. Komm gut nach Hause. Wir sehen uns morgen vor der Vorstellung.«

Robert stieg in sein Familienauto ein, schenkte ihr zum Abschied den Blick eines begossenen Pudels – wie gesagt, er war durchaus kein mittelmäßiger Schauspieler – und fuhr davon. Eva atmete tief durch, kramte in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel, drehte sich um – und erschrak!

Vor ihr stand eine fremde Frau. Es war nicht Roberts Frau. Von der hatte er ihr einmal ein Foto gezeigt. Wer war diese Frau? Seit wann war sie da? Was hatte sie alles gesehen und gehört? Evas Herz raste noch schneller als bei Roberts Küssen.

»Ja, bitte«, ergriff sie das Wort. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?«

»Eva, kannst du dich nicht an mich erinnern?«

Die flotte Liselotte

Der Name ihrer Mutter

zergeht auf der Zunge wie Butter.

Nicht Constanze, Wietzke, nein!

So hart sollte doch kein Vorname sein.

Für ein Mädchen wählt man doch keinesfalls diese,

also, ihre Mutter, die heißt Lise.

Doch nicht Lise nur allein,

Lotte heißt sie hintendrein.

Liselotte wuchs heran,

im rechten Alter suchte sie ’nen Mann.

Und obwohl sie immer war ’ne Flotte,

war das nicht leicht für Liselotte.

Denn Liselotte, wohl bedacht,

hat sich aus dem Staub gemacht.

Immer dann wenn’s brenzlig wurde,

wie sie rannte, wie sie spurte,

der Verantwortung zu entkommen,

hätt’ sie auch den höchsten Berg erklommen.

Um dann selbstzufrieden runterzusehen,

glücklich, dem, was man Leben nennt, zu entgehen.

Wirklich frei von Empathie

interessierte sie sich für andere nie.

Und die Frage nach den eigenen Bedürfnissen

ließ sie ertrinken in Zerwürfnissen.

Und so ging sie bald konform

mit der selbstgefälligen Norm.

Keine Kanten, keine Ecken,

Wohlgefallen bis zum Verrecken,

lebt man Verlogenheit jeden Tag

von der Geburt bis hin zum Sarg.

Jedoch eins, das tat sie gern,

nein, nicht kochen, nicht sehen fern,

sie zog sich gern die Kleider aus

und rannte dann halb nackt durchs Haus.

Oh, mit ihren zweifelhaften Reizen,

nein, da wollte sie nicht geizen.

Sie war jung, sie war nicht reich,

doch wie auch immer, es war ihr gleich.

Hauptsache war’s, ihren Popo zu sehen

und ohne Kleidchen rumzugehen.

Liselotte, stets munter und wach,

hatte lieber den Spatz in der Hand als die Taube am Dach.

Ja, sie dachte, sie sei fesch,

drum ging sie

nicht bei Gelegenheit,

nein, immer in Unterwäsch’.

Und so wussten immer alle Bescheid:

Liselotte trägt auch heute kein Kleid.

Evas Zeugung war ein Unfall gewesen,

in einer geilen Nacht im März

ließ Liselotte Günther gewähren,

nur so zum Scherz.

Ja, Günther war doch genauso gut wie Max oder Bert,

von dem hatte sie schon lange nix mehr gehört.

Ohne Kleidchen und ganz ohne Wäsch

kam man zur Sache,

und zwar ganz resch.

Es war nicht geplant,

es war ein Versehen,

doch eine Schwangerschaft war nun nicht mehr zu umgehen.

So geschehe, was geschehen muss,

man bringt die Sache zu ’nem gefälligen Schluss.

Vor dem Traualtar

traf sich die Verwandtschaft,

eine große Schar

von bigotten Konformisten.

Wein wurde gesoffen –

bestimmt vierzig Kisten.

Unüberlegt und nicht durchdacht

hat man sich auf den Weg gemacht.

Hat auf eine gemeinsame Zukunft hingesteuert

und ungefragt hatte sie jedem beteuert,

ja, das ist es, was sie will.

Sprach einer dagegen, dann rief sie laut: »Still!«

Und Günther, von der ersten Lust verlassen,

konnte sich nur noch an die Stirne fassen.

Vorne der Pfarrer, hinten der Klan:

»Oh, Gott, was hat er sich da angetan.«

Er sagte »ja« und sie sagte »ja«,

das Kind ward geboren

und dem Kind war schnell klar:

»Willst du hier überleben, dann spiele brav mit.«

Es ist schon was Besonderes,

so ein Lebenseintritt.

Sie tauften es »Eva«, Mutter der Erde,

wenn nur was Ordentliches aus ihr werde.

Doch Eva war Eva

und man konnte sehen,

sie wollte der Familie aus dem Wege geh’n.

So wuchs sie heran,

und was sie auch tat,

die Eltern, sie wussten keinen Rat.

Sie war so anders, die Kleine,

sie brauchte eine sehr, sehr lange Leine.

Denn sonst wurde sie unangenehm

und Liselotte, noch immer bequem,

wollte sich mit all dem nicht auseinandersetzen

und so sah man sie durchs Haus wetzen.

Immer fleißig, hektisch und rege

ging sie Mann und Tochter aus dem Wege.

Günther, der war in seiner Freizeit verplant,

denn wer hätte das schon geahnt,

dass er sich plötzlich in so einer Situation befand:

mit dem Rücken schön zur Wand.

Er war ein »Hans Dampf in allen Gassen«,

hat Frau und Kind oft allein gelassen.

Der Familienalltag im Dorf,

ganz »normal«,

war für Eva eine unbeschreibliche Qual.

So erkannte sie bald

bei einem Spaziergang durch den Wald:

»Verlässt du dich auf andere, dann bist du verlassen.«

Das hat sie geprägt,

dafür würden sie sie noch hassen.

Ihre Selbstständigkeit,

die ging den anderen zu weit.

Doch es war schon zu spät,

sie war schon bereit,

ihren eigenen Weg zu gehen.

Erzählt hatte sie’s niemandem,

es würde ja doch keiner verstehen.

In ungeschriebenen Gesetzen gefesselt,

von Banalitäten erstickt,

hatte sie einen Plan.

Sie wusste, die Uhr tickt,

sie wollte sich nie mehr verletzen lassen.

Respekt, Liebe, Geduld,

irgendetwas sollte schon passen,

das zum Bleiben sie hätte bewogen,

doch sie wurde immer verraten, belogen und betrogen.

Die Erfahrung hatte sie das gelehrt

und es war keineswegs verkehrt,

sich nun aus dem Staub zu machen.

Später hätte sie genug Zeit, um darüber zu lachen.

In Gedanken war sie ohnehin schon längst weg

und ließ die Sippschaft zurück im hausgemachten Dreck.

Kranke Emotionen, die irritieren,

so was sollte ihr nie wieder passieren.

So zog sie von dannen mit hocherhobenem Haupt,

und was »zu Hause« bis heut’ keiner glaubt,

sie hat ein fantastisches Leben –

fast hätten sie ihr es geraubt.

2.

»Trente, quarante!«

»Einstand.«

»Mon avantage.«

»Ich brauche eine kurze Pause. Heute ist es so wahnsinnig heiß und ich hab so einen großen Durst. Schluss für heute, ja?«

»D’accord.«

Der Tennisplatz lag gänzlich ungeschützt in der prallen Mittagssonne. Die heiße Juliluft vibrierte und kein Baum oder Busch befand sich in der Nähe, um den beiden Mädchen wenigstens etwas Schatten vor der schier unerträglich werdenden Hitze zu spenden.

Die moderne Tennisanlage mit den fünf neuen Tennisplätzen war bei den Mitgliedern des ortsansässigen Tennisvereines sehr beliebt und daher ständig ausgebucht, sodass es für die beiden Teenager nur möglich war, in der Zeit zwischen halb zwölf und vier Uhr einen freien Platz zu ergattern. Also bei der größten Hitze, wenn die Sonne am höchsten stand. Dieser widrige Umstand tat ihrer Tennisbegeisterung allerdings keinen Abbruch, und so trafen sie sich in den Sommerferien täglich um elf am Tennisplatz.

Die zwei kannten sich schon seit etwa drei Jahren. Beide hatten letzten Dezember ihren dreizehnten Geburtstag gefeiert.

»Okay. Ich bin fix und fertig. Ich kann nicht mehr.«

»Fahren wir später runter zum See?«

»Oui, c’est une bonne idée. Eine super Idee! Um wie viel Uhr?«

»So gegen halb vier? Ich möchte vorher noch zu meiner Oma etwas essen gehen. Ich habe einen riesengroßen Hunger.«

»Okay, à plus tard, alors.«

»Bis später!«

Die Mädchen schwangen sich auf ihre Fahrräder und brausten, jede in eine andere Richtung, davon. Die eine, schlank mit hüftlangen, haselnussbraunen, glatten Haaren, die sie nur beim Tennisspielen zu einem Pferdeschwanz zusammenband, sonst immer offen trug und ihre braun gebrannte, makellose Haut brachte den südländischen, olivfarbenen Teint wunderbar zur Geltung. Große, goldene Kreolen hingen an ihren Ohrläppchen.

Die andere, ja, die andere war noch mehr ein Kind, weniger ein Teenager – obwohl die hormonelle Rebellion in ihrem Körper schon voll zugange war, wie man an der Akne geplagten Haut unschwer erkennen konnte.

Dummerweise war nur die Haut in ihrem Gesicht von dieser Veränderung betroffen und sie fragte sich oft, warum das so sein musste – warum sie nicht diese vielen unschönen Pusteln und Wimmerl am Allerwertesten haben könnte, wo es niemand hätte sehen können. Aber es war nun mal so, wie es war. Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich täglich Unmengen von Abdeckcreme ins Gesicht zu schmieren, was leider zur Folge hatte, dass damit noch mehr Aufmerksamkeit auf ihr pickeliges Gesicht gezogen wurde.

Die kurzen, brünetten Haare standen ihr aufgrund sehr widerspenstiger Wirbel im wahrsten Sinn des Wortes zu Berge und vermochten natürlich auch nicht von der schlechten Gesichtshaut abzulenken. Sie war ein pummeliges Mädchen. Rundlich, nicht dick. Es war noch der Babyspeck, der den zukünftigen Körper einer Frau umhüllte.

Damals in diesem sehr heißen Sommer 1981.

Samantha und Eva hätten unterschiedlicher nicht sein können. Jedoch nur äußerlich, denn als sich die beiden kennenlernten, waren sie von der ersten Minute an ein Herz und eine Seele. Zwei, die sich gefunden hatten. Wie das bei Kindern eben manchmal so ist. Rückblickend konnte keine von beiden genau sagen, wann, wo und wie sie sich eigentlich kennengelernt hatten.

Jedenfalls fieberten die zwei immer ihrem nächsten Treffen entgegen. Sie verbrachten dann jede freie Minute des Tages zusammen. Sie waren, wie man so schön sagt, »Seelenverwandte«. Samantha und Eva verstanden sich auch ohne Worte.

Samantha lebte mit ihren Eltern in Wien, etwa fünfzig Kilometer von dem kleinen, beschaulichen Heimatdorf Evas entfernt.

Die Familie Benoyte kam an allen Wochenenden und in allen Schulferien hierher in das kleine gemütliche Wochenendhäuschen am Dorfrand, um die Ruhe und Idylle des Landlebens zu genießen. François Benoyte war Franzose. Seine Frau Inez Spanierin. Beide waren im diplomatischen Dienst für die UNO tätig. Samantha sprach fließend Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch – was Eva mächtig imponierte und worum sie ihre Freundin beneidete.

Aber Eva beneidete ihre Freundin nicht nur um deren Fremdsprachenkenntnisse, nein, sie hegte generell eine große Bewunderung für Samantha, verkörperte diese doch alles, was Eva mit »der großen, weiten Welt« in Zusammenhang brachte: das spannende, internationale Tätigkeitsfeld der Eltern, Verwandte und Freunde in halb Europa, die französische Eliteschule, in die Samantha gehen durfte, alle ihre tollen und interessanten, internationalen Klassenkollegen …

Das alles war überaus faszinierend für Eva. Sie genoss die Zeit mit und bei den Benoytes.

An verregneten Nachmittagen saßen alle im Wohnzimmer des kleinen Wochenendhauses und lauschten den lustigen Erzählungen von Monsieur Benoyte. Samanthas Vater sprach ausschließlich Französisch bei sich zu Hause, und seit er wusste, dass seine Tochter Eva Französischunterricht erteilte, bemühte er sich auch gar nicht mehr, irgendetwas für Eva zu übersetzen.

In der einen Hand ein Glas Rotwein, in der anderen Hand eine Zigarette (blaue Gauloises) und am Kopf, bei jedem Wetter, und auch wenn er drinnen im Haus war, ein schwarzes Barett, so gab Samanthas Vater das Bild eines typischen Franzosen ab. Inez, die Frau Mama, war eine herzliche und temperamentvolle Frau, die immer einen entspannten Eindruck machte.

Im Haus roch es oft nach den mediterranen Köstlichkeiten, die sie zubereitete und von denen Samantha und Eva stets als Erste kosten durften.

Überhaupt war das ganze Haus urgemütlich, wie Eva fand. Wenn man die Gartentür des Anwesens der Benoytes hinter sich schloss, hatte man den Eindruck, plötzlich in einer ganz anderen Welt gelandet zu sein. »So ist es sicher auf einer ruhigen, abgeschiedenen Insel irgendwo im Mittelmeer«, dachte sich Eva immer wieder.

Samanthas Mutter war es wichtig, bei sich zu Hause eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohlfühlten.

Sie legte nicht so viel Wert auf blitzblank geputzte Möbel oder einen Fußboden, von dem man essen konnte. Dafür hatten sie ja ohnehin den Esstisch. Sterile Sauberkeit war nicht so ihr Ding. Eva fand das unheimlich sympathisch.

So unterschiedlich Eva und Samantha waren, so unterschiedlich waren auch ihre Mütter Liselotte und Inez. Liselotte, die ständig beschäftigt und gestresst wirkte, immer am Putzen, Bügeln, Staubsaugen oder Unkraut jäten war und daher für nichts und niemanden je Zeit hatte, kümmerte sich eigentlich überhaupt nicht darum, ob sich ihre Familie zu Hause wohlfühlte oder nicht.

Warum denn auch? Es war doch ohnehin nie irgendjemand da. (Anmerkung vom Schicksal: »Was war zuerst da? Die Henne oder das Ei?«)

Evas Vater Günther war, neben seinem Beruf, in etwa zehn Vereinen in diversen Funktionen tätig und daher so gut wie nie daheim anzutreffen. Eva verbrachte ihre Zeit entweder bei den Benoytes, bei ihrer Großmutter Leopoldine oder im Keller ihres Elternhauses, wo sie sich eine Art Jugendzimmer eingerichtet hatte. Dort befanden sich all ihre Spielsachen, der Schallplattenspieler inklusive der Schallplattensammlung und alles andere, was ihr lieb und teuer war. Später, als sie ihre Liebe zum Gesang entdeckte, war das Zimmer im Keller geradezu ideal, denn dort konnte sie sich nach Herzenslust ihrer Leidenschaft hingeben und ihre Lungenflügel kräftigen.

Liselotte schien die permanente Abwesenheit von Mann und Kind gar nicht zu bemerken. Sie war zu beschäftigt mit Putzen, Bügeln, Staubsaugen und Unkrautjäten.

Ja, und so hatte Liselotte ein sehr sauberes, aber leeres Haus.

Eva hatte sich schon längst an den Umstand gewöhnt, zum Nägelschneiden in den Garten geschickt zu werden, Kleidungsstücke sofort wieder im Kasten zu verstauen, da alles, was an waschbarer Bekleidung im Haus herumlag, mit Sicherheit beim nächsten Streifzug ihrer Mutter durch das Haus in der Waschmaschine landete und gewaschen wurde. Egal ob es schmutzig war oder nicht. Mehr als einmal hat Liselotte die Pullover ihrer Tochter ruiniert, weil sie sie mit einem falschen Programm behandelt hatte. Der Pulli passte dann zwar nur mehr einem Gartenzwerg, dafür war er aber auch wirklich tip-top-sauber.

Wie Eva damit klarkam, war für Liselotte nicht von Interesse. Und so lernte Eva schnell, dass es besser war, sich mit dem Anprobieren möglicher tragbarer Outfits für einen der seltenen Ausgehabende mit Samantha nicht unnötig viel Zeit zu lassen und sich keinesfalls den Fehler zu erlauben, zehn Minuten für eine Sitzung am Klo zu verschwinden, ohne, wie gesagt, die Kleider wieder im Schrank zu verstauen. Oder in diesem Fall besser ausgedrückt, zu verstecken.

Liselotte war eine fleißige Hausfrau. Diese Tatsache machte sie aber nicht automatisch zu einer guten Hausfrau.

Die Benoytes waren wahre Exoten in dem kleinen Dorf. Das empfand nicht nur Eva so. Das ganze Dorf schien stets daran interessiert zu sein, ob die »Fremden« wieder mal da waren, welche Reparaturen sie am Häuschen durchzuführen planten und welchem Handwerksbetrieb im Ort sie denn den Vorzug geben würden oder was Inez im kleinen Gemischtwarenladen wieder mal nicht finden würde. Die Lebensmittel, die Inez für ihre südländischen Köstlichkeiten benötigte, waren zugegebenermaßen durchwegs äußerst ungewöhnlich.

Der Dorfgreißler schien von einigen der gewünschten Kochzutaten noch nie etwas gehört zu haben und schüttelte immer mit großer Zuverlässigkeit den Kopf, wenn Madame Benoyte etwas verlangte, von dem er nicht einmal wusste, ob es süß, sauer, salzig oder bitter war. Oder vielleicht gar kein Lebensmittel, sondern doch eher ein Putzmittel.

Die »alten« Benoytes waren in der Dorfgemeinschaft nicht so besonders integriert. Das lag zum Teil daran, dass Monsieur Benoyte Deutsch mit einem dermaßen starken französischen Akzent sprach, dass es der zum großen Teil bäuerlichen Bevölkerung des Dorfes selbst unter Aufbringung der nicht vorhandenen Phantasie unmöglich war, das Gesprochene als ihre Muttersprache zu identifizieren.

In Wirklichkeit gab sich aber keiner so recht die Mühe, François zu verstehen.

»Sie haben keine Ahnung, wie viele lustige Anekdoten und interessante Geschichten ihnen da entgehen«, dachte sich Eva jedes Mal.

Die Dorfbewohnerinnen wiederum, so hatte es den Anschein, fühlten sich von Inez’ Offenheit, Spontaneität und Weltgewandtheit eingeschüchtert.

Dem gesamten Integrationsverlauf nicht besonders zuträglich war auch die Tatsache, dass die Benoytes sonntags nie in der heiligen Messe anzutreffen waren. Die scheinheilige Gottesfürchtigkeit der Dorfbewohner vertrug sich nicht mit der Idee, am Sonntag mal so richtig auszuschlafen und den viel zitierten und viel strapazierten Herrgott einen guten Mann sein zu lassen.

Einzig und alleine Samantha hatte recht schnell ihre fixe Position in der Dorfgemeinschaft gefunden. Sie hatte sich schon in den ersten im Dorf verbrachten Sommerferien mit allen bekannt gemacht. Alle Kinder kannten sie und somit natürlich auch deren Eltern und jeder mochte auf Anhieb dieses freundliche, höfliche und äußerst attraktive Mädchen. Man konnte damals schon erahnen, was für eine umwerfende Schönheit Samantha als erwachsene Frau sein würde. Jedermann kannte sie beim Namen und bald wusste auch jeder im Dorf, dass Eva und Samantha die besten Freundinnen waren.

Einen Sonderstatus nahm Samantha bei der jungen, sich zum Teil schon auf dem Weg zur Geschlechtsreife befindlichen, männlichen Bevölkerung ein. Einfacher ausgedrückt: Samantha war der absolute Bubenschwarm.

Mit einer Selbstverständlichkeit, die nie arrogant oder herablassend erschien, nahm Samantha die Komplimente und Sympathiebekundungen der Dorfburschen entgegen. Für sie war es offenbar ganz normal, auf diese Art und Weise auf ihre Umwelt zu wirken.

Die Wochenenden und die Sommerferien kamen und gingen und aus den Mädchen wurden junge Frauen. Erste Büstenhalter wurden gekauft, erste Tampon-Packungen fanden den Weg ins Einkaufskörbchen und das Interesse am anderen Geschlecht konnten die beiden Mädchen nun beim besten Willen nicht mehr verleugnen. Sie schminkten sich (Samantha etwas mehr, Eva etwas weniger), wenn sie sich zum Ausgehen fertig machten, und die Zeit, die man vor dem Spiegel für die richtige Auswahl der Kleider aufbrachte, nahm deutlich zu.

In dem Sommer, als die Mädchen vierzehn Jahre alt waren, brachte Samantha ihren ersten »festen« Freund mit ins Dorf. Miguel, siebzehn Jahre alt, ein bildschöner Portugiese mit langen, schwarzen Haaren und einem Körper wie ein junger, griechischer Halbgott, war die Attraktion im Dorf.

Die gesamte weibliche Dorfjugend himmelte ihn an. Und Eva wurde nun von allen beneidet, denn sie war immer mit Samantha und Miguel unterwegs. Die drei schienen sich blendend zu verstehen (Eva sprach mittlerweile schon ganz passabel Französisch) und mächtig Spaß zu haben.

Und als im darauffolgenden Sommer Samanthas Liaison mit Miguel in die Brüche ging, hatte sie Evas Schulter, an der sie sich ausweinen konnte.