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Titel

Ziemlich einfach

Sie wollen in den Himmel kommen? Oder sich zumindest informieren, wie man hineinkommt, wenn dieses rätselhafte Leben auf der Erde vorbei ist?

Nichts einfacher als das.

Sie können jederzeit in den Himmel hinein. Ich meine damit keinen psychologischen Trick nach dem Motto: Der Himmel ist das innere Glücksgefühl. Nein, ich meine den echten Himmel, von dem schon unsere Großeltern geredet haben und gerne hineinwollten oder die Sklaven in den USA auf den Baumwollfeldern, die „Swing low, sweet chariot“ gesungen haben. Und sie dachten dabei an eine himmlische Gegend, jenseits des Todes, wo es einem wirklich besser geht, wo man neue Schuhe bekommt und man vor Glück in die Luft springt. Ein Ort, wo man endlich mal wieder über sich selbst lachen kann und wo der berühmte Ausgleich stattfindet und der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit gestillt wird.

Ich meine den Himmel, den man in immer neuen Bildern erklären muss, weil jedes Bild nach ein paar Jahren wieder veraltet ist.

Ich meine den Himmel, wo Heiligkeit und Lebensfreude sich nicht ausschließen, wo gesungen, geredet, geplant wird, wo das Leben endlich in seiner Fülle erscheint.

Und ich meine nicht diesen langweiligen Ort, wo man den ganzen Tag auf einer Wolke sitzt, Halleluja singen muss und das alles auch noch ohne Bier.

Und nun die gute Nachricht: In diesen echten Himmel können Sie jederzeit eintreten. Sie brauchen weder Christ zu sein noch Buddhist, Jude oder Moslem oder Mitglied einer abgedrehten Sekte.

Sagen Sie einfach dem zuständigen Engel, der Sie aus dem Krankenhaus, wo Sie eben gestorben sind, in die andere Welt begleitet: „Ich möchte gerne in den Himmel.“

Und er wird Ihnen sagen: „Bitteschön, Sie können jederzeit eintreten. Ich begleite Sie ein Stück.“

Vielleicht wundern Sie sich dann und denken: „Meine Zeit! Warum ist das denn so einfach? Warum haben es sich die Leute auf der Erde so schwer gemacht mit dem Himmel? Sie gingen in die Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempel oder in die Fitnessstudios, sie haben sich mit Moral herumgeschlagen und Geboten, Verboten und anderen mühseligen Dingen und jetzt sagt dieser nette Engel: „Gehen Sie doch einfach rein.“

„Ja“, sagt der Engel, für den Ihre Gedanken so laut klingen als ob Sie schreien. „Gott ist nicht der Spielverderber, für den Sie ihn immer gehalten haben. Er verwehrt es keinem, in den Himmel zu gehen. Hier ist der Eingang. Nach Ihnen!“

Er öffnet eine große Tür, die natürlich viel holziger und türiger ist als alle Türen auf der Erde und aus einer ganz wunderbaren Substanz besteht, irgendwie perlenartig. Sie ist die Tür aller Türen. Vielleicht haben Sie schon einmal von Platon gehört oder von dem Hebräerbrief, der in der Bibel steht. Dort wird allen Ernstes behauptet, dass in der anderen Welt die Dinge in der Realität bestehen und dass unsere Welt dagegen wie ein dünnes Abziehbild wirkt.

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Jedenfalls, die Mutter aller Türen geht auf, und da sehen Sie auch schon, dass ein prickelndes, perlendes, lebendiges Licht dahinter aufleuchtet. Ach was! Nicht nur leuchtet! Es riecht nach Frische, man kann es auf der Haut fühlen wie Tau. Ein Licht, wie es sein soll. Und dann sehen Sie in dem Licht Menschen umhergehen (Ihre Augen haben eine unglaublich gute Qualität), Menschen, die in herrlichen Häusern wohnen mit fantastischen Gärten. Sie sehen Leute, die erregt über ein Thema diskutieren, Sie sehen Maler, die gerade ihre Staffelei aufbauen, oder Handwerker bei einer Holzarbeit. Und eine Band auf einer Bühne (oder ist es ein Streichquartett?) spielt eine unglaublich starke Musik, von der später jemand auf der Erde inspiriert sein wird. Es gibt Verbindungen. Das nur nebenbei.

Liebespaare gehen vorbei, ein goldener Löwe spielt Fangen auf einem Spielplatz. Sie hören das begeisterte Gekreische der Kinder. Die Melodie eines getragenen Liedes, das jemand singt, um Gott anzubeten, schwebt vorbei, und weiter hinten, in einer alten Jugendstilvilla, wird gerade ein Fest gefeiert, dass es kracht. Und Sie sagen sich: „Klasse, ich bin dabei!“

Sie treten über die Schwelle und werden von diesem himmlischen Licht umgeben, das man einatmen kann und das belebend ist wie Sekt. Übrigens haben Sie inzwischen einen neuen Körper, der den ersten Körper völlig in den Schatten stellt. Oder anders ausgedrückt: Ihr damaliger Körper auf der guten alten Erde war der Schatten dieses Körpers. Ohne großes Aufsehen hat die Auferstehung stattgefunden, kurz nachdem Sie gestorben sind, nach dem Motto: Auferstehung jetzt! Zeit spielt keine Rolle mehr.

Sie gehen also weiter und weiter. Und dann wird Ihr Schritt langsamer und noch langsamer, und Sie bleiben schließlich stehen.

Plötzlich fühlen Sie sich nicht mehr so wohl wie vorher. Alles ist so ungewohnt offen. Ihre Gedanken werden anderen mitgeteilt. Und Sie selbst stehen wie in einem geistigen Pool und empfangen die Gedanken von Menschen, die gerade vorbeigehen. Sie können hier keine bestimmte Rolle spielen, sich verstellen oder sich verstecken. Sie entdecken dabei, dass Ihre Gedanken viel schärfer und umfassender sind als auf der Erde. Ungefähr so, wie wenn Sie früher den tausendsten Teil einer Gedankentorte zur Verfügung hatten und jetzt die gesamte Torte mit allen Verzierungen. Was Ihnen früher rätselhaft erschien, fängt langsam an, sich in einem neuen Licht zu zeigen. Sie ahnen Zusammenhänge und Sie sagen sich: „Ach so ist das!“ Eine Fülle von Erkenntnissen strömt auf Sie ein. Und trotz dieser wunderbaren Dinge um Sie herum werden sie immer unruhiger und nervöser. Es wird Ihnen nämlich klar, dass man hier nur leben kann, wenn man Gott als Autorität anerkennt. Er scheint hier überall zu sein. Sie merken plötzlich, wie leer Ihr Leben war, das Sie bis jetzt ganz okay fanden. Sie schämen sich über scheinbar unbedeutende Szenen aus Ihrer Vergangenheit, bei denen Sie ungerecht und lieblos gehandelt haben. Sie wissen nicht wohin mit Ihrem Schamgefühl. Das kommt Ihnen fremd vor.

Sie bekommen Schweißausbrüche, weil Sie spüren, dass Sie gar nicht die Kraft haben, sich so stark zu freuen, wie es hier angemessen wäre. Sie haben viel zu wenig Lebensfreude mitgebracht. Und ganz langsam gehen Sie ein paar Schritte zurück. Das neue himmlische Leben braust in Ihren Ohren und rauscht wie ein Wildbach, es pulsiert durch Ihre Adern, als sei es flüssiges Gold. Und Sie sind ganz schön geschafft. Es ist so, als ob man Sie auf dem Gipfel eines Viertausenders abgesetzt hätte mit einem grandiosen Panorama. Aber Ihr Körper hat sich an den Luftdruck und die neue Luft noch nicht gewöhnt und es wird Ihnen schwarz vor Augen.

So ähnlich geht es Ihnen jetzt auch. Sie suchen nach einem Halt und spüren zum Glück die Schultern Ihres netten Engels, der Sie jetzt unterhakt und Sie hinausbegleitet, als müssten Sie neu das Laufen üben. Sie treten wieder über die Schwelle, noch völlig außer Atem, und kommen erst allmählich wieder zu Kräften. Dankbar blicken Sie in der Welt außerhalb des Himmels umher. Es ist der sogenannte obere Bereich des Hades, eine Landschaft, die den Übergang vom Tod ins Leben erleichtern soll und die Ihrer gegenwärtigen Konstitution besser angepasst ist. Manche sagen dazu auch Paradies. Es ist so eine Art schön gestaltetes Auffanglager für Neuankömmlinge.

„Uff“, flüstern Sie erleichtert. „Noch mal gut gegangen.“

„Wenn du noch länger im Himmel geblieben wärst“, meint der freundliche Engel und geht auf das Du über, „hätte ich dich hinaustragen müssen wie einen nassen Sack.“

Dann stellt er sich mit Namen vor: „Ich bin Andie, dein Engel“, sagt er.

„Andie?“

„Ja, das ist eine Abkürzung von: Der-dich-Andie-Hand-nimmt. Aber es ist nur ein Name für dieses Buch. In Wirklichkeit heiße ich anders. Meinen echten Namen kennen nur Gott und ich.“

„Komische Sitte!“, stellen Sie fest.

„Es ist ein Schutz“, sagt Andie. „Damit die Berühmtheiten auf der Erde nicht dauernd von Besuchern belästigt werden.“

„Vielleicht wollen Sie ja belästigt werden.“

„Am Anfang schon, aber nach dreihundert Jahren nervt es.“

„Und … und haben denn Engel keine Flügel?“

„Wir brauchen hier keine Flügel.“

„Aber es gibt doch diese Bilder von …“

„Ach so“, Andie nickt verständnisvoll. „Ich weiß, was du meinst. Wenn wir auf der Erde erscheinen, haben wir manchmal Flügel, aber das sind nur symbolische Flügel, um unsere Leichtigkeit auszudrücken.“

Inzwischen haben Sie sich etwas von Ihrem himmlischen Ausflug erholt und sagen zu Andie: „Meine Güte, der Himmel hat mich einfach umgehauen.“

„Das war mir schon vorher klar“, sagt Ihr engelhafter Begleiter. „Aber du wolltest ja unbedingt rein. Oder der Mann, der gerade dieses Buch schreibt, wollte dich gleich hineingehen lassen. Jedenfalls, ich glaube, die Erfahrung musstest du erst mal machen. Jetzt ist es dir hoffentlich klar, dass man sich auf den Himmel vorbereiten muss, oder?“

Sie nicken. „Ja, das war deutlich. Und — wie bereitet man sich denn darauf vor?“

Andie, der Ihr Leben kennt als sei es seine eigene Westentasche, begleitet Sie zu einem kleinen Gartenrestaurant, bestellt zwei Gläser Bier, eines für Sie und eines für sich und dazu eine deftige Brotzeit, damit Sie wieder zu Kräften kommen, und sagt: „Um im Himmel leben zu können, musst du anerkennen, dass es Gott gibt und dass alles von ihm kommt. Du musst zum Beispiel die Offenheit lieben und zugeben, dass du in deinem Leben eine Menge Mist gemacht hast. Das habt ihr auf der Erde Sündenbekenntnis genannt. Ein langweiliges Wort. Verstehst du, du musst von innen her neu werden oder wiedergeboren sein, damit du die Herrlichkeiten des Himmels ertragen kannst. In dir selbst muss der Himmel sein, damit du den Himmel außerhalb genießen kannst.“

Sie lassen die Worte des Engels in sich nachklingen, finden sie irgendwie logisch und merken gleichzeitig, dass Ihnen noch nie in Ihrem Leben ein Bier und ein belegtes Brot so gut geschmeckt haben. Sie fühlen sich wieder stark und können gar nicht verstehen, dass Sie im Himmel schlapp gemacht haben. Und die Sache mit Gott, mit der Offenheit und dem Sündendingsbums und dem inneren Himmel müssen Sie sich noch einmal gut überlegen. Ob Sie es auf Dauer aushalten können, dass da immerzu Gott da ist, so ein übergeordnetes Wesen, das bei Ihrem Leben ein Mitspracherecht hat?

Sie blicken versonnen durch die Bäume auf den weiten Horizont einer Bergkette und fragen nur mal zum Spaß Ihren Schutzengel: „Ja, gibt es denn irgendwo hier einen Ort, wo man nicht an Gott glauben muss?“

„Klar, den gibt es auch.“

„Und — wo ist der?“, fragen Sie verwundert und denken dabei: Vielleicht wäre das etwas für mich, wo es nicht ganz so lebendig und intensiv zugeht, wo das Leben etwas gebremster verläuft, irgendwie normaler für Leute wie mich …

„Ob das etwas für dich ist, wird sich herausstellen“, sagt Andie versonnen, und Sie haben unwillkürlich den Eindruck, dass seine Stimme einen traurigen Nachklang hat.

„Können wir vielleicht einen kleinen Ausflug dahin machen?“, fragen Sie aufgeräumt und werden richtig unternehmungslustig.

Andie seufzt. „Wenn du es unbedingt wünschst, machen wir es.“

„Hat dieser Ort denn einen Namen?“, fragen Sie und denken: Meine Güte, man muss dem Burschen fast alles aus der Nase ziehen.

„Ja, er hat einen Namen. Er ist bekannt unter dem Namen Hölle.“

Das Wort Hölle hat Andie fast nur geflüstert und sich dabei geschüttelt, als ob er friert.

Sie zögern etwas, als Sie weiterreden: „Und du meinst wirklich, dass wir jetzt dorthin gehen könnten?

„Ja, klar, ich bring dich hin. Wir müssen nur ein paar Vorbereitungen treffen.“

Erste Denkpause

Eine Denkpause ist eine Pause, um zu denken. Ich möchte Ihnen ja nicht irgendeinen Blödsinn erzählen oder nur meiner Fantasie freien Lauf lassen, sondern solche lebenswichtigen Dinge müssen durchdacht werden. Sie müssen geprüft werden, ob sie dem Leben und dem, was sonst über Gott und das Jenseits gesagt worden ist, standhalten, und ob es vielleicht Leute gibt, die das bestätigen, was ich Ihnen hier serviere. Dazu ist zum Beispiel das Literaturverzeichnis am Ende da.

Wenn Sie das aber nicht interessiert, dann lassen Sie die Denkpausen einfach weg und lesen Sie diese Reise durch Himmel und Hölle wie eine unterhaltsame Erzählung.

Aber beschweren Sie sich dann nicht bei mir, wenn Sie geistigen Durchfall bekommen!

Wie kommt eigentlich ein normaler Mensch aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert dazu, an eine Lebensweise zu glauben, die nach dem Tod real existiert? Oder die parallel zu unserer dreidimensionalen Welt existiert? Ist das nicht ziemlich weit hergeholt?

Zunächst einmal: An diese Lebensweise haben bis ins achtzehnte Jahrhundert fast alle Menschen aller Religionen geglaubt. Natürlich in unterschiedlicher Weise. Traditionelle Religionen aus Afrika und Asien glaubten schon immer daran, dass ihre Ahnen nach dem Tod weiterlebten in einem anders gearteten Reich. Judentum, Christentum und Islam glauben bis heute an eine jenseitige Welt, die einerseits paradiesisch schön ist und mit Lebewesen bevölkert ist, die wie wir Wille, Verstand und Gefühl haben. Andererseits halten sie einen Zustand für möglich, in dem boshafte Menschen wegen ihrer Boshaftigkeit leiden.

Weil der Mensch es nicht aushielt endlich zu sein, erfand er ein unendliches, göttliches Wesen,

Diese Argumente leuchteten vielen Leuten ein und sie haben sich Herrn Feuerbach angeschlossen, der gesagt hatte: Jetzt gilt es, dass die Menschheit sich ganz auf sich selbst und auf die Gegenwart konzentriere! Und so wurde der Himmel den Tauben und den Spatzen überlassen.

Unter uns: Ich hab mir wirklich Mühe gegeben, aber mir haben diese Argumente nie richtig eingeleuchtet. Es ist ungefähr so, als ob jemand sagt: „Dass ich Durst habe und dass ich den Wunsch habe, etwas zu trinken, das ist verständlich. Ich kann aber nicht davon ausgehen, dass es irgendwo einen Raum gibt, der kühl und angenehm ist, wo man sich auf einen Stuhl setzen kann und von einer netten Dame bedient wird, die einem ein großes Glas Orangensaft auf den Tisch stellt.

Das ist eine schöne Illusion, die man überwinden muss. Dieser Raum mit der Kellnerin und dem Saft wäre irgendwie kitschig und ein billiger Trost. Nein, wenn ich Durst habe, muss ich mich eben damit abfinden, dass es nichts zu trinken gibt und dass ich nach ein paar Tagen elend zugrunde gehen werde. So ist das Leben nun mal. Es ist grausam. Konzentrieren wir uns also auf den gegenwärtigen Durst.

Sie und ich wissen aber, dass dieser kühle Raum und die nette Kellnerin und das Glas Orangensaft tatsächlich real existieren.

Und wenn man nun statt Durst von einem Lebensdurst redet, könnte man sich fragen: Vielleicht ist die Tatsache, dass mein Lebensdurst irgendwann gestillt wird, gar nicht so abwegig?

Pascal Mercier hat einmal geschrieben: Wenn es so ist, dass wir nur einen Teil von dem leben, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?

Das ist zumindest eine Frage wert. Also, lassen wir Herrn Feuerbach weiter verdursten, weil er nicht an tolle Restaurants mit Getränken glauben will und sie zu Illusionen erklärt, und sagen stattdessen: Zumindest kann es niemand schlüssig beweisen, dass es Gott, den Himmel oder die Hölle nicht gibt.

Apropos Hölle. Sie wollten ja gerade einen Ausflug dorthin machen. Viel Spaß!