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Ralf Kramp
Ein kaltes Haus

Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Tief unterm Laub

Spinner

Rabenschwarz

Der neunte Tod

Abendgrauen (Hg.)

Still und starr

denn sterben muss David!

Kurz vor Schluss

Abendgrauen II (Hg.)

Malerische Morde

Hart an der Grenze

Ein Viertelpfund Mord

Ein kaltes Haus

Abendgrauen III (Hg.)

Totentänzer

Nacht zusammen

Stimmen im Wald

Voll ins Schwarze

Tatort Eifel 3 (Hg.)

Ralf Kramp, geboren am 29. November 1963 in Euskirchen, lebt heute in Flesten in der Vulkaneifel. Für sein Debüt »Tief unterm Laub« erhielt er den Förderpreis des Eifel-Literaturfestivals. Seither erschienen mehrere Kriminalromane, unter anderem auch die Reihe um den kauzigen Helden Herbie Feldmann und seinen unsichtbaren Begleiter Julius, die mittlerweile deutschlandweit eine große Fangemeinde hat. Seit 1998 veranstaltet er mit großem Erfolg unter dem Titel »Blutspur« Krimiwochenenden in der Eifel, bei denen hartgesottene Krimifans ihr angelesenes »Fachwissen« endlich bei einer Live-Mördersuche in die Tat umsetzen können. Im Jahr 2002 erhielt er den Kulturpreis des Kreises Euskirchen. Seit 2007 führt er mit seiner Frau Monika in Hillesheim das »Kriminalhaus« mit dem »Deutschen Krimi-Archiv« mit 26.000 Bänden, dem »Café Sherlock« und der Buchhandlung »Lesezeichen«.
www.ralfkramp.de · www.kriminalhaus.de

Ralf Kramp

Ein kaltes Haus

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1. Auflage September 2004
2. Auflage November 2005
3. Auflage Dezember 2009
4. Auflage Juli 2012

Für mein Teuerstes.
Für Geli und Michael.
Und für Hubi. Wir und die ganze Eifel brauchen dich.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben
.

(Rainer Maria Rilke)

Inhalt

1. Verstreut

2. Begegnung

3. Das Haus

4. Ein trauriges Ende

5. Familie

6. Ellen

7. Am Herd

8. Licht

9. Viele Zwerge

10. Nachtruhe

11. Im Versteck

12. Leere Tische

13. Dickicht

14. Ausgang

15. Schmutziges Papier

16. Idylle

17. Espresso

18. Die Sonne Montezumas

19. Der Zigeuner

20. Im Keller

21. Besuch im Zwergenhaus

22. Die Botschaft

23. Bittere Erkenntnis

24. Geständnisse

25. Dünnes Eis

26. Zärtliche Erinnerungen

27. Bitterer Kaffee

28. Nirgendwo

29. Vater und Sohn

30. Der Luxemburger

31. Delicado

32. Rost und Angst

33. Gewalt

34. Ein einfacher Plan

35. Chance und Pflicht

36. Die Wahrheit

37. Abschied

1. Verstreut

Und deshalb trinken wir auf ein überaus großzügiges Geburtstagskind und auf seine wunderbare Zukunft.« Das Glas funkelte in der Hand des Redners, und das aufgesetzte Lächeln sprach eine sehr eigene Sprache. Es bestand kein Zweifel daran, dass Bob ein karrieresüchtiges Schlitzohr war.

Fried hob abwehrend die Hand. Seine Gäste erwarteten das von ihm. Sie hatten ihm zum Geburtstag gratuliert, hatten ihn umarmt und ihm flüchtige Küsse auf seine Wangen gedrückt, und trotzdem fiel es ihm schwer, den Gedanken daran zu unterdrücken, dass die meisten von ihnen dachten, dass es eigentlich viel schöner wäre, endlich etwas ganz anderes zu feiern als seinen achtundsechzigsten Geburtstag. Seinen endgültigen Abschied aus dem Büro beispielsweise. Bob war mit Abstand der schlimmste von ihnen.

Fried Söntgens nippte an seinem Champagner und ließ seinen Blick über ihre Gesichter wandern, während sie »Happy Birthday« anstimmten. Er bezweifelte nicht, dass sie ihn mochten. Sie waren nett und man konnte Spaß mit ihnen haben, und einige Jahre lang hatte er tatsächlich das Gefühl gehabt, so etwas wie eine kleine Familie um sich versammelt zu haben. Aber sie waren seiner überdrüssig geworden, daran bestand kein Zweifel.

Dieser Abend verlief wie jeder andere, den sie außerhalb des Büros miteinander verbrachten. Sie hatten sich über die Meeresfrüchte hergemacht und über den Job gesprochen. Sie saßen in einem der besten Restaurants von Sydney an blank polierten Walnussholzmöbeln, umrahmt von exquisiten Antiquitäten, und sprachen ununterbrochen über den neuen Job, über das neue Bürogebäude von Bannister’s. Von Bürokollegen war nichts anderes zu erwarten.

»Hat es nicht geschmeckt, Sir?«, fragte der Kellner, als er nach Frieds Teller griff. Die Riesengarnelen krümmten sich nahezu unberührt auf dem feinen Porzellan, die Makrelenterrine war ein wenig zerstochert.

Fried lächelte den jungen Mann an. »Zu viel für einen alten Magen am späten Abend.«

Er hatte hier im Galileo ein paar Mal mit Margo gegessen. An ihren Hochzeitstagen und an den Jahrestagen ihres Kennenlernens. Mit Margo hatte es Spaß gemacht. Die Küche war vorzüglich gewesen, sie hatten viel gelacht und ein bisschen mehr getrunken als üblich und sich dann oben im Observatory Hotel ein Zimmer genommen, obwohl sie nur eine halbe Autostunde entfernt gewohnt hatten. Das waren herrliche Abende gewesen. Mit seinen Angestellten hingegen geriet ein solches Dinner zur Farce. Ein Theaterstück vor hochfeiner Kulisse. Seidenbespannte Wände und Leder aus dem siebzehnten Jahrhundert, fünf Sterne und elf schlechte Schauspieler.

Was hatte er nur falsch gemacht? Wann waren sie ihm so fremd geworden?

Seit drei Jahren fragte sich Fried, warum er sich dieser Qual unterzog. Sie warteten darauf, dass er endlich Nägel mit Köpfen machte und seinen Ruhestand genoss. Bob wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich die Leitung des Architekturbüros übertragen zu bekommen. Immer wenn er bei solchen Gelegenheiten das Glas erhob, da war sich Fried sicher, hatte er zuvor jede Geste vor dem Spiegel geübt. Bob brannte darauf, die Firma zu übernehmen. Er war ein hungriger junger Mann und seine Karriere stand unter einem glänzenden Stern. Er war ein brillanter Architekt mit Ideen und er arbeitete in einem renommierten Architekturbüro, und unausgesprochen hing seit geraumer Zeit die Möglichkeit in der Luft, ihm könne die Firmenleitung übertragen werden. Kein Geschäftspartner, keine Erben, die etwas von Fried zu erwarten gehabt hätten – Bob hatte das Ding so gut wie in der Tasche.

An solchen Abenden fühlte sich Fried allein. Unsagbar einsam. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, was er tun sollte, wenn erst einmal der Tag gekommen war, an dem er einfach nicht mehr anders konnte, als zu kapitulieren. … und auf seine Zukunft! Bobs Worte hallten in seinem Kopf nach, während er gedankenverloren seinen Blick durch den Raum schweifen ließ, an dem prachtvollen sechsarmigen Kristallleuchter in der Mitte des Restaurants vorbei, zum großen Fenster im Kolonialstil und hinaus auf die Lichter von Miller’s Point.

Sie lachten plötzlich über einen Scherz, den er nicht mitbekommen hatte. Fried seufzte, gab sich einen Ruck und lehnte sich nach vorn. Dann setzte er ein Lächeln auf und sagte leutselig: »Entschuldige, Bridget, ich habe was verpasst. Was war das?«

Bridget tupfte sich die Mundwinkel mit der Serviette ab und holte Luft, um für ihn den Gag zu wiederholen, als das Handy in Frieds Jacketttasche piepte. »Das ist Mister Doyle von Bannister’s!«, trompetete Bridget, die an diesem Abend die Rolle der Ulknudel übernommen hatte. »Ihm ist gerade beim Fernsehen eingefallen, dass er doch lieber ein holzgetäfeltes Klo mit runden Zimmerecken und Hafenblick in seinem Büro haben will!«

Die anderen brachen in lautes Gelächter aus, während Fried das Telefon aus der Tasche fischte. Keine Nummer im Display. Er fragte sich, wer wohl um diese Zeit anrief. Seine Finger waren zu groß für diese kleinen Knöpfe. Er brummte unwillig. Als er das Gespräch annahm und das Gerät ans Ohr führte, winkte er mit der Rechten beschwichtigend seinen Gästen zu, und es wurde etwas leiser.

Die Stimme klang sehr entfernt. Es knisterte in der Leitung. Eine Verbindung zum Mars konnte nicht schlechter sein.

»… Geburtstag«, verstand er. Jemand sprach deutsch. Fried schob beim Aufstehen den Stuhl mit den Kniekehlen zurück. Mit einem Zucken der Augenbrauen bedeutete er den anderen am Tisch, ihn für einen Moment zu entschuldigen.

»Augenblick«, murmelte er in das winzige Telefon. »Augenblick, bitte.« Als er sich zwischen den anderen Gästen hindurch einen Weg in den Vorraum bahnte, trafen ihn abschätzige Blicke.

Am anderen Ende wurde weiter gesprochen. Er hörte »… Kalender eingetragen …«

Als er im Vorraum angekommen war und die Geräuschkulisse aus Gläserklirren, Gelächter und Pianomusik abgeklungen war, fragte er vorsichtig: »Michael, bist du das etwa?«

Der andere stockte. Verwirrt begann der Anrufer erneut. »Ja, ich bin’s, Michael, ganz richtig. Wollte dir gratulieren. Stör ich gerade?«

Fried Söntgens umklammerte das kleine Handy mit zwei Händen, bildete eine Muschel, um es vom Lärm abzuschirmen. Ein Strahlen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Aber nein, Junge. Ganz und gar nicht!« Es war ihm ernst. Einige Dinge, die ihn von dieser Tafelrunde entführt hätten, wären ihm heute Abend überaus willkommen gewesen, aber dieser Anruf versetzte ihn geradezu in freudige Erregung. »Ich habe so lange nichts von dir gehört, Junge. Erzähl doch. Geht’s dir gut? Was machen Ellen und der Kleine?«

Aus dem Gerät ertönte nur ein leises Rauschen.

»Michael?« Fried ging näher in Richtung des Ausgangs. Der Empfang schien schlechter zu werden. »Bist du noch dran?«

»Klar«, kam es schwach. »Wollte dir nur zum Geburtstag gratulieren.«

»Das ist lieb von dir, Junge. Ich freu mich riesig!«, sagte Fried eifrig.

Dieser Anruf kam aus einer anderen Welt. Ein long distance call in die Vergangenheit. Das Bild einer glücklichen kleinen Familie tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Drei strahlende Menschen in einem kleinen Holzrahmen, die ihn tagtäglich von der Wand seiner Essecke in der Wohnung am Stadtrand anstrahlten – und von denen er in der Hektik seines Alltags nur selten Notiz nahm.

»Ihr habt’s schön warm, da unten in down under, stimmt’s?« Jetzt kam die Stimme klar und deutlich.

»Ja ja, tolles Wetter hier. Die Nächte sind mir zu warm. Viel zu warm für einen alten Knacker wie mich. Aber erzähl von dir, Junge. Was macht das Hotel? Läuft alles gut?”

Die Antwort kam wieder zögernd und knapp: »Alles bestens.«

Fried sah auf die Armbanduhr. »Mittagspause? Bei euch ist Mittag, oder?”

»Mittag, ja.«

Etwas lag in dieser Stimme. Etwas, das die Belanglosigkeit der Worte nicht verbergen konnte. Fried spürte es über die Tausende von Kilometern hinweg, die sie trennten. »Ist was mit dir, Junge?« Das Rauschen wurde wieder stärker. Fried schluckte aufgeregt und warf einen hektischen Blick durch den Mauerbogen zu seinem Tisch hinüber. Die Suppe wurde serviert.

»Micha, gibt’s Schwierigkeiten? Sag schon, Junge. Raus damit.«

In diesem Moment erkannte er das, was er zunächst als Rauschen im Äther gedeutet hatte, als das, was es wirklich war: Sein Gesprächspartner schluchzte.

Fried Söntgens’ Finger krümmten sich um das Handy. Auf der anderen Seite der Erde wurde jemand von Schmerzen geschüttelt, ohne dass Fried sagen konnte, ob sie physischer oder psychischer Natur waren. Etwas krampfte sich um sein Herz und es verging eine Weile, bevor er es wagte weiter zu sprechen. »Hast du Kummer mit Ellen?« Und schließlich setzte er hinzu: »Kann ich dir irgendwie helfen, Junge?«

»Zu spät, Fried«, kam es zaghaft. »Es ist so gut, dich zu hören …« Er schniefte. Seine Stimme wurde brüchig und leiser. »Zu spät.”

Plötzlich piepste etwas. »Mein Akku«, hörte Fried. Sein Körper war angespannt, er krümmte sich, als er laut in das Handy hineinsprach: »Brauchst du Hilfe, Michael?«

»Mein Akku.« Erneut war das Piepsen zu hören. Diesmal klang es energischer. »Entschuldige, wenn ich dir deine Fete versaut …« Das Piepsen ertönte ein drittes Mal. » … alles zu spät.«

Dann brach die Verbindung ab.

Fassungslos starrte Fried Söntgens auf das kleine Gerät in seiner Hand, dessen Display sich verdunkelte.

Aus den Augenwinkeln heraus registrierte er, dass Bob zu ihm herüberkam.

Zur Teufel mit der Suppe!

Mit zitternden Fingern tippte er auf der Tastatur herum. Im Telefonbuch fand er Michaels Nummer. Beschwichtigend hob er die Hand in Bobs Richtung, während er auf die Verbindung wartete. Es war eine Festnetznummer. Auf der anderen Seite der Erde würde gleich ein Telefon klingeln. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Jungen. Fried kaute auf der Unterlippe, während er den Vermittlungstönen lauschte. Bob beobachtete ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen.

Eine weibliche Stimme teilte ihm mit, dass dieser Anschluss nicht mehr existiere.

»Da stimmt was nicht«, flüsterte er, während er die Nummer im Display kontrollierte. Es war die eingespeicherte Nummer von Michaels Hotel. »Irgendwas stimmt da nicht.«

»Probleme?«, fragte Bob zaghaft.

Fried ließ das Handy sinken und starrte ihn an. »Ich weiß nicht, Bob.« Und in diesem Augenblick wurde ihm klar, wie wenig er wirklich wusste. Von Michael, von Ellen, von ihrem kleinen Jungen. All das war so lange her. Ein früheres Leben, zwanzig Flugstunden entfernt, in einer anderen Jahreszeit.

Zu spät. Diese Worte machten ihm Angst. Große Angst.

»Macht schon mal ohne mich weiter, Bob. Ich muss rasch ein paar Telefonate führen.«

Als er plötzlich Bobs Hand spürte, die sich sanft auf seinen Unterarm legte, schüttelte er sie unwirsch ab und fuhr zu seinem Angestellten herum. Er riss die Augen weit auf und blaffte: »Was zum Teufel …«

Bob trat einen Schritt zurück und legte den Kopf leicht schief. Er betrachtete Fried furchtlos und mit einem Blick, in dem sich ein Anflug von Sorge und kühle Berechnung paarten. »Ich mache mir Sorgen um dich, Fried«, sagte er leise und mit einem drohenden Unterton. »Oh ja, ich mache mir Sorgen.«

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Clara schlang den Schal fester um den Hals. Sie fürchtete sich vor der nächsten Erkältung. Sie war keine zwanzig mehr und beim letzten Mal hatte sie eine ganze Woche flach gelegen. Früher hatte sie so was locker weggesteckt. Da hatte sie mit ihrer Pferdenatur angegeben und war bis zum November in der Sommerbluse herumgelaufen.

»Und er hat dich nach zehn Jahren einfach so wieder angerufen?«

Ihre Tochter Victoria verkniff sich nur mühsam ein süffisantes Lächeln und blickte auf sie hinab, während sie nebeneinander her spazierten. Victoria war ein langes Elend, genauso wie ihr Vater. Clara war stolz auf die endlos langen Beine ihrer Tochter und manchmal auch ein bisschen neidisch. Dafür hatte sie mehr Busen. Sie liebten es selbst heute noch, sich nebeneinander im Spiegel zu bestaunen.

»Als ich ihn zuletzt gesehen habe, war er um die vierzig. Und er sah ziemlich knackig aus, soweit ich mich erinnern kann.«

»Knackig …« Ihre Mutter schüttelte missbilligend den Kopf und schritt energisch durch das Laub.

»Ich war ein kleines Mädchen und ich fand ihn knackig … Gut, sagen wir … stattlich.«

»Stattlich klingt schon besser.«

Der Stadtpark von Regensburg war zu dieser Tageszeit voll von Menschen. Die Sonne schien durch das bunte Blätterdach und es war empfindlich abgekühlt.

»Dir hat er auch immer gefallen, oder?« Sie knuffte ihre Mutter in die Seite. »Stimmt doch, oder? Er ist ein großer, stattlicher Mann, und wenn ich dich richtig verstanden habe, ist er Witwer.«

»Hör auf damit!«

Victoria verstummte. Während sie weitergingen, musterte sie ihre Mutter mit dem liebevollen Blick einer Tochter, die begriffen hatte, dass die Vorzeichen sich umgekehrt hatten. Jetzt war sie es, die die Augen offen halten musste. Bei den Zwillingen und bei ihrer Mutter.

Vor zwei Jahren hatte Clara aufgehört, ihr Haar zu färben, und jetzt hatte es die Farbe von frisch gefallenem Schnee mit einem Hauch von Morgensonne. Sie trug es kurz und struppig, und wenn sie ihr mutwilliges Lächeln aufsetzte, sah sie manchmal aus wie ein Teenager.

Sie hatte früher viel öfter gelächelt.

Heute ging es ihr nicht gut.

Und diese Tage häuften sich. Vor einem Monat hatte sie ihre Tochter mit der abstrusen Idee überrascht, noch vor ihrem siebzigsten Geburtstag in eine Seniorenresidenz zu ziehen. Sie hatte das mit dem Wunsch begründet, auf ihre alten Tage niemandem zur Last fallen zu wollen, und sie waren in einen ernsthaften Streit darüber geraten. Es war plötzlich wie früher. Türen waren ins Schloss gedonnert und Bücher durch die Luft geflogen.

»Wer mit Büchern wirft, gehört eingewiesen«, hatte Clara hinterher schluchzend gesagt, als sie einander umarmten, einen zerfledderten Hesse-Band zwischen sich eingequetscht.

Sie meinte es tatsächlich ernst. Sie wollte in diese Wohnanlage für betreutes Wohnen und ihre Tochter Victoria verstand die Welt nicht mehr. Dennis und Beatrix vergötterten Oma Clärchen, und ihr Haus war riesig.

»Warum ziehst du nicht zu uns? Wir könnten ein Jahr zusammen dort verbringen ohne einander zu begegnen«, sagte Victoria eindringlich, aber ihre Mutter hatte still den Kopf geschüttelt und die Tränen weggewischt.

Oma Clärchen tat immer, was sie sich vorgenommen hatte.

»Wer ist denn überhaupt dieser Michael?«, fragte Victoria. Sie erreichten das Auto, das sie am Straßenrand abgestellt hatte.

»Der lebt in der Eifel, Kind. Ich habe dir von ihm erzählt. Er ist ein paar Jahre älter als du und wir haben eigentlich alle geglaubt, es gehe ihm blendend.«

»Und in Wirklichkeit ist es anders?«

»Es scheint so.« Sie zog ein Taschentuch hervor und schnäuz te sich. »Fried sagte, er habe am Telefon sehr verzweifelt geklungen. Ich habe natürlich sofort versucht ihn anzurufen und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber er ist unerreichbar. Das macht mir Sorgen. Ich verstehe Fried sehr gut.«

Victoria öffnete die Beifahrertür und ließ ihre Mutter einsteigen. Als sie den Zipfel ihres Mantels anhob und auf ihren Schoß legte, damit er nicht in die Tür geklemmt wurde, sagte sie unsicher: »Du hast doch nicht etwa vor dahinzufahren, oder?«

»Wir haben damals versprochen, diesem Jungen beizustehen.«

»Ein Schwur?«

»Ein Schwur, genau. Wir haben uns geschworen, ihn nie im Stich zu lassen.«

»Aber er ist erwachsen! Er wird das nicht wollen. Erwachsene schätzen es nicht, wenn man sich in ihr Leben einmischt.«

»Er hat um Hilfe gerufen.«

»Das heißt, du wirst tatsächlich fahren?«

»Ich weiß nicht recht.« Ihre Mutter setzte einen sybillinischen Blick auf und schaute zwinkernd in die Sonne. »Es wäre doch eine schöne Gelegenheit, die beiden Jungs wiederzusehen. Fried und Gregor … Wir waren unzertrennlich damals, weißt du?«

»So wie Jules und Jim?«

»So ähnlich.« Clara zog die Autotür ins Schloss. »Lass uns fahren. Ich möchte dir zeigen, wo dieses Wohnheim ist.«

»Das habe ich mir längst angesehen, Mama.«

»Was hast du?«

»Ich habe mir diesen Kasten angesehen und muss sagen, dass ich deinen Entschluss immer noch nicht begreife.«

Clara räusperte sich vernehmlich. »Wir hatten diesen Tagesordnungspunkt ersatzlos gestrichen. Du erinnerst dich?«

Victoria seufzte mutlos. »Ich erinnere mich.«

»Braves Kind.«

»Und die Eifel?«

»Was ist mit der Eifel?«

»Du willst doch nicht wirklich dahin, oder?«

Clara lächelte geheimnisvoll und sagte: »Würdest du etwas anderes von mir erwarten?«

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»Ich wasch mich nur schnell unten rum«, kam es aus dem Badezimmer.

Ein zufriedenes Lächeln huschte über Gregors Gesicht. Er zündete Kerzen an. An allen verfügbaren Stellen seiner kleinen Altbauwohnung hatte er Kerzenständer postiert. Dabei hatte er wenig Rücksicht darauf genommen, ob es sich um Kitsch oder Kunst handelte. Er liebte Kerzenlicht. Es machte alle Konturen weicher.

Als er an dem kleinen Jugendstilspiegel neben dem Büffet vorbeikam, hielt er inne und strich sich den eisgrauen Schnurrbart glatt. »Lass dir Zeit«, rief er. »Wir haben die ganze Nacht.«

Und augenblicklich gefror sein Lächeln. Eine Nacht. Es war immer nur eine Nacht – wenn er Glück hatte.

Mechanisch zog er das Portemonnaie aus der Gesäßtasche, zählte die Scheine ab und legte sie auf dem Büffet bereit. Solche Dinge wurden immer vorher abgewickelt. Für einen Moment ließ er die Hand auf den Scheinen liegen und schluckte schwer. Irgendwann musste das aufhören. Es tat ihm nicht leid um das Geld. Andere fuhren teure Autos und verreisten. Das interessierte ihn wenig. Er hatte nur ein paar nicht allzu ausgefallene Sammelleidenschaften und hin und wieder diese kleinen Bedürfnisse. Und trotzdem musste er vorsichtig sein. Seine Sammlung wies schon einige Lücken auf und der Antikhändler im Agnesviertel, zu dem er in letzter Zeit immer häufiger ein paar alte Meißner Stücke brachte, entwickelte sich mehr und mehr zum hartnäckigen Handelspartner. Er wollte bis zum bitteren Ende alle seine Schätze um sich haben.

Sein Blick wanderte wieder zum Spiegel. »Was kostet eine Nacht lang Glück, alter Mann?«, flüsterte er zu seinem Spiegelbild hinüber.

In diesem Moment ertönte wieder die Stimme aus dem Bad: »Darf ich duschen?«

Diese Stimme! Sie klang wie Samt. Die Stimme war ja so viel wichtiger, als man gemeinhin glauben mochte. Gregor versuchte schon seit ihrer ersten Begegnung, den Akzent zu deuten. Es klang sehr südländisch. Auch die langen, schwarzen Locken sprachen dafür.

»Nur zu«, antwortete er laut. »Du wirst gut riechen. Da habe ich auch was davon.«

Dann legte er eine Platte auf das Grammophon. Es knisterte und dann setzte das Orchester ein. Blechern breitete sich die Musik im Raum aus. Im Bad wurde die Dusche angestellt.

Gregor ließ den Blick schweifen und kontrollierte, ob er alle Kerzen angezündet hatte. Das gedämpfte Licht huschte flackernd über die alten Gemälde und Theaterfotos, die ihn als Coriolanus und als Jedermann zeigten, über die Vitrinen, in denen er die Taschenuhren drapiert hatte, über die antiken Möbel und das Grammophon. Auch aus dem angrenzenden Schlafzimmer drang warmer Lichtschein herüber. Er nickte. Alles war zu seiner Zufriedenheit arrangiert.

Er trat an das Fenster und blickte hinaus in die Nacht von Köln. Wenn er den Kopf ganz eng in die Ecke der Fensternische an die Scheibe presste, konnte er in der Ferne die beiden grünlich leuchtenden Spitzen des Doms sehen. Die Kälte des Glases an seiner Wange empfand er als erfrischend.

Aus dem Bad vernahm er das Prasseln des Wassers in der Duschwanne und die Stimme von Zarah Leander mischte sich unter die Orchestrierung: Kann denn Liebe Sünde sein?

Das rote Lämpchen am Anrufbeantworter blinkte. Vorhin beim Eintreten in die Wohnung hatte er es aus dem Augenwinkel wahrgenommen, im gleichen Moment aber auch schon wieder vergessen, weil er nicht allein war, weil ihn der Duft und die Stimme und der Körper ganz und gar vereinnahmt hatten.

Gregor spulte mit einem Tastendruck das Band zurück und drehte die Lautstärke hoch. Zuerst war da nur lautes Rauschen. Dann quälten sich plötzlich verzerrte Töne aus dem knisternden Nichts hervor. Eine seltsam blecherne Stimme sprach seinen Namen aus, ohne dass Gregor sie jemandem hätte zuordnen können. Nur sein Name. »Gregor?« Dann wurde das Gespräch beendet.

Es piepte.

Gregor runzelte die Stirn. Das hätte jedermann sein können. Die Stimme schien männlich zu sein. Er war gerade im Begriff zurückzuspulen, um sich das Stückchen Band noch einmal anzuhören, als der nächste Anruf abgespielt wurde.

Und mit einem Mal hörte er eine weitere Stimme, die aus einer anderen Welt zu kommen schien: »Gregor? Ich hoffe, das ist die richtige Nummer. Hier ist Fried. Fried Söntgens. Ruf bitte zurück. Da ist irgendetwas Komisches los, Gregor. Ich muss sagen, ich mache mir ein bisschen Sorgen. Es gibt offensichtlich Probleme mit Michael. Ich hoffe, ich habe die richtige Nummer gewählt. Ruf mich bitte an.«

Wie gebannt starrte Gregor auf das Gerät neben dem Telefon. Eine Gestalt aus der Vergangenheit tauchte aus dem Zwielicht seiner Wohnung auf und manifestierte sich vor Gregors geistigem Auge.

Fried Söntgens.

Der beste Freund, den man haben konnte.

Damals.

Die Lichtgestalt.

Frieds unglaubliches Lächeln, sein markantes Kinn. Die hellblauen Augen. Gregor glaubte in diesem Moment sogar, sich an Frieds Geruch erinnern zu können.

Zarah Leanders Gesang echote durch seinen Kopf. Darf es niemand wissen, wenn man sich küsst

In diesem Augenblick erschien der junge Mann im Rahmen der Badezimmertür. Das Wasser tropfte ihm aus den Haaren und er summte laut die Grammophonmelodie mit. Dann ließ er das Badetuch fallen, das er sich um die Hüften geschlungen hatte, und kam auf Gregor zu. »Riech ich gut?«, fragte er, als er die Arme um den alten Mann legte.

Aber Gregor stammelte nur verwirrt: »Entschuldige bitte.« Er löste sich sanft aus der Umklammerung, griff nach dem Geld vom Büffet und drückte es dem Jungen in die immer noch feuchte Hand. Zwei funkelnde, schwarze Augen musterten ihn verwirrt.

»Entschuldige bitte vielmals«, murmelte Gregor mit einer seltsam rauen Stimme. »Entschuldige, aber das geht jetzt nicht.«

2. Begegnung

Sie trafen sich auf dem Breslauer Platz, am Hintereingang des Hauptbahnhofs, an einer Stelle von Köln, an der sich Trennungen und Begegnungen im Sekundentakt abwechselten, an dem Reisende, Busse, Züge, Taxis ein vierundzwanzigstündiges Rührstück voller Tränen des Glücks und voller Seufzer der Verlassenheit aufführten.

Jeder der drei näherte sich aus einer anderen Richtung.

Gregor entstieg fröstelnd einem Taxi und zog sich die Lederhandschuhe höher über die Handgelenke, Fried kletterte mit einer Reisetasche aus dem Shuttlebus, der gerade vom Flughafen eingetroffen war, und Clara wurde mit einer Menge anderer Menschen aus dem rückwärtigen Eingang des Hauptbahnhofs herausgespült.

Jeder der drei zögerte für einen kurzen Augenblick, hielt auf seiner Position inne und schaute umher. Wer das Szenario von oben hätte betrachten können, wohl wissend, welche drei Personen unter den zahlreichen Menschen dort unten versuchten, zueinander zu finden, den hätte das verblüffend Synchrone ihrer Bewegungen amüsiert. Sie wirkten ratlos, rieben sich die Hände, um sich zu wärmen, und entdeckten einander plötzlich nahezu gleichzeitig. Drei Darsteller in einem stummen Tanztheater, umwirbelt von unzähligen Statisten, von schimpfenden Taxifahrern, lärmenden Reisenden und dahindämmernden Junkies.

Sie beschleunigten ihre Schritte, bewegten sich sternförmig aufeinander zu und waren nach all den Jahren plötzlich wieder vereint.

Fried war immer noch ein stattlicher Mann, er überragte die beiden anderen um einen Kopf. Um Claras Augen hatte sich ein dichtes Netz von reizenden Fältchen gelegt und Gregors schwarze Haarpracht war einer spiegelblanken Glatze gewichen. Sein buschiger Schnurrbart verlieh ihm eine elegante Note.

Sie musterten einander stumm, dann stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen und schließlich umarmten sie einander mit geschlossenen Augen und gestatteten der Welt, sich für einen Moment lang nur um sie zu drehen.

Als sie später in einem der neumodischen Nahverkehrszüge in Richtung Eifel rollten, überfielen sie sich gegenseitig mit Fragen.

Clara plapperte unentwegt, Fried kontrollierte mit seinem Handy alle paar Kilometer die Reichweite des Mobilfunknetzes und Gregor zauberte einen kleinen Flachmann aus der Innentasche seines eleganten, grauen Mantels.

»Schaut euch an, was man aus unserer braven Bundesbahn gemacht hat«, sagte er und reichte die Flasche rund. »Wir fahren in einer großen Tupperdose spazieren. Oh, mein Gott, ist das grässlich! Wirklich grässlich, oder?«

Clara trank, nicht ohne vorher zu rufen: »Prost, prost, Kamerad!« Sie hustete und Fried klopfte ihr auf den Rücken.

Die drei waren ausgelassen. Es war beinahe so, als schlichen sie ängstlich um die unabänderliche Tatsache herum, dass da etwas Beängstigendes geschehen war, das sie nach all den Jahren wieder zusammengeführt hatte, als würde jeder von ihnen sich, solange es ging, der süßen Illusion hingeben, man hätte nichts weiter vor, als sich auf einen heiteren Herbstausflug in die Idylle der Eifel zu begeben.

Fried war es, der als Erster die Rede auf Michael brachte. »Wir haben uns damals geschworen, uns um den Jungen zu kümmern«, sagte er plötzlich ernst und blickte aus dem Fenster. Schrottplätze und Supermärkte rasten vorbei.

»Der ›Junge‹, wie du ihn nennst, ist über vierzig Jahre alt. Eigentlich kann er für sich selbst sorgen, oder?«, konterte Gregor und versuchte, es möglichst launig klingen zu lassen. »Ich meine, lasst uns doch mal ehrlich sein: Er meldet sich nie bei uns. Wir unterstützen ihn seit er auf dieser Welt ist – und er lässt so gut wie nie was von sich hören.«

»Wir sind weder seine Verwandten noch seine Kumpels.«

»Wir zahlen. Monatlich.« Gregor schnäuzte sich vernehmlich. »Schon seit Ewigkeiten.«

»Das war so abgemacht.«

»Stimmt. Das war so abgemacht. Also was noch?«

»Wie oft bist du bei ihm gewesen?«, fragte Clara sehr beherrscht.

»Ich?«

»Ja, du, Gregor. Du. Wie oft bist du in den letzten Jahren in die Eifel gefahren, um zu sehen, wie es ihm geht? Andere Kölner fahren jedes Wochenende in die Eifel, wenn ich mich da richtig erinnere.«

»Ich habe kein Auto, das weißt du … und diese Bahnfahrerei ist die Hölle. Ich weiß ja nicht, wie es in Bayern oder Australien aussieht, aber hier bei uns fährt keiner freiwillig in diesen Blechdosen rum. Berufspendler, die sich vor lauter Vorfreude auf die Arbeit fast auf die Unterlippe treten, und entfesselte Fußballfans, denen eine Bierwolke um die Schädel wabert … Nein danke.« Und als er spürte, dass ihre Blicke immer noch an ihm klebten, zuckte er mit den Schultern. »Michael und ich haben immer mal wieder miteinander telefoniert und es schien ihm ganz gut zu gehen. Ich wollte ihn zum Vierzigsten besuchen. Das war vor drei Jahren. Aber er sagte mir am Telefon, er feiere mit der Familie im Ausland. Sie waren irgendwo im Urlaub. Ich glaube Mallorca, oder so.« Betreten nestelte er an seinem roten Schal herum und verstaute die beiden Enden säuberlich hinter den Revers. »Das Hotel, seine Frau, das Kind. Alles im Lot, wenn ihr mich fragt. Wir unterstützen ihn finanziell, aber wir sind doch nun wirklich nicht seine Kindermädchen.«

Clara wollte gerade den Mund öffnen, um erneut ihren Unmut kundzutun, als Fried beschwichtigend seine Hand auf die ihre legte. »Gregor hat völlig Recht. Wir brauchen ihm nicht die Nase zu putzen. Das schafft der ganz gut ohne uns. Aber er hat um Hilfe gerufen und er braucht uns jetzt. Also ist es an der Zeit, ihm zu helfen.«

Seine Berührung mit der Hand ließ eine warme Welle des Glücks durch Claras Körper branden. Sie wagte nicht mehr sich zu rühren, aus Furcht davor, dass er sie loslassen könnte.

»Fried, alter Bursche. Du hast einen albernen Känguru-Akzent angenommen«, sagte Gregor und hielt ihm den Flachmann hin.

»Und du«, sagte Fried lachend, und man hörte deutlich, dass er nun absichtlich quäkte wie ein australischer Schafzüchter, »du klingst kölsch. Richtig schön kölsch. Ich hatte fast vergessen, wie sich das anhört. Ich liebe es.«

Clara lächelte Gregor an und sagte: »Ich habe kürzlich einen deiner Werbespots gesehen. Der, in dem du durch den Wald joggst. Diese Milch, diese komische mit den Früchten, die …«

Gregor winkte energisch ab. »Kein Wort davon. Das mache ich nur, um einigermaßen zu leben. Kein Regisseur besetzt mehr irgendeine halbwegs wichtige Rolle mit einem alten Knaben wie mir. Die haben Angst, ich könnte ihnen während der Produktion wegsterben. Da muss man eben gelegentlich Werbefilme drehen.«

»Du sahst aber gut aus in deinem Jogginganzug.«

»Ich hatte vier Tage lang einen bestialischen Muskelkater, mein Schatz.«

Fried grinste. »Hört sich an, als würde ich im australischen Fernsehen allerlei verpassen.«

Gregor lächelte still zurück und wandte den Blick ab, zum Zugfenster hinaus.

Sie lauschten eine Weile dem sanften Rattern des Zuges und der metallischen Frauenstimme, die die Haltestationen ankündigte. Orte, die sie längst vergessen hatten und deren Namen sich auf den vorbeifliegenden Schildern der kleinen Bahnhöfe wiederholten, tauchten aus dem Nebel des kalten Herbsttages auf.

Sie ahnten, dass ihnen von nun an wieder und wieder Dinge begegnen würden, die sie schon längst vergessen hatten. Und sie wussten auch, dass ihnen die Erinnerung nicht immer nur schöne Bilder vor Augen führen würde.

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Als sie in Blankenheimerdorf ausgestiegen waren, standen sie noch eine Weile unentschlossen auf dem Bahnsteig herum und blickten dem Zug nach, der in Richtung Trier weiterfuhr.

Die Kühle des Morgens kroch ihnen den Rücken hinauf. In der Eifel war es immer kälter als anderswo.

Sie hatten Glück. Ein einzelnes Taxi stand mit laufendem Motor vor der verwitterten Schieferfassade des alten Bahnhofgebäudes. Aus dem Inneren des Fahrzeugs drang laute Popmusik. Vom Fahrer selbst war weit und breit nichts zu sehen.

Fried, der wieder sein Handy kontrollierte, entdeckte ihn als Erster, wie er sich aus den Büschen auf der anderen Seite des Platzes schälte. Ein dicker, rotgesichtiger Mann mit Lederjacke, der sich den Reißverschluss seiner Hose zuzog und eruptiv hustete.

»Tach«, sagte er, während er mit wankendem Schritt näher kam. Er spuckte aus. »Wohin wollense denn?« Dann öffnete er den Kofferraumdeckel und half ihnen ächzend, die Koffer zu verstauen.

Fried übernahm die Regie. Er nannte ihr Ziel und er nahm neben dem Fahrer Platz, während Clara und Gregor hinten einstiegen.

Im Innern des Autos war die Luft zum Schneiden. Der Aschenbecher quoll über und in den Lammfellbezügen der Sitze klebte der Mief von mindestens einem Jahrzehnt exquisiter Personenbeförderung.

Sie waren dankbar, als der Fahrer mit einem Handgriff das Radio zum Schweigen brachte.

Gregor kramte wieder seinen Flachmann hervor und nahm einen kräftigen Schluck. Während sich der Wagen in Bewegung setzte, flüsterte er Clara zu: »Reisen in der Eifel. Jetzt noch ein wackeliger Linienbus und wir haben das ganze Programm durch. Ich muss gleich kotzen.«

Sie streiften Blankenheim und brauchten einen Moment, um sich zurechtzufinden. Alles war hier völlig verändert. Es war gepflegt, es war begradigt und eingefasst, es war herausgeputzt. Es war nicht der Ort, den sie von früher kannten.

»Die Straßenbaufirmen müssen hier ein Vermögen verdient haben«, murmelte Fried, als er über das nicht enden wollende Pflaster blickte, das bis in jeden Winkel und in jedes noch so kleine Eckchen des alten Stadtkerns hineinzukriechen schien.

»Sind aber trotzdem fast alle pleite«, grunzte der Taxifahrer und zündete sich geschickt eine Zigarette an, während er mit dem Ellenbogen lenkte. »Hier jeht alles pleite. Die Arschlöcher in der Regierung lassen uns total hängen. Die tun nix für uns«, fuhr er fort und sein Gesicht rötete sich noch mehr. »Die Ossis kriegen alles vorn und hinten reinje-drückt – und wir …«

Clara nutzte seinen darauf folgenden Hustenanfall, um das Thema zu wechseln. Sie kannte das. Taxifahrer waren überall gleich, ob im Norden oder im Süden. Hinter den speckigen, lederbespannten Lenkrädern saßen die wahren Politiker des Landes, die wirklich klugen Köpfe, die im Verkehr und in der Politik als Einzige den Durchblick behielten. Wenn man nicht rechtzeitig gegensteuerte, wurde eine solche Fahrt rasch zur Wahlkampfveranstaltung. »Gibt es viele Hotels hier? Hier müssen doch Unmengen von Touristen untergebracht werden.«

»Nä«, brummte ihr Chauffeur. »Hotel in der Eifel … dat grenzt doch an Selbstausbeutung.« Er wies auf das ein oder andere Haus am Wegesrand. »Hier könnense übernachten. Da in dem beigeverputzten. Dat is sauber un preiswert. Is ’n Vetter von mir. Aber wennse Sauna wollen un dat janze Beauty-Jedöns, dat se heute alle haben wollen, da müssense woanders hin.« Er fischte eine Visitenkarte aus dem Handschuhfach und reichte sie Fried auf den Beifahrersitz.

»Wir brauchen keine Beautyfarm«, sagte Gregor mit einem süffisanten Unterton. »Wir drei sind zeitlos schön.« Er bemühte sich, seinen Flachmann vor dem Fahrer zu verbergen. Womöglich hätte der sonst einen Schluck abhaben wollen.

Sie bogen auf die Durchfahrtsstraße ab, die an der Ahr entlang aus dem Ort hinausführte.

»Wir wollen zum Hotel Ahrfels«, sagte Fried. Er spürte, wie seine Aufregung wuchs, als sie Blankenheim hinter sich ließen und sich die Natur wieder näher an die Straße heranwagte. Die Landschaft war atemberaubend schön, selbst zu dieser Jahreszeit. Fried wunderte sich, dass er all das beinahe schon vergessen hatte.

Zu ihrer Linken, zwischen den Wiesen, schlängelte sich die noch junge Ahr durch ihr breites Tal, das sie sich im Verlauf der Jahrtausende in den Fels gegraben hatte. An den Hängen verblühte der letzte Ginster.

»Hotel Ahrfels? Wo soll dat denn sein? Ich denk, Sie wollen nach Ahrhoven.«

»Es liegt vor dem Ort. Sie müssen links über die Ahr in den Wald hinauf.«

»Ach!« Der Fahrer nickte und von der Zigarette in seinem Mundwinkel rieselte die Asche auf seinen prallen Bauch. »Da war mal ’n Hotel. Stimmt.«

»War?« Clara richtete sich kerzengerade auf. »Was heißt ›war‹? Sie meinen, da ist heute keins mehr?«

»Dat Haus steht noch, aber da is doch schon ’ne Zeit lang dicht. Sach ich doch. Hier jeht alles kaputt.«

Eine bleierne Stille breitete sich im Wageninnern aus. Der Chauffeur registrierte mit wachsender Unruhe, dass sich auf den Gesichtern seiner Fahrgäste die unterschiedlichsten Emotionen abzeichneten. Aber er sah dort nichts von dem, was die anderen Touristen empfanden, wenn er sie zu ihrer Unterkunft brachte. Unsicher schaltete er das Radio wieder ein.

Wenig später fuhren sie unter dem alten Viadukt durch, über den früher die Eisenbahnstrecke geführt hatte. Wenige Meter weiter setzte der Fahrer den Blinker links und verlangsamte die Fahrt.

»Gleich simmer da. Wie jesacht, da is aber kein Hotel mehr.«

»Wohnt niemand mehr dort?« Fried schloss die Rechte um den Haltegriff, als sie in die Kurve gingen.

»Doch, doch, soweit ich weiß, sin da noch Leut. Aber dat Hotel hat zu.«

»Da!«, stieß Clara hervor und deutete auf eine Einmündung zur Linken.

Das Schild war fast gänzlich zugewuchert. Ein grünlicher Film hatte sich über die alte Schrift aus Folie gelegt, deren Frakturbuchstaben sich an den Ecken kräuselten. Sie lasen Hotel Ahrfels 500 m und sie wussten nicht, ob sie über das Vorhandensein des Hinweises erfreut oder von seinem Zustand beunruhigt sein sollten.

Vom Waldrand stieg der Weg steil an. Die Bäume schlossen ihr rötliches Blätterdach über ihnen. Der Fahrer versuchte den Schlaglöchern auszuweichen, aber sie wurden ein ums andere Mal durchgeschüttelt. Der dicke Mann fluchte leise. Zweige peitschten gegen die Wagenseiten, Herbstlaub fiel auf die Windschutzscheibe.

»Sach ich doch, dat hier kein Hotel mehr is«, knurrte der Taxifahrer und drückte grimmig seinen Zigarettenstummel in den übervollen Aschenbecher.

Und dann öffnete sich eine Lichtung vor ihnen und aus dem Gewirr der Baumwipfel schälte sich die Silhouette eines Hauses heraus. Auf der grauen Fassade erkannten sie die verwitterten Kupferlettern des Wortes Hotel.

Sie waren angekommen.

3. Das Haus

Als das Taxi, verfolgt von einer bläulichen Dieselwolke, wieder zwischen den Bäumen verschwunden war, standen sie entmutigt auf dem asphaltierten Vorplatz des Gebäudes und starrten mit verkniffenen Mienen auf die Fassade, an der Efeu und Knöterich hinaufzukriechen begonnen hatten. Neben dem Gebäude war das Heck eines roten Toyota zu sehen. Möglicherweise war jemand da. Aber das Haus mit seinen dunklen Fenstern, in denen nur hier und da schief und vergilbt einige alte Gardinen hingen, sprach eine andere Sprache.

»Meine Fresse«, hauchte Gregor. »Was ist hier passiert?«

»Nichts.« Clara griff nach ihrem Koffer und ging auf die Treppe zum Haupteingang zu. Auf zwei kleinen Plastikrädern eierte ihr Gepäck hinter ihr her. »Nichts ist hier passiert, Jungs. Dieses Haus ist so, wie wir es vor einer halben Ewigkeit zuletzt gesehen haben. Nur das Wetter und die Natur haben sich ein bisschen angestrengt. Aber keine Menschenseele hat hier seither auch nur einen Handschlag getan. Das sieht man doch.«

»Er hat mir geschrieben, er habe renoviert.« Fried half ihr, den Koffer die Stufen hinaufzutragen. Er selbst trug nur eine leichte Sporttasche mit sich.

Sie erreichten die alte Holztür. Am kleinen, quadratischen Fensterchen in Kopfhöhe bröckelte der Kitt aus den Fugen.

Als Gregor mit spitzem, behandschuhtem Finger den Klingelknopf betätigte, lauschten sie, ob es irgendwo im Haus ein Geräusch zu vernehmen gab. Doch das Einzige, was sie hörten, war das Rauschen der dürren Blätter um sie herum.

»Nicht mal ein Klingeln«, flüsterte Fried und lauschte. Seinen Blick hatte er starr auf das kleine, angelaufene Messingschild gerichtet, das über dem Klingelknopf angebracht war.

Schon damals hatte da Hotel gestanden.

Montags hatten sie manchmal klingeln müssen, weil montags Ruhetag war. Die Besitzer waren beide schon älter und reichlich schwerhörig. Herr und Frau Pennigs. Fried musste schmunzeln, als er sich das rundliche ältere Paar in Erinnerung rief. Sie hörten das Klingeln oft erst nach dem dritten Mal, obwohl es schrill und metallisch durch das Haus schepperte.

Später hatte er dann einen Schlüssel bekommen. Das war, als er nach der abgebrochenen Ingenieursausbildung eine Kochlehre im Ahrfels begonnen hatte, gegen den Willen seiner Eltern, die ihn nach dem Abitur viel lieber auf der Universität gesehen hätten. Aber er wollte nun einmal Koch werden. Er wollte ganz einfach in diesem Hotel sein, in dessen kleinem holzgetäfelten Tanzsaal sie oft die herrlichsten Feste gefeiert hatten. Das Ahrfels hatte ihn von jeher magisch angezogen. Die betuchten Gäste aus ganz Deutschland und aus Holland, die hier abstiegen, seine versteckte Lage im Wald, die es so anders machte als all die anderen Gasthöfe, die entlang des kleinen Flusses lagen, all das lockte ihn ungemein. Hier wollte er arbeiten und er war glücklich darüber, dass er sich gegen seinen Vater durchgesetzt hatte.

Fried hatte das Ahrfels durch Jüppchen kennen gelernt. Jüppchen Honscha war der Sohn der schlesischen Köchin. Die beiden bewohnten im Haus eine kleine Einliegerwohnung auf der rückwärtigen Seite. Jüppchens Vater war im Krieg geblieben. Niemand wusste, wo er begraben lag. Fried und Jüppchen waren beinahe gleich alt.