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IMPRESSUM

BIANCA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG

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CORA Verlag GmbH & Co. KG ist ein Unternehmen der Harlequin Enterprises Ltd., Kanada

Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Cheflektorat:

Ilse Bröhl

Lektorat/Textredaktion:

Christine Boness

Produktion:

Christel Borges, Bettina Schult

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

Vertrieb:

asv vertriebs gmbh, Süderstraße 77, 20097 Hamburg Telefon 040/347-29277

Anzeigen:

Christian Durbahn

Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

 

© 2007 by Judy Christenberry

Originaltitel: „Mommy for a Minute“

erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

in der Reihe: AMERICAN ROMANCE

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: BIANCA

Band 1784 (12/1) 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Übersetzung: Meike Stewen

Fotos: Corbis

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Veröffentlicht im ePub Format in 06/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

ISBN : 978-3-86349-737-8

BIANCA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:

BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, HISTORICAL MYLADY, MYSTERY, TIFFANY HOT & SEXY, TIFFANY SEXY

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Judy Christenberry

Zärtliche Küsse in deinen Armen

1. KAPITEL

Mist! dachte Jack Mason. Heute geht aber auch alles schief!

Er schob seine fast vierjährige Tochter auf seiner Hüfte zurecht und dann klingelte er an der Wohnungstür, vor der er gerade stand. Sie gehörte zu einem Vierparteienhaus in der Yellow Rose Lane. „Tust du mir einen Gefallen und bist heute Morgen einfach mal ganz lieb?“

„Okay, Daddy.“ Das Mädchen klang unbeschwert. Wahrscheinlich war ihr gar nicht klar, was er ihr damit sagen wollte – egal, er würde schon dafür sorgen, dass sie in Sicherheit war, wenn sie gleich der sagenumwobenen Hyäne gegenüberstanden.

In diesem Moment wurde die Wohnungstür geöffnet, und da stand sie ihnen auch schon direkt vor der Nase: die Hyäne. Oder? Seltsamerweise lächelte die Frau gerade freundlich. Damit hatte er ganz und gar nicht gerechnet. „Guten Tag, ich würde gern zu Ms McNabb.“

Sie musterte ihn mit ihren dunklen Augen. Dann ließ sie den Blick zu Ally hinüberschweifen. „Das bin ich!“

„Mein Name ist Jack Mason. Richter Robinson schickt mich. Er meinte, Sie bräuchten ein paar Aktenschränke für Ihr Arbeitszimmer.“

„Das stimmt. Kommen Sie doch rein, Mr Mason und …“ Sie musterte das Mädchen auf seinem Arm und hielt inne.

„Ähm, das hier ist meine Tochter Allison. Ich konnte heute leider so schnell keine Betreuungsmöglichkeit für sie finden, also musste ich sie mitbringen. Aber keine Angst, ich behalte sie die ganze Zeit im Auge, und sie ist ein ruhiges Mädchen.“

„In Ordnung.“ Lächelnd hielt die Frau den beiden die Wohnungstür auf. Im Wohnzimmer wies sie auf eine weiße Couch. Vorsichtig hockte Jack sich auf die äußerste Kante, setzte sich Ally aufs Knie und flüsterte dem Mädchen zu, sie solle sich ruhig verhalten.

„Ehrlich gesagt, weiß ich noch gar nicht, wie Sie genau arbeiten“, begann seine Auftraggeberin. „Richter Robinson hat Sie mir jedenfalls wärmstens empfohlen.“

„Das freut mich. Am besten, Sie erzählen mir erst mal, was Sie sich so ungefähr vorgestellt haben – mit welcher Holzart ich arbeiten soll und wie schnell alles fertig werden soll zum Beispiel.“

„Natürlich.“

Er zog einen Stift und einen Schreibblock aus der Hosentasche und balancierte dabei weiter seine Tochter auf den Knien.

Die Frau runzelte die Stirn. „Können Sie sich gleichzeitig Notizen machen und die Kleine festhalten?“

Verärgert funkelte Jack die Frau an. Was bildete sie sich ein? Nur weil sie seine Auftraggeberin war und noch dazu umwerfend aussah, hatte sie lange nicht das Recht, ihn so zurechtzuweisen!

„Keine Sorge, ich komme schon klar!“

Dazu sagte sie zwar nichts weiter, ließ aber das Mädchen nicht aus den Augen.

„Geht es Ihnen nur um dieses eine Zimmer?“, erkundigte er sich.

„Ja, das war ursprünglich mal das dritte Schlafzimmer in dieser Wohnung. Ich würde es gern zum Arbeitszimmer umfunktionieren. Diesen Monat habe ich frei, und danach sollte nach Möglichkeit alles fertig sein.“

„In Ordnung. Wissen Sie schon, welche Holzart Sie gern hätten?“

„In Richter Robinsons Arbeitszimmer haben Sie mit Eiche gearbeitet, stimmt’s? Das gefällt mir sehr gut.“

„Daddy, ich will ein Bild malen!“ Ally griff nach dem Schreiber, den Jack in der Hand hielt.

„Das geht jetzt nicht, meine Süße. Ich muss etwas aufschreiben.“

„Daddy …“

„Gleich, Ally!“

Das Mädchen runzelte die Stirn, schwieg dann aber.

„Soll Ihr Arbeitszimmer so ähnlich werden wie das von Richter Robinson?“, erkundigte er sich und bemühte sich dabei, so professionell wie möglich zu klingen.

„Ja, sehr gern. Nur mit etwas mehr Stauraum.“

„Haben Sie da besondere Vorstellungen?“

„Ach, ich dachte da nur an ein paar Schubladen. Ich zeige Ihnen das Zimmer einfach mal, dann erklärt sich vieles ganz von selbst.“ Sie stand auf.

Jack nahm Stift und Schreibblock in eine Hand und setzte sich Ally mit dem anderen Arm auf die Hüfte. Dann folgte er Ms McNabb aus dem Wohnzimmer. Dabei fiel ihm auf, wie groß sie war – ungefähr eins achtzig. Sie trug ein Poloshirt und eine sehr eng anliegende Jeans, die ihre perfekte kurvige Figur wie eine zweite Haut umschmiegte. So hatte er sich bestimmt keine typische Anwältin vorgestellt.

Sie öffnete eine Tür am Ende des Flurs und ging ihm voran ins Zimmer – für ein Arbeitszimmer war es ziemlich groß.

„Sehr hübsch“, bemerkte er.

„Vielen Dank.“

„Praktisch, dass die Wand noch unverbaut ist. Dann kann ich gleich anfangen, ohne vorher etwas herauszureißen. Das spart Zeit.“

„Ach, sind Sie denn zeitlich eingeschränkt?“

„Ich nicht, aber Sie vielleicht. Den meisten Leuten, für die ich arbeite, kann es doch gar nicht schnell genug gehen.“ Herausfordernd sah er ihr in die Augen.

„Na ja, bei mir ist das nicht so“, gab sie zurück. „Ich erwarte bestimmt nicht, dass Sie von heute auf morgen fertig werden. Erst recht nicht, wenn Sie dabei die ganze Zeit Ihre Tochter auf dem Arm halten“, fügte sie hinzu. „Das ist doch Ihre Tochter, oder? Meinten Sie das nicht vorhin?“

„Ganz genau. Morgen bringe ich sie irgendwo unter, nur heute war es schwierig.“

„Verstehe.“

Als Nächstes erkundigte er sich nach Ms McNabbs Vorstellungen, was Form und Größe der Einbauschränke anging. Er setzte Ally auf den Boden und gab ihr Stift und Papier zum Malen. Dann nahm er an der Wand Maß und versuchte, die Ideen seiner Auftraggeberin so gut wie möglich in einer Skizze umzusetzen.

„Um den Schreibtisch herum hätte ich gern ein paar Schränke mit Hängeregistern. Geht das?“, erkundigte sich Ms McNabb.

Der Vorschlag klang gut. Jack zeichnete die Schränke in seinen Plan ein. Langsam nahm das Arbeitszimmer auf dem Papier deutliche und sehr viel versprechende Formen an.

„Daddy, hast du noch ein Blatt für mich?“, meldete sich Ally zu Wort.

„Ja hier, bitte.“ Er riss einen Zettel von seinem Block und reichte ihn seiner Tochter.

Dann betrachtete er wieder seine Zeichnung und stellte seiner Auftraggeberin weitere Fragen zu ihren Vorstellungen. Sie wusste offenbar, was sie wollte und schien sich alles ganz genau überlegt zu haben. Das war bei Juristen meistens so. Dafür hatten sie oft große Probleme mit zwischenmenschlichen Dingen.

Eine Stunde später war seine Skizze vollständig.

„Das haben Sie toll hingekriegt. Genau so habe ich es mir vorgestellt!“, sagte Ms McNabb. „Wie lange brauchen Sie wohl, bis alles fertig ist?“

„Drei bis vier Wochen ungefähr, das kann ich noch nicht so genau sagen.“

„Das passt ja gut, denn ich habe genau vier Wochen Zeit.“

„Wie bitte?“

„Ich habe ja gerade vier Wochen Urlaub und so kann ich mir prima ansehen, wie Sie vorankommen. Und wenn ich wieder ins Büro muss, ist mein Arbeitszimmer auch schon fertig.“

„Sie brauchen mich nicht zu kontrollieren, Ms McNabb. Ich arbeite auch so sehr ordentlich. Darauf können Sie sich verlassen!“ Es wird nicht einfach sein, mich ihr gegenüber zu behaupten, dachte er.

„Ich möchte mir die nächsten vier Wochen lang trotzdem gern angucken, wie Sie arbeiten“, erwiderte sie.

„Und was soll das heißen? Dass Sie jeden Abend nachschauen, wie weit ich gekommen bin?“

„Das heißt, dass ich hier immer genau dann reinschaue, wenn mir danach ist. Immerhin habe ich vier Wochen lang frei.“

„Warum eigentlich?“

Sie hob das Kinn. „Das geht Sie nichts an.“

„Das meine ich aber doch. Ich verstehe nämlich nicht, warum Sie sich extra deswegen freinehmen müssen. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob ich anständig arbeite, dann fragen Sie doch Ihren Chef, Richter Robinson.“

Jack Mason wusste nicht, dass Richter Robinson inzwischen gar nicht mehr als Richter arbeitete, sondern eine erfolgreiche Kanzlei gegründet hatte – und Ms McNabb war eine seiner besten Anwältinnen.

„Ich nehme mir genau dann Urlaub, wann es mir passt. Und mit meiner Freizeit mache ich, was ich will.“ Sie stemmte die Arme in die Hüften. „Nehmen Sie den Auftrag jetzt an oder nicht?“

„Ja“, gab Jack mit fester Stimme zurück, „aber nur, wenn Sie mir nicht alle zehn Minuten über die Schulter gucken.“

„In Ordnung. Wann können Sie anfangen?“

„Gleich heute. Ich nehme noch schnell Maß und besorge sofort das Holz.“

„Okay.“

Gerade wollte sie aus dem Zimmer gehen, da meldete sich eine Kinderstimme zu Wort: „Guckt mal, was ich gemalt habe!“

Verwirrt betrachtete Jack das bunte Bild, das Ally hochhielt. Wo hatte sie die vielen Farben her – er hatte ihr doch bloß einen Bleistift gegeben?

Lauren McNabb lächelte das Mädchen an. „Das ist ja wunderschön geworden, Ally. Richtig gut hast du das gemacht.“

„Danke. Ich wollte auch so was malen wie Daddy.“

„Und das ist dir sehr gut gelungen. Komm mal mit, wir heften das Bild gleich an meinen Kühlschrank.“

„Nein!“, rief Jack.

Lauren zuckte zusammen und fuhr herum. Dann erst wurde ihr klar, was gerade passiert war: Sie war mit Ally ganz automatisch so umgegangen wie damals mit ihren jüngeren Geschwistern, für die sie lange Zeit die Mutterrolle übernommen hatte – seit sie zwölf Jahre alt gewesen war, um genau zu sein.

Jack Mason nahm seiner Tochter das Bild ab. „Ich möchte das bei uns zu Hause an die Kühlschranktür hängen. Woher hast du eigentlich die Filzstifte?“

Ally versteckte die Packung hinter ihrem Rücken und warf Lauren einen vorsichtigen Blick zu.

„Ich habe sie ihr gegeben, weil ich ihr damit eine Freude machen wollte.“ Was war daran bitte schön so verkehrt?

„Damit schmiert sie sich noch ganz voll“, wandte er ein. „Zeichne lieber mit dem Bleistift weiter, ja?“

„Aber Daddy …“

„Ally, bitte!“

Widerwillig reichte das Mädchen die Filzstifte Lauren und bedankte sich höflich.

„Gern geschehen“, erwiderte Lauren.

Jack zog sein Maßband aus der Hosentasche und begann, den Raum auszumessen. Dass Lauren seiner Tochter auch einen Malblock gegeben hatte, war ihm völlig entgangen. Ally schob ihn schnell hinter ihren Rücken und warf Lauren dabei einen verschwörerischen Blick zu.

Lauren betrachtete die Kleine fasziniert. Was für ein süßes Mädchen! dachte sie. Wie ihr Vater hatte sie mittelblondes Haar und braune Augen. Aber während er kantige männliche Gesichtszüge hatte, waren ihre zart und weiblich.

„Daddy, ich habe Hunger“, sagte Ally und sah verstohlen zu Lauren herüber.

„Ja, ich hole uns gleich etwas“, murmelte er geistesabwesend und setzte seine Notizen fort.

„Ich kann ihr gern etwas zu essen geben“, sagte Lauren leise und hoffte insgeheim, er hätte ihr nicht richtig zugehört – wahrscheinlich würde er nämlich sonst sofort widersprechen. Weil Jack aber nicht reagierte, führte Lauren die Kleine an der Hand in die Küche.

„Magst du Käsetoast?“, flüsterte sie Ally zu.

Das Mädchen nickte.

„Prima, dann mache ich dir einen und schneide ihn in Streifen. Für jeden Streifen, den du isst, bekommst du einen Keks zum Nachtisch. In Ordnung?“

Die Kleine nickte begeistert.

Während Ally die Toaststreifen aß und Milch dazu trank, bereitete Lauren drei weitere Toasts zu: zwei für Mr Mason und einen für sich. Dazu wärmte sie eine Tomatensuppe auf.

„Ally?“, rief Mr Mason in diesem Moment. Dann kam er den Flur entlanggelaufen.

„Wir sind hier!“, rief Lauren zurück. Da stürzte er auch schon durch die Küchentür, als ginge es um Leben und Tod. Fast hätte Lauren laut losgelacht.

„Ally! Du solltest doch immer in meiner Nähe bleiben!“

„Aber …“

„Ich hatte Ihnen vorhin gesagt, dass ich uns schnell etwas zu essen mache“, erklärte Lauren.

„Das habe ich aber nicht gehört. Außerdem brauchen Sie meine Tochter nicht zu versorgen, das kann ich schon selbst. Komm, Ally, wir gehen jetzt etwas essen.“

„Aber ich habe schon fast alle Brotstreifen aufgegessen und ich kriege für jeden einen Keks.“

„Ich möchte nicht …“

„Mr Mason“, unterbrach Lauren, „Ally ist doch schon fast fertig. Warum wollen Sie mit ihr da noch essen gehen? Für Sie habe ich übrigens auch etwas vorbereitet.“ Sie stellte ihm die beiden Käsetoasts und eine Schüssel Tomatensuppe hin.

Er runzelte die Stirn. „Darum habe ich Sie nicht gebeten.“

„Stimmt, aber ich dachte, dass Sie dann nicht erst losmüssen und schneller weiterarbeiten können.“

Ohne sich zu rühren, starrte er auf den Teller mit dem Mittagessen.

Lauren stellte sich selbst einen Teller hin, setzte sich und sagte: „Na ja, Sie brauchen das nicht aufzuessen, wenn Sie nicht wollen. Ganz wie Sie meinen.“

Ally musterte den Käsetoast skeptisch. „Du hast ihn dir ja gar nicht in Streifen geschnitten!“, bemerkte sie.

„Nein, das habe ich nur für dich gemacht.“

Jetzt wandte sich die Kleine an ihren Vater. „Möchtest du vielleicht meinen letzten Streifen essen?“

Mit diesem großzügigen Angebot konnte Ally endlich zu ihrem Vater durchdringen.

„Nein, iss du deinen Toast ruhig selbst auf. Ms McNabb hat mir auch etwas gemacht.“ Er setzte sich an den Tisch. „Vielen Dank für die Mühe“, sagte er steif.

Schweigend aßen sie ihre Brote. Zu Laurens Überraschung ließ Jack nicht einen Krümel auf dem Teller.

Auch Ally aß ihre drei Kekse zum Nachtisch ganz auf. Danach schlief sie allerdings fast am Tisch ein.

„Ich habe ein Gästezimmer. Da darf sie sich gern hinlegen“, schlug Lauren vor.

„Kommt gar nicht infrage! Sie bleibt bei mir!“ Jack Mason zog sich seine Cordjacke aus und wickelte Ally darin ein. Dann trug er seine Tochter den Flur entlang in Richtung Arbeitszimmer.

Warum war er bloß so überbesorgt mit dem Mädchen? Damit die Kleine es wenigstens gemütlich hatte, holte Lauren einen Liegesessel aus dem Gästezimmer, legte Kissen und eine Decke darauf und schob ihn in ihr zukünftiges Arbeitszimmer.

Dort hatte Jack Mason seine Tochter bereits auf den Fußboden gelegt und ihr seinen Pulli als Kissen unter den Kopf geschoben. Als Lauren mit dem Sessel hereinkam, bettete er Ally aber sofort um. „Vielen Dank, so hat sie es viel bequemer.“

Lauren nickte, dann ließ sie die beiden allein. Ein bisschen seltsam war dieser Mann schon, aber offensichtlich liebte er seine Tochter über alles. Und das beeindruckte sie sehr.

Abends klingelte das Telefon bei Lauren. Ihr jüngster Bruder war am Apparat. „Hallo, James!“, begrüßte sie ihn. „Wie geht es dir?“

„Sehr gut. Ich … äh … wollte dich fragen, ob unsere Verabredung am Freitag noch steht.“

„Ja natürlich. Es sei denn, dir ist etwas dazwischengekommen!?“

„Nein, ich freue mich darauf.“

Komisch, dachte Lauren. Warum ruft er dann extra noch mal an?

Seit James vor ein paar Monaten die Schule abgeschlossen und in seine eigene Wohnung gezogen war, kam er jeden Freitag bei ihr zum Essen vorbei.

„Schön“, sagte Lauren und wartete einfach ab, was ihr Bruder noch zu sagen hatte.

Allerdings schwieg James einige Sekunden lang. Dann stellte er ihr ein paar belanglose Fragen zu ihrem Tagesablauf – ganz offensichtlich, um Zeit zu schinden. Anschließend schwieg er wieder.

„Hast du einen besonderen Wunsch, was ich uns kochen soll?“, erkundigte sich Lauren.

„Hm … vielleicht diesen Nudelauflauf mit Hühnchen? Den habe ich schon lange nicht mehr gegessen.“

„Gern.“

„Und würdest du wohl wieder deinen tollen Karottenkuchen backen?“

„Das kann ich machen.“

„Ja und dann … wollte ich dich fragen …, ob ich wohl jemanden mitbringen darf. Darf ich?“

Aha! dachte Lauren. Daher weht der Wind! „Natürlich, kein Problem. Ich mag deine Freunde. Wen denn, Ronny oder Doug?“

„Hm, weder noch. Ich wollte gern mit … ähm … Cheryl vorbeikommen. Sie wohnt nebenan, und … ich glaube, sie isst viel zu wenig. Ich dachte, bei dir bekommt sie endlich mal was Anständiges.“

„Verstehe. Dann seid ihr beide am Freitag ganz herzlich eingeladen!“

Lächelnd legte Lauren den Hörer auf. Bisher waren ihre sechs Geschwister alle noch unverheiratet. Hatte sie irgendetwas falsch gemacht? – abgesehen davon, dass sie als Älteste nicht gerade mit gutem Beispiel voranging.

Jack füllt seiner Tochter Makkaroniauflauf auf den Teller, dazu Hühnchen, Erbsen und Möhren. Dann setzte er sich neben sie an den Küchentisch. Seit Ally bei ihm wohnte, hatte er gelernt, vernünftig zu kochen.

„Die Mommy heute war aber nett“, sagte das Mädchen und spießte eine Karotte auf.

Jack verschluckte sich prompt an seinem Gemüse. Er hustete kräftig, dann trank er etwas Wasser. „W…wie bitte? Von wem hast du da gerade gesprochen?“

„Na, von der Mommy – bei der wir zu Mittag gegessen haben.“

„Sie ist nicht deine Mommy!“

„Ich weiß.“ Im letzten Jahr hatte Jack schon mehrere Gespräche dieser Art mit seiner Tochter geführt. Immer wieder wollte Ally wissen, was denn mit ihrer Mommy war. Schließlich hatten alle anderen Kinder in der Tagesstätte auch eine. „Ich weiß, dass sie nicht meine Mommy ist, aber sie hat bestimmt ein Kind, und dafür ist sie dann die Mommy.“

„Nein, sie hat keine Kinder. Sie wohnt allein in der Wohnung.“

Ally runzelte die Stirn. „Aber sie hat mir den Käsetoast in Streifen geschnitten. Und sie hat mir für jeden Streifen einen Keks gegeben!“

„Das stimmt zwar, aber sie hat trotzdem keine Kinder. Und du darfst sie auf keinen Fall Mommy nennen.“

„Warum? Weint sie dann, wenn ich das tue?“

Jack konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass Lauren McNabb jemals weinte. In der Kanzlei, für die sie arbeitete, galt sie offenbar als knallharte Anwältin. „Nein, das glaube ich nicht. Aber vielleicht würde sie dann wütend werden.“

„Ach so. Darf ich morgen wieder mit zu ihr kommen?“

„Nein, ich wollte dich morgen bei Mrs Smith vorbeibringen. Ich rufe sie nach dem Essen an.“

„Ich will viel lieber mit dir mitkommen.“

„Das geht aber nicht. Und jetzt iss bitte auf. Du musst gleich in die Badewanne.“

Nach dem Essen räumte er eilig den Tisch ab und badete Ally schnell. In ihrem Nachthemd sah sie aus wie ein kleiner Engel. Sie umarmte ihn und gab ihm einen Gutenachtkuss. Dann schlüpfte sie unter die Decke. „Darf ich morgen wirklich nicht mitkommen?“, flüsterte sie ihm zu. „Bitte!“

„Nein, mein Schatz, das geht nicht. Und jetzt schlaf schön.“

Leise verließ er das Zimmer und suchte nach dem Telefon. Schon als er mit Ally nach Hause gekommen war, hatte er bei mehreren Kindergärten angerufen, aber alle waren schon belegt. Mrs Smith war seine einzige Hoffnung – sie hatte auf Ally aufgepasst, als sie noch ein Baby gewesen war.

„Hallo, Mrs Smith“, sagte er, als sie sich meldete. „Hier spricht Jack Mason. Ich habe gerade Probleme, eine Kindertagesstätte für Ally zu finden und wollte Sie deshalb fragen …“

„Es tut mir wirklich leid, aber ich kann mich leider nicht mehr um Kinder kümmern“, unterbrach sie ihn. „Ich hatte vor einiger Zeit einen schlimmen Autounfall und komme kaum allein klar.“

„Oh, das tut mir schrecklich leid!“, erwiderte Jack. Er sprach noch ein paar Minuten mit Mrs Smith, ehe sie sich verabschiedeten.

Es sah ganz so aus, als würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als Ally morgen doch wieder mit zu Ms McNabb zu nehmen. Wahrscheinlich würde sich seine Auftraggeberin auch noch darüber freuen.