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A. F. Morland

N.Y.D. - Der Narzissen-Mörder

New York Detectives





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Narzissen-Mörder

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

 

Als Farrah Cranford den Privatdetektiv Bount Reiniger bittet, den Mörder ihres Mannes zu suchen, muss Bount in Ganovenkreisen ermitteln. Da nicht nur der Mörder, sondern auch die Freunde des Toten manches zu verbergen haben, geraten Bount und seine Mitarbeiter immer wieder in Gefahr.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Danny de Young — Als der Narzissen-Mörder bei ihr erscheint, gerät er in Panik.

Joseph Lapino, Richard Cranford — Auch sie stehen auf der Todesliste des geheimnisvollen Killers.

Rossano Vascenti — Der Gangsterboss wird unruhig, als seine Geschäftspartner einer nach dem anderen ermordet werden.

Zero Zapata — Ein Mann, der sich wie ein Hecht im Karpfenteich benimmt.

June March ist seine Sekretärin und Assistentin. Sie unterstützt Bount, wo sie nur kann.

Bount Reiniger ist Privatdetektiv.



1

Er zog wie der personifizierte Tod durch die Stadt - nur einer konnte ihn stoppen: Bount Reiniger...

Der Cadillac war schwarz wie ein Leichenwagen. Und es sollte auch gleich eine Leiche geben.

Ahnungslos ließ der Transportunternehmer Richard Cranford den Caddy zur Garage seines Hauses hinunterrollen. Cranford war fünfunddreißig. Er hätte es in der Branche nicht so schnell zu etwas gebracht, wenn er nicht die richtigen Beziehungen angeknüpft hätte.

Es sah so aus, als ob sich diese Beziehungen - von denen die Polizei besser nichts wissen sollte - nun als Bumerang entpuppen würden.

Soeben wippte der schwarze Wagen über die breite Regenwasserauffangrinne, die mit einem Aluminiumgitter abgedeckt war.

Gleich darauf stoppte das Fahrzeug. Richard Cranford stieß den Wagenschlag auf, nachdem er den Motor abgestellt hatte, und faltete sich aus dem Cadillac.

Im selben Augenblick passierte es!

Etwas Faustgroßes rollte die Garagenabfahrt mit viel Schwung herunter. Cranford drehte sich erstaunt um.

Plötzlich weiteten sich seine Augen. Das Höllenei kam genau auf ihn zu. Todesangst verzerrte in der letzten Minute seines Lebens sein Gesicht.

Er wusste, dass er keine Chance mehr hatte. Dennoch wollte er sich mit einem weiten Sprung vor der scharfgemachten Handgranate in Sicherheit bringen.

Es blieb beim Wollen.

Richard Cranford kam nur noch dazu, die Muskeln anzuspannen. Für den Sprung reichte die Zeit nicht mehr. Eine ohrenbetäubende Detonation erfüllte die Garage.

Cranford sah vor sich einen grellroten Glutball platzen. Er spürte unzählige harte Schläge, die überall seinen Körper trafen.

Dann spürte er nichts mehr.



2

Es war Sonntag, und der Privatdetektiv Bount Reiniger war bester Laune. Der Mann, der die Verbrecher von New York das Fürchten lehrte, befand sich auf der Heimfahrt.

Bount war in Westchester gewesen und hatte da zwei herrliche Tage im Hause einer attraktiven Malerin verbracht. Die Einladung hatte lange schon in der Luft gehangen.

Nun hatte Bount Reiniger endlich Zeit gefunden, sie anzunehmen. Die exzentrische Künstlerin hatte Bount jeden Wunsch von den Augen abgelesen.

Er war endlich einmal so ein Privatdetektiv gewesen, wie sie in den Filmen immer dargestellt werden. Wie seine Assistentin June March damit fertig werden würde, war noch fraglich.

Das hübsche blonde Ding konnte hin und wieder verflixt eifersüchtig sein, obwohl sie mit Bount mehr oder weniger eine „wetterfeste Freundschaft“ verband.

Bount schmunzelte, während er an June dachte. Er hatte sie sehr gern, und er zitterte jedes mal, wenn sie in ihrem jugendlichen Übereifer mal wieder zu viel gewagt und in die Patsche geraten war.

Der elektrische Anzünder machte sich mit einem leisen Klicken bemerkbar. Bount klemmte sich eine Pall Mall zwischen die Lippen und brannte sich das Stäbchen an.

Plötzlich hörte er einen Knall. Stärker und lauter als ein Schuss. Auch lauter als eine Fehlzündung eines Autos.

Obwohl Bount Reiniger privat unterwegs war, stellten sich sofort seine Nackenhaare quer. Sein sechster Sinn sagte ihm, dass da irgend etwas faul war. Er zog seinen Mercedes 450 SEL sofort in die nächste Querstraße und bog nach wenigen Yards noch einmal links ab.

Und dann sah er die Bescherung!

Aus einer Garage quoll Rauch. Dahinter prasselte dunkelrotes Feuer. Bount gab Gas. Der silbergraue Mercedes machte einen kraftvollen Sprung vorwärts.

Augenblicke später stand Bounts Wagen unmittelbar vor der Garagenabfahrt. Bount Reiniger hakte den Handfeuerlöscher, der unter dem Sitz befestigt war, los, schnellte aus dem SEL, rannte die betonierte Schräge hinunter, drehte das Ventil voll auf und bekämpfte den Brand.

Die Flammen hatten zum Glück noch nicht weit um sich gegriffen. Sie erstickten rasch unter dem weißen Schaumteppich, mit dem Bount Reiniger sie zudeckte.

Der Qualm reizte Bount zum Husten. Die schwarzen Rauchwolken wälzten sich träge aus der Garage. Mit brennenden Augen suchte Bount Reiniger die Person, die hier unten durch die Explosion möglicherweise zu Schaden gekommen war.

Er entdeckte die Beine eines Mannes. Er sah Blut. Als Bount die Autotür öffnete, sah er den ganzen Mann.

Es war deutlich zu erkennen, dass dem tödlich Verletzten nicht mehr zu helfen war. Da hatte eine Handgranate ganze Arbeit geleistet.

Bount überlief es kalt. Er übte seinen Beruf nicht erst seit gestern aus, und es gab immer wieder Tote auf seinen Wegen.

Dennoch würde er sich an den Anblick einer Leiche niemals gewöhnen können. So abgebrüht würde er niemals werden.

Ein Toter. Umgekommen durch eine Handgranate.

Das roch nach Mord!

Bount weigerte sich anzunehmen, dass der Mann, der vor ihm lag, auf diese ausgefallene Weise selbst seinem Leben ein gewaltsames Ende gesetzt hatte.

Jetzt erst fiel Bount Reiniger die gelbe Blume auf, die neben dem Leichnam lag. Es war eine Narzisse. Und Bount konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Blume vom Mörder als letzter Gruß gedacht war.

Bount Reiniger vernahm ein leises Schluchzen.

Er drehte sich halb um und erblickte eine hübsche, dunkelhaarige, zerbrechlich wirkende Frau. Sie lehnte im Rahmen der Tür, durch die man ins Haus gelangte, ohne dass man die Garage verlassen musste.

„Ich heiße Bount Reiniger“, sagte Bount Reiniger, damit die Frau keine falschen Schlüsse zog und eventuell ihn für den Mörder dieses Mannes hielt. „Ich bin Privatdetektiv, kam zufällig hier vorbei, hörte den Knall... Tut mir leid, dass ich nicht mehr tun konnte. Ist das Ihr Mann?“

„Ja“, hauchte die Frau.

„Wie ist sein Name?“

„Richard Cranford. Ich bin Farrah Cranford.“ Die Frau trug ein blutrotes Kleid mit Spaghettiträgern. Ihre Brüste waren üppig. Sie drängten sich weit aus dem tiefen Dekolleté hervor.

Bount Reinigers schönes, unbeschwertes Wochenende hatte mit einem gewaltigen Paukenschlag geendet. Vergessen waren die erholsamen Stunden.

Bount Reiniger war schon wieder voll im Einsatz.

Draußen setzte allmählich die Dämmerung ein. Farrah Cranford schaltete die Garagenbeleuchtung ein. Sie hatte nicht den Mut, näherzukommen.

Sie wagte es nicht, ihren toten Mann anzusehen. Bount konnte es ihr nicht verdenken. Richard Cranford bot keinen schönen Anblick.

Farrah sah so aus, als würde sie zusammenklappen, wenn sie nicht an dem Türrahmen gelehnt stehen blieb. Sie war kreidebleich, zitterte am ganzen Leib und nagte unentwegt an ihrer Unterlippe.

Nasse Tränenbahnen glänzten auf ihren Wangen. Der Verlust ihres Ehemannes schien sie sehr schmerzhaft getroffen zu haben.

„Was für einen Beruf übte Mr. Cranford aus?“, wollte Bount wissen.

„Er besaß ein eigenes Transportunternehmen. Zehn Trucks.“

Bount begab sich zu der Frau. „Hatte er Feinde?“

„Ich weiß es nicht.“

„Fiel Ihnen irgend jemand auf, der sich heute hier in der Nähe herumtrieb?“

„Ich habe niemanden gesehen“, antwortete Farrah Cranford.

„Woher kam Ihr Mann? Ich nehme an, er traf vor wenigen Minuten zu Hause ein.“

„Er hatte in der Firma zu tun.“

„Es ist Sonntag.“

„Für Richard gab es keinen Sonn- oder Feiertag. Er hat immer gearbeitet.“

„War das denn nötig?“

„Er behauptete ja.“

„Kamen Sie dabei nicht zu kurz?“ Farrah Cranford hob die Schultern. „Am Anfang habe ich versucht, es zu ändern. Wir stritten uns fast täglich. Das ging so lange, bis ich dann resignierte. Seither war ich mit den wenigen Stunden zufrieden, die sich mein Mann mir widmete. Nun muss ich auch darauf verzichten.“

„Gab es andere Frauen in seinem Leben?“

„Davon ist mir nichts bekannt. Nein, ich glaube, Richard war mir treu.“

„Aber mit Sicherheit wissen Sie es nicht.“

„Welche Frau weiß das schon mit Sicherheit, Mr. Reiniger?“ Farrah Cranford schluckte schwer. „Ich habe immer befürchtet, dass Richard eines Tages ein solches Ende finden könnte.“

Bount horchte auf. „Wieso?“

„Richard war Geschäftsmann. Er war ständig auf Gewinn aus. Es war ziemlich egal, woher das Geld kam, das er kassierte.“

„Heißt das, es gab hin und wieder mal ein unsauberes Geschäft?“

„Das kam vor. Ich beschwor meinen Mann, die Finger von solchen Geschäften zu lassen. Doch er sagte immer, davon verstünde ich nichts, und ich solle mich nicht in seine Angelegenheiten mischen. Vielleicht wäre er noch am Leben, wenn er auf mich gehört hätte.“

„Was für Geschäfte waren das, von denen Ihr Mann die Finger hätte lassen sollen?“

„Ich weiß nichts Genaues. Ich weiß nur, dass er öfter mal mit Rossano Vascenti verhandelte, und dass Vascenti kein Saubermann ist, das ist ja in ganz New York hinlänglich bekannt.“

Da hatte Farrah Cranford allerdings recht. Rossano Vascenti war bei Gott kein unbeschriebenes Blatt. Ob Rauschgifthandel, Prostitution oder illegales Glücksspiel - Rossano Vascenti hatte seine Hände überall drin.

Und Richard Cranford hatte mit dem Italiener Geschäfte gemacht.

Wen hatte das gestört? Vascentis Konkurrenz vielleicht? Was hatte die gelbe Narzisse neben der Leiche zu bedeuten? Die lag garantiert nicht ohne Grund dort.

Farrah Cranford wusste auf keine von Bount Reinigers Fragen eine Antwort. Richard Cranford hatte seine Frau mit Informationen in jeder Hinsicht kurzgehalten. Hatte er so viel zu verbergen gehabt?

Die junge Frau bat Bount, mit ins Haus zu kommen. Bount Reiniger schloss zuvor noch das Garagentor. Dann schritt er neben Farrah die Stufen hinauf, die in einer Diele endeten, deren Boden mit Keramikfliesen ausgelegt war.

Der Livingroom war ein riesiger Raum, in dem ein einfallsreicher Innenarchitekt seine Visitenkarte hinterlassen hatte.

„Jetzt muss ich etwas trinken“, sagte Farrah Cranford und stakste zur Hausbar. „Darf ich Ihnen auch einen Drink anbieten, Mr. Reiniger?“

„Nein, danke.“

Farrah kehrte mit einem reichlich gefüllten Bourbonglas zurück. Sie bot Bount Reiniger Platz an. „Was kosten Sie, Mr. Reiniger? Ich würde Sie gern engagieren.“

„Hundert Dollar pro Tag. Spesen extra.“

Die Frau nickte. „Okay. Damit bin ich einverstanden. Haben Sie Zeit? Würden Sie für mich arbeiten? Ich möchte wissen, wer meinen Mann umgebracht hat und warum er es getan hat. Und ich will, dass Richards Mörder seiner gerechten Bestrafung zugeführt wird. Dieses furchtbare Verbrechen darf nicht ungesühnt bleiben.“

„Der Meinung bin ich auch, Mrs. Cranford“, sagte Bount.

„Übernehmen Sie den Fall?“

„Ja“, antwortete Bount Reiniger. Er wies auf das Telefon, das neben ihm stand. „Darf ich mal?“

„Selbstverständlich“, sagte Farrah Cranford. Sie leerte ihr Glas auf einen Zug.

Bount rief zunächst die Polizei an. Das durfte nicht mehr länger hinausgeschoben werden. Es war die Pflicht jedes Staatsbürgers, ein Verbrechen unverzüglich den Behörden zu melden.

Nachdem Bount Reiniger die entsprechende Meldung losgeworden war, drückte er die Gabel nieder. Anschließend wählte er die Privatnummer von June March.

„Hallo“, meldete sich die junge Frau.

„Guten Abend, June. Ich bin es: Bount.“

„Oh, Chef. Hat die attraktive Malerin noch etwas von dir übriggelassen?“, spottete June.

Bount ging nicht darauf ein. „Hast du Zeit?“, fragte er.

„Kommt darauf an, wofür. Ich habe gerade Besuch von zwei reizenden Herren...“

Bount wusste, dass sie log. Sie war bestimmt allein. „Komm in die 'Blaue Eule'“, verlangte er. „Ich habe soeben einen neuen Fall übernommen.“

„Hat jemand deinen neuen Schwarm zu Tode erschreckt?“

„Es geht um Mord“, erwiderte Bount Reiniger ernst.

Als June das hörte, wurde sie sofort sachlich. „Ich komme“, versprach sie. „In zwanzig Minuten bin ich in der 'Blauen Eule'.“

Bount hatte absichtlich dieses Lokal genannt, denn da war mit Sicherheit auch sein Mitarbeiter Wilkie Lenning anzutreffen. Der Junge verbrachte jede freie Minute dort.

Farrah Cranford holte sich noch einmal dasselbe Quantum Bourbon.

Farrah hob die Schultern. Sie sah hilflos aus. „Wenn ich nicht trinke, klappe ich zusammen. Ich brauche den Bourbon. Sonst kann ich den furchtbaren Schock nicht überwinden.“

Bount erhob sich. „Mrs. Cranford, Sie konnten mir keine Feinde Ihres Mannes nennen. Wie sieht es mit Freunden aus?“

Bount bat um die Firmenanschrift und um De Youngs Privatadresse. Farrah nannte beides. Bount Reiniger schrieb sie sich auf.

Bount nickte. „Die kenne ich. Könnten Sie sich vorstellen, dass auch Danny De Young und Joseph Lapino mit Rossano Vascenti Geschäfte machen?“

„Ich werde nichts unversucht lassen, um den Mörder Ihres Mannes zur Strecke zu bringen, Mrs. Cranford“, versprach Bount Reiniger.

Ihre Finger öffneten sich. Das Bourbonglas rutschte ihr aus der Hand und fiel zu Boden. Die goldene Flüssigkeit bildete eine glänzende Lache.

Farrah gab keine Antwort. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie aus dem Fenster. Bount rannte zur Terrassentür.