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Karin Schwind

Vier Frauen auf zwölf Beinen

Eine Reise mit tierischen Herausforderungen

books that make you smile!

„Doch wir alle sind Reisende in der –
wie John Bunyan sagt – Wildnis der
Welt; wir alle reisen auch immer in der
Begleitung eines Esels; und das beste,
was uns auf unseren Fahrten begegnet,
ist ein ehrlicher Freund.“

Robert Louis Stevenson1

Karin Schwind

Vier Frauen auf
zwölf Beinen

Eine Reise mit tierischen Herausforderungen

Impressum

© 2015 sorriso Verlag GmbH, Radolfzell am Bodensee

Lektorat: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze
Korrektorat: Bianca Weirauch
Layout, Umschlaggestaltung und Satz:
KONTRASTE – Graphische Produktion, Björn Fremgen

ISBN: 978-3-946287-56-8
1. Auflage 2015

Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich.
www.sorriso-verlag.com

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Bildnachweis:
© alle Fotos im Buch: Anette Bengelsdorf
© Umschlagfoto Cover Esel: Eric Isselee / 123rf.com
© Umschlagfoto Rückseite Mohnblume: mch67 / 123rf.com
© Federzeichnung: Len Neighbors / 123rf.com
© Hintergrund Kapitelanfangsseiten: binik, fotolia.com
© Autorenfoto: Karin Schwind, Fotograf: Pragash Irudayam

INHALT

Aller Anfang ist leicht …

Hinein ins Abenteuer

Irgendwie habe ich mir das einfacher vorgestellt

Wandern allein genügt nicht

Nur der Wind singt sein Lied

Eine gute Ausrüstung ist Gold wert – Lesen können auch …

So langsam wird’s – oder doch nicht?

Wenn man(n) sprachlos ist

Der Vorteil einer klaren Entscheidung

Endlich Nahrung für die Seele

Siesta eseliana

Eine Tasse Morgenluft

Auf der Südseite des Lebens

Vorübergehend sesshaft

Abschied von den Langohren

Fülle des Lebens

Merci beaucoup

Nützliche Tipps rund ums Wandern mit Eseln

Literaturführer – (m)eine kleine Auswahl

Schreib‘ draußen

Über die Autorin

Aller Anfang ist leicht!

„Du bist schon ein bisschen verrückt!“

Aller Anfang ist leicht …

„Du bist schon ein bisschen verrückt!“, sagt meine Freundin Ellen und grinst mir frech ins Gesicht.

„Klar, deshalb verstehen wir uns auch so gut!“ Ich grinse frech zurück.

Ich halte Robert Louis Stevensons „Reise mit einem Esel durch die Cevennen“2 in der Hand, das Buch, mit dem alles vor ein paar Monaten angefangen hatte, und lese ihr daraus vor:

„So war denn ein Lasttier zu beschaffen. (…) Was ich brauchte, mußte billig, klein und ausdauernd sein und eine gleichmütige, friedliche Natur haben. Und bei all diesen Anforderungen kam nur ein Esel in Frage.“3

„Und wie wollt ihr einen gleichmütigen, friedlichen Esel finden?“ Ellen schaut mich fragend an: „Die sind doch alle eher störrisch und eigensinnig, oder? Ich stelle mir das schwierig vor, wenn ihr da mitten in den fast menschenleeren Cevennen unterwegs seid und der Esel keine Lust mehr hat, euer Gepäck zu tragen!“

„Ach, alles halb so wild!“, gebe ich betont locker zurück. „Erstens haben Anette und ich im Internet eine sehr nette Esel-Vermieterin gefunden, deren Tiere das Wandern gewohnt sind, und zweitens haben wir im März hier am Bodensee schon eine Probewanderung mit einem Eselbesitzer gemacht.“

17. März, Andelshofen bei Überlingen

Anette, meine zukünftige Wanderbegleiterin, parkt direkt neben dem Eselstall. Das Gras auf den Wiesen rundherum ist bereits saftig grün, die Sonne scheint, ein mildes Lüftchen weht. Sancho und Pancho, die beiden Esel, die wir bisher nur von den Fotos im Internet kannten, strecken ihre Köpfe neugierig aus dem Stall. Auch Andres, der Besitzer, ist schon da und begrüßt uns herzlich. Dann geht es gleich zur Sache: das Fell gut striegeln, damit unter dem Sattel nichts scheuert, die Hufe ordentlich auskratzen, damit sich dort kein Steinchen festsetzt und drückt, schließlich satteln. Die Packtaschen zu beiden Seiten sollten etwa gleich schwer sein, damit alles im Gleichgewicht bleibt und nichts verrutscht. Heute wiegen sie so gut wie nichts, haben wir doch für jeden nur eine Wasserflasche und etwas Obst eingepackt. Und schon geht’s los!

Überall sprießen die ersten leckeren Kräuter und ziehen die Eselmäuler magnetisch an. Wir bleiben streng – gefressen wird später. Und so fallen Sancho und Pancho bald in einen gleichmäßigen Rhythmus, wir schließen uns ihnen an und fühlen uns geradezu meditativ entspannt. Nur die Hunde, das Damwild im Gehege und die Kühe bringen uns ab und zu ein wenig aus der Ruhe – die Überquerung der viel befahrenen Bundesstraße, der kleinen Brücken und auch eine Unterführung meistern die Esel gekonnt. Sie sind verkehrssicher. Dennoch weist uns Andres auf mögliche Gefahren und Risiken beim Wandern mit Eseln hin, und ich frage mich, ob die zwei Wochen in den Cevennen auch so meditativ entspannt werden. Vor allem, weil wir dann ohne Eselbesitzer auf uns allein gestellt sein und nicht nur zwei Wasserflaschen in den Packtaschen haben werden.

Am späten Nachmittag sitze ich mit Anette im Café. Ich freue mich darauf, zwei Wochen mit ihr unterwegs zu sein. Sie ist handfest und frei heraus, hat sich durch fremde Länder und Wüsten geschlagen und erweist sich auch bei der weiteren Planung als routiniert. Wir bestellen Reiseführer und Wanderkarten, schauen uns Höhenprofile an und legen Tagesetappen fest. Schließlich buchen wir einen Esel: allerdings teuer und groß – wie ausdauernd und gutmütig, wird sich herausstellen.

27. August, Friedrichshafen

Das Zelt ist verpackt, der Kochlöffel abgesägt, die Haare kurz geschnitten, die Kocher-Varianten-Diskussion beendet, die endgültige Etappenliste geschrieben, das Flugticket gefunden. Eine letzte Mail an unsere Eselvermieterin ist abgeschickt:

Chère Marie-Ange, nous arriverons demain 16:20 à Langogne. Nous avons 35 kilo de bagages, parce que nous avons décidé de faire le camping. J’espère, ce n’est pas trop lourd et trop volumineux …?

A demain, Anette

Liebe Marie-Ange, wir kommen morgen um 16.20 Uhr in Langogne an. Wir haben 35 Kilo Gepäck, weil wir beschlossen haben zu zelten. Ich hoffe, das ist nicht zu schwer und zu voluminös …?

Bis morgen, Anette

Hinein ins Abenteuer

Friedrichshafen – Flughafen Zürich – Flughafen Lyon – Nîmes – Langogne

28. August, Flughafen Zürich, zwölf Grad

Halb sechs Uhr morgens – noch will ich eher träumen, als mich der üblichen Abflugroutine hinzugeben. Doch ich suche mein Flugticket heraus, leere brav meine Wasserflasche und stelle mich am digitalen Ticketschalter an. Als ich endlich an der Reihe bin, funktioniert meine Eingabe nicht. Ich winke eine nette Dame in Uniform herbei. Sie ist wohl schon wacher als ich, jedenfalls klappt es bei ihr auf Anhieb, und so ziehen wir weiter zur Gepäck-Aufgabe und stehen endlich vor dem Security-Check. Ich hasse es, dieses Hosengürtelausfädeln, Taschenleeren und Kontrolliertwerden. Anette hat es noch schlimmer erwischt, sie wird zur Extrakontrolle hinausgewunken. So nehme ich am Ende des Fließbandes auch ihr Gepäck in Gewahrsam und denke laut: „Wo ist hier eigentlich die Sicherheit?“

Wenn man allein reist, kann das frauenlose Gepäck doch wunderbar gestohlen werden, während die unbescholtene Bürgerin im Visier der Kontrolleure ist.

Schließlich setzen wir uns in der Wartehalle mangels freier Plätze einfach auf den Boden. Hinter den riesigen Scheiben wechselt der Himmel langsam von dunkelschwarz nach rötlich hell.

Zwanzig vor sieben – Während Anette versucht, sich durch den Wirtschaftsteil eines herumliegenden Le Figaro zu kämpfen, kribbelt in meinen Füßen die Unruhe. Gerne würde ich jetzt loslaufen und erfahren, wie das ist, mit einem Esel zwei Wochen lang durch eine fast menschenleere Gegend zu wandern, und herausfinden, ob wir uns vertragen, ob meine Idee gelingt. Doch vorerst muss ich das tun, was ich am wenigsten mag: warten!

Warten ist Nichtstun – das gefällt mir nicht. Also tue ich etwas und beobachte, was die Menschen um mich herum machen, während sie warten: Sie stehen in der Schlange, dösen, essen, treten von einem Bein auf das andere, sitzen auf dem Schoß bei Mama oder Papa und schmusen. Sie lesen Zeitung oder ein Buch, schnarchen, hängen im Sessel, schauen auf die Anzeigetafel, holen sich einen Kaffee, spielen mit dem Handy, holen sich einen zweiten Kaffee, packen ihr Vesper aus, halten Händchen, starren ins Leere, blättern in Magazinen oder träumen vor sich hin. Ich bin erstaunt, denn das scheinbare Nichts-Tun ist aktives Tun! Und auch ich habe eine Beschäftigung gefunden, die mir die Zeit verkürzt.

Viertel vor acht – Abflug. Endlich! Ich liebe dieses Gefühl: die Kraft im Rücken, die mich in den Himmel hebt, einem neuen, oftmals unbekannten Ziel entgegen. Ich atme aus … das bekannte „Über den Wolken“ strahlt mit seiner „grenzenlosen Freiheit“ zum Fenster herein, und zusammen mit den schneeweißen Gipfeln und dem blauen Himmel schiebt es mich sanft in den Tagtraum hinein, wie alles anfing:

Im vergangenen Herbst hatte ich Stevensons „Reise mit einem Esel durch die Cevennen“ geschenkt bekommen und abends beim Lesen, eingekuschelt in meine warme Bettdecke, war plötzlich dieses Gefühl da: Auf den Spuren dieses Schriftstellers, den ich bisher nur durch seinen berühmt gewordenen Roman „Die Schatzinsel“ kannte, wollte ich mit einem Esel unterwegs sein!

Ich sah mich über sanfte Hügel wandern mit einem netten, friedlichen Esel an meiner Seite, der bereitwillig mein Gepäck über Stock und Stein trug. Ich sah mich an einem Fluss sitzen und über das Verrinnen der Zeit sinnieren. Ich sah mich terminkalenderbefreit und uhrenlos von Ort zu Ort wandern, eintauchend in eine fast menschenleere Landschaft und nur mit dem Wind in den Haaren und der Sonne im Gesicht meiner Sehnsucht folgend.

Der Duft von Kaffee und ein Stückchen Schweizer Schoggi, das mir die Stewardess unter die Nase hält, bringen mich zurück ins Hier und Jetzt, und mir wird klar, dass ich nun tatsächlich auf dem Weg bin, um diese verrückte Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Und dass ich tatsächlich eine Frau gefunden habe, die genauso verrückt ist wie ich und nun neben mir sitzt und versucht, ihre silbergraue Lockenmähne mit einem Haarband zu bändigen: Anette. Wassersport – und Reisejournalistin, gelernte Segelmacherin, in der Welt zu Hause, in der Wildnis erfahren.

Sie war die Einzige von meinen Freunden, die sich nicht an den Kopf gegriffen hat, als ich von meinen Plänen erzählte. Im Gegenteil: Sie war sofort Feuer und Flamme, als ich sie fragte, ob sie nicht mitkommen wolle – schließlich brauchte ich eine Fotografin an meiner Seite und jemanden, der bereit war, nicht nur zwei Wochen lang zu Fuß bergauf und bergab unterwegs zu sein, sondern dabei auch noch einen Esel mitzunehmen. Anette, so fand ich, war genau die Richtige, hatte sie doch schon alle Kontinente bereist, war auf den Philippinen gesurft, hatte sich mutig in Südamerika einen Wasserfall hinuntergestürzt, zwei Jahrzehnte im islamischen Ausland gelebt und zusammen mit mir und unseren Partnern so manchen Gipfel erklommen. Sie toppte meine laienhaften Fotos mit hervorragenden Aufnahmen und außerdem wollte ich, im Gegensatz zu Stevenson, nicht einsam durch die Cevennen streifen.

„Sag mal, Anette, hat Marie-Ange eigentlich auf deine Mail geantwortet? Ich bin immer noch unsicher, ob wir unser Gepäck in diese Esel-Packtaschen überhaupt reinbekommen.“

„Ja, hat sie. Sie holt uns vom Bahnhof ab. Ansonsten hat sie was von einer Lösung für unser Gepäck geschrieben, von einer surprise, einer Überraschung, die sie für uns hätte.“

„Oje, sie will uns doch hoffentlich nicht einen zweiten Esel mit auf die Wanderung geben?“

„Keine Ahnung, kann schon sein. Wie wir das dann machen, weiß ich auch noch nicht. Wir hatten ja eigentlich abgemacht, dass immer eine von uns den Esel führt, damit die andere Zeit hat, zu fotografieren, zu schreiben und der Esel sich nicht daran gewöhnt, alle fünf Minuten wegen uns stehen zu bleiben.“

Die Ansage des Piloten unterbricht unsere Überlegungen. Der Landeanflug beginnt.

Halb neun – Flughafen Lyon. Während die meisten Menschen ihre wunderbaren Rollkoffer vom Band heben und sich flott und „unbeschwert“ auf den Weg machen, schleppen wir unsere wasserdichten Packtaschen à 18 Kilogramm.

Was kann man auch mit einem Rollkoffer oder einem großen Rucksack auf einer Eselwanderung anfangen? Wir hatten nach Behältnissen gesucht, die wir zusammenfalten und in den Eselpacktaschen verstauen konnten. Nun aber haben wir festgestellt, dass die Gepäckwagen mit unseren großen Taschen nicht durch die Absperrungen passen – wir müssen alles tragen.

Endlich stehen wir auf dem Bahnsteig des Rhône-Express, steigen ein, lassen uns in die Sitze fallen und fahren zum Hauptbahnhof. Nachdem wir unsere Siebensachen bei der dortigen Gepäckaufbewahrung abgegeben haben, sind wir im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert.

Doch es gilt, gleich noch ein zweites Problem zu lösen: Wir brauchen eine Gaskartusche für unseren Campingkocher. Hatten wir doch, allen umweltverträglichen Überlegungen zum Trotz, das Flugzeug gewählt, da ein Bahnticket viermal so teuer gewesen wäre. Außerdem, so beruhigten wir unser ökologisches Gewissen, wollten wir uns schließlich in den kommenden zwei Wochen nur zu Fuß fortbewegen und dabei jede Menge Energie einsparen. Doch wer fliegt, darf keine Gaskartuschen im Gepäck haben, und so machen wir uns in Lyon auf die Suche nach einem entsprechenden Geschäft. Wir haben Glück: Gleich neben dem Bahnhof finden wir ein Centre Commercial, ein Einkaufszentrum, mit einem Haushaltswarenladen. Ich zeige der Verkäuferin das Foto auf meinem Handy, und sofort weiß sie, was ich suche. Drei Regale später halte ich zwei Gaskartuschen in der Hand und stehe schon wieder an der Kasse. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte!

Wir haben noch ein bisschen Zeit, bevor es mit dem Zug weitergeht nach Nîmes. So bummeln wir durch die Straßen, genießen einen Salad-to-go im Parc Jeanne Jugan und entdecken auf Plakaten den Sommer-Slogan der Stadt Lyon: „Laissez-vous surprendre! Lassen Sie sich überraschen!“ Noch ahnen wir nicht, welche Bedeutung dieser Satz in den nächsten zwei Wochen für uns haben wird.

Viertel nach eins – tausche 12 Grad nieselgraues Zürich gegen 30 Grad sonnenblaues Nîmes.

Ich stehe auf dem Bahnsteig mit unserem Gepäck, während Anette sich auf die Suche nach dem richtigen Gleis für unsere Weiterfahrt macht. Ein Zug fährt ein. Als alle ausgestiegen sind, bleibt eine junge Frau in der offenen Waggontür stehen und sonnt sich. Ihre dunkle Haut glänzt im warmen Licht, ich bin fasziniert von ihrer Lockenpracht und ihrer farbenfrohen Kleidung. Sie bemerkt, dass ich sie beobachte. Einen Moment lang schauen wir uns in die Augen und verstehen uns wortlos. Nach wochenlangem Regen lechzen die Menschen nach jedem noch so kleinen Sonnenstrahl.

„Gleis 3!“, ruft Anette und reißt mich aus meinen Gedanken. Wir schleppen unser Gepäck zwei Bahnsteige weiter.

„Ist es nicht erstaunlich, wie viele verschiedene Geschwindigkeiten unsere Reise hat?“ Ich schaue Anette fragend an.

Sie nickt. „Klar, vor ein paar Stunden sind wir noch mit knapp 900 km/h über die Wolken hinweggedüst, dann ging es weiter mit dem Schnellzug und gleich sitzen wir in einem Bummelzug.“

Wenig später zieht die Landschaft der Cevennen an uns vorbei, das Wasser des Allier glitzert uns durch die Scheiben entgegen. Spätestens morgen werden wir unsere Reisegeschwindigkeit noch einmal drastisch verringern und nur noch im gemütlichen Eseltrott diese Landschaft erwandern. Ludwig I. von Bayern, anfangs ein Befürworter der Eisenbahn, beklagte 1854 das Tempo der Menschen: „Einer eingepackten, willenlosen Ware gleich (…) schießt durch die schönsten Naturschönheiten der Mensch, Länder lernt er keine mehr kennen.“ Und in einem Brief des Königs von 1856 heißt es: „‘Der Duft der Pflaume ist weg‘, äußerte mir bereits 1827 Goethe.“4

Was würde dieser wohl heute zu Flugzeug und ICE sagen? Und werden wir den „Duft der Pflaume“ entdecken? Werden wir auch innerlich zur Ruhe kommen, langsamer werden, die Landschaft in ihren Details präziser wahrnehmen, auch uns mehr spüren, in uns hineinhören können in der Stille dieser endlosen Weite?

Viertel nach fünf – endlich Langogne. Wir schleppen unser Gepäck durch die Bahnhofshalle und stellen die Taschen draußen auf dem Vorplatz ab. Erschöpft und verschwitzt halten wir Ausschau nach Marie-Ange, unserer Eselvermieterin. Da kommt sie schon mit dem Auto um die Ecke gesaust, hält vor unserer Nase an, springt heraus und begrüßt uns mit einem herzlichen Salut!

Strähnen ihres blonden Haares hängen ihr wild ins Gesicht, die hochgekrempelten Ärmel ihrer Bluse zeigen braungebrannte Unterarme, die das Arbeiten gewohnt sind. So habe ich mir einen Menschen vorgestellt, der jahrelang in der Weite der Mongolei Pferderennen organisiert hat und nun wieder in seinem Heimatland angekommen ist, um aus einem geerbten Gehöft etwas Sinnvolles zu machen.

Wir sind froh, dass Marie-Ange lange in Berlin und am „wunderbarischen“ Bodensee gewohnt hat und unser leidliches Französisch mit einem weitaus besseren Deutsch ergänzen kann.

„Wie machst du das, dass die so sauber aussehen?“, fragt sie und zeigt auf meine Wanderschuhe.

Ich schaue zuerst auf meine, dann auf ihre Schuhe. „Wahrscheinlich sehen die so aus, weil ich mit ihnen eher wandern gehe als zum Ausmisten in den Stall“, erkläre ich lachend.

Geschickt verstaut Marie-Ange unsere riesigen Packtaschen in ihrem winzigen Kofferraum. Dann quetsche ich mich auf die Rückbank eines Autos, das sicherlich noch nie eine brav-bürgerliche Samstagmorgen-Aussaugaktion erlebt hat, und finde mich zwischen Plastiktüten und Hufkratzern, deformierten Müsliriegeln und Resten von Heu und Stroh wieder.

Wir plaudern in deutsch-französischem Mischmasch, tauschen Informationen aus und halten schließlich vor einem Supermarkt.

„Kauft ordentlich ein“, rät uns Marie-Ange. „Auf eurer Wanderstrecke gibt es viele verlassene Weiler ohne Laden oder Bäckerei.“

In den endlosen Gängen dieses fremden Supermarktes sind Anette und ich froh, dass wir ähnliche Essgewohnheiten haben. So kaufen wir Äpfel und Birnen, Datteln und Feigen zum Frühstück und für zwischendurch, Merguez und Zucchini für die Pfanne gleich heute Abend, Brot und Kekse und ein paar Dosen Sardinen als Notration.

„Was meinst du, Anette, wie viel Kilo Kaffee sollen wir nehmen?“

Herausfordernd schaue ich sie an. Ich kenne schließlich ihre Leidenschaft für Kaffee. Doch sie lässt sich nicht von mir ärgern.

„Du willst doch schreiben, oder?“, kontert sie. Denn auch sie kennt mich und meine Angewohnheit, mich gerne mit einer guten Tasse Kaffee an meine Schreibprojekte zu setzen.

Als wir endlich an der Kasse stehen, fühlen wir uns ziemlich unsicher. Wird das bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit reichen? Wird es in den kleinen Dorfläden, die wir in unserer Excel-Tabelle eingetragen haben, überhaupt frisches Obst und Gemüse geben? Finden wir zur Not einen Bauern, bei dem wir etwas kaufen können, so wie Stevenson seinerzeit? Es sollte für die nächsten zwei Wochen tatsächlich das letzte Mal sein, dass wir einen Supermarkt betreten.

Gegen Abend sind wir in Le Plagnal auf dem Hof von Marie-Ange angekommen, endlich sehen wir die Esel: zwanzig kleine und große Langohren. Mein Blick bleibt völlig fasziniert an zwei besonderen Eselsohren hängen: Ich schätze sie jeweils auf gut vierzig Zentimeter. Noch nie habe ich Eselsohren gesehen, von denen lange, dunkelbraune, zottelige Haare herabhängen. Ein Baudet de Poitou sei das, erzählt Marie-Ange und streicht dem Tier über den Hals. Die Poitou-Esel seien eine gefährdete Großeselrasse, die man schon seit dem 11. Jahrhundert kennt und die früher in Südwestfrankreich verbreitet war. Heute gebe es nur noch 600 von ihnen und man habe wieder angefangen, sie zu züchten …

Ich höre schon nicht mehr zu, denn aus dem Unterstand kommt ein staksig-wackeliges Eselfohlen heraus, schwarz mit weißer Nase. Mit einem einzigen Wimpernschlag erobert es mein Herz, und so schiebe ich meine Hände in das Kuschelfell, kraule Hals und Ohren, während sich von hinten plötzlich etwas an meine Unterschenkel schmiegt: Wie ich erfahre, ist das Baloo, ein Gros Patou, der uns mit wedelndem Schwanz begrüßt.

„Hier ist ja einer kuscheliger als der andere!“, rufe ich begeistert.

„Ja, und hier ist eure Überraschung: Ich werde euch zwei Esel mit auf die Wanderung geben.

Darf ich vorstellen: Wapa, erfahren im Wandern, intelligent, liebevoll und verschmust. Manchmal ist sie eine Schauspielerin. Sie könnte durchaus eure 36 Kilogramm Gepäck alleine tragen, aber das bekommt ihr nicht in den zwei Packtaschen unter. Deshalb darf Coquelicot5 – das heißt auf Deutsch Mohnblume – noch mit euch wandern. Sie ist recht zierlich, aber ihr werdet staunen. Sie begleitet die Wanderer mit einer Kraft und einem Willen – das traut man ihr gar nicht zu!“

Mit diesen beiden unwiderstehlichen Begleiterinnen werden wir uns also nicht nur auf die Spuren von Stevenson begeben, sondern auch auf die Spuren einer alten Tradition: Die Ânes de Provence (Esel der Provence) waren schon im 15. Jahrhundert an der Seite der Hirten unterwegs, die mit ihren Schafherden umherzogen. Sie wählten die Esel aufgrund ihres ruhigen, ausgeglichenen Temperaments; deren Aufgabe war es damals, den Proviant der Hirten zu tragen, das Salz für die Schafe oder auch schon mal neugeborene Lämmer. Auch für Anette und mich sollen die beiden Damen Proviant und Gepäck tragen: Wapa etwa zweimal zwölf Kilogramm, Coquelicot zweimal vier. Wir streicheln die Tiere und schmusen mit ihnen, freunden uns mit den beiden an und überlegen bereits, wie wir unser Gepäck sinnvoll auf die vier Satteltaschen verteilen sollen, die uns Marie-Ange in die Hand drückt.

Neben uns sprudelt Wasser aus einem Rohr in ein Holzbecken, das den Tieren als Tränke dient.

„Das ist unsere Quelle, davon kannst du trinken“, ermutigt mich unsere Eselvermieterin.

Weil ich von der langen Reise sehr durstig bin, lasse ich mir das nicht zwei Mal sagen, ziehe gleich einen halben Liter Quellwasser ab und genieße dieses frische, klare Wasser, nicht ahnend, dass es mit der gleichen Temperatur später mein Duschwasser sein wird.