Helmut Ziegler

Peng,

der Penguin

Illustrationen von

Isabel Kreitz

 

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FUEGO

– Über dieses Buch –

Peng ist der Außenseiter unter den Königs-Pinguinen eines Vogelparks, einsam und zurückhaltend. Aber er besitzt Charakter und dazu eine einzigartige Gabe: Sein Gefieder kann sich verfärben. Es leuchtet violett bei Wut, wird grün vor Neid, weiß vor Angst und strahlt golden, wenn er glücklich ist. Mit Robert, einem elfjährigen aufgeweckten Jungen, der als einziger Pengs Sprache versteht, verbindet ihn bald eine wunderbare Freundschaft.

Als Peng mit Hilfe von Roberts Mutter zum Superstar einer gigantischen Werbekampagne wird, genießt der Star-Pinguin seinen Ruhm in vollen Zügen. Doch schon bald müssen sich die Freunde gegen billige Vermarktung, fiese Verträge und durchdrehende Fans wehren. Dafür braucht es List, Mut sowie eine ordentliche Portion Frechheit. Und einen verwegenen Plan, bei dem Peng über sich hinauswachsen muss!

 

 

»Das Pinguinbuch, das alle anderen Pinguinbücher überflüssig machet. Leider auch meine eigenen.«

Walter Moers

 

 

 

Für Dich, Anton

 

 

 

 

 

 

»Werft mich in einen Fluss,

und wenn ihr Pech habt,

hab ich Glück

und komm mit einem Fisch im Maul zurück.«

 

Aus dem Song »Fisch im Maul«

der Band Fink

Erstes Kapitel

Die kalte Dusche

Die Höhle, in der Peng lebte, war nicht größer als eine Badewanne, aber ziemlich gemütlich. Denn die Höhle war kühl. Sie war dunkel. In der Mitte befand sich eine kleine Mulde, wie geschaffen dafür, auf dem Bauch zu liegen, zu schlafen und zu träumen. Und durch den Eingang konnte man ein Stück Himmel sehen.

Das Beste aber war: Sie lag abgenickte erlegen, versteckt hinter zwei Bäumen. Wenigstens hier ließen die anderen Pinguine ihn in Ruhe. Die anderen, das waren Königspinguine. Er aber war ein Humboldtpinguin, der einzige hier im Vogelpark.

Er war einen Kopf kleiner als die Königspinguine. Nur halb so schwer. Und lange nicht so kräftig. Königspinguine verfügten außerdem über lange und spitze Schnäbel, gelbschwarz gefärbt, mit denen sie fies pieken konnten. Wie Wespen. Pengs Schnabel war kurz, rund und stumpf. Der rötliche Fleck darauf sah aus, als rutsche ihm gerade eine Brille von der Nase. Hübscher als er waren die Königspinguine auch: Ihr Hals leuchtete orangerot, die Brust in einem warmen Gelb. Peng dagegen sah aus, als hätte ihn ein dreckiger Fahrradreifen überrollt: Ein schwarzer Streifen lief quer über seine Brust, darunter befanden sich graue Flecken - wie Matschspritzer.

In der kleinen Höhle hinter den Bäumen fühlte sich Peng sicher. Hier wurde er nicht ausgelacht, nicht verspottet, nicht beleidigt, nicht weggeschubst. Besonders Nantuk, der Boss der Königspinguine, war so ein Typ, der einen anrempelte und dann blaffte: »Pass doch auf, wo ich hingeh!«

Einen Nachteil allerdings besaß seine Höhle. Ihre Decke hatte winzige Risse und Löcher. Und wenn es regnete, sickerte immer Wasser durch.

Peng schlief noch. Er träumte, dass er mit seinen Eltern auf einem Eisberg spazieren ging. Gleich würden sie am Rand ankommen und ins Meer springen.

»Platsch.«

Ein dicker Tropfen zerplatzte auf Pengs Kopf. In seinem Traum tauchte er elegant in das klare kalte Wasser ein.

»Platsch.«

Nun hatte auch sein Schnabel einen Tropfen abbekommen. In seinem Traum sah Peng unter sich, in der Tiefe des Meeres, kleine durchsichtig blaue Garnelen schwimmen, mit denen er sich gleich den Magen vollschlagen würde.

»Platsch.«

Diesmal lief ihm Wasser in den Nacken. Der Garnelenschwarm vor seinen Augen, eben noch farbig und fröhlich in Reichweite seines Schnabels auf und ab schwebend, wurde blasser und verschwand schließlich ganz.

Peng öffnete verschlafen die Augen und hob den Kopf. Der Himmel vor seiner Höhle leuchtete strahlend blau, nicht eine Wolke war zu sehen. Er schloss die Augen, um wieder in seinen Traum zurückzukehren.

»Platsch.«

Ein weiterer Tropfen klatschte mitten auf seine Stirn. Nun war Peng wach. Und bekam auf der Stelle schlechte Laune.

Daran war nicht das Gepladder schuld. Er war ein Pinguin, wasserdicht, frostgeprüft. Selbst wenn er nicht wie viele seiner Verwandten am Südpol lebte, Kälte und Feuchtigkeit störten ihn nicht. Im Gegenteil, manchmal war es ihm hier viel zu heiß. Wenn aber bei Sonnenschein Wasser von seiner Höhlendecke tropfte, bedeutete dies, dass die Tierpfleger mit ihren dicken Schläuchen das Gehege reinigten.

Das wiederum bedeutete: Heute war Sonntag.

Peng hasste Sonntage. Sonntags besuchten unendlich viele Menschen den Vogelpark, erst recht bei schönem Wetter. Massenhaft standen sie dann am Zaun und glotzten. Zeigten mit dem Finger auf ihn. Redeten über ihn.

»Guck mal, Mama«, würde eines der Kinder sagen, »der hat ja einen Frack an.« Prompt kam die blöde Antwort: »Ja, Spatz, der hat sich extra für uns fein gemacht.« »Papa«, würde ein anderes Kind fragen, »warum läuft der so komisch?« Prompt kam die blöde Antwort: »Pinguine können nicht richtig gehen, eben nur watscheln. Sieht tollpatschig aus, oder?«

Jeden Sonntag dasselbe. Peng konnte es nicht mehr hören. Er machte sich nicht fein. Er war auch nicht tollpatschig.

Und irgendwann, das war so sicher, wie alter Fisch zu stinken beginnt, würde eines der Kinder einen Zweig von einem Baum abbrechen. Ihn durch den Zaun stecken und direkt vor seine Füße halten. Er würde stolpern und nach vorn knallen, steif wie ein gefällter Baum. Sich dabei ordentlich weh tun. Und vor Schmerzen schreien. »Iiieehjuk!« Und weil dieser Schmerzensschrei für Menschen so klingt, als käme er aus einer verrosteten Trompete, würde das Kind sich kaputtlachen.

Jeden Sonntag dasselbe. Peng hatte es satt. Er war doch kein Clown.

Er beschloss, seine Höhle nicht zu verlassen. Sollten sich die anderen draußen ruhig zum Affen machen. Sollten sie die aus Beton nachgemachte Felsenküste ablatschen, in dem flachen Becken im Kreis schwimmen, sich an den blauen Kacheln den Kopf stoßen, um Fisch betteln. Er würde streiken, abseits in seiner Mulde liegen bleiben und von Eisbergen träumen.

Peng drehte sich leicht zur Seite, um den Tropfen auszuweichen. Er stellte sich vor, wie Schneeflocken sanft auf ihn herabrieselten. Der Wasserstrahl, der plötzlich hammerhart in die Höhle schoss, schleuderte Peng aus seiner Mulde. Mit dem Schnabel knallte er gegen die Wand. Er japste hektisch nach Luft. Doch schon im selben Augenblick riss ihn eine riesige Welle mit sich, spülte ihn ohne jede Gegenwehr aus der Höhle. Er streifte einen der Bäume, prallte ab und rutschte wehrlos den Abhang zum Bassin herab. Der raue Stein brannte heftig an seinem Bauch.

»Iiieehjuk«, kreischte er, »iiieehjuhuk!«

»Buffz!« Mit einem dumpfen Schlag endete Pengs Fahrt, als sein Kopf gegen ein Paar dunkelgrüne Gummistiefel stieß und mit dem Schnabel zwischen den glitschigen Schuhen stecken blieb.

»Sieh an, unser Tiefflieger«, sagte der Tierpfleger grinsend. »Dann wären wir ja vollzählig. Guten Morgen, Peng.«

Peng wollte sich befreien, aber sein Schnabel saß fest. Der Wärter bewegte seine Füße nicht.

Peng stützte sich mit seinen Flügeln auf dem Boden ab und drückte seinen Körper hoch, um den Kopf zu befreien. Er ruckelte mit aller Kraft. Doch der Tierpfleger sah kalt auf ihn herab, grinste nur. Peng zog weiter. Langsam, Millimeter für Millimeter rutschte der Schnabel aus der Falle heraus. Der Druck ließ nach: »Schluuarpp«. Schmatzend gaben die Stiefel den Schnabel frei. Mit Schwung purzelte Peng nach hinten und landete auf dem Po.

»Ke ke ke«, kicherten die anderen Pinguine.

Peng rappelte sich auf, schüttelte sich kurz, tastete mit den Flügeln seinen Körper ab. Offenbar hatte er sich nichts gebrochen. Nur sein Bauch schmerzte. Als er noch am Meer lebte, hatte ihm einmal ein Seeleopard den Kiefer in den Bauch gerammt. Drei Reihen scharfer Zähne hintereinander. Das hatte ähnlich wehgetan.

Jeden Sonntag dasselbe. An jedem Mist-Sonntag richtete einer der Tierpfleger einen Schlauch direkt auf den Eingang seiner Höhle, um ihn brutal zu wecken. Offenbar machte denen das großen Spaß.

»Konk«, sagte Peng. Das Pinguinwort für Arsch. Und ohne die anderen Pinguine oder den Wärter auch nur eines Blickes zu würdigen, schlurfte er mit vor Zorn violett verfärbter Stirn in die äußerste Ecke des Geheges. Dort angekommen summte er leise vor sich hin:

 

Ihr könnt mich gern begaffen, anblaffen,

mich werdet ihr nicht schaffen,

denn ich nehm’ bald Reißaus.

 

Habt mich entführt vom schönen Eis

hier hergebracht, aufs Abstellgleis.

Doch wenn die Wärter rufen: Wasser marsch,

ruf ich zurück: Leckt mich am Po.

 

Ich schlage euch mit meinen eig’nen Waffen,

und dann seid ihr die Affen,

und ich krieg den Applaus.

 

Schön wär’s, dachte Peng dann, schön wär’s. Das ist doch nur fröhliches Pfeifen im dunklen Wald.

Als er am Graben vor dem Zaun angekommen war, sah er sie. Die ersten Menschen. Mutter und Sohn. Na ja, dachte Peng, hat auch sein Gutes, stehen genug herum, gibt s wenigstens Frühstück.

Tatsächlich holten die Pfleger ihre Eimer und warfen Heringe, Makrelen und Sardinen im weiten Bogen in das Becken, damit sich alle Pinguine ins Wasser stürzten. Sofort entstand ein wüstes Gedrängel, das Wasser spritzte hoch. Nur Peng blieb am Zaun stehen. Bei diesen ruppigen Kämpfen zog er sowieso den kürzeren. Sein Magen knurrte.

Der Junge am Zaun zeigte auf ihn. Gleich würde er vom Frack sprechen. Oder vom Tollpatsch. Am liebsten hätte sich Peng die Ohren zugehalten, aber dafür waren seine Flügel zu kurz.

»Schau mal, Mami«, sagte der Junge, »der Kleine da sieht niedlich aus.« Dabei lächelte er.

»Find ich auch, Robert«, antwortete die Mutter.

Robert war nur wenig älter als Peng: elf, vielleicht zwölf Jahre. Er hatte wuschelige blonde Haare, trug ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt, Jeans und braune Schuhe mit Schnürsenkeln. Als Peng die Schnürsenkel sah, war er erleichtert. Fast alle Kinder, die ihn ärgerten, trugen Schuhe mit Klettverschlüssen.

Robert musterte den Pinguin. Links im Gehege pflügten viele der großen Vögel auf der Jagd nach den restlichen Fischen durchs Wasser. Rechts stand der kleine Pinguin, allein, wie bestellt und nicht abgeholt.

Peng sah, wie in einiger Entfernung von Robert ein zweiter, größerer Junge auftauchte. Er trug raspelkurze Haare, eine eiserne Angeberkette am Gürtel und schwarze Turnschuhe. Mit Klett-Verschluss. Na toll, dachte Peng.

Der Junge mit den Klett-Verschlüssen bückte sich, um etwas vom Boden aufzuheben. Peng ahnte, dass es Steine waren. Und er ahnte auch, dass sie nicht zum Sammeln aufgehoben wurden. Einen Augenblick überlegte er, ob er seine Artgenossen warnen sollte. Einerseits darf niemand mit Steinen beworfen werden. Andererseits benahmen sich die anderen wie die Herrscher des Geheges. Eingebildet reckten sie ihre Schnäbel in die Luft und schauten auf ihn herab. Gelegentlich fing er sich sogar eine. Und wenn Nantuk ihm etwas befahl, war es besser, sich mit der Erledigung dieser Aufgabe zu beeilen. Trotzdem, selbst doofe, arrogante Königspinguine durften nicht gequält werden.

»Achtung«, rief Peng. »Da will einer mit Steinen werfen.« In der Sprache der Pinguine klang das, als blase er auf einem alten fettigen Kamm: »Prierööf!«

Der Klett-Verschluss drehte sich zu ihm um. »Ey, Fracksack«, rief er und warf.

Robert hörte, dass der Junge etwas brüllte. Er sah, wie er den Stein schleuderte. Und wie dieser Stein den kleinen Pinguin traf, direkt am Bauch.

»Iiieehjuk«, quiekte Peng.

Robert starrte den Pinguin überrascht an. Was war das denn? Täuschte er sich? Für ein oder zwei Sekunden lief ein weißer Schimmer, eine helle Färbung über das schwarze Gefieder. Als würde das Tier vor Schreck bleich wie eine Wand. Robert blinzelte kurz. Aber schon war alles wie vorher, nur der Bauch weiß, Kopf und Rücken wieder schwarz.

Auch einige Königspinguine hatten den Schmerzensschrei gehört. Sie wackelten mit dem Kopf und lachten keckernd: »Ke ke ke.«

Der Klett-Verschluss hob erneut grinsend den Arm. Doch bevor er den nächsten Stein werfen konnte, packte Robert ihn fest am Handgelenk. Automatisch öffnete sich seine Faust. Das Wurfgeschoss plumpste zu Boden.

»Bist du blöd?« Robert schaute dem Jungen direkt in die Augen und ließ nicht locker. »Das tut dem doch weh.«

Der Klett-Verschluss wirkte überrascht. Dann befreite er sich mit einer schnellen Armdrehung aus dem Griff. »Na, und? Das ist doch nur ein doofer Pinguin.«

»Der hat dir nichts getan. Also lass ihn in Ruhe.« Robert blickte dem Größeren weiter in die Augen.

Pinguinbild

Wow! Peng staunte. Konnte man einen solchen Blick lernen? Das würde ihm in Zukunft eine Menge Ärger vom Hals halten.

Den Klett-Verschluss schien der Blick einzuschüchtern. Offenbar spürte er, wie ernst es Robert war. Widerwillig öffnete er seine Hand und ließ auch die restlichen Steine fallen. Dann ging er weg. Allerdings drehte er sich noch einmal um und musterte Robert wütend. Murmelte etwas, das nicht genau zu verstehen war, aber nach »Memme« klang. Dann spuckte er direkt vor Roberts Füße auf den Boden.

»Du bist ja echt mutig«, rief ihm Robert hämisch nach.

Du bist wirklich mutig, dachte Peng. Ich wäre weggelaufen.

»Robert«, rief die Mutter, die sich schon ein paar Schritte entfernt und von all dem nichts mitbekommen hatte. »Was ist jetzt? Wir wollen weiter.«

Robert verdrehte die Augen. »Komm ja schon«, murmelte er, warf noch kurz einen Blick auf den Pinguin, zuckte mit den Achseln und folgte seiner Mutter. Doch kaum war er einen Meter gegangen, hörte er laut und deutlich das Wort: »Danke.«

Es hallte in seinem Kopf nach, dieses »Danke«.

Robert fuhr herum, in die Richtung, aus der das Wort gekommen sein musste. Aber da stand nur dieser kleine Pinguin. Und dessen Schnabel war geschlossen, der hatte also nichts gesagt. Im selben Moment wurde er über sich selbst ärgerlich: Hallo, Robert? Jemand zu Hause? Ein Pinguin kann nichts sagen. Ein Pinguin quiekt und kreischt herum, er macht bestenfalls Geräusche, die kein Mensch versteht. Außer Vogelkundlern vielleicht.

»Du hast mich schon verstanden.«

Wieder hallte der Satz in Roberts Kopf nach wie ein Echo.

Wie bitte? Pinguine, dachte Robert, können doch nicht sprechen, das habe ich doch nun gerade geklärt. Aber Pinguine, dachte er, während er das Gehege hinter sich ließ, Pinguine verändern auch nicht die Farbe ihres Gefieders.

Oder etwa doch?

 

Pinguinbild

Zweites Kapitel

Der Test

Weil am Montag die Schulferien begannen, durfte Robert länger aufbleiben als sonst. So lümmelte er sich auf dem Sofa und schaltete mit der Fernbedienung durch die Kanäle, während seine Mutter Brote für das Abendessen schmierte. Nachdem er einige langweilige Werbespots für Autos und Tütensuppen weggeklickt hatte, sah er Hunderte von Pinguinen auf einem Eisberg.

»Pinguine haben zwar Flügel«, hörte er einen Sprecher sagen, »aber zum Fliegen sind sie zu kurz. Forscher haben ausgerechnet, dass Pinguine erst bei einer Startgeschwindigkeit von vierhundert Stundenkilometern abheben könnten. Doch mit ihren kurzen Beinchen erreichen sie diese Geschwindigkeit natürlich nicht.«

»Hej«, rief Robert, »hier läuft was über Pinguine.

»Mmmmh«, murmelte seine Mutter in der Küche. Eines dieser Erwachsenenworte, die alles bedeuten konnten oder nichts.

»Wo liegt der Vorteil der Flugunfähigkeit?«, fragte der Sprecher. »Vögel müssen leicht gebaut sein, manche haben sogar Luft in ihren Knochen. Das beeinträchtigt natürlich ihre Fähigkeit zum Tauchen. Nahrung in größerer Tiefe bleibt unerreichbar. Pinguine hingegen sind schwer und gleiten durch das Wasser. Der kleine Zwergpinguin taucht dreißig Meter tief, Kaiserpinguine kommen sogar auf bis zu fünfhundert Meter. Fünfhundert Meter, so hoch sind die höchsten Türme, die je von Menschen gebaut wurden. Und da Pinguine nach einem Fischzug nicht fliegen müssen wie andere Vögel, können sie Unmengen von Garnelen vertilgen. Bis zu einem Viertel ihres Körpergewichtes können Pinguine an Nahrung aufnehmen. Zum Vergleich: Ein elfjähriger Junge müsste sieben bis acht Kilogramm Nudeln essen, jeden Tag.«

»So, dann wollen wir mal sehen, wie viel Nahrung du aufnehmen kannst.« Roberts Mutter stellte Brote mit Frischkäse und Schnittlauch sowie Gurkenstücke auf den Tisch. Daneben eine Kanne mit dampfendem Pfefferminztee, auf dem noch die Blätter schwammen.

»Iieh, Pfefferminztee. Hab’ ich Durchfall oder was?« Robert seufzte. »Kann ich Apfelsaft?«, fragte er.

»Was?«, fragte seine Mutter zurück. »Auf die Blumen gießen? Zum Autowäschen benutzen? Im Klo runterspülen? Wir sprechen in ganzen Sätzen. Kann ich Apfelsaft haben? Oder trinken? Und dann gibt es noch das Wort Bitte

Robert drehte genervt die Augen zum Himmel, ging in die Küche und holte sich ein Glas Apfelsaft. Als er zurück war, sah er seine Mutter vorwurfsvoll an. »Du weißt doch genau, dass ich Pfefferminztee nicht leiden kann.«

»Vielleicht würde der Tee dir schmecken, wenn du ihn mal probieren würdest, ist nämlich eine neue Sorte«, sagte seine Mutter. Aber Robert schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich wieder auf den Fernseher.

»Jeder Quadratzentimeter Pinguinhaut ist von zwölf Federn bedeckt«, erklärte der Sprecher. »Die auf der Haut liegenden wolligen Daunen wirken dabei wie Unterwäsche, sie halten warme Luft in Körpernähe. Die gefetteten Federspitzen darüber weisen dagegen das Wasser ab wie ein Taucheranzug.«

»Davon«, nuschelte Robert mit vollem Mund, »dasch die Federn schich verfärben können, schagt der nischts.«

»Warum sollte er?«, fragte Roberts Mutter. »Können sie ja auch nicht.«

Seine Mutter sagte das in so bestimmtem Ton, als wäre es Gesetz. Robert beschloss, besser seinen Mund zu halten. Vielleicht hatte er sich ja wirklich getäuscht.

Aber der Gedanke ließ ihn nicht los. Später im Bett kam ihm eine Idee. Sie war allerdings ein bisschen fies, fand er. Genau genommen ziemlich fies.

 

Peng war gerade beim Frühstück, als die Elster neben ihm landete.

»Moin, Peng«, sagte sie.

»Moin, Pica.« Mit einem Fuß schob er ihr einen Teil seiner Körner, Haferflocken und Fischmehlbällchen zu. Montags, wenn niemand zuschaute, fiel das Essen dürftiger aus.

Pica gehörte nicht direkt zum Vogelpark. Für eine Elster geben Menschen kein Geld aus, Elstern können sie auch von ihren Fenstern aus betrachten. Die Besucher kamen wegen der Adler, die bei Flugvorführungen majestätisch und haarscharf über ihre Köpfe hinwegsegelten. Wegen der Brahmahühner, wegen asiatischer Enten, Falken, rosaroter Flamingos und Aas fressender Geier. Wegen federleicht hin- und herflitzender Kolibris, wegen buntschnäbeliger Marabus, Nandus, sprechender Papageien, wegen Pelikanen, der geheimnisvollen Schleiereulen, der Tukane. Und, nicht zu vergessen, wegen der Königspinguine natürlich. Siebenhundertfünfzig unterschiedliche Vogelarten aus der ganzen Welt konnte man hier bestaunen, der Direktor wies extra mit großen Plakaten am Eingang darauf hin. Da brauchte er Pica nicht, die eines Tages über das Gelände geflogen war und beschlossen hatte, hier ihr Nest zu bauen. Aber er verjagte sie auch nicht, obwohl ihre Anwesenheit anfangs für Ärger sorgte.

Pica war schnell. Wie ein blau-weiß-schwarz gestreifter Blitz schoss sie bei Fütterungen vom Himmel hinab, bediente sich aus den Näpfen und war schon wieder weg, bevor der Bestohlene auch nur »Tschilp« sagen konnte.

Trotz Picas kleiner Gaunereien musste allerdings kein Vogel hungern, die Unruhe legte sich schnell. Pica wurde sogar bewundert. Sie sei so flink, hieß es, dass sie einem gähnenden Menschen einen Goldzahn aus dem Mund picken könnte.

Bei ihren Rundflügen bemerkte Pica, dass Peng immer abseits von den anderen Pinguinen stand. Sie schwebte zu ihm herab, stellte sich mit ihrem typischen »Moin« vor und fragte, ob er was gegen die Königspinguine habe.

Peng erklärte ihr den Grund.

»Verstehe«, sagte Pica nur.

Von da an frühstückten sie regelmäßig gemeinsam. Manchmal landete Pica dabei sogar zuerst auf seinem Kopf, was so angenehm kitzelte, dass Pengs Federn in einem warmen, wohligen Orange aufschimmerten.

Heute aber starrte Pica ihn verwundert an. »Was ist denn mit deinem Schnabel passiert?«

»Wieso?«, fragte Peng.

»Sag bloß, du weißt es nicht. Da fehlt eine Ecke.«

»Da fehlt eine Ecke?«

»Ja.«

»Da fehlt eine Ecke?« Peng klang hysterisch.

»Beruhig’ dich mal, Peng«, sagte Pica. »Ich glaube nicht, dass wir weiterkommen, wenn du jeden Satz von mir wiederholst.«

»Da fehlt eine Ecke? In echt?«

Pica nickte genervt.

Peng tastete aufgeregt seinen Schnabel ab. Tatsächlich, sein Flügel verhakte sich an einer stumpfen Stelle. »Da fehlt eine Ecke«, murmelte er entsetzt.

»Sag' ich doch«, stellte Pica zufrieden fest.

»Das tut aber gar nicht weh«, sagte Peng überrascht.

»Dann ist ja gut«, meinte Pica. »Und, unter uns, ich finde, die kleine Lücke steht dir. Du siehst verwegener aus als früher. So, als hättest du es einem der Königspinguine ordentlich gezeigt.«

»Schön wär's«, seufzte Peng. »Das muss passiert sein, als ich mit dem Kopf gegen die Wand meiner Höhle geknallt bin. Oder gegen den Baum. Oder gegen die Gummistiefel des Wärters.«

»Und du beklagst dich, das Leben hier sei langweilig«, sagte Pica mit einem Grinsen.

Sie begannen mit dem Frühstück.

 

Noch halb im Schlaf war Robert aufgestanden und zu seiner Mutter ins Schlafzimmer getappst. Wie fast an jedem Morgen kroch er zu ihr unter die Decke. Automatisch legte sie ihren Arm um ihn. Normalerweise schlief Robert jetzt wieder ein, doch heute war er hellwach. Sein Plan ließ ihm keine Ruhe.

»Mama«, sagte er und stieß sie sanft in die Seite.

»Hmmm«, grummelte sie müde und drehte sich um.

»Mama, der Pinguin ist plötzlich weiß geworden.«

»Hmmm.«

»Als ihn der Stein getroffen hat.«

»Hmmm.«

»Sag nicht immer nur Hmmm. Wirklich, er hat sich verfärbt.«

Seine Mutter war jetzt fast wach. »Welcher Pinguin?«, fragte sie und gähnte. »Welcher Stein?«

Robert erklärte es ihr.

»Ein Pinguin, dessen Fell sich verfärbt«, wiederholte sie. »Klar. Und die Erde ist eine Scheibe. Lass mich noch etwas schlafen, ja?« Sie zog sich die Decke über den Kopf.

»Federn, Mama, Federn. Pinguine sind Vögel.«

»Wie auch immer«, murmelte sie unter der Decke.

Robert dachte aber nicht daran, sie schlafen zu lassen. Er erzählte ihr von seinem Plan: Sie würden noch einmal in den Vogelpark fahren, dann könnte er es beweisen.

»Och nö, Rübe«, sagte sie.

»Doch«, sagte er und fing an, sie zu kitzeln. Er zog ihr die Decke weg. Als auch das nicht half, begann er zu quengeln. So lange, bis seine Mutter nachgab.

»Na, gut«, seufzte sie schließlich und stand auf.

Aus der Küche, unter das Geblubber der Kaffeemaschine gemischt, hörte Robert einen Satz, der nicht gerade begeistert klang. »Fahren wir halt noch einmal in diesen Vogelpark. Ich bin ja arbeitslos, ich hab ja Zeit.«

Robert hielt es für klüger, auf diesen Satz nicht zu reagieren. Er blieb im Bett liegen und blätterte in einem japanischen Comic. Mangas liebte er über alles.

Vor knapp einem halben Jahr war seine Mutter entlassen worden. Die Werbeagentur, für die sie arbeitete, bekam nicht mehr genügend Aufträge. Deshalb hatte sich die Firma von einigen Mitarbeitern getrennt. Auch von ihr.

Das brachte Vorteile. Im Gegensatz zu früher, als sie in der ganzen Welt unterwegs war oder oft bis in die Nacht vor dem Computer hockte, hatte seine Mutter nun mehr Zeit für ihn.

Das brachte aber auch Nachteile. Immer wieder saß sie geistesabwesend am Tisch, den Kopf in die Hände gestützt und blickte ins Nichts. So, als denke sie darüber nach, was sie nun tun soll. Oder, schlimmer noch, als wisse sie nicht mehr, was sie noch tun soll. Ab und zu fuhr sie sich mit der rechten Hand durch die dunklen langen Haare und stöhnte. Ein paar Mal hörte Robert sie sogar seufzen, während sie unter der Dusche stand. Früher hatte sie dort immer gesungen. Nicht besonders schön, zugegeben, aber doch so fröhliche Lieder wie »Wir finden schon nach Hause, so oder so, bis neun bist du okay, bei zehn erst k. o.«

Jetzt sagte sie immer häufiger, alles sei zu teuer. Die Jeans, die schon jeder zweite in seiner Klasse hatte. Ein Handy. Sammelkarten zum Tauschen auf dem Schulhof. Selbst Kaugummi gab es nicht mehr jeden Tag.

Aber immerhin hatte er sie überredet, noch einmal in den Vogelpark zu fahren. Und weil Montags der Eintritt nur die Hälfte kostete, kauften sie vorher sogar in einem Fischladen einen frischen Hering.

 

Wie es ihre Art war, blickte sich Pica immer wieder kurz um, während sie die Körner aufpickte. »Geht früh los heute«, sagte die Elster nach einer Weile zu Peng.

»Was?«

»Menschen.«

Peng blickte auf. Am Zaun standen Robert, eine Plastiktüte in der Hand, und seine Mutter. Beide starrten ihn durchdringend und neugierig an.

Roberts Mutter bückte sich und hob einen großen Stein auf. Sie wog ihn in der Hand, warf ihn mehrmals aus dem Handgelenk hoch in die Luft und fing ihn wieder auf. Dann kniff sie die Augen zusammen und zielte.

Die wirft nach mir, dachte Peng.

Blitzschnell hob Roberts Mutter ihren Arm und ließ ihn nach vorn schnellen, genau in Pengs Richtung.

»Oh, Mist.« Pica schlug mit den Flügeln und machte sich aus dem Staub.

Peng quiekte ängstlich: »Iiieehjuk.«

 

Ha, Robert hatte Recht gehabt. Jetzt musste auch seine Mutter den weißen Schimmer gesehen haben, der nur ganz kurz, für ein oder zwei Sekunden, über das schwarze Gefieder des Pinguins lief.