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Buch

Victor ist Profikiller. Sein wahrer Name und seine Herkunft: unbekannt. Sein Perfektionismus und seine Erfolgsquote: unerreicht. Für seine Auftraggeber beim britischen Geheimdienst ist Victor die wichtigste Waffe. Und obwohl sich Victor nicht um Fragen von Recht oder Moral schert, gibt es auch für ihn Aufträge, bei denen es nicht nur um Geld geht. Sondern darum, das Böse zu besiegen. Dazu zählt auch sein neuester Job: Victor soll Milan Rados eliminieren, einen ehemaligen Befehlshaber der serbischen Armee. Einem Verfahren vor dem Kriegstribunal in Den Haag konnte sich Rados entziehen und danach seine Macht über die Jahre stetig ausbauen. Um ihn zur Strecke zu bringen, braucht Victor einen besonderen Plan …

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sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

TOM WOOD

Cold Killing

Thriller

Aus dem Englischen

von Leo Strohm

GOLDMANN_Seite_3.eps

Die Originalausgabe erschien 2016

unter dem Titel »A Time to Die« bei Sphere,

an imprint of Little, Brown Book Group, London

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1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung März 2017

Copyright © der Originalausgabe 2016 by Tom Hinshelwood

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagfoto: Nik Keevil/arcangel

Redaktion: Gerhard Seidl

AB · Herstellung: Str.

Satz: omnisatz GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-17606-8
V002

www.goldmann-verlag.de

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Piktogramme.tif

Kapitel 1

Einen Mord zu begehen ist nicht weiter schwierig. Die wahre Kunst besteht darin, nicht erwischt zu werden. Und Victor praktizierte das eine wie das andere schon sein halbes Leben lang. Diese Tatsache wurde ihm in einem seltenen Moment der Selbstreflexion bewusst – und genauso schnell wieder verworfen. Den eigenen Gedanken nachzuhängen bedeutete, der Umgebung nicht die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Solange er sich mit der Vergangenheit beschäftigte, konnte er die Menschen in seiner Nähe nicht beobachten, konnte keine Schusswinkel und Sichtfelder abschätzen, sich nicht überlegen, wie er am wirkungsvollsten eventuelle Bedrohungen neutralisieren sollte oder welches die beste Möglichkeit für die anschließende Flucht wäre.

Um einen Mord zu begehen, braucht man kaum mehr zu können, als zu zielen und zu schießen. Das kann im Prinzip fast jeder. Aber um nicht erwischt zu werden, muss man es schaffen, von sich abzulenken und anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Victor war ein professioneller Killer, er tötete entweder für Geld oder um sich selbst zu schützen, wobei das Zweite immer in direktem Zusammenhang mit dem Ersten stand. Er tötete diejenigen, für deren Tötung er bezahlt wurde, und diejenigen, die er töten musste. Weil er aber zu seinen Opfern praktisch keine direkte Beziehung hatte, wurde er in der Regel nicht mit der Tat in Verbindung gebracht. Damit mussten seine Auftraggeber dann klarkommen. Sie waren schließlich diejenigen, die von Victors Talenten am meisten profitierten.

Während er sich in Gedanken noch mit der Frage nach Schuld und Schuldzuschreibung beschäftigte, musterte er die Männer und Frauen, die mit ihm zusammen im Waggon saßen. Es waren überwiegend Familien oder Paare, und die meisten Einzelreisenden waren entweder zu alt oder zu jung oder trugen die falsche Kleidung. Niemand löste auf seinem Gefahrenradar auch nur die kleinste Zuckung aus.

Es gab nur einen einzigen Mann in Victors Alter. Er saß Victor gegenüber und hielt sich an einem Becher mit kaltem Tee fest. Ohne sich besonders anstrengen zu müssen, sah Victor die braunen Ringe am Becherrand und die dünne Schaumschicht, die sich auf der Oberfläche des Tees gebildet hatte.

Er befand sich an Bord des berühmten Roten Pfeils auf seiner nächtlichen Fahrt von Moskau nach St. Petersburg – neun Stunden nach Norden, quer durch die russische Taiga. Der Rote Pfeil befuhr diese Strecke seit über einem halben Jahrhundert. Moderne Züge schafften sie in der Hälfte der Zeit, aber eben auch nur halb so stilvoll. Victors Einzelkabine in der ersten Klasse war zwar klein, aber üppig ausgestattet, sogar mit Dusche. Es war eine sehr extravagante Art zu reisen, aber aus Victors Sicht jeden einzelnen Penny wert. Seine Privatsphäre war ihm wichtig.

Der Mann, der ihm gegenübersaß, trug eine dunkle, leichte Baumwollhose und ein locker sitzendes, dickes weißes Baumwollhemd. Die Ärmel hatte er bis zu den Ellbogen hoch gerollt. Das Hemd war einen Tag getragen worden und sah entsprechend zerknittert aus. Der Mann wirkte wachsam, sah gleichzeitig aber auch müde aus. Es ging bereits auf Mitternacht zu, und seine Augen waren gerötet und von dunklen Ringen umgeben. Trotzdem war er hellwach und zappelig. Victor sah ihm in die Augen, was der Mann als Einladung zu einem Gespräch auffasste.

»Genau so sollte man reisen.« Er war Engländer, erkennbar an seinem markanten, gepflegten Akzent. »Fliegen? Nein danke. Das sollen die machen, die es nicht besser verstehen. Mit dem Auto? Das ist ja, als wäre man sein eigener Chauffeur.« Er runzelte die Stirn und zog die Mundwinkel nach unten. »Aber der zivilisierte Mann reist mit dem Zug.«

Er lächelte, um zu signalisieren, dass er das nicht wirklich ernst gemeint hatte, aber Victor wusste, dass das Lächeln ein Test war. Sein Gegenüber wollte die Grenzen seines Gesprächspartners ausloten, auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, die womöglich die Basis für ein paar kurzweilige Stunden bilden konnten.

Victor blieb stumm. In Bezug auf Konversation – so lautete die Summe seiner Erfahrungen – war weniger mehr.

»Ich bin diese Strecke schon öfter gefahren«, sagte der Engländer. »Ich kann Ihnen genau sagen, wann Sie wo aus dem Fenster schauen müssen. Wenn es wieder hell ist, meine ich. Wie ein Reiseführer. Sie müssen mich natürlich nicht dafür bezahlen. Es sei denn, Sie haben das Bedürfnis.«

Dieses Mal war sein Lächeln echt.

»Ich mag die Eisenbahn, eigentlich schon immer«, sagte Victor. »Oder besser gesagt: Ich habe sie in meiner Kindheit gemocht.«

»Fahren Sie zum ersten Mal mit dem Roten Pfeil?«

Victor nickte.

»Dann genießen Sie’s.« Er streckte Victor die Hand entgegen. »Ich heiße Leonard Fletcher.«

Victor gab nur ungern anderen Menschen die Hand. Er hielt ganz generell nicht viel von Körperkontakt. Menschen, die ihn berühren wollten, wollten ihm in der Regel etwas antun. Er nahm die angebotene Hand trotzdem an, weil der Mann für ihn keine Gefahr darstellte und Victor solche zwischenmenschlichen Kontakte nutzen musste, um die Fassade der Normalität aufrechtzuerhalten.

»Ich heiße Jonathan.«

»Sehr erfreut, Jon. Ich hatte schon Angst, dass bloß Pärchen oder alte Leute mitfahren würden. Manchmal ist das so. Dann hat man niemanden zum Reden. Die Landschaft ist ja schön und gut, aber bei Nacht nützt einem das nichts, stimmt’s? Und früh schlafen zu gehen hat auch keinen Sinn, weil ich eine Nachteule bin. Ich störe Sie doch nicht, oder?«

»Keineswegs«, erwiderte Victor.

»Das habe ich mir gedacht. Sie sehen aus, als würden Sie sich auch langweilen. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass ich mich einfach zu Ihnen gesetzt habe.«

»Keineswegs«, wiederholte Victor.

Jetzt ertönte eine Lautsprecherdurchsage. Der Speisewagen wurde in Kürze geschlossen.

»Haben Sie den kroatischen Rotwein schon probiert?«

Victor schüttelte den Kopf. »Ich bin kein großer Weintrinker. Es sei denn, es ist ein guter Dessertwein.«

Der Engländer machte unverzagt weiter. »Sollten Sie aber. Der Merlot ist ein Gedicht. Und billig noch dazu. Das kann ja nie schaden.«

»Ich werd’s mir merken.«

Danach saßen sie eine Zeit lang schweigend da. Je länger das Schweigen dauerte, desto nervöser wurde der Engländer. Er hätte gerne weitergeplaudert, aber es bereitete ihm Mühe, das Gespräch in Gang zu halten. Da Victor nur einsilbige Antworten gab, musste er die ganze Arbeit machen.

Der Mann ließ sich alles bisher Gesagte noch einmal durch den Kopf gehen und fand schließlich einen Anknüpfungspunkt: »Sie haben gesagt, dass Sie als Kind Züge gern gehabt haben. Waren Sie vielleicht einer von diesen Außenseiter-Typen, die endlose Listen anlegen und Fahrpläne auswendig lernen?«

Er grinste. Die kleine Spitze sollte eine Antwort provozieren, ganz egal was für eine.

Victor schüttelte den Kopf. »Damals hatte ich praktischere Hobbys. Ich habe zum Beispiel gerne irgendwelche Sachen gebastelt. Ich kann gar nicht genau sagen, wieso ich Züge gemocht habe. Ich habe sie immer von meinem Zimmerfenster aus gesehen, auf der Fahrt zum Bahnhof und wieder weg. Manchmal habe ich den ganzen Tag über nichts anderes gemacht, als ihnen zuzuschauen. Vielleicht war es ja das Geräusch. Das gleichmäßige Rumpeln kann sehr beruhigend sein, fast wie Musik.«

»Moment mal, haben Sie wirklich gerade gesagt, dass Sie den ganzen Tag lang Züge beobachtet haben? Ist das Ihr Ernst?«

Victor nickte.

»Hatten Sie keinen Fernseher zu Hause?«

Victor schüttelte den Kopf.

Der Mann sagte: »Donnerwetter, Sie müssen ja eine stinklangweilige Kindheit gehabt haben. Sie tun mir leid.«

»Was wir nie hatten, können wir auch nicht vermissen, nicht wahr?«

»Kann ich nicht beurteilen. Ich war ein verzogener Fratz. Wir hatten alles, jedes Spielzeug, jeden Mist. Mutter hing an der Flasche und hat uns dem Kindermädchen überlassen, und Vater hatte keine Ahnung, was er mit uns reden sollte. Darum hat er uns lauter Zeug gekauft, das wir nicht gebraucht haben. Komisch, dass Sie so eine Vorliebe für Züge gehabt haben. Er hatte nämlich eine Modelleisenbahn im Dachgeschoss. Ich schätze mal, das war sein Spielzeug. Eine prima Ausrede, um nichts mit den Blagen zu tun zu haben und sich zurückziehen zu können. Er hat oft viele Stunden da oben verbracht. Einmal hat er versucht, mich dafür zu begeistern, aber ich konnte damit nichts anfangen. Wenn der Zug einmal im Kreis gefahren ist, dann hat man alles gesehen. Dann passiert nichts Neues mehr. Ich habe keine Ahnung, was daran Spaß machen soll. Das ist Schwachsinn hoch drei, wenn Sie mich fragen.«

»Die Sache ist die«, sagte Victor und beugte sich vor. »Es geht gar nicht nur um den Zug, der immer im Kreis fährt. Es geht um die ganze, winzig kleine Welt. Die Einzelheiten. Die Perfektion. Es geht um die Grashalme und die sorgfältig aus kleinen Zweigen und gefärbten Flechten gebastelten Bäume. Es geht um die winzigen Menschen, die in einer zeitlosen, idyllischen Landschaft ihr winziges Leben leben. Darin liegt wirklich eine unglaubliche Schönheit, aber man muss bereit sein, sie zu sehen.«

Fletcher sog zwischen zusammengebissenen Zähnen die Luft ein. Er fühlte sich unwohl. »Oh, ach so. Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich wusste nicht, dass Sie auch eine hatten. Hätte ich mir aber denken können, stimmt’s? Schließlich haben Sie ja selbst gesagt, dass Sie als Kind auf Züge abgefahren sind.«

Victor schüttelte erneut den Kopf und ließ sich gegen die Lehne sinken. »Nein, ich hatte nie eine Modelleisenbahn. Ich hätte sehr, sehr gerne eine gehabt, das war mein allergrößter Wunsch. Aber wir hatten keinen Fernseher. Keine Modelleisenbahn. Nur das Fenster, zu dem ich hinausschauen konnte, wenn ich mich auf die Kommode gestellt habe. Und ansonsten nichts weiter als ein Bild von einer Modelleisenbahn, das ich aus einer Zeitschrift ausgerissen habe. Wenn es draußen dunkel war, sodass ich die Züge nicht mehr sehen konnte, dann habe ich mit einer selbst gebastelten Taschenlampe das Bild angeschaut und mir vorgestellt, wie der Zug über die Schienen gleitet, während ich am Regler sitze.«

Fletcher starrte ihn an. »Wollen Sie mich verscheißern?«

»Kein bisschen. Ob Sie’s glauben oder nicht, aber dieses Bild war mein wertvollster Besitz.«

»Na ja. Das sehen Sie mal, was Kinder für eine blühende Fantasie haben können. Über alle Grenzen hinweg, was? Aber bei mir war in dieser Hinsicht Fehlanzeige, ich hatte dafür einen Nintendo. Wenn man eine Fantasiewelt auf dem Bildschirm geboten kriegt, dann muss man sich keine eigene zusammenbasteln, stimmt’s? Ich glaube, ich war siebzehn, als ich zum ersten Mal ein Buch gelesen habe, und das auch nur, um irgendeinem Mädchen am College zu imponieren.« Er lachte und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Eine ganze Woche habe ich damit verschwendet, diesen dicken, zähen, langweiligen Schinken zu lesen, und was hat es mir gebracht? Nicht mal einen Kuss. Was wir alles für die Frauen machen, was? Und, was ist aus diesem Bild geworden? Tragen Sie es immer noch in der Brieftasche mit sich herum?« Er machte einen Scherz.

Victor erwiderte: »Nicht ganz. Es liegt in einer luftdicht verschlossenen Tasche in einem Schließfach im Hochsicherheitstrakt einer Schweizer Bank.«

Fletcher lachte erneut, lauter und lauter, und als er sich wieder im Griff hatte, musste er sich die Tränen aus den Augen wischen. Erst dann sah er, dass Victor nicht gescherzt hatte.

»Das ist doch nicht Ihr Ernst, oder?«, brachte er keuchend hervor. »Das muss Sie doch ein kleines Vermögen kosten.«

Victor zuckte mit den Schultern. »Ich habe es jahrelang vor den anderen versteckt. Die älteren Jungen hätten es mir weggenommen, entweder um es selbst zu behalten oder um es kaputt zu machen, nur zum Spaß. Ich bin eigentlich kein Nostalgiker. Ich denke so wenig wie möglich an die Vergangenheit. Aber dieses Bild von der Modelleisenbahn ist das eine Verbindungsglied zu dem Menschen, der ich einst gewesen bin, das ich einfach nicht begraben konnte. Schon damals war es für mich sehr, sehr wertvoll, aber heute ist es absolut unbezahlbar. Man könnte fast sagen, dass ich nie aufgehört habe, es zu hegen und zu pflegen.«

»Ich muss schon sagen«, erwiderte Fletcher und rieb sich mit dem Finger über das Kinn, »Sie sind wahrscheinlich der eigenartigste Mensch, der mir in diesem Zug je begegnet ist. Und ich bin schon einer ganzen Menge Menschen begegnet. Das ist keineswegs negativ gemeint«, fügte er hastig hinzu.

»So habe ich es auch nicht aufgefasst«, erwiderte Victor. »Ich bin da ziemlich unempfindlich.«

»Erzählen Sie doch mal. Wie kommt es, dass Sie alleine in diesem unfassbar kostspieligen Nachtzug sitzen?«

»Arbeit«, erwiderte Victor. »Und Sie?«

»Wie gesagt, ich fliege nicht gerne. Na ja, um ehrlich zu sein, ich kann nicht fliegen. Meine Kanzlei findet es zum Kotzen, aber sie können es nicht ändern, weil meine Flugangst als Krankheit anerkannt ist. Der Arbeitnehmerschutz im Vereinigten Königreich kann sich sehen lassen. Ein Hoch auf den Sozialismus, was?«

»Für wen arbeiten Sie?«

Fletcher zögerte, nur für einen kurzen Moment, aber Victor registrierte es trotzdem. »Für eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in London.«

»Sie sind Wirtschaftsprüfer?«

Fletcher nickte.

Victor ebenfalls. »Also, ich habe ja die Erfahrung gemacht, dass Leute, die nicht über ihre Arbeit sprechen wollen, sich gerne als Wirtschaftsprüfer ausgeben. Schließlich hat kein Mensch Lust, sich über irgendwelche Prozentangaben oder Bilanzen zu unterhalten, nicht wahr?«

Fletcher lachte erneut, obwohl Victor eine neutrale Miene aufgesetzt hatte.

»Ich weiß das deshalb so genau«, fuhr Victor fort, »weil ich mich manchmal selbst als Wirtschaftsprüfer ausgebe.«

Das Lachen wurde zu einem Lächeln, während der Mann Victor forschend ins Gesicht blickte, auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die noch gar nicht ausgesprochen worden waren.

Victor blieb stumm und ließ ihm die Zeit, die er brauchte.

Es dauerte nicht lange, dann sagte Fletcher: »Sie wissen, wer ich bin, stimmt’s?«

»Ja«, lautete Victors Antwort.

Fletcher dachte nach. Er tippte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Die St. Paul’s Cathedral …«

»War früher dreißig Meter höher«, vollendete Victor den Satz.

»Hochwürden?«, sagte Fletcher in fragendem Ton.

Victor nickte. »Der erste Turm ist 1666 dem Großen Feuer von London zum Opfer gefallen. Das geschmolzene Blei vom Dach hat sich damals wie ein Fluss aus Metall durch die Straße gewälzt.«

Fletcher starrte ihn eine ganze Weile lang an, ließ sich verschiedene Begegnungen und Ereignisse durch den Kopf gehen und erkannte, dass Victor genug über ihn wusste, um zu ahnen, dass er sich einen gelangweilt wirkenden Mitreisenden als Gesprächspartner suchen würde.

»Über dieses Feuer weiß ich gar nichts«, sagte Fletcher. »Ich kenne nur den Code. Ich hätte Sie doch eigentlich in Helsinki treffen sollen.«

»Die Pläne haben sich in letzter Sekunde geändert.«

Fletcher zog die Stirn kraus. »Die Pläne werden doch nie geändert. Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie viel Mühe das kostet? Wie viel Papierkram dafür notwendig ist?«

Victor blieb stumm.

»Sie sehen anders aus, als ich dachte«, fuhr Fletcher fort. »Ich meine, in Ihrer Akte gibt es keine Angaben zu Ihrem Aussehen und kein einziges Foto.«

»Das war eine der Bedingungen zu Beginn meiner Knechtschaft.«

»Knechtschaft? Klingt das nicht ein bisschen zu schäbig?«

»Ist es das denn nicht?«

»Ich habe Etliches über Sie gelesen, zum Teil ganz unglaubliche Dinge. Ich habe Sie mir … nun ja … furchterregend vorgestellt. Aber Sie sehen so … verdammt normal aus. Wie irgendein Niemand.«

»Ich tue sehr viel dafür.«

»Tja, es funktioniert, das muss man Ihnen lassen. Ich hätte niemals gedacht, dass Sie Hochwürden sind, wenn Sie mich nicht mit der Nase drauf gestoßen hätten. Aber vermutlich ist das genau der Grund dafür, dass man Sie so gut bezahlt.«

»Aber nicht der einzige Grund.«

Fletcher lachte leise, um seine Nervosität zu überspielen. »Warum haben Sie sich überhaupt auf den Small Talk eingelassen? Warum haben Sie den Code nicht schon früher ins Spiel gebracht?«

»Ich wollte sichergehen, dass Sie mich wirklich nicht erkennen. Um mich zu versichern, dass tatsächlich keine Fotos in meiner Akte sind.«

»Wollen Sie damit sagen, dass ich nicht in der Lage gewesen wäre, zu bluffen?«

In Fletchers Stimme lag ein Hauch von Kränkung.

»Ja«, erwiderte Victor. »Das will ich damit sagen.«

Fletcher presste für einen Moment die Lippen aufeinander und blickte Victor starr an, doch dann beschloss er, nicht auf dessen Spitze einzugehen, und entspannte sich wieder. »Und warum nun diese Begegnung im Zug und nicht in Helsinki, wie geplant?«

»Weil der chinesische Geheimdienst sich auf Ihre Fersen setzen wird, sobald wir in St. Petersburg sind.«

»Verdammt«, erwiderte Fletcher. »Die lassen mich seit meiner Stationierung in Hongkong nicht in Ruhe.«

»Hartnäckigkeit ist eine chinesische Tugend.«

»Nicht wahr? Nun ja, wir können Ihren nächsten Auftrag genauso gut auch hier besprechen. Ich gehe davon aus, dass Sie den Waggon gründlich überprüft haben?«

Victor nickte. »Niemand lauscht oder beobachtet uns.«

»Natürlich nicht. Sonst hätten Sie bestimmt nicht so offenherzig über Ihre Kindheit gesprochen, stimmt’s?«

»Das ist richtig.«

»Aber es könnte auch alles gelogen sein. Schließlich enthält Ihre Akte keinerlei persönliche Angaben.«

»Ich versichere Ihnen, dass ich die Wahrheit gesagt habe.«

Fletcher nahm das zur Kenntnis und kratzte sich am Nacken. Wie zuvor ließ Victor ihm auch dieses Mal die Zeit, die er brauchte, um seine Schlüsse zu ziehen. Es dauerte etwas länger als beim ersten Mal, weil Fletcher der unausweichlichen Wahrheit nicht ins Gesicht sehen wollte.

»Ihre Akte enthält keinerlei persönliche Angaben«, sagte Fletcher jetzt zum zweiten Mal.

»Anderenfalls würde das schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen.«

»Die Fotos und die Beschreibung Ihrer äußeren Kennzeichen wurden gelöscht, genau wie Sie es verlangt haben. Abgesehen von Ihrer Arbeit für uns und dem bisschen, was wir über Ihre Tätigkeit für die CIA zusammengetragen haben, steht darin gar nichts, weil wir nämlich nichts über Sie wissen.«

»Gut«, meinte Victor.

Fletcher starrte ihn an. »An eine Zeile kann ich mich noch erinnern, so etwas wie: schätzt seine Anonymität und verteidigt sie mit allen Mitteln …«

»Das ist korrekt. Es ist eine notwendige Schutzmaßnahme gegen gegenwärtige und zukünftige Bedrohungen.«

»Das verstehe ich. Sie wollen nicht, dass wir mehr über Sie wissen als unbedingt nötig, für den Fall, dass wir uns einmal gegen Sie wenden sollten.«

Victor nickte.

»Aber ich weiß jetzt, dass Sie ein Bild von einer Spielzeugeisenbahn in einem Schweizer Schließfach aufbewahren.«

Victor sagte nichts.

»Es spielt keine Rolle, dass ich das weiß«, fuhr Fletcher fort, betont und mit Gewissheit in der Stimme. Er blickte Victor starr an. Links von seinem Adamsapfel brachte sein wummernder Puls die Haut zum Flattern. »Es spielt keine Rolle, was ich über Sie weiß, weil ich nämlich niemals zur Bedrohung werden kann. Weil Sie mich töten werden, habe ich recht?«

»Ja«, sagte Victor.

Kapitel 2

Fletcher reagierte gefasst. Er sprang nicht auf und versuchte auch nicht, Victor anzugreifen. Er saß einfach nur da und starrte Victor an, fast eine Minute lang, während er die Tatsache verarbeitete, dass er seinem Mörder gegenübersaß. Schließlich räusperte er sich und fragte: »Darf ich erfahren, wieso?«

»Ihre Geliebte aus Hongkong hat Ihr Bettgeflüster nach Peking weitergeleitet.«

Er überlegte kurz und sagte dann: »Das kann nicht der Grund sein. Das ist kein Grund, mich umzubringen.«

»London glaubt, dass Sie darüber Bescheid wissen«, erläuterte Victor. »Man hält Sie für mitschuldig. Man hält Sie für einen Verräter.«

Fletcher blickte auf seine Hände, die mit weit gespreizten Fingern auf dem Tisch lagen. Er holte tief Luft und ließ sich mit dem Ausatmen Zeit.

»Zu Anfang nicht«, gestand er. »Nicht, als ich sie kennengelernt habe. Da war ich ein Narr, der dachte, dass diese schöne junge Frau sich tatsächlich für mich interessiert. Im Rückblick ist das alles so offensichtlich. Nicht zu fassen, dass ich auf so einen simplen Trick hereingefallen bin. Sie hat mich angesprochen. In meiner Stammkneipe! Können Sie sich vorstellen, dass ich ihr tatsächlich auf den Leim gegangen bin? Sie hat sogar denselben Whisky bestellt wie ich. Was für ein Zufall. Die Chinesen bilden ihre Spione immer noch nach dem Handbuch der Sechzigerjahre aus, aber ich habe es nicht gemerkt, weil ich immerzu nur ihre Lippen angestarrt habe. Sie hat die schönsten Lippen, die ich je gesehen habe. Irgendwann habe ich natürlich gemerkt, was los war. Sie war nicht ganz so vorsichtig, wie sie hätte sein müssen, als sie sich nach meiner Arbeit und meinen Reisen erkundigt hat. Aber das hätte mich angesichts der Dampfwalzenmethode, mit der sie mich kennengelernt hat, eigentlich nicht weiter verwundern dürfen. Hat es aber doch. Ich konnte es nicht glauben, weil ich mich schon in sie verliebt hatte. Na ja, oder zumindest in die Lust. Ist ja ohnehin dasselbe, stimmt’s?«

»Das kann ich nicht beurteilen«, erwiderte Victor. »Aber ich muss das alles nicht wissen.«

»Also, ich erzähl’s Ihnen, dann müssen Sie wohl oder übel zuhören. Es sei denn, Sie haben vor, mir an Ort und Stelle das Licht auszuknipsen, vor aller Augen.«

»Das habe ich nicht vor«, gab Victor zu.

»Na, bitte.« Fletchers triumphierender Unterton machte deutlich, dass er fest entschlossen war, jeden noch so kleinen Sieg auszukosten, solange dies möglich war. »Als ich jedenfalls dahintergekommen bin, dass sie eine Spionin war, konnte ich mich einfach nicht mehr von ihr trennen. Ich konnte nicht, auch wenn mir tief im Innersten vollkommen klar war, dass sie nur an Informationen interessiert war. Ich habe trotzdem weitergemacht. Ich musste diese Lippen auf meinen spüren, koste es, was es wolle. Scheiße, ich bin so ein Vollidiot.«

Victor war ganz seiner Meinung, aber es wäre unhöflich gewesen, dieser Zustimmung Ausdruck zu verleihen. Genau so unrichtig kam es ihm vor, einen zum Tode Verurteilten zurechtzuweisen und aufzufordern, keine Fäkalsprache zu benützen.

Fletcher ließ sich gegen die Rückenlehne sinken. »Aber auch wenn London das mit mir und Ling rausgekriegt hat, das kann nicht der einzige Grund sein, dass sie Sie geschickt haben. Das kann nicht sein. Nicht nur deswegen. Nicht Sie

»Das hat man mir gesagt.«

»Dann hat man Sie angelogen.«

»Das ist mir gleichgültig«, sagte Victor.

Fletcher runzelte die Stirn. »Es ist Ihnen gleichgültig, dass Sie getäuscht und manipuliert werden?«

»In diesem Geschäft sagt kein Mensch die Wahrheit. Damit kann ich mich arrangieren.«

Fletcher verzog den Mund zu einem wütenden Grinsen. »Dann sind Sie also nichts anderes als ein Jasager?«

»Ja.«

Das Grinsen verwandelte sich langsam in ein trauriges Seufzen. »Wird es wehtun?«

»Kein bisschen.«

»Wahrscheinlich müsste ich Ihnen für diese kleine Gnade dankbar sein«, meinte Fletcher. »Wie wollen Sie es machen?«

»Möchten Sie das wirklich wissen?«

Fletcher überlegte kurz, und Victor sah ihm an, wie er hin und her überlegte. Schließlich nickte er. »Ja. Ich muss es wissen.«

»Sie begehen Selbstmord«, erläuterte Victor. »Sie ziehen sich in Ihre Kabine zurück und nehmen eine Überdosis Schmerztabletten. Sie dämmern langsam weg und wachen nicht wieder auf. Still. Friedlich. Keine Schweinerei. Kein Chaos. Keine Schmerzen.«

Er stellte ein Röhrchen mit verschreibungspflichtigen Schmerztabletten auf den Tisch.

Fletcher starrte es an. »Das sind meine. Die hat mir der Arzt verschrieben, für meinen kaputten Rücken.«

Victor nickte.

»Da sind jetzt Ihre Fingerabdrücke drauf«, sagte Fletcher und ließ den Blick von dem Röhrchen zu Victors Händen gleiten.

»Sind sie nicht.«

Fletcher zog das Röhrchen ein Stück näher zu sich heran. »Ich möchte keinen Selbstmord begehen. Ich will so nicht sterben.«

Victor entgegnete: »Sie haben keine große Wahl. Ich begleite Sie zurück in Ihre Kabine. Und Sie können mir wirklich glauben, dass es in Ihrem ureigenen Interesse liegt, die Tabletten freiwillig zu schlucken.«

Fletcher schluckte. »Nein, Sie haben mich missverstanden. Ich werde mich nicht wehren und auch nicht versuchen wegzulaufen.«

»Was das angeht, mache ich mir keine Gedanken«, erwiderte Victor. »Selbst wenn Sie es versuchen sollten, es würde nicht den geringsten Unterschied machen.«

Fletcher seufzte. »Ich weiß. Wie gesagt, ich habe Ihre Akte gelesen. Ich habe die Berichte gelesen. Ich habe sogar ein Video von einem Massaker gesehen, das Sie in Minsk angerichtet haben. Ich bin ein Büroangestellter mit Bandscheibenvorfall und Flugangst. Mir ist vollkommen klar, dass ich gegen den Mann, der Hochwürden genannt wird, keine Chance habe. Aber mir geht es um Folgendes: Ich möchte nicht, dass meine Frau denkt, dass ich Selbstmord begangen habe. Sie ist ein herzensguter Mensch. Sie hat es nicht verdient, dass sie gleichzeitig um mich trauern und mich hassen muss, weil ich sie allein gelassen habe. Nur, weil ich zu einer schönen Frau nicht nein sagen konnte, heißt das noch lange nicht, dass ich sie nicht liebe. Im Gegenteil, ich liebe sie von ganzem Herzen, ganz egal, was Sie davon halten mögen.«

»Es ist mir gleichgültig, ob Sie Ihre Frau lieben oder nicht.«

»Und meine Tochter.« So langsam taten sich die ersten Risse in Fletchers gefasster Fassade auf. »Ella, die Süße. Sie ist noch zu jung, um das alles zu begreifen, aber eines Tages wird sie herausfinden, was ihrem Dad zugestoßen ist, und dann wird sie glauben, dass meine Liebe zu ihr nicht groß genug war, um weiterleben und sie aufwachsen sehen zu wollen.«

Victor blieb stumm.

Fletcher sagte: »Können Sie mich nicht erschießen oder mir das Genick brechen? Alles, nur kein Selbstmord.«

»Nein. Peking darf unter keinen Umständen erfahren, dass die undichte Stelle entdeckt worden ist. London will Ihre Geliebte für seine Zwecke einspannen, ohne dass sie es mitbekommt. Es darf keinen Täter geben.«

»Dann eben ein Unfall, in Gottes Namen.« Fletcher redete jetzt, ohne nachzudenken. »Ich könnte im Bahnhof vor einen Zug stürzen. Ich könnte mir die Schnürsenkel zubinden und ausrutschen und …«

»Nein«, wiederholte Victor ruhig und unerschütterlich. »Auf den Aufnahmen der Überwachungskameras wird man Ihnen ansehen, dass Sie unter Druck handeln. Davon würde sich niemand täuschen lassen.«

»Da muss es doch noch eine andere Möglichkeit geben. Es muss einfach. Ich bin zu allem bereit.«

Victor überlegte kurz. War es nicht ein Gebot der Höflichkeit, die Bitte einer Zielperson, die den Tod bereits als unausweichlich akzeptiert hatte, nach einer anderen Todesart zumindest in Betracht zu ziehen? In all den Jahren seiner Profikillerkarriere hatte er noch nie vor dieser Frage gestanden. Viele hatten ihn vergeblich angefleht, sie zu verschonen, aber niemals hatte jemand um einen anderen Weg in den Tod gebeten. Einen Unfall zu arrangieren, der keinen Verdacht erregte, das war alles andere als einfach – daher die Überdosis, entweder einvernehmlich oder aber mit Gewalt –, aber ein Unfall, bei dem das Opfer bereit war mitzuhelfen, das war etwas anderes.

»Gehen Sie in den Speisewagen, bevor er endgültig schließt«, sagte er zu Fletcher, nachdem er das Ganze gründlich durchdacht hatte, »und bestellen Sie sich etwas zu essen.«

»Essen?«

Victor fuhr fort. »Der Speisewagen hat nicht mehr lange geöffnet. Bestellen Sie sich das Steak.«

»Ich verstehe nicht.«

»Sobald wir unser Gespräch beendet haben, bleibe ich hier sitzen und Sie gehen in den Speisewagen und bestellen sich ein schönes, dickes Rindersteak. Gut durchgebraten. Dann schneiden Sie sich ein großes Stück davon ab und schlucken es hinunter, ohne allzu lange zu kauen. Um den Rest müssen Sie sich dann keine Gedanken mehr machen.«

»Oh, ich verstehe. Ich soll ersticken. Scheiße.«

Fletcher wurde kreidebleich, als sei ihm seine Situation erst jetzt in diesem Augenblick bewusst geworden. Er blies die Backen auf und atmete nur noch stoßweise. Dann fasste er sich an die Kehle. Kurz darauf stellte er die unausweichliche Frage: »Wie lange wird es dauern?«

Victor hatte die Antwort bereits parat. »Sie sind Mitte dreißig und in schlechter Verfassung. Ich schätze etwa neunzig Sekunden, bis Sie bewusstlos werden und nie wieder aufwachen.«

»Das erscheint mir nicht besonders lange.«

Victor verriet ihm nicht, dass es ihm wie eine Ewigkeit vorkommen würde, während seine Lungen brüllend nach dem Sauerstoff verlangten, den sie nicht bekommen würden.

Dann schüttelte Fletcher den Kopf. »Meine Frau hat mir rotes Fleisch verboten. Wir versuchen, uns gesund zu ernähren.«

»Kein Problem«, erwiderte Victor. »Dadurch wird es noch glaubwürdiger. Sie sind es nicht gewöhnt.«

»Mein Gott, wenn ich an diese ganze verdammte Hirse denke, die ich ertragen musste, und wofür das alles? Ich hätte mein ganzes Leben lang gebratenen Speck essen sollen. Das hätte dann auch keinen Unterschied mehr gemacht, stimmt’s?«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Sie macht sich womöglich Vorwürfe, oder? Meine Frau denkt vielleicht, dass es ihre Schuld war, dass ich keine Steaks mehr gewöhnt war.«

»Das kann sein«, gab Victor zu. »Zumindest am Anfang. Aber die Leute werden ihr helfen, darüber wegzukommen. Und statistisch gesehen kommen fast so viele Menschen durch Ersticken ums Leben wie durch Verbrennen.«

»Das ist doch jedenfalls sehr viel besser, als wenn sie denken würde, dass ich mich umgebracht habe, stimmt’s? Das wäre ja, als würde ich nicht nur sterben, sondern sie gleichzeitig auch noch verlassen. Und so sterbe ich nur.«

Das konnte Victor nicht beurteilen. Er verstand Fletchers Beweggründe nicht, aber er nickte trotzdem, weil er sah, dass Fletcher Bestätigung brauchte.

»Und denken Sie daran, den Kellner bei der Bestellung anzulächeln«, sagte Victor noch.

»Mir ist aber nicht nach einem Lächeln zumute. Lächeln ist so ungefähr das Letzte, was ich möchte. Na ja, das Vorletzte.«

»Deshalb sage ich es ja. Das Ganze wird nicht funktionieren, wenn Sie aussehen wie ein zum Tode Verurteilter.«

Fletcher nickte zum Zeichen seines Einverständnisses. Dann verstummte er für einen Augenblick.

»Tut es …?«

»Ja«, erwiderte Victor. »Es tut weh. Nach fünfundvierzig Sekunden ohne Sauerstoff wird es schmerzhaft, sehr, sehr schmerzhaft, darum denken Sie fest daran, warum Sie das tun. Stellen Sie sich Ihre Frau und Ihre Tochter vor. Der Schmerz wird nicht allzu lange anhalten, das verspreche ich Ihnen. Er geht bald vorbei, und dann haben Sie auch keine Angst mehr. Der Sauerstoffmangel versetzt Sie in einen Zustand der Euphorie. Sie gleiten in die Bewusstlosigkeit und fühlen sich gut dabei.«

»Da soll es doch so eine Sexualpraktik geben«, erwiderte Fletcher monoton, während sein Blick starr auf einen Punkt hinter Victors Kopf gerichtet war. »Ich habe nie geglaubt, dass das wirklich stimmt. Ich habe immer gedacht, das wäre so einer von diesen Großstadtmythen. Aber jetzt wünschte ich, ich hätte es ausprobiert. Ich wünschte, ich hätte alles ausprobiert. Und ich wünschte, ich hätte meiner Frau öfter gesagt, dass ich sie liebe.«

Victor blieb stumm. Er beobachtete Fletcher genau. Der Mann war innerhalb von zehn Minuten um zehn Jahre gealtert.

»Sind Sie jemals stranguliert worden? Wissen Sie, wie sich das anfühlt?«

»Ja«, bekannte Victor. »Etliche Male. Aber das Euphorie-Stadium habe ich nie erreicht, sonst würde ich jetzt nicht hier sitzen.«

»Wie können Sie dann wissen, dass ich mich mit einem guten Gefühl von dieser Welt verabschieden werde?«

»Weil es eine der Grundbedingungen meines Jobs ist, zu verstehen, wie der menschliche Körper funktioniert«, erläuterte Victor. »Und es kommt tatsächlich immer wieder vor, dass ich jemanden erdrossele und derjenige dann ganz am Schluss beinahe glücklich aussieht.«

Kapitel 3

Victor sah zu, wie Fletcher aufstand und den schmalen Gang entlangging. Er sagte kein Wort mehr, aber bevor er sich umgewandt hatte, hatte er eine Miene aufgesetzt, aus der Entschlossenheit und Schicksalsergebenheit zugleich sprachen. Er wollte sich seine Angst nicht anmerken lassen und bemühte sich erhobenen Hauptes um einen aufrechten Gang. Das Röhrchen mit den Schmerztabletten hatte er auf dem Tisch stehen lassen. Das brauchte er nicht.

Victor steckte es wieder ein.

In wenigen Minuten würde Fletcher im Speisewagen ankommen. Es war schon spät, und er würde schnell bedient werden. Alles in allem würde von der Bestellung bis zu seinem tödlichen Erstickungsanfall höchstens eine Viertelstunde vergehen. Falls nicht spätestens in zwanzig Minuten eine Durchsage kam, dass im Speisewagen ein Arzt benötigt wurde, würde Victor nachsehen. Der Zug fuhr in einem Stück bis zum Zielbahnhof durch, aber auch ein außerplanmäßiger Halt hätte Fletcher nicht das Leben retten können.

Dass Fletcher sein Schicksal so klaglos akzeptiert hatte, machte Victor nachdenklich. Er war froh darüber, dass der Auftrag sich wie gewünscht abwickeln ließ, aber er konnte nicht verstehen, wieso. Er wusste genug über Psychologie und Fatalismus, um zu verstehen, dass Fletcher sich selbst töten würde, weil er glaubte, keine andere Chance zu haben, aber Victor konnte es trotzdem nicht begreifen. Sein eigener Überlebenstrieb war so stark und so tief in seiner Persönlichkeit verankert, dass er sich gar nichts anderes vorstellen konnte. Die Normalbürger lebten tagtäglich ihr Leben und dachten dabei an die Arbeit, die Familie, Sex oder ihre Lieblingssendung im Fernsehen, während es für Victor an jedem einzelnen Tag darum ging zu überleben. Ein Fehler, ein nicht überprüfter Winkel, eine nicht aus Sicherheitserwägungen, sondern aus Bequemlichkeit getroffene Entscheidung würde schon reichen. Das eigene Überleben zu sichern war für ihn schon vor langer Zeit eine unverzichtbare Angewohnheit geworden.

Fletcher trat durch die hintere Tür und verschwand im nächsten Waggon. Zehn Minuten später öffnete sich die Tür erneut, und ein Mann betrat den Waggon.

An diesem Mann war alles falsch.

Er schwitzte aus allen Poren Ärger aus und erfüllte jedes einzelne Kriterium auf Victors Liste der bedrohlichen Signale. Er hatte mit Anfang vierzig das richtige Alter für einen erfahrenen Kämpfer. Er war fit und stark, aber nicht übermäßig aufgepumpt. Er trug die Art von Ausstattung, die auch Victor gewählt hätte: Schuhe mit einem vernünftigen Profil, um laufen oder auch klettern zu können, dazu ordentliche, unauffällige Kleidung, die ein klein wenig zu weit geschnitten war, um die Beweglichkeit nicht einzuschränken: eine dunkle Hose und eine schwarze, hüftlange Lederjacke. Sie war nicht zugeknöpft, sodass auch der dünne Pullover aus brauner Wolle gut zu sehen war. Victor trug keine Handschuhe, weil er seine Hände mit Silikonlösung eingerieben hatte. Der Mann aber hatte dünne, graue Lederhandschuhe übergestreift. Sie sahen weich und geschmeidig aus, vermutlich Kalbsleder. Der Zug war gut geheizt und hatte vor fast zwei Stunden den kalten Bahnhof verlassen. Es gab also keinen vernünftigen Grund, hier drin Handschuhe zu tragen.

Der Mann hatte die Waggontür mit der linken Hand geöffnet, war aber Rechtshänder. Das ergab sich aus der Tatsache, dass sein linkes Bein eindeutig das dominante war. Victor tat so, als hätte er ihn nicht gesehen, so wie auch der Mann vorgab, Victor nicht gesehen zu haben. Er konnte nicht wissen, dass Victor ihn bereits enttarnt hatte, weil er in einem Punkt entscheidend im Nachteil war: In diesem Waggon saßen Dutzende von Reisenden, die alle von ihm gemustert werden mussten. Als er seine Zielperson endlich erfasst hatte, hatte Victor ihn bereits gesehen, eingeschätzt und seine Schlussfolgerungen gezogen, um anschließend den Blick abzuwenden.

Die erste Reaktion auf eine Bedrohung war, ihr aus dem Weg zu gehen. Aber in einem Zug war eine Flucht nicht praktikabel. Nicht unmöglich, weil Victor natürlich die Notbremse ziehen, aussteigen und dann in der Dunkelheit verschwinden konnte. Aber das wäre keine sinnvolle Lösung gewesen, weil sein Anzug keinen ausreichenden Schutz gegen den russischen Winter bot.

Manchmal war einfaches Abwarten die zweitbeste Option. Eine Bedrohung war nicht unbedingt gleichbedeutend mit einem unmittelbaren Risiko. Die Umstände konnten sich ändern. Mit einer verfrühten Reaktion gab man womöglich das Überraschungsmoment aus der Hand, das zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal nützlich sein konnte.

Der Mann kam näher.

Er hatte kurze, grau melierte Haare und einen fein säuberlich gestutzten, dunklen Bart. Seine Haut war blass, was bei einem Weißen ebenfalls auf eine Bedrohung hindeuten konnte – er bekam nicht viel Sonne ab, weil er meist bei Nacht aktiv war.

Bei den vielen Sitzen, die sich zwischen ihnen befanden, musste der Mann noch ein ganzes Stück näher kommen, falls er Victor erschießen wollte. Und mit einem Messer oder einer anderen Nahkampfwaffe hätte er sich noch dichter heranwagen müssen. Gegen einen Gegner mit einer Schusswaffe zu kämpfen war immer eine komplizierte Angelegenheit, besonders, da Victor, wie üblich, unbewaffnet war. Er war schon sehr viel öfter durch Metalldetektoren gegangen und von Leibwächtern oder Sicherheitsbeamten abgetastet oder durchsucht worden, als dass er irgendwelchen bewaffneten Gegnern über den Weg gelaufen war. In diesem Fall wäre die Tür Victors einzige Fluchtmöglichkeit gewesen, aber um sie zu erreichen, musste er die Deckung der Sitze verlassen und den Gang entlanglaufen, was wiederum bedeutete, dass er sich niemals würde in Sicherheit bringen können, weil kein Attentäter dieser Welt auf diese Entfernung seinen Rücken verfehlen konnte.

Doch Victor sah, dass der Attentäter nicht vorhatte, seinen Auftrag hier und jetzt durchzuführen. Er wusste, wie er sich zu kleiden hatte, und das bedeutete, dass er nicht dumm war. Und nur ein Dummkopf würde in einem gut gefüllten Eisenbahnwaggon voller Überwachungskameras einen Mordanschlag begehen. Was er hier machte, war Aufklärung. Er lokalisierte seine Zielperson.

Auch wenn er versuchte, es zu verbergen, aber in dem Moment, als er Victor sah, spreizte er automatisch für einen Moment die Schultern. Sein Gang blieb unverändert, und er schob sich weiter. Dazu musste er die Hüften und die Schultern ein wenig zur Seite drehen und sich mit leicht schlurfenden Schritten vorwärtsbewegen, weil der Platz zwischen den Sitzen für einen Mann seiner Statur zu schmal war.

Als er näher kam, blieb Victor regungslos sitzen, den Kopf leicht schräg geneigt und den Blick zum Fenster hinaus in die dunkle Nacht gerichtet. Dabei galt seine volle Konzentration der Gestalt, die sich in der Fensterscheibe spiegelte und die er aus den Augenwinkeln beobachten konnte.

Der Mann ging an ihm vorbei, und Victor lauschte auf seine Schritte, bis sie vom Geräusch des fahrenden Zuges verschluckt wurden und die Tür am hinteren Ende des Waggons sich zischend öffnete.

So, wie die Dinge lagen, wäre Abwarten keine kluge Strategie gewesen. Die Fahrt nach St. Petersburg dauerte noch sieben Stunden. In dieser Zeit würde sich Victors Situation nicht verbessern, sondern lediglich verschlechtern, während der Killer ausreichend Gelegenheit hatte, seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Victor wartete zwei Minuten, dann stand er auf und folgte dem Mann.

Wenn die Flucht nicht praktikabel und Abwarten unvernünftig war, dann war Angriff immer noch die beste Verteidigung.