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BIANCA IOSIVONI

DAUGHTERS of DARKNESS

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SYDNEY

Romantic Suspense

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SYDNEY

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BIANCA IOSIVONI

© 2016 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH
8712 Niklasdorf, Austria

Covergestaltung: © Sturmmöwen
Titelabbildung: © Standret
Korrektorat & Lektorat: Romance Edition

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903130-08-1
eISBN-EPUB: 978-3-903130-09-8

www.romance-edition.com

1. KAPITEL

Sydney Pierce tötete keine Unschuldigen. Aber wenn dieser Möchtegern-Cowboy namens Jackson sie noch länger mit seinen billigen Sprüchen anzumachen versuchte, konnte sie für nichts mehr garantieren. Ein Glück für ihn, dass er ihr als Tarnung diente, sonst hätte sie ihn längst abserviert. Doch allein in einer Bar mitten in einem Kaff in Texas wäre sie zu sehr aufgefallen. Mit der fast leeren Bierflasche in der Hand starrte sie die Tür an, als könnte das dunkle Holz etwas dafür, dass der einzige Mann, den sie heute Abend treffen wollte, einfach nicht auftauchte ...

»Wie heißt du?«

»Allison«, log sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn sie eine Sache in ihrem alten Job gelernt hatte, dann das Blaue vom Himmel herunter zu lügen, ohne dass ihr Gegenüber irgendetwas davon ahnte.

»Schöner Name«, erwiderte Jackson in der gedehnten Sprechweise, wie man sie nur in den Südstaaten hörte. »Was treibt ein so hübsches Mädchen wie dich hierher, Ally?«

Ally? Ernsthaft? Ein paar Sätze und sie waren bereits auf Spitznamenniveau? Mit einem aufgesetzten Lächeln griff Sydney wieder nach ihrem Bier und trank es aus. Es war bereits ihre zweite Flasche und auch wenn sie für gewöhnlich viel vertrug, musste sie an diesem Abend höllisch aufpassen. Dieses Treffen war zu wichtig, um es zu gefährden. Falls es noch stattfand. Wieder sah Sydney zur Tür, doch die blieb weiterhin geschlossen. Von Antonio keine Spur. Langsam aber sicher wurde sie unruhig. Normalerweise war dieser Mann die Pünktlichkeit in Person.

»Allison«, korrigierte sie Jackson, ohne ihn anzusehen, da ihre ganze Aufmerksamkeit auf dem billigen Mobiltelefon in ihrer Hand lag. »Ich wollte mich hier mit jemandem treffen, aber es sieht so aus, als hätte er mich versetzt.«

Ihren Akzent konnte man problemlos den nördlicheren Teilen der Staaten zuordnen. Damit gab sie sich automatisch als Yankee zu erkennen, aber das war besser, als ihm etwas anderes vorzumachen. Den Einheimischen in dieser Bar war sie sowieso schon als Fremde aufgefallen. Sich jetzt als Texanerin auszugeben, wo sie mit der kaum gebräunten Haut und dem langen Haar, das in den Sommermonaten einen warmen Blondton annahm, doch sowieso nicht hierher passte.

Hier war ein Roadhouse mitten im Nirgendwo. Die in Holz verkleideten Wände stellten gerahmte Fotos und Rodeoposter, Budweiser-Plaketten und Geweihe zur Schau. Die Hocker an der Lförmigen Theke waren abgesessen und schaukelten leicht, wenn man sein Gewicht verlagerte. Bei den Stühlen und Tischen schien es nicht anders zu sein. Selbst der Billardtisch am anderen Ende des Raumes benötigte einen Pappdeckel, um gerade stehen zu können. Doch nichts davon schien die Anwesenden zu stören. Die Männer und wenigen Frauen diskutierten lautstark, tranken Bier und Soda und rammten ihr Besteck in dicke Steaks, die sie sich in den Mund schaufelten. Wenn Sydney durch das Lokal sah, entdeckte sie mehr Cowboyhüte als sie an zehn Fingern abzählen konnte. Nun, von irgendwoher mussten die Klischees ja stammen.

»Sein Pech, mein Glück.« Jackson grinste sie offen an und entblößte dabei eine Reihe weißer Zähne. Sein Gesicht war eckig und die Kieferpartie auf der einen Seite etwas ausgeprägter als auf der anderen, aber das fiel kaum auf, da seine Augen ungewöhnlich hell war. In dem dämmrigen Licht der Bar konnte Sydney nicht erkennen, ob sie blau oder grau waren. Nicht, dass es sie wirklich interessierte. Sie war nicht hier, um zu flirten oder einen One-Night-Stand zu finden, obwohl sie beides wirklich gut gebrauchen könnte.

Wieder warf sie einen Blick auf das Einweghandy und runzelte die Stirn. Keine neuen Nachrichten. Keine verpassten Anrufe. Wo zum Teufel steckte er? Ein warnendes Prickeln begann sich in ihrem Nacken auszubreiten. Nicht zu einem geplanten Treffen aufzutauchen und sich auch nicht zu melden, war nicht Antonios Stil. War ihm etwas dazwischengekommen, das es ihm unmöglich machte, ihr Bescheid zu geben? Oder war sie inzwischen schon so paranoid, dass sie hinter allem das Schlimmste vermutete?

Jackson schenkte ihr ein breites Lächeln und bestellte Bourbon Whiskey. Für sie beide. Sydney bohrte ihre kurzen Fingernägel in das bereits zur Hälfte abgepulte Etikett ihrer Bierflasche. Es mochte zu ihrer Tarnung gehören, nicht allein an diesem Tresen zu sitzen, aber ganz sicher würde sie nicht das blonde Dummchen spielen. Dafür waren ihre Nerven zu angespannt.

Als gleich darauf ein Glas mit brauner Flüssigkeit und Eiswürfeln darin vor ihr auftauchte, schob sie es über den polierten Tresen zurück. »Nein, danke.«

Der Barkeeper sah fragend zwischen ihr und Jackson hin und her, nahm das Whiskeyglas aber ohne Murren zurück.

»Ich wollte dich auf einen Drink einladen. Das war nicht sehr nett von dir«, tadelte Jackson sachte und legte seine Hand auf ihren unteren Rücken, als würde sie dorthin gehören.

Wie auf Kommando verkrampften sich ihre Muskeln. Sydney war noch nie der kuschelige Typ gewesen und das hier war die erste richtige Berührung seit Wochen auf der Flucht. Wenn man mal von dem Agenten absah, der sie an einer Tankstelle in der Nähe von Denver so liebevoll aus dem Fenster geworfen hatte. Allein beim Gedanken daran brannte ihre Haut, als würden die fast verheilten Schnitte an ihrem linken Arm wieder zu bluten beginnen.

Ihre Instinkte übernahmen die Kontrolle. Sie packte Jacksons Handgelenk und verdrehte es in einer einzigen Bewegung, die ihn aufkeuchen ließ. »Soll ich dir ein Geheimnis verraten?« Sie senkte ihre Stimme zu einem Flüstern. Ein kleiner sadistischer Teil in ihr genoss das Flackern von Schmerz im Gesicht ihres Gegenübers. Dieser Kerl hatte ihr nichts getan und doch stand er stellvertretend für all die Mistkerle, denen sie in ihrem Leben schon begegnet war. Sydney lächelte kühl. »Ich hasse Whiskey. Bye bye, Jackson.«

Um ihrer Forderung mehr Nachdruck zu verleihen, verdrehte sie seine Hand noch ein bisschen stärker. Nicht genug, um ihm ein paar Knochen zu brechen, aber genug, damit er morgen Schmerzen haben würde. Vielleicht auch noch übermorgen.

Ruckartig ließ sie ihn los. Deutlich blass um die Nase stolperte er zurück, schnappte sich sein Glas, als würde sein Leben davon abhängen, und tauchte in der Menge unter.

»Nicht schlecht«, ertönte eine tiefe Stimme hinter ihr.

Sydney, die gerade im Begriff war, aufzustehen und zu bezahlen, erstarrte. Konnte das wirklich möglich sein? War sie schon zu übernächtigt, um zu bemerken, dass sich jemand auf den Hocker neben ihr niedergelassen hatte?

Langsam drehte sie sich um und kniff die Augen zusammen. Zwei Dinge fielen ihr sofort an dem Mann auf: Sie kannte ihn nicht und er war heiß. Allein die Art, wie sein Bizeps unter seinem weißen T-Shirt hervortrat, als er seine Bierflasche zum Mund führte, ließ ihr aus ganz anderen Gründen als der stickigen Luft hier drinnen warm werden. Sein Haar war braun, an den Seiten kürzer und oben gerade lang genug, um die Finger darin zu vergraben und fest zuzupacken. Seine Nase hatte einen kleinen Knick, als wäre sie ihm schon einmal gebrochen worden. Trotz seines Dreitagebarts fiel Sydney die kleine Narbe an seinem Kinn auf. Entweder hatte er sich irgendwann mal selten dämlich dort verletzt oder war in eine Prügelei geraten. Den breiten Schultern und dem trainierten Körperbau nach zu urteilen letzteres.

Sie wartete auf das Schrillen der Alarmsirenen in ihrem Kopf, die sie für gewöhnlich warnten, wenn sie einem Cop, Agenten oder sonst jemandem gegenübersaß, der ihr auf irgendeine Weise ans Leder wollte. Doch sie blieben stumm.

Die Augen des Fremden waren dunkel, vermutlich genauso braun wie sein Haar, aber so genau erkannte sie das hier drinnen nicht. Dafür bemerkte sie das amüsierte Funkeln darin ebenso wie die Lässigkeit, mit der er sie langsam musterte. Sein Blick wanderte von ihrem Gesicht aus abwärts, tastete ihre nackten Arme ab und blieb einen Moment lang an ihren Brüsten hängen, die sich gegen den Stoff ihres schwarzen Tanktops pressten. Dann glitt er weiter, strich wie eine Liebkosung über ihre Hüften und folgte ihren Beinen in der hautengen Jeans bis hinab zu den hochhackigen Stiefeln.

»Lass mich raten«, begann Sydney und verschob ihr Vorhaben, von hier zu verschwinden, auf später. Vielleicht tauchte Antonio ja doch noch auf und bis dahin konnte sie die Zeit auch mit diesem interessanten Exemplar Mann totschlagen. »Du bestellst mir gleich einen Whiskey und erzählst mir, was du schon alles in deinem Leben erreicht hast, während ich so tue, als wäre ich beeindruckt?«

Er ließ sich Zeit damit, seinen Blick wieder nach oben in ihr Gesicht zu lenken, und zuckte mit den Mundwinkeln. »In dem Fall müsste ich befürchten, dass du mir das Zeug ins Gesicht schüttest«, erwiderte er gedehnt. Den Südstaatenakzent hatte er drauf, aber er war ein bisschen zu makellos, zu geradlinig. »Oder du brichst mir die Hand, was ein echter Verlust wäre, wo sie doch in letzter Zeit meine einzige Gesellschaft war.«

Sydney lachte auf. Eins musste sie diesem Typen lassen – er hatte Humor. Die Art selbstironischen Humors, wie man sie nur selten fand.

Er nickte ihr zu. »Hunter.«

»Allison.« Zumindest hieß sie in Texas so. In Kansas war sie Sara gewesen, davor Janet und im nächsten Bundesstaat würde sie wieder einen anderen Namen annehmen.

»Wirklich?«, hakte Hunter nach.

Sydney zog die Brauen hoch. Sie sollte dasselbe Misstrauen wie bei Jackson verspüren, stattdessen ertappte sie sich dabei, wie ihre Mundwinkel erneut nach oben wanderten. »Zweifelst du daran, dass das mein richtiger Name ist?«

»Ja.« Er nippte an seinem Bier. »Denn unter einer Allison stelle ich mir ein braves Mädchen vor. Und du ...« Wieder ließ er seinen Blick an ihr auf und ab wandern. »... du siehst nach Ärger aus.«

Für andere Frauen wäre das vielleicht eine Beleidigung gewesen, für Sydney war es ein Kompliment.

»Und was lässt dich glauben, ich wäre kein braves Mädchen?«

Er senkte seine Stimme, bis sie nur noch ein tiefes Raunen war. »Brave Mädchen gehen an einem Freitagabend nicht in eine Bar wie diese. Schon gar nicht allein.«

Wahre Worte. Es war erschreckend, wie gut dieser Mann sie durchschauen konnte, obwohl er sie gerade mal ein paar Minuten kannte. Trotzdem fiel er nicht auf ihre Tarnung herein, wie alle anderen vor ihm. Das war nur ein weiterer Grund, warum sich Sydney darauf einließ, obwohl sie es eigentlich besser wissen sollte.

»Stimmt«, erwiderte sie und beugte sich etwas näher zu ihm, als wollte sie ihm ein Geheimnis anvertrauen. Der Geruch von Bier, minzigem Aftershave und einer Nuance, die sie nicht benennen konnte. »Ich bin kein braves Mädchen.«

Hunter kam ihr entgegen und als er sprach, konnte sie beinah seinen Atem auf ihren Lippen fühlen. »Ich weiß.«

»Sydney.«

Hunter beugte sich vor, bis sein Mund dicht an ihrem Ohr war. »Besser«, raunte er und dieses eine Wort genügte, um eine kribbelnde Gänsehaut in ihrem Nacken zu verursachen. »Viel besser.«

Als er sich zurücklehnte, sah er ihr wieder in die Augen, während sich ein schelmisches Funkeln in seine eigenen gestohlen hatte. »Brichst du mir die Hand, wenn ich dich auf einen Drink einlade?« Mit einem Kopfnicken deutete er auf ihre leere Flasche.

»Nicht, wenn du mich vorher fragst, was ich trinken will.«

Er lächelte. »Was willst du trinken?«

»Dasselbe wie du.« Sie deutete auf die Flasche Corona in seiner Hand. »Bier.«

Hunter gab dem Barkeeper ein Zeichen. Als hätte dieser nur darauf gewartet, standen keine Minute später zwei neue Flaschen vor ihnen auf der Theke.

Hunter hielt sein Bier in die Höhe. »Auf die bösen Mädchen.«

»Und auf die bösen Jungs«, antwortete Sydney und stieß mit ihm an. Während sie trank, hielt sie seinen Blick über den Rand der Flasche hinweg fest.

»Was führt ein böses Mädchen wie dich in eine Bar wie diese?«

Die Worte lagen ihr bereits auf der Zunge, doch irgendetwas hielt Sydney davon ab, ihn ebenso abzuspeisen wie den Typen zuvor. Vielleicht, weil sie von Anfang an ehrlicher zu ihm gewesen war. Oder weil sie befürchtete, Hunter könnte erkennen, wie viel Wahrheit tatsächlich in ihrer Aussage lag. »Ich schätze, dasselbe wie das, was böse Jungs an einem Freitagabend hierher treibt«, erwiderte sie stattdessen.

»Tatsächlich?« Da war es wieder, dieses angedeutete Lächeln, für das es nur eine einzige treffende Bezeichnung gab: sexy. »Wenn das stimmt, warum zum Teufel sitzen wir dann noch hier, statt woanders zu sein und aufregendere Dinge zu tun?«

»Gute Frage.« Sydney nippte an ihrem Bier.

Hunters Blick heftete sich auf ihren Mund, als würde er mit der Flasche tauschen wollen.

Hitze durchzuckte sie und setzte sich in ihrem Bauch fest. Es grenzte an ein Wunder, dass ihre Finger nicht zitterten, als sie die Flasche abstellte und Hunter auch dieser Bewegung mit seinem Blick folgte. Einem Blick, der von Sekunde zu Sekunde brennender wurde.

»Ich schlage vor, du trinkst jetzt aus, weil ich dich nämlich in exakt zwei Minuten hier rauszerren werde.«

Allein bei der Vorstellung schoss ihr Puls in die Höhe, aber wenn Hunter die Worte auch noch mit dieser tiefen rauen Stimme aussprach? Der Klang reichte aus, um ein heißes Ziehen in ihrer Mitte auszulösen. Trotzdem setzte Sydney alles daran, sich nichts davon anmerken zu lassen. Lässig führte sie die Flasche an die Lippen, scheinbar seelenruhig, während Hunter bereits von seinem Hocker glitt und aufstand.

Im Sitzen war ihr nicht aufgefallen, wie groß dieser Mann war, doch jetzt schätzte sie ihn locker auf eins neunzig. Dabei war sie mit ihren ein Meter vierundsiebzig auch nicht gerade klein. Rechnete man die Absätze an ihren Stiefeln dazu, erst recht nicht. Leider war das nur ein weiterer Punkt auf der immer länger werdenden Liste, die für Hunter sprach. Außerdem hatte sie eine Schwäche für große Männer.

Gespielt ungeduldig sah Hunter auf die schlichte Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. Sydney presste die Lippen aufeinander, um nicht laut aufzulachen. Statt dieser stummen Aufforderung sofort Folge zu leisten, nippte sie erneut an ihrem Bier, ohne sich auch nur einen Zentimeter wegzubewegen.

»Ich glaube, mir bleiben noch etwa sechsundfünfzig Sekunden ...«

»Scheiß auf die sechsundfünfzig Sekunden«, knurrte er und hielt ihr die Hand hin. Nicht wie ein Gentleman, der seiner Begleitung hochhelfen wollte, sondern wie ein kleiner Junge, der endlich sein Weihnachtsgeschenk auspacken und damit spielen wollte.

Diesmal konnte Sydney ihr Lachen nicht unterdrücken. Ein letzter Schluck, dann stellte sie die zur Hälfte geleerte Flasche ab, legte ihre Hand in die von Hunter und stand auf.

»Na endlich.« Zufrieden warf er ein paar Geldscheine auf den Tresen, die locker für all ihre Getränke reichte. Großzügiges Trinkgeld inklusive.

Hunter ging voraus und bahnte ihnen so einen Weg durch die Menge. In der letzten halben Stunde hatte sich die Bar merklich gefüllt, aber von Antonio war noch immer nichts zu sehen. Wieder war da dieses ungute Gefühl in ihrer Magengrube. Es musste einen Grund geben, warum er nicht hier aufgetaucht war. Er wusste, was davon abhing. Hoffentlich hatten sie nicht herausgefunden, dass er mit ihr in Kontakt stand. Hastig tippte sie eine SMS und schickte sie ab.

Neuer Versuch?

Dann schaltete sie das Handy aus. Falls die CIA irgendwie Wind davon bekommen hatte, wollte sie nicht geortet werden. Schlimmer war nur die Vorstellung, Antonio könnte sie bewusst verraten haben. Als ehemalige Agentin, die inzwischen als Auftragskillerin arbeitete, gehörte sie verständlicherweise nicht gerade zu den Lieblingsmenschen ihrer früheren Kollegen. Aber Antonio war eine Ausnahme. Er musste eine sein.

An der Tür angekommen, sah Sydney ein letztes Mal zurück, bevor sie Hunter nach draußen folgte. Ein Schwall warmer Luft schlug ihr entgegen, als sie aus der klimatisierten Bar ins Freie trat. Wie eine Winterdecke, die sie in eine ungewollte Umarmung schloss.

Vor ihnen breitete sich ein spärlich beleuchteter Parkplatz aus, sonst gab es bis auf ein paar einzelne Kakteen und Berge, die am Horizont den sternenübersäten Himmel berührten, nicht viel zu sehen. Die plötzliche Stille war wie ein Weckruf, der Sydneys Instinkte wiederbelebte. Unauffällig ließ sie ihren Blick über die verlassenen Autos und Motorräder wandern, immer auf der Suche nach einer dunklen Gestalt, die sie aus dem Hinterhalt packen und ihr eine Waffe an den Kopf halten würde. Was sie hier tat, war absolut unvernünftig, noch dazu gefährlich. Aber sie hatte schon immer gern mit dem Feuer gespielt. Und in dieser Nacht stellte Hunter dieses Feuer dar.

»Alles in Ordnung?« Als hätte er ihre plötzliche Unruhe gespürt, blieb Hunter neben einem schwarzen Dodge Challenger stehen und drehte sich zu ihr um.

Sydney registrierte den Wagen mit einer gewissen Genugtuung. Offenbar hatte dieser Mann ebenso eine Schwäche für Sportwagen wie sie selbst. In Gedanken trauerte sie noch immer ihrem Maserati GranTurismo nach, den sie bei den Daughters of Darkness in San Francisco zurückgelassen hatte.

»Bestens«, gab Sydney zurück und setzte ein verführerisches Lächeln auf, das über ihre Anspannung hinwegtäuschen sollte. Seit sie zu einer der meistgejagtesten Personen dieses Landes geworden war, konnte sie offene Plätze nicht ausstehen. Die Chance, aus heiterem Himmel angegriffen oder erschossen zu werden, war einfach zu groß.

»Sicher?« Besorgt legte Hunter den Kopf schief und strich ihr über die Arme. Es war eine beruhigende, fast schon liebevolle Geste. »Wir können auch irgendwo hinfahren und einfach nur reden.«

Sieh mal einer an. Hatte sie es wirklich geschafft, in dieser Einöde nicht nur einen verflucht attraktiven, sondern auch noch anständigen Mann kennenzulernen? Gab es so etwas heutzutage überhaupt noch?

Das Klicken an ihrem Handgelenk beantwortete ihr diese Frage schneller, als ihr lieb war. Sie musste nicht hinsehen, um zu wissen, was das kalte Metall war, das über ihre Haut rieb, denn die Empfindung war ihr vertraut. Stattdessen heftete sie ihre Aufmerksamkeit auf Hunter, in dessen Augen sie eine Ruhe und Entschlossenheit las, die zuvor nicht da gewesen waren. Und mit einem Mal gewann jedes Wort aus seinem Mund eine neue Bedeutung. Angefangen damit, dass er ihr nicht geglaubt hatte, Allison wäre ihr richtiger Name, und dass er irgendwohin mit ihr hatte hinfahren wollen. Und jetzt das Angebot einfach nur zu reden. Ja klar. Am besten mit ihrem Anwalt.

Für Schock blieb keine Zeit, denn die Wut kam so schnell wie ein Tornado und tobte mit derselben Zerstörungskraft durch sie hindurch. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Hunter wollte nicht mit ihr reden und sie auch nicht für eine heiße Nacht mit zu sich nach Hause nehmen. Das Einzige, was er wollte, war sie einzubuchten.

Und er besaß auch noch die Dreistigkeit, sich zu ihr hinunter zu beugen und ihr dabei genauso nah wie zuvor in der Bar zu kommen. Seine Stimme war nur ein raues Flüstern an ihrem Ohr, dennoch meinte sie, einen Funken Ehrlichkeit heraushören zu können. »Tut mir leid ...« Er griff nach ihrem zweiten Arm, um sie vollends in Ketten zu legen.

»Mir auch«, erwiderte Sydney tonlos, packte blitzschnell seine Hand und verdrehte seine Finger, bis er vor Schmerz zusammenzuckte. »Tut mir echt leid, dir deinen Plan versauen zu müssen.«

Ruckartig entriss sie Hunter ihren Arm und schloss die Finger um die daran baumelnden Handschellen. Auf diese Weise hatte sie einen improvisierten Schlagring, den sie auch einzusetzen gedachte. Sie holte aus und ließ ihre Faust nach vorn schnellen. In letzter Sekunde wich Hunter aus, packte ihren Arm und schloss seinen eigenen darum. Heißer Schmerz schoss von ihrer Ellenbeuge bis in ihre Schulter hinauf und machte sie bewegungsunfähig. Einen kurzen Moment, einen Wimpernschlag lang hielt sie seinen Blick fest, dann setzte sie den Fuß auf die Beifahrertür seines Sportwagens, zog den anderen mit Schwung nach und legte einen Rückwärtssalto hin, der sie aus Hunters Umklammerung befreite.

Instinktiv wich sie zurück und spürte gerade noch den Luftzug, als seine Faust an ihrem Gesicht vorbeiflog. Sydney nutzte den Moment, stieß seinen Arm zur Seite und visierte den Solarplexus ihres Gegners an, um ihn außer Gefecht zu setzen. Doch wer auch immer dieser Mann war, er besaß definitiv eine Kampfausbildung, die ihn darauf getrimmt hatte, sich vor Angriffen dieser Art zu schützen. Scheinbar mühelos blockte er ihre Attacke ab, wirbelte sie herum und zog sie so schnell mit dem Rücken voran gegen seine Brust, dass ihr die Luft wegblieb. Sydneys erster Impuls war es, ihm ihre Ellbogen in die Rippen zu rammen, doch sie unterdrückte diesen natürlichen Reflex und besann sich auf ihr Training.

Der Zorn, der in ihren Adern kochte, half ihr dabei. Ja, sie war wütend auf ihn – aber noch viel größer war ihre Wut auf sich selbst. Hunter hatte sie nicht bloß ausgetrickst, damit sie freiwillig mit ihm ging. Oh nein. Er hatte sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen, hatte die Rolle des Verführers eingenommen und sie innerhalb kürzester Zeit weichgekocht.

Das war ihre Taktik, verdammt noch mal! Dass er sie so schamlos missbraucht hatte, würde sie nicht auf sich sitzen lassen.

Sydney stieß sich ab, zog die Knie an die Brust und ließ sich schwungvoll nach vorn fallen. Hunter war so damit beschäftigt, sie festzuhalten, dass er automatisch mit ihr zu Boden ging, während sie durch seine Beine hindurch glitt und sich auf diese Weise befreite. Sand und Staub füllten ihre Lunge und ihre Hand, als sie danach griff und ihrem Gegner den Dreck ins Gesicht schleuderte.

Husten. Ein gedämpfter Fluch. Sydney sprang auf die Beine, die Arme kampfbereit gehoben. Sie visierte ihr Ziel an und schickte Hunter mit einem Kick wieder zu Boden.

»Scheiße, Frau, das tut weh!« Mit dem Handrücken wischte er sich über die blutige Unterlippe und richtete sich wieder auf. »Ich dachte wirklich, wir könnten das auf die sanfte Tour regeln.«

Sydney lächelte grimmig. »Ich mag die harte Tour lieber.«

Da war es wieder, dieses amüsierte Funkeln in seinen Augen. »Warum überrascht mich das nicht?«

»Du gehörst nicht zur Agency«, stellte sie fest und musterte ihn knapp. Mit seiner legeren Kleidung, bestehend aus einer verwaschenen Jeans und einem weißen T-Shirt, machte er nicht den Eindruck, im Auftrag ihrer früheren Arbeitgeber zu handeln. Sydney kannte genug Agenten, um sie auf hundert Meter riechen zu können. Hunter war eindeutig keiner von ihnen, obwohl sein Kampfstil und auch sein Vorgehen dafür sprachen. Aber wenn er nicht zur CIA gehörte, zu wem dann? FBI? Special Forces? War er ein Auftragskiller wie sie selbst?

»Gut erkannt.« Nach außen hin lässig stand er auf und machte einen Schritt auf sie zu. Es kostete Sydney jeden Funken Selbstbeherrschung, stehen zu bleiben, obwohl alles in ihr danach schrie, auf dem Absatz kehrtzumachen und wegzurennen. Aber ihr Stolz verbot es ihr, vor ihm zurückzuweichen. Denn in gewisser Weise hätte er damit schon gewonnen. »Tu uns beiden einen Gefallen und gib auf. Bis vor ein paar Minuten konntest du es gar nicht erwarten, mit mir allein zu sein.«

»Das war, bevor du mir Handschellen angelegt hast«, konterte sie, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Er wirkte völlig entspannt. Zu entspannt. »Ich stehe nicht auf Fesselspielchen.«

Ein vielsagendes Lächeln umspielte seine Lippen. »Ich schon.«

Sie taxierten sich mit ihren Blicken, nicht bereit, auch nur eine Sekunde wegzusehen und dem anderen so die Chance zu geben, zu handeln. Sydneys Gedanken rasten. Ihr Wagen stand zu weit weg. Wenn sie sich jetzt umdrehte und weglief, hätte Hunter sie nach wenigen Schritten eingeholt. Sie mochte schnell sein, aber seine Beine waren länger und etwas sagte ihr, dass dieser Mann eine ordentliche Kondition besaß. Zu schade, dass sie das auf diese Weise erfahren musste und nicht in irgendeinem Bett, in dem sie sich zusammen austobten.

Als wüsste er genau, wohin ihre Gedanken gewandert waren, zog Hunter einen Mundwinkel in die Höhe. Für ihn war die Situation simpel. Er musste nur abwarten. Egal, welchen Plan Sydney schmiedete, das Szenario endete immer auf dieselbe Weise: Hunter verhaftete sie. Das Pochen in ihrer Brust wurde schneller und auf ihrer Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen. Sie war nicht so weit gekommen, um jetzt aufzugeben. Auf keinen Fall. Dafür hatte sie zu viel verloren, zu viel geopfert und zu viele Dinge getan, die sie sich selbst nicht verzeihen könnte, wenn sie am Ende nicht ihr Ziel erreichte. Sie war vorher schon mit Agenten klar gekommen. Hunter stellte nur einen weiteren Gegner in einer langen Reihe dar.

Hinter ihr ging die Tür des Roadhouses mit einem Knarren auf. Stimmen und leises Gelächter drangen an ihre Ohren – und Sydney erkannte ihre Chance. Für ein, zwei Sekunden sah Hunter an ihr vorbei zu den Leuten, die die Bar verließen und auf den Parkplatz kamen. Es war nur eine winzige Ablenkung, ein kurzer Moment der Unvorsichtigkeit, aber sie nutzte ihn gnadenlos aus.

Sydney wirbelte herum und rannte los. Vorbei an parkenden Autos, vorbei an Motorrädern, die nebeneinander vor dem Eingang abgestellt waren. Sie rempelte einen der Männer an, die gerade das Roadhouse verließen, und kümmerte sich nicht darum, ihm eine Entschuldigung zuzurufen. Stattdessen riss sie die Tür auf und tauchte in der Menge unter.

Ein Plan. Sie brauchte einen gottverdammten Plan. Zurück zu ihrem Mietwagen konnte sie nicht, denn vermutlich hatte Hunter sie genau dadurch aufgespürt. Während sie sich an den Leuten vorbei schob, verfluchte sich Sydney in Gedanken für diese Nachlässigkeit. Sie hätte einfach ein Auto klauen sollen, statt sich eines unter einem Decknamen zu mieten. Auch wenn es keiner der falschen Namen war, die sie früher benutzt hatte, kannte die CIA ihre Vorgehensweise. Natürlich, schließlich hatte die Firma sie ausgebildet.

Im Vorbeigehen schnappte sie sich einen Cowboyhut, der auf einem freien Barhocker lag und dessen Besitzer zu sehr damit beschäftigt war, mit einer Frau zu flirten, um es zu bemerken. Hastig setzte sie ihn auf, um wenigstens auf den ersten Blick zwischen all den Leuten unterzugehen, während sie weiter die Tür ansteuerte, die mit einem dicken Privat davor warnte, sie zu öffnen, wenn man nicht hier arbeitete. Sydney ignorierte die Warnung und drehte den Türknauf herum. Hunter würde damit rechnen, dass sie sich auf die Toiletten flüchtete, um durch eines der Fenster zu verschwinden. Es war der klassische Fluchtweg, also musste sie einen anderen wählen, auch wenn sie es hasste, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben.

Musik und Stimmengewirr verblassten zu einem dumpfen Echo, nachdem sie die Tür hinter sich zugedrückt hatte. Sie befand sich in einem schmalen Flur, von dem drei Türen abführten. Eine nach links, zwei nach rechts. Die erste zu ihrer Rechten erwies sich als Lagerraum. Kein Fenster. Nichts, das ihr irgendwie nützen konnte. Hastig lief sie zur nächsten Tür. Es konnte sich nur um Sekunden handeln, bis Hunter ihr auf die Schliche kam und ebenfalls hier auftauchte. Und dann sollte sie schon längst über alle Berge sein.

Sydney stieß die nächste Tür auf und fand sich in einem Büro wieder. Es war dunkel und roch muffig, aber es war überraschend sauber und aufgeräumt. Auf dem Schreibtisch stand ein uralter Computer, der selbst aus der Ferne so aussah, als würde er jeden Moment auseinanderbrechen. Daneben eine Flasche Wasser, ein Notizbuch und ... ein Schlüsselbund. Sydney nahm ihn an sich und sah sich weiter um. Auf der gegenüberliegenden Seite waren zwei Fenster, aber sie waren vergittert. Vermutlich um Einbrecher fernzuhalten. Sie fluchte lautlos. Wenn sie hier keinen Fluchtweg fand, musste sie zurück in den Gang, womit die Wahrscheinlichkeit, Hunter direkt in die Arme zu laufen, um ein Vielfaches stieg. Nein, es musste eine andere Möglichkeit geben.

Ihr Blick flog über Aktenschränke hinweg, über einen kleinen Kühlschrank, ein Regal voll mit Ordnern ... Beinah hätte sie die unscheinbare Tür übersehen, die hinter dem Schreibtisch mit der Wand zu verschmelzen schien.

Sydney zögerte keine Sekunde. Im selben Moment, in dem sie Schritte hinter sich hörte, hastete sie zu einem der Aktenschränke und schob ihn vor die Tür. Die Barrikade würde nicht lang halten, aber das musste sie auch nicht. Nur solang, bis sie hier raus war.

Sie rannte los. Vorbei am Schreibtisch, als der Türknauf herumgedreht wurde. Mit einer einzigen Bewegung fegte sie alles vom Tisch, um Hunter auch dann noch aufzuhalten, wenn er es hier reingeschafft hatte. Dann zerrte sie an der Tür, aber sie gab keinen Zentimeter nach. Abgeschlossen. Gottverdammt noch mal ...

Ihre Finger zitterten, als sie den richtigen Schlüssel zu finden versuchte, während hinter ihr ein Hämmern laut wurde. Hunter versuchte die Tür einzutreten. Der erste Schlüssel war zu klein, der zweite passte nicht. Mit Gewalt schob sie den dritten ins Schloss, drehte ihn herum und ... ein Klicken ertönte. Aber für Erleichterung blieb keine Zeit. Sydney riss die Tür auf und stürmte ins Freie.

Stille. Leere.

Hektisch sah sie sich hinter dem Roadhouse um und entdeckte einen alten Jeep, der nur wenige Schritte von ihr entfernt stand. Aus dem Haus war Hunters Fluchen zu hören. Sydney sprintete auf den Wagen zu und riss die Fahrertür auf. Sie sprang auf den Sitz, verriegelte das Auto von innen, fummelte den Schlüssel ins Zündloch und startete den Motor in der Sekunde, in der Hunter aus dem Gebäude kam. Mit einer Waffe in den Händen, die direkt auf sie zielte.

Die Pistole in seinen Händen war nicht überraschend. Die Tatsache, dass er auf sie schoss, statt auf die Reifen, dagegen schon. Reflexartig zog Sydney den Kopf ein, legte den Rückwärtsgang ein und trat aufs Gas. Kugeln prallten gegen die Motorhaube. Der rechte Seitenspiegel zersprang, als sie das Lenkrad herumriss.

Sie musste weg. Wer auch immer dieser Kerl war, es schien ihm verdammt ernst zu sein.

Staub wirbelte auf und der Motor jaulte protestierend, als sie das Gaspedal durchdrückte und in der Nacht verschwand, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen. Als sie die CIA vor anderthalb Jahren verlassen hatte, war ihr bewusst gewesen, dass sie damit alles, was sie sich aufgebaut und wovon sie je geträumt hatte, hinter sich ließ. Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, immer wieder Menschen und Dinge zurückzulassen, die ihr etwas bedeuteten. Die Sig Sauer P226, die im Handschuhfach ihres Mietwagens lag, war nur eines dieser Dinge.

Dennoch brannte ihre Brust beim Gedanken daran, nun auch das letzte Bisschen verloren zu haben, das sie noch mit ihrem Bruder verband.

2. KAPITEL

Fuck. Seine Zielperson war entkommen. Dabei hatte dieser Auftrag so gut begonnen. Ein Trip nach Texas, ein abgelegenes, gut besuchtes Roadhouse und eine äußerst attraktive Zielperson. Zugegeben, er hatte ihren kleinen Flirt und die Aussicht auf das, was diese Nacht ihnen noch bringen könnte, genossen, aber die Geldsumme, die ihm winkte, war noch verführerischer. Also war ihm keine andere Wahl geblieben, als Sydney Pierce in Handschellen zu legen. Dummerweise hatte er sie unterschätzt. Das würde ihm kein zweites Mal passieren.

Hunter sicherte seine Pistole und schob sie wieder in den hinteren Bund seiner Jeans. Den Blick hielt er so lang auf den sich entfernenden Wagen gerichtet, bis dieser in der Dunkelheit verschwand. Jeep Wrangler. Schwarz. Ein älteres Modell, vermutlich Mitte oder Ende der Neunziger. Wind und Wetter hatten das Auto in Mitleidenschaft gezogen und auch die Rostflecken sprachen für das Alter. Das Nummernschild speicherte er in Gedanken ab, dann machte er auf dem Absatz kehrt, doch statt wieder den Weg durch die Bar zu nehmen, umrundete er das Gebäude von außen.

Etwa zwanzig Meilen lang führte die Straße vom Roadhouse aus nur geradeaus. Das war sein Zeitfenster, bevor Sydney abbiegen und ihm erneut durch die Lappen gehen konnte. Und er gedachte diese Zeit sinnvoll zu nutzen.

Etwas abseits auf dem Parkplatz stand der Wagen, durch den er seine Zielperson aufgespürt hatte. Ein blauer Chevrolet Camaro. Jahrgang siebenundsechzig. Anscheinend teilte Sydney seine Vorliebe für Sportwagen, doch das würde sie auch nicht davor retten, ihre gerechte Strafe zu erhalten.

Hunter marschierte über den verlassenen Parkplatz auf den Wagen zu. Ein kurzer Blick nach links und rechts, dann zog er einen Dietrich aus seiner Hosentasche und knackte das Schloss. Kein Alarm, dafür blieb seine Suche auf den Sitzen, im Fußraum und auf der Rückbank erfolglos. Als er das Handschuhfach öffnete, fand er nur eine Pistole. Hunter zog sie heraus und inspizierte sie auf die Schnelle. Es handelte sich um eine Sig Sauer P226. Eine typische Neun-Millimeter, wie sie von Polizei und Spezialeinheiten verwendet wurde. Fünfzehn Schuss, volles Magazin, silberfarben, keine Gravuren oder besondere Merkmale, trotzdem steckte er sie ein. Abgesehen von der Waffe fand er nichts. Keine Papiere, keine schnell hingekritzelten Notizen, nicht einmal irgendwelchen Müll, der auf besondere Vorlieben seiner Zielperson hindeutete. Wer auch immer diese Frau war, eine Sache kristallisierte sich immer deutlicher heraus: Sie war ein Profi.

Kurz darauf stieg er in seinen eigenen Wagen, startete den Motor und ließ den Parkplatz des Roadhouses mit quietschenden Reifen hinter sich. Ohne den Blick von der Straße abzuwenden, holte er sein Smartphone aus der Hosentasche und schob es in die dafür vorgesehene Halterung am Armaturenbrett.

»Rodriguez.«

Aus den Augenwinkeln sah er, wie das Display seines Handys aufleuchtete und das Telefonsymbol erschien. Gleich darauf erfüllte das unverkennbare Läuten das Wageninnere.

Während er darauf wartete, dass jemand abhob, arbeitete es in Hunters Kopf. Sydney war besser vorbereitet gewesen, als er gedacht hatte. Oder eher: als man ihm weisgemacht hatte. Hätte er gewusst, über welche Fähigkeiten sie verfügte, hätte er sich ihr anders genähert, oder zumindest seine wahren Absichten nicht so früh schon deutlich gemacht. Es überraschte ihn nicht, dass die wenigen Informationen seiner Auftraggeber lückenhaft waren, aber es ärgerte ihn, weil es seinen Job unnötig erschwerte.

Das Klingeln verstummte und eine tiefe Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung. »Rodriguez.«

»Hey, Mann«, begrüßte Hunter ihn, als würde er ihn regelmäßig mitten in der Nacht anrufen. »Ich brauche Straßensperren für eine flüchtige Verbrecherin.«

»Coburn?« Mit einem Mal klang Rodriguez deutlich wacher. Im Hintergrund quietschte es leise, als wäre er gerade aus dem Bett oder vom Sofa aufgestanden. »Scheiße, bist du’s wirklich?«

Hunter drückte das Gaspedal durch. »Der einzig Wahre.«

»Wir dachten, der letzte Kerl, den du ausgeliefert hast, hätte dir schon längst ’ne Kugel zwischen die Augen gejagt.«

Beruhigend zu wissen, wie besorgt das Los Angeles Police Department um seine Gesundheit war.

»Reno?«, fragte er wenig interessiert nach. »Der durchgeknallte Tätowierer aus der Gang?«

»Genau der. Wir mussten ihn vor zwei Tagen aufgrund von mangelnden Beweisen freilassen. Hast du das nicht mitgekriegt?«

Offensichtlich nicht. Er konnte Rodriguez’ süffisantes Grinsen geradezu vor sich sehen. Auch das noch. Reno war sein letzter Auftrag in Los Angeles gewesen. Der Kerl war eine Ratte, die er nur zu gern den Cops ausgeliefert und dafür das Kopfgeld kassiert hatte. Dass er so schnell schon wieder auf freiem Fuß war, passte Hunter überhaupt nicht, aber er war nicht das Gesetz. Er machte die Regeln nicht. Er verbog sie nur zu seinem Vorteil, um einen Job zu erledigen, den sonst keiner machen wollte. Und er war verdammt gut in dem, was er tat.

»Wo steckst du überhaupt?«

»Texas«, knurrte er. »Ein paar Meilen vor San Antonio.«

»Scheiße, was treibt dich in die Südstaaten?«

Hunter biss die Zähne zusammen. Rodriguez war einer seiner ältesten Freunde und besaß damit ein paar Privilegien. Jedem anderen hätte Hunter längst den Hals umgedreht. Er wollte seine Zielperson aufspüren und keinen verdammten Smalltalk mitten in der Wildnis halten. Inzwischen hatte er das Roadhouse längst hinter sich gelassen und folgte der einzigen Straße in der Gegend, während sich links und rechts von ihm kahle Ebenen ausbreiteten.

»Ein Job. Was ist jetzt mit meinen Straßensperren?«, kam er auf den eigentlichen Grund seines Anrufs zurück.

»Willst du etwa auf dein Kopfgeld verzichten, damit ich eine offizielle Fahndung ausgebe?«

»Das hättest du wohl gern. Sieh es als einen Gefallen für einen alten Militärkumpel. Das Ganze muss unter uns bleiben. Der Auftraggeber ist ... speziell.«

»Speziell?« Das Stirnrunzeln war regelrecht aus seiner Stimme herauszuhören. »Du hast dich doch nicht wieder auf irgendwelche zwielichtigen Deals eingelassen, oder?«

Zwielichtiger ging es kaum, aber das musste sein Kumpel von der Polizei ja nicht erfahren.

»Nein«, gab Hunter tonlos zurück.

»Hm«, machte Rodriguez. Er hatte schon früher eine Gelassenheit besessen, die andere Menschen in den Wahnsinn treiben konnte. Allen voran Hunter. »Ich müsste mir einen plausiblen Grund für die Straßensperren einfallen lassen und ein paar Gefallen einfordern, da du in einem anderen Bundesstaat bist und ich dort keine Befugnisse habe. Was springt für mich dabei raus?«

War ja klar. Widerwillig dachte Hunter an den ungeöffneten Briefumschlag, der erst vor wenigen Tagen auf seinem Schreibtisch gelandet war und noch immer dort lag. Innerlich zählte er bis fünf, ehe er die Worte hervorpresste. »Lakers. Zwei Karten für das nächste Spiel. Beste Plätze. Nimm es oder lass es bleiben.«

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein leiser Pfiff, dicht gefolgt von Tastaturgeklapper. Schon da wusste Hunter, dass er gewonnen hatte.

»Schieß los.«

Das Lächeln schmerzte in seinem Gesicht, aber er zwang sich, das Basketballspiel zu vergessen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Von dem Geld, das auf Sydney Pierce’ Kopf ausgesetzt war, könnte er sich ein ganzes Jahresabo an Karten kaufen. Aber zunächst musste er sie aufspüren. Beim ersten Mal hatte sie es ihm fast schon zu leicht gemacht. So viel Glück würde er nicht wieder haben.

Er nannte Rodriguez alle Informationen, die er guten Gewissens weitergeben konnte und die dazu führen würden, dass Sydneys Flucht an einer Straßensperre in unmittelbarer Nähe enden würde, dann legte er auf. Sydney Pierce schien ein cleveres Mädchen zu sein. Die Interstate würde sie nicht nehmen, zumindest nicht lang. Das war zu offensichtlich und in ihrem Fall zu auffällig. Wer von der CIA gejagt wurde, hielt sich lieber verdeckt. Er kannte das Prozedere, was nur ein weiterer Grund war, aus dem sie ausgerechnet an ihn herangetreten waren. Am liebsten hätte er dem geschniegelten Kerl in seinem Anzug die Tür vor der Nase zugeschlagen, doch die magischen Worte hatten ihn innehalten lassen. Siebenhunderttausend Dollar waren eine Menge Geld. Geld, das er dringend brauchte.

Wenige Minuten später erreichte Hunter die erste Kreuzung, ohne eine einzige Spur von seiner Zielperson gefunden zu haben. Ein Blick auf sein Handy reichte aus, um ihm zu verraten, dass sich auch Rodriguez noch nicht zurückgemeldet hatte.

Frustriert fuhr er sich durch das kurze Haar und sah in alle Richtungen. Geradeaus ging es weiter nach Laredo an der mexikanischen Grenze, rechts nach Carrizo Springs und links schien die Straße in die endlose Weite zu führen, gepflastert mit irgendwelchen Kleinstädten. In Laredo wäre es ein Leichtes für Sydney, sich einen neuen Wagen zu besorgen und sich anschließend nach Mexiko abzusetzen. Wäre er in ihrer Situation, hätte er das Land so schnell wie möglich verlassen. Aber Sydney hatte ihm heute bereits gezeigt, dass sie offensichtliche Fluchtwege mied und auf andere auswich. Stichwort Büroräume, statt in den Toiletten durch das Fenster nach draußen zu klettern.

Nachdenklich tippte Hunter mit den Fingern auf dem Lenkrad herum. Er hatte keine Zeit, um lang zu überlegen, aber wenn er die falsche Entscheidung traf, würde Sydney ihm durch die Lappen gehen. Die Straßensperren, die er von Rodriguez eingefordert hatte, waren sein Plan B. Ein Hintertürchen für den Fall, dass er die Spur zu dieser Frau verlor. Was nun eingetreten war. In Gedanken verfluchte sich Hunter dafür, wertvolle Zeit damit verschwendet zu haben, ihren Wagen zu durchsuchen. Mit der Knarre, die er gefunden hatte, würde er Sydney auch nicht aufspüren können.

Kurzentschlossen bog Hunter nach links ab. Weg von der nächsten großen Stadt und mitten in die kahle Landschaft von Texas hinein. Es war der letzte Ausweg, den er selbst nehmen würde, weil man hier draußen ein viel zu leichtes Ziel abgab, und er vermutete, dass Sydney aus genau diesem Grund die gleiche Entscheidung getroffen hatte.

Wenn er sich irrte, konnte er wieder von vorn anfangen.

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Anderthalb Stunden später verfluchte Hunter den Moment, in dem der Name Sydney Pierce in seinem Leben aufgetaucht war. Hatte sie sich doch nach Laredo und dann nach Mexiko abgesetzt? Er wusste es nicht. Hatte sie sich in eine andere Stadt geflüchtet und war dort untergetaucht? Er wusste es nicht. Fuhr sie noch immer durch die staubigen Weiten dieses Bundesstaats, nur um ihn in die Irre zu führen? Er wusste es verdammt noch mal nicht.

Sein Magen knurrte und übertönte damit sogar das Knirschen seiner Zähne. Hunter umfasste das Lenkrad fester und ignorierte beide Geräusche. Er war schon seit einer gefühlten Ewigkeit unterwegs, ohne dass sich etwas an seiner Umgebung verändert hätte. Sandige Ebenen, durchbrochen von einsamen Kleinstädten, Hügeln, kahlen Bäumen und schlanken Kakteen, die als Einzige in dieser öden Landschaft zu überleben schienen.

Hunter war davon überzeugt, dass Sydney inzwischen an irgendeinem gemütlichen Ort saß und sich beim Gedanken daran, ihn überlistet zu haben, ins Fäustchen lachte. Na warte. So leicht würde sie ihn nicht loswerden. Sollte sie sich ruhig in Sicherheit wiegen. Er hatte sie schon einmal gefunden, also würde ihm das auch ein zweites Mal gelingen. Wieder und wieder, bis er sie endlich gefasst und ausgeliefert hatte.

Als die Tankstelle rechts von ihm auftauchte, hätte er vor Erleichterung beinah geseufzt. Eine kurze Pause, um sich einen Kaffee und ein Sandwich zu holen, dann würde er Rodriguez anrufen und fragen, wie lang er die Straßensperren aufrechterhalten konnte, ohne dass die falschen Leute Fragen stellten.

Hunter bog ab und stellte seinen Dodge Challenger unter das einsame Licht einer Neonreklame dicht neben das Gebäude. Der Parkplatz war so gut wie leergefegt, was bei dieser verlassenen Gegend und der Uhrzeit kein Wunder war. Wie spät mochte es inzwischen sein? Ein Uhr? Zwei Uhr? Noch später? Er hatte keine Ahnung und nicht die Geduld, auf sein Handy zu schauen, als er ausstieg.

Sobald er die Toiletten betrat, wünschte er sich, er hätte sich stattdessen einfach einen Busch gesucht, aber jetzt war es zu spät. Der Gestank nach Pisse und Erbrochenem brannte in seinen Augen. So schnell wie möglich erledigte er sein dringendstes Bedürfnis und trat ans Waschbecken.

Natürlich meldete sich ausgerechnet in diesem Moment sein Handy. Das Klingeln hallte von den Wänden wider und ließ ihn das Gesicht verziehen. Grob wischte sich Hunter die Hände an seiner Jeans trocken und zog das Handy aus seiner Hosentasche. Ohne aufs Display zu sehen, nahm er den Anruf entgegen und trat wieder nach draußen. Die Nachtluft legte sich wie Balsam auf seine zerstörten Geruchszellen.

»Coburn«, meldete er sich.

»Hast du die Kohle?«

Hunter erstarrte. Hatte er eben noch das Gefühl gehabt, erleichtert aufatmen zu können, weil er aus der beschissenen Toilette rausgekommen war, legte sich jetzt eine eisige Klaue um seine Kehle, die langsam zudrückte.

»Ich arbeite daran«, erwiderte er und wandte sich von der Tankstelle ab. Sein Blick glitt in die Ferne, klammerte sich an einen imaginären Punkt in der Dunkelheit, als würde er nur so die Kontrolle behalten können.

»Der Boss wartet nicht gern.« Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang wie die eines Kettenrauchers. Es war nicht der Typ, der ihn sonst anrief, sondern vermutlich einer der Schlägertypen, die losgeschickt wurden, um das Geld einzutreiben und den Schuldner jeden einzelnen Penny körperlich spüren zu lassen.

»Ich arbeite daran«, wiederholte Hunter gepresst. »Nach diesem Job habt ihr eure verdammte Kohle.«

Ein kurzes Rascheln in der Leitung. Stimmengemurmel im Hintergrund. Und dann: »Vierundzwanzig Stunden.«

Die Klaue um Hunters Hals drückte noch fester zu. »Unmöglich. Ich bin in Texas, verdammt. Ihr müsst mir schon etwas mehr Zeit geben.« In Gedanken rechnete er nach, wie lang es dauern würde, Sydney wieder einzufangen, sie nach Los Angeles zu bringen und dort auszuliefern. Wie lang es dauern würde, bis er an das verfluchte Geld kam. »Montagabend.«

Wieder leises Gemurmel. Vermutlich leitete der Kerl alles an seinen Boss weiter, was Hunter sagte. Er kannte diese Taktik. Hinhalten, nervös machen, so lang Druck ausüben, bis das Zielobjekt zusammenbrach. Aber er würde nicht zusammenbrechen. Er musste nur noch diesen einen verfluchten Auftrag ausführen, dann war er frei. Frei von seinen Schulden und frei von der CIA.

»Sonntag.« Ein einziges Wort, eine klare Ansage, dann legte der Anrufer auf. Hunter bekam nicht mal die Chance, zu widersprechen.

Fluchend sah er auf sein Handy hinab. Das Display wurde dunkel und erlosch schließlich. Ihm blieben achtundvierzig Stunden, um diese verdammte Kohle zu beschaffen. Achtundvierzig Stunden, um seine Zielperson wiederzufinden, sie auszuliefern und das Geld von dem Agenten zu bekommen, der überhaupt erst mit diesem Auftrag an ihn herangetreten war. Inzwischen überraschte es ihn nicht mehr, dass sie ausgerechnet ihn für diesen Job gewählt hatten. Selbst wenn man draußen war, behielt die Agency ihre Leute im Auge. Vermutlich wussten sie genau um seine Schulden und hatten ihn deshalb mit einem Koffer voll Geld geködert. Und er war dumm genug gewesen, den Köder zu schlucken.

Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg in den Service-Bereich, wo ihn das Brummen einer Klimaanlage und ein übernächtigter Mitarbeiter empfingen. Letzterer saß hinter der Kasse, die Füße hochgelegt, eine Zeitschrift in der Hand und eine Kappe auf dem Kopf, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Als Hunter hereinkam, sah er nicht mal auf, sondern blätterte seelenruhig eine Seite weiter.

Hunter nahm sich ein Sandwich aus dem Kühlfach, dazu eine Coke und einen starken Kaffee. All das legte er auf dem Verkaufstresen ab, wodurch der Mitarbeiter endlich aus seiner Starre gerissen wurde und sich aufrichtete, während Hunter einen Schein aus seiner Geldbörse zog und hinwarf.

»Behalten Sie den Rest«, sagte er, als er bemerkte, wie der junge Mann das Wechselgeld zusammenzusuchen begann. Für diesen Mist hatte er keine Zeit.

Hunter schnappte sich seine Einkäufe, marschierte durch den kleinen Shop und trat wieder nach draußen. Bereits als sich die verschmierten Glastüren vor ihm aufschoben, schlug sein Instinkt Alarm und er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Er verlagerte die Lebensmittel in die eine Hand und tastete mit der anderen nach der Beretta hinten im Bund seiner Jeans.

Langsam, als würden ihm jeden Moment Kugeln um die Ohren fliegen, trat er nach draußen und schlich um die Ecke. Der Parkplatz lag noch immer verlassen vor ihm. Keine Menschenseele war zu sehen. Niemand, der ihn beobachtete oder ausschalten wollte, weil er ihn irgendwann einmal den Cops ausgeliefert hatte. Trotzdem hämmerte sein Puls weiter, bis er seinen Wagen erreichte und den Grund dafür erkannte.

Ein schwarzer, etwas rostiger Jeep mit einem nur zu bekannten Nummernschild parkte rotzfrech neben seinem eigenen Wagen. Die Botschaft sprang ihm so deutlich ins Auge, als wäre sie in roten Lettern auf die Motorhaube seines geliebten Challengers gesprüht worden: Fang mich, wenn du kannst!

Oh, und wie er konnte. Sydney Pierce hatte sich mit dem Falschen angelegt.

Hunter machte auf dem Absatz kehrt und marschierte zurück in die Tankstelle. Der Mitarbeiter sah erstaunt von seiner Zeitschrift auf. Irgendetwas in Hunters Miene musste ihn alarmiert haben, denn er sprang sofort auf die Beine und starrte ihm nervös entgegen.

»H-haben Sie was vergessen ... Sir?«, stammelte er und tastete viel zu auffällig unter dem Tisch nach einem Alarmknopf, einem Handy oder dergleichen.

»War eine junge Frau hier? Ungefähr eins fünfundsiebzig, dunkelblond, langes Haar bis hierhin.« Er hielt die Hand auf Achselhöhe. »Schwarzes Oberteil, dunkelblaue Jeans. Ihr Wagen steht draußen«, fügte er hinzu und deutete auf das schwarze Beweisstück auf dem Parkplatz.

Der Tankwart, auf dessen Uniform ein Schildchen mit dem Namen Mike aufgenäht war, schaute nach draußen. Hunter konnte regelrecht die Zahnrädchen in seinem Kopf arbeiten sehen, als er schließlich antwortete.