cover

Buch

Laut Berufsbeschreibung vermitteln Fahrschullehrer »ihren Schülern die nötigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, um ein Kraftfahrzeug sicher zu führen. Dazu üben sie mit ihren Schülern, das Fahrzeug zu beherrschen und sicher im Straßenverkehr zu bewegen.« So weit die Theorie.

Was Fahrlehrer in der Praxis erleben, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt. Da trachten Schüler ihnen – wenn auch unabsichtlich – schon mal nach dem Leben, weil sie das »Stop« auf dem gleichnamigen Schild nicht als verbindlich betrachten. Andere können das Farbspektrum zwischen Gelb, Orange und Rot nicht ausreichend unterscheiden oder sind – ob aus charakterlichen oder sonstigen Gründen – nicht bereit, anderen Vorfahrt zu gewähren. Aufgepasst, hier kommt der Fahrschüler!

Autoren

Angela Troni hat sich als Autorin humorvoller Sachbücher und Romane einen Namen gemacht. Ihre 2012 bestandene Motorradführerscheinprüfung verdankt sie vor allem der Geduld und dem guten Zureden ihrer Fahrlehrer Sigi Roth und Markus König, deren Fahrschulgeschichten sie zu diesem Buch inspiriert haben.

Markus König ist Fahrlehrer aus Berufung und unterrichtet in allen Klassen: von Auto über Motorrad bis Bus und Lkw. Mit seiner Suzuki ist er seit 20 Jahren unfallfrei unterwegs.

Sigi Roth ist seit 25 Jahren Fahrlehrer mit Leib und Seele. Es gibt (so gut wie) nichts, was er noch nicht erlebt hat. Von der Arbeit erholt er sich bei ausgedehnten Touren mit seiner BMW.

Von Angela Troni bei Blanvalet bereits erschienen

Frauen/Männer verstehen in 60 Minuten


Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet

und www.twitter.com/BlanvaletVerlag

ANGELA TRONI

Markus König und Sigi Roth

978-3-641-62606-8.pdf

Kurioses von der Straße

Blanvalet_Logo.eps

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Originalausgabe Juli 2014 bei Blanvalet, München,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Copyright © 2014 by Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung und Daumenkino:
© Johannes Wiebel | punchdesign

Redaktion: Lisa Bitzer

wr ∙ Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-12606-3
V002

www.blanvalet.de

Inhalt

Vor Fahrtantritt bitte Gurt anlegen!

Vorwort

Ein Herz für Inder

Sigi

Rechts ist da, wo der Daumen … wo ist?

Markus

Die Balancekünstlerin

Sigi

Hochmut kommt vor dem Sturz

Markus

Der große Test – Welcher Autofahrertyp bist du?

Alles für Benji

Sigi

Die Ja-aber-Frau

Markus

Ein Wolf im Schafspelz

Sigi

Quiz: Abkürzungsfallen – Fachchinesisch für Autofahrer

So schnell sieht man sich wieder

Sigi

Das kommt mir spanisch vor

Markus

Eine Hose für alle Fälle

Sigi

Max, der Checker

Markus

Isch ’abe gar keine Fuhrerschein!

Sigi

Herzlichen Glückwunsch!

Nachwort

Anhang

Vor Fahrtantritt bitte Gurt anlegen!

Vorwort

Fahrlehrer vermitteln ihren Schülern »die nötigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, um ein Kraftfahrzeug zu beherrschen und sicher im Straßenverkehr zu bewegen«. Sie bereiten ihre Schäfchen »gezielt auf die theoretische und praktische Führerscheinprüfung vor« – jedenfalls laut Berufsbeschreibung, die natürlich nicht mehr als graue Theorie ist und mit der Realität nur ansatzweise etwas zu tun hat.

Zum Glück. Denn in der Praxis ist unser Job deutlich spannender als auf dem Papier und umfasst viel mehr, als manch einer, der sich für unseren Beruf hat ausbilden lassen, jemals ahnen konnte. Wir, also Markus und Sigi, sind Fahrlehrer aus Leidenschaft und unterrichten in allen Klassen, von Motorrad über Pkw und Lkw bis hin zu Bus und was es sonst noch so gibt.

Über zu wenig Abwechslung oder gar Langeweile im Berufsalltag können wir uns nicht beklagen, im Gegenteil – manchmal verlangen uns die Fahrschüler wirklich alles ab: ganze Kofferraumladungen voller Geduld. Eine letzte Zigarette vor der praktischen Prüfung. Manchmal Baldriantropfen. Fast immer den Toilettenschlüssel. Ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte, egal ob es um nervige Eltern, einen Streit mit der »BFF« oder Liebeskummer geht. Kostenlose Ratschläge in allen Lebenslagen. Im Extremfall auch schon mal Shuttle-Dienste zum abendlichen Date im Anschluss an die Nachtfahrt. Und dazu jede Menge Taschentücher.

Aber auch wenn der Job manchmal anstrengend ist, wenn nahezu jede Ampel, die wir passieren, auf Rot springt und das Getriebe unter der unsanften Behandlung schmerzerfüllt aufkreischt, gibt es für uns nichts Schöneres, als mitzuverfolgen, wie unsere anfangs oft völlig überforderten Schüler unsere Anweisungen immer besser umsetzen und mit der Zeit ihren eigenen Fahrstil entwickeln. Na gut, es gefällt uns besonders, wie sie unsere Anweisungen umsetzen. Der eigene Fahrstil ist bei manchen Kandidaten sekundär, Hauptsache, sie lernen überhaupt fahren.

Die besondere Herausforderung als Fahrlehrer besteht darin, jeden Einzelnen, so untalentiert, nervös oder gehemmt er auch sein mag, zum Erfolg zu führen. Mit großem Engagement geben wir daher alles, damit unsere Schüler am Ende, wie es so schön heißt, mit »P 1« nach Hause gehen: einer auf Anhieb bestandenen Führerscheinprüfung.

Bei uns wird viel gelacht und gescherzt. Ist man nett zu uns, erklären wir gerne und geduldig – wenn es sein muss auch zum hundertsten Mal. Blut, Schweiß und Tränen, damit sind wir bestens vertraut. Manchmal sind die Fahrkünste unserer Schüler zum Davonlaufen, manchmal zum Totlachen, manchmal zum Fürchten, aber alles in allem sind wir sehr gerne auf den Straßen in und um München unterwegs. Nach dem Leben hat uns bisher noch kein Fahrschüler getrachtet – jedenfalls nicht absichtlich. Und auch sonst bringt uns so gut wie nichts aus der Ruhe. Tag für Tag machen wir unseren Fahrschülern klar, dass das »Stop« auf dem gleichnamigen Schild durchaus ernstgemeint ist, dass die Farbe Rot weder als Maisgelb noch als Kirschgrün oder Sonnenuntergangsorange zu interpretieren ist, schon gar nicht an einer Ampel, und dass es beim Thema »Vorfahrt gewähren« nichts zu diskutieren gibt. Nein, auch nicht mit dem Prüfer. Vor allem nicht mit dem Prüfer.

Wir helfen unseren Schülern dabei, das Gaspedal zu finden, den Tankdeckel, den richtigen Gang, das Zündschloss und die Kontrolle über das Auto, und wir versuchen, sie davon zu überzeugen, dass der menschliche Körper sehr wohl in der Lage ist, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, und das ohne dabei auf ein Handydisplay zu starren. Sollte ein Handgriff oder Ablauf auch im fünfzigsten Versuch noch nicht sitzen, dann üben wir ihn eben noch siebzehn weitere Male – oder so oft es nötig sein sollte. Selbst wenn ein Schüler die komplette Doppelstunde (immerhin neunzig lange Minuten) gegen seine Nervosität anquasselt und jeden einzelnen Schritt erst laut ankündigen muss, bevor er ihn ausführen kann, nehmen wir es mit dem nötigen Humor.

Womit wir bei euch angekommen wären. Vermutlich macht ihr es euch gerade irgendwo mit diesem Buch bequem, vor dem Kamin, im Liegestuhl am Strand, in der Hängematte oder in der Straßenbahn (nur bitte, bitte nicht auf dem Fahrersitz eines Pkw!), und freut euch auf eine unterhaltsame und abwechslungsreiche Lektüre. Das dürft ihr. Denn überall da, wo Menschen aufeinandertreffen, passieren die unglaublichsten Geschichten.

Sicher habt ihr ebenfalls die eine oder andere lustige, nachdenkliche, möglicherweise auch seltsame Anekdote auf dem Fahrer- oder Beifahrersitz erlebt. Wie ist es euch während der Fahrschulzeit ergangen? Welche spannenden, kuriosen, eventuell brenzligen Situationen verbindet ihr mit dieser Zeit? Und wie war eure Prüfung? Vielleicht sogar: Wie waren eure Prüfungen? Habt ihr auf Anhieb bestanden oder erst mal eine Ehrenrunde gedreht? Seid ihr souverän über die fünfundvierzig beziehungsweise sechzig oder siebzig (je nach Führerscheinklasse) Minuten gekommen, oder sind eure schweißnassen Hände ständig vom Lenkrad abgerutscht? Was fällt euch ein, wenn ihr an eure Fahrschulzeit zurückdenkt?

Schreibt uns eine Mail unter kreisverkehr@blanvalet.de und schildert uns eure Erlebnisse. Wir sind gespannt auf das, was euch so widerfahren ist, und wünschen euch jederzeit sichere und gute Fahrt.

So, und jetzt bitte anschnallen, Gang einlegen, und los geht’s!

978-3-641-62606-8.pdf

Ein Herz für Inder

Sigi

Es hilft nichts, denke ich mit einem Seitenblick auf meinen indischen Fahrschüler, der wie immer in Hemd, Krawatte und mit dem ordentlichsten Seitenscheitel, den ich je gesehen habe, so aufrecht hinterm Steuer sitzt, als hätte er einen Stock verschluckt. Ich beschließe, mal wieder ganz tief in die Trickkiste zu greifen. Die Ampel an der Wasserburger Landstraße, wo wir auf der Linksabbiegerspur stehen, ist lange genug rot für meine kleine Showeinlage, das weiß ich aus Erfahrung. Es kann also losgehen.

»Mach mal bitte das Fenster auf«, sage ich zu Rajesh, in der Hoffnung, dass die Nummer bleibende Wirkung haben wird. Dabei deute ich auf die Scheibe und bewege die rechte Hand langsam nach unten.

Der Neunzehnjährige spricht wirklich nicht gut Deutsch. Allerdings bin ich mir manchmal nicht sicher, ob er einfach nur so tut, als wüsste er nicht, was ich gerade von ihm will, oder ob er tatsächlich keinen blassen Schimmer von unserer Sprache hat.

Sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen, als er mich aus riesigen pechschwarzen Augen ansieht. Also wiederhole ich die Geste und imitiere, quasi als Special Effect, das Geräusch der herabsurrenden Scheibe. Das wirkt.

»Aaaaah, anderstääääänd, anderstäääänd«, sagt mein Schüler und drückt brav auf das Knöpfchen in der Türkonsole.

»Sehr gut«, lobe ich. Man soll auch kleine Erfolge belohnen – selbst wenn man sie nur mit der Lupe findet. »Jetzt linken Arm raus und winken«, fahre ich fort und mache es ihm vor.

Der Inder gehorcht aufs Wort und rudert mehrmals mit dem Arm auf und ab. Ich bin mir sicher, er hat keine Ahnung, warum er das tut.

»And now?«

Eine ältere Frau, die gerade die Kreuzung an der Fußgängerampel überquert, bleibt mitten auf der Straße stehen, um uns zu beobachten. Sie ist sichtlich fasziniert von unserer Darbietung.

Ich verkneife mir das Lachen und sage ernst: »Jetzt weiß unser Hintermann, dass wir links abbiegen wollen.«

Rajesh starrt mich an, als hätte ich von ihm verlangt, einer heiligen indischen Kuh die Vorfahrt zu nehmen. »Machen so in Germany?«

»Wenn es sein muss, schon. Du kannst beim nächsten Mal aber auch einfach den Blinker benutzen, falls dir das mit dem Winken zu anstrengend ist«, radebreche ich dann auf Englisch. Meine katastrophalen Fremdsprachenkenntnisse können es mit dem Deutsch von Rajesh nämlich locker aufnehmen.

Er schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und hätte dabei fast seinen Scheitel durcheinandergebracht. »O Dschieeeeeses!«, ruft er. »Ich schon wieder vergessen die Blinken.«

»Ganz genau«, sage ich und füge in Gedanken hinzu: ungefähr zum dreihundertachtundfünfzigsten Mal. Und es werden sicher noch mindestens genauso viele Male folgen …

Gerade als ich zu einem kleinen Vortrag zum Thema »Korrektes Abbiegen und Fahrspurwechsel in Mitteleuropa« ansetzen will, wird die Ampel grün, und ich muss mich wieder auf meinen Fahrschüler konzentrieren, der statt des Blinkers den Scheibenwischer aktiviert hat. Die Wischblätter schrappen über die trockene Scheibe und geben ein fieses Quietschen von sich. Hektisch schaltet Rajesh den Blinker an, wobei er unglücklicherweise auf die Hupe drückt – was ihm jedes Mal passiert, wenn er blinken will (es sei denn, er vergisst das Blinken!). Ich habe keine Ahnung, wie er das choreografisch hinbekommt, geschweige denn, wie er es wieder loswird.

Ich helfe ihm mit den Pedalen, damit wir auf der Mauerseglerstraße keine Wurzeln schlagen, und lenke ein bisschen mit, weil er nicht weit genug einschlägt. Statt umzugreifen, schiebt er das Steuer mit viel zu hektischen, viel zu kleinen Bewegungen nach rechts, weshalb wir in Richtung Gegenfahrbahn abzudriften drohen. Das alles bei halsbrecherischen zwanzig Stundenkilometern an einem verkehrsmäßig eher ruhigen Mittwochvormittag bei trockener Fahrbahn und schönstem blauem Frühlingshimmel.

Dennoch, der gute Rajesh fordert meine volle Aufmerksamkeit, und zwar in jeder einzelnen Sekunde der knapp siebenundachtzig Fahrstunden, die er nun schon bei mir hatte. Davor war er in zwei anderen Fahrschulen, in denen man ihm nach einer Weile jedes Mal freundlich nahegelegt hat, sich in München besser mit dem öffentlichen Nahverkehr fortzubewegen. Oder auf eine Rikscha umzusteigen. Oder dahin zurückzugehen, wo der Pfeffer wächst. Vermutlich hätte er von dem Geld, das er bisher in Fahrstunden investiert hat, bis an sein Lebensende Taxi fahren können, aber der schmächtige, fast schon zerbrechlich wirkende Neunzehnjährige ist nicht davon abzubringen, das Autofahren zu lernen.

Als wir uns vor knapp einem halben Jahr kennengelernt haben, hat er mir deutlich zu verstehen gegeben, dass er die Führerscheinprüfung absolvieren möchte, koste es, was es wolle. »Money kein Problem, Sahib«, betonte er mehrfach in der abenteuerlichen Mischung aus Englisch und Deutsch mit starkem indischem Einschlag, die er mir als Mittel der Verständigung anbot, und fügte grinsend hinzu: »Ich Problem.«

Anfangs dachte ich noch, das wär ein Witz, doch ich musste allzu bald feststellen, dass er die Wahrheit gesagt hatte, und zwar ungeschönt. Aber ich habe bisher noch jeden Fahrschüler bis zur Prüfungsreife gebracht, da werde ich mir von einem fahrtechnisch komplett unbegabten Inder ganz bestimmt nicht die Statistik vermiesen lassen! Jedenfalls ist mir der sympathische und überaus höfliche Rajesh deutlich lieber als mancher nassforsche Siebzehnjährige, der das Selbstbewusstsein schon mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Der gute Rajesh dagegen ist aufmerksam, konzentriert und wissbegierig und fasziniert mich immer wieder aufs Neue mit seinem perfekten Businessman-Aufzug. Er gibt sich wirklich alle Mühe und will etwas lernen. Deshalb biegen wir auch gleich wieder rechts ab in eine Tempo-Dreißig-Zone, wo wir rückwärts Einparken üben wollen. Das haben wir in letzter Zeit sträflich vernachlässigt – aus nachvollziehbaren Gründen. Es endet nämlich stets in einer mittelschweren Katastrophe, und nicht selten kann ich nur in letzter Sekunde verhindern, dass wir dabei Bekanntschaft mit der einen oder anderen Frontschürze schließen. Das Wort »Stoßstange« nimmt Rajesh für meinen Geschmack ein bisschen zu wörtlich, und ich befürchte, er wird in seinem späteren Leben als Autofahrer eine Standleitung zur nächsten Polizeidienststelle brauchen, um all die Parkunfälle aufnehmen zu lassen. Aber noch bin ich ja dabei und kann sämtliche Lack- und Blechschäden verhindern.

In der Reihenhaussiedlung ist unter der Woche tagsüber so gut wie nichts los, und es gibt unzählige Parkmöglichkeiten in allen Größen und Schwierigkeitsgraden. Ich wähle eine mehr als großzügig bemessene Lücke aus, in die man eine Stretchlimousine vorwärts hineinmanövrieren könnte, und bitte Rajesh, neben einem bereits geparkten Fahrzeug stehen zu bleiben.

Vorsorglich halte ich die Luft an, in trauriger Erwartung dessen, was jetzt kommt. »Krrrchhhhht« macht es, und der Rückwärtsgang ist drin.

»Kupplung!«, sage ich resigniert und schicke eine stumme Entschuldigung an das Getriebe. Das redet aber schon lange nicht mehr mit mir. Dann frage ich Rajesh: »Kannst du’s allein, oder soll ich helfen?«

»Alleeiiiin please«, sagt er, rutscht auf dem Sitz noch weiter nach vorne als sonst und setzt sich noch aufrechter hin, obwohl das kaum geht. Dabei umklammert er das Lenkrad mit beiden Händen so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten, lässt die Kupplung schnalzen und würgt den Motor ab.

Im Zirkus einem Elefanten das Seiltanzen beizubringen, kann nicht schwerer sein, denke ich und entscheide mich nach dem dritten erfolglosen Versuch von Rajesh, das Getriebe endgültig in die ewigen Jagdgründe zu schicken, doch einzugreifen. Er ist sichtlich nervös, da bleibt mir nur die Schritt-für-Schritt-Anleitung im Kommandoton. Mittlerweile weiß ich: Zu viel reden bringt nichts, im Zweifelsfall versteht er mich sowieso nicht, und das macht ihn nur noch nervöser. Ein Teufelskreis, den nur einer durchbrechen kann: ich.

Die nächsten dreieinhalb Minuten klingen deshalb ungefähr so: »Kupplung, Kupplung, jetzt Gas, langsam – gut so – gerade zurück, zurück – weiter – stopp – Lenkrad rechts – stopp – langsam fahren – weiter, weiter – Lenkrad zurück – stopp – Kupplung – langsam rückwärts – stopp – Lenkrad noch mal rechts – weiter rechts – erster Gang – Kupplung – langsam – langsam! Stopp! STOPP

Ich steige voll auf Kupplung und Bremse, der Wagen bleibt mit einem verärgerten Ruckeln stehen. Puh, das war knapp. Obwohl die Parklücke mindestens sieben Meter groß ist, hätte Rajesh um Haaresbreite die Stoßstange unseres Vordermanns gerammt, weil er plötzlich aufs Gas getreten hat statt auf die Kupplung. Er hat seine Füße einfach nicht unter Kontrolle, wenn er sich auf die Spiegel, seine Umwelt und das Lenken konzentrieren muss.

Rajesh zuckt entschuldigend die Achseln und sagt: »Sigiiiiii, ich nix schuld. Böses Auto einfach fahren.«

Mit vereinten Kräften schaffen wir es, das »böse Auto« unbeschadet zur Fahrschule zurückzubringen. Ich muss gestehen, dass ich jedes Mal heimlich ein Kreuz schlage, wenn die neunzig Minuten mit Rajesh unfallfrei zu Ende gehen. An manchen Tagen klappt es ja schon ganz gut, aber meistens vergeht keine Fahrstunde, ohne dass mein Adrenalinspiegel in gefährliche Höhen vorstößt. Oft liegt es an Rajesh, hin und wieder aber auch an anderen Verkehrsteilnehmern … Na gut, meistens liegt es an Rajesh.

Aber manchmal, da sind wirklich die anderen schuld. Wie zum Beispiel drei Tage später. Mein Fahrschüler und ich sind gerade in Ramersdorf in einem Wohngebiet unterwegs, es ist Samstag, die Sonne scheint, und niemand hat es eilig, da haut der Fahrer hinter uns auf die Hupe, dass ich mich vor Schreck fast an meinem Kaugummi verschlucke. Rajesh dagegen scheint sich pudelwohl zu fühlen und zuckelt einfach unbeirrt weiter. Vermutlich erinnert ihn der Lärm ja an seine Heimatstadt Mumbai.

Zugegeben – ich weiß, warum unserem Hintermann gleich die Hutschnur reißt. Rajesh gehört zu jenen Fahrschülern, die sich gerne mal zwei bis drei Stundenkilometer unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit fortbewegen, und auch jetzt fahren wir knapp achtundzwanzig Sachen – für ihn quasi an der Grenze zur Schallgeschwindigkeit.

Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel und beobachte unseren Hintermann beim Ausrasten: ein verzerrtes Gesicht, wild gestikulierende Arme und diverse Mittelfinger, die da eigentlich nicht zu sehen sein sollten. »Oje, schon wieder so ein Bluthochdruckkandidat«, murmele ich vor mich hin und denke mir nichts weiter dabei. »Da vorne dann rechts«, sage ich zu Rajesh.

Kurz bevor wir die Kreuzung erreichen, schaltet die Ampel auf Rot. Ich bin kurz abgelenkt, weil mein Handy eine neue SMS ankündigt, und als ich wieder hochblicke, steht unser cholerischer Verfolger neben uns an der Ampel. Auf der Gegenfahrbahn wohlgemerkt. Er hat das Seitenfenster heruntergelassen und legt einen 1-a-Tobsuchtsanfall hin. Momentan aber noch ohne Ton, denn wir haben das Fenster oben. Was drollig wirkt, irgendwie.

»Hören wir uns mal an, was er uns mitzuteilen hat«, sage ich zu Rajesh und lasse die Scheibe runterfahren.

»He, du Vollidiot, bist du zu blöd, um dem Typen hier das Autofahren beizubringen, oder was?«

Nur die Ruhe bewahren. »Wir können gerne die Plätze tauschen, wenn Sie meinen, es besser zu können.«

Er winkt ab und zeigt mir einen Vogel. Rajesh sitzt da wie vom Donner gerührt, lediglich sein Kopf dreht sich wie beim Tennis immer wieder von rechts nach links, von mir zu dem Schreihals und wieder zurück. Da kommt ein Rechtsabbieger aus der Querstraße und tritt voll auf die Bremse, da der Choleriker noch immer auf seiner Spur steht. Er hupt, was der andere erst mal erwidert, ehe er den Rückwärtsgang einlegt und Platz macht.

»Wie zu Hause«, sagt Rajesh sichtlich beeindruckt von dem Spektakel.

Dann springt die Ampel auf Grün, und wir fahren an. Das heißt, mein Fahrschüler versucht es, würgt aber prompt den Motor ab. Die lautstarke Reaktion aus dem Wagen hinter uns lässt nicht lange auf sich warten. Noch ehe Rajesh den Zündschlüssel im Schloss gedreht hat, versucht der andere an uns vorbeizuziehen, was jedoch abermals an einem entgegenkommenden Fahrzeug scheitert. In der Zwischenzeit zeigt die Ampel wieder Rot. Daraufhin verliert der Typ hinter uns komplett die Beherrschung und drückt erneut auf die Hupe. Diesmal, ohne sie wieder loszulassen. Vielleicht hat er ja auch einen Hirnschlag bekommen von der ganzen Kreischerei, und sein Kopf ist auf das Lenkrad gesunken. Soll alles schon vorgekommen sein.

Das sehe ich mir lieber mal selbst an. Ich steige aus und laufe auf den Wagen hinter uns zu.

»Du blödes Arschloch, du blödes! Dir haben sie doch ins Gehirn geschissen! Verpiss dich in dein Auto und mach dich vom Acker«, höre ich es durch die geschlossene Scheibe wüten.

Hm, wohl doch kein Hirnschlag. Immerhin hat er mittlerweile aufgehört zu hupen. Dennoch, auf diesen Niveaulimbo lasse ich mich nicht herab, solche Situationen regele ich lieber nonverbal. Ich zücke mein Handy und fotografiere das Nummernschild des Idioten, ehe ich wieder in das Fahrschulauto einsteige.

»Pass auf, Rajesh«, sage ich zu meinem Schüler. »Wenn die Ampel grün wird, würgst du den Motor noch mal ab, okay?«

»Oh yeeeeeeeees!«, ruft er begeistert und ist auf einmal ganz hibbelig. Das ist eine Aufgabe ganz nach seinem Geschmack.

Die Ampel schaltet um. Rajesh gibt Gas – und lässt den Motor absaufen. Er sieht stolz in meine Richtung. Schade, dass man mit dieser Einlage keine Fahrprüfer beeindrucken kann, ansonsten hätte er den Führerschein schon lange.

Unser Hintermann tut das, was ich von ihm erwartet habe. Das Hupkonzert ist Musik in meinen Ohren.

Rajesh startet den Motor erneut, fährt lehrbuchmäßig an, und kurz bevor die Ampel auf Rot umschaltet, biegen wir um die Ecke. An unserer Stoßstange klebt der Choleriker, der, kaum haben wir die Kreuzung hinter uns gelassen, mit Vollgas an uns vorbeizieht, nicht ohne uns ein letztes Mal den Vogel zu zeigen.

Eine rote Ampel überfahren, innerorts überholt und als Sahnehäubchen noch eine beleidigende Geste hinterhergeschickt … Das wird teuer, mein Freund, denke ich mir, denn ich hab einen Zeugen im Auto. Meine Laune steigt schlagartig mit den frühlingshaften Temperaturen draußen.

»Deutsche Autofahrer sehr viel wenig patience«, kommentiert Rajesh den Rowdy kopfschüttelnd. »In Indien much more Chaos, aber alles eeeeasy«, behauptet er mit patschuliverklärtem Gesichtsausdruck. Was er damit meint, davon bekomme ich nur wenige Tage später eine Kostprobe, auf die ich nur zu gern verzichtet hätte.

Wir sind auf der Tegernseer Landstraße in Richtung Norden unterwegs. Plötzlich fährt Rajesh so dicht auf den Beetle vor uns auf, dass mir angst und bange wird.

»He, willst du wissen, wann unser Vordermann zum TÜV muss, oder warum klebst du dem so am Heck?«, pfeife ich ihn sofort zurück. Im Eifer des Gefechts allerdings auf Deutsch.

Mein Tonfall ist aber wohl auch international verständlich. Rajesh schaut mich mit großen Augen an. »Tüffff? Was ist das?«, fragt er.

Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel. Damit hätte ich rechnen müssen. »Etwas, das es in Mumbai vermutlich nicht gibt«, antworte ich. »Fahr langsamer, slowly!«, entscheide ich mich nun doch für Klartext. Immerhin tut der wohlerzogene junge Mann, was man ihm sagt. Aber ich kann schlecht den Rest meines Lebens neben ihm auf dem Beifahrersitz verbringen und ihm ordnungsgemäßes Verhalten im Straßenverkehr vorbeten. Jedenfalls ist das der langfristige Plan.

Als wir an der Balanstraße rechts abbiegen, gerät er fast auf die Verkehrsinsel für die Fußgänger, weil er einen viel zu großen Bogen beschreibt. Zum x-ten Mal greife ich ihm ins Lenkrad. »Rajesh, du musst lenken, wenn wir in eine Kurve fahren! Der Wagen wird nicht automatisch gesteuert.«

»Okäääääääy.« Das sagt er so gut wie immer, wenn ich ihm eine Anweisung gebe, und lächelt dabei höflich. Was noch lange nicht heißt, dass er es beim nächsten Mal besser machen wird.

Normalerweise versuche ich, mit ihm weder frühmorgens noch am späten Nachmittag unterwegs zu sein, weil er im Berufsverkehr völlig überfordert ist, doch ab und zu lässt es sich nicht anders einrichten, und ich muss in den sauren Apfel beißen. So wie heute. Auf der Ständlerstraße ist ordentlich was los, dennoch fahren wir fast die erlaubten sechzig Stundenkilometer. Alles ist in Ordnung, ich bin entspannt. Keine drei Sekunden später ist genau das Gegenteil der Fall – dank Rajesh. Als wären wir in einer indischen Großstadt unterwegs und nicht in München, eröffnet er kurzentschlossen eine dritte Spur, indem er sich bei zügigem Tempo einfach zwischen die beiden Autos vor uns schiebt. Der Fahrer rechts von uns starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, der auf der linken Seite lenkt seinen Wagen vor Schreck fast in die Betonmauer.

Beherzt trete ich auf die Bremse und halte das Lenkrad fest. »Was tust du denn da?«, frage ich ihn etwas lauter und ungehaltener als üblich.

»Ooooooh«, erwidert mein Schüler nur, und dann kommt ein Satz, den ich in den letzten Monaten so oft gehört habe, dass mir die Ohren davon bluten. »In Mumbai noooooo problem.« Er grinst zufrieden. »Da alle so fahren. Andere Autos machen Plaaaaatz.«

Dank Rajesh bin ich inzwischen im Bilde, was die Verkehrslage und die Fahrgewohnheiten in der größten Stadt Indiens angehen. In der Metropole finden sich nicht nur Lkw, Pick-ups, Busse und Pkw auf den Straßen, sondern auch unzählige Mopeds, Rikschas, Fahrräder und sogar Fußgänger mit Kühen an der Leine – und das alles mitten auf dem Highway. Dort möchte ich ganz sicher kein Fahrlehrer sein. Nicht, wenn die Stadt dort voll mit Rajeshs ist, die auf die indische Straßenverkehrsordnung allesamt pfeifen, sofern es überhaupt eine gibt. Ich mag ihn gern leiden, den zuvorkommenden Inder, habe ihn in den letzten Monaten sogar ein bisschen ins Herz geschlossen, aber ganz ehrlich: Das wär nichts für mich.

Auf Indiens Straßen, das habe ich mittlerweile verstanden, gilt das Recht des Stärkeren. Alle fahren kreuz und quer durcheinander und quetschen sich irgendwie dazwischen. Fahrbahnmarkierungen gibt es so gut wie keine. Braucht man auch nicht – wozu hat man schließlich eine Hupe? Damit verschafft man sich Platz und Respekt. Auffahrunfälle sind an der Tagesordnung und werden als nicht weiter tragisch eingestuft, zumal sowieso kaum jemand ordentlich versichert ist und für den entstandenen Schaden aufkommen könnte. Ein Auto gilt erst dann als beschädigt, wenn man damit keinen Meter mehr fahren kann, hat Rajesh mir erst neulich verraten. Blechschäden sind weder ein Grund, die Polizei zu rufen, noch, sich aufzuregen oder gar Anzeige zu erstatten.

Kein Wunder, dass er nicht mitkommt, wenn ich ihm was von Verkehrsregeln erzähle. Egal, da muss er genauso durch wie ich durch seine hin und wieder akrobatischen Fahrmanöver. Ausgleichende Ungerechtigkeit nennt man so was, glaub ich.

Rajesh hat mir die Zustände in seiner Heimat mehrfach sehr anschaulich und lebendig geschildert und nicht selten dabei beide Hände vom Lenker genommen, um besser gestikulieren zu können. Trotzdem ist es mir reichlich egal, was die bei ihm zu Hause treiben, und das sage ich ihm auch genau so. »Wir sind nicht in Mumbai, sondern in München«, erkläre ich ihm mit Nachdruck. »Bayern. Germany. Deshalb halten wir uns auch an die deutschen Verkehrsregeln. Ist das klar?«

Er nickt, sichtlich beleidigt, dass ich seinen innovativen Vorstoß mit der dritten Spur nicht zu würdigen weiß. »Klar.«

Wir verlassen die Ständlerstraße und fahren in Richtung Perlach. Etwa dreihundert Meter nachdem wir in einem nicht ganz so großen Bogen wie sonst links abgebogen sind, umklammert Rajesh den Schalthebel immer noch, als könnte das Ding jeden Moment Reißaus nehmen. Dabei wäre mir deutlich wohler, wenn er beide Hände am Lenkrad hätte, wo sie auch hingehören.

Ich deute auf den Hebel. »Keine Angst, der läuft nicht weg. Du kannst ihn jetzt loslassen.«

Da grinst Rajesh nur und sagt: »You neeeeever know.«

Eines muss man dem Mann lassen: Humor hat er. Wenn er nur halb so viel Talent beim Autofahren an den Tag legen würde, wären wir der Prüfung schon einen Riesenschritt näher.

Er legt die Rechte zurück aufs Lenkrad. Obwohl er jetzt eigentlich beide Hände zum Lenken hat, driften wir bedenklich weit in Richtung Gegenfahrbahn ab.

»Rajesh! Der Lastwagen!«

Ein Lkw fährt auf uns zu. Der Fahrer hupt. Rajesh scheint aus seinem Halbschlaf zu erwachen und zieht das Steuer nach rechts. Der Wagen macht einen Schlenker, und wir kommen den parkenden Autos am Straßenrand bedenklich nahe. Ich greife ihm ins Lenkrad, um meinen Blutdruck nicht zu sehr in die Höhe zu treiben. Wenn das so weitergeht, muss ich heute noch zum Arzt.

»An der nächsten Kreuzung dann li…« Ich habe den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da wechselt mein Schüler auch schon die Spur, ohne in die Spiegel zu schauen, vom Blinker will ich gar nicht erst anfangen, und über eine durchgezogene Linie sind wir auch noch gefahren. Um ihn nicht komplett zu überfordern, weise ich ihn bloß auf einen der zahlreichen Fehler hin. »Das war eine durchgezogene Linie«, sage ich. »Und hier in München«, füge ich vorsorglich hinzu, nur für den Fall, dass er mir wieder mit Mumbai kommt, »fährt man da nicht drüber. Wenn uns die Polizei erwischt, wird das teuer.«

Mit großen Augen schaut er mich an – statt auf die Fahrbahn. Der Mann macht mich noch wahnsinnig!

»Polizei sollen Verbreeeeeecher fangen, nicht Rajesh. Rajesh kein Verbreeeeecher. Rajesh goooood guy.« Er grinst selbstgefällig.

Das ist zu viel des Guten. Nicht nur, dass der untalentierte Mr. Nanda mir schon zahlreiche graue Haare beschert hat, er scheint überhaupt keine Vorstellung davon zu haben, was seine Weigerung, sich zumindest in den entscheidenden Momenten an die Straßenverkehrsordnung zu halten, für ihn bedeutet. »Das kann schon sein, dass du ein netter Kerl bist. Aber so, wie du Auto fährst, bekommst du den Führerschein in zehn Jahren nicht! Wenn du jemals im Leben die Prüfung bestehen willst, dann reiß dich gefälligst zusammen!«

Mit jedem Wort bin ich lauter geworden. Jetzt erst mal tief durchatmen. Mein Geduldsfaden ist höchstens noch einen halben Millimeter dick, lange hält das Ding garantiert nicht mehr. Allerdings muss er das auch nicht, denn die Stunde neigt sich dem Ende zu. Ich denke darüber nach, statt eines Kaffees einen Schlaf- und Nerventee zu trinken. Aber so weit will ich dann doch nicht gehen …

Auf der Heinrich-Wieland-Straße, keine fünf Minuten vom rettenden Ziel entfernt, geraten wir in einen Stau. Mit jeder Grünphase schieben wir uns mühsam ein paar Meter vorwärts, was immerhin den Vorteil hat, dass Rajesh das Zusammenspiel von Gas und Kupplung trainieren kann. Beim zehnten Mal klappt es schon ganz gut (nur sechsmal abgewürgt!), und ich will ihn gerade loben, da wartet schon die nächste Überraschung auf mich – und wie zu befürchten steht, keine angenehme.

Als die Ampel gelb wird, schiebt sich der Wagen vor uns gerade noch so über die Kreuzung, und Rajesh scheint sich zu denken: Was der kann, das können wir schon lange! Er gibt Gas, und wir fahren hinterher, obwohl die Ampel längst Rot zeigt, und da der Verkehr vor uns stockt, bleiben wir mitten auf der Kreuzung stehen. Die junge Frau im Kombi neben uns scheint mit dem indischen Fahrstil vertraut zu sein, denn sie tut es uns gleich. Damit ist die Kreuzung vollends blockiert.

»Was um Himmels willen veranstaltest du da?«, frage ich Rajesh und hebe entschuldigend die Hand, als von rechts ein Fahrradfahrer angeprescht kommt, der nun wutschnaubend um uns herumkurvt. Inzwischen hat der Querverkehr Grün, und das Chaos ist perfekt. Mehrere Fahrer hupen ungeduldig, rings um uns herum wird gestikuliert und gewettert.

»Fäntääääästic!«, freut sich mein Fahrschüler. »Wie zu Hause.« Er strahlt übers ganze Gesicht und beobachtet den von ihm verursachten Verkehrsknoten.

»Rajesh«, rede ich ihm ins Gewissen, wobei ich versuche, meiner Stimme einen ruhigen Tonfall zu geben, »ich kann verstehen, dass du Heimweh hast. Aber über eine rote Ampel zu fahren, ist ein schwerer Verkehrsverstoß und wird hier nicht als kulturelles Souvenir an die Heimat anerkannt.«

»Sigiiiiii, es ist eine große Spaß!«

Der Kerl hat vielleicht Nerven! »Eine rote Ampel ist keine unverbindliche Empfehlung für den Autofahrer, genauso wenig wie ein Überholverbot oder jedes andere Verkehrsschild. Die stehen da nicht zur Zierde rum oder weil sie so schön leuchten, sondern damit man sie beachtet!«, rede ich mich nun doch in Rage. »In Mumbai kannst du meinetwegen fahren, wie du willst, aber hier geht das nicht.«

Mein Fahrschüler sieht nicht aus, als hätte er den Inhalt meines Vortrags wirklich verstanden.

»Rot heißt Halt«, versuche ich es noch mal in der Kurzform. »Und zwar immer! Kapiert?«

»Okääääy, okääääy«, willigt er schließlich ein, doch ich verwette mein Jahresgehalt, dass er diese Regel bis zur nächsten Fahrstunde wieder vergessen hat.

Als er kurz darauf zum siebten Mal an diesem Tag die Spur wechselt, ohne zu blinken, wiederhole ich die Nummer mit dem rudernden Arm. Zu meinem grenzenlosen Erstaunen lässt Rajesh sich nicht anmerken, ob er weiß, was jetzt kommt. Brav öffnet er das Fenster, streckt den linken Arm raus und bewegt ihn wie geheißen auf und ab. Um ihm einen Denkzettel zu verpassen, beende ich die Aktion diesmal nicht, indem ich ihn das Fenster wieder schließen lasse, sondern warte einfach ab, was passiert.

Keine gute Idee. Denn wenn er nicht gestorben ist, dann rudert er heute noch.

Tipp! Theoretische Prüfung

Unter www.fuehrerscheintestonline.de kann man sich auf die theoretische Prüfung vorbereiten – interessant auch für all jene, die den Führerschein schon länger in der Tasche haben. Na, hättet ihr noch bestanden?