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Max Frisch

Mein Name sei Gantenbein

Roman

Suhrkamp

Umschlagfoto: Josef Sudek. Rothmayers Garten (Ausschnitt). 1959.

© Anna Fárová, Prag

 

 

suhrkamp eBook Berlin 2011

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1964

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

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durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

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Umschlag: Göllner, Michels, Zegarzewski

 

eISBN 978-3-518-74990-6

www.suhrkamp.de

Die dabei gewesen sind, die letzten, die ihn noch gesprochen haben, Bekannte durch Zufall, sagen, daß er an dem Abend nicht anders war als sonst, munter, nicht übermütig. Man speiste reizvoll, aber nicht üppig; geredet wurde viel, Palaver mit Niveau, wobei er wenigstens zu Anfang, scheint es, nicht stiller war als die andern. Jemand will sich gewundert haben über seinen müden Blick, wenn er zuhörte; dann wieder beteiligte er sich, um vorhanden zu sein, witzig, also nicht anders als man ihn kannte. Später ging die ganze Gruppe noch in eine Bar, wo man vorerst in Mänteln stand, später sich zu andern setzte, die ihn nicht kannten; vielleicht wurde er deswegen still. Er bestellte nur noch Kaffee. Als er später aus der Toilette zurückkam, sagen sie, war er bleich, aber eigentlich bemerkte man es erst, als er, ohne sich nochmals zu setzen, um Entschuldigung bat, er möchte nach Haus, fühle sich plötzlich nicht besonders. Er machte es kurz, ohne Handschlag, leichthin, um ihr Gespräch nicht zu unterbrechen. Jemand sagte noch: So warte doch, wir werden hier auch nicht alt! Er war aber, sagen sie, nicht zu halten, und als die Garderobiere endlich seinen Mantel brachte, zog er diesen nicht an, sondern nahm ihn nur auf den Arm, als habe er Eile. Alle sagen, er habe nicht viel getrunken, und sie waren nicht sicher, ob er sich wirklich unwohl fühlte, ob das nicht ein Vorwand war; er lächelte. Vielleicht hatte er noch eine andere Verabredung. Die Damen foppten ihn schmeichelhaft; er schien auf die Verdächtigung einzugehen, aber ohne noch ein Wort zu sagen. Man mußte ihn gehen lassen. Es war noch nicht einmal Mitternacht. Als man dann seine vergessene Pfeife auf dem Tisch bemerkte, war es zu spät, um ihm nachzulaufen … Der Tod muß eingetreten sein, kurz nachdem er sich in seinen Wagen gesetzt hatte; das Standlicht war eingeschaltet, ebenso der Motor, der Winker blinkte und blinkte, als wollte er jeden Augenblick in die Straße ausfahren. Er saß aufrecht, Kopf nach hinten, beide Hände am aufgerissenen Kragen, als ein Polizist kam, um nachzusehen, warum der Wagen mit dem laufenden Motor nicht ausfuhr. Es muß ein kurzer Tod gewesen, und die nicht dabei gewesen sind, sagen, ein leichter Tod – ich kann es mir nicht vorstellen – ein Tod wie gewünscht …

Ich stelle mir vor:

So könnte das Ende von Enderlin sein.

Oder von Gantenbein?

Eher von Enderlin.

Ja, sage ich auch, ich habe ihn gekannt. Was heißt das! Ich habe ihn mir vorgestellt, und jetzt wirft er mir meine Vorstellungen zurück wie Plunder; er braucht keine Geschichten mehr wie Kleider.

 

Ich sitze in einer Bar, Nachmittag, daher allein mit dem Barmann, der mir sein Leben erzählt. Warum eigentlich? Er tut's, und ich höre zu, während ich trinke oder rauche; ich warte auf jemand, ich lese eine Zeitung. So war das! sagt er, während er die Gläser spült. Eine wahre Geschichte also. Ich glaub's! sage ich. Er trocknet die gespülten Gläser. Ja, sagt er nochmals, so war das! Ich trinke – ich denke: Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung …

 

Er war ein Mann meines Alters, ich folgte ihm von dem Augenblick an, als er seinen Wagen, einen Citroën, glaube ich, verlassen, die Wagentüre zugeschlagen und den Schlüsselbund in seine Hosentasche gesteckt hatte. Die Gestalt kam in Frage. Eigentlich hatte ich vor, ein Museum zu besuchen, da mein beruflicher Kram erledigt war und da ich in dieser Stadt niemand kannte, und es war ein Zufall, daß er mir aufgefallen war, ich weiß nicht wieso, eine Bewegung des Kopfes, als jucke es ihn: er steckte sich eine Zigarette an. Ich sah es in dem Augenblick, als ich mir selbst eine Zigarette anstecken wollte; ich unterließ es. Ich folgte ihm, noch ohne sein Gesicht gesehen zu haben, rechtskehrt, indem ich meine Zigarette wegwarf, ohne Zögern und ohne Hast. Das war in der Gegend der Sorbonne, vormittags. Als habe er etwas gespürt, war er nochmals zu seinem Wagen zurückgekehrt, um zu prüfen, ob er die Wagentüren wirklich geschlossen hatte, suchte den Schlüsselbund in der falschen Tasche. Unterdessen tat ich, als betrachtete ich ein Plakat, und steckte mir dabei, um mich von ihm zu unterscheiden, eine Pfeife an. Ich fürchtete schon, er werde sich in den Wagen setzen und losfahren, während ich das Plakat zu lesen vorgab, Spielplan des TNP. Dann aber, ich hörte das Zuschlagen der Wagentüre und drehte mich um, ging er zu Fuß, so daß ich ihm folgen konnte. Ich beobachtete seinen Gang, seine Kleidung, seine Bewegung. Auffallend war nur die Art, wie er mit seinen Armen ruderte. Offensichtlich hatte er Eile. Ich folgte ihm von Block zu Block, Richtung zur Seine, und sei es auch nur, weil ich in dieser Stadt gerade nichts andres zu tun hatte. Er trug jetzt eine Ledermappe, nachdem er, wie ich mich erinnerte, seinen Wagen zuerst ohne eine Ledermappe verlassen hatte. Von Leuten zur Seite gedrängt, die mir auf dem Fußgängerstreifen entgegenfluteten, verlor ich ihn aus dem Blick und wollte schon wieder aufgeben; andere Leute drängten mich aber weiter, alle wollten noch vor dem Rotlicht über die Straße. Ohne zu wollen, ging ich weiter. Ich weiß genau, daß nichts dabei herauskommt; früher oder später wird jeder, den ich ins Auge fasse, in einer Türe verschwinden oder er winkt plötzlich einem Taxi, und bis ich ebenfalls ein freies Taxi erwischt habe, ist es jedesmal zu spät, dann kann ich mich nur noch ins Hotel zurückfahren lassen, um mich in Kleidern und Schuhen aufs Bett zu legen, erschöpft von meinen sinnlosen Gängen … Es ist ein Tick von mir! … Kaum hatte ich also aufgegeben, eigentlich froh, daß ich die Verfolgung nicht fortzusetzen brauchte, erkannte ich ihn wieder und zwar an der Art, wie er mit seinen Armen ruderte. Obschon es Vormittag war, trug er einen dunklen Abendanzug, als käme er aus der Oper. Vielleicht war es dies, was mich mit dem Unbekannten verknüpfte, Erinnerung an einen Vormittag im dunklen Abendanzug, als ich von einer Frau kam. Er spürte meine Verfolgung noch nicht oder nicht mehr. Übrigens war er hutlos wie ich. Obschon in Eile, kam er nicht rascher voran als ich, der ich nicht durch gleiche Eile auffallen durfte, sondern zu gehen hatte wie alle andern; so gewann er von Block zu Block einen kleinen Vorsprung, zumal ich die zwecklose Verfolgung aufzugeben bereit war, dann aber vor dem Stoplicht kamen wir jedesmal wieder ins selbe Rudel. Sein Gesicht hatte ich noch immer nicht gesehen; kaum war ich einmal, eine Lücke im Gedränge nutzend, auf gleicher Höhe mit ihm, blickte er nach der andern Seite. Einmal blieb er vor einem Schaufenster stehen, so daß ich es in der Spiegelung sehen konnte, sein Gesicht, aber ich redete ihn nicht an; sein Gesicht kam nicht in Frage – ich ging in die nächstbeste Bar, um endlich zu frühstücken … Der nächste, den ich ins Auge faßte, hatte eine Haut, wie nur Amerikaner sie haben, Milch mit Sommersprossen, Seifenhaut. Ich folgte ihm trotzdem. Ich schätzte ihn, von hinten, auf fünfunddreißig Jahre; ein schönes Alter. Ich hatte eben meinen Rückflug gebucht und war eigentlich im Begriff, die verbleibenden Stunden vielleicht im Central Park zu verbummeln. Sorry! sagte er, da er mich gestoßen hatte, und ich drehte mich um, sah ihn aber nur noch von hinten. Er trug einen schiefergrauen Mantel, ich war gespannt, wohin der mich führen würde. Manchmal schien er es selbst nicht zu wissen, zögerte und schien in diesem Manhattan auch etwas verloren. Je länger wir gingen, um so sympathischer wurde er mir. Ich überlegte: wovon er lebt, was er arbeitet, wie er wohnt, was er in seinem Leben schon erfahren hat, was nicht, und wie er denkt, während er so geht unter Millionen von andern Leuten, und wofür er sich hält. Ich sah seinen blonden Kopf über dem schiefergrauen Mantel, und wir hatten eben die 34. Straße überquert, als er plötzlich stehenblieb, um sich eine Zigarette anzustecken; ich merkte es zu spät, so daß ich, versehentlich, bereits an ihm vorbeigegangen war, als er die ersten Züge rauchte; sonst hätte ich die Gelegenheit vielleicht genutzt, höflich mein Feuerzeug anzubieten, um mit ihm in ein Gespräch zu kommen. Als ich mich umdrehte, hatte er keine Haare mehr auf dem Kopf, und natürlich sagte ich mir sofort, daß es nicht derselbe Mann sein könnte, ich mußte ihn im Gedränge verloren und verwechselt haben, schiefergraue Mäntel gibt es viele. Trotzdem erschrak ich, als er plötzlich ein Mann von fünfzig Jahren war. Darauf war ich nicht gefaßt gewesen. Can I help you? fragte er, und da mir nicht zu helfen war, ging er seines Weges weiter mit einem Räuchlein über der Schulter. Es war ein blauer Tag, sonnig, aber im Schatten bitterkalt, windig; die besonnten Hochhäuser spiegelten sich in gläsernen Schattenwänden, und man konnte nicht stehenbleiben in der Kälte dieser Schluchten. Warum soll er nicht ein Mann von fünfzig Jahren sein? Sein Gesicht kam in Frage. Warum nicht ein Gesicht mit Glatze? Gern hätte ich ihn nochmals von vorne gesehen, aber dazu kam es nicht mehr; zwar ging er gelassener als der Jüngere zuvor, verschwand aber plötzlich in ein Haustor, und obschon ich folgte – ich zögerte kaum zwei oder drei Sekunden – sah ich nur noch, wie er gerade in einen Lift trat, dessen bronzene Türen, von einem Neger in Uniform bedient, langsam sich schlossen (wie im Krematorium), unaufhaltsam; zwar nahm ich sofort, nachdem auch ich meine Zigarette in den landesüblichen Eimer voll Sand gesteckt hatte, den nächsten Nebenlift, stand im Gepferch wie alle andern, die, kaum eingetreten, die Nummer eines Stockwerks nannten und ausstiegen, wenn ihre Nummer ausgerufen wurde; ich stand und sah die flinken Nummern aufleuchten, schließlich allein mit dem Neger und achselzuckend, als dieser mich fragte, wohin ich denn wolle; das Gebäude hatte 47 Stockwerke …

 

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stellte ich mir vor, ein andrer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung …

(Der Barmann ist es nicht.)

 

Das Morgengrauen vor dem offenen Fenster kurz nach sechs Uhr erschien wie eine Felswand, grau und rißlos, Granit: – aus diesem Granit stößt wie ein Schrei, jedoch lautlos, plötzlich ein Pferdekopf mit weitaufgerissenen Augen, Schaum im Gebiß, aufwiehernd, aber lautlos, ein Lebewesen, es hat aus dem Granit herauszuspringen versucht, was im ersten Anlauf nicht gelungen ist und nie, ich seh's, nie gelingen wird, nur der Kopf mit fliegender Mähne ist aus dem Granit heraus, wild, ein Kopf voll Todesangst, der Leib bleibt drin, hoffnungslos, die weißen Augen, irr, blicken mich an, Gnade suchend –

Ich machte Licht.

Ich lag wach.

Ich sah:

– unversehens erstarrt, eine Mähne aus roter Terrakotta, leblos, Terrakotta oder Holz mit einem kreideweißen Gebiß und mit glanzschwarzen Nüstern, alles kunstvoll bemalt, lautlos zieht sich der Pferdekopf langsam in den Fels zurück, der sich lautlos schließt, rißlos wie das Morgengrauen vor dem Fenster, grau, Granit wie am Gotthard; im Tal, tiefunten, eine ferne Straße, Kurven voll bunter Autos, die alle nach Jerusalem rollen (ich weiß nicht, woher ich das weiß!), eine Kolonne von bunten kleinen Autos, spielzeughaft.

Ich klingelte.

Draußen regnete es.

Ich lag mit offenen Augen.

Als die Krankenschwester endlich kam und fragte, was denn los sei, bat ich um ein Bad, was aber, ohne Erlaubnis des Arztes, um diese Stunde nicht möglich war; statt dessen gab sie einen Saft und mahnte zur Vernunft; ich solle schlafen, sagte sie, um morgen einen schönen Befund zu haben, so daß ich am Samstag entlassen werden könne, und löschte das Licht …

Ich stelle mir vor:

Als die junge Nachtschwester endlich kommt, eine Lettin (Elke hieß sie), findet sie ein leeres Bett; der Kranke hat sich selbst ein Bad einlaufen lassen. Er hat geschwitzt, und da er ja baden will, steht er nackt in Wolken von Wasserdampf, als er ihre Vorwürfe hört, noch ohne sie zu sehen, Elke, die sich entsetzt und behauptet, er wisse nicht, was er tue. Erst nachdem sie das Fenster geschlossen hat und als das graue Gedampf, das auch den Spiegel beschlagen hat, allmählich schwindet, wird sich der Kranke plötzlich seiner Nacktheit bewußt; er lächelt. Er solle ins Bett gehen, sagt sie, solle sofort den Wasserhahn abstellen, und da er's nicht tut, will sie es tun; aber da steht der Nackte ihr im Weg, und da er im Augenblick nichts andres zur Hand hat, um sich vor dem jungen Mädchen zu bedecken, hilft er sich mit einem Scherz: Ich bin Adam! Sie findet's nicht zum Lachen. Er weiß nicht, warum er lacht. Warum er denn baden wolle um diese Zeit, fragt sie fachlich, dazu ohne Erlaubnis des Arztes? Und dann nimmt sie flink ein Frottiertuch aus dem Schrank, um dem Unsinn ein Ende zu machen; sie hält es ihm hin, damit er sich nicht erkälte, wortlos, während er sie ansieht, als sehe er Elke zum ersten Mal. Ein Mädchen mit wassergrauen oder grünlichen Augen. Er faßt sie an beiden Schultern. Ein Mädchen mit falbem Haar und großen Zähnen. Was soll das denn! sagt sie, während er, seine beiden Hände an ihren beiden Achseln, sich selbst sagen hört: Ich bin Adam und Du bist Eva! Noch tönt es wie ein Scherz; sie wagt nicht zu rufen im nächtlichen Krankenhaus und drückt bloß auf eine Klingel, während sie mit der andern Hand gegen den Verrückten boxt, plötzlich doch voll Furcht, seit er ihr das Häubchen, das blaue mit dem roten Kreuz, behutsam vom Kopf genommen hat. Ihr Gesicht kennt er seit Wochen, aber neu ist ihr Haar, ihr falbes, jetzt loses und aufbrodelndes Haar. Er will Elke nicht wehtun, nur sagen: Ich bin Adam und Du bist Eva! wobei er ihr Haar hält, so daß sie den Kopf nicht mehr rühren kann. Hörst Du mich? fragt er. Und sie brauchte nur zu lächeln, Eva als Nachtschwester, eine studentische Ostseebäuerin mit grünen Augen und mit einem Pferdegebiß; nur zu lächeln, um den Scherz wiederherzustellen. Aber sie starrt ihn an. Er scheint nicht zu wissen, daß er nackt ist. Sie boxt nicht mehr, er spürt es ja nicht einmal; sie wehrt sich nur dafür, daß sie das blaue Häubchen wiederbekomme, aber vergeblich, obschon inzwischen ein Nachtarzt erschienen ist im Korridor. Er wiederholt es – natürlich versteht der Nachtarzt überhaupt nicht, was los ist – wie ein Sprachlehrer, der durch Wiederholung etwas einpauken will: Ich bin Adam und Du bist Eva, ich bin Adam und Du bist Eva! während Elke, hilflos wie vor einem Betrunkenen, nicht ihn anschreit, sondern den Nachtarzt: warum er dort stehe und ihr nicht helfe. Dabei geschieht ihr ja nichts. Der Nachtarzt, seine beiden Hände in den weißen Mantel gesteckt, rührt sich nicht, grinsend, unsicher, ob das Ungehörige nicht auf seiner Seite liege, ein Voyeur, wenn auch unfreiwillig. Was sollte er tun? Erst als der Nackte bemerkt, daß sie, obschon Adam und Eva, nicht allein in diesem Korridor sind, und als er auf den Nachtarzt zutritt, verliert sich sein Grinsen; aber auch jetzt nimmt er die Hände nicht aus den Taschen seines weißen Mäntelchens. Wer sind Sie? fragt der Nackte, als hätte es diesen Nachtarzt noch nie gegeben. Die Hände in den Taschen seines weißen Mäntelchens, das ihn von dem Nackten unterscheidet, tut er, was schlimmer ist als Grinsen: er spricht den Nackten mit seinem Namen an. Freundlich. Aber von diesem Augenblick an ist's aus. Rettungslos. Elke, entlassen aus seiner Bedrohung, büschelt ihr Haar. Sie sind der Teufel! sagt er, bis der Nachtarzt endlich seine Hände aus dem weißen Mäntelchen zieht, um sich am Treppengeländer zu halten, um zu weichen Schritt hinter Schritt. Sie sind der Teufel! sagt der Nackte, ohne zu schreien, jedoch entschieden, sowie der Weiße wieder stehenbleiben und sich äußern will: Sie sind der Teufel, Sie sind der Teufel! während Elke, jetzt wieder mit dem blöden Häubchen auf ihrem falben Haar, zu beschwichtigen versucht, aber vergeblich. Er denkt nicht daran, der Nackte, in sein Zimmer zurückzugehen. Er will in den Lift, der aber nicht auf diesem Stockwerk ist, und da er nicht lang warten kann, läuft er die Treppe hinunter – vorbei am Nachtarzt – so plötzlich, daß der Nachtarzt und Elke einander bloß anblicken können … Zwei Minuten später geht er, offenbar auch vom verdutzten Pförtner nicht aufgehalten, tatsächlich auf der Straße, die er seit Wochen nicht mehr betreten hat, vorbei an Leuten unter glänzenden Regenschirmen, die gerade auf die Straßenbahn warten, ihren Augen nicht trauen: ein Mann splitternackt, der schräg über die Straße geht, ohne auf Verkehrszeichen zu achten, Richtung zur Universität. Mitten auf der Straße, im Stehen, richtet er seine Armbanduhr, das einzige, was er auf sich trägt; ein Radfahrer, ein pfeifender Bäckerjunge, muß seinetwegen stoppen, rutscht auf dem nassen Pflaster und fällt, was den Nackten erschreckt, so daß er plötzlich zu laufen beginnt, obschon niemand ihn verfolgt. Im Gegenteil, die Leute weichen zur Seite, bleiben stehen, schauen ihm nur nach. Dennoch fühlt er sich verfolgt. Schon bei der Universität muß er verschnaufen; vornübergebeugt, Hände auf die bleichen Knie gestützt, dann wieder aufrecht, indem er die Arme seitwärts hebt und senkt und hebt wie im Turnunterricht, lang ist's her, keucht er. Zum Glück regnet es. Er weiß nicht, warum das ein Glück ist, empfindet es aber. Er weiß, daß er nicht Adam ist, weiß, wo er sich befindet: in Zürich, keineswegs außer sich, aber nackt, so daß er neuerdings laufen muß, die Ellbogen so locker wie möglich. Er weiß nicht, wieso er nackt ist; wie es dazu gekommen ist. Einmal versichert er sich, ohne dafür stehenzubleiben, seiner Brille, und daß er nackt ist, merkt er nur am Gependel seines Glieds. Also weiter, die Ellbogen so locker wie möglich. Wäre er nicht nackt, er würde zusammenbrechen vor Erschöpfung. Also weiter. Um Kräfte zu schonen, trabt er abwärts, obschon er lieber in die Wälder möchte, also stadtwärts. Einmal eine Umleitung, Stop­licht, eine Kolonne von Wagen, die nicht nach Jerusalem wollen, und Gesichter hinter pendelnden Scheibenwischern, während der Splitternackte, schirmlos, sich durchzwängt zwischen glänzendem Blech: er kann nicht warten, man ist nackter, wenn man nicht läuft. Also weiter, vorbei an dem Verkehrspolizisten, der, als traue er seinen Augen nicht, mit gestrecktem Arm auf seiner Kanzel bleibt. Wie ein Tier findet er, was ihm günstig ist, einmal eine Baustelle, zutritt nur für berechtigte, hier verschnauft er hinter einem Bretterverschlag, hält es aber nicht lange aus, ohne zu laufen und zu laufen. Wohin? Einmal ein öffentlicher Park, wo um diese frühe Stunde kein Mensch ist, zumal es regnet; er könnte sich hier auf eine nasse Bank setzen, unbehelligt, so leer sind alle Bänke um diese Zeit; behelligt allein von seiner Nacktheit, die nicht geträumt ist, o nein, die er sieht, sobald er nicht läuft. Es gibt kein Erwachen wie aus einem Traum. Er ist nackt, bleich mit schwarzem Schamhaar und Glied, Brille, Armbanduhr. Erschöpft und keuchend, aber eine Weile lang selig, Erde zwischen den Zehen, Gras zwischen den Zehen, langsamer, ohne jedoch stehenzubleiben, vor Atemnot zuckend wie ein Gepeitschter, langsam und immer langsamer, selig wie ein Schlittschuhläufer, die Hände in die Hüften gestützt, wie ein Schlittschuhläufer in gelassenen Schleifen läuft er über den öffentlichen Rasen, einmal links und einmal rechts um die nächste Platane herum; dabei muß er lachen: Ich bin Adam und du bist Eva! Nur heißt das nichts mehr, so daß er weiterläuft und wieder über die Straße, die Ellbogen so locker wie möglich, bis er die Polizei sieht, sie kommt nicht von hinten, sondern von vorn, zwei Motorräder, und da er lächelt, meinen sie, er ergebe sich, stellen ihre schwarzen Vehikel an den nächsten Straßenrand, schnappen das Gestell aus, ziehen die Vehikel rückwärts, um sie aufzubocken, bevor sie ihm entgegenschreiten, zwei Männer in schwarzen Lederjacken und Stiefeln und Helmen, ausgerüstet wie Tiefseetaucher, schwerfällig, und bis sie wieder auf ihren schwarzen Motorrädern hocken, bis sie die Motoren angetreten haben, bis sie, einen Stiefel aufs Pflaster gestemmt, ihre Motorräder gedreht haben, hat er bereits die Treppe erreicht, die mit Motorrädern nicht zu nehmen ist. Es ist nur noch sein Körper, der jetzt läuft. Eine Haustüre mit Messing, die er kennt, ist verschlossen. Jetzt wieder mitten auf der Fahrbahn, als wolle er's ihnen leichter machen, läuft er, trabt er, bis die schwarzen Motorräder auf Umwegen wieder da sind, eins links, eins rechts, ein Geleit, das ihn belustigt. Ihre Zurufe, er solle stehenbleiben; sie scheinen zu vergessen, daß er splitternackt ist …

Ich erinnere mich:

Das Weitere hat mir einer erzählt, dem es wirklich zugestoßen ist … Man war freundlich zu ihm, sagte er, verständnisvoll. Er saß auf der Bühne schlotternd in den Kulissen des Vorabends. Der Vorhang war offen, das Parkett aber leer, finster mit Sessellehnen glänzend in einem schwachen Tagesschein, der über der Galerie einfiel, das Orchester ebenfalls leer. Arbeitslicht. Aber es wurde noch nicht geprobt; erst die Bühnenarbeiter waren da. Der Polizist mit seinen schwarzen Stiefeln und mit seinem Kugelhelm verschüchtert, da er sich zum ersten Mal in seinem Leben auf einer Bühne befand, wagte sich nicht zu setzen, obschon an Sesseln, hingestellt wie in einem Krönungssaal, jedoch lumpig anzusehen, wenn die Beleuchtung ausfiel, kein Mangel war; er staunte in die Soffitten hinauf. Als sich Türen öffneten im Zuschauerraum, es waren die Putzfrauen, schickte er sie hinaus; im übrigen hatte er nichts zu tun. Auf und nieder zu gehen, um die Wartezeit zu verkürzen, scheute er sich. Ebenso scheute er sich vor einem Dialog mit dem nackten Mann, obschon niemand im Zuschauerraum war, wie gesagt, nicht einmal die Putzfrauen; er blätterte in einem dienstlichen Notizblock, Rücken gegen das Parkett, das ihn offensichtlich beunruhigte. Ein Bühnenarbeiter brachte endlich dem Nackten, da er schlotterte, irgendein Kostüm, das nach Kampfer roch, eine Art von Mantel, wollte wissen, was los sei, aber der Polizist, die Daumen im Gurt, verwies ihn mit stummer Miene. Der Nackte bedankte sich, und es tönte höflich-alltäglich. Der Mantel war himmelblau mit gol­de­nen Quasten, ein Königsmantel, Futter aus billigem Rupfen. Seine Füße schmerz­ten, sie waren durch Teer gelaufen, Teer mit feinem Kies. Später erschien ein Herr in Zivil, der wider Erwarten nicht nach Personalien fragte; er schien unterrichtet zu sein. Und alles verlief wie alltäglich. Im Wagen – es war kein Krankenwagen, aber der Fahrer trug eine Mütze mit dem Wappen der Stadt – sprach man übers Wetter, Föhnzusammenbruch; vorne im Wagen: der Fahrer mit der Mütze und der Tiefseetaucher, der seinen Helm aufs Knie genommen hatte, jetzt ein unwahrscheinlich kleiner Kopf, beide stumm; hinten im Wagen: der Inspektor (so hatte der Fahrer ihn angesprochen) und der im Königsmantel mit goldenen Quasten, aber barfuß. Warum er gerade in die Oper gelaufen sei, fragte der Inspektor leichthin, unterbrach sich aber selbst, indem er Zigaretten anbot. Der im Königsmantel schüttelte den Kopf. Man fuhr nicht zum Kantonsspital, sondern Richtung Balgrist, ohne natürlich das Fahrziel zu erwähnen; spätestens am Kreuzplatz war es klar, daß man ihn als Geisteskranken behandelte. Bei der Burgwies, nach schweigsamer Fahrt seit dem Kreuzplatz, erkundigte er sich sachlich, ob seine Post heute noch umgeleitet werde; er wiederholte dieselbe Frage, als er in dem Vorzimmer saß, gegenüber einem jungen Assistenten, der über den himmelblauen Mantel mit goldenen Quasten nicht verwundert zu sein sich bemühte. Seine Kleider würden jeden Augenblick eintreffen, hieß es. Wieder diese Freundlichkeit, die so weit ging, daß man seinen Namen auszusprechen vermied. Der Professor war noch nicht im Haus. Um Konversation zu machen, sagte er, derartiges sei ihm noch nie zugestoßen, und man glaubte es ihm, soweit der Assistent (auch wie­der mit den Händen in den Taschen seines weißen Mantels) vor dem Eintreffen des Professors selber zu glauben befugt war. Er habe einen Schrei ausstoßen wollen, sagte er; dabei saß er vollkommen ruhig, vernünftig, höflich-alltäglich. Als er seine Hände wusch, die von Teer und Blut verschmiert waren, und als er seine Hände trocknete, sah er sich im Spiegel; er erschrak über das Kostüm, es fehlte nur noch eine Krone. Seine eignen Kleider, hieß es nochmals, sollten jeden Augenblick eintreffen. Dann sagte er nochmals, er habe einen Schrei ausstoßen wollen. Man nahm es zur Kenntnis. Einen Schrei? Er nickte, ja, mit der Dringlichkeit eines Stummen, der sich verstanden wähnt. Wieso einen Schrei? Das wußte er nicht.

 

Es ist wie ein Sturz durch den Spiegel, mehr weiß einer nicht, wenn er wieder erwacht, ein Sturz wie durch alle Spiegel, und nachher, kurz darauf, setzt die Welt sich wieder zusammen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.

 

Ich sitze in einer Wohnung: – meiner Wohnung … Lang kann's nicht her sein, seit hier gelebt worden ist; ich sehe Reste von Burgunder in einer Flasche, Inselchen von Schimmel auf dem samtroten Wein, ferner Reste von Brot, aber ziegelhart. Im Eisschrank (ich habe nachgesehen, ohne Hunger zu haben) krümmt sich Schinken, in Kälte verdorrt und beinahe schwarz, auch etwas Käse ist noch da, rissig wie Baumrinde, grünlich, und ein Glas mit Rahm, der aber nicht mehr fließt, und in einer Schüssel schwimmt noch ein trüber Rest von Kompott, Aprikosen-Schlamm. Ferner eine Dose mit Gänsleber. Wegzehrung für eine Mumie? Ich weiß nicht, warum ich es nicht in den Kehrichteimer geworfen habe … Ich hocke in Mantel und Mütze, weil es draußen regnet. Ich hocke auf der Lehne eines Polstersessels und spiele mit einem Korkenzieher. Korkenzieher bleibt Korkenzieher, Standard, Hausgerät im Stil der Epoche. Ich sehe: jemand hat unsere Teppiche gerollt, mit Kampfer eingesegnet und gerollt, Schnur drum, die Fensterläden geschlossen gegen Regen und Sonne und Wind, gegen Sommer und Winter; ich öffne sie nicht. Alle Polstermöbel sind mit weißen Tüchern bedeckt. Komisch anzusehen: als spielten sie Feme. Oder wie eine Totenfeier in einem Land mit fremden Bräuchen. Auch die Aschenbecher sind geleert, sehe ich, nicht bloß geleert, sondern sogar gewaschen; alle Blumenvasen geleert und gewaschen, damit es nicht nach Fäulnis stin­ke … Ich hocke noch immer in Mantel und Mütze, Hände in den Hosentaschen. Es riecht nach Staub und Bodenwichse. Von den Personen, die hier dereinst gelebt haben, steht fest: eine männlich, eine weiblich. Ich sehe Blusen im Schrank, etwas Damenwäsche, die nicht mehr in den Koffer paßte oder nicht mehr Mode ist, Krawatten auf der andern Seite, drei lahme Jacken für den Herrn im Winter, zwei für den Sommer, und unten stehen die Schuhe, gereiht wie zum Appell, teils mit Leisten drin. Warum sind leere Schuhe so entsetzlich? Ich nehme einen Damenschuh, bunt und blumenleicht, ja, ich rieche dran. Es riecht nach Leder, nichts weiter. Ich halte den Atem an, erschreckt wie ein Einbrecher, und horche. Wer soll schon kommen! Immerhin könnte es ja klingeln, ein Hausierer vielleicht, der nicht wissen kann, daß hier nicht mehr gewohnt wird. Ich horche, einen Schuh in der Hand; ich möchte nicht zu Haus sein. Abgesehen von einem Wasserhahn in der Küche, der immer schon getropft hat, ist es still. Wie in Pompeji. Auch das Telefon schweigt. Ich sehe: sie hat den Stecker herausgezogen. Leider habe ich keine Streichhölzer. Wie still es ist, wenn man nicht raucht! Draußen die Straßenbahn, dazwischen Hupen, aber hier hinter geschlossenen Fensterläden, wo ich in Mantel und Mütze hocke auf der Lehne eines weißverhüllten Polstersessels, während es draußen regnet, hier ist es wie in Pompeji: alles noch vorhanden, bloß die Zeit ist weg. Wie in Pompeji: man kann durch Räume schlendern, die Hände in den Hosentaschen, und sich vorstellen, wie hier einmal gelebt worden ist, bevor die heiße Asche sie verschüttet hat. Und es hallt auch (weil die Teppiche gerollt sind) wie in Pompeji –

Einmal klingelt's tatsächlich.

Ich mache nicht auf –

Der Herr meines Namens ist verreist.

Ich hocke vergeblich in Mantel und Mütze, die feuerlose Pfeife im Mund; ich kann es mir nicht vorstellen, wie hier gelebt worden ist, weniger als in Pompeji, obschon ihr blauer Morgenrock noch im Badzimmer hängt … vielleicht ist es besser, daß ich keine Streichhölzer habe; es genügt, daß ich es mir vorstelle: wie der Mann, der hier gewohnt hat, ein Streichholz anzündet, wie er's in der hohlen Hand hält, das Flämmchen, bis es groß genug ist, um es an den Vorhang zu halten, ein erstes, ein zweites, ein drittes und viertes und fünftes, der Vorhang brennt nicht, von Lodern keine Spur, es mottet bloß, glimmt, stinkt, auch der Lampenschirm brennt nicht so richtig, brenzelt nur und bekommt ein Loch mit braunem Rand, lächerlich, man müßte Benzin haben, Benzin über die Vorhänge, damit sie wirklich in Flammen aufgehen, die Polstersessel, Teppiche, Bücher, Kleider, es ist mit Streichhölzern nicht zu machen, es wäre bloß lächerlich.

Ich werde mir neue Kleider kaufen, dabei weiß ich: es hilft nichts, nur im Schaufenster erscheinen sie anders. Schon wenn der Verkäufer sie in die Umkleidekoje bringt und dann taktvoll verschwindet, damit ich probiere, weiß ich wie alles aussehen wird in einem Vierteljahr. Aber man kann ja nicht nackt durch die Welt gehen; also zwinge ich mich, drehe mich vor den verstellbaren Spiegeln, um den Schnitt zu prüfen, der mir im Schaufenster einigermaßen gefallen hat. Eigentlich kaufe ich nur dem Verkäufer zuliebe, der entzückt ist, während ich meinen Hinterkopf sehe, der nicht zu ändern ist; ich kaufe in Hast und jedesmal dasselbe. Schon die Minuten, während der Schneider mit dem Stecknadelkissen am Arm sich dienerisch in die Hocke läßt und fachmännisch mit Kreide markiert, wieweit ich von der Konfektion abweiche, sind Pein. Ob billig oder teuer, englisch oder italienisch oder einheimisch, bleibt einerlei; immer entstehen die gleichen Falten am gleichen Ort, ich weiß es.

 

Ein anderes Leben –?

Ich stelle mir vor:

Ein Mann hat einen Unfall, beispielsweise Verkehrsunfall, Schnittwunden im Gesicht, es besteht keine Lebensgefahr, nur die Gefahr, daß er sein Augenlicht verliert. Er weiß das. Er liegt im Hospital mit verbundenen Augen lange Zeit. Er kann sprechen. Er kann hören: Vögel im Park vor dem offenen Fenster, manchmal Flugzeuge, dann Stimmen im Zimmer, Nachtstille, Regen im Morgengrauen. Er kann riechen: Apfelmus, Blumen, Hygiene. Er kann denken, was er will, und er denkt … Eines Morgens wird der Verband gelöst, und er sieht, daß er sieht, aber schweigt; er sagt es nicht, daß er sieht, niemand und nie.

Ich stelle mir vor:

Sein Leben fortan, indem er den Blinden spielt auch unter vier Augen, sein Umgang mit Menschen, die nicht wissen, daß er sie sieht, seine gesellschaftlichen Möglichkeiten, seine beruflichen Möglichkeiten dadurch, daß er nie sagt, was er sieht, ein Leben als Spiel, seine Freiheit kraft eines Geheimnisses usw.

Sein Name sei Gantenbein.

 

Ich probiere Geschichten an wie Kleider!

 

Ich sitze in einem Landgasthof.

Ich hatte Glück, ich könnte jetzt nicht nur tot sein, sondern schuldig am Tod von elf Kindern, ohne strafbar zu sein – statt dessen also sitze ich in einem Landgasthof und bestelle einen Kirsch, während der Wagen (es ist nicht einmal meiner, sondern der Wagen von Burri) drüben in der Garage wartet auf Ersatzteile; ich wage nicht auszudenken, was hätte sein können …

Ich hatte Glück.

Was ich dachte, als ich mit der erloschenen Pfeife im Mund und gelassen wach, nicht müde, aber gelassen und mit beiden Händen am Steuer zwar aufmerksam mit den Augen, aber in Gedanken anderswo, in die Kurve fuhr, ohne an die Möglichkeit von plötzlichem Glatteis zu denken, weiß ich nicht. (Vielleicht dachte ich an den Abend bei Burri.) Ich fuhr nicht über 60 Stundenkilometer, wie Zeugen bestätigen, und auf der ganzen Strecke bisher gab es kein Glatteis, keine Spur von Glatteis. (Vielleicht dachte ich an meinen Ruf nach Harvard –)

Jetzt hat's zu schneien aufgehört.

Ich trinke meinen Kirsch.

Wie immer, wenn etwas geschehen ist, staune ich, daß ich es nicht bloß gedacht habe, betroffen, als habe die Wirklichkeit mich erraten oder auch mißverstanden; umringt von Augenzeugen, plötzlich stehe ich auf dem Dorfplatz, und indem ich mich bücke, um mich mit dem Mann von der Garage zu besprechen, der unter den Wagen gekrochen ist, habe ich schon zugegeben, daß ich es bin, niemand anders als ich, der beinahe ein Dutzend bernischer Schulkinder getötet hätte. Ich sehe sie an, Kinder mit roten Winterwangen und mit den Fahnen ihres Atems in der kalten Luft; sie leben. Wäre es geschehen, es käme mir genauso unwahrscheinlich vor; ich wäre derselbe, der ich jetzt bin, und nicht derselbe, jetzt umringt von einem Dutzend bernischer Schulkinder, sie gaffen und schwatzen und leben, Augenzeugen eines Unfalls mit Datum und Ort, glücklich über die Sensation, munter, bis ihre Schulglocke klingelt –

Ich bestelle einen zweiten Kirsch.

Zehn Uhr, Dienstag der soundsovielte …

Jetzt arbeiten sie schon eine Stunde an dem Wagen, der nicht meiner ist; die Schulbuben haben's erraten: Die Achse ist gestaucht, die Radscheibe verbogen, auch das Kugellager muß wahrscheinlich ersetzt werden. Ich verstehe nicht viel davon. Der Gedanke, hier übernachten zu müssen, schreckt mich; dabei ist es ein ordentlicher Landgasthof. Noch immer habe ich den Mantel nicht ausgezogen, sitze und versuche eine Zeitung zu lesen (man könnte auch mit der Eisenbahn fahren, um nicht hier zu übernachten; ein Fahrplan, Ortsverkehr, hängt an der Türe zur Toilette), meine Pfeife saugend, während in Algier (lese ich) gefoltert wird –

Das ist, was stattfindet.

Wenn ich es wieder lese, was in Algier geschieht oder anderswo, wenn ich es mir einige Augenblicke lang vorstellen kann, gibt es nichts anderes, und die Vorstellung ist kaum auszuhalten. Und ich bin bereit zu jeder Tat. Aber ich sitze hier, eine veraltete Zeitung lesend, und halte es aus. Tatlos … Ich warte auf die Ersatzteile für den Wagen, der nicht meiner ist.

Schon ist es Erinnerung:

(während in Algier gefoltert wird)

ein kalter und trockener Schnee, der kaum auf dem Straßenbelag liegen blieb, ein leichter und staubiger Schnee, aufwirbelnd hinter jedem fahrenden Wagen, in der Mitte war die Straße meistens schneelos, grau und trocken, und nur zu beiden Seiten blieb der weißliche Schleier liegen, bis der nächste Wagen vorbeifuhr, sogar der Sog eines langsamen Fahrrads genügte, um ihn aufzuwirbeln und immer wieder anders zu büscheln wie eine Rüsche. Ich überholte fast nie. Auch außerorts fuhr ich kaum über achtzig. Es war innerorts, ich sah's, obschon ich durch das sture Pendeln des Scheibenwischers hindurch an anderes dachte, meine Augen sahen es, und mein Fuß ging weg vom Gas, und die Geistesgegenwart, die oft schon an Wunder grenzte, verließ mich keineswegs, als ich das Schleudern spürte zuerst am Steuer, dann im eignen Körper. Mein Fuß ging nicht auf die Bremse, sondern gab sofort wieder Gas. Als ich das Schleudern spürte, sah ich links ein Rudel von Schulkindern, rechts das Schaufenster eines ländlichen Milchladens mit Reklame für Käse und Schokolade. Einen Augenblick lang hoffte ich noch in aller Ruhe, daß ich das weiche Schleudern abfangen könnte wie auch schon; dann wußte ich: Also doch! und ich hielt meine Pfeife fest zwischen den Zähnen, als käme es darauf an. Es dauerte nun, so schien mir, eine halbe Ewigkeit, während es mich einfach drehte, gleichviel wie ich das Steuer bewegte. Es war etwas Höhnisches darin, daß ich mich nicht nach links drehte, sondern plötzlich nach rechts, wie einen Schlitten, quer in die Straße hinaus. Ich wußte jetzt nicht mehr, was rechts ist, was links, es stimmte alles nicht mehr. Zum Glück kam in diesem Augenblick nichts entgegen; ein Lastwagen mit schwerem Anhänger, der sozusagen in meinem Gedächtnis auftauchte, war in Wirklichkeit eben vorbei. Ich sah nur, wie das Dorf sich drehte. Ich sah zu. Ohnmächtig, dabei vollkommen wach. Links das Schaufenster des Milchladens, rechts die Schulkinder. Wie ein Karussell. Als es endlich krachte, war's komisch wie ein verspätetes Echo, das mich nicht überraschte; ich wußte schon lange, daß das gewohnte Wunder mich verlassen hatte. Ich hatte meine Pfeife verloren, das war alles, und der Wagen stand jetzt in umgekehrter Richtung, gestoppt von einem Randstein; sonst wäre ich jetzt im Schaufenster. Die Scheibenwischer pendelten weiter. Plötzlich sehr nervös, so daß ich wie ein Fahrschüler hantierte, wollte ich weiterfahren, aber der Wagen ging nicht; ich hatte den dritten Gang drin, der Motor war abgestorben, ich schaltete auf den ersten Gang und trat auf die Kupplung, um den Motor anzulassen. Aber auch so ging der Wagen kaum. Er kroch. Endlich stieg ich aus, um den Wagen zu besichtigen. Von Blechschaden keine Spur. Ich war erleichtert; aber da ich jetzt das Gefühl hatte, daß ringsum alle Fenster des Dorfes sich öffneten, schämte ich mich, umringt von den Schulkindern, die mich anstarrten, so meinte ich, und dabei starrten sie nur auf den Porsche, den es vor ihren Augen so lustig gedreht hatte. Ein Bub sagte immerzu: Gedreht hat's ihn, gedreht hat's ihn! Ich vermißte jetzt meine Pfeife und hatte keine Geste für meine Gelassenheit; ich trat mitten auf die Straße hinaus und tastete mit der Schuhspitze auf dem Boden herum, um der Welt zu zeigen, daß da Glatteis war. Jetzt erst öffneten sich die Fenster ringsum. Ich mußte warten, bis der Wagen abgeschleppt wurde, die Hände in den Hosentaschen, und erkundigte mich, als wäre ich vom Himmel gefallen, nach dem Namen des Dorfes.

Ich bin in Lengnau, Kanton Bern.

Später im Gasthof, als ich meinen Kirsch trank, erfuhr ich von der Kellnerin, daß sich in dieser Kurve schon allerlei ereignet habe, auch Todesfälle.

Ich weiß nicht, wozu ich das erzähle.

Mein Unfall interessiert mich nicht …

 

Mein Name sei Gantenbein.

 

Der Anfang wäre leicht:

Ich trete ein, Vormittag, ich trete einfach in den Laden und stehe da. Sie wünschen? Ich tue, als verstünde ich kein Schweizerdeutsch. Ich sehe mich um: Brillen, Lupen, Fernrohre, Brillen aller Art, Zwicker, Operngucker, aber vor allem Brillen. Was ich wünsche, liegt im Schaufenster an der Fraumünsterstraße (vorne rechts) schon seit Wochen. Übrigens ist das weiße Fräulein, das die mundartliche Frage nach meinen Wünschen vorerst ins Amerikanische, dann ins Hochdeutsche übersetzt, noch gar nicht frei, und es genügt vorderhand mein Nicken als Zeichen, daß ich Geduld habe, mindestens Manieren. (Ich halte es für besser, meine Rolle auf Hochdeutsch anzutreten. Ich habe stets ein Gefühl von Rolle, wenn ich Hochdeutsch spreche, und damit weniger Hemmungen. Mein Englisch wäre zu dürftig; es reicht immer nur so weit, um im großen ganzen einverstanden zu sein. Und Französisch kommt noch weniger in Frage; ich fühle mich jedem Franzosen unterlegen, solang er nur seine eigne Sprache versteht.) Also da stehe ich, während das Fräulein sich mit einer Dame befaßt, die jedesmal, wenn man ihr eine neue Brille aufs Gesicht schiebt, ihren Hals streckt wie ein Vogel, der Wasser schluckt, und ich hoffe bloß, daß jetzt niemand in diesen Laden kommt, der mich kennt. Die Dame, Amerikanerin, ist jedesmal enttäuscht, wenn sie mit der nächsten Brille vor den Spiegel tritt, und kann sich nicht entschließen, scheint es, so auszusehen, wie der Spiegel sie zeigt, und das kann noch lang dauern. Ich habe Zeit, um nochmals mein Unternehmen zu bedenken, aber bleibe entschlossen. Als das Fräulein mich schließlich bedient, geschieht es ohne Unfreundlichkeit gegenüber der Amerikanerin, indem sie jederzeit zeigt, daß sie den Einheimischen nur nebenher bedient. Ich wünsche also – warum stotternd? – eine Sonnenbrille. Bitte sehr! Ich sehe, während sie mir eine Sonnenbrille entgegenstreckt und gleichzeitig mit der Amerikanerin plaudert, eine ganze Lade, ein Arsenal von Sonnenbrillen, die ebenfalls nicht in Frage kommen. Wie sag ich's? Das Fräulein in Weiß, eine schlich­te Verkäuferin, aber als Wissenschaftlerin verkleidet, behauptet, etwas Dunkleres gebe es nicht; sonst sehe man nämlich überhaupt nichts mehr, und was der Herr draußen im Schaufenster gesehen habe, sei eben keine Sonnenbrille, sagte sie, sondern eine Blindenbrille. Ich bitte darum. Ihre Verwunderung – unterdessen hat die Amerikanerin sich entschlossen und muß zur Tür geleitet werden, da sie nichts gefunden hat, mit besondrer Höflichkeit – ihre Verwunderung über meinen Wunsch ist schon verflogen, als sie mich, jetzt als einzigen Kunden, weiter bedient; sie weigert sich nicht ausdrücklich, Blindenbrillen zu verkaufen, aber tätlich, indem sie weiterhin, als hätte der Herr nur gescherzt, Sonnenbrillen anbietet, einige sogar auf mein Gesicht schiebt, bis ich ungeduldig werde und schlichterdings verlange, was ich will, nichts andres als eine schwarze Blindenbrille. Bitte sehr! Hoffentlich kommt jetzt nicht der Boß heraus, um sich des Sonderfalles anzunehmen. Wer weiß, ob man nicht ein ärztliches Zeugnis braucht! Endlich nach meinem Wunsch bedient und unterrichtet, daß Blindenbrillen nur Attrappen sind, um die blinden Augen zu verbergen, drum so dunkel, erkundige ich mich nach dem Preis. Ob die Brille denn richtig halte, fragt das Fräulein in Weiß: jetzt grau wie Asche, lila-grau, und sie greift an meine Schläfen, so daß ich plötzlich ihr Gesicht aus nächster Nähe sehe, ihre vollen weichen Lippen, jetzt violett wie reife Pflaumen, und plötzlich ist es Abend geworden, Dämmerung, Zwielicht, Sonnenfinsternis. Dabei ist es Vormittag, ich höre es; so tönen die Stimmen nur am hellichten Vormittag. Ich sehe jetzt die Sonne wie in fernen Bubenzeiten, wenn man sie durch eine verrußte Glasscherbe beobachtet hat: matt, viel kleiner als vermutet, ohne Strahlenkranz, gelblich bis grau-weiß, Farbe von unreifen Aprikosen oder so, aber metallig. Die Brille, sage ich, halte vortrefflich. Sie prüft nochmals, so daß ich nochmals ihre Pflaumenlippen sehe. Zum Küssen nahe. Ich werde nie wieder küssen, denke ich; der Stoff, aus dem Lippen gemacht sind, ist zu fremd. Ich rieche ihr Parfum und sehe ihr nahes Haar, grün-schwarz-blau wie Hahnenfedern, und ihre Herbstzeitlosenhaut. Mich selbst im Spiegel zu sehen zögere ich, nehme die Brille ab; keine Spur von Dämmerung, es ist Vormittag, draußen die Straße, Leute, das bunte Blech der Autos, Sonne, Schaufenster, die Straße in der Sonne, alles wie gewohnt, das Fraumünster im Elf­uhrgeläute mit Möwen. Zum Glück kommt ein nächster Kunde; als das Fräulein in Weiß sich für eine Weile entschuldigt, um zu bedienen, setze ich nochmals die Brille auf. Ich sehe meine Hand, mein Fleisch wie Marzipan, das nicht zur Zeit gegessen worden ist, mürbe und grau. Im Spiegel, ja, ich sehe gerade noch, daß es keine Tür ins Freie ist, sondern ein Spiegel, sehe ich einen Mann von meiner Gestalt, ohne zu wissen, ob der Mann im Spiegel, dessen Augen nicht zu sehen sind, mich gleichfalls erkennt. Als ich näher trete, um seine Augen zu sehen, kommt der Andere auf mich zu wie ein Blinder, der nicht ausweicht, so, als wolle er durch mich hindurchgehen – schon habe ich die Brille aus dem Gesicht genommen. Bitte! sage ich und zahle …

Der Anfang wäre gemacht.

Wie weiter?

Natürlich brauche ich auch einen Stock –

Ich stelle mir vor:

Gantenbeins erster Ausgang, den er nicht ohne Herzklopfen antritt, führt nicht weit; schon der erste Zeitgenosse, dem Gantenbein, ausgestattet mit der dunklen Brille und mit einem schwarzen Stöcklein, das er nach Blindenart hin und wieder am Randstein klöppeln läßt, auf schnurgerade Weise nicht aus dem Weg geht, verdutzt ihn mit der groben Frage, ob er denn keine Augen im Kopf habe, und Gantenbein, statt froh zu sein über diese erste Bestätigung, steht sprachlos vor Ärger über den Flegel, nicht ohne sich nach dem Flegel umzuschauen. Ein Blinder, der sich umschaut! der erste Schnitzer. Sein Vorsatz, ohne Ansehen der Person niemand aus dem Weg zu gehen, mag richtig sein; aber er ist zu forsch gegangen. Zu vorsätzlich. Im Anfang übertreibt man immer. Eine Weile bleibt Gantenbein stehen; er muß lockerer werden, bevor er weitergeht mit dem klöppelnden Stock am Randstein. Natürlich hat er eine Gegend gewählt, die er kennt. Kreuzplatz, Zeltweg, Heimplatz, das war einmal sein täglicher Schulweg, das kennt er auswendig. Auf der Hohen Promenade, allein in der Allee, nimmt er seine Brille ab: Zürich ist eine blaue Stadt, nur meine Brille macht sie aschgrau, so daß man Angst bekommt, aschgrau mit einem Stich ins Lila. Ein Gefühl von Abschied, als er die Brille wieder aufsetzt, ist nicht zu vermeiden. Also weiter. Auch die Wahl der Tageszeit mag richtig sein, Mittagspause, wenn die Leute nicht beobachten, sondern zum Essen wollen. Als später, beim Helmhaus, dennoch ein Herr sich seiner annimmt, indem er ihn über die Straße führt, kommt er sich wie ein Schwindler vor; daran wird Gantenbein sich gewöhnen müssen. Storchengasse, Weinplatz, Rennweg, langsam geht es schon besser; das Klöppeln mit dem Stock darf auch nicht übertrieben werden, ein Hinundwieder genügt, denke ich. Wichtig vor allem: daß man sich, was immer man gerade sieht, innerlich aller Urteile enthält. Warum wirken Blinde nicht traurig, sondern versöhnlich? Nach und nach, so denke ich, beginnt Gantenbein es zu genießen, bis hinter ihm – seine Brille gestattet kein Rot – plötzlich gestoppte Reifen quietschen, genau hinter ihm. Vor Schreck, ohne im mindesten angefahren worden zu sein, hat er seinen Stock verloren; er liegt, Gantenbein sieht es sofort, zwischen den gestoppten Reifen auf dem Asphalt, und