The Cover Image

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Können wir die Zukunft durch unser Handeln beeinflussen? Oder ist sie von Gott, vom Schicksal oder von Naturgesetzen vorherbestimmt? Diese Frage beschäftigt Philosophen seit der Antike. 1985 nahm sich ein Student vor, sie ein für allemal zu lösen – David Foster Wallace. Er jongliert souverän mit modallogischen Formeln und Diagrammen und führt exzentrische Beispiele ins Feld, die direkt seinen Erzählungen entsprungen sein könnten: Terroristen, Stabhochspringer, Tennisspieler ohne Schläger. Neben dem posthum erschienenen Aufsatz enthält der Band eine biographische Skizze über Foster Wallace’ Studentenzeit und eine kurze Einführung in die Modallogik.

 

David Foster Wallace (1962-2008) gilt als einer der bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte.

David Foster Wallace

Schicksal, Zeit und Sprache

Über Willensfreiheit

 

Herausgegeben von Steven M. Cahn und Maureen Eckert

 

Aus dem Englischen von Frank Jakubzik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Suhrkamp

Die amerikanische Originalausgabe dieses Bandes erschien unter dem Titel Fate, Time, and Language. An Essay on Free Will 2011 bei Columbia University Press (New York). Sie enthält eine Reihe weiterer Texte zu Richard Taylors Essay »Fatalismus«, die nicht in die deutsche Ausgabe übernommen wurden (vgl. dazu die Anmerkung auf S. 203). Joachim Bromands kurze Einführung in die Grundbegriffe der Modallogik ist in der US-Ausgabe nicht enthalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012

edition suhrkamp 2653

Deutsche Erstausgabe

© Suhrkamp Verlag Berlin 2012

David Foster Wallace, »Richard Taylor’s ›Fatalism‹ and The Semantics

of Physical Modality« copyright © The David Foster Wallace Literary Trust 2011.

Richard Taylor, »Fatalism« erschien zuerst in: The Philosophical Review 71/1 (1962), S. 56-66.

James Ryerson, »A Head That Throbbed Heartlike: The Philosophical Mind of David Foster Wallace« copyright © James Ryerson 2011.

Für die übrigen englischen Originaltexte: copyright © 2011 Columbia University Press.

 

Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag gestaltet nach einem Konzept von Willy Fleckhaus: Rolf Staudt

 

eISBN 978-3-518-78950-6

www.suhrkamp.de

Inhalt

ZUR EINFÜHRUNG

James Ryerson
Herzrasen im Kopf
David Foster Wallace als Philosoph

Steven M. Cahn
Richard Taylor und der Fatalismus

Joachim Bromand
Modalitäten und Fatalismus bei David Foster Wallace. Eine Einführung

Richard Taylor
Fatalismus

Maureen Eckert
Die Erneuerung der Fatalismusdebatte durch David Foster Wallace

 

DER ESSAY

David Foster Wallace
Richard Taylors »Fatalismus« und die Semantik physikalischer Modalitäten

 

EPILOG

aJay L. Garfield
David Foster Wallace als Student.
Eine Erinnerung

 

Anmerkungen

ZUR EINFÜHRUNG

James Ryerson

Herzrasen im Kopf

David Foster Wallace als Philosoph

 

Mit dem am 12. September 2008 von eigener Hand aus dem Leben geschiedenen David Foster Wallace, dem Autor von Unendlicher Spaß, hat die amerikanische Gegenwartsliteratur ihren intellektuell ambitioniertesten Schriftsteller verloren. Wie vor ihm Thomas Pynchon und William Gaddis schrieb Wallace große, kopflastige Romane, die mit enzyklopädischem Wissen aufgeladen und von obskuren Ideen beseelt waren. In seinen Essays behandelte er ein atemberaubendes Spektrum akademischer Themen, das von der Lexikographie über den Poststrukturalismus bis hin zu den neurologischen, ethischen und epistemologischen Aspekten des Schmerzempfindens bei Wirbellosen reichte. Der Geschichte des mathematischen Unendlichkeitsbegriffs widmete er mit der Entdeckung des Unendlichen ein ganzes Buch. Und auch das für ihn typische Stilmerkmal, die exzessive Häufung von Fuß- und Endnoten, war eine Art Hommage an die Wissenschaft.

Zugleich hegte Wallace jedoch auch einen Argwohn gegenüber aller Theorie. Er wußte um die Gefahren des abstrakten Denkens, das einen (insbesondere wenn es um sich selbst kreist) von der Beschäftigung mit realeren, dringlicheren Problemen abhalten kann. Beim Lesen seiner hochreflektierten, fiebrig dialektischen Texte wird man immer wieder Zeuge des quälenden Kampfs um Erkenntnis: Wer auf der Suche nach der Wahrheit sehr tief in Theorien eintaucht, verfehlt sein Ziel womöglich gerade deshalb. Bestimmten Paradigmen, etwa der verkopften Ästhetik der Moderne oder der cleveren Effekthascherei der Postmoderne, stand er besonders mißtrauisch gegenüber, da sie sich seiner Meinung nach zu weit von den »uralten traditionellen Wahrheiten der Spiritualität, des Empfindens und der menschlichen Gemeinschaft« entfernten. Er fand, daß man sich ernsthafter mit diesen grundlegenden Wahrheiten auseinandersetzen müsse, tat das jedoch selbst mit eklektischen, zuweilen esoterischen Methoden. Ein Widerspruch, wie er für Wallace typisch war: Das theoretische Werkzeug, das ihm helfen sollte, die großen Fragen der Menschheit zu lösen, drohte ihn zugleich auf ewig auf Distanz von den Zusammenhängen zu halten, die er herstellen wollte.

Angesichts seines enormen Intellekts und einer großen, ihn kultisch verehrenden Anhängerschaft überrascht es, daß sein einziger systematischer Beitrag zur Wissenschaft – wie man nach seinem Tod feststellte – noch unveröffentlicht und nahezu unbekannt war. Es handelt sich um die 1985 am Amherst College eingereichte, einer Magisterarbeit vergleichbare Undergraduate Honor Thesis in Philosophie über »Richard Taylors Fatalismus-Aufsatz und die Semantik physikalischer Modalitäten«. Kein Zweifel, das Thema ist eher entlegen. Der im ursprünglichen Typoskript 76 Seiten umfassende Aufsatz über Logik, Semantik und Metaphysik ist nichts für Leser, denen beim philosophischen Räsonieren leicht schwindelig wird. Achtung, hier ein Beispiel: »Ø (eine physikalisch mögliche Struktur) [sei] eine Reihe separater, aber sich kreuzender Pfade ji-jn, die jeweils eine Verbindung zwischen geordneten Paaren ‹t, w› (‹Zeit, Welt›) bezeichnen, die in einer auf der diachronen physikalischen Kompatibilität des physikalisch Möglichen beruhenden simplen Zugänglichkeits-Relation zueinander stehen.« Kein Wunder, daß seine Schilderung einer Kreuzfahrt leichter zum Leser fand.

Jedoch ist Wallace’ Abschlußarbeit, ihrer scheinbaren Undurchdringlichkeit zum Trotz, luzid argumentiert und mit ein wenig Geduld und Fleiß auch dem mit den Widrigkeiten der akademischen Philosophie unvertrauten Laien zugänglich – was all jene freuen wird, die ihr Verständnis seines Werks vertiefen wollen. Der Aufsatz eröffnet einen Zugang zu einem kaum bekannten Aspekt seines Denkens: der schon in jungen Jahren ernsthaften Beschäftigung mit philosophischen Fragestellungen, die für seine Vorstellungen vom Sinn und den Möglichkeiten der Literatur bedeutsam bleiben sollten. Zudem markiert der hier vorgelegte Essay eine wichtige Phase seiner denkerischen Entwicklung, und wenn man erst einmal verstanden hat, worum es in dem Text geht, erfährt man aus ihm einiges über die Anfänge von Wallace’ Bemühen, die Kräfte seines formidablen Verstands für das Gute, Schöne und Wahre einzusetzen, um sich gegen die Verlockungen der Intellektualität zu feien und seinen innigsten Überzeugungen einen festen Boden zu verschaffen.

stern 

Die Professoren, die Wallace Anfang der achtziger Jahre am Amherst College unterrichteten, sahen in ihm ein seltenes philosophisches Talent, einen Ausnahmestudenten, der analytische Wucht mit einem hohen Arbeitsethos und unermüdlichem Fleiß verband. Daneben zeugten seine Arbeiten von einer fortgeschrittenen Kenntnis der Grundlagen des Fachs. Sein Vater James D. Wallace, der Philosophie an der University of Illinois in Urbana-Champaign lehrte, hatte ihm gründliche Einblicke verschafft. Im Alter von 14 Jahren hatte David wissen wollen, was Philosophie sei, worauf sein Vater mit ihm Platons Dialog Phaidon durchging. »Kein Undergraduate-Student, den ich bis dahin gehabt hatte, begriff die Dinge so rasch und fand derart reife und elegante Lösungen«, erklärte mir James Wallace. »Damals wurde mir überhaupt erst klar, über welch phänomenalen Verstand David verfügte.« Selbst nachdem er etwa ab Mitte des Studiums begonnen hatte, Prosa zu verfassen, verstand sich David Foster Wallace in erster Linie als Philosoph. »In meinen Augen war er ein extrem begabter junger Philosoph, der in seiner Freizeit Romane schrieb«, erinnert sich auch Jay Garfield, der Wallace’ Abschlußarbeit mitbetreute, in seinem Beitrag im vorliegenden Band. »Mir war nicht klar, daß er in Wahrheit einer der begabtesten Romanciers seiner Generation war, der nebenbei philosophierte.«

Wallace interessierte sich in seiner Collegezeit vor allem für auf strenger Formalisierung beruhende Disziplinen wie die mathematische Logik und die Sprachphilosophie, in denen man Schlußregeln und Begrifflichkeiten vermittels hochspezialisierter Werkzeuge (etwa den logischen Operatoren der Aussagenlogik) möglichst exakt zu formulieren sucht. Er besuchte ein Seminar über Ludwig Wittgenstein, dessen Frühwerk auf der Auseinandersetzung mit den beiden Begründern der modernen Logik, Gottlob Frege und Bertrand Russell, beruht. Von Wittgensteins erstem Buch, dem Tractatus Logico-Philosophicus, war Wallace, wie er sich 1992 in einem Brief an den Romancier Lance Olson erinnert, »zutiefst ergriffen«. Neben kühnen Thesen über das Wesen und die Grenzen der Sprache bietet der Tractatus auch einige methodische Neuerungen, unter anderem moderne »Wahrheitstabellen« zur logischen Analyse von Aussagen. Auf viele Leser mag der Tractatus beängstigend spröde und anspruchsvoll wirken; Wallace war, wie er rückblickend meinte, von dessen »kalter formaler Schönheit« angerührt. Als man im Seminar zum sogenannten Spätwerk vordrang, in dem Wittgenstein die Ideen und die strenge Methodik des Tractatus zugunsten neuer Annahmen und eines lockereren, weniger mathematisch-exakten Stils verwirft, war Wallace zunächst wenig beeindruckt. Wie er Olson schrieb, empfand er die Philosophischen Untersuchungen, den Höhepunkt der späten Philosophie Wittgensteins, als »einfältig«.

Seine intellektuellen Neigungen zu jener Zeit waren, wie er später einräumte, vermutlich von dem Wunsch bestimmt, sich von seinem Vater abzusetzen. James Wallace war 1963 an der Cornell University mit einer Dissertation (über Dinge, die man zum Vergnügen tut) in Philosophie promoviert worden. Sein Doktorvater Norman Malcolm war ein enger Freund und Schüler Wittgensteins. Wie Malcolm bewunderte auch James Wallace Wittgensteins Spätwerk und konnte wenig mit der Art Philosophie anfangen, die David faszinierte. »Ich interessiere mich nicht für formale Logik und diese Dinge«, erklärte er mir. »Es hat mich immer amüsiert zu sehen, wie sich Logiker auf ein philosophisches Gebiet begeben und versuchen, eine Frage in Axiome zu übersetzen, um dann doch wieder bei Problemen der formalen Logik hängenzubleiben, anstatt sich mit den eigentlichen philosophischen Problemen des jeweiligen Gebiets zu befassen.« Als David 1997 von dem Journalisten Charlie Rose in dessen Talkshow gefragt wurde, welche philosophischen Interessen er und sein Vater gemeinsam hätten, hob er die Unterschiedlichkeit ihrer Vorlieben hervor. »Ich habe zwar im Hauptfach Philosophie studiert«, sagte er, »aber meine Interessengebiete waren mathematische Logik und Semantik und dergleichen, die mein Vater für eine Art höheres Geschwafel hält. Es ist also ziemlich merkwürdig: In gewisser Hinsicht bin ich in seine Fußstapfen getreten, während ich ihm zugleich die obligatorische lange Nase gedreht habe.«

Außerdem identifizierte Wallace später einen weiteren, ihm zunächst nicht bewußten Wunsch hinter den philosophischen Vorlieben seiner Jugend: das Verlangen nach jener besonderen Art von Schönheit und Ästhetik, die für streng formalisierte Systeme wie die Mathematik oder das Schachspiel typisch sind. Kaum war er aus den offenen Weiten seiner Heimat Illinois nach Amherst, ins hügelige Massachusetts gekommen, erfaßte ihn eine plötzliche Begeisterung für die Mathematik (obgleich er seiner eigenen Darstellung nach nicht besonders gut in Mathe war). In dem autobiographischen Essay »Derivative Sport in Tornado Alley« führte er sein Interesse an diesem Fach später auf ästhetische Gründe zurück: die strenge Topologie der mathematischen Logik habe ihn an die flachen rechtwinkligen Landschaften des Mittleren Westens erinnert, da beide auf »Vektoren, Linien und Linien kreuzenden Linien, Gittern« beruhten. So eröffnete selbst eine stark formalisierte Wissenschaft sinnliche Genüsse. In einem 1993 erschienenen Interview mit dem Literaturkritiker Larry McCaffery erklärte Wallace, er sei als Philosophiestudent »auf der Jagd nach einer bestimmten Form von Erregung« gewesen, einem in bestimmten Momenten aufblitzenden Gefühl, das er zunächst nicht begriffen habe. »Einer meiner Lehrer nannte diese Momente ›mathematische Erfahrungen‹«, erinnerte er sich. »Ich wußte damals noch nicht, daß eine mathematische Erfahrung an sich ästhetisch ist, eine Epiphanie im ursprünglichen Joyceschen Sinn. Diese Momente ergaben sich, wenn man einen Beweis abschließen konnte oder einen Algorithmus löste. Oder wenn man überraschend auf eine wunderbar simple Lösung stieß, nachdem man das halbe Notizbuch mit unbeholfenem Gekritzel vollgeschrieben hatte. Ich glaube es war Yeats, der vom ›Klick beim Schließen einer gut gearbeiteten Schatulle‹ sprach – genauso ein Gefühl war das. Das Wort, das mir dazu immer einfällt, ist ›klick‹.«

stern 

Das Pendant dieses »Klicks« ist die Schatulle, die sich nicht schließen läßt, das Rätsel, das der Auflösung widersteht. Gegen Ende seines Studiums stieß Wallace auf einen berühmten Aufsatz aus dem Jahr 1962, in dem der Philosoph Richard Taylor unter dem schlichten Titel »Fatalismus« eine moderne Argumentation für die Triftigkeit dieser uralten metaphysischen Lehre vorlegt. Der Fatalismus geht davon aus, daß die Zukunft gänzlich vorherbestimmt ist und daß wir sie durch unser Tun und Lassen ebensowenig ändern können wie die Vergangenheit. Nicht wir entscheiden durch unser Handeln, wie die Zukunft aussieht, sondern die Zukunft bestimmt gewissermaßen rückwirkend, was in der Gegenwart geschieht. Die Ausführung einer Tat, die allein meiner freien Entscheidung zu unterliegen scheint – etwa, ob ich den Abzug meiner Pistole betätige oder nicht –, ist in Wahrheit entweder von vornherein ausgeschlossen oder unvermeidlich. Wir können nicht mehr tun, als dem kosmischen Fluß der Dinge zu folgen.

Wie der Determinismus, sein bekannterer metaphysischer Cousin, geht auch der Fatalismus davon aus, daß es uns niemals möglich ist, anders zu handeln, als wir es tatsächlich tun. Im Gegensatz zum Determinismus führt er dies allerdings nicht auf eine durch die Gesetze der Newtonschen Physik, der Thermodynamik oder der Quantenmechanik beschriebene unentrinnbare Kausalität der Ereignisse zurück. Vielmehr behauptet zumindest Richard Taylor in seinem Aufsatz, die Wahrheit dieser Doktrin lasse sich allein durch logisches Schließen aus einer Handvoll Aussagen über die Zukunft herleiten. In einer vereinfachten Form lautet das Argument etwa folgendermaßen: Wenn ich in diesem Moment einen Schuß aus meiner Pistole abfeuere, wird ihr Lauf einen Augenblick später heiß sein, drücke ich nicht ab, bleibt er kalt – aber: Die Behauptung In einer Sekunde wird sich der Lauf meiner Waffe heiß anfühlen ist bereits zum jetzigen Zeitpunkt unvermeidlich wahr oder falsch. Ist sie wahr, werde ich nicht umhinkönnen, die Waffe abzufeuern; ist sie falsch, werde ich nicht umhinkönnen, dies nicht zu tun. In beiden Fällen diktiert der zukünftige Zustand der Dinge, was ich in der Gegenwart tue oder lasse.

Offensichtlich fischen wir hier in trüben Gewässern – dennoch hat sich der Fatalismus in seiner langen Geschichte immer wieder allen Einwänden entziehen können. Die ursprüngliche Argumentation findet sich in Aristoteles’ in der Mitte des 3. Jahrhunderts v. u. Z. erschienenem Buch De Interpretatione, später lieferten unter anderem Augustinus, Boethius und William von Ockham theologisch inspirierte Varianten. Richard Taylors moderne Version der fatalistischen Beweisführung ist nicht zuletzt deshalb so schwer zu widerlegen, weil sie sich lediglich auf eine Handvoll unbestrittener Grundprinzipen der Logik stützt – etwa, daß eine jede Aussage entweder wahr oder falsch sein muß, daß q notwendig aus p folgt, wenn p hinreichende Bedingung für q ist, und so weiter.

Verständlicherweise behagte Wallace die durch Taylor scheinbar bewiesene Weltsicht nicht. Immerhin unterstellt sie, daß wir den Lauf der Dinge nicht zu verändern vermögen, daß es keine alternativen Möglichkeiten gibt, daß jede Geschichte unvermeidlich so ablaufen muß, wie sie abläuft. Daneben verstörte ihn aber auch die Art der Argumentation, die Tatsache, daß, wie Jay Garfield es mir gegenüber ausdrückte, »eine unannehmbare metaphysische Schlußfolgerung aus derart unscheinbaren Prämissen folgen sollte«. Die Logik, so wenig unser Denken auf sie verzichten kann, ist eben nicht mehr als ein Instrumentarium formaler Techniken zur Bestimmung der Relationen zwischen unterschiedlichen Aussagen – wie konnte Taylor aufgrund einer Reihe wenig aufregender logischer Prämissen zu einer derart substantiellen Schlußfolgerung über das Wesen des Schicksals kommen? Offenbar waren hier Logik, Sprache und Dingwelt aus ihrer gewöhnlichen Ordnung gebracht und auf unzulässige Weise miteinander vermischt worden.

Auch Taylor selbst hatte Schwierigkeiten mit seiner Argumentation und stand ihr ambivalent gegenüber. Zwar hielt er seine Annahmen und Folgerungen für richtig, doch schmeckte ihm nicht recht, worauf sie hinausliefen. So schien es ihm zunächst, daß er, um das unliebsame Resultat zu vermeiden, die für die meisten logischen Systeme unverzichtbare Annahme aufgeben müsse, daß jede Aussage entweder wahr oder falsch ist (allerdings war er später überzeugt, daß diese radikale »Lösung« ihrerseits unliebsame Konsequenzen haben würde). Wallace wiederum bereitete die Vorstellung einer derart aus den Fugen geratenen Welt großen Kummer. »Er war in vieler Hinsicht sehr besonnen«, erzählte mir Willem deVries, der heute Philosophie an der University of New Hampshire lehrt und damals Wallace’ Abschlußarbeit betreute. »Er interessierte sich nicht für Philosophie, weil man auf diesem Gebiet befremdliche, hirnverbiegende Argumente konstruieren kann. Er kannte sich mit Hirnverbiegungen ganz gut aus. Vielleicht weil sein eigenes Hirn sich so mühelos verbiegen ließ.«

Die Frage war also, wie sich die fatalistische Beweisführung aus der Welt schaffen ließ. Bis Mitte der sechziger Jahre hatte Taylors Aufsatz eine Reihe von Kritikern und Verteidigern auf den Plan gerufen, denen es jedoch nicht gelungen war, die Vertreter der anderen Seite zu überzeugen. (Zu den Verteidigern gehörte übrigens auch Taylors Schüler Steven M. Cahn, der heute an der City University in New York Philosophie lehrt und Mitherausgeber des vorliegenden Buches ist.) Beim Lesen der Beiträge zu der damaligen Diskussion gelangte Wallace zu der Überzeugung, daß es sich die Kritiker zu leicht gemacht hatten, da sich ihre Argumente als Scheinbeweise nach dem Muster einer Petitio principii entlarven ließen, indem sie gerade das zur Prämisse machten, was erst zu beweisen gewesen wäre. Im Grunde lief das auf die Behauptung hinaus, Taylors Argumentation müsse fehlerhaft sein, da sie die Theorie des Fatalismus für wahr erklärte – die einfach nicht stimmen konnte. Wallace, der auf Seiten der Kritiker stand, fand es unerträglich, daß ihre Einwände von Taylor und seinen Verteidigern mühelos ausgeräumt werden konnten. »Wenn man die Literatur zu Taylor liest, kriegt man Magengeschwüre«, schrieb er einen Monat vor Abgabe seiner Arbeit an William Kennick, in dessen Wittgenstein-Seminar in Amherst alles angefangen hatte. Die in seinen Augen inhaltlich richtigen, aber schlecht formulierten Einwände würden einer nach dem anderen »abgeschossen, weil sie das Argument lediglich zurückweisen, aber nicht widerlegen«.

Der von John Turk Saunders formulierte Einwand etwa zielt auf eine von Taylors scheinbar unverfänglichen Präsuppositionen, nämlich jene, die besagt, daß eine Handlung nicht durchführbar ist, wenn eine für sie notwendige Bedingung nicht vorliegt. Wenn ein Schwimmer notwendig Wellen erzeugt, bedeutet eine glatte Wasseroberfläche, daß gerade niemand schwimmt. So weit, so gut. Wenn man sie erweitert, so Saunders, widerspricht diese schlichte Aussage jedoch unserem intuitiven Verständnis des Möglichen. Zwar bedeute eine ungekräuselte Wasseroberfläche zweifellos, daß ich gerade nicht schwimme, das heiße aber keineswegs, daß es mir vor einem Moment nicht möglich gewesen wäre zu schwimmen. Einen später eintretenden Zustand als Einschränkung gegenwärtig bestehender Möglichkeiten heranzuziehen, lasse sich einfach nicht mit unseren Intuitionen vereinbaren.

Das erscheint zunächst plausibel. Den Fatalisten bietet sich hier jedoch ein starkes Gegenargument an, da die Intuition, auf die Saunders seinen Einwand stützt, ihrer Auffassung nach eben gerade falsch ist und sie das mit Taylor sogar begründen können. So mag jemand über alle nötigen Fähigkeiten und Voraussetzungen für eine Handlung (also etwa Schwimmkenntnisse und einen See) verfügen, aber dennoch nicht imstande sein, diese Handlung auszuführen, weil es ihm die physikalischen Umstände (hier: die ein paar Augenblicke später immer noch ungekräuselte Wasseroberfläche) unmöglich machen – was genau das ist, was die fatalistische Argumentation beweisen will. Warum also sollten wir nicht statt dessen unsere Intuitionen revidieren und akzeptieren, daß zukünftig bestehende Zustände unsere Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart sehr wohl einschränken können? Sollte eine gute Beweisführung nicht gerade solche Meinungsänderungen herbeiführen?

Über diese Replik geriet Wallace regelrecht in Wut. »Es interessiert mich nicht einmal mehr, ob das fair ist oder nicht«, schrieb er an Kennick. Daß ihn die fatalistische Argumentation fast zur Verzweiflung trieb, machte es jedenfalls auch nicht leichter, sie zu widerlegen und auf den erlösenden »Klick« zu kommen. Deshalb war er, wie er an Kennick schrieb, bereit, sich notfalls »krummzulegen«, um sich den Verweis auf die abweichenden Intuitionen des Fatalisten nicht einzuhandeln. Und dafür mußte er Taylors Argumentation so weit wie irgend möglich folgen – und dann trotzdem zeigen, daß sie nicht zu dem befürchteten Ergebnis führte, nämlich einem Universum, in dem nach Maßgabe von ein paar logischen und sprachlichen Winkelzügen lediglich Tatsachen, aber keinerlei Möglichkeiten existieren.

stern 

Zu den Stärken des Philosophen David Foster Wallace gehörte sein Sinn für Teamwork. Im Gegensatz zu manch anderem Studenten glaubte er nicht, eine alteingeführte philosophische Debatte durch stilles Grübeln in seinem Zimmer im Wohnheim voranbringen zu können. Seine Abschlußarbeit beruht nicht nur auf seinen eigenen Überlegungen, sondern auch auf der geschickten Nutzung der vorhandenen Literatur zu Taylor sowie Gesprächen mit vielen Professoren und den »philosophyheads« (wie sie einer seiner Kommilitonen in Amherst nannte) unter seinen Mitstudenten. Er ging, mit anderen Worten, wie ein professioneller Wissenschaftler vor. So führte Wallace auch mit Kennick, der nicht zu den Betreuern der Arbeit gehörte, eine ernsthafte Korrespondenz, in der er mit penibler Sorgfalt auf Fragen einging, die Kennick aufwarf (etwa so: »Zu Pkt 5: Ob eine Entscheidung, die man nicht anders treffen kann, trotzdem noch eine Entscheidung ist, ist mir nicht klar. Das Problem ist, daß – da der Befehl B und die Seeschlacht S einander notwendige bzw. hinreichende Bedingungen sind – die modale Anwendung des SAD [Satz vom ausgeschlossenen Dritten] auf S die Möglichkeit sowohl von S als auch von B einzuschränken scheint.«). Nur ganz am Rande neigt Wallace in diesem Briefwechsel auch einmal zu typischen College-Albernheiten, wenn er von Descartes als »Monsieur D« oder von Kant als »the Big K« spricht.

Im weiteren Verlauf der Suche nach einer Lösung des Taylor-Dilemmas griff Wallace zunehmend auf die Hilfe von Spezialisten zurück. Ihm war klargeworden, daß seine Argumentation ein neues formales Instrumentarium (nämlich eine systematische Semantik physikalischer Modalitäten) erforderlich machte, und er war klug genug zuzugeben, daß er, da er sich mit Logik weder befaßt hatte noch ein Naturtalent auf diesem Gebiet war, nicht ganz überblickte, wie dieses System aufgebaut werden mußte. So gehen drei der fünf für das System notwendigen »Regeln« (»Regel 1: [[tnp]]W = 1 genau dann, wenn [[p]]W, tn = 1«) auf Anregungen Garfields zurück, die beiden anderen entwickelte Wallace mit Unterstützung von Jamie Rucker, einem auf Logik spezialisierten Studenten des benachbarten Hampshire College, den er in einem Philosophieseminar in Amherst kennengelernt hatte.I Ohne die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern wäre Wallace kaum in der Lage gewesen, eine derart erstklassige Arbeit abzuliefern. »Er kam eben aus einer Familie von Philosophen«, merkte Garfield dazu an. »Andere Studenten begreifen zwar, worum es geht, nicht aber, wie man professionell arbeitet.«

Und wie gelang es Wallace nun, Taylors fatalistische Argumentation zu knacken? Wie es bei erfolgreichen philosophischen Unternehmungen oft der Fall ist, machte er eine scheinbar naive Frage zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen: Was genau bedeuten die Begriffe »notwendig« und »möglich« im Kontext von Taylors Argumentation? In der Logik werden diese Konzepte als Modalitäten bezeichnet, außerdem wird zwischen logischen Modalitäten und physikalischen Modalitäten unterschieden. Demnach ist logisch unmöglich, was gegen die Gesetze der Logik verstößt (also etwa, daß zwei plus zwei fünf sei), und physikalisch unmöglich, was sich nicht mit den Naturgesetzen vereinbaren läßt (etwa, daß sich ein Objekt schneller als das Licht bewege). Für jede dieser Modalitäten gelten gewisse unveränderliche Einschränkungen: Was physikalisch unmöglich ist, kann in der realen oder aktualen Welt, in der wir leben, zu keinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort der Fall sein; was logisch unmöglich ist, kann in der Vielzahl denkbarer Welten, die wir uns vorzustellen vermögen, zu keinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort der Fall sein.

So weit das Übliche. Wallace jedoch fragte sich: Was bedeutet es, wenn ich um 9:59 Uhr an meinem Schreibtisch in Brooklyn sage: »Es ist mir unmöglich, um 10 Uhr den Eiffelturm zu berühren.«? Offensichtlich soll damit nicht gesagt werden, daß diese Handlung logisch unmöglich wäre (denn sie ist ohne weiteres vorstellbar). Es soll aber auch nicht heißen, daß sie gegen die Naturgesetze verstieße (daß jemand um 10 Uhr morgens den Eiffelturm berührt, ist ein durchaus alltäglicher physikalischer Vorgang). Statt dessen scheint die Aussage eher zu bedeuten, daß es mir angesichts der bestehenden Umstände physikalisch nicht möglich ist, um 10 Uhr den Eiffelturm zu berühren. Wallace bezeichnete diese neuartige Modalität als »situative physikalische Modalität«. Im Gegensatz zu herkömmlichen logischen und physikalischen Modalitäten ist sie weder ewig noch unveränderlich gültig, sondern, wie das Beispiel mit dem Eiffelturm zeigt, hochgradig orts- und zeitabhängig. Die so getroffene Unterscheidung war in seinen Augen der entscheidende Schritt, da es in Taylors Argumentation tatsächlich um das situativ physisch Notwendige und Mögliche, mithin um situative physikalische Modalitäten geht. Ob es mir vor einem Moment möglich war, meine Pistole abzufeuern, hängt ja aus fatalistischer Sicht von physikalischen und temporalen Umständen ab, nämlich der Temperatur des Laufs und dem Zeitpunkt ihrer Messung.

Indem er Taylors Fatalismus-Aufsatz mit dieser Unterscheidung im Hinterkopf untersuchte, stieß Wallace auf eine Inäquivalenz in der Beweisführung, eine logische Zweideutigkeit. Demnach war Taylor entgangen, daß er es mit situativen physikalischen Modalitäten zu tun hatte, was dazu führte, daß er zwei mögliche Schlußfolgerungen seines Arguments gleichsetzte, die er eigentlich hätte auseinanderhalten und separat erörtern müssen. Zwar mögen die Behauptungen »Ich konnte meine Pistole nicht abfeuern« und »Ich kann meine Pistole nicht abgefeuert haben« zunächst ähnlich klingen, doch repräsentieren sie tatsächlich unterschiedliche Feststellungen, die sich auf verschiedene Zeitpunkte beziehen und unterschiedliche Formen des Unmöglichen behandeln. Die erste Behauptung – »Ich konnte meine Pistole nicht abfeuern« – verweist auf eine in der Vergangenheit liegende Situation, in der das Abfeuern der Waffe unmöglich gewesen sein soll, etwa weil die Waffe defekt war. Dagegen bezieht sich die zweite Behauptung – »Ich kann meine Pistole nicht abgefeuert haben« – auf eine in der Gegenwart liegende Situation, aus deren Sicht das Abfeuern der Waffe zu einem früheren Zeitpunkt unmöglich erscheint, weil sich beispielsweise der Lauf kalt anfühlt. Die erste Aussage verweist auf ein zu einem früheren Zeitpunkt bestehendes physikalisches Hindernis des Abfeuerns (den Defekt der Waffe); die zweite auf das gegenwärtige Nichtvorliegen einer physikalisch notwendigen Folge des Abfeuerns (den kalten Lauf). Als geübtem Sprachbeobachter fiel Wallace natürlich auf, daß es im Englischen bereits einen subtilen Indikator für diesen Unterschied gibt, nämlich die Formen »I couldn’t have done (such and so)« und »I can’t have done (such and so)«.

Die Frage war nun, welche Feststellung durch Taylors Beweisführung gerechtfertigt war. Die Aussage »Ich konnte meine Pistole nicht abfeuern, da ihr Lauf jetzt kalt ist« ist diejenige, die uns vor Probleme stellt, da uns die Vorstellung schaudern macht, daß ein erst nachträglich eintretender Zustand unsere Handlungsfreiheit im gleichen Maße einschränken soll wie etwa ein bereits bestehender Defekt der Waffe. Die zweite Aussage – »kann meine Pistole nicht abgefeuert haben, da ihr Lauf jetzt kalt ist« – bereitet uns hingegen keinerlei Schwierigkeiten. Sie verlangt von uns lediglich zu akzeptieren, daß ein später bestehender Zustand ein zuverlässiges Indiz für ein vergangenes Ereignis sein kann. Eine ungekräuselte Wasseroberfläche bedeutet demzufolge lediglich, daß ich nicht in diesem See geschwommen bin, nicht aber, daß ich nicht in ihm hätte schwimmen können. Folglich mußte Wallace zeigen, daß Taylors Argumentation, obwohl ihr Autor das Gegenteil behauptete, nur die eine Schlußfolgerung rechtfertigte, nicht jedoch die andere.

Das war allerdings leichter gesagt als getan. Zwar entsprach die Grundidee der Attacke Wallace’ Intuitionen, doch hatte die Entkräftung von Saunders’ Einwand gezeigt, daß der Verweis auf die Intuition nicht genügte. Daher entschied sich Wallace, jeden Schritt in Taylors Argumentation mit höchster Präzision nachzuvollziehen und zu explizieren, um sie ein für allemal zu widerlegen und den Fatalisten keinen Spielraum für Ausweichmanöver zu lassen. Für dieses methodisch anspruchsvolle Vorgehen benötigte er spezielle Symbole, Notationsweisen und logische »Operatoren«, um die von ihm definierten Erscheinungsformen des situativ physikalisch Notwendigen und Möglichen darstellen zu können. Und diese neuen Konventionen mußten nicht nur in die wissenschaftliche Debatte eingeführt, sondern auch mit einer kohärenten »Semantik« versehen werden, die die Interpretation der auf ihnen beruhenden Aussagen ermöglichte. So wie man bei der Einführung des Wurzelzeichens (√) in die Mathematik erklären mußte, was es bezeichnen sollte (die Umkehrung des Potenzierens) und wie es sich in den Rahmen der bestehenden Zahlentheorie fügte – genau so mußte Wallace nachweisen, daß seine Symbole sinnvoll waren, genau definierte Vorstellungen (nämlich situative physikalische Notwendigkeiten bzw. Möglichkeiten) repräsentierten und nicht im Widerspruch zu den bekannten Gesetzmäßigkeiten von Zeit und Raum standen.

habekonnte