Helmut Ziegler

Peng

Weihnachten am Vulkan

Illustrationen von

Isabel Kreitz

 

Vignette

 

 

 

FUEGO

– Über dieses Buch –

Alle Jahre wieder?

Nicht mit uns, sagen die Eltern des zwölfjährigen Robert. Weil ihnen Weihnachten ein Graus ist, reisen sie mit ihrem Sohn und dessen Freund, dem Pinguin Peng, auf die Vulkaninsel Lanzarote. Statt Schnee und Eis: Sonne und Strand. Statt Oh Tannenbaum-Gedudel Palmen und Meeresrauschen. Statt Weihnachtsstress: Entspannung pur.

Allerdings sind Robert und Peng nicht bereit, das Fest der Liebe einfach ausfallen zu lassen. Dem unzertrennlichen Duo kommt ein mysteriöser Mann zu Hilfe – angeblich der Nikolaus. Doch wer glaubt noch an den Weihnachtsmann? Robert nicht. Peng sowieso nicht. Und Roberts Eltern erst recht nicht.

So kommt es bei dreißig Grad im Schatten zu einer feierlichen Wette: Entweder erfüllt der Mann am Heiligabend einen ganz besonderen Wunsch – oder er muss für immer schweigen. Und Peng weiß, dass er sich etwas wünschen wird, was es auf Lanzarote nie zuvor gegeben hat ...

 

 

»Ich habe acht Mal laut gelacht. Und zwei Mal fast geweint.«

Dirk Bach

 

 

 

Wieder für Dich, Anton

 

 

 

»It doesn’t often snow at Christmas

the way it’s meant to do,

but I’ll still have a glow at Christmas

because I’ll be with you.«

 

Aus dem Song »It doesn’t often snow at Christmas«

der Pet Shop Boys

Erstes Kapitel

Eiszeit

Es war ein wolkenloser und heißer Sommertag, als Robert dem Weihnachtsmann begegnete. »Ach, du Elend«, war alles, was er sagte. Robert. Der Weihnachtsmann sagte nichts.

Neunundzwanzig Grad im Schatten betrug die Temperatur an diesem achten August, Robert hatte es gerade vom Thermometer am Ausgang des Waldbades abgelesen. Jeden Mittwoch in den Sommermonaten ging er hier mit Peng schwimmen. Obwohl er erst vor kurzem aus dem Wasser gestiegen war, klebte sein tannengrünes T-Shirt bereits wieder am Rücken.

Anfangs hatte er für ziemlichen Wirbel gesorgt, als er im Bad mit einem Humboldtpinguin auftauchte. Nicht nur, weil ein Pinguin unter den mächtigen Bäumen, auf den Liegewiesen, an dem kleinen Strand oder auf dem über den See ragenden Steg generell auffiel. Sondern vor allem, weil es Peng war: Jener Pinguin, der mit seiner Werbung für Fischstäbchen berühmt geworden war. Viele der Badegäste hatten ihn noch vor kurzer Zeit auf Plakaten oder im Fernsehen gesehen, sie wussten auch, dass er die Farbe seiner Federn je nach Stimmung verändern konnte. Deshalb standen sie zusammen, tuschelten und zeigten mit dem Finger auf Peng.

Aber mit der Zeit legte sich die Aufregung. Ärger gab es lediglich, wenn sich Peng tauchend an ahnungslose Rentner heranpirschte und ihnen mit seinem Schnabel die Badehose runter zog.

»Ich denke, dass ist hier ein FKK-Bad«, hatte sich Peng jedes Mal gerechtfertigt.

»Was bedeutet, dass die Besucher hier nackt baden dürfen, Peng«, hatte Robert geantwortet. »Dürfen, nicht müssen. Und schon gar nicht bist du es, der darüber entscheidet.«

Robert stauchte Peng erst gewaltig zusammen, dann entschuldigte er sich bei dem verstörten Rentner, der versuchte, seine Hose möglichst unauffällig wieder hochzuziehen. Schwamm der dann allerdings weiter und war außer Sichtweite, prusteten beide heftig los. »Super, Peng«, sagte Robert und bekam vor lauter Lachen kaum noch Luft. »Und nächste Woche zeige ich dir meine Deutschlehrerin.«

Ansonsten schwammen sie um die Wette, wobei Robert allerdings jeden Zweikampf verlor, Peng war einfach zu schnell. Dafür bekam Peng keine vernünftige Arschbombe hin, er tauchte automatisch geschmeidig in das Wasser ein. Und nach dem Baden, auf dem Nachhauseweg, kamen sie an der Eiszeit vorbei.

So hieß die beste Eisdiele der Stadt. Der Besitzer mischte sein Eis nicht nur sorgfältig selbst, er kombinierte es auch einfallsreicher als alle anderen Eisdieler. Nur bei ihm gab es ein Vanille-Eis, in dem sich in Zucker geröstete und mit Schokolade überzogene Erdnüsse befanden. Ein Nuss-Nougatcreme-Eis mit Butterkekskrümeln und Tortenbodenstücken. Oder ein Kirsch-Eis mit Melonenstücken und gefrorenen Gummibärchen, die Robert immer langsam im Mund auftauen ließ.

Kurz bevor Robert den Weihnachtsmann entdeckte, hatte er Peng erwartungsvoll von der Seite angesehen und gefragt: »Hej, was hältst du jetzt von einem Eis?«

Nur zu gern erinnerte er sich an das erste Mal, als er dem kleinen Pinguin vorgeschlagen hatte, ein Eis zu probieren. »Ich leck’ doch nichts ab, wo Robben drauf gepinkelt haben«, hatte Peng ihn angefaucht.

Robert hatte laut gelacht und ihm erklärt, was für ein Eis er meinte. Wenig später schlenderten beide die Straße entlang, Peng mit einem Eis am Stiel zwischen seinen Flügeln. Immer wieder schoss seine kleine Zunge aus dem Schnabel hervor.

»Lecker«, lautete sein einziger Kommentar.

Seither spielten beide ihr Spiel. Kamen sie an der Eiszeit vorbei, wartete Robert ab, ob der Pinguin nach einem Eis fragte. Das tat Peng aber nie, schon deshalb, weil er seinen besten Freund gern aufzog. Manchmal lag die Eisdiele bereits hinter ihnen, doch schließlich hielt Robert es nicht mehr aus und fragte nach. Und Peng antwortete. Jedes Mal entrüstet, jedes Mal anders. Auch diesmal hatte Robert als erster die Geduld verloren.

Peng enttäuschte ihn nicht. »Ich ess’ doch nichts«, sagte er ohne sein Gesicht zu verziehen, »was noch vom letzten Winter übrig ist.« Während Robert noch grinste, betrat der Humboldtpinguin schon watschelnd die Eisdiele.

Der Besitzer und die Verkäuferinnen hatten sich längst daran gewöhnt, dass einmal pro Woche prominente Kundschaft aufkreuzte. Mehr noch, direkt neben der Eistheke mit den zwanzig verschiedenen Sorten hing inzwischen ein gerahmtes Foto an der Wand, auf dem Peng zu sehen war. Eine Waffel mit drei riesigen Kugeln klemmte zwischen seinen Flügeln und sein Gefieder leuchtete golden, wie immer, wenn er äußerst zufrieden war. Außerdem zwinkerte er dem Betrachter zu, wie er es auch damals in den Werbespots für die Fischstäbchen gemacht hatte – sein Markenzeichen. Diese Werbung ließ sich der Eisdieler aber auch etwas kosten. Bei jedem Besuch erfreute er Peng mit einer neuen, ausgetüftelten Eiskreation.

»Hallo, Peng«, begrüßte ihn der Chef. »Ich habe da etwas, das solltest du unbedingt probieren. Japanisches Wildlachseis.«

Eis mit Fisch? Robert tat, als müsse er sich übergeben. Peng aber nickte wild begeistert.

»Und du, Robert?«

»Eine Kugel Gummibärchen und eine Ananas-Minze, bitte.«

»Mit bunten Streuseln?«

Robert schüttelte den Kopf.

Der Eisdieler blickte den Pinguin an. »Und du, Peng? Frische Gräten drauf?«

 

Vor der Eisdiele

 

Als sie die Straße weiter Richtung Zuhause gingen, beide ihr Waffeleis schleckend, kamen sie an einem kleinen Supermarkt vorbei. Ruckartig blieb Robert stehen. Als wäre alle Kraft aus seiner Hand gewichen, ließ er sein Eis fallen. Es klatschte auf den Asphalt.

»Ach, du Elend«, murmelte er.

»Wass’n los?«, fragte Peng, den Schnabel voller Eis.

Robert zeigte auf das Schaufenster. Ein riesiger, mit Folie über die ganze Scheibe geklebter Weihnachtsmann blickte ihm direkt in die Augen.

Peng verstand nicht ganz, warum Robert sich so erschrecke. Der Weihnachtsmann sah aus, wie man sich den Weihnachtsmann halt vorstellte: rote Mütze, roter Mantel, rote Stiefel mit Pelzbesatz, weißer Bart, runde Wangen, runder Bauch. Nur die Augen waren nicht ganz gelungen, sie blickten unfreundlich und waren von einem stechenden Grüngrau, wie beißender Qualm.

»Geht früh los dieses Jahr«, sagte er und leckte weiter an seinem Eis.

Das hatte Robert eigentlich nicht gemeint. Aber Peng hatte Recht: Die Sommerferien waren noch nicht zu Ende, er stand hier mit einer Sonnenbrille, in T-Shirt und kurzer Hose, seine nackten Füße steckten in Sandalen und in dem kleinen Rucksack auf seinem Rücken befanden sich eine Frisbee-Scheibe und ein nach Gras und Sonnencreme riechendes feuchtes Badetuch. Und zur gleichen Zeit trudelten in den Geschäften die ersten Paletten mit Christstollen, Lebkuchenherzen und Schokoladenweihnachtsmännern ein.

»Viel zu früh«, sagte Robert leise. »Viel zu früh.«

»Hast du was gegen Weihnachten?«, fragte Peng erstaunt. Nach Roberts Tonfall zu urteilen, fühlte sein Freund sich geradezu bedroht.

»Ja«, antwortete Robert schnell. Er schluckte. Dann korrigierte er sich. »Nein.« Nach einer weiteren Pause sagte er: »Ach, ich weiß nicht.«

»Das nenne ich eine klare Auskunft«, sagte Peng. »Viel mehr Möglichkeiten gibt es auch nicht.«

»Ich finde Weihnachten schon toll«, versuchte Robert zu erklären. »Aber für meine Eltern ist es das Grauen.«

»Was soll’s?«, meinte Peng. »Für deine Eltern ist es auch das Grauen, welche Musik du hörst. Und, vor allem, in welcher Lautstärke.«

Robert grinste.

Peng grinste ebenfalls. Blitzschnell stellte er mit seinen Flügeln einige Kopffedern so hoch, dass sie an einen Irokesenschnitt erinnerten. Dann ließ er sie knallrot aufleuchten, begann zu tänzeln, schwenkte seine Eiswaffel wie ein Mikrofon vor dem Schnabel und sang ein Lied, das Robert ihm schon häufig vorgespielt hatte. »Ich lieg’ am Strand / mit einem eiskalten Getränk in meiner Hand / ich hab’ ’ne Sonnenbrille auf / weil ich sie brauch’ / die Sonne scheint mir auf den Bauch …«

Robert begann mit den Fingern rhythmisch zu schnipsen und stimmte in den Gesang ein. »So geht’s doch auch / oh-wee-uuh-huuuh-hiii-hui-hu-hu / oh-wee-uuh-huuuh-hiii-hui-hu-hu …«

Als beide bemerkten, dass sie von einigen Passanten angestarrt wurden, brachen sie den Gesang ab und in lautes Gelächter aus.

Wer durch gestanden hatte, was sie durch gestanden hatten, der ließ sich von ein paar glotzenden Spaziergängern nicht verwirren. Irgendwann hatten die Beiden festgestellt, dass sie – ein elfjähriger Junge und ein Pinguin – miteinander reden konnten. Mit Hilfe seiner Mutter hatte Robert Peng eines Nachts aus dem Vogelpark entführt, in dem er als einziger Humboldtpinguin unter lauter Königspinguinen lebte. Das war keine schöne Zeit gewesen, die Königspinguine hatten ihn herumkommandiert, ständig mit ihren spitzen Schnäbeln gepiekt, bis er blutete. Da Peng die Farbe seiner Federn verändern konnte, kam Roberts Mutter auf die Idee, ihn zum Star einer Werbekampagne für Fischstäbchen zu machen. Da sich aber die Farbe seiner Federn nicht so veränderte, wie es der Werbeboss Mister Glitz befahl, quälte der Peng jedes Mal. Er sperrte ihn sogar über ein Wochenende in eine dunkle Holzkiste, weil die Federn nie golden glänzten, sondern kotzgrün anliefen. Robert hatte ihn aus diesem Gefängnis befreit und sie beschlossen, Mister Glitz zu zeigen, was eine Harke ist. Peng übertraf sich selbst, die Aufnahmen klappten vorzüglich, doch dann verlangte der Werbeboss immer mehr. Außerdem drehten einige Fans durch und rissen Peng die Bauchfedern aus, die sie als Trophäe behalten wollten. Viel Mut und allerlei Tricks hatten sie gebraucht, um sich wieder aus den Fängen des Werbebosses zu befreien. Sogar ein Einbruch war dabei gewesen – aber sie hatten es geschafft.

Nachdem sie einige Schritte weiter gegangen waren, wurde Robert wieder still. Er ging schleppend und mit hängendem Kopf. Seine Aufmunterung, so musste Peng feststellen, hatte nur kurz angehalten.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte er, als sie das Haus fast erreicht hatten. Dabei kannte er die Antwort schon.

»Nee«, sagte Robert knapp. In seiner Hosentasche wühlte er nach dem Haustürschlüssel.

»Warte mal«, sagte Peng. Er blieb auf dem Gehweg stehen und schaute zu Robert hoch, blickte ihm direkt in die Augen. »Was ist denn los mit dir?«

Robert sackte langsam auf den Bordstein zusammen, als hätte man die Luft aus ihm heraus gelassen. »Meine Eltern haben sich getrennt«, sagte er schließlich.

Peng blinzelte überrascht. Das war nun wirklich keine Neuigkeit. Seit er Robert kannte, lebte der bei seiner Mutter, mit seinem Vater aber verbrachte er die meisten Wochenenden.

»Weiß ich doch«, sagte er leise nach einem Moment des Zögerns. Dann legte er Robert seinen rechten Flügel auf die Schulter. »Und klar, das ist doof. Obwohl, du hast wenigstens Eltern. Meine habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Aber egal. Die Trennung ist doch schon lange her, oder?«

»Sieben Jahre.«

»Eben«, sagte Peng. »Wie gesagt, richtig doof. Aber auch ewig her. Und eigentlich ist es gar nicht so schlecht. Beide lieben dich und würden alles für dich machen. Außer deine Hausaufgaben. Und dein Zimmer räumen sie natürlich auch nicht auf. Was echt hart ist, denn du hast sogar zwei, eins bei deiner Mutter, eins bei deinem Vater.«

Der Witz kam nicht an, das spürte Peng sofort. Deshalb sprach er schnell weiter.

»Toll ist auch, dass du, wenn der eine dir etwas verbietet, immer noch den anderen fragen kannst. Mit anderen Worten: Langsam solltest du drüber weg sein.«

»Blöde ist nur«, sagte Robert, ohne auf Pengs Einwände einzugehen, »sie haben sich genau an Heiligabend getrennt, aber trotzdem das ganze Programm durchgezogen: Kekse backen, Lieder singen, Tannenbaum schmücken, dann kam der Weihnachtsmann …«

»Der echte Weihnachtsmann?«, unterbrach ihn Peng.

»Quatsch. Den gibt es doch gar nicht. Irgendein Nachbar, der sich verkleidet hatte. Allerdings habe ich damals geglaubt, er sei der echte. Ich war ja noch ein Baby. Aber trotzdem habe ich bemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Meine Eltern haben sich die ganze Zeit entweder angezickt oder gar nichts gesagt. Und jedes Mal, wenn sie mich angeschaut haben, hatte einer von ihnen Tränen in den Augen.«

Robert machte eine Pause. Peng kam es so vor, als säße sein Freund in der Vergangenheit fest.

»Das Fest der Liebe«, sagte Robert dann. »Der schönste Tag des Jahres. Pah, von wegen. Und die Kekse waren auch angebrannt.«

»Wie furchtbar«, sagte Peng.

Robert warf seinem Freund einen bösen Blick zu. Nahm Peng ihn etwa nicht ernst?

»Ich habe mir gerade verbrannten Fisch vorgestellt«, verteidigte sich Peng, dem der Blick durch Mark und Feder gegangen war. »Und war Weihnachten dann immer so schlimm?«

»Anstrengend. Beide haben sich bemüht, fröhlich mit mir zu feiern, aber es war immer … so verkrampft. Wenn du entdeckst, dass der Weihnachtsmann einen falschen Bart trägt, aber alle um dich herum tun so, als sei es doch der echte Weihnachtsmann, dann fühlst du dich verarscht. So ähnlich war das. Nein, schlimmer, weil du ja nicht nur an den anderen zweifelst, sondern auch an dir selbst. Ich dachte damals, alles sei nur meine Schuld.« Robert seufzte leise. »Was aber das Schlimmste ist«, fuhr er fort, »seither hassen meine Eltern Weihnachten. Immer streiten sie sich, aber ausgerechnet da sind sie einer Meinung.«

»Verstehe«, sagte Peng. Aber nur, um überhaupt etwas zu sagen. Denn in Wahrheit verstand er gar nichts. Das Weihnachtsfest nicht und das Getue der Menschen darum erst recht nicht.

Robert hatte ihm einmal die Weihnachtsgeschichte erzählt, von der Geburt Jesu im Stall und natürlich auch vom Weihnachtsmann mit den Geschenken. Peng hatte sich wirklich bemüht, aber er konnte es nicht begreifen. Also, ehrlich: Nur weil vor mehr als zweitausend Jahren ein auserwählter Pinguin aus einem Ei geschlüpft war, würde er dessen Geburtstag bestimmt nicht jedes Jahr feiern. Da wären längst die nächsten Küken auf der Welt, um die man sich kümmern musste. Erst recht würde niemand auf die Idee kommen, dass irgendein Pinguin deshalb Geschenke überreicht bekäme. Von wem auch? Von einem dicken, rot gekleideten Pinguin mit Bart vielleicht, der mit einem von Rentieren oder, das passte vermutlich besser, von Albatrossen gezogenen Schlitten vom Nordpol über den Himmel zum Südpol rauschte? Außerdem, Iglus mit Kaminen, durch die der Weihnachtspinguin klettern konnte, gab es auch nicht. Von Socken, in die die Geschenke gestopft würden, ganz zu schweigen.

Aber natürlich sagte Peng in diesem Moment kein Wort von dem, was ihm durch den Kopf schoss. Es war schlimm genug, dass Robert so traurig war.

»Ich kann mir genau vorstellen«, sprach Robert weiter, »wie das von heute an weiter gehen wird.« Er sah Peng nicht mehr an, sondern stützte seine Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Eine einzelne Träne zerplatzte auf dem Gehweg.

»Nicht traurig sein«, sagte Peng.

»Ich bin nicht traurig. Ich bin wütend.« Robert holte tief Luft. »Mein Vater wird von diesem Dichter erzählen.« Er sprach betont tief und bedeutungsvoll, als müsse er im Deutschunterricht ein Gedicht aufsagen: »Schon wieder nah’n die Weihnachtstage, Gott, hilf mir, dass ich sie ertrage.« Robert ließ seine Stimme wieder fallen. »Jeden Tag bis Weihnachten wird er das sagen.«

Peng fühlte sich zunehmend unwohl. So mies gelaunt kannte er seinen Freund gar nicht.

»Und meine Mutter wird einen Adventskranz mit nur drei Kerzen auf den Küchentisch stellen. Und jedem erklären, ob er es wissen will oder nicht, dass der Erfinder des Adventskranzes es damals auch so gemacht hat. Wegen der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist oder so.«

»Klingt doch logisch«, sagte Peng.

Aber Robert beachtete ihn gar nicht. Offenbar hatte ihn die Erinnerung an die vergangenen Weihnachtsfeiern fest im Griff.

»Beide«, fuhr er mit bebender Stimme fort, »werden sie mich an den Adventssamstagen in die Kaufhäuser schleppen. Dann, wenn die richtig pickepackevoll sind. Und dann werden sie auf den Rolltreppen oder vor den Kassen für lange Staus sorgen, indem sie einfach vor der ersten Stufe stehen bleiben und sich umschauen oder ewig nach ihrem Portemonnaie kramen. Wenn irgendwer zu nörgeln beginnt, werden sie den ausführlich darüber belehren, dass Weihnachten die Zeit der Stille ist, dass Frieden auf Erden und unter den Menschen ein Wohlgefallen herrschen soll.«

»Klingt, als hätten deine Eltern Spaß«, sagte Peng.

»Wahrscheinlich sogar das. Wenn sie sich nicht streiten, ärgern sie andere«, sagte Robert. »Himmel, das wird voll peinlich.«

»Ach, komm«, sagte Peng. »So schlimm wird es nicht gleich werden.«

Robert stand auf und klopfte sich den Dreck von der Hose. »Schlimmer«, sagte er und seufzte, während er die Haustür aufschloss. »Das wird garantiert noch viel schlimmer.«

 

Wie jeden Mittwoch kam sein Vater gegen halb sieben von der Arbeit, zwei tiefgekühlte Spinatpizzen und frischen Fisch unter dem Arm. Die Pizzen wanderten sofort in den Backofen. Bis der Käse goldbraun zerlaufen war, schnibbelten Robert und sein Vater noch schnell einen Salat.

»Na, wie war’s im Waldbad?«, fragte sein Vater. »Hat Peng wieder unter Wasser Rentner angepeilt und versucht, ihnen die Badehose zu klauen?«

»Das haben wir ihm doch verboten«, antwortete Robert. Er schaute kurz zu Peng, aber das Gesicht des Pinguins war ausdruckslos. Roberts Vater streichelte seinem Sohn lächelnd durch das struppige Haar.

Robert liebte diese Mittwochabende, gerade weil sie immer gleich verliefen. Seinen Vater sah er nicht mehr nur an fast jedem Wochenende, sondern noch öfter, da seine Mutter im Moment viel arbeiten musste. Er besaß jetzt sogar einen Schlüssel für das Haus. Manchmal spielten sie im Garten noch Fußball, dann gab es Abendbrot, anschließend las sein Vater ihm vor und brachte ihn ins Bett. Wenn seine Mutter schließlich nach Hause kam, lieferte er Peng wieder im Vogelpark ab. Manchmal schaffte sie es auch rechtzeitig zum Essen, dann saßen sie auf der Terrasse wie eine richtige Familie: Vater, Mutter, Sohn und Pinguin. Ab und zu kam sogar Pica angeflogen, die mit Peng befreundete Elster.

Die Spinatpizza dampfte noch, als seine Mutter die Tür aufschloss.