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Wolf G. Rahn

Eine Frau im Fadenkreuz

N.Y.D. - New York Detectives





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Eine Frau im Fadenkreuz

Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

June March, Assistentin des bekanntesten Privatdetektivs New Yorks, wird auf dem Weg ins Büro angeschossen. Ihr Chef Bount Reiniger befürchtet zuerst, dass sich ein Ganove damit an ihm rächen will. Doch dann trifft er eher unfreiwillig auf das eigentliche Opfer des Anschlags, bei dem June nur zufällig ins Visier geriet: Chili Burns, ein Grafiker und Falschgeldexperte, der behauptet, man habe es auf ihn abgesehen. Sofort erklärt sich der smarte Detektiv bereit, dem reumütigen Fälscher zu helfen, die Gangsterbande, die ihn bedroht, dingfest zu machen. Währenddessen wird die Polizei von einem offensichtlich geistesgestörten Erpresser mit einer Bombendrohung in Atem gehalten - der Verrückte will das Krankenhaus in die Luft sprengen, in dem June March liegt ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Chili Burns - Er schleppt ein ganzes Waffenarsenal mit sich herum und bringt Bount in höchste Gefahr.

James Joffer - Er und seine Leute wissen, womit man seinen Willen durchsetzt. Man braucht nur eine MP

Ralph Munk - Hat sich geärgert. Mit einer Million Dollar könnte sich seine Laune wieder bessern.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen. Sie ahnt nicht, warum auf sie geschossen wurde. Doch auf sie warten noch viele böse Überraschungen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.



1

Der Mann im Dunkeln drückte seine Zigarette aus und fluchte. Wenn er etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann war es das Warten. Er wollte zupacken und, wenn es sein musste, auch Kopf und Kragen riskieren, aber dieses Herumsitzen und Lauern passte ihm ganz und gar nicht in den Kram.

Da er sich allein in dem Zimmer befand, konnte er seinen Ärger auch an keinem auslassen. Diese Erkenntnis nötigte ihm erneut ein paar deftige Flüche ab. Er starrte aus dem Fenster und erblickte doch immer nur das Gleiche: Unter ihm lag die siebente Avenue. Der Verkehr quälte sich träge in südliche Richtung. Beiderseits der breiten Fahrspuren hasteten Passanten zur Arbeit. Sie hatten zum größten Teil unlustige Gesichter und verkniffene Mienen.

Er betrachtete jedes Gesicht, aber das, auf das er wartete, war nicht dabei.

Es musste kommen. Er wusste es genau. Deshalb durfte auch seine Aufmerksamkeit nicht nachlassen, sonst konnte er sich gratulieren.

Ohne den Blick vom Fenster zu nehmen, zündete er sich eine neue Zigarette an. Die Luft war schon sehr stickig in dem engen Raum. Er lauerte bereits seit zwei Stunden, und während dieser Zeit hatte er für genügend Qualm gesorgt.

Er gähnte, dass die Kiefergelenke krachten. Doch dann schnappte die Kinnlade so plötzlich zu, dass die Zähne gegeneinanderknallten. Seine Augen verengten sich. Mit der linken Hand nahm er die Zigarette aus dem Mund und deponierte sie in einem billigen Ascher, der neben ihm auf der Fensterbank stand, mit der rechten langte er nach unten und kam mit einem Gewehr zurück. Es war eine schwedische Ljungman M42.

Diese Waffe benutzte er für heikle Aufgaben am liebsten. Dies hier war eine heikle Aufgabe. Sie durfte nicht schiefgehen.

Aus diesem Grund hatte er auch das Zielfernrohr aufgesetzt. Er besaß zwar ausgezeichnete Augen, doch die Entfernung war beträchtlich. Der Schuss musste sitzen. Wenn sein Opfer nicht sofort tot war, konnte das verheerende Folgen haben.

Der Mann grinste grausam. Sein Gesicht erinnerte an das eines Raubfisches, als er die Waffe in Anschlag brachte. Er brauchte sich nicht zu beeilen. Noch zwanzig Schritte, das waren ungefähr zehn Sekunden. Eine Ewigkeit für einen Könner wie ihn.

Sein Zeigefinger lag locker am Abzug. Er zitterte nicht. Warum auch? Sein Opfer hätte eher Grund dazu gehabt, doch es ahnte nichts davon, dass sich das Fadenkreuz eines Zielfernrohrs auf seine Brust richtete.

Der Mann atmete gleichmäßig. Das dünne, schwarze Kreuz auf der Brust seines Opfers bewegte sich dabei nicht. Alles war klar. Jetzt war der günstigste Zeitpunkt.

Er drückte ab.

Tief unter ihm ertönte ein Schrei. Im Nu bildete sich ein Ring von Neugierigen, die alles ganz genau sehen wollten. Dabei blickte niemand nach oben. Keiner entdeckte die zersplitterte Fensterscheibe.

Der Mann wartete noch einen Augenblick, während er die Waffe in einen schmalen Läufer einwickelte und sich die Rolle unter den Arm klemmte.

Er steckte sich die abgerauchte Zigarette wieder zwischen die Lippen und warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster. Sein Gesicht wurde grau. Jetzt zitterte er doch.

„Verdammt!“, murmelte er. „Das hat mir gerade noch gefehlt.



2

June Marchs Wagen stand in der Werkstatt. Ein paar Automarder hatten versucht, ihn zu knacken, waren dabei aber von einer Streife gestört worden. Immerhin waren sie ziemlich brutal zu Werke gegangen, und die entstandenen Schäden mussten repariert werden.

Aus diesem Grund hatte sie heute den Bus genommen, um ihre Arbeitsstelle zu erreichen. Von der Haltestelle hatte sie nur ein paar Schritte zu Fuß zu gehen. Sie war schon gespannt, ob Bount am gestrigen Abend bei der Suche nach diesem verrückten Burschen noch Erfolg gehabt hatte, der gedroht hatte, in der Wallstreet ein paar Bomben hochgehen zu lassen, falls die von ihm erworbenen Aktien einer Pleitefirma nicht auf den ursprünglichen Kurs gesetzt würden.

Menschen gab es!

Die hübsche Blondine schüttelte innerlich den Kopf. Heutzutage versuchte jeder jeden aus jedem Grund zu erpressen. Das schien das einfachste Erfolgsrezept zu sein, bei dem es die unterschiedlichsten Spielarten gab.

Ihre hochhackigen Schuhe klapperten über das Pflaster, doch der Lärm, den sie verursachten, wurde durch die vielfältigen Straßengeräusche der seit Stunden munteren Millionenstadt übertönt.

Ob Bount ihr neues Kostüm bemerkte? Sie hatte es erst gestern gekauft. Es war sündteuer gewesen, aber bei diesem Rot hatte sie einfach nicht widerstehen können. Es passte so gut zu ihren Haaren. Toby Rogers würde wahrscheinlich behaupten, sie sähe darin aus wie Rote Grütze mit Vanillesoße, aber der Dicke durfte ihr solche Unverschämtheiten sagen. Deswegen war sie ihm nicht böse. Bei passender Gelegenheit zahlte sie es ihm schon wieder zurück.

Ein paar Halbwüchsige auf Roller Skates bahnten sich rücksichtslos einen Weg durch die Passanten. Einige Leute spritzten erschrocken auseinander. June behielt ihre Richtung, und prompt lag einer der Kugellagerartisten auf der Nase und bedachte sie mit unschönen Titeln.

Die Blondine lachte nur. „Wenn du mit den Dingern nicht fahren kannst“, sagte sie, „solltest du dich doch lieber wieder im Kinderwagen schieben lassen.“

Sie wollte weitergehen, aber die beiden Freunde des Gestürzten stellten sich ihr drohend in den Weg. Einer griff sogar nach ihrem Arm, aber er konnte gar nicht so schnell denken, wie June sich aus seinem Griff löste.

„Ihr seid ein paar seltene Vögel“, meinte sie. „Der eine hat seine Füße nicht unter Kontrolle und der andere seine Finger.“

„Was hat das Flittchen zu dir gesagt?“, wollte der dritte wissen.

Eine schmale Hand klatschte in sein Gesicht. Er schrie wütend auf, wich aber vorsichtshalber einen Schritt zurück.

„Und du scheinst mit deinem Mundwerk Schwierigkeiten zu haben“, fuhr June March fort. „Am besten, ihr setzt euch irgendwo ganz still in eine Ecke. Dann könnt ihr wenigstens nichts falsch machen.“

Zwei Passanten lachten beifällig, aber die meisten achteten überhaupt nicht auf diesen Zwischenfall. Rüpel fielen täglich aus der Rolle.

Die drei Roller-Fans verständigten sich durch kurze Blicke. Sie waren nicht geneigt, sich von dieser Puppe maßregeln zu lassen.

Sie gingen gleichzeitig auf June los. Während einer versuchte, ihr die Schultertasche zu entreißen, wollte der zweite sie von vorn packen, und der letzte warf sich gegen ihre Kniekehlen, um sie zu Fall zu bringen.

Jämmerliches Geheul war die Folge.

Die Ledertasche mit der riesigen Messingschließe knallte dem verhinderten Räuber mitten auf die Nase und hinterließ eine blutige Spur.

Der Bursche, der auf Tauchstation war, bekam einen der spitzen Absätze zu schmecken, und trotz der aufreizenden Perspektive, die sich ihm bei klarem Blick geboten hätte, fand er keinen Gefallen an dieser unerwarteten Wende.

Der enthusiastische Faustkämpfer fand sich in Sekundenschnelle eng umschlungen mit einem Laternenmast, der seinen Flug stoppte. Er rutschte daran zu Boden und schüttelte wie ein regennasser Pudel verständnislos den Kopf.

„Ihr scheint ein bisschen schwer von Begriff zu sein“, meinte June March tadelnd. „So was findet man heutzutage ja öfter. Vielleicht glotzt ihr zu viel in die Röhre. Wenn ihr wollt, schreibe ich euch meine Ratschläge gerne auf. Ihr könnt sie dann auswendig lernen. Bei eurer Intelligenz müsstet ihr das bis zum Rentenalter geschafft haben.“

Der Lümmel an der Laterne würgte an einem Fluch. Der andere, der ebenfalls am Boden lag, kroch auf allen vieren davon in der Hoffnung, dass die wild gewordene Amazone ihn aus den Augen verlor.

Nur der Rothaarige, der sich das Blut aus dem Gesicht wischte, schüttelte drohend die Faust. „Wir lassen noch von uns hören, du Miststück. Verlass dich drauf!“

Sicherheitshalber spurtete er aber auf seinen Rollen los, und das war sein Glück, denn die Tasche mit der Metallschnalle war schon wieder unterwegs.

Auch die beiden anderen verdrückten sich eilig. Ihre Drohungen klangen noch in Junes Ohren, aber sie war schon längst wieder in Gedanken bei ihrer Arbeit. Sekunden später hatte sie die Rowdys vergessen.

Sie gliederte sich wieder in den Fußgängerstrom ein und ließ sich mit ihm treiben. Sie beobachtete, dass sie um diese Zeit zu Fuß immerhin etwas schneller vorankam, als wenn sie mit dem Wagen unterwegs wäre.

Trotzdem war sie froh, dass sie gleich die 54ste Straße erreicht hatte. An der Ecke befand sich das Gebäude, in dem sie in der vierzehnten Etage ihrem Job nachging.

Schon sah sie den breiten Eingang, als neben ihr eine hastige Bewegung entstand. Gleichzeitig spürte sie einen brennenden Schmerz in der Brust und einen so heftigen Schlag, dass sie taumelte.

Sie musste wohl einen Schrei ausgestoßen haben, denn plötzlich sahen alle Passanten sie an. Wie eine Woge, die sie erdrücken wollte, drängten sie auf sie zu und umringten sie.

June March wurde schwarz vor Augen. Sie sah noch, dass sich ein dunkler, feuchter Fleck auf ihrem neuen Kostüm bildete. Dann sank sie zu Boden.