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Silke Bekker, Alfred Bekker, Sandy Palmer, Ursula Gerber

Weihnachtslesebuch 2016

Ursula Gerber, Sandy Palmer, Alfred Bekker und Silke BekkerWeihnachtslesebuch 2016: Erzählungen

 

Erzählungen zur Weihnachtszeit, mal romantisch, mal heitr-besinnlich besinnlich und mal kriminell. Ein Buch für lange Winterabende am Weihnachtsbaum.

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Erzählungen von Sandy Palmer

Zwei Weihnachtsgeschichten: Lichterglanz in deinen Augen / Notruf am Heiligen Abend

von Sandy Palmer

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Der Umfang dieses Ebook entspricht 30 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Ebook beinhaltet folgende zwei Weihnachtsgeschichten:

Lichterglanz in deinen Augen

Notruf am Heiligen Abend

 

 

Lichterglanz in deinen Augen

Lichterglanz in deinen Augen

„Es ist furchtbar“, seufzte Bianca und sah verzweifelt zu ihrer Kollegin Julia hinüber, die gerade das Unmögliche möglich zu machen versuchte und drei Kundinnen gleichzeitig bediente. „Warum nur müssen die Leute immer auf die letzte Sekunde kommen und Weihnachtseinkäufe machen?“

Natürlich bekam Bianca keine Antwort auf diese leise gestellte Frage. Erstens hatte sie niemand gehört, dazu herrschte im vornehmen Herren-Ausstattungsgeschäft ‘Schneider & Söhne’ viel zu viel Betrieb, zweitens gab’s auf eine solch rhetorische Frage sowieso keine befriedigende Antwort.

Draußen vor der Tür spielte der Leierkastenmann mindestens zum dreißigsten Mal an diesem Tag ‘Stille Nacht, heilige Nacht’, und so ganz langsam begann Bianca dieses schöne alte Weihnachtslied zu hassen. Vor allem, wenn sie daran dachte, dass sie wirklich ein viel zu stilles, viel zu einsames Weihnachtsfest erleben würde.

Vor drei Monaten war ihre Beziehung zu Markus Steinmeier zerbrochen, weil der gut aussehende Anlageberater einfach nicht treu sein konnte.

Und da Bianca keine Familie mehr hatte, lagen einsame Feiertage vor ihr - eine Vorstellung, die sie die ganze hektische Einkaufsseligkeit ringsum nicht gerade besser ertragen ließ.

„Träumen Sie vom Weihnachtsmann?“ Eine dunkle Männerstimme, in der leises Lachen mitschwang, unterbrach ihre Gedanken.

„Entschuldigung.“ Bianca zuckte zusammen. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich brauche eine Krawatte - modisch, aber nicht zu auffällig. Zu einem grauen Anzug.“

Es war nicht schwer, den Kunden zufriedenzustellen, und Bianca freute sich, dass sie beide fast den gleichen Geschmack hatten. Der Mann mit dem dunklen Haar, in dem an den Seiten die ersten Silberfäden schimmerten, kaufte noch einen Anzug, einen Schal, ein Paar Handschuhe - und zum Schluss die wunderschöne Lederjacke mit dem Innenfell, die erst vor drei Tagen eingetroffen war.

Biancas Chef sah es mit Wohlgefallen, dass seine Erstkraft wieder einmal blendenden Umsatz machte.

„So, jetzt weiß ich wirklich nichts mehr, was mich noch länger hier halten könnte.“ Klaus Benrath sah die hübsche Verkäuferin lächelnd an. „Ich habe Ihretwegen ein Vermögen ausgegeben.“

Bianca zuckte zusammen. „Meinetwegen?“, fragte sie und sah ihn beinahe erschrocken an. „Aber das... das war doch nicht nötig!“

„Nein?“ Jetzt lachte er sie offen an. „Ich meine doch, denn ich bin sicher, dass Sie vor zwei Stunden meine Einladung zum Abendessen noch nicht angenommen hätten. Jetzt aber kennen wir uns ja schon ganz gut, nicht wahr?“

„Aber das geht...“

„Sagen Sie nicht, dass es nicht geht. Wenn man etwas wirklich will, geht alles.“ Er wurde plötzlich ernst. „Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.“

Es waren nicht nur seine Worte, vor allem sein ernster, ein wenig trauriger Gesichtsausdruck weckte Biancas Neugier. Und so kam es, dass sie sich nach Ladenschluss mit einem im Grunde Fremden in der gemütlichen Weinstube an der übernächsten Ecke traf.

Auf den Tischen standen kleine Weihnachtssterne, die Theke war mit einem geschmackvollen Adventsgesteck geschmückt, und von der Decke baumelte ein Kranz, an dem vier große rote Kerzen und große Schleifen in Rot und Gold prangten.

„Sehr nett ist es hier.“ Klaus Benrath sah sich kurz um. „Gediegen, gemütlich... man fühlt sich etwas abgeschnitten von der Hektik draußen.“

Bianca nickte. „Ich komme gern hierher. Die Wirtsleute kenne ich seit meiner Kindheit. Sie würden gern die Vorweihnachtszeit noch genauso gestalten wie früher. Aber... das geht nun mal nicht mehr. Die Zeit ist lauter, hektischer geworden.“

„Und das ist schade.“ Der Mann griff kurz nach ihrer Hand. „Um so schöner, dass es noch Menschen gibt, die diese Zeit der Besinnung zu schätzen wissen.“

Er sah ihr tief in die Augen, und Bianca spürte auf einmal, dass sich ihr Herzschlag beschleunigte.

„Ich habe leider auch nie Zeit, mich auf das so genannte schönste Fest des Jahres vorzubereiten“, gestand sie. „Der Job ist anstrengend, und abends bin ich froh, wenn ich mich in meinem Sessel ausstrecken und die Beine hochlegen kann.“

„Das verstehe ich. Nur... irgendwie erinnert mich die Vorweihnachtszeit doch daran, dass unsere Zeit hier auf Erden begrenzt ist und dass man es sich so schön wie möglich machen sollte. Was nützt all das Geldverdienen, Hetzen und Karrierestreben, wenn man unglücklich und allein ist - und eines Tages vielleicht viel zu alt und einsam, um sich am Erreichten noch wirklich freuen zu können.“

Bianca nickte. „Da haben Sie recht. Ich hatte auch eigentlich vor, Weihnachten zu verreisen, aber das hat sich leider zerschlagen.“

„Weihnachten in der Fremde?“ Klaus Benrath schüttelte den Kopf. „Das käme mir nie in den Sinn.“

„Mir eigentlich auch nicht. Doch mein Freund hat immer von Winterferien auf Barbados geträumt.“

„Ach so.“ Das klang enttäuscht, und auch der Gesichtsausdruck des Mannes verriet deutlich, wie enttäuscht er war.

Bianca brauchte ein paar Sekunden, ehe ihr bewusst wurde, was sie gesagt hatte. Sie lächelte - ein etwas trauriges, nicht ganz offenes Lächeln. „Markus... das Kapitel ist beendet. Nicht nur, dass er kein Weihnachtsplätzchen, keinen Bummel über den Christkindl-Markt und keine Adventskonzerte mochte - oder mochte auch nicht nur mit einer Frau befreundet sein.“ Sie verzog ein wenig das Gesicht. „Nun ja, ich bin eben altmodisch. Ich mag Weihnachten - und bestehe darauf, dass mein Freund mir treu ist.“

„Dieser Markus ist ein Dummkopf“, kommentierte ihr neuer Bekannter. „Aber... ich bin froh darüber.“

Dann wechselten sie das Thema, sie sprachen über neue Bücher, neue Operninszenierungen, und die Zeit verging wie im Flug. Als sie sich trennten, was es weit nach Mitternacht.

Markus brachte Bianca bis vor die Haustür, doch er machte keine Anstalten, sich nochmals mit ihr zu verabreden. Und so kam es, dass die junge Frau trotz eines wunderschönen Abends recht traurig ins Bett ging.

 

 

1

Am nächsten Morgen war die Welt in ein dünnes weißes Kleid gekleidet. Über Nacht hatte es geschneit, und die drei Blautannen vor dem Haus sahen wunderschön aus.

Doch leider hielt die weiße Pracht nicht, und der erste Schnee verwandelte sich rasch in graubraunen Matsch.

Im Geschäft ging es hektisch zu, nicht mal eine Mittagspause ließ sich einlegen. Abends musste Bianca noch neue Ware auszeichnen helfen, es galt, ein paar besonders gefragte Posten neu zu bestellen. Und so wurde es extrem spät, bis sie heimgehen konnte.

Schon an der Wohnungstür hörte sie das Telefonklingeln, doch als sie abhob, war die Leitung schon wieder tot.

Sie schleuderte die Schuhe von den Füßen, vertauschte das Kostüm, das so etwas wie Dienstkleidung war, mit einem bequemen Hausanzug aus Nickistoff. Dann aß sie der Einfachheit halber nur ein Brot und machte es sich dann auf der Couch bequem, wo sie die Weihnachtsplätzchen knabberte, die ihr Tante Margret jedes Jahr gleich Anfang Dezember schickte.

So vergingen vier Tage, vier Abende, vier Nächte... bis auf einmal Klaus Benrath wieder vor ihr stand. Er lächelte sie auf so liebevolle Weise an, dass sie nichts anderes konnte als zurückzulächeln.

„Ich habe Sie vermisst“, sagte der Mann leise und zärtlich.

„Ich war jeden Tag hier.“

„Ich leider in New York und in München. Aber jetzt hab ich Zeit - für Sie, wenn Sie mögen.“

Bianca nickte nur. Und so verbrachten sie einen wunderschönen Abend auf dem Weihnachtsmarkt, ehe sie in eine alte Kirche traten, in der gerade ein Orgelkonzert stattfand.

Bianca lauschte andächtig, und es geschah ganz wie von selbst, dass Klaus ihre Hand ergriff und zärtlich drückte.

So saßen sie, hörten dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach zu - und begannen zu begreifen, dass dieses Jahr Weihnachten ein ganz besonderes Fest für sie werden würde.

Als sie die Kirche verließen, schwiegen beide. Klaus führte Bianca zu der großen Tanne, die auf dem gepflasterten Vorplatz stand und die mit Hunderten von Kerzen bestückt war.

„Ich will dich nie wieder verlieren“, sagte er und zog einen schmalen Ring aus der Jackentasche.

„Aber... wir kennen uns doch noch gar nicht“, wandte sie leise ein.

„Wir haben noch ein ganzes Leben lang Zeit, und genau kennenzulernen“, meinte Klaus und legte den Arm um ihre Schultern. Und dann küsste er sie zum ersten Mal. Lange. Innig. Mit einer Zärtlichkeit, die Bianca nie zuvor erlebt hatte.

Dann gingen sie Arm in Arm durch die lichterfüllte Stadt, und der Zauber dieser ganz besonderen Zeit nahm sie ganz für sich ein.

Als es wieder zu schneien begann, gingen sie in eine Weinstube und wärmten sich ein wenig auf, dabei erzählten sie sich von früher, lernten sich immer ein wenig besser kennen.

Und dann, gerade als Klaus von einem völlig verkohlten Gänsebraten erzählte, den seine jüngste Schwester einmal zubereitet und der entsetzten Familie als besondere Delikatesse empfohlen hatte, trat ein Mann ein, bei dessen Anblick Bianca erstarrte.

„Du lachst ja gar nicht“, meinte Klaus und sah sie fragend an. „Du, es war irre komisch, als Sabine erklärte, die schwarze Haut sei im Kochbuch vorgeschrieben. Und die Apfelringe, die sie über das ganze Tier gelegt hatte, waren auch ungenießbar, da sie ja das verbrannte Fett aufgesogen hatten.“

Bianca reagierte nicht, sie starrte auf den Mann, der mit strahlendem Lächeln auf eine ältere, mit viel zu viel Schmuck behangene Dame zuging und ihr galant beide Hände küsste.

„Lass uns gehen“, flüsterte Bianca und sah Klaus bittend an.

Er nickte nur, stellte keine Fragen und winkte der Bedienung, um zu zahlen. Erst draußen wollte er wissen:

„Wer oder was hat dich denn so aus der Fassung gebracht, Liebling?“

„Markus... das war Markus“, flüsterte Bianca.

„Ach so.“ Klaus biss sich auf die Lippen. „Er bedeutet dir also immer noch sehr viel.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht.“

Aber er konnte ihr nicht glauben, und das war furchtbar. Klaus Benrath litt Höllenqualen. Da hatte er geglaubt, in Bianca die Frau fürs Leben gefunden zu haben, einen Menschen, mit dem er hundertprozentig auf gleicher Wellenlänge lag - und nun musste er erkennen, dass sie ihren Ex-Freund einfach nicht vergessen konnte.

„Er... er hat sich mit der Frau meines Chefs getroffen“, hauchte Bianca da. „Das ist doch furchtbar!“

Der Mann verstand erst nicht, was sie meinte.

„Er hat ein Verhältnis mit der Frau meines Chefs, dieser Miesling“, schimpfte Bianca da los. „Er schreckt wirklich vor nichts zurück, wenn mal wieder Ebbe in seiner Kasse ist. Wetten, dass sie zusammen verreisen? Er sucht doch nur jemand, der ihm den Karibik-Trip finanziert, von dem er so schwärmt!“

„Ist das alles?“, wollte Klaus wissen.

Sie sah ihn fassungslos an. „Mir reicht das. Du, Herr Ebersburg ist ein so netter Mensch, er hat es einfach nicht verdient, so hintergangen zu werden.“

Klaus zog sie zärtlich in die Arme. „Daran können wir nichts ändern“, sagte er leise. „Aber wir können alles tun, um es besser zu machen. Wollen wir gleich damit anfangen?“

„Und wie?“

„Na, am besten so“, meinte er und küsste sie, dass sie für eine Weile alles andere vergaß. Nur noch Klaus zählte. Seine Liebe. Seine Wärme. Das Glück, das sie in seinen Armen erleben durfte und das sie nie, nie aufs Spiel setzen wollte.

Wieder begann es zu schneien, und vom nahen Kirchturm begannen Glocken zu läuten. Es war Advent. Es war die schönste Zeit des Jahres, die Zeit, die Frieden und Glück in die Herzen der Menschen bringen sollte.

Für Bianca und Klaus war das große Glück ganz unverhofft Wirklichkeit geworden.

 

ENDE

 

 

 

Notruf am Heiligen Abend

Pünktlich zu Heiligabend fielen die ersten Schneeflocken vom Himmel, zauberten zusätzlich zu den festlich geschmückten Straßen Weihnachtsstimmung herauf. Nur in der Sonnenklinik war davon nichts zu spüren, denn im Operationssaal kämpfte Dr. Bastian Steinhaus um das Leben eines jungen Patienten...

 

 

1

„Du machst nicht nur an den Weihnachtstagen freiwillig Dienst, sondern auch schon Heiligabend?", erkundigte sich der Internist Karsten Hagen ungläubig bei Bastian Steinhaus, der seit einiger Zeit Chefarzt der Sonnenklinik in Saalbach war. „Wieso denn nur?"

„Erstens bin ich noch relativ neu hier", erklärte Bastian, „und es schadet nicht, wenn ein Chefarzt mit gutem Beispiel vorangeht. Zweitens habe ich keine Familie, und drittens ist Weihnachten in einem Krankenhaus etwas ganz Besonderes. Da bildet man eine Art Notgemeinschaft, und das schweißt zusammen."

Karsten schüttelte den Kopf. „Mag ja sein, aber ich finde, du übertreibst. Ich kann jedenfalls gut auf dieses besondere Erlebnis verzichten."

„Sollst du ja auch", erwiderte Bastian gutmütig. „Wer eine schöne junge Frau und eine niedliche kleine Tochter zu Hause hat, der soll, wenn es geht, an einem solchen Tag unbedingt bei ihnen sein."

„Schade, du klingst, als seist du wirklich fest entschlossen", sagte Karsten. „Wir wollten dich nämlich gern einladen, Heiligabend bei uns zu verbringen, aber die Einladung kann ich mir dann ja wohl sparen, oder?"

„Kannst du. Mein Entschluss steht fest. Aber keine Angst, ich werde sicher ein sehr schönes Weihnachtsfest in der Sonnenklinik verbringen. Zumindest hab ich in den letzten Jahren feststellen können, dass es ganz reizvoll war, mit anderen Singles zusammen den Heiligen Abend zu feiern."

An dieses Gespräch und Karstens zweifelnden Blick auf seinen letzten Satz hin musste Jochen denken, als er am Morgen des 24. Dezember einen Anruf aus der Notaufnahme erhielt. Es war seine Kollegin Johanna Krüger, die normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen war. Jetzt jedoch klang sie ausgesprochen aufgeregt.

„Herr Steinhaus, bei uns ist gerade ein Unfallopfer eingeliefert worden . Der Mann muss sofort operiert werden, aber ich habe erfahren, dass kein Team zur Verfügung steht. Dabei drängt es, seine inneren Blutungen sind groß."

„Ich bin sofort bei Ihnen", sagte er knapp und machte sich eilig auf den Weg nach unten in die Notfall-Ambulanz.

Gleich darauf stand er vor dem schwerverletzten Mann, dem bereits eine Infusion angelegt worden war, um den Kreislauf zu stabilisieren. Er war noch ziemlich jung, vielleicht Mitte Dreißig, groß und kräftig, mit dunklen Haaren.

Sein Gesicht war wachsbleich.

„Was fehlt ihm?", fragte Dr. Steinhaus leise.

„Er muss innere Verletzungen haben, es könnte ein Milzriss sein, das befürchtet auch der Notarzt, der ihn eingeliefert hat. Seine Bauchdecke ist bretthart. Er muss rasch operiert werden, sonst verblutet er. Außerdem ist seine Wirbelsäule mit ziemlicher Sicherheit verletzt“, antwortete die Kollegin. „Es kann also sein, dass eine Lähmung droht. Man hat ihn schon so fixiert, dass keine unglückliche Bewegung die Verletzungen noch vergrößern kann.“

„Du liebe Güte", murmelte Bastian. „Eine dieser Verletzungen allein wäre schon schlimm genug..."

Johanna Krüger nickte unglücklich. „Ja, ich weiß. Und das ausgerechnet heute..." Sie brach verlegen ab. „Es ist dumm, das zu sagen, ein schwerer Unfall ist an jedem Tag schlimm. Aber mir kommt es immer so vor, als sei es an Heiligabend noch ein wenig schlimmer als sonst."

Bastian nickte, er empfand es genauso. Dann fragte er: „Wie heißt er denn?"

„Jens-Peter Stollenberg."

„Familie?"

Sie zuckte mit den Schultern. „Er will nichts sagen. Dabei ist er seit ein paar Minuten ansprechbar. Aber er reagiert nicht auf meine Fragen."

Bastian wandte sich an den Mann und beugte sich über ihn. „Herr Stollenberg", sagte ruhig, „bitte, sehen Sie mich an. Sie sind sehr schwer verletzt, und wir müssen Sie operieren. Sagen Sie mir, wen ich benachrichtigen soll."

Der Mann sah ihn an, während er mühsam atmete.

„...gibt niemanden...", brachte der Schwerverletzte endlich heraus.

„Ich bin sicher, dass es jemanden gibt", widersprach Bastian ruhig und ließ den neuen Patienten dabei nicht aus den Augen.

Tatsächlich veränderte sich der Gesichtsausdruck des Schwerverletzten. „Meine Frau...", begann er, brach aber sofort ab.

Bastian wartete einige Sekunden, dann fragte er eindringlich nach: „Ja, was ist mit Ihrer Frau?"

„...hat mich verlassen. Anderer Mann. Sie brauchen sie nicht zu benachrichtigen."

„Wo ist Ihre Frau jetzt?"

Jens-Peter Stollenberg versuchte den Kopf zu schütteln, stöhnte laut auf und lag dann wieder ruhig.

„Wohnen Sie in Saalbach. Herr Stollenberg?"

„...Hohenberg..." Als er diese beiden Worte herausgebracht hatte, verlor Jens-Peter Stollenberg das Bewusstsein.

„Bringen wir ihn nach oben", kommandierte Bastian. „Ich werde ihn selbst operieren, Frau Krüger.“

 

 

2

Corinna Stollenberg sah sich aufatmend in dem kleinen Zimmer um, das sie gerade gemietet hatte. Immer hatten Jens-Peter und sie davon geträumt, Weihnachten noch einmal in den Bergen zu verbringen, in der gleichen Pension, in der sie während ihrer Hochzeitsreise gewohnt hatten. Nun würde sie sich diesen Traum allein erfüllen, denn mit Jens-Peter würde sie nie wieder zusammen Weihnachten feiern.

Heute war Heiligabend - aber zum Glück war es noch früh. Wenn erst überall die Lichter an den Weihnachtsbäumen angezündet wurden... Noch nie war sie an diesem Tag allem gewesen. Sie hatte Hohenberg schon vor drei Tagen verlassen, war zuerst in einem anderen Ort gewesen, doch da hatte sie keine Ruhe gefunden.

Erst heute Morgen war ihr klar geworden, dass sie hierher wollte, wo sie einmal glücklich gewesen war.

Sie biss sich heftig auf die Lippe, um nicht zu weinen. Alles war schiefgegangen zwischen Jens-Peter und ihr. Sie hatten in der letzten Zeit nicht einmal mehr miteinander reden können, da war die Trennung schließlich das einzig Richtige gewesen. Trotzdem tat es unendlich weh, erkennen zu müssen, dass die Ehe zum Scheitern verurteilt war.

Das Schlimmste daran war, dass sie selbst durchaus nicht unschuldig an dieser Situation war. Hätte sie damals nicht ein wenig zu heftig mit einem von Jens-Peters Kollegen geflirtet... Dabei machte sie sich gar nichts aus dem Mann, und es war auch nichts vorgefallen, aber offenbar hatten alle, die auf jener Party dabei gewesen waren, das gedacht. Einschließlich Jens-Peter, und der war zutiefst verletzt gewesen.

„Wie kannst du mich so bloßstellen?", hatte er sie am nächsten Tag fassungslos gefragt.

Das war der Anfang vom Ende gewesen. Sie hatte sich entschuldigt, hatte versucht, mit ihm zu reden - aber alles war vergebens gewesen. Er hatte kein Vertrauen mehr zu ihr gehabt.

Und sie? Warum hatte sie ihm nicht gesagt, dass sie ihn verdächtigte, ein Verhältnis mit einer jungen Frau aus seinem Büro haben und dass sie ihn eigentlich nur hat provozieren wollen mit dem kleinen Flirt?

Nachdenklich blickte Corinna auf das verschneite Dorf, das vor ihr lag. Wie friedlich das alles wirkte! Wie idyllisch! Aber auch hier gab es gewiss Menschen, die einander verletzten, die nicht mehr miteinander redeten und sich dadurch unglücklich machten.

Es klopfte leise, und Frau Burgstaller, die freundliche Pensionswirtin, steckte den Kopf zur Tür herein.

„Ist alles in Ordnung, Frau Stollenberg?", fragte sie, und ihre Augen spiegelten das Mitgefühl wieder, das sie angesichts dieser so unglücklich wirkenden jungen Frau verspürte.

Vor acht Jahren war Corinna Stollenberg mit ihrem Mann hier gewesen - ganz jung verheiratet und so glücklich waren sie gewesen, dass sie allen Leuten, mit denen sie zusammengekommen waren, ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hatten. Aber jetzt war Frau Stollenberg allein - und wenn sich Frau Burgstaller nicht täuschte, dann stand es mit ihrer Ehe nicht zum Besten.

Die Pensionswirtin machte einen weiteren Versuch, mit der jungen Frau ins Gespräch zu kommen.

„Oder brauchen Sie noch etwas? Sagen Sie mir nur, wenn Sie noch eine Decke oder ein Kissen haben möchten. Bei uns in den Bergen ist es kalt.'" Sie hatte 'besonders, wenn man allein ist' hinzufügen wollen, ließ es aber, als sie Corinnas Gesichtsausdruck sah.

Die junge Frau lächelte, aber es war ein so trauriges kleines Lächeln, dass Frau Burgstaller fast das Herz brach.

„Danke, ich brauche nichts. Es ist wunderschön bei Ihnen, Frau Burgstaller. Ich in froh, dass ich hierher gekommen bin.“

 

 

3

Es war ein Not-Team, mit dem Bastian Steinhaus im OP stand: Außer einer Anästhesistin standen dem Chefarzt der Sonnenklinik nur sein junger Assistenzarzt und eine OP-Schwester zur Verfügung.

Jens-Peter Stollenberg hatte tatsächlich einen großen Milzriss davongetragen, und Bastian und sein Assistent hatten alle Mühe, die Blutungen zu stillen. Schon nach kurzer Zeit musste der Chirurg erkennen, dass sie den Patienten nur retten konnten, wenn die Milz entfernt wurde, zu nähen war die große Wunde nicht. Sie arbeiteten konzentriert, nur unterbrochen von gelegentlichen leisen Warnrufen der Anästhesistin: Herz und Kreislauf des Patienten waren nicht stabil und drohten mehr als einmal zu versagen.

Dr. Steinhaus versuchte nicht daran zu denken, dass Jens-Peter Stollenberg auch noch eine schwere Rückenverletzung hatte, deren Folgen bisher noch nicht abzusehen waren. Sie hatten zuerst den Bauch öffnen müssen, um die inneren Blutungen zum Stillstand zu bringen - aber wenn der Patient diese Operation überstanden hatte, dann musste sein Rücken behandelt werden. Sie konnten nur hoffen, dass Johanna Krügers Befürchtungen sich nicht bewahrheiteten, denn sonst stand dem so kräftig wirkenden Mann ein Leben im Rollstuhl bevor.

„So", sagte Bastian schließlich aufatmend zu seinem Assistenten. „Das war's, den Rest schaffen Sie sicher auch allein. Ich sage Bescheid, dass wir ihn gleich zum CT bringen. Aber Vorsicht, bewegt ihn nicht. Wir müssen ausschließen, dass eine eventuelle Verletzung sich noch vergrößert.“

Der junge Arzt nickte eifrig, froh darüber, dass er die Gelegenheit gehabt hatte, dem berühmten Chef zu assistieren. Er machte sich sofort daran, die Operationswunde zu schließen.

„Wie geht's ihm?" fragte Johanna Krüger besorgt, als Dr. Bastian Steinhaus, müde von der Operation, in die Notaufnahme zurückkehrte.

„Er hatte einen Milzriss, ganz wie Sie vermutet haben. Die Operation hat er einigermaßen gut überstanden, aber stabil ist er nicht. Danach ist seine Wirbelsäule geröntgt worden, wir haben auch noch eine CT gemacht. Ob er gelähmt bleiben wird, können die Kollegen allerdings noch nicht sagen. Das Gewebe ist so geschwollen, dass sich das Ausmaß der Gefäßverletzungen noch nicht erkennen lässt. Man muss einige Tage abwarten, bevor man Genaueres sagen kann."

„Der arme Mann", sagte sie leise. „Er ist noch so jung!"

„Ja", bestätigte Bastian ernst, „das würde für ihn ein bitteres Weihnachtsfest."

„Wo ist er jetzt?", erkundigte sich seine Kollegin.

„Auf der Intensivstation. Sein Kreislauf ist instabil. Er hat uns während der Operation große Probleme bereitet."

„Was ist mit seinen Angehörigen? Wissen die Bescheid?'"

„Ich werde mal sehen, ob ich bei ihm zu Hause jemanden erreiche", sagte Dr. Steinhaus. „Zwar habe ich ihn so verstanden, dass er und seine Frau sich getrennt haben, aber man weiß ja nie.“

„Auch wenn sie sich getrennt haben", meinte die junge Ärztin nachdenklich „..so wird sie sicher wissen wollen, was mit ihm passiert ist."

„Ja, davon gehe ich auch aus. Ich werde jedenfalls versuchen, sie zu erreichen."

„Viel Glück", wünschte Johanna leise, und Dr. Steinhaus nickte dankend.

 

 

4

Lena Winkelmann sah sich um, ob sie auch nichts vergessen hatte.

Nein, die Blumen waren alle versorgt, es gab hier nichts mehr zu tun für sie. Wie verlassen das Haus wirkte! Dabei war Corinna erst seit drei Tagen weg. Aber seit Jens-Peter ausgezogen war, hatte das Haus ohnehin nicht mehr die gleiche Atmosphäre wie früher.

Obwohl die beiden offenbar fest entschlossen waren, sich scheiden zu lassen, hoffte Lena noch immer auf eine Versöhnung. Sie wohnte im Haus nebenan - hatte dort schon gewohnt, als Stollenbergs hierher gezogen waren, als jung verheiratetes, glückliches Paar. Sehr rasch hatten sie sich angefreundet, und es tat weh, zu erkennen, dass sie sich jetzt ganz offensichtlich nicht mehr verstanden und eine endgültige Trennung bevorstand.

Das Telefon klingelte, und sie erschrak. Sie ließ es klingeln, denn der Anrufbeantworter war eingeschaltet. Damit hatte sie nichts zu tun. Sie hatte die Blumen versorgt und würde jetzt nach Hause zurückkehren. Heute war schließlich Heiligabend, da gab es noch eine Menge zu tun.

Der Piepton nach der Ansage erklang, und gleich darauf erfüllte eine angenehme Männerstimme den Raum. „Hier spricht Dr. Bastian Steinhaus von der Sonnenklinik. Ich habe eine dringende Nachricht für Frau Stollenberg. Ihr Mann ist heute Morgen schwer verunglückt und danach bei uns eingeliefert worden..."

Mit einem Satz war Lena beim Telefon, schaltete den Anrufbeantworter aus und meldete sich atemlos: „Ja, hallo?"

„Frau Stollenberg?"

„Nein, hier ist Winkelmann, ich bin eine Nachbarin und habe gerade die Blumen gegossen, als ich Ihre Nachricht hörte. Was ist passiert?"

Sie lauschte den Schilderungen des Arztes, ohne ihn zu unterbrechen. Als er schließlich geendet harte, war sie sehr blass geworden. „Es steht also schlecht um ihn?"

„Die Operation hat er jedenfalls überstanden, viel mehr darf ich Ihnen nicht sagen, das verstehen Sie sicher. Aber es wäre wichtig, Frau Stollenberg zu erreichen."

Unwillkürlich kamen ihr die Tränen. Sie konnte nichts sagen, ahnte aber, dass es nicht gut um Jens-Peter stand.

„Wissen Sie, wo sich Frau Stollenberg aufhält?", wollte der Arzt am anderen Ende der Leitung wissen.

„Nein", antwortete sie zögernd. „Sie hat gesagt, dass sie in die Berge fahren will, aber ich weiß nicht, wohin. Stollenbergs waren nie in den Bergen, sie sind immer ans Meer gefahren, wenn sie Urlaub machten.“

„Hat sie eventuell Verwandte dort? Oder Freunde? Es muss doch einen Grund geben, warum sie in die Berge wollte!" Die Stimme des Arztes klang drängend.

„Nein, niemanden, soviel ich weiß. Sie ist nur einmal mit ihrem Mann in den Bergen gewesen - sie haben ihre Hochzeitsreise dahin gemacht. Davon haben sie am Anfang noch oft gesprochen. Das muss sehr schön gewesen sein. Die Pension hieß Burgstaller, das weiß ich noch ganz genau, die Wirtsleute waren offenbar sehr nett.'"

„Und können Sie sich an den Ort erinnern?"

„Sie glauben doch nicht, dass sie dorthin gefahren ist?", fragte sie verwundert. „Das kann ich mir nämlich nicht vorstellen, weil die beiden sich ja trennen wollen. Sie haben sich in letzter Zeit wohl auseinander gelebt."

Der Arzt ging nicht darauf ein. sondern wiederholte seine Frage: „Wie heißt der Ort?"

Sie sagte es ihm, und er bedankte sich hastig. Er hatte schon aufgelegt, bevor sie noch eine weitere Frage stellen konnte. Nachdenklich verließ sie das Haus.

 

 

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