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BIANCA IOSIVONI

DAUGHTERS of DARKNESS

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LARA

ROMANTIC SUSPENSE

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LARA

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BIANCA IOSIVONI

© 2017 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH
8712 Niklasdorf, Austria

Covergestaltung: © Sturmmöwen

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903130-24-1

www.romance-edition.com

Inhalt

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

10. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13. KAPITEL

14. KAPITEL

15. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

18. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

EPILOG

SOUNDTRACK ZU DAUGHTERS OF DARKNESS – SYDNEY

DIE AUTORIN

DANKSAGUNG

1. KAPITEL

Sie spürte den exakten Moment, in dem er den Raum betrat. Obwohl Lara den Blick auf den Beamer gerichtet hielt und ihren Studenten die Morellische Methode zur Analyse von Gemälden erklärte, bemerkte sie den Neuankömmling sofort.

Eindeutig ein Mann, der die Tür hinter sich schloss und sich auf einen freien Platz in den hinteren Sitzreihen niederließ. Seine Schritte waren ausladend, schwer und selbstbewusst. Zu leise, um einer ihrer Studenten zu sein, der zu spät kam, und gleichzeitig zu laut für jemanden, der sich hier einschlich, um sie hinter Gitter zu bringen. Weil sie ihre freie Zeit damit verbrachte, Menschen für Geld zu töten.

Wer auch immer dieser Fremde war, er wollte, dass sie ihn bemerkte. Er wollte ihr eine Reaktion entlocken. Und genau aus diesem Grund zeigte Lara keine.

Sie fuhr mit ihren Erklärungen fort, als wäre nichts gewesen, auch wenn sich ihr die Nackenhaare bei dem Gedanken aufstellten, mit dem Rücken zu einem potenziellen Feind zu stehen.

Lara deutete auf die Schlummernde Venus auf der Leinwand. »Mithilfe von Morellis Methode konnten unzählige Gemälde ihren richtigen Künstlern zugewiesen werden. Dies ist der berühmteste Fall. Wer kann mir sagen, wem dieses Kunstwerk fälschlicherweise zugeordnet wurde, bevor Morelli den Irrtum aufklärte?«

Sie drehte sich zu ihrem Kurs um und ließ den Blick über die Köpfe wandern. Da waren ein paar Mädchen, die sie aus ihren anderen Seminaren als Gastdozentin kannte, da sie Kunstwissenschaft als Hauptfach studierten. Ein Sportler, der zu schlafen schien, ein paar gelangweilt dreinschauende Teens, die nur wegen den Punkten hier saßen, und ein paar Hipster mit Vollbart und Brillengestellen aus Holz.

Dann bemerkte sie einen Mann, der völlig reglos dasaß. Zurückgelehnt, mit einem Arm auf der Lehne des Nachbarsitzes. Seine ganze Haltung verströmte eine arrogante Gelassenheit, ganz so, als würde er an einem Pool liegen, statt seine Zeit in einem Hörsaal zu verschwenden.

Sie wusste, wer er war, noch bevor sie in sein Gesicht sah. Das zur Schau gestellte Selbstbewusstsein. Das Versprechen von Nervenkitzel und Gefahr. Schwarze Hose, schwarze Lederjacke und darunter ein strahlend blaues Hemd.

Alec.

Er zog einen Mundwinkel in die Höhe, als sich ihre Blicke trafen. Selbst auf die Entfernung bemerkte Lara, dass seine Augen genauso blau waren wie sein Hemd – vermischt mit einem Hauch von Grau. Vielleicht auch, weil sie es bereits wusste. Weil sie diese Augen aus nächster Nähe kannte.

Bei der Erinnerung daran zog sich etwas in ihrem Bauch zusammen – vor Erwartung gleichermaßen wie vor Wut. Was fiel diesem Mann ein, wiederaufzutauchen? Ausgerechnet hier?

»Mister Anderson?« Ihre eisige Stimme peitschte durch den Hörsaal. Sie wandte den Blick von Alec ab und richtete ihn auf einen jungen Mann mit breiten Schultern, der die Hände verdächtig unter dem Tisch hielt und nach unten starrte. »Wenn Sie damit fertig sind, sich in aller Öffentlichkeit einen runterzuholen, könnten Sie dann freundlicherweise an unserer Diskussion teilnehmen?«

Er lief knallrot an. »Ich habe nicht … ich würde nie …«, stammelte er und hielt zum Beweis sein Smartphone in die Höhe.

Im Saal kicherte es verhalten. Aus dem Augenwinkel bemerkte Lara Alecs Lächeln. Ihm hatte diese kalte Seite an ihr schon immer gefallen. Das Einzige, was ihm noch mehr gefiel, war es, diese Kälte in ihr zum Schmelzen zu bringen.

»Ausgezeichnet«, erwiderte Lara überfreundlich und ging langsam die Stufen zwischen den Reihen hinauf. »Wie Sie wissen, sind Handys in meinen Veranstaltungen verboten.« Sie blieb mit ausgestreckter Hand neben ihm stehen. »Sie bekommen es nach der Vorlesung zurück.«

Obwohl sie ihren Blick auf den Footballspieler gerichtet hielt, lag ihre Aufmerksamkeit woanders. Alec saß jetzt nur noch eine Reihe von ihr entfernt, ein Stück erhöht und direkt am Rand. Sie müsste nur die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren. Um ihre Finger in seinem dunklen Haar zu vergraben … über das glattrasierte Kinn zu streichen … oder ihm ein Messer in den Hals zu rammen.

Ihre Haut pulsierte unter dem Lederholster an ihrem rechten Knöchel, in dem sie ihre Wurfmesser aufbewahrte. Ein primitiver Teil von ihr wollte es tun. Wollte eines der Messer ziehen und es Alec an die Kehle halten, um ihn zum Reden zu bringen, um herauszufinden, warum er wieder da war. Aber wie so oft gewann ihr Verstand den Kampf. Sie war nicht der Typ für übereilte, temperamentvolle Entscheidungen. Diese Eigenschaften waren eher ihrer Kollegin Scarlett bei den Daughters of Darkness zuzuschreiben. Lara war der kühle Kopf des Ganzen. Und sie würde auch jetzt nicht dem Instinkt nachgeben, sich persönlich bei Alec für das zu bedanken, was er getan hatte.

»Aber die Vorlesung ist gleich vorbei«, protestierte der Student und zog damit wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich.

»Ich habe nicht von dieser Vorlesung gesprochen, sondern von der letzten in diesem Semester.«

»Was?«, rief er und riss die Augen so weit auf, dass sie beinah herausquollen. »Das können Sie nicht tun. Ich bin der Quarter…«

»Jeder hier weiß, wer Sie sind, Mister Anderson. Und ich bin sicher, Ihr Coach und meine Kollegen sind sich einig, dass Sie kein Handy benötigen, um die Saison zu gewinnen. Um genau zu sein, tue ich Ihnen sogar einen Gefallen damit.« Kaum ausgesprochen nahm Lara besagtes Handy an sich und drehte ihm den Rücken zu. Sie hatte weder die Zeit noch die Geduld für eine Diskussion mit jemanden, der glaubte, der nächste Joe Montana zu sein.

Als Lara zu ihrem Posten zurückging, spürte sie nicht nur Alecs brennenden Blick auf sich, sondern auch den aller anderen Anwesenden. Sie legte das Smartphone auf das Pult und wandte sich wieder den Studenten zu.

»Also?« Fragend zog sie eine Braue in die Höhe. »Wer kann mir die Antwort nennen?«

Eine Sekunde tickte vorbei, während Anderson noch immer deutlich hörbar vor sich hin fluchte. Zwei Sekunden. Alecs angedeutetes Lächeln wich einem interessierten Ausdruck auf seinem Gesicht. Als ob. Er war sicher nicht hier, um etwas über Kunstgeschichte zu lernen.

Ein Mädchen in einem roten Pullover hob die Hand. Lara nickte ihr zu. »Die Schlummernde Venus wurde zunächst für ein Gemälde des italienischen Malers Sassoferrato gehalten. Dank Morelli wissen wir, dass sie zu Giorgiones Werken gehört.«

»Richtig.« Die Wanduhr zu ihrer Rechten verriet Lara, dass es Zeit war, die heutige Vorlesung zu beenden. »Für das nächste Mal listet mir jeder von ihnen fünf Gemälde auf, die anhand der Morellischen Methode ihren richtigen Künstlern zugeordnet wurden, und beschreibt, anhand welcher Merkmale dies möglich war. Und ja, ich werde mir einige dieser Arbeiten anschauen«, fügte sie hinzu, als die ersten Hände in die Luft schossen. »Wir sehen uns nächste Woche.«

Einer ihrer übereifrigen Helfer, der sich bessere Noten erhoffte, eilte zum Beamer und schaltete ihn aus. Sonnenlicht drang in den Hörsaal, als die Jalousien knirschend nach oben glitten, und weckte auch diejenigen auf, die während der Vorlesung geschlafen hatten.

Leute sprangen auf und packten ihre Sachen zusammen. Stimmen und Gesprächsfetzen erfüllten den Saal ebenso wie die allgemeine Aufbruchsstimmung.

Ohne Alec aus den Augen zu lassen, lehnte sich Lara gegen das Pult, streckte die langen Beine aus, die in einem schwarzen Jumpsuit von Polo Ralph Lauren steckten, und überkreuzte sie an den Knöcheln. Herausfordernd zog sie eine Braue hoch, da sich Alec im Gegensatz zu allen anderen Menschen um ihn herum nicht rührte.

Glaubte er etwa, sie würde sich seinetwegen beeilen? Sicher, sie hatte Fragen. Und sie hatte das Bedürfnis, ihm ins Gesicht zu schlagen. Aber sie war klug genug, nichts davon vor ihren Studenten zu tun.

Sekundenlang hielt Alec ihren Blick fest, als wollte er sie allein damit dazu bringen, zu ihm zu kommen. Diesmal war Lara diejenige, deren Mundwinkel in die Höhe wanderten. Dieser Mann war es gewohnt, seinen Willen zu bekommen. Nicht, weil er ihn eiskalt durchsetzte, sondern weil er seinen Charme und sein Aussehen dafür nutzte, sein Ziel zu erreichen. Nach den acht Monaten, die sie gemeinsam verbracht hatten, kannte sie jeden seiner Tricks. Selbst wenn das inzwischen fast vier Jahre her war.

»Professor Sheppard?« Das Mädchen im roten Pullover riss sie aus ihren Gedanken. Widerwillig brach Lara den Blickkontakt ab, auch wenn sie wusste, dass Alec das als Sieg für sich verbuchen würde.

Sollte er ruhig. Sie hatte gerade erst angefangen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie er aufstand und den Hörsaal verließ, aber sie wusste, dass das nicht ihr letztes Wiedersehen gewesen war.

Rund eine halbe Stunde später war das Klacken ihrer High Heels das einzige Geräusch, das von den Wänden des langen Flurs widerhallte. Links und rechts gingen Türen ab, dazwischen hingen Pinnwände, die unter den ganzen Zetteln und Flyern kaum noch zu erkennen waren. Lara ging stur daran vorbei und folgte dem Gang bis zur letzten Tür. Doch je näher sie kam, desto leiser wurden ihre Schritte.

Sie war nur als Gastdozentin hier, dennoch stand ihr Name in dicken Blockbuchstaben auf der Tür. Prof. Dr. L. Sheppard. Eine einzige Lüge. Sie hatte weder einen Doktortitel, noch war das ihr richtiger Nachname. Aber er erfüllte seinen Zweck.

Nicht mal die anderen Daughters of Darkness ließen sich an den Universitäten blicken, an denen Lara hin und wieder unterrichtete. Sie wussten genau, wie wichtig es war, ihre Tarnung zu wahren. Eine Tarnung, die wunderbar funktioniert hatte. Bis jetzt. Bis Alec hier aufgetaucht war und diese Tarnung gehörig ins Wanken gebracht hatte.

Es überraschte sie nicht, dass die Tür zu ihrem Büro nur angelehnt war, statt geschlossen zu sein, wie sie sie zurückgelassen hatte. Alec war nicht untätig geblieben. Mit ziemlicher Sicherheit hatte er bereits ihr Büro durchsucht, während sie noch mit den Fragen ihrer Studenten beschäftigt gewesen war.

Sie drückte die Tür leise genug auf, um kein Geräusch zu verursachen. Wie erwartet saß Alec mit dem Rücken zu ihr in einem der beiden Sessel vor ihrem Schreibtisch.

»Schönes Büro, Professor Sheppard«, sagte er, ohne sich zu ihr umzudrehen.

In Gedanken kalkulierte Lara die Möglichkeiten. Er konnte sie nicht gehört haben. Wahrscheinlicher war, dass er den Luftzug gespürt hatte. Den Blick, der sich in seinen Hinterkopf bohrte.

Seine Stimme klang noch genauso wie früher: warm, mit einem rauen Unterton und einem Humor, der sich auch in dem Funkeln seiner Augen widerspiegelte. Dieser Mann konnte Witze reißen und dich im nächsten Moment während einer Mission im Stich lassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Genau das machte ihn so gefährlich.

»Danke«, erwiderte sie kühl und drückte die Tür hinter sich zu.

Das leise Klicken war wie ein unsichtbares Startzeichen. Alec stand auf und richtete seinen Hemdkragen, während Lara ihn langsam umrundete.

Sein schwarzes Haar war kürzer als früher, wenngleich noch immer leicht gewellt. Aus der Nähe bemerkte sie die Falten auf seiner Stirn, die in den vergangenen vier Jahren etwas tiefer geworden waren. Das tat seinem Aussehen jedoch keinen Abbruch, sondern verlieh ihm zusammen mit den harten Konturen etwas Verwegenes. Dank der High Heels, die Lara trug, waren sie fast gleich groß.

Seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, so herzlich, dass sie es ihm beinah abgekauft hätte. Beinah.

»Lang nicht geseh…« Ihre flache Hand traf auf seine Wange und ließ seinen Kopf herumfliegen. »Autsch! Gottverdammt!«

Wie gesagt, der Impuls, ihm ins Gesicht zu schlagen, war von Anfang an da gewesen. Und jetzt, da es keine Zuschauer mehr gab, hatte Lara kein Problem damit, diesem Drang nachzugeben.

Sie holte aus, doch beim zweiten Mal fing Alec ihren Arm ab. Das humorvolle Funkeln war aus seinen Augen verschwunden. »Einmal ist in Ordnung. Aber zweimal? Keine Chance, Süße.«

Süße? Oh, das würde er noch bereuen.

Lara warf ihm ein Lächeln zu, von dem sie wusste, dass es ihn ablenken würde. Und das tat es. Für einen winzigen Moment war Alec so unaufmerksam, dass sie ihm ihren Arm entreißen und mit dem anderen zuschlagen konnte. Es hatte seine Vorteile, von klein auf darauf trainiert zu werden, sowohl Links- als auch Rechtshänderin zu sein.

Doch Alec hatte gute Reflexe. Er wich ihrer Faust aus, machte einen halben Schritt zurück und stieß gegen den Sessel. Lara überbrückte die Distanz zwischen ihnen und packte ihn bei den Schultern, um ihn mit einem gezielten Tritt in die Weichteile zu Boden zu befördern. In letzter Sekunde blockte er ihr Knie ab, packte sie bei der Taille und wirbelte sie beide herum.

Ein Sessel fiel um, dann landete sie hart auf dem Schreibtisch. Ihr Kopf nur wenige Zentimeter von einem äußerst spitzen Briefbeschwerer entfernt.

Alec lächelte. »Wer hätte gedacht, dass du so schnell wieder unter mir liegen würdest?«

Bastard.

Lara stieß ihre Fersen in seine Knie, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und legte beide Hände an seinen Kopf. Mithilfe der Hebelwirkung stieß sie sich ab und rollte sich schwungvoll mit ihm herum. Doch im Gegensatz zu ihr landete Alec nicht auf dem Schreibtisch. Mit einem Höllenlärm krachten sie beide zu Boden. Papiere segelten durch die Luft, aber noch bevor sie den Boden berühren konnten, machte Lara einen Hechtsprung hinter den Schreibtisch. Sie riss die beiden Pistolen aus der Halterung unter der Tischplatte und sprang wieder auf die Beine.

Im selben Moment hörte sie das Klicken, mit dem Alec seine Waffe entsicherte. Eine schwarz-weiße Kimber Master Carry Pro. Manche Dinge änderten sich nie.

»Weg mit der Waffe.« Ihre Stimme war rasiermesserscharf, entlockte ihm aber nur ein schwaches Lächeln.

»Du zuerst.«

Als ob. Sie hatte auf die harte Tour lernen müssen, dass sie diesen Mann im Grunde überhaupt nicht kannte. Außerdem erinnerte sie sich noch sehr gut an seine Skrupellosigkeit. Wenn er es gewollt hätte, hätte er längst auf sie geschossen und sie blutend in ihrem Büro zurückgelassen. Die Tatsache, dass er es noch nicht getan hatte, konnte nur eines bedeuten: Er wollte etwas von ihr.

Wie dumm von ihm, es auf diese Weise einzufordern.

Die Tür ging krachend auf und schlug gegen die Wand. Sowohl Lara als auch Alec zuckten zusammen. Instinktiv richteten sie ihre Pistolen auf den Neuankömmling.

»Waffe fallen lassen!« Der Mann war riesig, füllte den gesamten Türrahmen aus und zielte mit seiner eigenen Pistole nicht auf Lara, wie sie es erwartet hatte, sondern auf ihren ungebetenen Gast.

»Dasselbe könnte ich auch sagen, Kumpel«, erwiderte Alec unbeeindruckt und zog die dunklen Brauen zusammen. »Wer zum Teufel bist du?«

Oh, das wusste Lara nur zu gut. Es war erst wenige Monate her, seit sie das letzte Mal mit ihm zu tun gehabt und ihn am Leben gelassen hatte. In der Hoffnung, ihn nie wiedersehen zu müssen.

Lara hielt die Pistole in ihrer linken Hand weiter auf den Neuankömmling namens Tyler Conway gerichtet, während sie mit der rechten wieder auf Alec zielte.

»Echt jetzt?« Er warf ihr einen ungläubigen Blick zu.

»Was wird das hier?« Zum ersten Mal richtete Lara selbst das Wort an die Männer, die sich mit ihren schwarzen Haaren, blauen Augen und dem trainierten Körperbau zwar ähnlich sahen, unterschiedlicher aber kaum sein könnten. »Ein Treffen der Anonymen Exfreunde

Zugegeben, diese Information hätte sie nicht preisgeben müssen, aber die Überraschung auf den Gesichtern der beiden war es mehr als wert. Ja, sie hatte eine Vorliebe für einen gewissen Typ: dunkelhaarig, attraktiv, gefährlich und ein Arschloch durch und durch. Aber das hieß nicht, dass sie auch die Geduld hatte, sich gleich mit zweien dieser Sorte auseinanderzusetzen. Schon gar nicht mit diesen beiden.

Der eine war während einer gemeinsamen Mission abgehauen und hatte sie im Stich gelassen. Der andere hatte sie benutzt und alles zerstört, was ihr lieb und teuer gewesen war. Die Frage war also nicht, wem von ihnen sie zuerst zuhören, sondern welchen der Männer sie zuerst töten würde.

Sie sah zwischen ihnen hin und her. »Ihr habt fünf Sekunden, um mir einen guten Grund zu geben, euch nicht an Ort und Stelle zu erschießen.«

Keine Reaktion. Stattdessen starrten sich die beiden an, als warteten sie darauf, dass der jeweils andere gleich tot umfallen würde. Männer …

Lara entsicherte ihre Pistolen. »Vier.«

Alec warf ihr einen kurzen Blick zu, in dem sich ein Hauch von Beunruhigung widerspiegelte. »Du würdest nie …«

»Drei.« Sie visierte die Köpfe der beiden an. »Zwei.«

»Ich habe den Krach gehört und bin davon ausgegangen, dass du Ärger hast. Zu Recht, wie es aussieht.«

Überraschend. Nicht die Tatsache, dass Tyler den Retter spielen wollte, sondern dass er zuerst sprach. Normalerweise blieb der ehemalige Navy SEAL so still, dass sie geradezu hören konnte, wie es hinter seiner Stirn arbeitete.

»Mein Held«, spottete sie, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Alec. »Und du, Darling?«

Alec ließ zwei weitere Sekunden verstreichen, ehe er seine Waffe senkte und sie wieder sicherte. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl sie als auch Tyler noch immer auf sein attraktives Gesicht zielten, wandte er sich jetzt an Lara. »Geschäfte.«

Interessant. Aber damit hätte sie rechnen müssen. Alec war ein ehemaliger Söldner, der sich als Schatzjäger und Kunstdieb einen Namen gemacht hatte. Alles, was er tat, war von Geld motiviert. Wenn er mit einem Angebot an sie herantrat, brauchte er ihre Expertise. Oder er wollte jemanden tot sehen. Man konnte zwar viel über diesen Mann sagen, aber er war kein Mörder. Er machte sich die Hände nicht gern schmutzig.

Anders als sie.

Widerwillig sicherte Lara ihre Pistolen und legte sie zurück auf den Schreibtisch. Es war ein Zeichen des guten Willens, aber sie war nicht so dumm, sie nicht in Griffweite zu behalten. Vertrauen war ein kostbares Gut, und sie hatte ihr Vertrauen in diese beiden Männer schon vor langer Zeit verloren.

»Du zuerst.« Sie nickte Alec zu, bevor sie sich an Tyler wandte. Ihre Stimme wurde um einige Grade kälter. »Wenn du nur den Helden spielen wolltest, herzlichen Glückwunsch. Mission erfüllt. Wenn du etwas anderes willst, kannst du draußen warten.«

Er zögerte. Zwischen seinen Brauen erschien eine tiefe Falte. Seine Augen waren von einem intensiveren Blau als die von Alec. Wenn Tyler Conway es darauf anlegte, konnte er ganze Truppen mit einem einzigen Blick zum Schweigen bringen. Und dabei strahlte er auch noch ein ruhiges Selbstbewusstsein aus. Es war von jener Art, die nicht bemüht wirkte oder zur Schau gestellt werden musste, weil es tief in ihm verankert war. Kein Wunder, dass ihn diese starke Präsenz bis an die Spitze seiner Einheit befördert hatte. Das und die Tatsache, dass er ihr Leben für eine Handvoll Informationen zerstört hatte.

Schweigend ließ er die Hände fallen, sicherte seine Sig Sauer und schob sie hinten in den Bund seiner Jeans. Bei jeder Bewegung rieb der Stoff seines schwarzen Shirts über seine Haut und erinnerte sie daran, wie es sich anfühlte, sie unter ihren Händen zu spüren. Die glatte Haut, die Narben von früheren Schusswunden, die unebenen Stellen, an denen sein Körper von Brandwunden gezeichnet war. Die verblassenden Linien seines Tattoos. Am Rande seines V-Ausschnitts konnte sie die letzten Ausläufer davon erkennen.

Ein letzter Blick aus diesen stechend blauen Augen, eine stumme Warnung, ja nicht abzuhauen, bevor er nicht mit ihr gesprochen hatte, dann machte Tyler auf dem Absatz kehrt. Wenigstens besaß er so viel Anstand, die Tür hinter sich zu schließen.

»Du hast wirklich ein Händchen für deine Männer«, murmelte Alec trocken.

»Sagt der Richtige.«

Er zuckte zusammen und hob die Hand in einer beschwichtigenden Geste. »Ich bin nicht hergekommen, um gegen dich zu kämpfen. Obwohl das da auf dem Schreibtisch irgendwie sexy war.«

Laras Mundwinkel zuckten, aber sie unterdrückte den Reflex sofort. »Was willst du?«

»Jetzt gerade?« Alec fuhr sich durch das Haar, was nur zur Folge hatte, dass ihm eine dunkle Strähne in die Stirn fiel und den irrationalen Wunsch in ihr weckte, sie beiseite zu schieben. Oh, er wusste genau, welche Wirkung er auf Frauen hatte. Alles, was er tat, sagte und wie er handelte, war genauestens kalkuliert. Leider machte ihn diese Tatsache nicht weniger anziehend. »Viel. Einen Scotch. Einen Whirlpool mit Aussicht über die Stadt. Ein gutes Gespräch. Angenehme Gesellschaft.«

Sie zog eine Braue in die Höhe. »Komm zur Sache.«

»Ein Abendessen.« Alec gab ihr keine Chance zu antworten. Auf einmal stand er so dicht vor ihr, dass sie den Duft seines Aftershaves wahrnehmen konnte. Kühl, herb, mit einem scharfen Unterton, der Gefahr und Erfüllung zugleich versprach. »Du und ich in einem Restaurant. Erstklassiges Essen, teurer Wein und vielleicht, oder vielleicht auch nicht, die Chance auf einen guten Deal.«

Lara gab sich immun gegen seine Verführungstaktik, obwohl ihr Körper sofort auf ihn reagierte. Wie ein verdammtes Streichholz, das er mit einer simplen Bewegung angezündet hatte. »Was für ein Deal?«

»Das erfährst du dann.« Er trat einen Schritt zurück. »Heute Abend? Sagen wir … sieben Uhr? Und zieh was Hübsches an. Ich will diese langen Beine sehen.«

Gegen ihren Willen musste Lara lächeln. Mit seinem Charme und seinem Auftreten, das pure Männlichkeit schrie, hätte er selbst einen Eisberg zum Schmelzen bringen können. Auch wenn er mit diesem ominösen Deal ihr Interesse geweckt hatte, war sie ehrlich genug, um vor sich selbst zuzugeben, dass Alec noch immer eine gewisse Wirkung auf sie hatte. Eine dramatische Wirkung. Was nicht hieß, dass sie so naiv war, darauf hereinzufallen.

»Acht Uhr«, sagte sie und ging zur Tür hinüber, um sie für ihn zu öffnen. Ein unmissverständlicher Rausschmiss. »Und ich gebe dir Bescheid, für welches Lokal ich mich entschieden habe.«

Alec schenkte ihr ein jungenhaftes Grinsen, bei dem seine Zähne aufblitzten. »Kann’s kaum erwarten.«

»Ach, Alec?«, säuselte sie, als sie auf einer Höhe waren. Er blieb stehen und zog fragend die Brauen hoch. Ihr Tonfall änderte sich schlagartig. »Nenn mich noch einmal Süße und ich schneide dir die Eier ab.«

Er erstarrte, dann lachte er auf – tief und warm und herzlich. »Alles klar. Bis heute Abend.«

Sie sah ihm nach, wie er den Flur entlangschlenderte, als hätte er nicht die geringste Sorge der Welt. Dann landete ihr Blick auf dem Mann, der mit verschränkten Armen an der Wand neben ihrem Büro lehnte. Sofort verschwand die Wärme aus ihrem Bauch und machte einer schmerzhaft vertrauten Kälte Platz.

Wortlos kehrte sie zu ihrem Schreibtisch zurück und lehnte sich dagegen, die beiden Pistolen griffbereit.

»Danke.« Tyler schloss die Tür leise hinter sich. Die Falte zwischen seinen Brauen war noch immer da und schien in den letzten Minuten sogar noch tiefer geworden zu sein.

»Also?«, fragte Lara mit beißendem Zynismus in der Stimme. »Womit kann ich dir helfen? Du weißt, ich tue nichts lieber als das.«

Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer. Tyler Conway war die Ruhe und Geduld in Person. Selbst bei ihrem ungeplanten Wiedersehen vor wenigen Monaten, als sie ihm aus einem Impuls heraus die Lippe blutig geschlagen hatte, hatte er diese Eigenschaften nie verloren.

Und das nervte sie. Es nervte sie sogar noch mehr als seine Anwesenheit in ihrem Büro. Konnten diese Männer ihr nicht wie in den guten alten Zeiten in einer dunklen Gasse auflauern? Seit wann standen offizielle Bürobesuche an der Tagesordnung?

»Es wird dich zwar überraschen«, begann er nach ein paar Sekunden, »aber ich brauche tatsächlich deine Hilfe. Um genau zu sein, braucht meine Einheit sie.«

Seine Einheit. Die Hunting Unit for Terrorism and Endangerment RiskS – kurz: die HUNTERS. Dieselbe Einheit, für die er schon gearbeitet hatte, als sie sich kennengelernt hatten. Nur, dass sie das damals noch nicht gewusst hatte.

»Wow.« Lara unterdrückte den Drang, überrascht aufzulachen. »Du musst wirklich verzweifelt sein, wenn du damit zu mir kommst.«

»Vielleicht bin ich das.« Tyler machte einen Schritt auf sie zu, aber sie brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Stehenbleiben. »Tatsache ist jedoch, dass du so ziemlich die Einzige bist, an die ich mich in dieser Sache wenden kann.«

Ein Prickeln wie von kalten Fingerspitzen breitete sich in ihrem Nacken aus. Lara ahnte es, noch bevor Tyler die Worte aussprach.

»Es geht um deinen Vater.«

Die Kälte in ihrem Nacken wurde zu Hitze, zu einer Flut an Emotionen. Rachsucht, Hass, Zorn, Abscheu jagten durch ihre Adern wie alles zerstörende Lava. Nichts davon richtete sich gegen ihren Vater, sondern gegen den Mann, der ihn hinter Gitter gebracht hatte. Den Mann, der jetzt vor ihr stand.

Mit eisernem Willen behielt sie jede Regung für sich, zeigte nichts von dem Orkan, der in ihr tobte. Sekunden verstrichen, in denen sich keiner von ihnen rührte, keiner den anderen aus den Augen ließ. Sekunden, in denen sich Eis auf diese Wucht an Gefühlen legte. So viel, bis sie alle darunter begraben waren und Lara sicher sein konnte, dass es nur noch ihr Verstand war, der aus ihr sprach. »Was willst du?«

Sein Blick wanderte durch den kleinen Raum. Instinktiv wusste Lara, wonach er suchte. Nach Überwachungskameras in den Ecken oder über den Gemälden, die neben den beiden Regalen an den Wänden hingen. Nach ungebetenen Zuhörern vor ihrem Fenster im Erdgeschoss. Nach Wanzen an ihrem mit Papieren und Büchern übersäten Schreibtisch.

Als er nichts davon fand, landete sein suchender Blick wieder auf ihr. »Ist dieser Raum sicher?«

Lara schenkte ihm ein Lächeln. »Offensichtlich nicht, wenn ihr zwei Clowns hier auftaucht.« Ungeduldig stieß sie sich von der Tischkante ab, umrundete den Schreibtisch und ließ sich in ihren gepolsterten Ledersessel fallen.

Das Erste, was sie getan hatte, als sie ihre Stelle als Gastdozentin an dieser Universität angetreten hatte, war, den durchgesessenen Schreibtischstuhl rauszuwerfen und mit einem Exemplar zu ersetzen, das zehnmal so teuer war.

»Rede.« Das Leder gab knirschend nach, als sie sich zurücklehnte und die Füße auf den Tisch legte. Für einen Sekundenbruchteil zuckte Tylers Blick zu ihren Beinen. Doch nicht so immun, Agent Conway.

»Ein ehemaliger Verbündeter deines Vaters ist wieder auf der Bildfläche erschienen«, sagte er ohne Regung in der Stimme. Ohne Reue, dass er dafür verantwortlich war, nicht nur ihre Familie, sondern auch ihre Geschäfte und alle damit in Verbindung stehenden Kontakte zerstört zu haben.

Mit den Fingerspitzen drehte Lara ihre Pistolen auf dem Tisch so, dass die Läufe exakt auf Tyler zielten. »Gut für ihn.«

Er musste die Zähne zusammenbeißen, denn sie konnte sehen, wie es in seinem Kiefer arbeitete. Genugtuung breitete sich in ihr aus, aber das war nur ein Tropfen in einem Meer aus Blut. Ein Meer, das er und seine Leute hinterlassen hatten, als sie in das Gebäude eingedrungen waren und … Lara blinzelte und vertrieb die Erinnerungen so schnell, wie sie aufgetaucht waren.

»Und schlecht für deinen Vater, wenn er entlassen wird und in der Zwischenzeit jemand anderes seine ganze Organisation übernommen und wiederaufgebaut hat.«

Lara lächelte. »Das auszusprechen, muss echt wehtun.«

»Das hier ist kein Freundschaftsbesuch.« Tyler stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte. »Wenn der Kerl vor uns an die Informationen kommt, war alles umsonst. Für uns und für euch.«

Jedes bisschen Amüsement verflüchtigte sich. Langsam nahm sie die Beine vom Tisch und stand auf, nur um sich genau wie Tyler mit den Händen auf dem Tisch abzustützen. Die Eisschicht auf ihren Gefühlen bekam einen gefährlichen Riss, dennoch zwang sie jede Emotion mit eiserne Willen zurück. Anders als Tylers steinerne Haltung, die einem der Wasserspeier an der Außenfassade des Gebäudes glich, war ihre weich und geschmeidig.

»Raus hier.« Ihre Stimme war nicht mehr als ein Hauch, gespickt mit einem stahlharten Unterton.

Tyler zeigte keine Regung. »Wir wissen, dass dein Vater vor seiner Verhaftung Dokumente mit den Namen all seiner Geschäftspartner, allen Bankkonten, Scheinfirmen und noch mehr an einem sicheren Ort deponiert hat. Wir haben alles auf den Kopf gestellt. Ohne Erfolg. Du bist seine Tochter. Wenn du nicht weißt, wo er die Informationen versteckt hat, wird er sich dir mit Sicherheit anvertrauen. Wir könnten eine Katastrophe verhindern.«

»Lass mich einen Moment lang darüber nachdenken.« Lara hielt seinen Blick fest, als sie sich so weit vorlehnte, bis ihre Lippen nur noch wenige Zentimeter von seinen entfernt waren. So nahe, dass sie jeden seiner mühsam beherrschten Atemzüge spüren konnte. »Nein.«

Er rührte sich nicht. Etwas Dunkles trat in seine Augen, als wollte er sie stumm dazu zwingen, ihm zu helfen. Die besttrainierten Soldaten mochten unter diesem Druck nachgeben, aber nicht sie. Nicht mehr. Dieser Mann hatte ihr schon einmal alles genommen – ihre Familie, ihr sicheres Heim, ihre Zukunft. Ihr Herz. Sie würde nicht zulassen, dass er je wieder die Chance dazu bekam.

»Wie du willst.« Tyler stieß sich vom Tisch ab und richtete sich auf. »Aber wir sind noch nicht fertig miteinander.«

»Oh doch, das sind wir.« Lara ließ sich in ihren Ledersessel zurücksinken und schlug die Beine übereinander. »Wenn ich dich das nächste Mal sehe, bringe ich dich um.«

Er zog die Brauen in die Höhe. »Ich dachte, die Daughters of Darkness töten keine Unschuldigen?«

»Du bist nicht unschuldig.«

Sie rechnete damit, dass er ihr widersprach. Dass er ihr Lügen und leere Drohungen entgegenwarf. Stattdessen nickte Tyler nur. »Da hast du recht.«

Dann drehte er sich um und ging. Diesmal ohne die Tür hinter sich zu schließen. Es war das einzige Zeichen dafür, dass er innerlich nicht so ruhig war, wie er sich nach außen hin gab. Das einzige Zeichen von Schwäche.

Genau wie das Zittern ihrer Hände.

2. KAPITEL

Flackernde Kerzenlichter, weiße Tischdecken, eine einzelne Rose in einer schlanken Vase auf dem Tisch, adrett gekleidete Kellner, Gespräche im Murmelton … Wenn Alec es nicht besser gewusst hätte, wäre er davon ausgegangen, dass es sich hierbei um ein Date handelte. Im Hintergrund wurde sogar leise Pianomusik gespielt. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn er ein Klavier entdeckt hätte, sobald er sich umsah.

Dafür blieb ihm jedoch keine Zeit. Kaum, dass die junge Frau ihn an seinen Tisch geführt und er sich gesetzt hatte, tauchte seine Begleitung auf. Wie immer pünktlich auf die Minute.

Alec lehnte sich zurück und gönnte sich den Moment, Lara von Kopf bis Fuß zu betrachten. Wie heute Vormittag im College trug sie das blonde Haar offen, doch jetzt fiel es ihr leicht gelockt über die Schultern. Ihre Augen waren dunkel geschminkt. Sündig, war das erste Wort, das ihm dazu einfiel. Genau wie beim Anblick ihrer roten Lippen.

Sie trug ein schwarzes Kleid im Stil der zwanziger Jahre. Es fiel locker herab, zeigte ihre nackten Arme und endete auf halber Höhe zu ihren Knien. Alec folgte ihren langen Beinen mit seinem Blick, bis er bei den Schnürsandaletten ankam. Verdammt. Er biss sich auf die Unterlippe. Allem Anschein nach hatte sie seine Vorlieben nicht vergessen.

Sie hielt seinen Blick fest, und er meinte, die Andeutung eines Lächelns in ihrem Gesicht zu erkennen. Als sie fast bei ihm angekommen war, stand er auf.

»Du siehst atemberaubend aus«, begrüßte er sie und streifte ihre Wange mit seinen Lippen. Dann rückte er ihr den Stuhl zurecht und setzte sich ihr gegenüber.

»Danke.« Lara legte ihre schmale Handtasche auf dem Tisch ab. »Du siehst auch nicht übel aus.«

Er grinste. Sie wussten beide, dass er in dem schwarzen Smoking mit weißem Hemd fantastisch aussah. Es passte zu ihr, sein Ego nicht noch zusätzlich zu pushen. Es war weiß Gott schon groß genug.

Alec gab dem Kellner ein Zeichen, der sofort mit der Weinkarte an ihren Tisch herantrat. Da er sich Laras Vorlieben gemerkt hatte, bestellte er einen Pinot Noir, ohne auch nur einen Blick in die Karte zu werfen. Auch beim Essen wurden sie sich schnell einig und wählten die Empfehlung des Hauses: Wagyū-Steak.

Zufrieden lehnte sich Alec zurück. Was die schönen Dinge des Lebens anging, waren sie schon immer auf einer Wellenlänge gewesen. Zu schade, dass sie damals so auseinandergegangen waren.

»Also?«, fragte Lara und schlug die Beine übereinander, wodurch er unweigerlich von der vielen nackten Haut abgelenkt wurde. »Worüber wolltest du mit mir reden?«

Alec sah ihr wieder ins Gesicht. Sie hatte sich Mühe gegeben. Lara war immer gut gekleidet und selten saß ein Haar an der falschen Stelle, aber heute Abend war da mehr. Sie hatte sich zurechtgemacht. Für ihn? Oder um ihm zu zeigen, was er nicht ganz freiwillig aufgegeben hatte? Er war kühn genug, auf Ersteres zu hoffen.

»Können zwei alte Freunde nicht miteinander essen gehen, ohne dass unlautere Motive dahinterstecken?«

»Können sie.« Laras Mundwinkel zuckten. »Aber wir sind weder Freunde, noch habe ich etwas von unlauteren Motiven gesagt.«

Überrascht registrierte Alec das Ziehen in seiner Brust. Es war so kurz wie eine Klinge gewesen, die seine Haut streifte – und genauso schmerzhaft. Interessant. Bisher hatte er nie etwas in seinem Leben bereut. Doch wenn er diese Frau so betrachtete, könnte sich das ändern.

»Außerdem hast du etwas von Geschäften gesagt«, fuhr sie fort. Ihre kühle Stimme vertrieb jedes ominöse Ziehen in seinem Brustkorb.

»Richtig.« Alec hielt inne, als der Kellner mit der Weinflasche zur Verkostung zurückkehrte und ihnen einschenkte. »Das heißt aber nicht, dass ich deine Gesellschaft nicht auch genieße«, fuhr er fort und hob sein Glas.

Lara schloss die Finger um den Stiel ihres Weinkelchs und stieß mit ihm an. »Auf gute Gesellschaft.«

Er hielt ihren Blick fest, als er einen Schluck vom Wein trank und das Glas dann abstellte. Später konnten sie noch die ganze Flasche leeren, wenn ihnen danach war, aber fürs Erste brauchte er einen klaren Kopf.

Seufzend lehnte er sich zurück und betrachtete Lara einen Moment lang. Unter anderen Umständen hätten sie das hier öfter haben können. Ständig. Wäre er nicht so ein geldversessener Mistkerl, würden sie sich heute vielleicht über einen gemeinsamen Urlaub in die Karibik unterhalten – oder darüber, wie sie den Rest der Nacht verbringen wollten.

»Tut mir leid, wie es damals gelaufen ist.« Die Entschuldigung kam ihm überraschend leicht über die Lippen. Vielleicht, weil er die Worte ausnahmsweise ernst meinte. Er lebte für das Abenteuer und krönte diese nur zu gern damit, attraktive Frauen zu verführen und jede Sekunde mit ihnen zu genießen. Aber Lara … Lara war schon immer anders gewesen. Und das nicht nur, weil sie im Gegensatz zu allen anderen auch seine dunkelsten Seiten kannte.

Langsam zog sie die schmalen Brauen hoch und musterte ihn über den Rand ihres Weinglases hinweg. »Was genau meinst du?« Sie trank einen Schluck, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Dass du mich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Myanmar gelockt hast? Oder, dass du mein Wissen ausgenutzt hast, bis du es nicht mehr gebrauchen konntest? Nein, warte.« Ihre Lippen verzogen sich zu einem eisigen Lächeln. »Vielleicht die Tatsache, dass du mich in den Händen von feindlichen Soldaten zurückgelassen hast und einfach abgehauen bist? Mit den Artefakten?«

Ja, er war eindeutig ein geldgeiler Bastard. Zu seiner Verteidigung: Er hatte die Artefakte zu hübschen Dollarscheinen gemacht und ihr später die Hälfte davon zukommen lassen. Außerdem hatte er nichts von den Soldaten gewusst. Na gut, das stimmte nicht ganz. Er hatte geahnt, dass sie Schwierigkeiten bekommen würden und war deswegen getürmt. Aber Lara war ein großes Mädchen. Sie konnte allein auf sich aufpassen.

Hier und jetzt sagte er jedoch nichts davon, weil das nur zu einer Diskussion führen würde, die sie schon vor Jahren hätten führen sollen. Aber nicht heute. Heute ging es um etwas bedeutend Wichtigeres.

»Alles davon«, erwiderte er ruhig und legte die Hände flach auf den Tisch. Seine Ehrlichkeit, die nur so wenige Menschen zu sehen bekamen, war ein Zeichen des Friedens. Er war nicht hergekommen, um sich mit ihr anzulegen. Er brauchte ihre Hilfe. Er wollte mit ihr zusammenarbeiten. Und, ja, er wollte sie.

Lara kniff die Augen etwas zusammen, zeigte ansonsten aber keine Reaktion. Früher hatte er leichter in ihr lesen können, doch inzwischen schien die Eismauer, die sie um sich errichtet hatte, unüberwindbar geworden zu sein.

»Warum sparst du uns beiden nicht die Zeit und verrätst mir, warum du wirklich hier bist, Alec?«

Sein erster Impuls war es, zu lügen. Seinen Charme spielen zu lassen und sie um den Finger zu wickeln, bis sie keine weiteren Fragen mehr stellte. Aber er wusste, dass er nur mit der Wahrheit weiterkommen würde. Oder zumindest mit einem Teil davon.

»Es geht um die Kunstsammlung deines Vaters.«

»Was ist damit?«

Bedächtig drehte er das Weinglas zwischen seinen Fingern. »Nach der ganzen Aktion mit der Polizei und den Special Forces wurde sie aufgelöst, wie ich gehört habe.«

Wieder dieses Lächeln, doch es hatte einiges an Kälte eingebüßt. »Seit wann interessierst du dich für Kunst, die du nicht stehlen kannst?«

»Wer sagt, dass ich das nicht kann?« Er stützte sich auf den Unterarmen auf.

Lara spiegelte seine Bewegung, wodurch sie sich plötzlich sehr viel näher waren als zuvor. Leider noch immer nicht nahe genug.

»Die Sammlung existiert nicht mehr«, erklärte sie ohne eine Spur von Bedauern in der Stimme. »Ein Teil wurde zerstört, als sie das Haus gestürmt haben, ein anderer ging an Museen im ganzen Land. Einige Stücke wurden auf diversen Auktionen versteigert und ein paar …«

»Ein paar Gegenstände gingen verloren«, beendete er ihre Aufzählung. »Mir geht es um ein ganz bestimmtes Objekt.«

Lara wirkte nicht überrascht. »Lass mich raten. Du hast einen wohlhabenden Käufer an der Angel und wenn ich dir helfe, teilst du den Profit mit mir? Was wird es mich diesmal kosten? Mein Leben?«

Durch seine Arbeit und die Fähigkeit, in jede Rolle zu schlüpfen, die gerade benötigt wurde, hatte Alec mindestens ebenso hohe Mauern um sich herum aufgebaut wie Lara. Manchmal vergaß er sogar, wer er unter all diesen Masken eigentlich war. Doch diese Bemerkung traf ihn genau dort. Jedes bisschen Humor verflüchtigte sich.

»Dein Leben war in Myanmar keine Sekunde lang in Gefahr. Ich wusste, dass du die Sache unter Kontrolle haben würdest.«

Scheinbar nachdenklich tippte sie mit dem Zeigefinger gegen ihr Weinglas, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von ihm zu nehmen. Er konnte sich denken, was gerade in ihrem Kopf vor sich ging. Oder vielmehr, welche Frage sie sich stellte: Lohnte sich der Preis, wenn sie dafür das Risiko eingehen musste, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten?

Alec war nicht dumm. Er wusste, dass er ihr Vertrauen damals in Myanmar verloren hatte, und er war nicht stolz darauf. Aber jetzt hatte er die Chance, es zurückzugewinnen. Zusammen mit so viel Geld, dass er sich für die nächsten Jahre auf einer hübschen Insel zur Ruhe setzen konnte, wenn er das wollte.

»Von welchem Gegenstand sprechen wir?«, fragte Lara schließlich.

Strike. Er gab sich keine Mühe, sein Lächeln zu unterdrücken. Der schwerste Part war es, Laras Interesse zu wecken – und das hatte er jetzt sicher.

Alec griff in die Innentasche seines Jacketts und zog einen flachen Umschlag hervor, den er über den Tisch zu ihr schob. Darin befanden sich mehrere Fotos. Sie zeigten eine kleine Statuette aus verschiedenen Perspektiven. Das Stück war keine dreißig Zentimeter groß und nicht mal besonders hübsch anzusehen. Aber ihr Wert lag nicht darin, ein guter Staubfänger auf dem Schreibtisch oder im Regal zu sein, sondern in ihrem Alter. Eine genaue Untersuchung hatte es nie gegeben, aber Expertenmeinungen zufolge war die Statuette ein paar Jahrtausende alt und stammte aus dem alten Mesopotamien.

Kleine Falten erschienen auf Laras Stirn, als sie sich die Bilder ansah. »Ich erinnere mich daran. Als Kind fand ich die Figur hässlich.«

»Sie ist auch hässlich«, erwiderte Alec und lehnte sich schmunzelnd zurück. »Aber sie ist auch verdammt viel wert.« Er deutete auf die Fotos in ihrer Hand. »Das letzte Bild zeigt die vermeintliche Ausgrabungsstätte in …«

»Syrien. Ich weiß.« Sie griff in ihre Tasche und zog eine randlose Brille hervor, die sie sich aufsetzte. Damit sah sie ganz wie die Professorin aus, die sie zu sein vorgab. Und die war verflucht heiß. »Bis heute gibt es unerlaubte Ausgrabungen in dem Gebiet, da sie einen Großteil des Einkommens der dortigen Bevölkerung darstellen. Die Funde werden illegal nach Europa und in die Staaten verschifft und dort an den Meistbietenden verkauft.«

Alec nickte. Obwohl er sich nicht einmal halb so sehr wie Lara für diese Themen interessierte, blieb er stets auf dem neuesten Stand. Es konnte immer passieren, dass er etwas fand, das sich zu stehlen und weiterzuverkaufen lohnte.

»Faszinierend«, murmelte Lara, während sie den abfotografierten Bericht eines namhaften Archäologen las. »Die Statuette ist mindestens viertausend Jahre alt. Wahrscheinlich noch älter.«

»Richtig. Darum ist mein Käufer auch bereit, eine Menge Geld dafür zu bezahlen, wenn wir sie für ihn finden.«

Lara hob den Kopf. »Sie ist mit einigen anderen Stücken aus der Sammlung meines Vaters verschwunden. Das weißt du genauso gut wie ich, wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast.«

Alec wollte etwas erwidern, aber in diesem Moment kam der Kellner mit ihrem Essen und stellte die Teller vor sie auf den Tisch. Statt ihr eine Antwort zu geben, wünschte er seiner Begleitung also einen guten Appetit.

Schon der erste Bissen kam einem kleinen Orgasmus gleich, so sehr reagierten seine Geschmacksnerven auf das zarte Fleisch. In den letzten Monaten war er ständig unterwegs gewesen, ohne sich die Zeit zu nehmen, zur Ruhe zu kommen und ein gutes Essen zu genießen. Erst jetzt merkte er, wie sehr ihm das gefehlt hatte. Ja, er war ständig auf der Suche nach dem großen Geld, aber er gab es auch gern großzügig aus. Im Grunde tat er der Gesellschaft damit also sogar etwas Gutes.

»Wie willst du sie finden?«, fragte Lara, nachdem sie selbst einige Bissen gegessen hatte und nun an ihrem Wein nippte. Sie tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab, dann griff sie wieder nach ihrem Besteck.

Alec betrachtete sie kauend. Es überraschte ihn nicht, dass sie nicht nach dem Preis gefragt hatte, den der potenzielle Käufer bereit war zu zahlen. Aber es faszinierte ihn.

»Durch dich. Du bist eine der letzten Personen, die sie gesehen hat«, sagte er und trank selbst einen Schluck Wein. »Außerdem bist du eine der Wenigen, die heil aus der Sache rausgekommen sind.«

Ihr Blick verhärtete sich. Offensichtlich hatte er einen wunden Punkt getroffen. Erstaunlich, dass das bei einer Frau wie ihr überhaupt möglich war. Früher mochte sie ihm zwar genug vertraut haben, um ihm von ihrer Vergangenheit zu erzählen, aber das war heute nicht mehr der Fall. Er wusste nicht, warum ihr Vater und so viele seiner Handlanger im Gefängnis gelandet waren, während Lara ohne einen einzigen Kratzer davongekommen war.

»Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen.« Ihre Stimme war so kühl, dass er unweigerlich fröstelte. »Aber ich weiß nicht, wo die Statuette ist.«

Damit hatte er gerechnet. Dennoch machte sich ein Hauch Enttäuschung in ihm breit. Es wäre auch zu einfach gewesen, wenn sie ihm einfach den Standort hätte verraten können.

Nachdenklich schwenkte er sein Glas. »Was nicht heißt, dass du es nicht herausfinden kannst. Komm schon …« Er setzte sein charmantestes Lächeln auf. »Wann hast du dich zuletzt in ein Abenteuer gestürzt? Wann zuletzt dieses Kribbeln in den Fingern gespürt, kurz bevor du das gesuchte Artefakt in den Händen hältst?«

Sie hielt auf halbem Wege mit der Gabel zum Mund inne. Nur ein Sekundenbruchteil, bevor sie die Bewegung zu Ende führte und sich das kleingeschnittene Stück Steak zwischen die vollen Lippen schob. Aber Alec wusste, dass er einen Nerv getroffen hatte.

Lara war nicht dafür gemacht, hinter einem Schreibtisch zu sitzen und Semesterarbeiten zu korrigieren. Oder eine Truppe von Auftragskillerinnen zu befehligen, während sie selbst im Hintergrund blieb und die Fäden zog. Diese Frau lebte für die Action, den Nervenkitzel und die Gefahr. Sie brauchte nur jemanden, der sie daran erinnerte. Jemanden wie ihn.

»Ich werde darüber nachdenken.«

Na also.

Alec prostete ihr zu. »Lass dir nicht zu viel Zeit damit. Mein Käufer brennt darauf, sein Geld loszuwerden.«

Sie zuckte mit den Mundwinkeln, erwiderte jedoch nichts darauf. Und das war in Ordnung. Er hatte sie genug geködert. Jetzt mussten die präzise ausgewählten Informationen, die er ihr gegeben hatte, nur noch einsickern und Wurzeln schlagen. Dann konnten sie diese Sache zusammen angehen.

Als er zwei Stunden und ein Schokoladensoufflé später allein in den nasskalten Nebel hinaustrat, hielt er sich das Smartphone ans Ohr. »Sie braucht noch etwas Bedenkzeit, aber sie ist dabei«, informierte er die andere Person am Ende der Leitung. Dann legte er auf und winkte ein Taxi heran.

Seine Mission in San Francisco hatte gerade erst begonnen.

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Tyler stieß die Tür seines Range Rovers mit so viel Gewalt zu, dass das Geräusch in der Tiefgarage widerhallte. Er hätte wissen müssen, dass Lara nicht so einfach kooperieren würde. Schon gar nicht mit ihm. Vermutlich war er der letzte Mensch auf Erden, dem sie helfen würde.

Unter anderen Umständen hätte er ohne Probleme geglaubt, dass diese Frau überhaupt kein Herz besaß. Aber er hatte sie zusammen mit den anderen Daughters of Darkness gesehen, hatte miterlebt, wie sie ihre perfekt konstruierte Tarnung aufs Spiel setzte, um Sydney, der ehemaligen CIA-Agentin und jetzigen Auftragskillerin, zu helfen. Selbst wenn das bedeutete, ausgerechnet mit ihm zusammenarbeiten zu müssen.

Nein, irgendwo da drinnen besaß Lara ein Herz, auch wenn sie sich selbst und der ganzen Welt etwas anderes Glauben machen wollte. Er musste nur ihren Schwachpunkt finden. Wieder mal.

Es gab nicht vieles, das Tyler im Laufe seines Lebens bereut hatte. Die Sache mit Lara war jedoch eine davon, auch wenn sie ihm das niemals glauben würde. Wahrscheinlicher war, dass sie ihn auslachen würde, sollte er ihr jemals von seinen Schuldgefühlen erzählen. Sie würde lachen – und ihm dann ein Messer ins Herz rammen. Ja, das würde zu ihr passen.

Der Fahrstuhl piepte, nachdem er den Authentifizierungscode eingegeben und seinen Daumen zur Fingerabdruckerkennung auf das Display gedrückt hatte. Eine Sekunde später glitten die Stahltüren zur Seite und er stieg in den Aufzug.

»Willkommen, Tyler Conway«, sagte eine synthetische Stimme, dann setzte sich der Metallkasten in Bewegung.

In Gedanken zählte Tyler die Sekunden, bis er unten ankam. Nicht weil er ungeduldig war, sondern um jedes Molekül in seinem Körper zu beruhigen, das durch das Zusammentreffen mit dieser Frau aus der Bahn geraten war. Es gab nicht viele Personen, die ihn gleichzeitig beeindrucken und dazu bringen konnten, auf etwas einschlagen zu wollen. Lara Doroshenko war eine davon. Oder Lara Sheppard, wie sie sich neuerdings nannte.

Mit einem Pling öffneten sich die Türen vor ihm und er betrat den winzigen Vorraum, der kaum größer war als der Fahrstuhl selbst. Auch hier identifizierte sich Tyler mit seinem Code und stellte sich für die Iris-Erkennung vor die kleine Kamera in der Wand.

Seit ihr letzter Stützpunkt einem Hackerangriff zum Opfer gefallen war, im Zuge dessen der Schuldige hochgeheime und brisante Informationen ins Netz gestellt hatte, hatten sie die Sicherheitsmaßnahmen drastisch erhöht. Gut möglich, dass es auch daran lag, dass ihre eigene interne Hackerin das Gebäude in die Luft gesprengt hatte, als sie angegriffen worden waren. Das durfte und würde kein zweites Mal passieren.

Sie hatten wieder bei null anfangen müssen. Neue Identitäten für jeden Agenten. Eine neue Basis. Neue Safe Houses. Neue Firewalls und Methoden der Datenverschlüsselung. Tyler wusste, dass Lara und ihre Leute glaubten, ihre neue Zentrale befände sich in New York City. Und sie hatten tatsächlich ein Gebäude mit einer kleinen Einheit dort. Aber der Hauptsitz war woanders.

Die Stahltür, die problemlos einem Tresor in einer Bank Konkurrenz machen konnte, glitt zur Seite und ließ ihn in das Herzstück ihres neuen Stützpunkts: die Zentrale zwanzig Meter unter der Erde.

Er hatte kaum einen Schritt hineingemacht, als jemand schlitternd neben ihm zum Stehen kam.