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Heike Klümper-Hilgart

Powerpausen für Powerfrauen

Innehalten. Kraft schöpfen. Durchstarten.

„Wer keine Pause kennt, ist nicht dauerhaft.“

Ovid, (43 v. Chr. – 17 n. Chr.), römischer Versdichter

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Impressum

© 2016 sorriso Verlag GmbH, Radolfzell am Bodensee

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, sowie Verbreitung durch Bild, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Ratschläge in diesem Buch wurden von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autorin bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen. Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags für externe Links ist stets ausgeschlossen.

Lektorat: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze
Korrektorat: Bianca Weirauch
Layout, Umschlaggestaltung und Satz:
KONTRASTE – Graphische Produktion, Björn Fremgen

ISBN: 978-3-946287-09-4
E-Book (ePUB): 978-3-946287-10-0
E-Book (mobi): 978-3-946287-11-7

1. Auflage 2016

www.sorriso-verlag.com

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Bildnachweis:
© Umschlagfoto Cover: #100621278/volff/fotolia.de
© Gras: #79948941/Thaut Images/fotolia.de
© Autorenfoto: Sandra Maier, gesichtet.li

Heike Klümper-Hilgart

POWERPAUSEN für POWERFRAUEN

INNEHALTEN • KRAFT SCHÖPFEN • DURCHSTARTEN

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Inhalt

Vorwort von Verlegerin Karen Christine Angermayer

Mach mal Pause

Ausgepowert

Erste Hilfe in Sicht?

Ein Profi-Team entsteht

Immer unter Strom

Wenn gut nicht gut genug ist

Die geheimnisvolle Macht der Gedanken

Licht am Ende des Tunnels

Leichter leben ohne Last

Der Power-Girls-Club

Heldin deines Lebens

Werte – Sinn oder Unsinn?

Von Zielen, Träumen und Visionen

Leben in Balance

Powerfrauen unter sich

Powerpausen auf einen Blick

Zum Nach- und Weiterlesen

Verweise

Vorwort von Verlegerin Karen Christine Angermayer

Deine Kraft gibt es nur einmal

Wer nimmt schon Pausen und ihre Wirkung ernst, wenn er oder sie mitten im Treiben ist? In Phasen, in denen es beruflich oder privat hoch hergeht, denken die wenigsten Menschen daran, einfach mal nichts zu tun. Ich kenne das allzu gut.

Als Heike und ich über ihr Buch sprachen, habe ich zu ihr gesagt: „Heike, ich bin eine harte Nuss. Ich schaffe es, von 8 Uhr morgens bis Mitternacht ohne Pausen durchzuarbeiten, ohne einen Tee mit mir selbst zu trinken. Wenn Du mich packst, dann packst du viele andere Leserinnen auch.“

Und Heike hat mich gepackt. Mit ihrer Geschichte und ihren vielfältigen Gefühlsbädern, die so viele Frauen kennen, die „ihre Sache“ gut machen wollen. Im Beruf. In der Familie. In der Liebe.

Mit ihrer Klarheit, ihrer Tiefe, ihrer wärmenden Präsenz spiegeln Heike und ihr Buch genau das wieder, was ich am Medium Buch liebe:

Bücher ermöglichen es uns, an den Erfahrungen des Autors, der Autorin teilzuhaben, ohne selbst die gleiche Erfahrung machen zu müssen. Wir dürfen von ihrem gelebten Leben und ihren Erkenntnissen profitieren und uns inspirieren lassen – damit wir es ein Stück leichter haben. Damit es nicht erst ganz schlimm kommen muss.

Heikes Buch hilft all den unzähligen Frauen in der Welt, die jeden Tag viel Kraft brauchen. Ihr Ruf „Mach´ doch mal Pause!“ ist ein liebevoll-bestimmter Appell, uns immer wieder – rechtzeitig – in die eigene Mitte zu bringen, in die Balance von Körper, Geist und Seele, um dann wieder gut da sein zu können. Für uns selbst und für andere.

Aus allen diesen Gründen habe ich mich als Verlegerin für dieses Buch entschieden. Ich bin dankbar und stolz, Heike in unserer Autoren-Familie bei sorriso zu begrüßen, und wünsche Dir, liebe Leserin, jetzt eine Fülle wunderbarer Erfahrungen auf den folgenden Seiten und ein Leben in voller Kraft. Deiner Kraft, die es so kein zweites Mal gibt.

Karen Christine Angermayer

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Mach mal Pause

„Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause.“

Elizabeth Barrett Browning (1806–1861), englische Dichterin

Findest du nicht auch, dass das Leben schön ist? Mit all seinen Höhen und Tiefen? Es hat unendlich viel zu bieten und ist immer für eine Überraschung gut. Wir leben doch heute – hier in Mitteleuropa – in einer wunderbaren Zeit. Nie zuvor hatten wir Frauen eine so große Freiheit, uns zu entfalten. Nie zuvor hatten wir Powerfrauen so viele Chancen und Möglichkeiten, uns zu verwirklichen. Ausbildung, Lebensformen, Wohnort, Berufstätigkeit, Karriere, Muttersein … Allerdings hatten wir womöglich auch nie zuvor so viele Rollen in unserem Leben zu erfüllen: Tochter, Schwester, Freundin, Partnerin, Geliebte, (berufstätige) Mutter, Stiefmutter, Ärztin, Lehrerin, Chefin, Bloggerin, Mitarbeiterin, (Freizeit)-Sportlerin …

Wenn wir diesen vielen Rollen gerecht werden möchten, ist es kein Wunder, wenn wir dabei selbst auf der Strecke zu bleiben drohen und zur Nebenrolle in unserem eigenen Leben verkümmern.

Wahrscheinlich ist jede Frau eine Powerfrau – auf ihre eigene Weise. Wir alle haben jede Menge Power und die brauchen wir auch, um die Herausforderungen all unserer Rollen im ‚Abenteuer des Lebens’ zu meistern. Aber auch Powerfrauen sind keine Maschinen. Und keine Wunderwesen. Unsere Energiereserven sind – wie bei allen Menschen – begrenzt. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Batterien rechtzeitig aufgeladen werden, bevor es zu spät ist und unser System streikt. Der Körper zeigt uns für gewöhnlich sehr deutlich, wann es Zeit für eine Pause ist – und dennoch ignorieren wir seine Signale oftmals einfach.

Vieles, was Paula erlebt, habe ich genauso erlebt. Manches habe ich ein wenig abgewandelt, um die Privatsphäre der Menschen in meinem Umfeld zu wahren. Auch ich war über viele Jahre beruflich und privat auf der Überholspur unterwegs. Zwanzig Jahre lang habe ich in einer der schnelllebigsten Industrien der Welt gearbeitet – in der Mode-Industrie. Während dieser Zeit bin ich viel gereist bzw. habe an unterschiedlichen Orten im In- und Ausland gelebt und gearbeitet. Außerdem durfte ich über viele Jahre Menschen aus verschiedenen Kulturen führen.

Auch privat habe ich unterschiedliche Rollen innegehabt. Nachdem ich ziemlich jung geheiratet hatte, fand ich mich ein paar Jahre später in der Rolle einer geschiedenen, alleinerziehenden und berufstätigen Mutter eines kleinen Sohnes wieder. Später habe ich in einer Fernbeziehung und Wochenendehe weitere interessante Erfahrungen gesammelt. Und während ich beruflich oft als ‚High-Potential’ gehandelt wurde, ‚überlebte’ ich als Working-Mum einer Patchwork-Familie ‚irgendwie’ die pubertäre Phase dreier Kinder.

Vor einigen Jahren habe ich meine Wochenendehe beendet, indem ich zu meinem Mann gezogen bin. Seitdem leben wir in einer traumhaften alpenländischen Gegend und ich beschäftige mich inzwischen auch beruflich mit weitaus ruhigeren, wenn auch nicht weniger spannenden Themen: Loslassen in all seinen Facetten, ein Leben in Balance und der richtige Umgang mit Stress. Als zertifizierte Beraterin und Autorin gebe ich meine Erfahrungen und Kenntnisse in diesen Bereichen sehr gerne an meine Lieblings-Zielgruppe weiter: wunderbare Frauen wie du und ich. Ganz besonders liegen mir diejenigen am Herzen, die sich in Doppel- oder Mehrfach-Belastungen befinden. Ich bin überzeugt, dass jede einzelne von uns im Loslassen die Lösung für viele ihrer inneren bzw. äußeren Herausforderungen finden kann – in jedem Alter und in jeder Lebenssituation.

Sei mal ehrlich, wie oft hast du den folgenden Satz schon gehört: „Mensch, mach doch mal eine Pause!“? Und – hast du den Rat dann befolgt? Oder hattest du keine Zeit? Warst im Stress. Musstest noch etwas fertigmachen. Dachtest stattdessen: „Ich kann jetzt nicht … vielleicht später …“

Ich selbst kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich das im Laufe meines Lebens gedacht habe! Wie oft ich keine Pause gemacht und stattdessen meine Kraft ausgebeutet und meine Energie erschöpft habe! Ohne rechtzeitig auf meine Regeneration zu achten. Wahrscheinlich habe ich auf diese Art und Weise oftmals viel länger für eine Aufgabe gebraucht oder sie vielleicht sogar in minderwertiger Qualität abgeliefert, als wenn ich rechtzeitig unterbrochen, mir eine Pause gegönnt und mich dann mit frischer Energie und voller Tatendrang erneut darangesetzt hätte.

Aber geht es uns nicht oft so? Wir wollen nur noch schnell diese Präsentation fertigmachen, die Wäsche aufhängen, die E-Mails checken, die Hausaufgaben der Kinder kontrollieren, die Kartoffeln aufsetzen …

Ist es nicht interessant, was uns alles einfällt? Was ‚vermeintlich wichtig’ ist und unbedingt noch erledigt werden muss, bevor wir überhaupt bereit sind, über eine Pause nachzudenken? Obwohl wir eigentlich genau spüren, dass wir sie nötig haben. Aber für Pausen nehmen wir uns in unserer Gesellschaft, die von überzogener Leistungsbereitschaft geprägt ist, wenig oder gar keine Zeit. Warum gönnen wir uns keine Pause, bevor aus dem ‚vielleicht später’ unter Umständen ein ‚zu spät’ geworden ist?

Heute bin ich davon überzeugt: ich war selbst viel zu lange auf der Überholspur des Lebens unterwegs. Meinem eigenen Anspruch entsprechend habe ich immer versucht, dem Bild einer disziplinierten, ehrgeizigen und erfolgreichen Powerfrau gerecht zu werden. Über Jahre war ich fasziniert von meiner eigenen schier unbegrenzten Energie. Ich war unendlich stolz darauf, über eine vermeintlich unerschöpfliche Leistungsfähigkeit zu verfügen! Liebevoll gemeinte Warnungen von Familie und Freunden, doch einen Gang zurückzuschalten oder auch mal ‚alle fünfe gerade sein’ zu lassen, habe ich nur mitleidig lächelnd ignoriert. Ich doch nicht!

Allerdings frage ich mich rückblickend, wie ich es geschafft habe, den Jetlag der vielen Reisen, den ständigen Termindruck, die gefühlte alleinige Verantwortung für den Haushalt und die Herausforderungen einer Fernbeziehung mit Patchwork-Familie so lange auszuhalten. Zumal ich meistens auch noch die Wochenenden verplant hatte. Mit Familienaktivitäten, Kinderprogramm, Golf spielen, Treffen mit Freunden oder auch dem Besuch von kulturellen Veranstaltungen.

Die Bedeutung von Pausen hatte ich komplett ignoriert. Die möglichen gesundheitlichen Folgen völlig unterschätzt. Bis mir schlussendlich die Rechnung präsentiert wurde: Ich wurde im Laufe der Zeit immer müder und unkonzentrierter. Meinen Feierabend konnte ich nicht mehr genießen, weil ich wie erschlagen auf dem Sofa lag – ohne jedoch wirklich abschalten zu können. Dennoch habe ich mich immer weiter permanent selbst unter Druck gesetzt und dadurch selbstverständlich auch meine Gesundheit gefährdet. Aber den Ausgang aus dem Hamsterrad konnte ich einfach nicht finden. Ständig war ich gestresst und fand keine Erholung mehr. Weder am Feierabend noch am Wochenende noch im Urlaub. Schlafstörungen und andere Symptome waren die Folge – bis eines Tages gar nichts mehr ging.

Jetzt weiß ich es besser: Das muss nicht sein – es geht auch ganz anders! Wer öfter Pause macht, hat mehr vom Leben. Ich habe erkannt, dass ich auf Dauer nur funktionieren kann, wenn ich regelmäßig Pause mache und mich als Hauptdarstellerin in meinem Leben begreife. Denn nur wenn es mir gut geht und ich voller Energie bin, dann kann ich meine Power für mich und für meine Aktivitäten nutzen und an meine Kinder, meinen Partner, meine Kunden oder meine Leser weitergeben.

Dank moderner Kommunikationsmedien und -technologien ist es möglich: Wir können zu jeder Zeit und von beinahe jedem Punkt der Erde aus mit den Menschen in Verbindung treten, die uns lieb und teuer oder wichtig für unsere berufliche Tätigkeit sind. Ich genieße die Erleichterungen, die uns Internet, E-Mail, WhatsApp & Co. bescheren! Wenn man sie richtig einzusetzen weiß, bieten sie ein großes Maß an Flexibilität und Freiheit und vermitteln mir ein Gefühl von Selbstbestimmtheit. Ich nutze diese Vorteile oft und gerne. Ich könnte meinen Beruf sonst nicht so ausüben und würde meine Freunde oder Familie, die über die ganze Welt verstreut leben, noch mehr vermissen.

Als ungeduldiger und perfektionistischer Mensch schätze ich es außerdem sehr, ständig und überall Zugang zu Informationen zu haben und weitergeben zu können. Allerdings bin ich mir auch der potentiellen Gefahren bewusst, die eine ständige Erreichbarkeit in sich birgt. Ganz besonders für Menschen wie mich, die nur schwer ein Ende finden, wenn sie sich mit Leidenschaft einem Thema widmen. Daher brauche ich Regeln. Feste Regeln, die ich mir selbst auferlege. Für medienfreie Phasen. Das bedeutet: keine Telefonate, E-Mails oder sonstige Kommunikationsund Internet-Aktivitäten für einen gewissen Zeitraum. Aber offen gesagt fällt es mir nicht immer leicht, mich an meine eigenen Regeln zu halten.

Während eines ‚Walk & Talk’ in der Mittagspause sagte eine Freundin kürzlich: „Ich hätte nie gedacht, wie schön es sein kann, einfach nur zu SEIN. Im Hier und Jetzt. Einfach nur genießen. Den Moment. Nichts Großes. Nichts Spektakuläres. Eine Tasse Tee. Den Gesang eines Vogels. Das Geräusch des prasselnden Regens. Den vertrauensvollen Blick deines Hundes. Das Lachen eines Kindes. Das stille Verständnis zwischen dir und deinem Partner.“

Ist das nicht Zufriedenheit? Ist das Glück? Nun, es ist zumindest eine Pause. Ein Moment des Innehaltens und Einkehrens, der dir Kraft gibt, um wieder durchzustarten.

Ich wünsche dir viel Freude und Anregung durch Paulas Geschichte – und ganz viel Inspiration für deine eigenen Pausenchancen.

Heike Klümper-Hilgart im Sommer 2016

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Ausgepowert

„Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.“

Indianische Weisheit

Nein! Nein! Nein! Ihr ganzer Körper schrie, aber kein Laut kam über ihre Lippen. Alles in ihr schien sich zu sträuben und zu wehren, sie war wie gelähmt. Ihr Herz klopfte wild, als wollte es aus ihrer Brust springen. Was ist los? Wo bin ich? Paula hob eine zitternde Hand, drückte sie gegen ihr laut schlagendes Herz und schaute sich um. Sie saß zu Hause an ihrem Schreibtisch vor ihrem Laptop, dessen Bildschirm sich im schwarzen Stand-by-Modus befand. So steif, wie sie sich fühlte, musste sie schon sehr lange hier sitzen. Was mache ich hier? Woran arbeite ich?

Wollte sie den Home-Office-Tag nicht nutzen, um das Strategiepapier endlich fertigzustellen? Es fiel ihr so schwer, sich zu konzentrieren. Sie fühlte sich unendlich müde und leer, unfähig, die angefangene Aufgabe zu Ende zu bringen. Was ist nur los mit mir? Ganz langsam bewegte sie ihre steifen Glieder, löste die Hand von ihrer Brust, als sie erleichtert feststellte, dass sich ihr Herz wieder etwas beruhigt hatte, und warf einen Blick auf die Uhr. Wie bitte? So spät schon?

Gleich würde ihre Familie nach Hause kommen. Paula fühlte Panik in sich aufsteigen. Nein, bitte nicht! Nicht jetzt! Sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, ein ganzes langes Wochenende vier weitere Menschen um sich zu haben, geschweige denn, sie versorgen zu müssen. Ihr Körper wehrte sich mit jeder Faser, und sie spürte ein flaues Gefühl im Magen. Wann hatte sie das letzte Mal etwas gegessen? Oder getrunken? Ein Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf: Mist, der Kühlschrank ist wieder einmal leer! Schon seit geraumer Zeit schaffte sie es einfach nicht mehr, am Ende einer langen Arbeitswoche den Einkauf noch freitags nach Feierabend zu erledigen, bevor die ganze Familie nach Hause kam.

Warum mussten ausgerechnet jetzt alle kommen? Sie wollte einfach nur allein sein und ihre Ruhe haben. Am liebsten würde ich einfach weglaufen und nie mehr wiederkommen! Paula erschrak über ihre eigenen Gedanken. Was dachte sie da nur? Warum wollte sie ihre Familie plötzlich nicht mehr um sich haben? Sie konnte dieses intensive Bedürfnis, das sie in ihrem tiefsten Innern spürte, nicht deuten, sie konnte es aber auch nicht einfach ignorieren. Es war da. Und es war sehr präsent …

Nicht erst seit heute hatte sie das Gefühl, in einem Zug zu sitzen, der mit rasender Geschwindigkeit auf ein Ziel zufuhr, das sie nicht kannte. Im Grunde bestimmte sie schon lange nicht mehr selbst die Richtung. Aber was war nur geschehen? Warum war alles auf einmal ganz anders als sonst? Was war nur los mit ihr?

Paula hörte Stimmen in der Einfahrt. Oh nein! Gleich würden alle über sie hereinschwappen und sie erdrücken. Erneut spürte sie, wie eine lähmende Angst sich in ihr ausbreitete. Sie fühlte sich dieser Situation nicht gewachsen. Doch was konnte sie dagegen tun?

Resigniert fuhr sie den Computer herunter. Hätte sie das vertraute Motorengeräusch nicht vernommen, hätte sie wahrscheinlich trotz der Konzentrationsschwierigkeiten weitergearbeitet und krampfhaft versucht, irgendwie fertig zu werden. Seufzend schloss sie den Laptop und erhob sich müde. Beinahe im selben Moment hörte sie, wie die Haustür aufgeschlossen wurde.

Im Eingangsbereich entstand ein Stau, als alle gleichzeitig das Haus betraten und wild durcheinanderredeten. Plötzlich war es furchtbar unruhig und laut. Ein Schauer lief über Paulas Rücken, und sie schlang fröstelnd die Arme um sich. Warum störte sie das auf einmal? Sie blieb still und unbeteiligt stehen, unfähig sich zu bewegen. Obwohl sie sich mitten im freitäglichen familiären Trubel befand, schien sie doch meilenweit entfernt zu sein. Paula nahm alles um sich herum nur schemenhaft wahr. Als ob sich eine dicke milchige Glasmauer zwischen sie und ihre Familie geschoben hätte. Sie gehörte nicht mehr dazu. Irgendwie …

In ihren Ohren rauschte es heftig, und Paula hatte das Gefühl, als ob ihrem Körper auf einmal alle Energie entwich. Sie konnte förmlich spüren, wie sie unablässig aus ihren Fingerspitzen und durch ihre Fußsohlen herausströmte. Das war kein gutes Gefühl. Sie hatte Angst! Im nächsten Augenblick würde sie anfangen, sich aufzulösen! Panik machte sich in ihr breit, und sie wäre am liebsten sofort in einem Loch verschwunden.

Aus weiter Ferne drang langsam eine Frage zu ihr durch. Tom. Ihr Mann. Ob alles in Ordnung sei. Sie starrte ihn mit großen Augen an. Paula war nicht in der Lage zu antworten. Stattdessen füllten sich ihre Augen mit Tränen, die ihr langsam über die Wangen rollten. Als er sie in seine Arme schloss und fest an sich drückte, fing Paula richtig zu weinen an.

„Nein, mit mir ist nichts okay! Ich weiß aber nicht, was mit mir los ist …“, stieß sie hervor, als sie sich einigermaßen beruhigt hatte. „Ich kann nicht mehr … Am liebsten möchte ich mich einfach nur hinlegen, die Augen schließen und nie wieder aufwachen!“

Plötzlich herrschte absolute Stille. Auch die Kinder hielten inne. Jeder schien die Luft anzuhalten. Niemand bewegte sich, und alle schauten Paula erstaunt an. Ihrer Stimme und ihrem verzweifelten Gesichtsausdruck konnte man deutlich anmerken, dass irgendetwas passiert sein musste. Paula spürte den Blick ihres Mannes auf sich ruhen. Dieser Ausbruch überforderte ihn. Er hatte keine Ahnung, wie er darauf reagieren sollte. Mit einer Kopfbewegung gab er den Kindern zu verstehen, sich auf ihre Zimmer zu begeben. Wortlos folgten sie seiner stummen Bitte. Dann murmelte er etwas von einem ruhigen Abend und streichelte ihr hilflos ihren Rücken. Paula nickte mechanisch, obwohl seine Worte nicht wirklich zu ihr durchdrangen. Sie konnte nicht erklären, was hier geschah. Sie verstand nicht, was in ihr vorging. Ihr Körper streikte. Ihr Gehirn streikte. Sie fühlte sich so unendlich leer!

Irgendwann später – an das Abendessen konnte sie sich nicht mehr erinnern – saß sie in sich versunken auf dem Sofa und bemerkte gar nicht, dass ihr schon wieder Tränen über das Gesicht liefen. Als sie eine Hand auf ihrer spürte, schluchzte sie auf, bemühte sich aber, dennoch zu sprechen.

„Ich hab’ einfach keine Kraft mehr … keine Energie … alles ist mir zu viel. Es geht schon ziemlich lange so … Ich habe das Gefühl, dass meine ganze Energie aus mir rausläuft … einfach so … Ich löse mich auf … es ist schrecklich … Ich mag nicht mehr … ich will nur noch schlafen … wenn ich doch nur schlafen könnte … auch das geht schon seit Langem nicht mehr! – Ich schaffe das alles nicht mehr! Nicht hier, nicht mit euch, nicht im Büro … nein! Ich will nicht mehr!“ Sie spürte eine Umarmung und sprach unter Tränen leise weiter: „Irgendwie bin ich nicht mehr ich selbst … Ich kann nicht mehr! Ich komme da alleine nicht raus! Ich schaffe das nicht … ich habe Angst! Ich glaube, ich brauche Hilfe!“

Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, eine richtige Unterhaltung zu führen, löste Paula sich langsam aus der Umarmung und stand auf. Sie wollte einfach nur allein sein.

„Ich geh ins Bett. Gute Nacht.“

Nur noch schlafen und nichts mehr denken müssen. Abtauchen. Ausschalten. Wie ein Stein kippte sie auf ihr Bett und fiel kurz darauf in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachte Paula völlig zerschlagen und fühlte sich wie gerädert. Ein weiterer langer Tag lag vor ihr. Wie sollte sie ihn nur überstehen? Die von ihr sonst so geliebten Familienwochenenden mit allen Kindern empfand sie seit geraumer Zeit nur noch als unendlich anstrengend. Aber zehrte inzwischen nicht längst auch alles andere an ihren Kräften? Wann hatte mein Leben nur seine Leichtigkeit verloren? Und ich meine Fröhlichkeit und Lebenslust?

Paula flüchtete sich in monotone Haushaltsroutine: Wäsche waschen, einkaufen gehen, kochen. Es gab immer viel zu tun, und da sie selbst einer anspruchsvollen beruflichen Aufgabe nachging, blieb eben nur das Wochenende. Schließlich lag die Verantwortung für Haushalt und Versorgung der Familie bei ihr.

Sie versuchte krampfhaft, an nichts zu denken. Aber es gelang ihr nicht. Die Gedanken fuhren Karussell in ihrem Kopf. Wie sollte sie sich nun verhalten, nachdem sie zum ersten Mal ihre Hilflosigkeit eingestanden hatte? Was sollte sie tun? Aber dieses ziellose Nachdenken brachte sie nicht weiter. Sie fühlte sich gefangen in ihrer eigenen Gedankenwelt, unfähig, über sinnvolle Lösungsansätze nachzudenken.

Paula bereitete das Abendessen vor. Allein. In letzter Zeit zog sie es meistens vor, still vor sich hin zu arbeiten. Das kostete weniger Kraft, als gleichzeitig noch Unterhaltungen zu führen oder sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Früher hatte sie es sehr genossen, gemeinsam mit ihrem Partner oder den Kindern zu kochen. Sie hatten dabei immer viel Spaß gehabt und die Zeit der Vorbereitungen für einen intensiven Austausch über die großen und kleinen Ereignisse der vergangenen Woche genutzt. Früher … Wie lange ist das her? Wann ist alles anders geworden? Wo habe ich nur irrtümlicherweise eine falsche Abzweigung genommen? Oder steigere ich mich nur in etwas hinein? Schon wieder jagte ein Gedanke den anderen, und unzählige Fragen schossen ihr durch den Kopf. Sie spürte, wie Wehmut sich allmählich in Verzweiflung wandelte und Tränen ihre Kehle zuschnürten.

Die gemeinsame Mahlzeit brachte sie wieder irgendwie hinter sich. Nach dem Essen hätte Paula sich am liebsten zurückgezogen, um sich beim Lesen abzulenken. Ein Buch … wann hatte sie das letzte Mal ein gutes Buch gelesen? Erschrocken, aber vor allem traurig stellte sie fest, dass es Monate zurückliegen musste …

Um unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen, für deren Beantwortung ihr ohnehin die Energie fehlte, beschloss sie, dann doch bei der Familie zu bleiben und den restlichen Abend gemeinsam zu verbringen. Alle hatten sich auf eine Sendung im Fernsehen geeinigt und machten es sich auf dem Sofa oder dem flauschigen Teppich davor bequem. Doch an Paula ging das Programm komplett vorbei.

Am nächsten Morgen wollten die Kinder einen Ausflug in die nahe gelegene Therme unternehmen. Tom willigte ein.

„Dann hast du Zeit für dich, kannst lesen, schlafen, spazieren gehen und all das machen, wozu du Lust hast“, sagte er. „Und wir gehen dir nicht auf die Nerven.“

Paula lächelte ihn dankbar an.

Die Tür fiel ins Schloss. Sie war allein. Endlich. Unschlüssig und lustlos streifte sie durch die Räume. Gedankenverloren nahm sie das eine oder andere Buch in die Hand, um es kurz darauf wieder wegzulegen. Dann stand sie lange reglos mit verschränkten Armen an einem der großen Schiebeelemente und schaute über die Holzterrasse hinaus in den Garten. Doch sie nahm weder die sorgsam arrangierten Pflanzen wahr noch die Amsel, die sich mit ihrem gelben Schnabel abmühte, einen Regenwurm aus dem gepflegten Rasen zu ziehen. Schließlich wandte Paula sich ab und griff doch nach einem Buch. Sie kuschelte sich auf einem Sessel in eine weiche Fleecedecke und schlug die erste Seite auf. Aber ihr Blick wanderte über das Buch hinweg ins Leere.

Draußen dämmerte es bereits, als Paula Stunden später aufschreckte. Sie saß noch immer in dem Sessel, das Buch lag nach wie vor in ihrem Schoß, aufgeschlagen auf der ersten Seite. Ganz allmählich nahm sie ihre Umwelt wieder wahr. Hatte sie geschlafen? Kaum möglich, so erschöpft und kraftlos, wie sie sich immer noch fühlte. Ein Blick auf die Uhr ließ sie hektisch aufspringen, sodass das Buch auf dem Boden landete. Wo war nur die Zeit geblieben? Gleich würde ihre hungrige Familie nach Hause kommen. Sie schaltete das Licht ein, hob das Buch auf, ging in die Küche und begann, das Essen vorzubereiten.

Später am Abend betrat Paula das Wohnzimmer. Tom legte die Zeitung zur Seite und deutete auf den Platz neben sich. Auf die Frage, ob es ihr besser ginge, wurden ihre Augen erneut feucht. Sie versuchte erst gar nicht, den Drang der Tränen zu unterdrücken, und weinte, bis auch der letzte Tropfen versiegte. Ganz langsam beruhigte sie sich wieder. Als sie aufblickte, schaute sie in ein fragendes und besorgtes Augenpaar.

„Ich kann dir nicht sagen, was es ist. Ich zerbreche mir selbst den Kopf darüber. Deswegen kann ich auch nur so schwer darüber reden. Ich weiß schlichtweg nicht, was ich sagen soll.“ Sie blickte auf ein zerknülltes Taschentuch, das sie in ihren Händen hielt. „Ich fühle mich unendlich leer, ganz ohne Antrieb … Alles fällt so schwer! Ich sehe keinen Sinn mehr. Seit einiger Zeit funktioniere ich immer nur noch irgendwie. Ich halte das nicht mehr aus!“ Wieder liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Und schau … ständig fange ich grundlos zu weinen an … Das nervt!“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und schüttelte mutlos den Kopf. „Ich kann mich nicht länger zusammenreißen. Es war schwer, mir vor den Kindern nichts anmerken zu lassen. So kann ich mich euch doch nicht länger zumuten …“

Tom schlug ihr vor, am nächsten Tag ihre Hausärztin zu konsultieren. Er versuchte es mit einem Kompliment, um sie aufzumuntern:

„Du bist doch eine starke Frau und wirst das schon schaffen!“

Doch Paulas Reaktion war heftig, beinahe panisch:

„Hör auf! Sag das nicht! Ich bin nicht so stark, wie alle denken! Mich macht es fertig, immer die Starke sein zu müssen! Ich fühle mich ganz schwach und klein! Ich weiß einfach nicht mehr weiter, ich brauche Hilfe! Warum sieht das denn keiner?“

Er versuchte, sie zu beruhigen, und nahm ihr das Versprechen ab, am nächsten Tag zu ihrer Hausärztin zu gehen. Diese würde sie sicherlich für ein paar Tage krankschreiben – dann hätte sie Zeit, sich zu erholen. Als Paula einwarf, sie sei doch nicht krank und habe außerdem eine wichtige Telefonkonferenz mit dem internationalen Team, unterbrach Tom sie ungeduldig:

„Paula, hör auf! Du musst jetzt an dich denken! Du sagst doch selbst, dass du Hilfe brauchst, dann musst du auch etwas unternehmen und dir Hilfe suchen!“

Zögernd bekannte sie: „Vielleicht hast du recht … Ich weiß nur, dass es so nicht weitergehen kann …“

Sie war erleichtert, dass der Abend zu Ende war. Sie war erleichtert, dass der Tag und somit das Wochenende zu Ende waren. Und sie war erleichtert, sich endlich eingestanden zu haben, dass sie Hilfe benötigte.

Nun konnte sie zu Bett gehen. Keiner erwartete mehr etwas von ihr. Sie durfte einfach nur schlafen … Sie rieb sich den schmerzenden Nacken und stellte fest, dass sie ihre Schultern krampfhaft hochgezogen hielt. Aua! Es kostete einige Anstrengung, die Schultern zu senken und sie vor allem in ihrer natürlichen Position zu halten. Ob ich das ganze Wochenende in dieser unbequemen Haltung verbracht habe? Auf dem Weg in ihr Schlafzimmer füllte sie eine Wärmflasche mit heißem Wasser, hüllte sie in eine weiche Decke und legte sie auf ihr Kopfkissen. Paula ließ den Kopf auf das Kissen sinken und schloss seufzend die Augen, als sie spürte, wie sich eine wohltuende Wärme langsam von ihrem verspannten Nacken ausgehend über den ganzen Körper ausbreitete. Ich habe das Wochenende überstanden. Irgendwie. So, wie ich alles in letzter Zeit irgendwie überstanden habe: kopfgesteuert und mit Tunnelblick, mich und meine Bedürfnisse ignorierend. Morgen werde ich hoffentlich Hilfe finden

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Erste Hilfe in Sicht?

„Ein Weg entsteht, wenn man ihn geht.“

Chinesische Weisheit

Auch diese Nacht verbrachte Paula wie ungezählte Nächte davor: Sie träumte wild durcheinander und schreckte viel zu oft aus ihren Träumen hoch. Gedankenblitze an noch zu erledigende Aufgaben oder Themen, die sie beschäftigten, durchzuckten sie. Manchmal waren es auch ein beklemmendes Gefühl oder diffuse Traumszenarien, die sie aus einem oberflächlichen Halbschlaf rissen. Meistens gelang es ihr anschließend, wieder in einen unruhigen Schlaf zu fallen, ohne jedoch jemals die so dringend benötigte Erholung zu finden.

Als der Wecker klingelte, blieb sie wie erschlagen liegen. Dann fiel ihr ein, dass sie nicht sofort aufstehen musste. Die Arztpraxis würde erst ab 8.00 Uhr besetzt sein. Aus Pflichtgefühl schrieb sie noch im Bett eine Nachricht an ihren Chef und ihre Mitarbeiter. An diesem Tag würde sie nicht im Büro erscheinen, sie sagte alle Termine ab. Müde quälte sie sich dann doch aus dem Bett und ging ins Bad.