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Heidi Howcroft



Reiselust &
Gartenträume


Geschichten
über Reisen
zu fernen
Gartenparadiesen



Illustration


DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT

Inhalt

Copyright
Man sollte niemals nie sagen
KELTISCHER ZAUBER
Felsen, Stechpalmen und Träume: Ilnacullin, ein irisches Inselparadies
Willys Irland: Wo die grünen Männer tanzen
Hilfe, Mücken! Gärten an Schottlands Westküste
Eine Überraschung auf den Orkneys: Der Garten bei Scapa Flow
DOLCE VITA
Mit Pferdestärken durch den königlichen Garten von Caserta
Die Bäume singen! La Mortella ganz privat
Gärten hier? Das muss ein Witz sein: Versteckte Paradiese in Palermo
Ponza, eine Insel für Kenner
La Cervara, das verborgene Juwel von Ligurien
MAURISCHE EINFLÜSSE
Eine Fahrt ins Blaue: Mit dem Uhrmacher durch Nordmarokko
Garten, Kunst und Mode vereint: Der Jardin Majorelle in Marrakesch
MITTEN IM ATLANTIK
Kamelien am See: Der geheime Garten von José do Canto auf São Miguel
Madeira wärmt: Zum Besuch in Blandy’s Garten
KARIBISCHES FLAIR
Paradies in der Trabantenstadt: Kubas grüne Revolution
Vor verschlossenem Tor: Der Botanische Garten von Road Town auf Tortola
Die Überlebenskünstler von Bonaire
Mit Elon unterwegs: Achterbahnfahren auf St. Lucia
Wüstenrosen und bellende Hunde: Die Privatgärten des Gartenclubs von Antigua
IM LAND DES DRACHENS
Mit Grüßen von James Bond: Im Drachengarten von Hongkong
Vom Ghetto zum Paradies: Der Kowloon Walled City Park in Hongkong
1000 Bäume und raffinierte Anblicke: Der Nan-Lian-Garten in Hongkong
Winterkirschen und Fledermäuse: Der Garten der Familie Lin in Taiwan
Eine Insel der Glückseligkeit: Der Yu-Garten in Schanghai
GÄRTEN UND MEHR
Verliebt in Savannah
Schlusslicht

Felsen, Stechpalmen und Träume:
Ilnacullin, ein irisches Inselparadies

Es zahlt sich aus zuzugeben, dass man keine Ahnung hat. Als Vorbereitung für meine erste Gartenreise nach Irland bat ich Steven Ilnacullin um Hilfe. Er ist ein richtiger Guide, führt amerikanische und australische Gäste durch Irland und die Britischen Inseln und besitzt einen Fundus an Informationen. Mehr Schauspieler als Professor hat er die geniale Gabe, Fakten in verdauliche Portionen zu verpacken und gleichzeitig örtliches Flair zu vermitteln. Er war bereit, mir einen Schnellkurs in irischer Geschichte von der Ogham-Schrift (4. Jahrhundert) bis zu den Troubles (21. Jahrhundert) zu geben und seine Top-Tipps mit mir zu teilen: Die Blue Guides sind die besten Reiseführer. Niemand kann sich mehr als drei Jahreszahlen merken. Und das Wichtigste: Beziehe den Busfahrer immer mit ein, schließlich ist er (oder sie) ein Mensch und kein Roboter und verfügt über lokales Wissen.

Irland war Neuland für mich, noch dazu hatte ich ein zwiespältiges Verhältnis zu Land und Leuten. In der Schule in Manchester hatten wir nie etwas über Irland gelernt, wir haben uns nur geärgert, dass wir schon wieder evakuiert wurden und mitten im Sportfeld warten mussten, bis die Bombendrohung vorbei war. Niemand hat uns aufgeklärt, warum der Kampf auf das Festland, sprich England, verlagert wurde und warum eine Mädchenschule im Visier der IRA sein sollte. Es war Anfang der 1970er-Jahre. Wir kannten die Straßennamen in Belfast genauso gut wie die von London und fanden es normal, dass es keine öffentlichen Abfalleimer gab. Schließlich waren sie Behälter für Bomben. Irland, ob Republik oder Nordirland, kam damals als Reiseland für Engländer oder Schotten nie in Frage.

Dank Steven wurden meine Wissenslücken gefüllt. Die Engländer haben sich, was die Grüne Insel angeht, nicht gut benommen. Sie haben Irland fünfhundert Jahre lang als Hintertür und mögliches Sprungbrett für eine Eroberung von England betrachtet, als ein Land, das unbedingt zu bändigen und zu beschlagnahmen war. Von der Schönheit des Landes war nie die Rede, nur von Problemen. Mit Stevens Hinweisen, Antonius Bösterlings ausgearbeitetem Gartenprogramm plus einem Stapel Landkarten und natürlich meinem Blue Guide of Ireland1 war ich bestens vorbereitet. Die Route »Rund um die Grüne Insel« mit Halt in Cobh, Bantry Bay, Killybegs, Belfast und Dublin war exzeptionell und wurde in der Tat in seiner Gesamtheit nie wiederholt.

Bantry Bay, ganz im Süden von Irland, ist geprägt von einer widersprüchlichen rauen Schönheit, die eine ganz besondere Ausstrahlung im frühen Morgenlicht hat. Dort aufzuwachen hat etwas Ursprüngliches. Die Landschaft ist nicht dramatisch wie die norwegischen Fjorde, sondern gediegen. Geschliffen vom konstanten Wind und den Wellen des Atlantiks, sind die Hügel kahl, die Farben im gelb-braun-tiefvioletten Spektrum mit einzelnen grünen Flecken dazwischen sowie als Kontrast dazu das Wasser, Teerschwarz mit Silberschimmer, so glatt wie ein Mühlenteich. Hier und da waren die dunklen Punkte der Austernbänke zu sehen, ein Fischerboot tuckerte auf dem Weg zurück zum Hafen und Möwen kreisten, als wollten sie uns ausspähen. Zum Glück war ruhiges Wetter, denn wir mussten mehrmals den Wasserweg nehmen, vom Ankerplatz der MS »Deutschland« mitten in der Bucht bis zum Hafen und dann zur Insel Garnish und wieder zurück. Unser Ganztagesprogramm sah einen Besuch des Ilnacullin-Gartens und des Bambusgartens in Glengarriff vor, mit einer Landpartie dazwischen.

Die Landpartie machte mir von Anfang an Sorgen, es war nichts weiter als eine mehrstündige Busfahrt, um die reizvolle Landschaft vom Fenster aus zu bewundern. Laut Landausflugsprogramm war es nicht nur die Gartengruppe, die in Richtung Ring of Kerry unterwegs sein sollte. Es klang nach Massenausflug. So hatte ich mir den Besuch nicht vorgestellt. Wo blieb die Romantik, wo blieben die Begegnungen mit dem Land, der Zauber?

Angekommen in Glengarriff, musste die kleine Gruppe der Gartenfreunde auf das Boot zur Insel Garnish warten, Zeit für Fotos und die Gelegenheit für mich, unseren Busfahrer aufzusuchen. Der kleine Gartenbus war auch ohne Schild sofort zu erkennen, ein silbernes Baby unter den großen Ausflugsbussen. Willy, der Busfahrer, stellte sich vor, wir tauschten Telefonnummern aus, ich gab zu, das erste Mal hier zu sein, kein richtiger Guide und noch dazu Engländerin zu sein und Bedenken über die Landpartie zu haben. Wir wollten schließlich das Flair von Irland erleben und nicht nur durch die Gegend kutschieren. Gäbe es einen Alternativvorschlag? Was würde er Freunden zeigen wollen, wenn sie erstmals bei ihm auf Besuch wären? Wir würden den Garten auf der Insel besuchen und direkt nach dem Mittagessen wieder am Hafen sein. Also genügend Zeit zum Überlegen, wohin es auf der Fahrt ins Blaue gehen könnte.

Die Überfahrt zur Insel Garnish2 ist in festen Händen der örtlichen Bootsleute, was verständlich ist, denn Tourismus ist die Haupteinnahmequelle dieser Gegend. Wie Steven vorgeschlagen hatte, fragte ich den Bootsmann, ob es möglich wäre, auf dem Weg zur Insel an den Robbeninseln vorbeizufahren. Es wäre für uns ein Highlight, aber nur wenn es ihm keine Mühe machen würde. Offensichtlich hatte ich, dank Steven, die richtige Taste gedrückt, denn der Bootsmann wachte auf, und als ich ihn fragte, ob das Haus mit dem Schornstein das von Maureen O’Hara3 sei, verwandelte er sich zum Guide von Glengarriff. Herrlich. So schnell konnte ich gar nicht alles aufschreiben und die Informationen an die Gruppe weitergeben. Die Robben-Überraschung war perfekt, die Tiere lümmelten auf den Felsriffen, manche so gut getarnt, dass man sie erst bemerkte, als sie sich reckten. Kameras klickten, Filme wurden gedreht, Ahs und Ohs schallten in der Kabine.

Um die Einmaligkeit der 15 Hektar großen Insel Garnish richtig einzuschätzen, muss man unter die Oberfläche schauen. Wie bei Seal Island, wo die Robben ausruhen, waren auch hier früher blanke Felsen mit nur partiellen, spärlichen, dünnen Humusschichten und kaum Bewuchs, dies obwohl der Name Ilnacullin, Insel der Stechpalme bedeutet. Jeder Kubikzentimeter Erde wurde per Boot hergeschleppt, Felsen gesprengt, alles, um einen Garten anzulegen. Aber warum ausgerechnet hier? Bis auf den Boden stimmte alles andere, der Standort, das Klima, um aus dem Nichts einen Traum zu verwirklichen. Entworfen von Harold Peto, einem renommierten Landschaftsarchitekten des frühen 20. Jahrhunderts, ist Ilnacullin ein Stück Italien mitten in einem irischen Fjord, angelegt für den schottischen Abgeordneten und Pflanzensammler John Annan Bryce. Der Kontrast zur Umgebung könnte nicht größer sein, und weil die Vistas Teil des Szenarios sind, wird man stets darin erinnert, wo man sich in Wirklichkeit befindet. Einhundert Männer samt Bauherrn und Architekten arbeiteten drei Jahre lang, um dieses Paradies zu schaffen. Windschutz wurde durch Anpflanzungen errichtet, Loggien, Tempel, Terrassen und Mauern gebaut, Palmen, Fuchsien, Seltenheiten der südlichen Halbkugel und mehr wurden gepflanzt, aber das Wohnhaus wurde nie erbaut. Der Erste Weltkrieg kam dazwischen. So war das Gärtnerhaus die einzige Unterkunft, in der Gäste wie George Bernard Shaw und Annan Bryces Witwe Violet von Zeit zu Zeit wohnten und von wo aus der Gärtner, Murdo Mackenzie, den Garten bis 1971 fünfzig Jahre lang pflegte.

Ilnacullin sollte am besten langsam und mit Bedacht genossen werden, der Italienische Garten ist verblüffend, nicht allein wegen der Gestaltung, auch wegen der Pflanzen, der Farben und des Duftes. Flaschenputzer-Sträucher, Leptospermum, Abutilon, Fuchsien, sogar chilenische Stechpalmen (Desfontainea spinosa), frostempfindliche Spezies, die man hier nicht erwarten würde, sind zu finden. Happy Valley, ein langes Tal, fast parallel zu den formaleren Bereichen, gibt den Anschein, beiläufig entstanden zu sein. Die Proportionen sind verzerrt, es wirkt länger und breiter, als es in Wirklichkeit ist. Die Vegetation kriecht einmal von einer Seite, dann von der anderen in den Talboden hinein. Dank Petos gekonnter Gestaltung und Bryces enormem Pflanzwissen wurde eine Illusion der Natürlichkeit geschaffen. Inzwischen haben wir aufgegeben, die Pflanzen zu bestimmen, es sind einfach zu viele, auch mächtige Koniferen, ausladende Rhododendren, Baumfarne. Besser ist es, die Einzigartigkeit des Ortes auf sich wirken zu lassen.

Vom Mortello Turm aus, einem Überbleibsel des Napoleonischen Krieges am höchsten Punkt der Insel, blickt man auf Annan Bryces Welt und die Landschaft der Fjorde. Von hier aus ist die dichte Windschutzpflanzung mit Kiefern (Pinus radiata und Pinus sylvestris), Fichten sowie einzelnen Zypressen dazwischen gestellt zu sehen. Der Glockenturm im unteren formalen Teil des Gartens ragt über die Baumkronen empor, eine Erinnerung an die Zeit und daran, dass es noch mehr zu entdecken gibt. Was von oben wie ein weiter Weg aussah, war erstaunlich nah. Trotz der Wolkendecke war es recht warm, insbesondere im ummauerten Garten. Hier gedeihen trotz des feuchten Klimas Rosen und Clematis, Stauden bauen sich beidseits des mittigen Weges auf, Obstbäume, vor allem Spaliere, wachsen in die seitlichen Flächen, wie auch zahlreiche andere Pflanzen. Hier mischen sich vertraute Pflanzen mit exotischen, Rittersporne und Astern gesellen sich zu auffallendem Pittosporum tenuifolium ‘Garnettii’, einem Zierstrauch mit silbrigen, pink umrandeten Blättern.

Nach den geballten Eindrücken tat es gut, die offene Rasenfläche vor der »Casita« zu betreten. Aus dieser Perspektive sah das villenartige Bauwerk mit dem langgestreckten, verandaähnlichen Gang aus, als wäre es einer Plantage in Indian oder Kenia entsprungen. Von der anderen Seite wirkte die Ansicht toskanisch. Es war, als ob Peto und Bryce Ideen und Pflanzen aus der ganzen Welt gesammelt und hier in Ilnacullin vereint hätten: das Formale mit dem Natürlichen, bekannte Pflanzen mit Seltenheiten. Ilnacullin wurde 1953 dem Irischen Staat überschrieben. Dieser betreut und pflegt die Anlage und respektiert den Geist des Ortes, eine großartige Leistung, denn die besondere Stimmung beizubehalten ist alles andere als einfach.

Im Hafen wartete Willy mit strahlendem Gesicht. Die Busfahrer hatten unter sich beratschlagt und waren einstimmig der Meinung, wir sollten nach Gougane Barra fahren. »Dort ist das Herz von Irland. Und ja, es passt in den Zeitplan. Außerdem haben Sie recht, alle anderen Busse fahren Richtung Ring of Kerry.«

Er würde oft mit Schulgruppen dorthin fahren und verstand es nicht, warum ausländische Gruppen selten den Ort aufsuchen, schließlich sei der heilige Finbarr dort zu Hause gewesen. Ahnungslos, wer St. Finbarr war oder wie man ihn schreibt, es klang wie Fnbr, meldeten wir uns beim perplexen Agenten ab. Willys Tour konnte starten.

 

                 

1

Brian Lalor, Blue Guide of Ireland, 2004

2

www.garnishisland.com

Adresse: Garnish (Garinish) Island, Glengarriff, West Cork, Ireland

3

Irisch-amerikanischer Hollywoodstar (1920–2015)

Willys Irland: Wo die grünen Männer tanzen

In dem Augenblick, als wir von der Küstenstraße abbogen, verwandelte sich das Landschaftsbild. Hecken bauten sich beidseits der schmalen Straße auf, der Wegesrand war mit Fuchsien und Montbretien gesäumt, die Felder waren grüner. In meiner Begeisterung hätte ich beinahe den türkis-farbenen Bentley übersehen. Minuten vorher hatte ein Gast gefragt, ob wir wohl englische Nobelkarossen sehen würden. Und jetzt erschien dieser Schlitten wie gerufen. Steven hatte mir erzählt, dass Angela Lansbury (die Hauptdarstellerin der beliebten Fernsehserie »Mord ist ihr Hobby«) ein Haus in der Gegend habe und mit ihrem markanten blauen Auto ab und an zu sichten sei. Solche Zufälle gibt es nicht. Oder? Wer im Auto war, werden wir nie wissen, auch nicht, ob die Sache mit dem Bentley nur Klatsch ist, aber irgendwie passte es zum Ort und zum Tag.

Willy nahm seine Rolle als Guide ernst und kündigte den Pass an. Wo? Es gab keine Berge, nur eine Erhöhung. Der Pass hatte einen unaussprechlichen Namen, wie vieles in Irland, mit zahlreichen Vokalen und »gh« am Ende, ausgesprochen wie das deutsche »ch« in noch. Ich habe festgestellt, man tut sich leichter mit Irisch, wenn man es wie Deutsch ausspricht statt wie Englisch. Vielleicht leben deshalb so viele Deutsche in Irland.

Der Pass of Keimaneigh, der Pass der Rehe, ist eine karge Kalksteinschlucht, ähnlich einem Steinbruch mit zahlreichen Felsbrocken und Steinen, als hätte sie ein Riese um sich gestreut. Auffallend sind die alpine Flora, die zarten Blumen und kriechenden Gewächse in den Steinritzen. Etwas für die Rückfahrt. Einmal über dem Pass, öffnet sich die Landschaft, Wälder noch und noch, kaum Felder, kein Anzeichen von Besiedlung, aber dafür Berge. Willy bog nach links ab, fuhr eine kurvenreiche Straße hinunter, und plötzlich waren wir im Kessel mit einem See an einer Seite und grünen Hängen, die sich emporhoben, auf der anderen Seite. Dazwischen stand ein Hubschrauber vor einem gelblichen Haus, geparkt auf einer der wenigen ebenen Flächen, als sei es das selbstverständlichste Transportmittel in dieser Gegend.

»Eine Hochzeit zu sehen, bringt Glück«, kam als Erklärung von Willy. »Hätte ich mir denken können, heute ist Samstag. Hier ist es, wo Finbarr, der Heilige der Grafschaft Cork, den letzten Drachen Irlands erschlagen hat. Es ist ein besonderer Ort.«

Dass hier alles andersartig ist, dämmerte uns allen. Woran es lag, war uns nicht klar. Schräg gegenüber dem Hotel, direkt am Wasser auf einem etwas erhöhten Stück Land, das in die See sticht, liegt eine Ruine, vielmehr ein Labyrinth von Mauerresten. »Hier war das Kloster, es werden immer noch Gottesdienste auf der Insel abgehalten.« Bevor wir uns aber umsehen konnten, fuhr Willy weiter. Stets umsichtig, dachte er an einen comfort stop. Bei organisierten Ausflügen stehen WC-Anlagen ganz oben in der Liste der Prioritäten. Der erste Eindruck einer Sehenswürdigkeit ist oft die örtliche Toilette, und sie ist selten schön. St. Finbarrs See ist die Ausnahme. Nach dem Muster eines keltischen Rundhauses, samt Rieddach, aber sachlich modern mit weiß verputzten Wänden, hatte das Forstamt das schönste Toilettenhäuschen Irlands mitten im Wald errichtet. Aber warum? Ringsherum waren Bäume und außer einem einzigen anderen Fahrzeug waren wir alleine. Zu höflich zu fragen, ob dies das Ziel der Reise sei, stiegen alle brav aus. Wer nicht zur Toilette ging, bewunderte das Bauwerk, denn es gehört in die Seiten einer Architekturzeitschrift. Zwischenzeitlich erklärte mir Willy, es kämen viele Besucher hierher, besonders an St. Finbarrs Tag am 26. September. Noch dazu sei die Gegend um Gougane Barra der erste Nationalpark Irlands, eingeweiht 1964. Für Irland also ein wichtiger Ort aus mehrfachem Grund.

Kaum fünf Minuten, nachdem wir wieder im Bus saßen und auf den Forststraßen weiterfuhren, war es als ob sich ein Vorhang öffnen würde. Wie bestellt, erleuchtete ein seitlicher Sonnenstrahl den Wald. Hunderte unterschiedliche Grüntöne kamen zum Vorschein. Statt dunkel, kahl und bedrohlich, war der Nadelwald saftig und frisch. Lärchen und Sitkas ragen in die Höhe, Farne und Moose bedecken den Boden, schöner als in einem japanischen Garten. Ein kollektives »Ah« ging durch den Bus. Dies musste man aus der Nähe sehen, riechen und betasten. Willy hielt an und staunte, als wir das Moos streichelten. So schön, wie es aussah, roch es, der undefinierbare Duft von Farnen und Harz, gemischt mit Feuchtigkeit. Sanfte Luft streichelte unsere Haut, besser als jede Hautcreme. Wären die Leprechauns, die irischen Kobolde, jetzt erschienen, hätte es uns nicht gewundert. Hier war unser »Topf mit Gold«, ein einzigartiger Naturgarten, so zauberhaft und einmalig, dass er sich meinem Gedächtnis eingeprägt hat und seither als Vorbild dient. Paradies in Grün.

Willy hatte versprochen, dass wir bei den Ruinen halten würden, sie seien sehenswert, vor allem der Blick auf den See. So zerrten wir uns doch von dem magischen Ort weg, stiegen in den Bus und fuhren schweigend durch den Forst weiter. Plötzlich öffnete sich ein Panorama vor uns. Der dunkle See, die steilen Berge, der Umriss der kleinen Kapelle, umzingelt von Menschen, breitete sich vor uns aus. Die Hochzeitspartie kam aus der Kirche, und dies sollten wir Willys Meinung nach sehen. Glück kann jeder gebrauchen.

Die Braut hätte die Inspiration für Walt Disneys Schneewittchen sein können: Klare weiße Haut, rabenschwarze lange Haare, schlank mit einer spielerischen Eleganz, eine irische Schönheit. Aller Augen waren auf sie gerichtet, und alle Herren waren sofort in sie verliebt, der Bräutigam einfach nur mehr ein Statist. Weil die Kapelle nur Platz für fünfzig Personen bietet, war die Hochzeitsgesellschaft überschaubar, absolut passend zum Ort. Fotos wurden geknipst, von uns und den anderen Gästen, der Profifotograf bemühte sich, das Brautpaar ins beste Licht zu stellen – bei dem Hintergrund keine so schwierige Aufgabe.

Eigentlich hätten die Ruinen Mittelpunkt unseres Interesses sein sollen, aber wer bekommt schon so eine Schau geboten. Die »Insel«, auf der St. Finbarr sein Kloster Ende des 6. Jahrhunderts gegründet hatte, war in der Tat eine Halbinsel. Sie war an der schmalsten Stelle an Land gebunden und schob sich wie ein Faust in den See. Die Ruinen selbst stammen aus dem Jahr 1700 und sind eine Nachbildung, samt angedeuteten Kreuzstationen und dem Altar der früheren Kapelle. In diesem Ort der Einsamkeit wurde der von den englischen protestantischen Herrschern verbotene römisch-katholische Gottesdienst bis ins 20. Jahrhundert abgehalten. Geschichte und Legenden verschmelzen in Gougane Barra; wenn der Drache vorbeigeflattert wäre, es hätte uns nicht überrascht. Eine besondere Stimmung lag in der Luft, ein Gefühl von Ruhe, Geborgenheit und der Zugang zu einer anderen Zeit, in der die Natur und die Elemente bestimmend gewesen waren.

Der letzte Halt des Tages war der fünf Hektar große Bambuspark1 von Glengarriff direkt an der Bucht. Große, dicht stehende Koniferen säumen die Straßenfront dieses neuesten Gartens Glengarriffs. Ähnlich wie Annan Bryce hatte auch Serge de Thibault eine Vision dessen, was er erreichen wollte, eine dschungelähnliche Sammlung von Bambus und dazu Palmenhaine. Eröffnet im Jahr 2000, ein Jahr nach der Gründung, war die Anlage noch in der Entwicklungsphase. Das Klima ist für Bambus wie geschaffen. Über dreißig Arten gedeihen im Park, zusammen mit zahlreichen Palmen und Baumfarnen.

Die größte Überraschung ist jedoch nicht etwa die beachtliche Wachstumsrate des Bambus, sondern der angrenzende, verwilderte alte Garten von Lady Ardiliaun, der nahtlos in den Park übergeht. Angelegt Anfang des 20. Jahrhunderts, hatte der Garten eine gewisse Verwandtschaft mit Sammlergärten wie The Lost Gardens of Helligan, angelegt im 19. Jahrhundert, die man in Cornwall antrifft. Wege waren zwischen den Gehölzen erkennbar, aber kaum passierbar, da die Vegetation von allen Seiten herandrängte. Die Topografie und das Ausmaß des Gartens konnte man nur erahnen, die Böschung schien sich bis zum Wasser zu erstrecken, aber auch das konnte eine Illusion sein. Niemand schien sich großartig um das Schicksal des alten Gartens zu kümmern, aber bei der Größe der Gesamtanlage war dies nicht verwunderlich.

Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit als Garten-Guide wurde mir ans Herz gelegt, wie wichtig für den Ablauf einer Schiffsreise die Pünktlichkeit sei. Abfahrtszeiten waren strikt einzuhalten, wer zu spät kommt, muss zusehen, wie er weiterkommt. Als es zur vereinbarten Zeit keine Spur von Willy und dem Bus gab, wurde ich nervös. Bisher hatte alles wunderbar geklappt, warum nicht auch jetzt? Ein Anruf bei Harold, dem Chef der Touristik an Bord der MS »Deutschland«, klärte alles; alle anderen Ausflugsbusse standen im Stau auf der Straße zwischen Glengarriff und Kemare und würden sich verspäten, aber der Gartenbus war zu uns unterwegs. Kaum war das Gespräch beendet, stand Willy vor uns und entschuldigte sich mehrmals für die Verspätung. Kleinbusse sind Mangelware, und er habe die Schulkinder nach Hause fahren müssen. »Sie wissen, wie die Straßen sind. Die großen Busse haben keine Chance.«

Es stimmt, wir haben es erlebt, und dank ihm auch das Herz von Irland. Müde, aber begeistert verabschiedeten wir uns von unserem Spezialführer. Der Hafen war bis auf das Tenderboot der MS »Deutschland« leer. Außer einer Handvoll Passagiere, die selbstständig unterwegs waren, hatten wir die Tender für uns allein. Welch ein Luxus! Die besinnliche Ruhe setzte sich auf dem Schiff fort, denn die Busse hingen immer noch im Stau. So konnten wir die einmalige Landschaft von Bantry Bay bei einem Pils an der Bar »Zum alten Fritz« auf uns wirken lassen. Willy hatte Recht, eine Hochzeit zu sehen bringt Glück!

 

                 

1

www.bamboo-park.com

Adresse: Glengarriff Bamboo Park, Glengarriff, Co. Cork, Ireland

Hilfe, Mücken! Gärten an Schottlands Westküste

Es ist ganz selten, dass das Rauchen auf Reisen explizit erwünscht ist; verbringt man den Sommer an der Westküste von Schottland, so ist dies jedoch eher die Regel. Raucher sind plötzlich beliebt, gefragt und werden als Retter in der Not betrachtet, denn gegen die »midges« gibt es kein besseres Mittel als das Qualmen. Wie mein damals sieben Jahre alter Bruder bei einem Schottland-Urlaub mit meinen Eltern feststellte, ist das wahre Monster von Loch Ness nicht etwa ein Ungeheuer, das in der Tiefe des Gewässers lauert, sondern die Existenz von Abermillionen midges, Kleinst-Mücken mit Kamikaze-Fähigkeiten, die einen Schottlandbesuch ruinieren können.

Dass sie in der kargen, rauen Landschaft existieren und sich derartig vermehren können, ist eigentlich ein Wunder. Die Überlebenskraft der kleinen Insekten wäre bewundernswert, wenn sie nicht so unangenehm wären. Gärtner der nördlichen Küstenstrecke kennen die Taktik dieser Biester nur zu gut und tragen bei der Gartenarbeit eine Imkerausrüstung oder mindestens einen Tropenhut mit feinem Netz, das über die Schultern drapiert ist. Hosenbeine und Ärmel werden mit Gummibändern fest zugeschnürt, was seltsam aussieht. Wer denkt angesichts dieser unangenehmen Angreifer schon an modische Trends?

Warum fährt man freiwillig in die Gegend, wenn die allgegenwärtigen Mücken so schlimm sind? Der einzige Grund sind die Gärten. Angesichts ihrer Lage auf 57 Grad nördlicher Breite – und damit näher am Polarkreis als St. Petersburg – und noch dazu vom Winde verweht würde man meinen, dass die Küste zwischen Inverewe im Süden und Ullapool im Norden menschenverlassen sei. Dass es hier einen der besten Gärten Schottlands gibt, gehört wohl zu den großen Wundern der Gartenwelt.

Um sich der enormen Leistung der Besitzer und Gärtner bewusst zu werden, muss man vor Inverewe Gardens1 anhalten, ringsumher blicken, die milde Luft schnuppern und auch den Mücken begegnen. Das Wetter drückt von allen Seiten heran, Wolken sitzen auf den Torridon Hills, dem Hochgebirgzug, dessen Silhouette diesen Teil von Wester Ross bestimmt. Die Torridon Hills sind mit etwa 1000 Höhenmetern niedriger als die Alpen, was aber nicht bedeutet, dass sie für den unerfahrenen Wanderer weniger gefährlich sind. Wiedererkennungsmerkmale sind in dieser doch kargen, baumlosen Landschaft sparsam verteilt. Sümpfe überraschen, Bäche erscheinen aus dem Nichts, braune und graugrüne Töne überwiegen und werden nur im August durch Purpurflecken von Heide unterbrochen.

Während es in den Bergen kühl ist, wirkt es an der Küste erstaunlich mild und auch heller. Fjorde ziehen bis ins Landesinnere hinein, mal kürzer, mal länger; ihre Hänge sind sanft, gar gefällig, die herausstechenden Landzungen von Steinen, Heide und Adlerfarn geprägt. Bäume sind selten, Wald ist noch rarer. Trifft man eines von beiden an, ist dies oft ein Anzeichen, dass hier etwas Interessantes zu finden sein könnte. Und genau das ist der Fall, wenn man vom Norden kommend erstmals auf den Rücken der Halbinsel von Inverewe schaut. Die Wipfel von Kiefern, Birken, Ebereschen, sogar Baumkronen von Buchen wagen es, sich in die Höhe zu recken, bevor ihr Wachstum abrupt vom Wind gebremst wird.

Osgood MacKenzie, wohlhabender Sohn aus zweiter Ehe des örtlichen laird, also eines schottischen Großgrundbesitzers, erkannte das Potential der Halbinsel von Inverewe schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts und ließ sich weder durch den Wind noch vom Humusmangel abhalten, hier seinen Traum von einem repräsentativen Haus mit Garten zu verwirklichen. Er war von der Aussicht auf die Berge nach Osten und dem Klima begeistert; Erde konnte man anfahren, Windschutz durch Bepflanzung schaffen und Böschungen begradigen. Dank des Golfstroms ist es auf Inverewe erstaunlich mild, mit wenig oder kaum Bodenfrost und mäßigen Temperaturschwankungen zwischen Winter und Sommer zu rechnen. Die langen Sommertage kompensieren die kurzen Wintertage so sehr, dass es Osgood bereits 1880 trotz der Salzwinde gelang, einen Waldgürtel um sein Grundstück zu etablieren.

Oberhalb des südwestlichen Hangs ließ er, verziert mit Türmchen und Giebeln, ein Mini-Schloss errichten, Inbegriff des romantischen, schottischen Baronenstils, der sich zu Zeiten Königin Victorias großer Beliebtheit erfreute. Osgoods Ambitionen im Hinblick auf den Garten waren dagegen in erster Linie praktischer Art, und so sollte auf dem abfallenden Gelände ein üppiger Nutzgarten entstehen. Da es keine ebenen Flächen gab, ließ Osgood den Strand überbauen, errichtete Stützwände sowohl zum Wasser als auch zur anderen Seite, zur Zufahrt, hin und füllte diesen Bereich mit einer Erdbodenmischung aus unterschiedlichen Quellen auf, sodass sich mehrere Terrassen ergaben.

So veränderte Osgood zwar die Topografie des Geländes, der Grundriss des Gartens aber passte sich den Konturen der Bucht an und weist somit eine ungewöhnliche, parabelförmige Gestalt auf. Durch diese Form wurde die Formalität der Beete und der Wegeführung entschärft, die Struktur erscheint geschmeidig und sanft. Mit Gemüse, Beerenobst, Spalierobst und Schnittblumen gefüllt, war dies Osgoods Garten, der Rest wurde einfach als »Wald« bezeichnet. Was hätte Osgood wohl gesagt, wenn er gewusst hätte, dass es gerade sein »Wald« ist, der heute Besucher aus nah und fern nach Inverewe lockt. Dieser Garten ist in seinem Pflanzenangebot einzigartig; ihn zu durchqueren ist wie eine Reise über die Kontinente, denn Pflanzen aus aller Welt sind hier zu finden.

Inverewe muss man mit allen Sinnen erleben: die Temperatur auf der Haut, die Düfte, die Farben, die Ausblicke und – nicht zuletzt – die Geräusche. Das Zwitschern der Vögel, der durch die Baumkronen pfeifende Wind, das Summen der Bienen und gelegentlich auch das Schwappen der Wellen wirken wie Musik. An bedeckten Tagen kann die Wärme erdrückend sein, Feuchtigkeit klebt dann an Haut und Kleidung. Im Frühling und Herbst kann man sich helfen, indem man Mantel, Jacke oder Pulli ablegt, im Sommer, zur Hochsaison der Mücken, ist es besser zu schwitzen. Oder man sprüht sich von oben bis unten mit einem Mückenspray ein!

Aber auch in diesem Fall sind bereits beim Anblick der Pflanzen entlang der Zufahrt sämtliche Ärgernisse schnell vergessen. Eukalyptus in Schottland! Nicht etwa die gewöhnlichen Arten, sondern feuchtigkeitsliebender Eucalyptus coccifera aus Tasmanien, gepflanzt 1880 von Osgood MacKenzie selbst. Dazwischen Neuseeländer Flachs (Phormium tenax) sowie weitere für den Breitengrad exotische Pflanzen aus Neuseeland, die sich, wenn man ihre Größe betrachtet, augenscheinlich in Schottland sehr wohl fühlen.

Auf der anderen Seite des breiten Weges, der auf das Haus zuläuft, erstreckt sich eine lange, dichte Hecke aus Rhododendren, deren Äste so eng vernetzt sind, dass weder Wind noch Blicke hindurchdringen. Nur an einer Stelle wird die Hecke durch einen kleinen Ausguck unterbrochen. Die Aussicht von hier über das Wasser zu den Bergen hin ist bezaubernd, wird aber durch die Draufsicht auf den weiter unten liegenden Nutzgarten noch übertroffen. Ist die Flut auf ihrem höchsten Stand, so reicht das Meer direkt bis an die Stützmauer des Gartens heran, bei Ebbe offenbart sich ein kleiner Strand. Der Nutzgarten ist in seinem Ansatz formal, wirkt aber durch die Mischung von Gemüse und Blumen heiter und locker.

Folgt man der Zufahrtsstraße, trifft man auf das Haus. Osgoods Traumhaus brannte 1914 ab und wurde 1937 durch ein schlichteres und kleineres Haus ersetzt. Während das alte Haus ambitioniert und groß war, wirkt das heutige Inverewe House fast ein wenig zu klein. Die Vegetation rückt ihm von allen Seiten zu Leibe, nur die Rasenfläche vor dem Haus scheint ihm etwas Luft und Raum zu verschaffen. Bevor man sich aufmacht, um als nächstes den »Wald« zu erkunden, ist es ratsam, hier kurz Platz zu nehmen, das lange, bunte Staudenbeet vor dem Haus zu bewundern und sich eine Strategie für das weitere Vorgehen zu überlegen. 20 Hektar kann man unmöglich durchforsten, noch dazu, wenn man nach jedem Schritt stehen bleibt, um die Pflanzen oder den Blick zu bewundern.

Ein Labyrinth aus Wegen, manche kaum mehr als ein Pfad, zieht sich über die ganze Böschung oberhalb und seitlich des Hauses. Alles scheint hier bunter und größer als andernorts zu wachsen. Der Frühling mag die beste Zeit sein, um die Rhododendren zu bewundern, aber der Juli ist der Monat, in dem die Tasmanische Scheinulme (Eucryphia lucida), eines der zahlreichen exotischen Gehölze im Garten, ihre weißen Blüten zeigt. Genau wie die Hanfpalmen (Trachycarpus) und Laternenbäume (Crinodendron hookerianum) erweckt auch sie beim kundigen Besucher den Eindruck, in Neuseeland zu sein. Beim Anblick der Mammutbäume (Sequoiadendron giganteum) fühlt man sich hingegen auf den nächsten Kontinent, nach Kalifornien, versetzt.

Einer meiner Lieblingsbereiche ist der kleine Teich oberhalb des Hauses. Er wirkt wie eine Lichtung im Wald, die Wasserfläche ist mit Seerosen geschmückt, die Blätter sind mit einem bronzenen Schimmer versehen, der sich im direkt an den Teich angrenzenden Saum aus Schaublatt (Rodgersia) widerspiegelt. Hortensien, Pieris, Azaleen und viele andere Pflanzen mehr bauen sich im Halbschatten der Bäume auf. Dank einer leichten Brise, die über die Baumkuppen nach unten weht, ist dieser Bereich erfreulicherweise mückenfrei. Es ist wunderschön zu sehen, wie selbstverständlich die Exoten und Raritäten in diesem Garten ihren Platz einnehmen und eine Überlagerung von Formen und Farben hervorbringen, die einen immer wieder entzückt.

Mairi Sawyer, Osgoods Tochter, setzte die Arbeit ihres Vaters fort, als sie nach seinem Tod 1922 den Garten übernahm. Der Steingarten unterhalb des Hauses geht auf ihre Initiative zurück. 1937 pflanzte sie die einzigartige panaschierte Türkische Eiche seitlich des Hauses, die damals wie heute die Besucher begeistert. Mairi überschrieb Haus und Garten 1952 dem National Trust in Schottland mit der Auflage, den Garten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es ist der Organisation gelungen, den einzigartigen Charakter der Anlage zu erhalten und Ergänzungen und Erneuerungen im Sinne von Osgood MacKenzie und seiner Tochter auszuführen. Die Gärtner von Inverewe arbeiten mit und nicht gegen den Geist des Ortes, und das Ergebnis ist ein Garten, der auch im 21. Jahrhundert seine Individualität behalten hat.

Da wir noch einen ganzen Tag zur Verfügung hatten, entschied ich mich, mit der Gruppe einen zweiten Garten aufzusuchen, den auch ich noch nicht kannte. Und wie so oft, erweisen sich die unerwarteten Entdeckungen als wahre Offenbarungen. Unsere Busfahrerin kannte den Garten von Dundonnell House, der im Rahmen von Scotland’s Gardens2 gelegentlich geöffnet wird, und hatte keine Probleme, den Kleinbus über die schmale, alte Brücke zu steuern. Das weiß getünchte, alte Haupthaus steht, umgeben von Rasen, für sich; die Nebengebäude, die Stallungen, Scheunen und Cottages, liegen mit etwas Abstand auf der anderen Seite der Zufahrt. Es war auffallend, wie still und geborgen die Anlage wirkte. Früher ging es deutlich lebhafter zu, denn hier befand sich der Stammsitz des MacKenzie-Clans. Statt

Will Soos, der uns begrüßende Gärtner, war erst seit zwei Jahren hier im Garten angestellt, aber man spürte seine Begeisterung. Er hatte vorher Berufserfahrungen in Inverewe gesammelt, und freute sich, nun hier unter gänzlich anderen Bedingungen arbeiten zu können: Nur einen Hektar groß und in geschützter Lage, weit weg von den Salzwinden und deshalb mit besserem Luftaustausch bedacht, bietet der zudem als privates Refugium gedachte Garten gänzlich andere Gestaltungsmöglichkeiten. Über dem Garten liegt eine romantische Stimmung, Kletterrosen hängen an den Wänden, Blumen purzeln über den Rand der Beete, Skulpturen sind hier und da im Garten verteilt, mal klein, mal groß, aber immer stimmig platziert. Häufig findet man in Gärten dieser Art offene Flächen, die jeweils ausschließlich Obst, Gemüse oder Schnittblumen gewidmet sind; ganz anders hier, wo viele Solitärbäume über den Garten verteilt stehen. Ihr Schattenwurf verleiht diesem besondere Tiefenwirkung.

Die strukturbildenden Elemente wie die Mauer, die Wegführung sowie die Bäume sind historisch, die Füllung des Gartens aber ist zeitgenössisch. Bestechend ist, dass der Garten seine Struktur nicht auf den ersten Blick preisgibt; so bemerkt der Besucher der vier Quadrate diese erst, wenn er direkt davor steht. 800 Meter Hecke ziehen sich durch den Garten und bilden innerhalb eines jeden Karrees eigene Räume und damit einen geheimen Garten für sich, der zum Entdecken einlädt. Einer ist geprägt durch einen Bergahorn, ein anderer durch eine Skulptur. Diese Gärten innerhalb des Gartens haben einen besonderen Reiz und stehen in Kontrast zu den blumengefüllten Randbereichen, wo Jasmin und Clematis, gelbe Knöpfe von Rosa banksiae ‘Lutea’ sowie gelber Scheinmohn (Meconopsis chelidonifolia) gedeihen.

Überragt werden alle diese Pflanzenschätze von einer alten Stechpalme und einer noch älteren Eibe. Will erzählt, dass die MacKenzies überall dort, wo sie sich niederließen, Stechpalmen (Ilex aquifolium) pflanzten. Warum die Eibe gepflanzt wurde und von wem, sei jedoch nicht überliefert. Die Kombination der alten und ehrwürdigen Bäume, der knirschenden Kieswege, des perfekten Rasens und der lässigen, aber gepflegten Blumenbeete macht den Garten zu einem stimmungsvollen und faszinierenden Ort, der zudem – man höre und staune – absolut mückenfrei ist! Ob dies den silbrig-schimmernden Lachsen im Fluss zu verdanken ist, werden wir nie wissen; aber in diesem Garten wären wir gerne noch länger geblieben.

 

                 

1

www.nts.org.uk/Visit/Inverewe/

Adresse: Poolewe, Achnasheen Wester Ross IV22 2LG

2

www.scodandsgardens.org