Martina Gercke

 

 

Seesterne küssen nicht

 

 

 

Band 2 der Sieben Sommersünden

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seesterne küssen nicht

© 2016 by Martina Gercke, Hamburg

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage, Juli 2016

 

 

Umschlaggestaltung:

Catrin Sommer, www.rauschgold.com

 

Fotos u. Bildgrafiken Cover:
© Sergey Nivens– Shutterstock.com (Wasser/Himmel)

 

 

1. Durchgang Korrektorat:

Claudia Perc, www.claudiaperc.de

 

2. Durchgang Lektorat und Korrektorat:

Martina König

 

Martina Gercke wird vertreten durch AVA international GmbH · Autorenagentur, München

 

www.martinagercke.com

martinagercke@web.de

 

 

 

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform.

 

 

 

Alle in diesem Roman geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

Das Buch

 

Im Leben von Mia läuft alles perfekt. Mit ihrer Hochzeit in Neapel geht ein langgehegter Traum in Erfüllung. Als sie jedoch ihren Verlobten einen Tag vor der Hochzeit im Bett mit ihrer besten Freundin erwischt, läuft Mia davon. 

Im Hafen trifft sie auf einen Offizier, dessen Kreuzfahrtschiff gerade in Neapel vor Anker liegt, und betrinkt sich mit ihm in einer Bar. 

Der Abend nimmt eine unerwartete Wendung. Als Mia am nächsten Morgen aufwacht, befindet sie sich auf hoher See auf dem Kreuzfahrtschiff Sonnenglück – als blinder Passagier, und kein Hafen ist in Sicht ...

 

 

Neapel

 

 

1. Kapitel

 

Mit beschwingtem Schritt laufe ich durch die enge Gasse im Herzen von Neapel. Es ist ein herrlich sonniger Tag und auf den Straßen herrscht reges Treiben.

Noch vierundzwanzig Stunden, jubelt es in meinem Kopf, und dann bin ich offiziell Frau Mia Sophie Moretti. Klingt fast wie der Name eines Filmstars.

Ach, seufze ich glücklich vor mich hin. Franco und ich sind seit nunmehr dreieinhalb Jahren ein Liebespaar. Ich weiß noch, wie er plötzlich vor mir stand und mich mit den schönsten braunen Augen, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe, anlächelte und mich bat, ihm den Ball zu geben. Ich war auf dem Weg zu meiner Freundin und hatte die Abkürzung durch den Park genommen, als mir der Ball direkt vor die Füße rollte. Franco sah in seinen kurzen Sporthosen und dem eng anliegenden T-Shirt ultrasexy aus. Seine dunklen, vollen Haare waren zerzaust und er roch herrlich männlich. Ich erinnere noch, wie meine Hände gezittert haben, als ich ihm den Ball überreicht habe und er mich mit seiner tiefen Stimme fragte, ob ich Angst vor ihm hätte. Ich verneinte und als ich weitergehen wollte, hat mich Franco gefragt, ob ich italienisches Essen mögen würde. Ich meine, davon mal abgesehen, dass ich die Frage bejaht habe – wer mag die italienische Küche nicht? Pizza, Pasta und Co sind meine liebsten Begleiter, wenn es um Essen geht.

Also haben wir uns gleich für den nächsten Abend bei seinem Lieblingsitaliener verabredet. Was er damals vergessen hat zu erwähnen, war die Tatsache, dass es sich dabei um sein eigenes Restaurant handelt.

Als er mich mit seinem roten Porsche abholte, war ich schon völlig von den Socken. Ich kam mir vor wie ein Filmstar, als wir damit durch die Straßen von Hamburg bretterten. Franco war von der ersten Minute an witzig und unterhaltsam. Es hat mich auch nicht gestört, dass er es war, der hauptsächlich geredet hat. Besser so, als den ganzen Abend neben einem Schweiger zu sitzen, der die Zähne nur zum Kauen auseinanderbekommt. Als wir vor dem Restaurant geparkt hatten, hat er mir beim Aussteigen die Tür aufgehalten und ebenso beim Betreten des Restaurants. Ich schätze es sehr, wenn Männer sich benehmen können und einer Frau gegenüber galant sind.

Das Essen war unglaublich. Kerzenschein, leise Musik im Hintergrund und dazu leckerer Bellini. Ich liebe dieses fruchtige, prickelnde Getränk, das einem so herrlich schnell in den Kopf steigt, dass man sich leicht und beschwingt fühlt. Franco erzählte mir von Italien und ich ihm von meiner Familie. Als das Tiramisu kam, war es bereits um mich geschehen. Ich hatte mich Hals über Kopf verliebt. Seitdem sind wir ein Paar und vor knapp einem Jahr sind wir sogar zusammengezogen. Na ja, eigentlich bin ich zu Franco gezogen. Franco wohnt in bester Lage im Szeneviertel von Bremen. Meine Wohnung hingegen lag am Stadtrand und war alles andere als spektakulär. Trotzdem mochte ich mein kleines Reich. In Francos riesiger Wohnung fühle ich mich manchmal etwas verloren, zumal er häufig bis spät in die Nacht arbeitet.

Ein Windzug fährt mir durch die Haare und wirbelt in Marilyn-Monroe-Manier meinen Rock hoch. Sofort ertönen Pfiffe von den umstehenden Männern – fast ausschließlich Italiener. Italienische Männer haben das Flirt-Gen im Blut. Sobald sie eine schöne Frau sehen, erwacht ihr Jagdinstinkt. Pfeifen gehört somit zum guten Ton und wird hier als Wertschätzung an die Weiblichkeit und nicht als Belästigung angesehen, das behauptet zumindest Franco. Der muss es ja schließlich wissen, als waschechter Italiener!

Wobei Franco in dieser Hinsicht eine wirkliche Ausnahme bildet. Ich habe ihn noch nie dabei erwischt, dass er einer anderen Frau hinterherpfeift. Er trägt mich auf Händen und sagt mir täglich, wie sehr er mich liebt. Sein Kosename für mich ist Bella Donna, was so viel wie schöne Frau bedeutet.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie eine junge Frau ihrem Freund eine Ohrfeige verpasst, der sich fast den Kopf verrenkt, um einen Blick auf meine langen Beine zu erhaschen. Schmunzelnd gehe ich weiter. Die Absätze meiner Pumps klappern auf dem Kopfsteinpflaster. Eigentlich wollte mich Lisa, meine beste Freundin und Trauzeugin, auf meinem kleinen Shoppingausflug begleiten, aber dann ist irgendwas mit ihrer Mutter dazwischengekommen und sie musste dringend noch etwas erledigen, was keines Aufschubs bedurfte. Also zog ich allein los, um mir einen Bikini zu kaufen. Den habe ich nämlich in meiner Aufregung in Bremen vergessen. Überhaupt waren die letzten Wochen ziemlich aufregend. Ich musste alles von Deutschland aus organisieren und da ich nur ein paar Brocken Italienisch kann, ist das nicht immer ganz leicht gewesen. Meine zukünftigen Schwiegereltern leben in Neapel und so war es für Franco selbstverständlich, dass wir in seiner Heimatstadt heiraten würden. Meine Eltern waren sofort begeistert von der Idee. Sie fahren schon seit Jahren über die Wintermonate mit dem Wohnmobil in die Toskana, um dem tristen deutschen Regenwetter zu entkommen. Ich musste meiner restlichen Verwandtschaft allerdings versprechen, dass wir die Hochzeitsfeier im Sommer in Bremen nachfeiern. Meine Verwandten sind ein geselliges Völkchen, das jede offizielle Feier zum Anlass nimmt, um sich mal richtig auf Kosten der anderen zu vergnügen.

Morgen werden allerdings nur meine Eltern und Lisa aus Deutschland dabei sein. Die restlichen 150 Gäste sind alles Verwandte von Franco. Eine richtige italienische Großfamilie, zu der ich nun auch bald gehören werde. Eine völlig neue Erfahrung. Als Franco mich seinen Eltern im vergangenen Sommer das erste Mal vorgestellt hat, waren die völlig aus dem Häuschen. Eine tedesca – deutsche Frau – hat seine Mutter immer wieder gerufen und sich dabei die Haare gerauft. Ich fand das ein wenig beunruhigend, aber Franco meinte, das wäre absolut normal. In den Augen seiner Mutter ist nur eine waschechte Italienerin die richtige Frau für ihren Sohn. Aber ich glaube, mittlerweile habe ich sie von meinen Vorzügen überzeugen können.

Interessiert betrachte ich die vielen kleinen Stände, die rechts und links von mir entlang der engen Gasse aufgebaut sind. Die Rufe der Händler fliegen über unsere Köpfe hinweg, in der Hoffnung, potenzielle Kunden anzulocken. Die Auslagen sind üppig bestückt. Melonen so groß wie Fußbälle liegen hier neben goldgelben Pfirsichen, dunkelroten Tomaten und Bergen von Weintrauben. Es duftet nach frischen Kräutern und dem süßlichen Nektar der Früchte.

„Bella!“, spricht mich ein herausgeputzter älterer Händler an und reicht mir einen halben goldgelben Pfirsich zum Probieren. Ich beiße in das Fruchtfleisch und habe sofort den himmlischen Geschmack der reifen Frucht im Mund. Der klebrige, süße Saft läuft mir über die Lippen. Ich lache und lecke mir mit der Zunge darüber. Der Händler hält mir lockend eine Hand voll Pfirsiche unter die Nase. Ich lehne dankend ab und gehe weiter.

Italien ist so anders als Bremen. Hier pulsiert das Leben in den Straßen und die Menschen haben stets ein Lächeln auf dem Gesicht. Es wird laut miteinander diskutiert und gestikuliert. Trotzdem scheinen sich alle prächtig zu verstehen. Keiner nimmt die Dinge so ernst wie in Deutschland. Hier fahren Autos durch die Gegend, die bei uns schon lange auf dem Schrottplatz gelandet wären. Die Mülltonnen quellen über, aber das scheint niemanden hier zu stören. La dolce vita so weit das Auge reicht.

Ein Schwall Wasser ergießt sich direkt vor mir auf die Straße. Ich mache einen Satz zur Seite, um nicht nass zu werden, und schaue nach oben. Eine Frau mit rotem Gesicht steht auf dem kleinen Balkon und lächelt mich an. Anscheinend ist sie gerade dabei, die Wäsche aufzuhängen. Eine Leine ist vom Geländer bis zur gegenüberliegenden Seite gespannt und die Wäsche einer gesamten Familie baumelt so fröhlich über den Besuchern der Straße. Socken, Hosen, riesige Unterhosen (die zweifellos der Frau gehören), Hemden und Jeans. Es sieht aus wie in einem kitschigen Film – irgendwie schön.

Ich lasse mich von der Menge treiben, bis ich schließlich vor einem Laden mit Bademoden im Schaufenster stehe. Wunderbar! Ich habe mein Ziel erreicht. Interessiert schaue ich auf die Auslagen. Ein schwarzer Bikini mit Bändern, die über die Hüfte laufen, dessen Rückenteil ebenfalls mit Bändern versehen ist, die sich kreuzen, hat es mir angetan. Kurzentschlossen betrete ich den Laden.

Das Läuten einer Glocke kündigt mich an. Eine Frau mittleren Alters mit einem üppigen Ausschnitt kommt mit einem Lächeln auf mich zugelaufen. Der Laden ist relativ klein und mit ausgewählten Modellen der Sommersaison bestückt. Weiches Licht empfängt mich, gepaart mit einem Duft nach frischem Lavendel und Bergamotte. Ich fühle mich sofort wohl.

„Buongiorno Signora“, begrüßt mich die Frau freundlich. Sie hat ihre dunklen Haare zu einem Knoten toupiert und sieht aus wie die jüngere Ausgabe von Sophia Loren.

„Buongiorno“, grüße ich zurück. „Mi scusi io non parlo italiano.“ Das ist der einzige Satz, den ich flüssig auf Italienisch kann und er bedeutet, dass ich kein Italienisch spreche.

„Sono tedesco?“, fragt sie weiter.

Ich nicke. „Ja, ich bin Deutsche.“

„Isch sprecke nur ein wenig Deutsch.“

„Ihr Deutsch ist prima“, lobe ich die Verkäuferin.

„Danke. Wie kann isch helfe?“ Sie macht eine ausladende Bewegung mit den Armen.

„Ich würde gerne den schwarzen Bikini aus dem Schaufenster anprobieren“, sage ich und deute in die Richtung.

„Natürlisch!“ Sie nickt und geht an eines der Regale, um kurz darauf den Bikini hervorzuziehen. „Bitte schön.“ Sie führt mich zu der Umkleidekabine im hinteren Teil des Ladens. Ich ziehe mein weißes Kleid aus und werfe es über den Bügel, den die Verkäuferin bereitgelegt hat. Ich bin zugegebenermaßen etwas unordentlich veranlagt, was Franco manchmal zur Weißglut bringt. Aber das ist in meinen Genen verankert wie bei ihm das Pfeifen. Wenn ich zum Beispiel einen Koffer öffne, sieht es in dem Zimmer sofort aus, als ob eine Bombe explodiert ist.

Ich betrachte mich skeptisch im Spiegel, der Gott sei Dank nicht zu der Sorte Spiegel gehört, der einen spontan wie einen Hobbit aussehen lässt.

Meine langen blonden Haare fallen leicht zerzaust über meine Schultern. Die blauen Augen stechen hinter meinen dunklen Wimpern hervor und auf meine Wangenknochen hat sich eine leichte Röte gelegt, was von der Hitze kommt, die um die Mittagszeit herrscht, und hier in dem Laden sind gefühlte vierzig Grad.

Der Bikini sitzt wie angegossen und betont meine schlanken Beine. Das Oberteil umschließt meine Brust perfekt und lässt sie größer aussehen, als sie eigentlich ist. Gut so. Mit meiner knappen 75B kann ich ruhig ein paar Gramm mehr vertragen.

„Wie iiist die Bikini?“, ertönt es vor dem Vorhang.

Ich trete nach draußen. „Was meinen Sie?“ Ich drehe mich einmal um die eigene Achse.

„Madonna!“ Die Frau schlägt die Hände begeistert zusammen. „Sie sehe fantastisch aus.“

Ich lächele. „Danke. Ich bin auch ganz glücklich. Ich nehme den Bikini.“

Die Frau nickt und ich verschwinde wieder in der Umkleidekabine. Das ging wirklich schnell, freue ich mich. Normalerweise brauche ich Tage, um einen passenden Bikini zu finden. Franco rechnet bestimmt nicht vor dem späten Mittag mit meiner Rückkehr.

Ich trete nach draußen und reiche der Frau den Bikini.

„Das macht 89 Euro.“

Ich greife in meine Tasche, um meine Geldbörse herauszuholen. Wo ist sie nur? Ich stelle die Tasche auf den Tresen vor der Kasse und stecke meinen Kopf fast bis zur Nasenspitze hinein. Mist! Die Geldbörse ist verschwunden.

„Meine Geldbörse ist weg“, sage ich verzweifelt.

Die Frau runzelt die Stirn.

Ich leere die Tasche mit Schwung aus, um festzustellen, dass auch mein Handy verschwunden ist. Das ist ja eine schöne Bescherung. Franco hat mich vor Taschendieben gewarnt. Ich bin den Tränen nahe.

Die Frau legt mir beschwichtigend ihre Hand auf die Schulter. „Madonna, das tut mir leid. Isch lege die Bikini für Sie zurück.“

Ich nicke und schlucke die aufkommenden Tränen herunter. „Danke, ich komme, so schnell ich kann, wieder.“ Vielleicht habe ich meine Geldbörse und das Handy auch einfach im Hotelzimmer vergessen.

Ich verabschiede mich von der freundlichen Dame und haste los. Zum Glück hat Franco ein Hotel direkt am Hafen und nur wenige Fußminuten entfernt von der Altstadt gebucht.

Keine Viertelstunde später stehe ich völlig außer Atem vor dem Hoteleingang. Ich würdige den Concierge kaum eines Blickes, sondern stürme direkt zum Fahrstuhl.

Mit einem leisen „Pling“ öffnet sich die Tür im sechzehnten Stock. Wir haben die Honeymoon-Suite gebucht. Ein sündhaft teures Unterfangen, aber Franco hat es sich nicht nehmen lassen. Ich hatte allerdings ein wenig den Verdacht, dass er vor seinen Verwandten angeben wollte. Übermorgen brechen wir dann in unsere Flitterwochen an der Amalfiküste auf, dort haben wir ein Zimmer in einem netten, kleinen Hotel gebucht – keine Suite, aber dafür mit Blick auf das Meer. Ich kann es kaum noch abwarten, bis es endlich so weit ist. Vierundzwanzig Stunden noch – herrlich!

Wenigstens habe ich den Zimmerschlüssel dabei. Wobei Schlüssel ja eigentlich nicht mehr das richtige Wort ist, denn genau genommen handelt es sich um eine dieser neumodischen Zimmerkarten. Das grüne Licht blinkt, als ich die Karte dagegenhalte, und die Tür springt auf.

Das Erste, was ich höre, ist ein lautes Stöhnen, gefolgt von einem Geräusch, das sich genau so anhört, als ob zwei nackte Körper aufeinander klatschen. Instinktiv halte ich die Luft an. Mein Puls schnellt nach oben, wie bei einem Fieberthermometer, das man in kochendes Wasser hält. Ich habe einen spontanen Schweißausbruch. Für den Bruchteil einer Sekunde überlege ich, ob ich mich vielleicht in der falschen Suite befinde, aber dann fällt mein Blick auf meine Jacke, die über dem Stuhl neben dem Schreibtisch hängt, und ich weiß, ich bin richtig. Nur die Geräusche im Hintergrund passen so gar nicht dazu. Sieht sich Franco etwa heimlich einen Porno an?

Ich folge dem Geräusch ins Schlafzimmer. Als ich eintrete, sehe ich als Erstes einen nackten Po, der sich rhythmisch vor und zurück bewegt, begleitet von lautem Stöhnen, das sich anhört wie ein sterbender Hamster. Welcher normale Mensch gibt derart hohe Töne von sich beim Sex?

Anhand der Behaarung kann ich mit Sicherheit sagen, dass es sich um Francos Po handelt. Wer da unter ihm liegt, vermag ich nicht zu deuten, denn außer den roten Fußnägeln kann ich nichts Genaueres erkennen. Wobei mir die Farbe bekannt vorkommt. Für Sekunden stehe ich einfach nur da, während mein Hirn noch damit beschäftigt ist, die Bilder zu verarbeiten.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit suche ich nach einer logischen Erklärung. Vielleicht handelt es sich hierbei um einen schlechten Scherz der italienischen Verwandten und sobald ich etwas sage, fangen alle an zu lachen und darunter liegt eine vollbekleidete Cousine von Franco – wobei, der nackte Po spricht eindeutig dagegen und die Geräusche auch. Also schreite ich zur Tat.

„Franco!“, kreische ich mit Kettensägenstimme.

Sofort bricht das Stöhnen ab und Francos Kopf schnellt herum. Lippenstift ist über seinen Mund verschmiert wie bei einem Clown nach einer misslungenen Vorstellung. Seine sonst so sorgfältig mit Pomade in Form gebrachten Haare stehen zu allen Seiten ab und seine Brusthaare ringeln sich verschwitzt. Kein schöner Anblick, den ich mit aller Nüchternheit eines Betrachters wahrnehme und nicht mit dem Blickwinkel einer Geliebten. Erstaunlich, welche Tricks das Hirn einem spielt. Sonst finde ich seinen Anblick beim Sex erotisch – nun finde ich ihn eher abstoßend.

„Mia, was machst du denn hier?“ Wenn Franco aufgeregt ist, klingt immer sein italienischer Akzent durch, den ich normalerweise schrecklich süß finde. In diesem Moment finde ich ihn unerträglich.

„Das Gleiche wollte ich eigentlich dich fragen!“

Ein zweiter Kopf taucht auf und mir bleibt ein zweites Mal innerhalb von wenigen Minuten das Herz stehen.

„Lisa!“, sage ich ungläubig. Meine Freundin Lisa liegt mit rotem Kopf und definitiv nackt, denn ich kann ihre prallen Brüste sehen, unter meinem Verlobten.

„Mia. Bella!“ Franco wirft die Arme in die Luft. „Das ist nicht so, wie es aussieht.“ Er schaut mich mit seinen feuchtbraunen Augen an, die dafür verantwortlich sind, dass ich mich in ihn verliebt habe.

Ich komme mir vor wie in einem dieser schlechten Filme, die immer zur besten Sendezeit laufen, nur dass ich diesmal die Hauptperson bin.

„Sag mal, spinnst du jetzt völlig?“ Ich zittere am ganzen Körper und meine Augen schwimmen in Tränen.

Lisa sagt gar nichts, sondern zieht die Bettdecke hoch bis unter die Nase. Die Schlange! Als ob das jetzt noch etwas nützen würde. Franco scheint das auch so zu sehen, denn er macht sich gar nicht erst die Mühe, sein mittlerweile erschlafftes Gemächt zu bedecken. Wahrscheinlich sind das seine italienischen Macho-Gene, die da durchkommen.

„Isch liebe nur disch!“, beteuert das Schwein, das ich fast geheiratet hätte. Langsam löst sich meine Schockstarre und mit wenigen Schritten bin ich am Bett. Wenn schon Drama, dann will ich wenigstens auch meinen Anteil daran haben.

„Du bist das größte Arschloch, das mir jemals begegnet ist“, schreie ich. Einem Instinkt folgend, reiße ich meine Handtasche in die Höhe und ziehe Franco damit eins über den Kopf. Wumm! Franco geht zu Boden. Meine Handtasche ebenfalls. Eins zu null für mich. Bleibt nur noch Lisa!

„Und du altes Miststück. Ich habe dir vertraut!“ Diesmal benutze ich meine Hand und verpasse meiner besten Freundin – halt: Ex-besten–Freundin – eine schallende Ohrfeige. Als ich mich umdrehe, hat sie meinen feuerroten Handabdruck auf ihrer Wange. Ich kann nur hoffen, dass er nicht so schnell wieder verschwindet.

Ohne die beiden noch eines weiteren Blickes zu würdigen, gehe ich mit erhobenem Haupt aus dem Zimmer. Kaum, dass die Tür hinter mir ins Schloss gefallen ist, lasse ich meinen mühsam unterdrückten Gefühlen freien Lauf.

Blind vor Tränen stolpere ich in den Fahrstuhl. In der Lobby angekommen, gehe ich schnurstracks an die Hotelbar. Was ich jetzt brauche, ist Alkohol, und den am liebsten intravenös. Allerdings besteht die Gefahr, dass Franco mir hinterherläuft und mich hier findet. Deshalb fasse ich einen Plan.

„Eine Flasche von Ihrem besten Champagner, bitte“, bestelle ich schniefend bei dem Mann hinter der Bar. „Ohne Glas, zum Mitnehmen.“ Der Barmann sieht mich mit diesem Weiß-sie-was-sie-tut-Blick an, dann verschwindet er schulterzuckend. Ich schätze, der Mann hat schon schlimmeres Elend gesehen als meins.

Ich nehme auf einem der freien Barhocker an der Bar Platz. Ich unterdrücke ein lautes Schluchzen, immer noch darum bemüht, das zu verarbeiten, was sich eben in der Suite abgespielt hat. Ich meine, so etwas passiert in diesen dämlichen amerikanischen Soap-Operas, aber doch nicht im wahren Leben.

Jemand räuspert sich laut. Wer stört mich hier in meiner Trauer? Ich werfe einen Blick zur Seite. Neben mir sitzt ein grauhaariger Mann im Anzug. Er sieht mich mitleidig an.

„Liebeskummer?“ Er hat eine herrlich raue Stimme, wie sie nur Menschen zu eigen ist, die jahrelang geraucht und getrunken haben.

„Ja“, schluchze ich um Fassung ringend. „Mein Verlobter hat mich mit meiner besten Freundin betrogen – einen Tag vor meiner Hochzeit.“

„So ein mieses Schwein“, rutscht es dem Mann mit Inbrunst heraus.

„Sie sagen es“, nicke ich traurig.

„Eine Frau wie Sie sollte nicht wegen einem Mann traurig sein. Kein Mann auf der Welt ist es wert, dass Sie seinetwegen Tränen vergießen.“

„Aber Sie ... Sie sind doch auch ein Mann!“, schluchze ich.

„Das ist wohl wahr. Aber in meinem Alter hat man eben so seine Erfahrungen gemacht. Da spielt das Geschlecht keine so große Rolle mehr.“

Aha, denke ich.

Er reicht mir ein Stofftaschentuch, das er hinter seinem Rücken hervorzaubert. Dankend nehme ich es und schnäuze kräftig hinein.

„Hier.“ Ich reiche ihm das verrotzte Taschentuch.

„Behalten Sie es“, bittet er.

Mein Blick fällt auf das Monogramm, das dort aufgestickt ist.

„Aber das ist ein richtiges Stofftaschentuch“, beharre ich.

„Ich habe es extra gekauft, um damit hübschen Damen wie Ihnen aushelfen zu können.“

„Das ist süß von Ihnen“, lächele ich unter Tränen.

„Sie sind jung und schön. Die Männer laufen Ihnen mit Sicherheit scharenweise hinterher.“

„Aber nicht der Eine, den ich heiraten wollte“ schniefe ich.

Der Barmann kommt mit einer Flasche Champagner in der Hand zurück.

„Die Rechnung geht auf das Zimmer“, blinzele ich und stopfe das Taschentuch in den Ausschnitt meines BHs.

„Gut so!“, sagt der ältere Herr. „Und denken Sie an meine Worte. Die Liebe kommt, wenn man sie am wenigsten erwartet. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich war vierzig Jahre mit der Liebe meines Lebens verheiratet.“

„Ich werde daran denken“, versichere ich und rutsche vom Barhocker.

„Alles Gute und passen Sie auf sich auf“, verabschiedet sich der ältere Herr.

„Das werde ich tun“, lächele ich schwach.

Meine Beine zittern noch immer, als ich mit der Champagnerflasche bewaffnet aus dem Hotel schreite. Draußen schlagen mir der Straßenlärm und die Wärme entgegen. Überall Menschen! Ich muss hier weg. Weg von diesem Hotel. Weg von Lisa. Weg von Franco. Wild entschlossen gehe ich die Straße entlang, die zum Hafen führt.

 

 

2. Kapitel

 

Am Hafen angekommen, setze ich mich auf eine kleine Mauer und öffne die Champagnerflasche. Mit einem lauten Knall fliegt der Korken durch die Luft und landet vor mir im Wasser. Einige der Passanten sehen mich verwundert an. Sollen sie doch! Ich setze die Flasche an den Mund und trinke gierig. Sofort habe ich den süßlich-säuerlichen Geschmack auf der Zunge und der Champagner läuft mir prickelnd die Kehle hinunter. Ahhhh! Das tut gut! Wenn ich schon untergehe, dann mit Stil.

Ein Pärchen läuft händchenhaltend an mir vorbei. Sofort steigen mir wieder die Tränen in die Augen. Was Lisa und Franco wohl gerade machen? Denken sie an mich oder setzen sie fort, was ich unterbrochen habe?

Nicht darüber nachdenken, schimpfe ich im Geiste und nehme einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Der Champagner schmeckt wirklich köstlich.

Mein Blick gleitet über die Hafenmauer. Die Sonne hat den höchsten Punkt bereits überschritten und die Wasseroberfläche glitzert wie ein Diamantenteppich. Ein kleines Ausflugsboot, vollbesetzt mit Touristen, tuckert entlang der Küste. Möwen fliegen kreischend über meinen Kopf hinweg. Ich folge mit meinen Augen einer Gruppe Reisender, die auf ein großes Gebäude zu meiner Linken zugeht. Daneben liegt eines der großen Kreuzfahrtschiffe. Ich kneife meine Augen zusammen, um den Namen besser lesen zu können.

Sonnenglück.

Na, das klingt doch vielversprechend! Der Rumpf des Schiffes ist in einem leuchtenden Blau gestrichen. Der Rest des Schiffes erstrahlt in hellem Weiß. Ganz oben auf dem Deck kreist das Radar. Mit ihren unzähligen Fenstern und ihrer beeindruckenden Höhe wirkt die Sonnenglück fast wie ein schwimmender Bienenstock.

Kreuzfahrten sind ja in den letzten Jahren mächtig in Mode gekommen. In meiner Jugend wurden solche Reisen hauptsächlich von älteren Menschen gebucht. Heutzutage ist es ein Vergnügen, dem auch das jüngere Publikum etwas abgewinnen kann. Selbst in meinem Bekanntenkreis waren schon zwei Pärchen auf einer Kreuzfahrt und sind total begeistert wiedergekommen.

Mich hat eine Seereise nie gereizt, obwohl ich am Meer groß geworden bin. Genauso verhält es sich bei mir mit Flugreisen. Ich bin in meinem Leben genau ein Mal geflogen und ich muss sagen, es war kein Erlebnis an das ich gerne zurückdenke. Bei jedem Hüpfer, den das Flugzeug gemacht hat, hatte ich Angst mich zu übergeben. Deshalb sind Franco und ich ja auch mit dem Auto statt mit dem Flugzeug nach Neapel gereist.

Bei dem Gedanken an Franco zieht sich mein Magen zusammen und ich habe sofort einen Kloß im Hals.

Hastig trinke ich einen Schluck Champagner, in der Hoffnung, meinen Kummer damit herunterzuspülen. Leider ohne Erfolg, denn schon wieder kullert mir eine Träne über die Wange und tropft auf den Boden. Ich weine leise vor mich hin, die Augen auf das glitzernde Wasser gerichtet. Mein Herz ist gebrochen und mein Glaube an die Liebe ist auf ewig verloren gegangen. Nie mehr werde ich einem Mann vertrauen können.

Am liebsten würde ich diesem Scheißkerl meine Meinung sagen, aber leider habe ich mein Handy in der Suite gelassen, ebenso meine Handtasche mit dem Geld. Egal! Jetzt habe ich ja erst einmal Champagner. Apropos ...

Ich nehme mehrere Schlückchen. Für gewöhnlich trinke ich nicht viel Alkohol. Mal ein Gläschen Wein oder Sekt in Gesellschaft. Oder zusammen mit Lisa, wenn es etwas zu feiern gibt, wie zum Beispiel meine Verlobung mit Franco. Wenn ich daran denke, wird mir ganz schlecht. Ob sie und Franco damals auch schon eine Affäre miteinander hatten?

Niemals hätte ich gedacht, dass Lisa mich derart hintergehen würde. Schließlich kennen wir uns seit unserer Schulzeit. Wir waren damals beide in Lennard Strauss verliebt. Lennard war zwei Stufen über uns und der Schwarm aller Mädchen. Ich habe damals zugunsten von Lisa auf ein Date mit Lennard verzichtet. Auch später, in der Oberstufe, war ich Lisa nicht böse, als sie sich hinter meinem Rücken mit meinem damaligen Freund verabredet hat. Angeblich, um Mathenachhilfestunden zu nehmen. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das richtig war. Ich habe ihr eben vertraut!

Die Flasche ist mittlerweile halb leer. Mir ist leicht schwindelig und ich fühle mich angenehm beschwingt. Eine Gruppe Matrosen in ihren Ausgehuniformen geht pfeifend an mir vorbei.

„Bella!“ Einer der Matrosen wirft mir einen Kuss zu. Merken die denn nicht, dass ich mich gerade in einer schrecklichen Trauerphase befinde? Demonstrativ wende ich den Kopf zur Seite. Von Männern habe ich erst einmal die Schnauze voll. Als ich meinen Blick wieder nach vorne richte, sind die Matrosen weitergezogen.

 

 

Die Sonne ist schon zu einem Drittel hinter dem Horizont verschwunden und das Meer sieht aus, als würde es glühen. Rechts von mir liegt die alte Festung, die ihre langen Schatten auf den Parkplatz wirft, wo die Autos der Touristen stehen. Ich sehe, wie einige Reisende beladen mit Taschen die Gangway zur Sonnenglück hochgehen. Am Pier geht ein Mann vor seinern zwei Kindern auf die Knie und deutet auf die roten Rettungsboote des Kreuzfahrtschiffes. Bei dem Anblick der Kinder muss ich sofort wieder an Franco denken. Wie oft habe ich mir in den letzten Monaten ausgemalt, wie unser Kind aussehen würde. Franco hat sich natürlich einen kleinen Jungen gewünscht. Ich hätte gerne ein Mädchen gehabt, mit langen braunen Haaren und diesen wunderschönen braunen Augen, wie ihr Vater sie hat. Ich seufze schwermütig.

Daraus wird ja nun auch nichts. Frustriert trinke ich aus der Flasche, bis sie leer in meiner Hand liegt. Puh, mir ist ganz schön schwindelig und trotz der kühlen Abendluft ist mir warm. Ich rutsche von der Hafenmauer und gehe ein paar Schritte.

Ups! Der Boden schwankt unter meinen Füßen und ich habe leichte Probleme, mich auf den Beinen zu halten. Ein wenig unsicher gehe ich den kleinen Weg entlang des Piers und sehe dabei zu, wie die Sonne langsam im Meer versinkt. Leider passe ich für einen Moment nicht auf und stolpere über eine versteckte Bodenschwelle. Ich verliere das Gleichgewicht und rudere hektisch mit den Armen in der Luft. Genau in dem Moment, wo ich endgültig mein Gleichgewicht verliere, packen mich zwei muskulöse Arme und bewahren mich davor, dass ich kopfüber zu Boden gehe.

„Hoppla!“, ruft eine melodische Männerstimme. „Nicht so stürmisch.“

Ich bin verwirrt. Langsam drehe ich meinen Kopf zur Seite und sehe geradewegs in ein Paar tiefblauer Augen. Wo kommen die denn jetzt her? Mein Gesichtsausdruck ist bestimmt ziemlich dämlich, wie ich dem frechen Grinsen meines Gegenübers entnehme.

„’Tschuldigung“, murmele ich verlegen. „Ich bin gestolpert.“ In meinem Kopf klingt alles ganz flüssig, aber tatsächlich habe ich leichte Probleme, die Worte zu artikulieren. Als ob er das nicht schon wüsste! Wenn ich so weitermache, hält er mich für total bekloppt.

„Das habe ich gesehen“, grinst er wie zum Beweis.

„Sie können mich jetzt loslassen“, brumme ich.

„Ganz wie Sie wollen“, antwortet der Mann und lässt mich unverzüglich los. Schwankend rutsche ich aus seinen Armen.

„Ups!“ Mühsam rappele ich mich auf. Mein weißes Kleid hat bei der Aktion etwas gelitten. Jedenfalls entdecke ich mehrere hässliche Flecken darauf.

„Wohl ein bisschen zu tief ins Glas geschaut“, lächelt der Mann und mustert mich mit seinen Kristallaugen, als würde es sich dabei um einen Lügendetektor handeln.

„Nicht tief genug“, antworte ich und sehe mir mein Gegenüber mal genauer an. Mein Retter ist ein Prachtexemplar von Mann. Groß, breitschultrig, mit schmalen Hüften und langen Beinen. Er steckt in einer weißen Uniform, wie sie die Offiziere in der Serie „Traumschiff“ immer tragen. Seine braunen Haare sind kurzgeschnitten und betonen sein markantes Gesicht. Dazu trägt er eine weiße Mütze, die mit einer goldenen Kordel verziert ist. Sehr schneidig, das muss ich schon sagen. Er hat ein absolut sympathisches Lächeln und mein geschundenes Herz macht einen freudigen Hüpfer.

„Wohl einen schlechten Tag gehabt?“

„Sssie haben ja keine Vorschtellung, wie schlecht“, nuschele ich und kämpfe mit den aufkommenden Tränen. Meine Zunge fühlt sich seltsam schwer an.

Er sieht mich nachdenklich an. „Haben Sie jemanden, der Sie abholen oder nach Hause bringen kann?“

„Ich habe kein Zuhause“, sage ich trübsinnig.

„Aber Sie müssen doch irgendjemanden hier kennen!“

„Nein! Ich bin ganz allein. Meine beste Freundin liegt nämlich gerade mit meinem Verlobten im Bett.“ Ich schlucke hart.

„Autsch!“ Er verzieht mitleidig das Gesicht.

„Sie sagen es.“

„Ihr Verlobter muss ein ziemlicher Idiot sein, wenn er eine hübsche Frau, wie Sie es sind, betrügt.“ Mit seinem Lächeln könnte er Steine erweichen, so viel ist sicher.

„Das sieht er anscheinend anders“, schniefe ich.

„Wissen Sie was?“ Er kratzt sich am Kinn. „Ich wollte gerade in eine Bar gehen, ein Gläschen trinken. Hätten Sie Lust, mich zu begleiten?“

Jetzt heißt es aufpassen! Männer gehen nämlich für gewöhnlich lieber mit ihresgleichen Alkohol trinken, damit sie sich im angetrunkenen Zustand ungehemmt miteinander austauschen können. Männer unter sich sozusagen. Wenn ein Mann mit einer Frau trinkt, dann nur mit dem Hintergedanken, sie später flachzulegen.

„Ich weiß nicht“, zögere ich. Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist ein Mann in meinem Bett. Ich werde mich nie wieder auf einen Mann einlassen können. Mein Herz und mein Glaube an die Liebe sind für immer verloren. Ach, was soll‘s!

„Kommen Sie. Ich hatte auch einen Scheißtag und würde mich über ein bisschen Gesellschaft freuen. Geteiltes Leid ist halbes Leid“, baggert mein attraktives Gegenüber weiter und klingt fast wie ein echter Frauenversteher.

Wo der Mann recht hat, hat er recht.

„Einverstanden“, sage ich. „Allerdings gibt es da einen klitzekleinen Haken ...“

„Und der wäre?“ Seine Mundwinkel zucken verdächtig.

„Ich habe kein Geld. Liegt alles im Hotelzimmer ...“ Ich zucke mit den Schultern. „... zusammen mit meinem Ex und meiner Freundin.“

„Kein Thema. Sie sind hiermit herzlich eingeladen“, sagt der Blaue-Augen-Mann ritterlich.

„Also, wenn das so ist.“ Ich ringe mir ein Lächeln ab. „Gerne!“

„Prima!“, nickt mein Gegenüber. „Gleich um die Ecke ist eine absolut gemütliche Kneipe, die nur wenige kennen. Wenn Sie möchten, führe ich Sie dorthin.“

„Vorher müssen Sie mir allerdings Ihren Namen verraten“, kichere ich und wedele mit dem Zeigefinger in der Luft. „Meine Mutter hat mir beigebracht, dass ich nicht mit fremden Männern mitgehen soll.“ Da hat sich doch glatt ein kleiner S-Fehler in meine Aussprache geschlichen, der mir nur zu eigen ist, wenn ich zu viel getrunken habe.

„Aber natürlich.“ Er macht eine galante Verbeugung. „Darf ich mich vorstellen: Thorsten Münzer.“

„Ich bin Mia.“ Ich reiche ihm huldvoll die Hand. „Mia Sophie Reichert.“

„Sehr erfreut, Mia“, zwinkert Thorsten vergnügt. „Was hältst du davon, wenn ich mich bei dir unterhake, damit du nicht wieder hinfällst?“

„Klingt absolut traumhaft“, giggele ich. Vergessen sind die Tränen. Wenn Franco seinen Spaß mit Lisa hat, dann werde ich doch wohl ein Schlückchen mit diesem Modelmann trinken dürfen. Das nennt man ausgleichende Gerechtigkeit!

Als wir die Straße entlanggehen, komme ich mir ein bisschen vor wie in dem Film „Ein Offizier und Gentleman“ mit Richard Gere und Debra Winger. So eine Uniform hat schon was! Wenn er mich jetzt auf den Arm nimmt und über die Schwelle der Kneipe trägt, dann wäre mein Glück perfekt.

Es dauert keine zehn Minuten und wir bleiben vor einem alten Steinhaus stehen, über dessen Tür ein altes Holzschild hängt, auf dem die Schrift bereits abblättert.

Bar Mama Teresa entziffere ich und sehe Thorsten verwundert an.

„Die Kneipe ist schon seit Jahrzehnten die Anlaufstelle für Seefahrer aus aller Welt, die mit ihren Schiffen in Neapel vor Anker liegen.“ Er schmunzelt. „Die Frau ist eine Heilige unter uns Seeleuten.“

„Aha!“, sage ich.

„Ja. Warte, bis du sie gesehen hast.“

Er stößt die Tür auf und wir treten ein. Die Luft in der Bar ist zum Schneiden dick und alkoholgeschwängert. Aus einer Jukebox dröhnt laute Partymusik und einige Paare tanzen auf der winzig kleinen Tanzfläche im hinteren Teil des Raumes. Die Einrichtung ist einfach rustikal. Ein alter Tresen aus Holz bildet den Mittelpunkt der Bar. Dahinter wirbelt eine dickliche Matrone mit tiefschwarzen Haaren geschickt mit den Gläsern. Als sie Thorsten sieht, leuchten ihre braunen Augen wie kleine Kohlestücke. Sie reißt ihre Arme in die Höhe, die die Ausmaße meiner Oberschenkel haben.

„Thorrrsten!“, schallt es wie ein Schlachtruf durch den Raum und für einen Moment stellen alle Anwesenden ihre Gespräche ein. Mit einer Geschwindigkeit, die ich ihr niemals zugetraut hätte, kommt die Matrone auf uns zugelaufen und drückt Thorsten an sich. Der versinkt fast bis zu den Ohren zwischen ihren mütterlichen Brüsten.

Nachdem sie Thorsten ausgiebig geküsst hat – der arme Kerl hat überall im Gesicht roten Lippenstift –, wendet sie sich mir zu. Ich bete im Stillen, dass sie nicht anfängt, mich zu küssen. Gott sei Dank bleibe ich verschont. Stattdessen schlägt sie die Hände in der Luft zusammen.

„Que bella Donna! Da hast du diesmal aber einen echten Fang gemacht“, grinst sie Thorsten breit an. Ich finde, Mama Teresa sieht aus wie ein lebendes Marzipanschweinchen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, Spuren eines leichten Bartwuchses in ihrem Gesicht zu entdecken.

Ich lächele geschmeichelt.

„Was wollt ihr trinken?“, fragt sie mit rauchiger Stimme und einem Augenaufschlag, der selbst meine Knie weich werden lässt.

Thorsten sieht mich fragend an.

„Ich hätte gerne einen Weißwein.“ In meinem Kopf haben die Worte flüssiger geklungen, als sie sich wirklich anhören.

„Bueno!“, nickt Mama Teresa und rauscht los. Thorsten gibt mir ein Zeichen, ihr zu folgen.

„Ist die Frau immer so ... direkt?“, frage ich.

„Genau so!“ Ein Lächeln huscht über Thorstens hübsches Gesicht. Mama Teresa führt uns zu zwei freien Barhockern direkt neben dem Tresen. Ich bin froh, als ich endlich sitze. Meine Füße fühlen sich an, als wären sie auf die doppelte Größe angeschwollen.

Mit einem Knall stellt Mama Teresa vor uns zwei Gläser und eine Karaffe Wein auf den Tresen.

„Auf einen schönen Abend“, sagt Thorsten und wir prosten uns zu.

Gierig trinke ich aus dem Glas. Der Wein ist herrlich kühl und fruchtig. Genau nach meinem Geschmack.

„Da hat aber jemand Durst“, kommentiert Thorsten.

„Absolut!“

„Soll ich dir vielleicht ein Wasser dazu bestellen?“

„Auf keinen Fall, das würde mich um Stunden zurückwerfen“, kichere ich hysterisch. Mein Blick fällt auf den Spiegel, der sich hinter der Bar befindet. Oh Gott! Erschrocken zucke ich zusammen, als ich mein Gesicht darin erblicke. Meine Haare sind vom Wind zerzaust, ich habe eine Nase so groß wie eine Kartoffel und meine Augen erinnern an ein Pandabärchen. Ich muss dringend auf die Toilette, um zu retten, was noch zu retten ist.

„Entschuldige mich bitte kurz“, nuschele ich und rutsche sogleich vom Hocker. Ich schlängele mich durch die Reihen der Seemänner. Lauter wettergegerbte Männergesichter, die mein verheultes Äußeres nicht zu stören scheint, denn sie lächeln mich fröhlich an.

Ich bin froh, als ich endlich die kleine Toilette erreicht habe. Im grellen Neonlicht sieht mein Gesicht noch schlimmer aus als in der Bar. Meine Haut ist vom Weinen rotfleckig.